Ich Folge Dir - Robert Witte - E-Book

Ich Folge Dir E-Book

Robert Witte

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Beschreibung

14612. Als die junge Kommissarin Ellie Seidel die blutverschmierte Zahlenfolge auf der grausam zugerichteten Leiche sieht, ahnt sie noch nichts von der Welle der Gewalt, die bald über sie hereinbrechen wird. Wofür stehen die Zahlen? Wieso wurden dem Opfer die Augäpfel entfernt? Und welche Bedeutung hat das Herz-Symbol, das der Täter am Tatort hinterlassen hat? Nur wenige Stunden später taucht ein Video des Mordes auf dem Instagram-Profil des Opfers auf und schnell wird klar: das Töten ist nur der Prolog eines wahnwitzigen Plans. Schon bald wird die Jagd nach dem Killer zu einem Kampf gegen die ungeschriebenen Gesetze der Sozialen Medien. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, bis Ellie erkennen muss, dass die Uhr in Wahrheit nur für sie tickt.

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Seitenzahl: 391

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Der Autor

Robert Witte, im deutschen Umbruchsjahr 1989 geboren, beginnt bereits in jungen Jahren, erste kleine Geschichten zu schreiben. Nach seinem Studienabschluss 2018 an der Universität Potsdam arbeitet er als Lehrer für die Fächer Englisch und Geschichte.

2021 erscheint sein erstes Sachbuch, ein erfolgreicher Ratgeber rund um das Thema Vintage-Rennräder, doch parallel entstehen bereits die ersten Zeilen von „Ich Folge Dir“. Als Ehemann einer erfolgreichen deutschen Influencerin kennt er die Licht- und Schattenseiten einer Karriere in den sozialen Netzwerken, weshalb sein blutiges Thriller-Debüt nicht ohne Grund in die Abgründe der Social Media Glitzerwelt eintaucht.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Kapitel 83

Kapitel 84

Kapitel 85

Kapitel 86

Kapitel 87

Kapitel 88

Kapitel 89

Kapitel 90

Kapitel 91

Kapitel 92

Kapitel 93

1

Er lauerte. Wartete geduldig. Er konnte nicht sagen, wie lange er bereits gewartet hatte. Es spielte auch keine Rolle. Wichtig war nur, dass er nun endlich da war; der entscheidende Moment. Der Augenblick, in dem er aus dem Schutz der unsichtbaren Masse hervorbrechen würde wie eine hungrige Bestie aus den Tiefen des Dschungels.

Der Moment kam immer. Auch bei ihr.

Ein Gefühl der Erregung durchflutete seinen Körper, als er das Textfenster öffnete und langsam zu tippen begann.

„Hey. Tolles Foto. Mehr davon.“

Wenige Buchstaben nur, und doch so eine unerklärliche Anziehungskraft, die von ihnen ausgingen. Er musste an eine Spinne in ihrem Netz denken. Ein Netz aus sanften Komplimenten, zusammengehalten vom Drang nach Bestätigung des unwissenden Opfers. Die Vorstellung erregte ihn nur noch mehr.

Eine neue Nachricht riss ihn aus seinen Gedanken:

„Vielen Dank. Folgst du mir schon länger?“

Er musste lächeln. Wie hätte sie auch ahnen können, welch bittersüße Ironie in ihrer Frage lag. Schade, dass sie es erst verstehen würde, wenn es bereits zu spät war…

2

Es konnte nichts Gutes bedeuten. Wie auch? Niemand wird am ersten Tag in das Büro des Chefs gerufen. Niemand. Und dennoch konnte sich Ellie an nichts erinnern, das man ihr hätte vorwerfen können. Je länger sie darüber nachdachte, desto unsicherer wurde sie. Hatte sie einen Fehler gemacht?

Vorsichtig, ungewohnt zaghaft, klopfte sie an die Tür des leitenden Kriminaldirektors Weinreich und hielt instinktiv die Luft an, als ein dumpfes „Herein“ durch das dünne Holz drang.

Kaum dass sie die Tür geöffnet hatte, wusste sie, dass es hier nicht um einen Fehler gehen konnte.

„Ah. Seidel. Gut, dass sie da sind.“ Weinreich saß lächelnd hinter seinem Schreibtisch, der unter der Last von unzähligen Akten und Ordnern durchzuhängen schien. Die massige Gestalt des Kriminaldirektors ließ den Rest des Raumes unnatürlich klein erscheinen.

„Guten Morgen, Herr Direktor.“ Ellie überlegte kurz, ob sie sich setzen sollte, entschied sich aber vorsichtshalber stehen zu bleiben. „Sie wollten mich sprechen?“

„Nur nicht so förmlich, Kollegin. Ich leite hier ja keinen Zirkus. Auch wenn sie schnell feststellen werden, dass die Unterschiede gar nicht so groß sind.“ Seinen Worten folgte ein tiefes dröhnendes Lachen und Ellie wusste nicht, ob sie mitlachen sollte. Sie rang sich zu einem unsicheren Lächeln durch. Sein Handzeichen in Richtung des verschlissenen Sessels rechts neben der Tür deutete sie jedoch als Aufforderung, sich zu setzen. Noch immer ein verkrampftes Lächeln auf den Lippen nahm sie zögerlich Platz.

„Nun, zuerst einmal ‚Willkommen im Team. Ich hoffe, sie werden sich bei uns schnell einfinden. Ihr guter Ruf eilt ihnen jedenfalls voraus. In ganz Berlin gibt es keinen Clan, dem sie noch nicht auf die Füße getreten sind, sagt man. Wobei ich finde, dass es nicht darauf ankommt, wie oft man zutritt, sondern mit wie viel Kraft.“ Erneut hallte sein Gelächter durch den Raum und Ellie überlegte fieberhaft, welcher Kollege aus ihrem alten Dezernat so eine plumpe Beschreibung von ihr abgeben würde. Ihr fiel niemand ein. Erst seit einer Woche war ihr lang ersehnter Wechsel vom Dezernat 41, der Abteilung für Bandenkriminalität zum Dezernat 11 des LKA offiziell. Seit sieben Tagen fieberte sie ihrem ersten Tag bei einer der acht Berliner Mordkommissionen entgegen und jetzt stand sie hier, unsicher wie bei ihrem Gedichtvortrag damals in der sechsten Klasse. Nie würde sie vergessen, wie die Angst vor dem Versagen wie eine dunkle Flutwelle über sie hereingebrochen war, wie die erwartungsvollen Blicke der anderen Kinder sich, unsichtbaren Händen gleich, auf ihre Lippen gelegt hatten und wie sie schweigend aus dem Raum gerannt war. Ihr Lehrer war ihr gefolgt. Zum Glück, denn seine Worte hatten sich bis zum heutigen Tage in ihr Gedächtnis eingebrannt.

„Wer seine eigene Größe unterschätzt, wird nie über sich hinauswachsen können.“ Damals hatte sie überhaupt nicht verstanden, was ihre 1,47m mit ihrer Übelkeit und den zittrigen Knien zu tun hatten, zumal sie sich immer, wenn ihr Vater sie am Türrahmen maß, heimlich ganz leicht auf ihre Zehenspitzen gestellt hatte. Die Stimme des Lehrers hatte jedoch einen so sanften und beruhigenden Ton, dass sie einmal tief Luft holte, sich die Tränen weg wischte und zurück ins Klassenzimmer ging, nur um dort fehlerfrei Zeile für Zeile vorzutragen. Erst viel später hatte sie begriffen, wie wichtig dieser Tag für ihr weiteres Leben gewesen war. Seitdem hatte sie nie wieder eine Gelegenheit ausgelassen, ihre Größe unter Beweis zu stellen. So stand sie nun hier, schluckte ihre Unsicherheit herunter und wartete, dass Weinreich endlich aufhörte, über seine eigenen Witze zu lachen.

„So. Schluss mit den Scherzen. Ich habe sie herbestellt, weil ich einen Fall für sie habe. Heute Morgen wurde die Leiche einer 19-jährigen Frau im Tropenhaus des Botanischen Gartens in Steglitz gefunden. Ich möchte, dass sie die Ermittlungen leiten. Sehen sie es als Bewährungsprobe. Da es ihr erster Fall bei uns ist, stelle ich ihnen zusätzlich Kollege Hasselberger zur Seite. Er ist bereits informiert.“

„Der Hassler?“ platzte es aus ihr heraus, bevor sie über ihre Worte nachdenken konnte. Verlegen biss sie sich auf die Lippe, doch es war bereits zu spät. Weinreichs Miene verfinsterte sich schlagartig und von dem eben noch heiteren Tonfall blieb nur das Echo seines Lachens in ihrem Kopf, das plötzlich bedrohlich zu klingen schien. „Ich denke, sie täten in ihrer Position gut daran, einem ranghöheren Kollegen mit dem nötigen Respekt zu begegnen. Kriminalhauptkommissar Hasselberger hat eine schwere Zeit hinter sich. Und trotzdem werden sie im Dezernat keinen besseren Ermittler finden.“

„Es tut mir…“

„Sparen sie es sich und machen sie sich an die Arbeit.“

„Jawohl, Herr Direktor.“

Ellie war bereits halb zur Tür hinaus.

„Ach und Seidel, versauen sie es nicht. Ich möchte meine Entscheidung nicht bereuen müssen. Ein guter Ruf allein wird hier nicht reichen.“

3

Nicht, dass Ellie etwas anderes erwartet hatte, doch die gnadenlose Einsilbigkeit ihres neuen Partners war noch beeindruckender als die Erzählungen der Kollegen es hätten vermuten lassen. Sie hatte sich ihm freundlich vorgestellt und zumindest so getan, als würde sie sich auf die Zusammenarbeit freuen. Er machte sich nicht einmal diese kleine Mühe und quittierte ihren Versuch der Kommunikation mit dem Ansatz eines Nickens. Vielleicht hatte sie sich selbst auch das nur eingebildet.

Die dreißig Minuten Fahrt von der Dienststelle zum Botanischen Garten im Südwesten der Stadt kamen ihr wie eine Ewigkeit vor. Als würde man in der Ringbahn neben einer fremden Person sitzen, die zufällig dasselbe Fahrtziel teilte. Nur dass die Szenerie statt von Straßenmusikern von austauschbaren Popsongs aus dem Autoradio untermalt wurde. Ellie hätte die Musik gern ausgeschaltet, um in Ruhe nachzudenken, befürchtete jedoch, dass jede Veränderung des Status Quo die friedliche Koexistenz im Innenraum des Wagens gefährden könnte.

Noch immer ärgerte sie sich über ihren unbedachten Kommentar in Weinreichs Büro. Jeder kannte den Spitznamen ihres neuen Partners. Eine Anspielung an das englische Wort „Hustler“. Von Alkoholsucht und Schulden war die Rede. Es gab wohl sogar Stimmen, die ihn auf der falschen Seite des Gesetzes vermuteten. Beweise gab es hierfür natürlich keine, die Gerüchte hielten sich jedoch hartnäckig. Seine abweisende und kauzige Art tat ihr übriges.

Das große Haupttor der beliebten Gartenanlage stand offen und Ellie lenkte den Wagen hindurch in Richtung der weithin sichtbaren gläsernen Tropenhäuser. Das hektische Treiben auf dem Vorplatz bescherte ihr einen kurzen ungewohnten Anflug von Nervosität. Nichts konnte den Frieden eines Ortes schneller ruinieren als ein Haufen Kriminaltechniker in weißen Schutzanzügen.

„Was wissen wir über das Opfer?“

Die Frage traf sie so unerwartet, dass Ellie kurz überlegte, ob ihr Verstand ihr einen Streich spielte. Die fragend hochgezogene Augenbraue des Mannes auf dem Beifahrersitz überzeugte sie vom Gegenteil.

„Eine junge Frau. Mehr weiß ich leider auch noch nicht.“

„Ok. Dann bleibe ich im Wagen.“

„Was soll das heißen, Sie bleiben im Wagen?“

„Spreche ich so undeutlich? Das heißt, ich bleibe hier im klimatisierten Wagen auf diesem herrlich bequemen Kunstledersitz sitzen und Sie sehen sich den Tatort an. Ganz einfach“

„Vielleicht sind Sie, was Kommunikation betrifft, ein wenig aus der Übung, aber ich verstehe trotzdem nicht, wieso Sie als Ermittler an einem Tatort im Wagen warten wollen."

„Scheiße nochmal! Also Regel Nummer Eins: Meine Entscheidungen sind ganz allein meine Sache. Und wenn Sie mit dem Fall jetzt schon überfordert sind und für alles einen Babysitter brauchen, dann sind Sie hier vielleicht doch falsch.“

Ellie spürte, wie die Wut in ihr hochkochte. Aus der Magengegend bahnte sie sich ihren Weg nach oben. Kurz bevor sie als Antwort über ihre Lippen hinaus schwappte, öffnete sie die Wagentür und stieg ins Freie. Nur um sich im letzten Moment doch noch einmal umzudrehen.

„Schade, dass es bei Ihnen nur noch zum Babysitter reicht. Ein guter Ermittler wäre mir als Partner lieber gewesen.“

Sie hasste und liebte es gleichermaßen, das letzte Wort zu haben. Während sie auf das gläserne Gebäude zustapfte, bereute sie ihren kleinen Ausbruch und die fehlende Selbstbeherrschung jedoch. Es würde die Zusammenarbeit mit Hassler nicht einfacher machen. Trotzdem, eine Erklärung für sein komisches Verhalten wäre ja wohl nicht zu viel verlangt gewesen.

Sie zeigte dem sichtbar nervösen Beamten am Eingang ihren Dienstausweis und betrat das Gewächshaus.

4

Ein Schwall warmer, feuchter Luft prallte ihr entgegen und raubte ihr für einen kurzen Moment den Atem. Obwohl sich das Wetter für Mitte März ungewöhnlich warm und sonnig zeigte, war das künstliche Klima im Inneren der Gewächshäuser ein kleiner Schock.

Das wiederkehrende Geräusch eines Kamerablitzes leitete ihr den Weg tiefer hinein in diese botanische Wunderwelt, vorbei an riesigen Bananenstauden und Palmen.

Sie war als Kind einige Male mit ihren Eltern hier gewesen und erinnerte sich gut an die Faszination dieses Ortes. In ihrer Fantasie wurde er damals zu einem Dschungel voller Gefahren und exotischer Tiere, die sich zwischen den Pflanzen versteckten.

Heute war die Magie verflogen. Eine bedrückende Stimmung hatte sich über die Szenerie gelegt und die Tatsache, dass hier tatsächlich eine tödliche Gefahr auf jemanden gelauert hatte, gab ihrem plötzlichen Hang zur Nostalgie einen faden Beigeschmack.

Im nördlichen Teil des Gewächshauskomplexes wartete bereits ein Mitarbeiter des Erkennungsdienstes. Der Blitz der Kamera tauchte die urwaldartige Umgebung immer wieder in gleißendes Licht, weshalb er in seinem strahlend weißen Anzug aussah, wie eine Figur aus einem Science-Fiction Film.

„Ah guten Morgen, Oberkommissarin Seidel. Ihr erster richtig? Und dann gleich sowas. Junge junge. Erlebt man auch nicht alle Tage, wa? Ja, also vielleicht gehen sie besser nicht weiter. Ich kann Ihnen auch so alles Wichtige berichten.“

Dies war bereits das dritte Mal an diesem Tag, dass man offen an ihr zweifelte. Sie schaute dem Techniker tief in die Augen, wobei sie versuchte so viel Entschlossenheit und Härte in ihren Blick zu legen, wie möglich und schob sich kommentarlos an ihm vorbei. Im nächsten Augenblick bereute sie diese Entscheidung bereits, versuchte sich jedoch nichts anmerken zu lassen. Das Bild, das sich ihr bot, würde sie nie wieder loswerden.

Der nackte leblose Körper lehnte an einem der großen Kakteen im Raum, den rechten Arm über den Kopf hinweg um den Stamm der Pflanze gelegt und das linke Bein leicht angewinkelt - beinahe wie auf einem Urlaubsfoto. Die zentimeterlangen Dornen hielten die Leiche in ihrer Pose. Das geronnene Blut an den Einstichstellen zeugte von der Rücksichtslosigkeit, mit welcher die Körperteile auf den Kaktus gepresst wurden. Die Inszenierung hatte etwas verstörend Anmutiges und beinahe Schönes, wäre da nicht dieses eine Detail, welches in Ellie ein Anflug von Panik aufkommen ließ. So sehr sie es versuchte, konnte sie den Blick nicht vom Gesicht des Opfers abwenden. Wo eigentlich ein Paar lebloser Augen hätte sein müssen, klafften zwei blutig fleischige Löcher.

„Was haben wir?“ Kaum hatte sie die Frage gestellt, ärgerte sie sich über die klischeehafte Wortwahl. Sie hatte bei ihrer ersten Mordermittlung unbedingt vermeiden wollen, wie eine billige Krimi-Figur aus dem Fernsehen zu klingen. Der Kriminaltechniker schien zum Glück völlig unbeeindruckt.

„Eine der Gärtnerinnen hat die Leiche heute Morgen entdeckt. Laut der Ausweise im Portemonnaie heißt das Opfer Annika Scheffler, neunzehn Jahre, Studentin aus Friedrichshain.“

„Todeszeitpunkt? Und habt ihr schon was zur Ursache?“

„Das Klima hier drin hat die Totenstarre beschleunigt, aber anhand der Totenflecke erfolgte der Tod zwischen Mitternacht und zwei Uhr, vermutlich hervorgerufen durch mehrere Stiche mit einem scharfkantigen Gegenstand in den Unterleib und den daraus resultierten Blutverlust. Genaueres wird die Obduktion ergeben müssen.“

Erst jetzt fielen Ellie die massiven Verletzungen am Körper der Frau auf. „Ein Messer?“

„Unwahrscheinlich. Dafür scheinen die Wundränder zu grob.“

Ellie zwang sich, ein weiteres Mal hinzusehen. Für einen kurzen Moment hatte sie das Gefühl, als wäre eine Logik hinter dem Verlauf der braunen, fast schwarzen Blutspuren auf dem Bauch der Leiche. Irgendetwas schien nicht ins Bild zu passen. Ein weiterer Schwall grellen weißen Lichtes erleuchtete die Szene für den Bruchteil einer Sekunde. In dem kurzen Moment, als ihre Augen sich, vom Blitzlicht geblendet, wieder an die Umgebung gewöhnten, sah sie es. War da nicht ein Wort zu erkennen? Nein, kein Wort, eine Zahl. Plötzlich traten ihre dunkelroten Konturen deutlich hervor: 14612.

„Was zur Hölle ist das?“ Ellie ging einen Schritt auf die Leiche zu. Ihre Beklommenheit hatte sich in pure Neugier gewandelt.

„Gute Frage. Das herauszufinden, ist dann wohl oder übel ihre Aufgabe. Der Täter hat es jedenfalls mit dem austretenden Blut des Opfers geschrieben. Den Fließspuren zu Folge, nachdem er die Leiche positioniert hatte.“

„Oder die Täterin.“

„Was?“

„Oder die Täterin! Wir können nicht ausschließen, dass wir es auch mit einer Frau zu tun haben könnten.“

„Ach so ja. Oder Täterin halt.“

„Irgendeine Idee, was die Ziffern bedeuten könnten?“

„Puh. Da bin ich überfragt. Vielleicht eine Postleitzahl?"

„Wäre eine Möglichkeit. Sonst noch etwas, das ich wissen müsste?“

„Eine Sache wäre da tatsächlich noch. Schauen sie mal hier. Vielleicht werden sie daraus schlau.“

Er führte Ellie zu einem weiteren großen Kaktus neben der Leiche. Kurz glaubte sie, es ginge um die riesige schillernde Blüte der Pflanze, die in der grün-bräunlichen Umgebung wie ein Fremdkörper wirkte. Dann erkannte sie, worauf er hinaus wollte. Jemand hatte ein faustgroßes Herz in das Fleisch des Kaktus geritzt.

„Es ist noch frisch. Der Pflanzensaft ist noch feucht. Hier war scheinbar ein kleiner Romantiker am Werk.“ Der Kriminaltechniker blickte sie mit einem erwartungsvollen Lächeln an.

„Wie war nochmal Ihr Name?“

„Edgar, nur ohne Wallace. Aber meine Freunde dürfen mich Ed nennen. So wie das Eis früher.“

„Hm, also EDGAR, wenn das hier für Sie romantisch ist, sollte ihre Frau sich Gedanken machen.“

Sein Grinsen wurde nur noch breiter. „Welche Frau?“

5

Wieder im Freien wollte sie als erstes Hassler über die bisherigen Erkenntnisse ins Bild setzen, musste jedoch feststellen, dass der Wagen leer war. Ihr Blick glitt suchend über das weiträumige Gelände vor den Tropenhäusern, welche in der Sonne glänzten, als wären sie aus Kristall. Sie schirmte ihre Augen mit der Hand ab und entdeckte ihn an einem der Café-Tische vor dem Eingang der Häuser. Wie hatte sie ihn dort beim Herauskommen übersehen können? Genüsslich pustete er eine Rauchwolke in den Nachmittagshimmel. Sie spürte erneut eine Welle der Abneigung in ihr aufsteigen. Nicht nur, dass Ellie Rauchen an sich nicht ausstehen konnte, sie empfand insbesondere die zugehörigen Verhaltensmuster als abstoßend. Eine hinter das Ohr geklemmte Zigarette, das sinnlose Klopfen auf eine Zigarettenschachtel, das Anpusten der Zigarette vor dem Entzünden oder in Hasslers Fall das provokative Wegschnipsen einer Zigarettenkippe. Am liebsten hätte sie ihm den nun kraftlos im Gras qualmenden Stummel wieder in den Mund gedrückt.

„Wollten sie nicht im Wagen warten?“, sprudelte es aus ihr heraus, noch während sie auf ihn zulief.

„Wollte ich, aber diese nervige Popmusik, die sie da hören, erträgt doch kein Mensch, ohne sich eine Kugel durch die Schläfe zu jagen. Außerdem rauche ich aus Prinzip nicht im Auto.“

Ellie verkniff sich ein Schmunzeln. Waren sie also zumindest bei der Musikauswahl einer Meinung. Immerhin ein Anfang.

Ihre absichtlich kurze Zusammenfassung der bisherigen Erkenntnisse quittierte er genau so, wie sie es erwartet hatte. Nämlich gar nicht. Oder sofern man in sein Schweigen etwas hineininterpretieren wollte, mit intensivem Nachdenken. Ihr war beides recht.

„Wir sollten mit den Mitarbeitern sprechen, ob Ihnen gestern Abend etwas aufgefallen ist. Außerdem brauchen wir schnellstmöglich die Aufnahmen aller Überwachungskameras.“

„Nicht nötig. Während sie da drin waren, habe ich bereits mit dem Leiter des Gartenbetriebes gesprochen. Eine Liste mit den Angestellten, die gestern Dienst hatten, wird direkt ans Dezernat geschickt. Bei den Überwachungsbildern werden wir kein Glück haben. Anscheinend wird nur der Eingangsbereich der Gärten permanent gefilmt. Die Kameras im Gewächshaus sind beschissene Attrappen. Irgendwas von wegen zu hoher Luftfeuchtigkeit oder so.“

„Aber dann muss der Täter ja zumindest beim Betreten des Parks aufgezeichnet worden sein. Das Opfer auch. Entweder kam sie freiwillig, weil sie mit dem Mörder verabredet war oder sie war zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort.“

„Möglich. Auf Grund des Wetters hat es wohl aber nahezu jeden, der schon einmal einen Gartenschlauch in der Hand hatte, hergeführt. Mir ist schleierhaft, was an Pflanzen so spannend ist, aber scheinbar haben das laut der Aussage des Gartenleiters dreihunderteinundfünfzig Menschen gestern anders empfunden. Viel Spaß beim Durchsehen der Videos.“

Der spöttische Unterton, mit dem er seine fehlende Einsatzbereitschaft zum Ausdruck brachte, machte es für Ellie fast unmöglich, sich zu beherrschen. Am liebsten hätte sie ihn gepackt und geschüttelt, um ihrer Frustration Ausdruck zu verleihen.

„Sie können ja dann wieder im Wagen warten, während ich die Arbeit mache.“

Hassler blieb von ihrer kleinen Spitze vollkommen unbeeindruckt.

„Was glauben sie, warum ausgerechnet hier? Wozu dieses große Risiko eingehen?“

„Nun, sie haben dieses morbide Stillleben da drin nicht gesehen, aber hier geht es meiner Meinung nach um mehr als nur das reine Töten. Hier sucht jemand nach der ganz großen Bühne, um eine Nachricht zu senden.“

Das Wort „Nachricht“ hallte kurz in ihrem Kopf nach und plötzlich wurde ihr klar, was ihr am Tatort aufgefallen war, ohne dass es sich einen Weg in ihr Bewusstsein gebahnt hatte. Kommentarlos ließ sie Hassler in der Sonne zurück und betrat abermals das Gewächshaus.

Beim zweiten Mal war sie auf die drückende Feuchte im Inneren vorbereitet. Der Körper des Opfers war in der Zwischenzeit abtransportiert worden. Lediglich eine dunkle Blutlache am Fuß des Kaktus zeugte noch von dem grausamen Schauspiel, das hier vergangene Nacht stattgefunden hatte. Ed war zum Glück noch vor Ort. Bevor er etwas sagen konnte, platzte es vor Aufregung aus ihr heraus: „Was ist mit dem Handy des Opfers?“

„Handy?“

„Ja. Handy! Smartphone! Telefon! Das kleine Ding, mit dem jeder normale Mensch heutzutage kommuniziert! Wo ist das verdammte Handy?“

Man konnte ihm beim Denken förmlich zusehen, so überfordert schien er mit ihrer überfallartigen Rückkehr. Sie wusste seine Antwort bereits, als er anfing zu sprechen.

„Mhm. Nee, ein Handy haben wir nicht gefunden. Tut mir leid.“

6

Mit einem unsanften Ruckeln blieb das Garagentor auf dem Weg nach oben auf halber Höhe stehen. Wie jedes Mal. Wie seit knapp einem Jahr, ohne dass Gregor etwas dagegen unternommen hatte. Die Tatsache, dass sein Audi A7 gerade so durch das halb geöffnete Tor passte, machte den Defekt zu einem Problem, das nicht groß genug war, um es dringend lösen zu müssen, aber eben auch nicht so klein, dass er sich nicht doch täglich darüber ärgerte. Insbesondere wenn er wieder einmal mit dem Kopf daran hängen blieb und sich schwor, es umgehend reparieren zu lassen. Dabei war ihm oft der Gedanke gekommen, dass das Tor ein wenig wie sein eigenes Leben war. Es erfüllte seinen Zweck, stellte ihn letztlich aber auch nicht wirklich zufrieden.

Einen Knopfdruck später erlosch das leise Brummen des Dieselmotors und Gregor starrte auf die Garagenwand. In einem Metallregal verstaubten Eimer mit Farbresten, die er aufbewahrt hatte, falls die Gartenmöbel einmal einen neuen Anstrich benötigten. Jene Gartenmöbel, die inzwischen längst gegen neue Modelle ausgetauscht worden waren. Sein Blick fiel auf das mehrere Tausend Euro teure Rennrad, welches direkt daneben hing. Ein Geschoss aus modernster Carbon Technik, welches er ungefähr drei Mal gefahren war, nur um festzustellen, dass es ihm zu unbequem war. Er hatte in letzter Zeit überlegt, sich ein E-Bike zu kaufen, um sich wieder etwas mehr zu bewegen. Die Visitenkarte in der Ablage seiner Mittelkonsole erinnerte ihn jedoch daran, wieso er es bisher nicht getan hatte:

Gregor Berger - Finanzierungsexperte. Ihr Traum ist mein Ansporn.

Ein kurzes Lächeln durchzuckte seine Mundwinkel. Ein Lächeln ohne einen Funken Ehrlichkeit. Der Markt boomte. Kaum jemand, der aktuell nicht vom Eigenheim oder anderen Dingen träumte, für die man auf das Geld einer Bank angewiesen war. Während seine Kollegen sich jedoch vor Aufträgen kaum retten konnten, machte die Welt um ihn einen Bogen, als wäre er das Pissoir links oder rechts neben einem sich bereits erleichternden WC-Besucher. Er wurde übergangen. Nicht, dass seine Familie oder Freunde darüber Bescheid wussten. Für sie war er Gold-Gregor, vom Erfolg verwöhnt, vom Glück geküsst, einer, der es im Leben zu etwas gebracht hatte. Er hatte früh gelernt, den Schein zu wahren: Haus, Auto, Urlaub. Luxus, wohin man bei ihm auch schaute.

In Wahrheit kam seine treueste Kundin seit Jahren schon nicht mehr nur wegen seiner Finanzdienstleistungen. Ihr hatte er auch den Fleck auf dem Beifahrersitz zu verdanken, den er jetzt erfolglos versuchte, aus dem Polster zu reiben. Oft fragte er sich, seit wann sein Leben sich so gegen ihn gewandt hatte, doch seine Erinnerung reichte nicht weit genug zurück, um den entscheidenden Moment zu finden.

Es gab nur eine Sache, auf die er wirklich stolz war: seine zwei Töchter. Für sie würde er alles tun, auch wenn dies bedeutete, die Trennlinie zwischen richtig und falsch gelegentlich zu überschreiten. Tatsächlich hatte er schon vor Jahren angefangen, diese Grenze als durchlässig zu betrachten. Als etwas, das individuell interpretiert und nicht allgemeingültig definiert werden konnte. Mit der Zeit war sein moralischer Kompass so völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Alles, was ihm und seiner Familie nutzte, war notwendig und damit richtig. Die Stimme in seinem Kopf, die ihm anfangs gesagt hatte, dass es falsch war, was er tat, war dabei über die Jahre immer leiser geworden, bis sie schließlich verstummt war.

Frustriert griff er nach seinem Notebook auf der Rückbank, und klappte es auf. Zum Glück reichte das WLAN bis in die Garage. Der spezielle Browser war noch geöffnet, die VPN Verbindung aktiv: Willkommen im Darknet, der dunklen Seite des Internets. Schnell gab er die Website ein, die ihm vor knapp dreizehn Jahren das Leben, wie er es heute führte, ermöglicht hatte. Enttäuscht und wütend las er den letzten Forenbeitrag, wie er es so oft getan hatte in den letzten anderthalb Jahren. Es war die Antwort auf Gregors Beitrag, wie er ihn unzählige Male zuvor veröffentlicht hatte und der dennoch einen Schlussstrich unter seinen Erfolg gezogen hatte:

„@gold.greg Nix für ungut, aber niemand hier wird dir in Zukunft noch Bilder abkaufen. Instagram sei Dank mein Freund, gibt es das alles kostenlos. Ein Paradies! Diese Influencerschlampen halten ihre Babies in die Kamera, als wollten sie uns einladen zu „kommen“, wenn du verstehst was ich meine? ;) Sorry Mann, aber gegen das All-You-Can-Eat-Buffet kommst du nicht an.“

Null neue Kommentare. Keine Bestellungen. Nichts. Er hatte sich so viel Mühe gegeben, sich einen festen Kundenstamm aufgebaut, immer wieder neue Bilder angeboten, ein absolut sicheres Abwicklungssystem entwickelt und sogar ein Abo-Angebot zur Verfügung gestellt. Zwischenzeitlich hatte er so bis zu zehntausend Euro im Monat verdient. Gutes Geld. Leicht verdientes Geld. Bis Instagram und diese scheiß Influencer ihm alles kaputt gemacht haben. Ihm und seiner Familie. Ihm und seinen Töchtern. Keine Frage, er würde alles, wirklich alles für seine Mädchen tun und jahrelang haben auch sie alles für ihn getan. Nur dass sie davon nichts wussten.

7

Er hatte sie genau da, wo er sie haben wollte. Jede Nachricht, jedes Wort, jeder harmloser Emoji zog die Schlinge enger zu.

Chrissi, so hatte sie sich ihm inzwischen vorgestellt, sehnte sich so sehr nach dem, was er zu bieten hatte. Er wusste, was sie von ihm wollte. Und er gab es ihr tröpfchenweise.

Ihre Posts hatten inzwischen einen neuen Unterton bekommen. Ein absolut untrügliches Zeichen, dass ihr unausweichliches Ende in greifbare Nähe rückte.

Er hasste diese Phase so sehr. Es war jedes Mal das Gleiche. Wenn sie langsam anfingen, ihre öffentliche Zurschaustellung mit einer Mischung aus schlecht vorgetäuschtem Selbstbewusstsein und angeblichem Glück zu unterlegen. Ab diesem Punkt wurde es unerträglich, geduldig zu bleiben. Aber er rief sich immer wieder ins Gedächtnis, dass er warten musste, bis sie den entscheidenden Schritt machte. Den letzten, den entscheidenden Schritt in seine Richtung, eine Richtung, in der nur das Ende auf sie warten würde. Ein außergewöhnliches Ende. Ein glorreiches Ende. Ein schmerzhaftes Ende. Er hatte sich schon oft gefragt, ob sie im letzten Moment begriffen, warum er sie bestrafte. Aus diesem Grund hatte er sich angewöhnt, in ihren panischen Blicken nach einem Zeichen der Erkenntnis zu suchen. Ein kleines Zeichen nur, dass sie verstanden hatten, dass es ihm nicht darum ging, was sie waren, sondern darum, was sie so verzweifelt sein wollten. Er verabscheute diese durchschaubaren Versuche, mehr zu sein, als das, was das Schicksal für sie bestimmt hatte. Sie waren nichts, doch taten, als wären sie alles. Die Welt des Internets gab ihnen hierfür eine Bühne. Eine, die sie sich mit Millionen Menschen teilten. Und keinem fiel dabei das Dilemma auf: Wenn alle auf der Bühne stehen, wer sitzt dann noch im Publikum?

Er tat ihnen letztlich nur einen Gefallen, wenn er die Rollen neu verteilte. Er erfüllte ihre Sehnsucht danach, gesehen zu werden. Oh ja, man würde sie sehen. Alle würden sehen, wie belanglos ihr Streben letztlich war.

Er konnte seine Erregung kaum kontrollieren, wenn er daran dachte, wie er seine Finger in die warme Wunde drücken würde, um sie in Blut zu tränken. Und dann würde er sie ihr auf den Bauch schreiben. Ihre Zahl, Die klarste aller Botschaften. Denn am Ende war das alles, was sie sein wollten. Alles, was von ihnen blieb. Eine Zahl.

8

„Der Täter muss es haben.“ Ellie versuchte, ihre Aufregung unter Kontrolle zu bringen. Auch weil sie nicht wollte, dass Hassler merkte, wie der Fall sie schon jetzt emotional mit sich riss. Sie hatten die Handydaten des Opfers überprüfen lassen. Laut Telefongesellschaft hatte es sich letztmals um 22:56Uhr in einen Funkmast in der Nähe der Botanischen Gärten eingewählt. Danach verlor sich die Spur. Auch die Videoaufnahmen der Überwachungskameras hatten sich vorerst als Sackgasse herausgestellt. Oder wie der Techniker es nach über drei Stunden völlig entnervt formuliert hatte: „Das ist kein Überwachungsvideo, das ist eines dieser bescheuerten Wimmelbilder. Nur, dass keiner einem sagt, wonach man überhaupt suchen soll.“ Ellie teilte seine Ansicht. Ohne Anhaltspunkt, worauf sie achten mussten, waren die Aufnahmen wertlos.

‚Doch was will er damit?‘

Ihre Gedanken kreisten einzig und allein um das fehlende Telefon. Seit Stunden hämmerte die Frage durch ihren Kopf.

„Wofür braucht er ihr scheiß Handy?“ Dieses Mal hatte sie die Frage laut ausgesprochen.

„Nun, er wird damit wohl kaum telefonieren wollen. Vielleicht eine Art Trophäe?“

Sie hatte nicht damit gerechnet, eine Antwort zu erhalten, denn im Gegensatz zu ihr maß Hassler dem fehlenden Smartphone scheinbar wenig Bedeutung bei und hatte sich bisher, wenn überhaupt, nur halbherzig an ihren Überlegungen beteiligt.

„Warum sollte er dafür einen so banalen Gegenstand auswählen, wenn er dem Opfer die Augäpfel entfernt?“

„Falkensee.“

„Bitte was?“

Verwirrt blickte sie von ihren Notizen auf und sah fragend in seine Richtung. Er schien ihre Verwunderung nicht zu bemerken oder ignorierte sie gekonnt. „Falkensee! Die Zahl auf ihrem Bauch stimmt mit der Postleitzahl von Falkensee überein. Gibt es da eventuell eine geografische Verbindung zur Toten?"

Das neuerliche Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, frustrierte sie. „Sie haben die gleiche Akte, wie ich. Lesen können sie doch oder?“

Sein Gesichtsausdruck zeigte ihr, dass sie dieses Mal einen Schritt zu weit gegangen war. Zumal sein Ansatz durchaus interessant war. Sie wollte gerade zu einer Entschuldigung ansetzen…

„Wenn sie glauben, die Weisheit mit dem Löffel gefressen zu haben, sind sie hier an der falschen Adresse, Seidel. Das hier ist nicht ihre kleine Detektiv-Show. Keiner applaudiert Ihnen hier für ihre tollen Ermittlungen, sondern nur für die richtigen Ergebnisse. Also sparen sie sich diese ‚Ich-muss-allen-etwasbeweisen-Nummer‘ und konzentrieren sie sich auf das Wesentliche. Ich kann sie genauso wenig leiden, wie sie mich. Der Unterschied ist, dass es mir vollkommen egal ist, ob wir hier beste Freunde werden oder nicht, solang wir am Ende den Mörder fassen. Also warten sie gern darauf, dass das verschwundene Handy vielleicht irgendwann eingeschaltet wird. Ich nutze die Zeit sinnvoller, wenn es recht ist.“ Mit diesen Worten klemmte er sich die Unterlagen von seinem Schreibtisch unter den Arm und verließ den Raum. Zurück blieb Stille und das rhythmische Ticken der vergilbten Wanduhr, welche wie ein Metronom die Anspannung im Raum in kleine Teile zerschnitt,

„Scheiße!“ Ihr Wutschrei hallte durch das leere Büro. Sie war froh, dass niemand mehr vor Ort war, um zu sehen wie ihr Tränen in die Augen schossen. Eine Flut von Gefühlen riss sie mit sich. Wut und Enttäuschung lieferten sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen um ihr Gemüt. Sie begriff erst in diesem Augenblick, allein in diesem Büro, vor sich die bizarren Fotos vom Tatort und mit dem schwindenden Tageslicht vor dem Fenster, wieviel Druck sich im Laufe des Tages in ihr aufgestaut hatte. Druck den sie allein nicht loswerden würde können. Obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, es nicht zu tun, zog sie ihr Handy aus der Tasche und scrollte durch ihre Kontakte, bis sie fand, wonach sie suchte. Kurz zögerte sie, bevor ihr Finger schließlich auf dem Namen „Tim X“ landete.

9

Er nahm nicht sofort ab. Fast glaubte sie schon, er würde es gar nicht tun, als plötzlich ein zögerliches „Ellie?“ ertönte. Sie konnte seine Skepsis nachvollziehen, hatte sie sich doch nach ihrem letzten Treffen vor zwei Monaten einfach nicht mehr gemeldet. Und angerufen hatte sie ihn sowieso nie. Wozu auch? Bereits nach den ersten wenigen Nachrichten bei Tinder waren sie sich sympathisch genug gewesen, um auf WhatsApp umzusteigen. Ohnehin hasste sie, zu telefonieren. Telefonate bereiteten ihr Unbehagen. Sie gaben ihr das Gefühl von Kontrollverlust. Nachrichten konnte sie kontrollieren. Sie konnte sie ignorieren. Sich ihre Antwort in aller Ruhe überlegen. Ihre Worte abwägen. Den Gesprächsverlauf vorhersehen. Telefonate jedoch waren unmittelbar, direkt, missverständlich. Sie bedeuteten Chaos. Und sie hasste Chaos.

„Seit wann rufst du denn einfach so an?“

Als könne er ihre Gedanken lesen. Sie versuchte, ihre Verlegenheit so gut es ging zu überspielen. „Vielleicht habe ich mich ja nur verwählt?“

„Wenn du eines nicht machst, dann etwas aus Versehen, Ellie. Also was willst du?“ Obwohl sie damit hätte rechnen können, tat die Kälte in seiner Stimme überraschend weh.

„Hast du heute Abend schon etwas vor?“

„Wieso? Brauchst du Sex?“

„Tim, es tut mir leid ok? Ich wollte mich melden.“

Die Lüge kam ihr erschreckend leicht über die Lippen.

„Aber irgendwie war so viel los in meinem Leben. Und ich wollte es nicht unnötig verkomplizieren. Irgendwann war es dann zu spät.“ Der Teil war ausnahmsweise nicht gelogen. Sie war tatsächlich mit ihrem alltäglichen Leben an jenem Punkt vorbei gerast, an dem sie den Kontakt hätte aufrecht erhalten können. Was sie ihm nicht sagte, war, dass sie es bewusst getan hatte und es ihr mehr oder weniger egal gewesen ist.

„Du warst auch schon mal überzeugender. Warum heute? Was hat sich denn geändert?“ Auch wenn er versuchte, es zu verbergen, sie hatte die Veränderung in seiner Stimme mitbekommen. Ein Hauch von Interesse als Zwischenton in seinen Worten.

„Ich brauche heute dringend jemanden, bei dem ich mich wohl fühle. Und obwohl wir uns so lange nicht gesprochen haben, habe ich automatisch an dich gedacht. Und zwar nur an dich. Lass uns einfach was trinken gehen, bitte. Oder worauf auch immer du sonst Lust hast. “

„Da ist sie wieder. Die Ellie, die ich kenne. Die nur zu gut weiß, welche Knöpfe sie bei mir drücken muss. Nun, ich habe ja nichts zu verlieren, oder? Aber unter einer Bedingung.“

Sie versuchte, möglichst cool zu bleiben, doch die pure Erleichterung durchflutete ihren Körper. „Ich höre?“

„Der Abend geht auf dich.“

Sie musste lachen.

„Ihr Wunsch ist mir Befehl, Sir.“

„Ach komm, die unterwürfige Nummer steht dir nun wirklich nicht. zwanzig Uhr Eberswalder?“

„Geht klar. Bis nachher. Ach und Tim?“

„Ja?“

„Danke.“

„Lass mich meine Entscheidung nur nicht bereuen.“ Mit diesen Worten legte er auf und Ellie realisierte, dass sie dies heute schon zum zweiten Mal gehört hatte.

Als sie ihre Wohnungstür aufschloss, merkte sie es nicht sofort. In Gedanken vertieft, fiel es ihr erst auf, als die Tür bereits hinter ihr ins Schloss fiel. Das Scheppern der schweren Holztür riss sie je aus ihren Gedanken, als hätte das Donnern eines nahenden Gewitters ihre Sinne geschärft. Ein Gefühl von Panik stieg in ihr auf, als ihr klar wurde, dass die Tür nicht, wie eigentlich üblich doppelt abgeschlossen gewesen war. Das war sie immer. Ohne Ausnahme. Dies mehrfach zu kontrollieren war längst unumstößliche Routine, ja fast schon Zwang geworden, bevor sie das Haus verließ. Und dennoch hatte sie den Schlüssel soeben nur einmal im Schloss drehen müssen, bevor sich die Tür mit einem hörbaren Klicken öffnete.

Instinktiv wanderte ihre Hand zu ihrer Dienstwaffe und löste die Sicherung am Holster.

„Hallo?“

Ihre Stimme hallte durch die scheinbar leere Wohnung und verlor sich in der Dunkelheit. Ellie betätigte den Lichtschalter und erwartete fast, dass das Licht ein Geheimnis preisgeben würde, auf das sie nicht vorbereitet war. Umso beunruhigender erschien ihr der gewöhnliche Anblick des Flurs, der sich nach dem Einschalten des Lichts vor ihr erstreckte. Alles wirkte völlig normal. Die sorgfältig aufgereihten Schuhe. Das Bild von ihrer Mutter und ihr als junges Mädchen, lachend auf einer Bank im Park. Der knallrote Windbreaker an der Garderobe, den sie noch nie getragen hatte. Es war alles an seinem Platz. Alles wie immer. Alles in Ordnung.

Trotzdem wurde sie das Gefühl einer unsichtbaren Bedrohung nicht los. Es war mit ihr über die Türschwelle getreten und hatte sie noch im selben Augenblick als Geisel genommen. Nun kontrollierte es ihre Gedanken und lenkte ihre Bewegungen. Sie zog ihre Waffe und trat einen weiteren Schritt in die Wohnung.

Sie bewegte sich auf den ersten Raum auf der linken Seite zu: das Bad. Ohne Vorwarnung tauchte in ihrer Fantasie das Bild eines zugezogenen Duschvorhangs auf und sie bekam Panik bei dem Gedanken, diesen zur Seite ziehen zu müssen. Im nächsten Moment fiel ihr jedoch ein, dass sie gar keinen Duschvorhang besaß. Ihr eigener Verstand begann, mit ihr Katz und Maus zu spielen. Bevor weitere Bilder sich in ihrem Kopf breit machen konnten, trat sie den letzten Schritt auf das Bad zu. So geräuschlos wie möglich drückte sie die Türklinke herunter. Ihre Finger umfassten den Griff als wäre er aus Glas. Mit einer schnellen Bewegung stieß sie die Tür auf. Nichts. Alles, was ihr in dem leeren Raum hätte Angst einjagen können, war ihr eigenes kreidebleiches, von Anspannung gezeichnetes Gesicht im Spiegel an der gegenüberliegenden Wand. Im Spiegelbild sah sie hinter sich die Tür zu ihrem Arbeitszimmer. Ein schwarzes Rechteck verbarg den Blick in den Raum wie ein dunkler Vorhang. Die Tür stand offen. Hatte sie diese wirklich aufgelassen, als sie ging? Nach ihrem Verstand stieg nun auch ihre Erinnerung in das Spiel mit ihren Nerven ein. Vorsichtig machte sie zwei zaghafte Schritte durch den Flur und schob ihre linke Hand um den Türrahmen herum in die Richtung, in der sie hoffte, den Lichtschalter zu ertasten. Sie rechnete damit, dass jeden Augenblick jemand ihren Arm packte und sie in die Dunkelheit zog. Ihre Finger tasteten panisch nach dem Lichtschalter und fanden ihn.

KLICK.

Die plötzliche Helligkeit blendete sie, doch ein verschwommener Blick reichte. Nichts.

Schnell drehte sie sich um, aus Angst, die Gefahr hätte sich in ihrem Rücken angeschlichen.

‚Reiß dich zusammen, Ellie!‘

Kurz musste sie lächeln, weil sie begriff, wie sinnlos diese selbst formulierten Aufmunterungsversuche aus Filmen waren. Die Furcht blieb erbarmungslos und würde ihr auch in den nächsten Raum folgen: die Küche.

Der Schein der Straßenlaternen vor dem Haus zeichnete ein Wirrwarr aus Schatten auf den Fließenboden. Bereits aus einigen Metern Entfernung bemerkte sie es. Irgendetwas stimmte nicht. Irgendetwas war anders. Ihre Schritte kamen ihr wie in Zeitlupe vor. Lag da nicht etwas auf dem Tisch? Oder war es nur ein Schatten. Noch drei Schritte bis zur Küche. Dieses Mal war sie sich sicher, sie hatte dort definitiv nichts liegen lassen. Doch nur weil ihre Erinnerung wieder funktionierte, tat ihr Verstand dies noch lange nicht. Was wenn es eine Falle war? Eine Ablenkung. Der Küche gegenüber befand sich ihr Schlafzimmer. Die Tür war einen Spalt breit angelehnt. Ideal um sie aus der Dunkelheit heraus zu beobachten. Ihr Blick wanderte wieder zur Küche. Noch zwei Schritte. Das flache Rechteck auf dem Tisch schälte sich nun deutlich aus dem Schwarz der Umgebung heraus. Ein Zettel. Etwas größer als eine Postkarte. Sie konnte sich nicht länger zurückhalten und warf jede Vorsicht über Bord. Ein letzter, nun sehr hektischer Schritt. Ellie hielt instinktiv die Luft an und schaltete das Licht ein.

10

Auch nachdem sie ihre Waffe längst weggesteckt hatte, konnte sie nicht aufhören, zu lachen. Sie lachte über sich selbst. Sie lachte vor Erleichterung. Sie lachte aber auch aus Erschöpfung. Und sie lachte, weil sie nicht anders konnte. Vor ihr auf dem Tisch lag das Protokoll der jährlichen Heizkörper-Ablesung. Erst jetzt fiel ihr ein, dass sie der Nachbarin ihren Wohnungsschlüssel gegeben hatte, damit diese die Ableser hereinlassen konnte. Der erste Tag bei der Mordkommission hatte sie so in den Bann gezogen, dass für solch banale Dinge einfach kein Platz in ihrem Bewusstsein war. Kurz schämte sie sich für ihren krimireifen Einmarsch in die eigenen vier Wände, bevor sie die Absurdität der Situation ein weiteres Mal zum Lachen brachte. Auf dem Weg ins Schlafzimmer schwor sie sich, dass es den Vorfall schlicht nie gegeben haben würde. Wie hätte sie bitte auch erklären sollen, im Halbdunkel ihren eigenen Küchentisch mit einer Waffe in Schach gehalten zu haben?

Unter der Dusche spürte sie, wie das warme Wasser die Last des Tages von ihr abspülte und sich ihre Anspannung löste. Die bohrenden Fragen in ihrem Kopf wurde sie dennoch nicht los. Wie ein Grundrauschen begleiteten die rätselhaften Umstände des Falls all ihre Gedanken. Fing sie auch nur kurz an zuzuhören, wurde das Rauschen lauter und schwoll zu einem Sturm an. Die Zahl, das Handy, die Inszenierung, die Verstümmelungen der Augen, das Herz im Kaktus - Motiv, Tatwaffe, Täter, Opfer…

Ihr schwirrte der Kopf und sie zwang sich mit aller Macht, ihre Gedanken auf den bevorstehenden Abend zu lenken. Sie betrachtete sich im Spiegel. Zufrieden stellte sie fest, dass man ihr die innere Unruhe und das soeben Erlebte nicht allzu sehr ansah. Ob Tim sich ebenso leicht blenden ließ?

Er sah gut aus, wie er da so stand, als würde um ihn herum nicht ein für diese Ecke Berlins typisches Chaos herrschen. Menschenmassen zwischen Feierabend und Feiern bis in den Morgen hinein prallten hier wie selbstverständlich aufeinander. Die Luft war erfüllt vom typischen Klang der Stadt, das Klirren der Bierflaschen vor den Spätis, das brachiale Rattern der U2 über den Köpfen der Menschen hinweg untermalt von hupenden und fluchenden Autofahrern, die sich einen Weg über die Kreuzung bahnten.

„Sie sehen müde aus, Frau Kommissarin.“

„Vorsicht Freundchen, ich habe schon Leute für weniger festgenommen. Und Beamtenbeleidigung macht sich schlecht im Führungszeugnis.“

Beschwichtigend hob er die Hände. „Schon gut, schon gut. Ich bin zu sensibel für den Knast. Lass die Handschellen stecken. Zumindest vorerst.“

Sie mussten beide lachen. Die anfängliche Unsicherheit, wie sich das Wiedersehen anfühlen würde, war sofort verschwunden. Als wären die vergangenen zwei Monate nur eine kurze Werbepause gewesen, ein Stand-By, das ihnen erlaubte, nahtlos an das Bisherige anzuknüpfen. Dazu passte, dass sie sofort wusste, wohin sie gehen würden, als er „Bock auf Pizza?“ sagte und den Arm um ihre Schulter legte.

In der kleinen, immer voll besetzten Pizzeria auf der Kastanienallee waren sie bei ihrem ersten Date gewesen. Ob er ihr damit etwas sagen wollte? Sie hatte jedenfalls nichts dagegen, wenn der Abend ähnlich verlaufen würde wie damals. Die Erinnerung jagte ihr einen kleinen Schauer über den Rücken.

Auch heute war das Restaurant brechend voll. Sie warteten am Eingang, dass ein Tisch frei wurde, als ihr Handy klingelte. Aus Ärger wurde Überraschung, als sie den Namen „Hasselberger“ auf dem Display las und den Anruf verwundert entgegennahm.

Er ließ ihr nicht einmal Zeit für eine Begrüßung. „Seidel?“

„Ja?“

„Kommen sie umgehend auf die Dienststelle."

„Jetzt gleich?“ Sie wartete auf eine Antwort, doch er hatte bereits aufgelegt.

11

Es gab nur einen Umstand, unter dem Fehler für ihn akzeptabel waren - wenn andere sie machten. Und sie hatte ihn endlich gemacht. Seine Geduld hatte sich bezahlt gemacht. Das Warten hatte ein Ende. Alles was nun noch kommen würde, wurde unausweichlich, in dem Moment, als sie die letzte Grenze zwischen Überleben und Sterben überschritten hatte: Sie hatte ihn nach einem Treffen gefragt.

Bei ihr hatte es länger gedauert, als bei den anderen. Sie schien vorsichtiger zu sein oder lag es nur an ihrer eigenen Unsicherheit? Es spielte keine Rolle mehr. Zweifel daran, dass auch sie letztlich in seine Falle tappen würde, hatte er ohnehin nie. Dafür war sein Angebot viel zu verlockend. Bestätigung. Aufmerksamkeit. Zuspruch. Und der Preis dafür? Das war ja das Schöne daran. Es gab keinen. Was sie von ihm bekam, war absolut kostenlos. Im Gegenteil, sie würde am Ende mehr von dem bekommen, was sie sich so sehr gewünscht hatte, als gedacht. Manch einer würde sagen, sie bekam mehr, als sie gewollt hätte, aber das hielt er für Unsinn. Er war sich sicher, er half ihr und all den anderen nur, ihren Traum zu leben. Wobei leben an der Stelle vielleicht nicht das richtige Wort war… Er lächelte in sich hinein.

Es war immer das Gleiche. Gib ihnen eine kleine Kostprobe von dem, wonach sie sich am meisten sehnen, ohne dafür etwas tun zu müssen und die Menschen werden blind vor Gier. Die Stimme der Vernunft wird zu einem Störgeräusch, dessen Lautstärke so weit herunter gedreht wird, bis man es endlich ignorieren kann. Es wurde erst wieder laut und brach mit maximalem Lärmpegel zurück ins Bewusstsein vor, wenn sie erkannten, dass nichts im Leben kostenlos war und es dieses Mal ihr Leben kosten würde.

Er wünschte sich oft, sie könnte noch sehen, was er für sie tat. Wie er versuchte, ihrem Schicksal eine Bedeutung zu verleihen. Wie er mit ganzer Kraft versuchte, diese heuchlerische Scheinwelt zu Fall zu bringen, die sie einst, von falschen Versprechen angelockt, betreten und nie wieder verlassen hatte. Sie hatte ihren Preis bezahlt, doch die Rechnung war noch lange nicht beglichen. Es war seine Aufgabe, dies zu ändern.

12

Ellie konnte nicht länger hinsehen. Ihre Fingerknöchel traten weiß hervor, so krampfhaft hielt sie sich am Tisch fest, um der Übelkeit keine Chance zu geben, die Kontrolle über ihren Körper zu gewinnen.

„Scheiße! Was zur Hölle ist das?“ Sie verstand jetzt, wieso Hassler einige Meter Abstand zum Bildschirm des Kriminaltechnikers hielt.

„Sie wissen, was das ist, auch wenn Ihnen die Antwort nicht gefällt.“

Er hatte recht. Bereits kurz nachdem der Techniker auf Play gedrückt und das verwackelte Standbild zum Leben erweckt hatte, wusste sie es. Der erste Stich drang tief ins Fleisch ein. Noch bevor das Blut hervorquellen konnte, erfolgte bereits der nächste Hieb. Jeder weitere brachte den sichtbaren Teil des Körpers zum Beben. Obwohl das Video keine Tonspur enthielt, meinte Ellie die Schmerzensschreie in ihrem Kopf hören zu können. In immer kürzeren Abständen und immer kraftvoller, unkontrolliert, wie in einer Art Rausch erfolgte ein Stich nach dem Anderen. Als sie schon glaubte, es würde niemals aufhören, stand das Bild plötzlich still. Lediglich das langsam aus den Wunden sickernde Blut sagte ihr, dass das Video noch nicht vorbei war. Plötzlich tauchte wie aus dem Nichts eine Hand am unteren Bildrand auf. Ganz langsam verschwanden Zeige- und Mittelfinger in einer der Wunden. Dunkelrot glänzend kamen sie wieder zum Vorschein und begannen zu schreiben. Ellie kannte die Nachricht bereits, war ihr die blutige Zahl doch seit heute Morgen nicht mehr aus dem Kopf gegangen. „Woher stammt das?“

Hassler nickte lediglich in die Richtung des Technikers, der unruhig in seinem Stuhl hin und her rutschte.

„Das wurde heute Abend um 20:15Uhr auf dem Instagram-Kanal des Opfers hochgeladen.“

„Fuck. Ist es noch online?“

„Nein. Es wurde glücklicherweise schnell von Instagram als gefährlicher Content eingestuft und gelöscht. Was natürlich nicht heißt, dass es nicht doch irgendwo noch einmal auftauchen könnte.“

„Gibt es irgendwelche brauchbaren Informationen für uns? Meta-Daten oder Ähnliches?“

„Wir sind dran, aber ich befürchte, da ist nicht viel zu holen.“

„Was soll das heißen, da ist nicht viel zu holen, verdammt? Der Täter will uns eine Nachricht senden und sie sagen mir, wir können sie nicht entschlüsseln?“

Hassler war nun wieder einen Schritt an den Tisch herangetreten. „Langsam, Seidel. Glauben sie denn ernsthaft, dass sich die Nachricht in irgendwelchen Daten versteckt? Ich habe zwar keine Ahnung was Instagram ist, aber ich glaube wir sollten uns nicht fragen, wie er kommuniziert, sondern warum. Was will er?“

Kurz legte sich Stille über den Raum. Es dauerte einen Augenblick bis seine Frage zu ihr durchgedrungen war und sie erkannte, dass er ausnahmsweise nicht Unrecht hatte. „Aufmerksamkeit. Der Mord war die große Show und das hier ist sein persönliches Making-Of.“