Ich geb´ Dich nicht auf - Lisa Jackson - E-Book
Beschreibung

Eine herzzerreißend-tragische Liebesgeschichte von Lisa Jackson – ganz ohne Leichen und Verbrechen, aber mindestens genauso fesselnd wie ihre Thriller. Die frischgebackene Ärztin Shawna ist überglücklich: Sie hat gerade die harten Jahre des Medizinstudiums überstanden und heiratet die Liebe ihres Lebens. Doch am Tag ihrer Hochzeit soll sich ihr Leben schlagartig verändern. Ein folgenschwerer Unfall ereignet sich und setzt dem Glück von Shawna und ihrem geliebten Parker ein Ende... Im ganzen Chaos taucht dann auch noch eine mysteriöse Geliebte auf. Wird dieser Albtraum sich noch zum Guten wenden oder wird sie, wie ihr eine Wahrsagerin prophezeite, ihre Liebe verlieren? Begeisterte Leserstimme: »Absolut was für's Herz!« »Ich geb´ Dich nicht auf« ist ein eBook von feelings*emotional eBooks. Mehr von uns ausgewählte romantische, prickelnde, herzbeglückende eBooks findest Du auf unserer Facebook-Seite: www.facebook.de/feelings.ebooks Genieße jede Woche eine neue Liebesgeschichte - wir freuen uns auf Dich!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:252


Lisa Jackson

Ich geb’ Dich nicht auf

Roman

Aus dem Amerikanischen von Kristina Lake-Zapp

Knaur e-books

Über dieses Buch

Eine herzzerreißend-tragische Liebesgeschichte von Lisa Jackson – ganz ohne Leichen und Verbrechen, aber mindestens genauso fesselnd wie ihre Thriller.

 

Die frischgebackene Ärztin Shawna ist überglücklich: Sie hat gerade die harten Jahre des Medizinstudiums überstanden und heiratet die Liebe ihres Lebens. Doch am Tag ihrer Hochzeit soll sich ihr Leben schlagartig verändern. Ein folgenschwerer Unfall ereignet sich und setzt dem Glück von Shawna und ihrem geliebten Parker ein Ende … Im ganzen Chaos taucht dann auch noch eine mysteriöse Geliebte auf. Wird dieser Albtraum sich noch zum Guten wenden, oder wird sie, wie ihr eine Wahrsagerin prophezeite, ihre Liebe verlieren?

 

»Ich geb’ dich nicht auf« ist ein E-Book von feelings – emotional eBooks*.

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Inhaltsübersicht

Kapitel einsKapitel zweiKapitel dreiKapitel vierKapitel fünfKapitel sechsKapitel siebenKapitel achtKapitel neunKapitel zehnKapitel elfKapitel zwölfKapitel dreizehnLisa Jackson bei feelings – emotional eBooks. Die ganz großen Gefühle für Deinen eReader!
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Kapitel eins

Das alte Karussell nahm Fahrt auf, das fast schon museumsreife Getriebe knirschte, der Dieselmotor spie schwarze Rauchwolken in den sommerlich blauen Himmel Oregons.

Shawna McGuire klammerte sich an den Hals ihres Holzpferds und warf einen Blick über die Schulter auf Parker Harrison. Sie spürte, wie ihr das Herz aufging. Groß, mit den breiten Schultern eines geborenen Sportlers und braunem, von der Sonne goldgesträhntem Haar, saß er auf einem prächtigen Tiger. Seine blauen Augen ruhten besitzergreifend auf ihr, um seinen Hals baumelte eine Kamera.

Shawna grinste ungeniert übers ganze Gesicht. Morgen früh würden Parker und sie verheiratet sein!

Das Karussell drehte sich schneller. Die leuchtenden Farben – Rosa, Blau und Gelb – verwischten.

»Schnapp dir den Ring, Shawna! Los, du schaffst es!«, schrie Parker. Seine tiefe Stimme kam kaum gegen die blecherne Musik der Dampfpfeifenorgel und das Dröhnen des Dieselmotors an.

Lachend, das honigblonde Haar im Fahrtwind wehend, sah sie, wie er ihr zuzwinkerte, die Kamera auf sie richtete und auf den Auslöser drückte.

»Schnapp ihn dir, Doktor!«, rief er noch einmal. Doktor, das war sie, dachte sie stolz. Dr. Shawna McGuire, Ärztin am Columbia Memorial Hospital.

»Na los, Shawna, mach schon!«

Shawna nahm die Herausforderung an und sah wieder nach vorn, die smaragdgrünen Augen auf die Trophäe gerichtet, einen leuchtenden Messingring mit flatternden, pastellfarbenen Bändern. Verlockend nahe hing er neben dem sich drehenden Karussell. Sie streckte die Hand danach aus, fuhr auf ihrem Holzpferd direkt daran vorbei, doch ihre Finger griffen ins Leere. Fast wäre sie von ihrem strahlend weißen Hengst gestürzt. Sie hörte Parker lachen und wandte sich gerade rechtzeitig um, um zu sehen, wie er sich die Trophäe schnappte. Ein breites, schadenfrohes Lächeln trat auf sein kantiges Gesicht und ließ ihr Herz schneller schlagen.

Sie dachte an ihre bevorstehende Hochzeit. Schon morgen früh sollte es so weit sein! Es war fast zu schön, um wahr zu sein. In weniger als vierundzwanzig Stunden würde sie im Rosengarten der Pioneer Church Mrs. Parker Harrison werden und anschließend mit ihrem frischgebackenen Ehemann für eine Woche zum Flittern in die Karibik fliegen. Keine vollgestopften Einsatzpläne im Krankenhaus, keine Doppelschichten, kein Telefon, keine Patienten – nur Parker.

Sie sah, wie er den Messingring mitsamt den pastellfarbenen Bändern in seine vordere Jeanstasche stopfte. Das Karussell wurde langsamer.

»So macht man das!«, schrie er, die Hände vor dem Mund zu einem Trichter geformt, damit sie ihn auch ja hören konnte.

»Unausstehlicher, arroganter …«, murmelte sie, doch in ihren Wangen bildeten sich Grübchen, und sie brach in herzhaftes Gelächter aus, schloss ihre Finger um die Stange, an der ihr Reittier befestigt war, und warf den Kopf zurück. Das lange Haar ergoss sich über ihre Schultern. Sie hörte Parker ebenfalls lachen. Sie war jung und verliebt – nichts konnte besser sein.

Als die Fahrt vorüber war, stieg sie von ihrem glänzenden weißen Pferd und fühlte Parkers starke Arme um sich.

»Das war der jämmerlichste Versuch, den ich je gesehen habe«, flüsterte er ihr ins Ohr und hob sie vom Karussell auf den Boden.

»Es sind eben nicht alle Profisportler«, neckte sie ihn und sah mit ihren grünen Augen, umrahmt von honigblonden Wimpern, zu ihm auf. »Ein paar Menschen müssen sich eben andere Ziele stecken, höhere intellektuelle, humanistische Belange betreffend.«

»Unsinn!«

»Unsinn?«, wiederholte sie und zog eine Augenbraue in die Höhe.

»Spar dir das für jemanden, der dir diesen Mist abkauft, Doktor. Ich habe gewonnen, und du bist blamiert.«

»Nun, ein bisschen vielleicht«, räumte sie mit glänzenden Augen ein. »Aber es ist tröstlich zu wissen, dass wir uns, sollte ich jemals meinen Beruf aufgeben und du dein Tennisspielen, auf dein Einkommen als professioneller Karusselltrophäenjäger verlassen können!«

»Das werde ich dir heimzahlen, Dr. McGuire«, versprach er und drückte ihre schmale Taille. Seine Hand verfing sich in den Falten ihres leichten Baumwollkleids. »Und meine Rache wird fürchterlich sein!«

»Nichts als leere Versprechungen«, witzelte sie, entwand sich seinem Griff und schoss durch die Menge davon. Trockenes Gras strich über ihre Knöchel, und schließlich blieb sie vor einem Stand mit Erfrischungen stehen, dicht gefolgt von Parker. »Eine Tüte Popcorn und eine mit Erdnüssen«, bestellte sie bei der Verkäuferin unter der gestreiften Markise. Sie war außer Atem, ihre Wangen glühten, ihre Augen glitzerten schalkhaft. »Und dieser Herr hier«, sie deutete auf Parker, der gleich hinter ihr stand, »wird die Rechnung übernehmen.«

»Ich stehe ja jetzt schon unter dem Pantoffel«, murmelte Parker, suchte in seinem Portemonnaie nach einem Fünf-Dollar-Schein und reichte ihn der Verkäuferin. »Eines Tages«, fuhr er fort, und seine blauen Augen funkelten, als er eine Erdnuss aus der Schale löste und sie in seinen Mund warf.

»Was ist eines Tages?«, forderte sie ihn heraus, und ihr Puls schoss erneut in die Höhe, als er auf ihre Lippen blickte. Einen Augenblick lang glaubte sie, er würde sie küssen, gleich hier, inmitten der Menschenmenge, vor dem Erfrischungsstand. Mein Gott, wie sehr sie ihn liebte!

»Wart’s nur ab, junge Dame«, warnte er sie mit tiefer, heiserer Stimme. Seine Halsschlagader fing an zu pochen.

Shawnas Herz begann schneller zu schlagen.

»Was?«

Zwei kichernde Teenager näherten sich dem Erfrischungsstand und brachen den Zauber. »Mr. Harrison?«, fragte das größere, rothaarige Mädchen, während seine Freundin, die eine feste Zahnspange trug, knallrot anlief.

Parker warf einen Blick über die Schulter und wirbelte herum. »Ja?«

»Ich hab dir doch gesagt, dass er es ist!«, sprudelte das Mädchen mit der Zahnspange hervor und wäre vor Aufregung beinahe auf und ab gehüpft. Seine braunen Augen strahlten erwartungsvoll.

»Könnten wir … ähm … Würde es Ihnen etwas ausmachen …« Die Rothaarige wühlte in ihrer Handtasche. »Könnten wir bitte ein Autogramm von Ihnen bekommen?«

»Sicher«, sagte Parker, nahm Stift und Papier, die sie ihm reichte, und schrieb seinen Namen.

»Ich bin Sara, und das hier ist Kelly. Sara ohne ›h‹.«

»Okay!« Parker schrieb eine Widmung.

»Ähm, ist Brad hier?«

»Nein, tut mir leid«, sagte Parker, das Gesicht zu einem schiefen Grinsen verzogen.

»Schade«, murmelte Sara, offensichtlich enttäuscht, und steckte Stift und Autogramm in ihre Tasche.

Kelly lächelte übers ganze Gesicht. Das Drahtgestell in ihrem Mund blitzte. »Vielen herzlichen Dank!«

Die beiden Mädchen winkten zum Abschied und zogen kichernd weiter.

»Das ist der Preis des Ruhms«, spöttelte Parker.

»Gar nicht schlecht für eine ehemalige Größe, mit der Betonung auf ›ehemalig‹«, entgegnete Shawna trocken, unfähig, den Stolz in ihrer Stimme zu verbergen. »Zumal du ja immer noch Brad Lomax’ Coach bist. Wie du sicher weißt, ist er jetzt der Star.«

Parkers Grinsen wurde noch schiefer. »Gib’s zu, McGuire, du bist noch sauer, weil du den Ring nicht erwischt hast.« Er legte den Arm um ihre Schultern und zog sie an sich.

»Vielleicht ein kleines bisschen«, räumte sie mit einem glücklichen Seufzer ein. Der Tag war perfekt, abgesehen von der drückenden Schwüle. Hoch über ihren Köpfen schwankten die Äste hoher Tannenbäume sanft in der heißen Sommerluft, während von Westen her dunkle Wolken aufzogen.

Shawna schwebte förmlich, als sie über den »Jahrmarkt aus vergangenen Zeiten« schlenderten. Am Fuße der Kaskadenkette, auf mehreren Hektar Farmland verstreut, standen graubraune Zelte, farbenprächtige, glitzernde Fahrgeschäfte und bunte Erfrischungsstände vor dem Hintergrund der spektakulären Berge. Dampforgelmusik erfüllte die Luft, Marktschreier priesen der lärmenden Menge ihre Waren an oder forderten sie zu verschiedenen Spielen auf. Überall roch es nach Pferden, Sägemehl, Popcorn und Karamell.

»Willst du auch mal ausprobieren, wie viel Kraft du hast?«, fragte Shawna und deutete auf einen Holzfäller, der vor einer Attraktion stand, die »Hau den Lukas« genannt wurde. Der bullige Mann hob einen schweren Hammer über den Kopf und ließ ihn mit aller Kraft herabsausen. Der Hammer schlug auf einen gefederten Kopf auf und ließ ein in einer Röhre befindliches Metallstück in die Höhe schnellen.

Parker verzog zynisch die Lippen. »Ich passe. Ich will mir schließlich nicht meinen Tennisarm ruinieren!«

»Verstehe.«

Parker fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. »Es gibt noch einen weiteren Grund«, gab er zu.

»Und der wäre?« Shawna zog fragend eine Augenbraue in die Höhe.

»Ich will mir meine Kräfte für morgen Nacht aufsparen.« Seine Stimme wurde noch tiefer, seine Augen blitzten geheimnisvoll. »Da gibt es nämlich eine ganz bestimmte Dame, die meine gesamte Aufmerksamkeit und meinen vollen körperlichen Einsatz fordern wird.«

»Tatsächlich?« Sie steckte ihm etwas Popcorn in den Mund und grinste. »Dann solltest du sie besser nicht enttäuschen.«

»Das werde ich nicht«, versprach er. Sein Blick glitt zu ihrem Mund.

Shawna schluckte. Immer wenn er sie so ansah, so sinnlich, so verführerisch, fing ihr Herz an, doppelt so schnell zu schlagen wie sonst. Sie wandte die Augen ab. Ihr Blick fiel über seine Schulter hinweg auf eine kleine, dicke Frau, die, einen leuchtend bunten Schal um den Kopf geschlungen, vor einem der Zelte stand.

Sie fing Shawnas Blick auf und rief: »Soll ich Ihnen die Zukunft vorhersagen?« Ihre großen Kreolen schwangen hin und her, als sie Shawna und Parker mit rot lackierten Fingernägeln herbeiwinkte.

»Ich weiß nicht …«

»Warum nicht?«, fragte Parker und schob Shawna in das abgedunkelte, enge Zelt. Es roch nach Staub und süßlichem Parfüm. Shawna nahm auf einem staubigen Kissen vor einem kleinen Tisch Platz und fragte sich, warum in aller Welt sie hier gelandet war. Der Fußboden war voller Sägemehl und Stroh, und das einzige Licht, das von draußen hereinfiel, drang durch einen schmalen Schlitz oben in der Zeltplane. Der Ort war ihr unheimlich.

Parker legte einen Fünf-Dollar-Schein auf den Tisch und setzte sich neben Shawna, einen Arm noch immer lässig um ihre Schultern gelegt, die langen Beine übereinandergeschlagen.

Das Geld verschwand blitzschnell in den voluminösen Rockfalten der Zigeunerin, die auf einem Stapel Kissen auf der anderen Seite des Tisches Platz nahm.

»Sie zuerst?«, fragte sie und warf Shawna ein freundliches Lächeln zu. Von draußen drang ein Sonnenstrahl ins Zelt und ließ ihre Goldkronen aufblitzen.

Shawna warf Parker einen Blick zu, zuckte die Achseln und sagte dann: »Sicher. Warum nicht?«

»Gut!« Die Wahrsagerin klatschte in die runzeligen Hände. »Dann zeigen Sie mir Ihre Handflächen, damit ich Ihr Schicksal daraus lesen kann.« Sie nahm Shawnas Hand in ihre und strich sanft über die glatte Haut, fuhr mit der Fingerspitze die Linien in Shawnas Handfläche nach.

»Ich sehe, dass Sie lange und schwer gearbeitet haben.«

Das kann man wohl sagen, dachte Shawna trocken. Während ihres Studiums, erst auf dem College, dann an der medizinischen Fakultät, hatte sie mehr Stunden als Bartenderin hinter dem Tresen verbracht, als sie zählen wollte. Es waren ausgesprochen anstrengende Jahre gewesen, Spätschichten und Seminare am frühen Morgen, doch endlich hatte sie es letztes Jahr geschafft und ihre Ausbildung zur Internistin abgeschlossen. Aber auch jetzt noch jonglierte sie ständig mit ihren Sprechstunden und Einsatzplänen in der Klinik und arbeitete härter, als sie es sich je hätte träumen lassen.

»Und Sie haben eine glückliche Familie.«

»Ja«, gab Shawna stolz zu. »Einen Bruder und meine Eltern.«

Die Frau nickte, als würde sie deren Gesichter in Shawnas Handfläche vor sich sehen. »Sie werden ein langes, erfolgreiches Leben führen«, sagte sie gedehnt, dann wanderten ihre Finger über eine andere Linie in Shawnas Hand, nur um kurz darauf innezuhalten. Das Gesicht der Zigeunerin umwölkte sich. Sie schürzte die Lippen und ließ Shawnas Handgelenk los, so schnell, wie sie es eben ergriffen hatte. »Ihre Zeit ist um«, sagte sie leise. Ihre alten braunen Augen strahlten Güte aus.

»Was?«

»Wollen Sie auch noch?«, fragte sie, an Parker gewandt.

Parker schüttelte perplex den Kopf.

»Der Nächste, bitte!«, rief die Wahrsagerin in Richtung des Zelteingangs.

»Das ist alles?«, wiederholte Shawna überrascht. Sie kannte sich nicht aus mit Wahrsagerei, aber sie hatte gerade Gefallen daran gefunden, außerdem hatte sie den Eindruck, dass irgendetwas an ihrer Fünf-Dollar-Zukunft nicht vollständig war.

»Ja. Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich sehen kann. Jetzt ist der Nächste an der Reihe …«

»Augenblick mal. Was ist mit meinem Liebesleben?« Sie zwinkerte Parker zu.

Die Wahrsagerin zögerte.

»Ich dachte, Sie könnten alles sehen«, forderte Shawna sie heraus. »Zumindest steht das auf Ihrem Schild am Eingang.«

»Es gibt Dinge, die besser ungesagt bleiben«, flüsterte die Frau und machte Anstalten, aufzustehen.

»Ich komme damit zurecht«, versicherte Shawna, obwohl ihr etwas mulmig zumute wurde.

»Glauben Sie mir, Sie möchten es nicht wissen«, beharrte die Wahrsagerin, jetzt leicht ungeduldig.

»Natürlich möchte ich es wissen«, widersprach Shawna. Obwohl sie nicht wirklich an diesen Hokuspokus glaubte, wollte sie doch etwas für ihr Geld geboten bekommen. »Ich möchte alles wissen.« Sie streckte der Zigeunerin die geöffnete Handfläche entgegen.

»Sie ist sehr stur«, ließ sich Parker vernehmen.

»Das merke ich.« Die Wahrsagerin setzte sich gemächlich auf dem Kissenstapel zurecht, schloss Shawnas Finger und sah ihr direkt in die Augen. »Ich sehe einen Mann in Ihrem Leben, der Ihnen sehr viel bedeutet – Sie lieben ihn von ganzem Herzen, zu sehr vielleicht.«

»Und?«, fragte Shawna leicht gereizt, weil sie spürte, wie sich ihre Nackenhärchen vor Furcht sträubten.

»Sie werden ihn verlieren«, sagte die Frau traurig, warf einen Blick auf Parker und erhob sich rasch. »Und jetzt gehen Sie«, forderte sie die beiden auf und strich sich das Stroh vom Rock. »Gehen Sie.«

»Komm«, sagte Parker mit skeptischem Blick, nahm Shawna bei der Hand und zog sie aus dem dunklen Zelt.

Draußen schlug ihnen die heiße, drückende Luft entgegen, die ihnen im Vergleich zu dem stickigen Zeltinneren jedoch geradezu erfrischend vorkam. »Du hast sie bestochen, hab ich recht?«, fragte Shawna vorwurfsvoll. »Das Ganze war ein abgekartetes Spiel!« Sie blickte unbehaglich auf das kleine Zelt zurück.

»Nein! Jetzt erzähl mir nicht, du glaubst den Unsinn, den sie dir weismachen wollte.«

»Natürlich nicht, aber unheimlich war es trotzdem.« Schaudernd rieb sie sich die Arme. Trotz der sommerlichen Hitze war ihr plötzlich kalt.

»Und es war weit gefehlt, um nicht zu sagen: völliger Quatsch!« Lachend zog Parker sie an der Hand hinter sich her und führte sie durch ein Tannenwäldchen, weg von der Menge und dem Jahrmarkt.

Die schweren, nadelbewehrten Äste boten ihnen ein wenig Schatten und Privatsphäre und kühlten die Schweißtropfen, die sich in Shawnas Nacken zu sammeln begannen.

»Du glaubst ihr doch nicht etwa, oder?«, fragte er und sah ihr prüfend in die Augen.

»Nein, aber …«

»Warte nur, bis die Ärzteschaft Wind von der Sache bekommt!«

Shawna musste unweigerlich grinsen. Sie drehte ihr Haar zu einem losen Zopf und hob ihn an, weg von ihrem Nacken. »Du machst dich über mich lustig.«

»Vielleicht ein ganz kleines bisschen.« Er trat näher und drängte sie, die Hände locker auf ihre Schultern gelegt, mit dem Rücken gegen den rauen Stamm einer Douglastanne. »Das hast du verdient, nachdem du mich so wegen des vermaledeiten Messingrings aufgezogen hast!«

»Schuldig im Sinne der Anklage«, räumte sie ein. Sie ließ ihr Haar los und schlang die Arme um seine schmale, durchtrainierte Mitte. Unter seinem dünnen Hemd konnte sie seine Muskeln spüren.

»Gut.« Er zog den Messingring aus seiner Tasche und steckte ihn ihr spielerisch an den Finger. »Mit diesem Ring nehme ich dich zur Frau, auch wenn er viel zu groß ist«, sagte er leise und betrachtete die pastellfarbenen Bänder, die über ihren Arm fielen.

Shawna musste die Glückstränen wegblinzeln, die ihre Wimpern nässten. »Ich kann es kaum erwarten«, flüsterte sie, »dass wir endlich richtig heiraten.«

»Ich auch nicht.« Er legte seine Stirn gegen ihre und betrachtete die Grübchen, die sich in ihren Wangen bildeten, wenn sie lächelte.

Shawnas Puls beschleunigte sich. Sein warmer Atem strich ihr übers Gesicht, seine Finger griffen in ihr honiggoldenes Haar und zwirbelten eine der langen, weichen Strähnen. Seine Lippen verzogen sich zu einem süffisanten Grinsen. »Und jetzt, Dr. McGuire, gib acht. Ich habe vor, dich mir zu Willen zu machen!«, drohte er.

»Gleich hier? An Ort und Stelle?«, fragte sie unschuldig.

»Für den Anfang, ja.« Er streifte verführerisch mit den Lippen über ihre, und Shawna seufzte in seinen geöffneten Mund.

Sie spürte, wie ihr heiß wurde. Ihre Knie drohten nachzugeben. Er küsste ihre Augenlider, ihren Hals, und sie stöhnte und öffnete erwartungsvoll die Lippen. Seine Hände fühlten sich stark an und kraftvoll, und sie wusste, dass Parker immer für sie Sorge tragen, sie beschützen würde. Tief in ihrem Innern loderte ein Feuer der Begierde, das nur er löschen konnte.

»Ich liebe dich«, flüsterte sie. Der Wind fuhr ihr durchs Haar und wehte es aus ihrem Gesicht, genau wie ihre Worte.

»Und ich liebe dich.« Er hob den Kopf und sah ihr in die Augen, in denen pure Leidenschaft loderte. »Morgen Nacht werde ich dir zeigen, wie sehr.«

»Müssen wir wirklich so lange warten?«, fragte sie und schürzte enttäuscht die Lippen. Sie waren jetzt seit sechs Wochen zusammen, und sie hatten noch nie richtig miteinander geschlafen. Das war zwar fürchterlich altmodisch, aber es war eine Art Spiel zwischen ihnen – sie beide hatten es so gewollt.

»So lange ist es doch gar nicht mehr«, sagte Parker tröstend, »außerdem hatten wir eine Abmachung, schon vergessen?«

»Das war albern.«

»Gut möglich«, pflichtete er ihr bei. »Und es war die Hölle.« Seine markanten Züge wurden angespannt. »Aber warst nicht du diejenige, die behauptet hat: ›Alles Bedeutsame lohnt das Warten‹?«

»Das ist eine ziemlich verkürzte Version, aber im Grunde – ja.«

»Und bis jetzt haben wir durchgehalten.«

»Was für eine Tortur«, gab sie zu. »Das nächste Mal, wenn ich eine so pathetische, idealistische dumme Idee habe, erschieß mich bitte!«

Grinsend drückte er ihr einen Kuss auf die Stirn. »Ich nehme an, das bedeutet, dass ich meine Geliebte aufgeben muss.«

»Deine was?«, schäumte sie, wohlwissend, dass er sie nur aufzog. Seine Geliebte! Diese geheimnisvolle Frau – ein reines Hirngespinst – war schon immer ein Scherz zwischen ihnen gewesen, ein Scherz, der mehr schmerzte, als sie zugeben wollte. »Oooh, du bist wahrhaftig der arroganteste, selbstsüchtigste, egozentrischste –«

Er umfasste mit einer Hand ihre Handgelenke und hob sie hoch über ihren Kopf. »Na los, sprich nur weiter«, drängte er sie und ließ die Augen langsam, Zentimeter für Zentimeter an ihr hinabwandern, angefangen bei ihren strahlend grünen Augen, den geschürzten, vollen Lippen, über ihre Halsbeuge, in der ihr flatternder Puls zu sehen war, dann tiefer, bis hin zu den üppig gerundeten Hügeln ihrer Brüste, die sich gegen den apricotfarbenen Baumwollstoff drückten und sich mit jedem ihrer keuchenden Atemzüge hoben und senkten.

»– aufgeblasenste, anmaßendste, unverfrorenste Mistkerl, dem ich je begegnet bin!«

Er senkte den Kopf und küsste die empfindsamen Rundungen ihres Schlüsselbeins, und sie spürte, wie sie innerlich schier zerfloss. »Hast du noch etwas vergessen?«, fragte er. Sein Atem strich warm über ihre ohnehin glühend heiße Haut.

»Eine Million Dinge!«

»Zum Beispiel?«

»Deine Unersättlichkeit«, stieß sie hervor und zog scharf die Luft ein, als sie seine feuchte Zunge auf ihrem Hals spürte. »Hör auf damit«, stammelte sie, zu schwach für wirklichen Protest.

»Bist du die Frau, die noch vor ein paar Minuten um mehr gebettelt hat?«

»Parker …«

Er erstickte ihren Widerstand damit, dass er eilig seinen Mund auf ihren legte und sich fordernd an sie drückte. Er küsste sie mit der Leidenschaft, die in ihm brannte, seit sie einander zum ersten Mal begegnet waren. Den Rücken gegen den Baumstamm gepresst, die Hände um seinen Nacken geschlungen, übertrug sich die unhaltbare Begierde von seinen Lippen auf ihre.

Er rieb seinen Schritt an ihrer Scham, sodass sie überdeutlich den steinharten Beweis seiner Leidenschaft spürte.

»Bitte –«, wisperte sie, und er stöhnte.

Seine Zunge umspielte ihre Lippen, dann drang er in die warme Süße ihres offenen Mundes ein.

»Parker …«, stöhnte sie erstickt und schloss die Augen.

Plötzlich spannten sich sämtliche Muskeln in seinem Körper an, und er entließ sie so schnell aus seinen Armen, wie er sie zuvor umschlungen hatte. Leise fluchend trat er einen Schritt von ihr fort. »Du bist gefährlich, weißt du das?« Mit zitternden Fingern schob er sich das Haar aus den Augen. »Ich – ich denke, wir sollten jetzt besser gehen.«

Shawna schluckte mit einiger Mühe, doch sie nickte. Ihre Wangen brannten, ihr Herz raste unkontrolliert, und sie hatte Mühe, Luft zu bekommen. »Aber Morgen, Mr. Harrison, kommst du mir nicht so leicht davon.«

»Reiz mich nicht noch mehr«, warnte er sie, die Lippen zusammengepresst in dem Bestreben, seine Selbstbeherrschung zurückzugewinnen.

»Das würde mir nicht im Traum einfallen«, versprach sie, und ihre Augen, grün wie die Tannen um sie herum, blickten plötzlich ernst drein.

Er verschränkte seine Finger mit ihren und zog sie hinter sich her zum Parkplatz. »Lass uns aufbrechen. Wenn ich mich richtig erinnere, müssen wir heute Abend noch die Generalprobe für die Trauung sowie das Probeessen hinter uns bringen.«

»Leider«, stöhnte sie und fuhr sich mit den Fingern durch ihr zerzaustes Haar, während sie sich den Weg durch die ungleichmäßigen Reihen parkender Fahrzeuge zu ihrem Auto bahnten. »Hochzeitsgeneralproben sind etwas Schreckliches. Ich hätte auf dich hören sollen, als du mit mir durchbrennen und mich in aller Heimlichkeit heiraten wolltest.«

»Beim nächsten Mal weißt du’s besser.«

»Es wird kein nächstes Mal geben«, gelobte sie, als er ihr die Tür seines Jeeps öffnete und sie in das aufgeheizte Wageninnere kletterte. »Du wirst mich für den Rest deines Lebens am Hals haben!«

»Genau das wünsche ich mir.« Er glitt hinters Lenkrad, öffnete die Fenster und startete den Motor.

»Obwohl du dann deine Geliebte aufgeben musst?«

Er verschluckte sich und warf ihr hustend einen amüsierten Seitenblick zu. Die Lippen zu einem zynischen Grinsen verzogen, setzte er aus der Lücke und holperte über das unebene, von Furchen durchzogene Feld, das als Parkplatz diente.

»Was ich nicht alles aus Liebe tun würde«, murmelte er, dann legte er den Vorwärtsgang ein und schaltete das Radio an.

Shawna starrte aus dem Fenster auf die vorüberziehende Landschaft. In der Ferne schoben sich düstere Wolken rund um die zerklüfteten Hänge des Mount Hood zusammen. Die Schatten, die auf das hügelige, trockene Ackerland fielen, wurden länger. Der Wind frischte auf, sonnenverbranntes Weideland wechselte die Farbe, wurde von Gold zu Braun. Grasende Rinder hoben die Köpfe in Erwartung des aufziehenden Sturms, Gräser und Wildblumen entlang der Zäune bogen sich in der feuchtheißen Brise.

»Sieht so aus, als braute sich ein Unwetter zusammen.« Parker blickte auf den harten, ausgetrockneten Boden und runzelte die Stirn. »Wir könnten ein bisschen Regen gebrauchen.«

»Aber nicht heute Abend und morgen schon gar nicht«, widersprach Shawna. »Nicht an unserem Hochzeitstag.« Morgen, dachte sie mit einem Lächeln. Sie versuchte, die finstere Prophezeiung der Zigeunerin und die Aussicht auf Regen zu verdrängen. »Morgen wird ein perfekter Tag werden!«

 

 

 

»… möget ihr zusammen glücklich werden. Auf Braut und Bräutigam! Lebet hoch!«, sagte Jake, warf seiner Schwester ein Lächeln zu und reckte sein Weinglas in die Luft.

Strahlend hob Shawna ihr Glas und musterte ihren dunkelhaarigen Bruder bewundernd.

»Hoch! Hoch!«, fielen die restlichen Gäste mit ein. Gläser klirrten, muntere Gespräche und Gelächter füllten den großen Bankettsaal des edwardianischen Hotels in der Innenstadt von Portland. Der Raum war voller Familienmitglieder und Freunde, die zu den Feierlichkeiten geladen waren. Nach dem Probedurchlauf, bei dem es nur wenige Patzer gegeben hatte, und einem wundervollen Essen folgten nun die weinseligen Tischreden.

»Wie war ich?«, fragte Jake und ließ sich auf seinen Stuhl fallen.

»Eloquent«, gab Shawna lächelnd zu. »Ich wusste gar nicht, dass du so etwas kannst.«

»Das kommt, weil du mir nie zugehört hast«, witzelte er, dann zwinkerte er Parker zu, die Ellbogen auf den Tisch gestützt. »Ich hoffe, du hast sie besser im Griff als ich.«

»Bestimmt«, prophezeite Parker und lockerte seine Krawatte.

»He, Augenblick mal«, protestierte Shawna, doch sie lachte und nahm einen Schluck kalten Chablis.

»Ich kann es kaum noch erwarten«, ließ sich Gerri, Shawnas beste Freundin, vernehmen. »Wann ist es denn endlich morgen früh?« Sie lächelte. »Ich dachte schon, dieser Tag würde niemals kommen, und dann ist es doch tatsächlich jemandem gelungen, die gute Frau Doktor zu überreden, mit ihm die Ringe zu tauschen.« Gerri schüttelte ihr rotbraunes Haupt, lehnte sich zurück und zündete sich eine Zigarette an, bevor sie ihr Feuerzeug geräuschvoll zuklappte, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen.

»Ich bin doch nicht mit meiner Arbeit verheiratet«, protestierte Shawna.

»Nicht mehr. Aber genau das warst du. Damals, in der medizinischen Fakultät, war es kein Zuckerschlecken, mit dir befreundet zu sein. Ich wiederhole: kein Zuckerschlecken!«

Parker umarmte seine zukünftige Frau. »Ich habe vor, das zu ändern, und ich werde gleich morgen damit anfangen!«

»Oh, tatsächlich?«, fragte Shawna mit zusammengekniffenen Augen. »Du solltest eines wissen, Mr. Harrison, du wirst derjenige sein, der sich anzupassen, um nicht zu sagen unterzuordnen hat.«

»Das kann ja heiter werden«, befand Jake. »Parker Harrison, der Pantoffelheld.«

»Darauf trinke ich!« Brad Lomax, Parkers prominentester Schüler, lehnte sich über Shawnas Schulter und verschüttete etwas von seinem Getränk auf das Leinentischtuch. Sein schwarzes Haar war zerrauft, seine Krawatte längst gelockert, und sein Atem roch nach Bourbon. Er war den ganzen Abend über schlecht gelaunt gewesen und hatte offenbar beschlossen, sämtliche Probleme, wie immer sie aussehen mochten, in Alkohol zu ertränken.

»Vielleicht solltest du es etwas langsamer angehen lassen«, schlug Parker ihm vor, als sich der junge Mann schwankend über den Tisch beugte.

»Wie bitte? Wo wir mitten beim Feiern sind? Ganz bestimmt nicht!« Um seine Worte zu betonen, kippte er seinen Drink und bedeutete dem Kellner, ihm noch einen zu bringen.

Parker sah ihn mit ernstem Blick an. »Wirklich, Brad, du hast genug für heute.«

»Ich habe niemals genug!« Er nahm sich ein Glas Champagner vom Tablett eines vorbeigehenden Kellners. »Das geht auf seine Rechnung!«, rief Brad und deutete mit dem Daumen auf Parker. »Das ist seine letzte Nacht in Freiheit! Was für eine Verschwendung, wenn ihr mich fragt.«

Jake schaute von Parker zu Brad und wieder zurück. »Vielleicht sollte ich ihn nach Hause bringen.«

Doch Brad griff in seine Tasche und zog einen Schlüsselbund hervor. »Das schaffe ich schon selbst«, widersprach er unwirsch.

»Brad …«

»Ich fahre, wann ich will.« Er beugte sich vor und legte einen Arm um Parker, den anderen um Shawna. »Wer weiß, vielleicht heirate ich ja selbst irgendwann«, lallte er grinsend.

»Das will ich erleben«, sagte Parker. »Ich glaube kaum, dass dich eine Frau an die Leine nehmen kann.«

Brad lachte. Wieder schwappte sein Drink über. Er stützte sich haltsuchend auf Shawna.

»Warum erzählst du mir nicht auf dem Weg nach Hause von deinen Heiratsplänen?«, fragte Parker und fasste Brads Arm.

»Aber die Party ist doch noch gar nicht vorbei …«

»Für uns schon. Wir haben morgen einen vollen Terminkalender. Ich möchte nicht, dass du einen Kater hast und deshalb die Trauung verpasst!«

»Bestimmt nicht!«

»Genau. Weil ich dich jetzt nach Hause bringe.« Er nahm Brad den Drink aus der Hand, stellte ihn auf dem Tisch ab und griff nach den Autoschlüsseln. Dann beugte er sich zu Shawna hinunter und küsste sie auf die Stirn. »Bis morgen früh, ja?«

»Um Punkt elf Uhr«, antwortete sie und sah ihn mit strahlenden Augen an.

»Das werde ich um nichts auf der Welt verpassen.«

»Ich auch nicht«, lallte Brad. Den Arm um Parkers breite Schultern gelegt, ließ er sich von ihm zur Tür führen. »Übrigens muss ich mit dir reden«, sagte er vertrauensvoll zu Parker. »Ich brauche deinen Rat.«

»Das ist doch nichts Neues.«

»Fahr vorsichtig«, sagte Jake zu Parker. »Draußen schüttet es wie aus Eimern – zum ersten Mal seit Monaten. Die Straßen könnten rutschig sein.«

»Ich passe schon auf«, versprach Parker.

Jake sah den beiden hinterher. »Ich verstehe nicht, warum Parker duldet, dass Brad sich so benimmt«, sagte er stirnrunzelnd.

Shawna zuckte die Achseln. »Du weißt, dass Brad Parkers Star-Nachwuchstalent ist, immerhin steht er auf Platz neun der Landesrangliste. Parker erwartet, dass er in seine Fußstapfen tritt, es bis an die Spitze schafft – und den Grand Slam gewinnt. Das volle Programm sozusagen.«

»Ist er so gut?« Jake wirkte nicht überzeugt, und Shawna verstand, warum. Als Psychiater hatte er mehr als genug junge Menschen gesehen, die zu schnell an die Spitze gelangt waren und mit dem Ruhm oder plötzlichen Reichtum nicht zurechtkamen.

Shawna setzte sich. »Parker behauptet, er sei der geborene Spitzensportler, der Beste, den er je gesehen habe.«

Jake schüttelte den Kopf und schaute erneut zu der Tür hinüber, durch die Parker und Brad verschwunden waren. »Das mag ja stimmen, aber der Junge ist ein Hitzkopf und hat Riesenkomplexe.«

»Vielen Dank für deine professionelle Einschätzung, Dr. McGuire.«

»Ist das die freundliche Variante, ›Halt dich da raus!‹ zu sagen?«, fragte Jake.

Shawna schüttelte den Kopf. »Nein, das ist die freundliche Variante, das Gespräch in heiteren Bahnen zu belassen – bitte keine tiefsinnigen Gedanken, okay? Ich heirate morgen.«

»Wie könnte ich das vergessen?« Er stieß den Rand seines Glases gegen ihrs, flüsterte: »Ich wünsche dir alles Glück auf der Welt« und trank einen Schluck von seinem Wein. »Und weißt du, was das Beste an dieser Hochzeit ist?«

»Mit Parker zusammenzuleben?«

»Nein. Die Tatsache, dass heute der letzte Tag ist, an dem zwei Dr. McGuires am Columbia Memorial Hospital beschäftigt sind. Schluss, aus. Von nun an gibt es keine Verwechslungen mehr, keine fehlgeleiteten Nachrichten oder Telefonanrufe!«

»Stimmt. Ab morgen bin ich Dr. Harrison.« Sie zog die Nase kraus. »Klingt ganz anders, stimmt’s?«

»Für mich klingt das großartig.«

»Für mich auch«, pflichtete sie ihm bei und starrte mit einem versonnenen Lächeln in ihr Weinglas. »Für mich auch.«

Sie fühlte, wie jemand sie an der Schulter berührte, und schaute auf. Ihr Vater stand hinter ihrem Stuhl, ein großer, korpulenter Mann, gekleidet in seinen besten Anzug, ein etwas wehmütiges Lächeln auf den Lippen. »Wie wär’s mit einem kleinen Tänzchen?«

»Sehr gern«, sagte sie, schob ihren Stuhl zurück und nahm seine Hand. »Aber danach geht’s ab nach Hause.«

»Müde?«

»Hmm, und ich möchte morgen gut aussehen.«

»Mach dir darüber keine Gedanken. Du wirst die schönste Braut sein, die je den Mittelgang der Kirche entlanggeschritten ist.«