Ich glaube, wo anders ist wie überall - Renate Göbel - E-Book

Ich glaube, wo anders ist wie überall E-Book

Renate Göbel

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Beschreibung

Die Wiedergeborene Renate hat sich mittlerweile von den schweren Verletzungen erholt, die ihr der machthungrige Möchtegern-Thronanwärter Yolander zugefügt hatte. Nun ist sie wieder fit genug um der Einladung ihrer Freundin Guendalina zu folgen und ins Elbenland zu reisen. Das es dort anders zugeht als zu Hause, hatte man ihr bei einem Benimmkurs für königliche Feiern ja schon eingebläut, aber dieses Mittelalterfeeling war dann doch sehr gewöhnungsbedürftig. Keine Technik, dafür aber Magie in jeder Lage und damit muss man erst einmal zurechtkommen. Mit unbekannten Kreaturen, die an Leib und Leben wollen, hatte sie auch nicht gerechnet. Gut, dass Renate ihre altbekannten Freunde dabei hat, die das Ding schon irgendwie schaukeln. Mit einer ganzen Elbeneskorte und einem Satyr an ihrer Seite, kann ja wohl nicht viel schiefgehen, oder? Und dass man nach einem Familienkrach, der sogar einige Todesfälle mit sich zieht, überhastet flüchten muss, ist auch eher ungewöhnlich.

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Seitenzahl: 453

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Renate Göbel

Ich glaube, wo anders ist wie überall

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Ich glaube, wo anders ist wie überall.

1. Bei allen Göttern! Wie konnte es nur soweit kommen? Cameon erinnert sich.

2. Schmerzhaftes Erwachen. Auch Wiedergeborene haben ein Schmerzempfinden.

3. Endlich wieder ein normales Schülerleben.

4. Partys sind nichts für mich und Pferde übrigens auch nicht.

5. Benimmregeln sind Kacke

6. Klimperkleine Feen. Wie niedlich sind die denn?!

7. Es geht los.

8. Mittelalterfeeling inklusive.

9. Umwege sind nie gut.

10. Warum? Warum? Warum ich?

11. Prinz hin oder her, Aidan ist doof.

12. Vorfreude, Trubel und andere Sitten

13. So war das wirklich nicht geplant.

14. Horrornachrichten und gewöhnungsbedürftige Bräuche.

15. Bloß weg hier. Ab, nach Hause!

16. Und dann?

Impressum neobooks

Ich glaube, wo anders ist wie überall.

(Die Wiedergeborenen Saga 2)

Renate Carlotta Göbel

Impressum:

Copyright © by Renate Carlotta Göbel 2018

Covergestaltung: Florian Jünemann

Personenverzeichnis

Renate:

Ein Teenager mit einer wiedergeborenen Seele, die sich auf eine 

geile Party in der anderen Welt freut.

Tante Elisa, Onkel Oliver und Baby Liam-Curt:

Einzig noch lebende Verwandte von Renate.

Aveline und Patrick:

Renates sehr menschliche und sehr gute Freunde am College.

Caja:

Halbling und Freundin, die ebenfalls eine besondere Einladung

bekommen hat.

Miss Wyler:

Rektorin des White-Cliff-Colleges.

Lily Shepherd:

Halbling und Lehrerin am College.

Cameon:

Ein Elb und seit einiger Zeit der feste Freund von Renate.

Oberon:

König der Elben. Hat zur Verlobungsfeier seines Sohnes geladen.

Titania:

Oberons Ehefrau und Königin.

Amnon:

Thronfolger und glücklicher Bräutigam.

Aidan:

Zweiter Sohn des Oberon und Prinz der Herzen.

Ermelina:

Schwester der beiden und somit Prinzessin der Elben.

Orlando:

Hauptmann der königlichen Garde und Frauenschwarm.

Yolander:

Oberons Neffe, der mit allen Mitteln auch mal an die Macht will.

Esmeralda:

Machtgierige Witwe von Oberons totem Bruder und Yolanders 

Mutter.

Guendalina:

Eine Elbe, die auf der Erde aufwuchs und nun die wundervolle Braut

des Thronfolgers abgibt.

Cadoc:

Guendalinas Vater und Oberons Statthalter auf der Erde.

Ayda und Jole:

Zwei klimperkleine Feen mit einem Hang zu Klatsch und Tratsch.

Sylvio:

Ein Satyr und Weiberheld. Manchmal auch ein Dieb.

Adelaide:

Eine Undine, die schon lange auf dem Trockenen sitzt. Als 

Wasserwesen braucht sie jeden Tag ein Bad.

Aphrodite:

Eine Göttin, der man ihre liebste Trophäe geraubt hat und nun

Rachepläne schmiedet.

Erato:

Eine Muse, die sich am liebsten mit freigiebigen Kerlen umgibt.

Mnemosyne:

Göttin der Erinnerung und gestresste Mutter der neun Musen.

Franca:

Attentäterin, die es einst auf Renate abgesehen hatte. Wurde von 

Cameon und Aidan ausgeschaltet.

Briha:

Elbenkriegerin und schon seit Jahrhunderten Aidans On-Off-

Beziehung.

Völker auf Seren Saethu (Planet in einer anderen Dimension):

Gorachod Gwlad (Elbenland):

Elben:

Magisch begabtes Volk, das sich gerne auch mal in die Belange der 

Menschen einmischt. Unumstrittene Herrscher im Elbenland.

Gwerin y Dwr (Volk des Wassers):

Leben in allen Gewässern und sind in der Regel für 

Nachrichtenübermittlungen gut geeignet. Für ihr gutes 

Aussehen bekannt, sind sie entsprechend eingebildet.

Gwerin y Mynyddoedd (Volk der Berge):

Leben im Gebirge, bauen Erze ab und sind eher ungesellig. Außer 

Handelsbeziehungen pflegen sie keinen Kontakt mit anderen 

Völkern.

Gwerin y Goedwig (Volk des Waldes):

Große, stämmige Wesen. Leben hauptsächlich in den Wäldern, 

erhalten die Bäume gesund, liefern Holz und betreiben Gasthäuser 

auf den Handelswegen.

Nid yw Hil Hudol (Nicht magisches Volk):

Sie stammen von den Menschen ab, die es vor undenklichen Zeiten 

ins Elbenland verschlagen hat. Sie bilden die Landbevölkerung und 

sind Bauern und Viehzüchter.

Duwiau Gwlad (Götterland):

Hier leben die Duwiau, die sich in der Menschenwelt gerne als 

Götter ausgeben. Durch ihre Versessenheit auf Technik haben sie

mit der Zeit ihre magischen Fähigkeiten eingebüßt.

1. Bei allen Göttern! Wie konnte es nur soweit kommen? Cameon erinnert sich.

Ich, Cameon Awyr Las ein Laird o Gorachod Gwlad, bin ein Elb und glaube eher nicht an Schicksal oder Vorbestimmung. Dann schon eher an Flüche, Verwünschungen, Rache und Eigennutz. Diese Dinge sind mir durchaus vertraut, denn ich lebe schon sehr lange und das in zwei unterschiedlichen Welten. Zum einen auf Seren Saethu meiner Heimatwelt, die manchen Menschen besser bekannt ist als segreto mundo, oder das Elbenland und zum anderen hier auf der Erde.

Mein fester Wille nicht an das Schicksal zu glauben, ist mir allerdings im letzten Sommer abhandengekommen.

Mein bester Freund und Waffengefährte Aidan bat mich damals, ihn auf eine kleine Mission zu begleiten. Sein Vater, Elbenkönig Oberon, hatte ihn beauftragt, ein Menschenmädchen mit einer wiedergeborenen Seele, aus einem College in England nach Florenz zu bringen.

Diese Wiedergeborenen sind etwas Besonderes, so hatte mir Aidan erklärt, ihre Seelen erinnern sich an jedes ihrer früheren Leben. Nur die Seelen wohlgemerkt, die jeweiligen Seelenträger bekommen nur Gefühle übermittelt, weil kein Mensch es fertig bringen würde, mit den Erinnerungen von hunderten schon gelebter Leben zurecht zu kommen. Der Einfachheit halber und damit man die Blutlinien registrieren und verfolgen kann, gehen die Seelen immer an weibliche Nachkommen in der jeweiligen Familie über. In der EHZIF, der Elben Hauptzentrale in Florenz, gibt es extra für diese Wiedergeborenen eine Unterabteilung. Das ist IVOBTAN, dort sind alle aktuellen Seelenträger verzeichnet und bei dem Ableben eines solchen wird ermittelt, wann und bei wem eine Wiedergeburt ansteht.

Diese künstlerisch veranlagten Seelen wurden vor unendlich langer Zeit von den Musen dazu bestimmt, ihnen zu helfen andere Menschen zu inspirieren.

Nun, ich kenne die Musen und konnte mir lebhaft vorstellen, dass sie sich aus lauter Bequemlichkeit Hilfskräfte geschaffen hatten. Die Namensgebung von IVOBTAN war dann auch auf deren Mist gewachsen. Diese Buchstaben bedeuteten nichts anderes als: Internationales-Verzeichnis-offiziell-berechtigter-Talentscouts-aller-Neun. Diesen Namen konnten sich die neun Musen eigentlich nur bei einer ausschweifenden Orgie ausgedacht haben, bei der viel Alkohol im Spiel war. Die Schwestern sind nämlich in solchen Momenten nicht gerade die Hellsten. Zum Glück interessiert sich niemand für diese Hintergrundbedeutung und es reicht, wenn man weiß wozu die IVOBTAN da ist.

Die Wiedergeborene, um die es sich handelte, hieß Renate Eckhard. Natürlich, wie auch anders! Schließlich kam der Name von 're natale', also die Wiedergeburt.

Steckte diese Renate etwa in Schwierigkeiten? Oder warum wollte der König sie gerade jetzt persönlich sehen? In Florenz war zurzeit nämlich die Hölle los und Oberon hätte eigentlich besseres zu tun, als sich um ein Menschenmädchen zu kümmern. Wegen der anstehenden großen Ratsversammlung waren immerhin die Vertreter der gesamten magischen Gemeinschaft dieser Welt anwesend. Von den Elben und den Duwiau mal ganz abgesehen.

Meine Neugierde war jedenfalls geweckt und die Tatsache, dass anscheinend Eile geboten war, erstaunte mich etwas. Unser König Oberon war zwar schon immer sehr human eingestellt, aber um einen einzelnen Menschen wurde sonst nicht so ein Aufheben gemacht. Es sei denn, die Geheimhaltung unserer Art, hier auf der Erde, war gefährdet.

Also erklärte mir Aidan die Hintergründe:

Aidan erklärte, dass das Mädchen selbst nichts verbrochen hätte. Eher wäre einer der Unsrigen in Schwierigkeiten. Seit mehreren Generationen gäbe es in der Familie dieser besagten Renate regelmäßig Opfer von Gewaltverbrechen zu beklagen. Das letzte Opfer wäre vor kurzem erst Renates Mutter in Deutschland gewesen. Da derartige Abgänge bei der EHZIF in der IVOBTAN registriert werden, würden solche Vorkommnisse auch automatisch in Augenschein genommen. An diesem letzten Tatort hätte man nun ein Indiz gefunden, welches auf Beteiligung einer unserer Leute schließen ließe, nämlich einen Dolch aus Elbenstahl. Genau deshalb wolle Oberon die Seele des Mädchens befragen lassen, vielleicht würden sich da einige Erkenntnisse ergeben, die etwas Licht ins Dunkel brächten. Mnemosyne, die große Göttin der Erinnerung, würde nämlich auch in Florenz erwartet, die Gelegenheit sei also günstig.

Diese besagte Renate hätte angeblich auch keine Ahnung, was sie wäre, oder welche Bestimmung sie in dieser Welt hätte. Da hatte ihre zuständige Muse anscheinend voll geschlampt und seinen Schützling nicht richtig eingewiesen. Das Versäumnis dieser Alten mutierte jetzt zu Aidans Problem und fing an, ihm Kopfzerbrechen zu bereiten. Er habe nur eine Woche Zeit, dieser Renate unsere Welt zu erklären. Das dürfte anstrengend werden. Ermelina musste er auch irgendwie nach Florenz schaffen, weil sie irgendetwas mit dieser Sache zu tun zu haben schien. Als Oberon nämlich den Aufenthaltsort der Wiedergeborenen ermitteln ließ, stellte sich heraus, dass diese Renate Eckhard schon am White-Cliff angemeldet worden war. Aidans Schwester, die solche Neuzugänge eigentlich sofort weitergeben müsste, hatte ebendies nicht getan. Da wurde der König hellhörig und nach einer Befragung des Archivars kam heraus, dass sich Ermelina schon seit langem Abschriften aus der IVOBTAN, über diese eine bestimmte Blutlinie besorgt hatte. Das machte sie verdächtig und ihr Vater wollte sie nun umgehend dazu befragen.

Bei allen Göttern! Das wurde immer interessanter. Ermelina, die Schwester meines besten Freundes, die ich schon seit meiner Kindheit an kenne, sollte etwas mit den Morden in der Blutlinie einer Wiedergeborenen zu tun haben? Nicht etwa, dass ich ihr solche Taten nicht zutrauen würde. Als Elbe und Königstochter hatte sie schon eine gewisse Kampfausbildung genossen und in Kriegs- und Krisenzeiten hat ein Elb keine Probleme irgendwelche Leben auszulöschen. Nur, unnütz und ohne ersichtlichen Grund verschwenden wir keine Leben. Außerdem hatte sich Ermelina in den letzten Jahrzehnten eher wohltätigen Aufgaben gewidmet. Zum Beispiel: Am White-Cliff College zu arbeiten, um den Mischlingen zwischen Elben und Menschen, den sogenannten Halblingen, beizustehen. Die wurden dort auf ihr überdurchschnittlich langes Leben vorbereitet und bekamen gezeigt, wie man in der heutigen Welt als Exot durchkommt.

Deshalb erklärte ich mich bereit, Aidan zu unterstützen und reiste mit ihm nach Dover.

Im College angekommen war Aidans erste Hürde die Rektorin Zoe Wyler. Die war zwar eine Eingeweihte und auch eng mit unserer Königsfamilie verbunden, aber sie weigerte sich, ihm das Mädchen vorzustellen oder gar auszuhändigen, wie Aidan es kurz und bündig verlangte. Sie sei schließlich ihre Schutzbefohlene. Mit seiner Schwester könne er allerdings verfahren wie er wolle und wie es die Situation erfordere. Nur Renates Vertrauen müsse er sich schon selbst erarbeiten und dann müsse sie auch die Wahl haben, mitzumachen oder eben nicht. Außerdem wollte sie sich erst bei König Oberon vergewissern ob alles seine Richtigkeit hätte. Zoe Wyler war uns gegenüber sehr nett und aufgeschlossen, aber in Verhandlungssachen schien sie ein harter Knochen zu sein.

So blieb Aidan nichts anderes übrig, als sich als Schüler auszugeben, um der Wiedergeborenen auf diese Weise näher zu kommen.

Mit allem Feingefühl, das er aufbringen konnte, versuchte Aidan dann im Laufe einer Woche dieser Renate alles zu erklären was sie wissen musste. Zum Beispiel: Sie sei eine Wiedergeborene und hätte eine Bestimmung und dass es galt den Mord an ihrer Mutter aufzuklären. Die Seelenbefragung spielte er ein wenig herunter, damit das Mädchen keine Panik bekam. Sogar die mystischen Wesen dieser Welt bekam sie erklärt.

Wenn mir Aidan dann jeden Abend die Ohren voll heulte, wie ungläubig, verstockt und bockig sich Renate anstellte, hätte ich mich manchmal vor Lachen wegschmeißen können. Ich hatte ja keine Ahnung, was für ein Jammerlappen mein Waffenbruder sein konnte. Mitleid hatte ich mit ihm allerdings keines. Denn mit seiner Schwester war er ganz schön hart ins Gericht gegangen und hatte sie eher ruppig behandelt. Ihre Beteuerungen, nichts Böses gewollt zu haben, schlug Aidan in den Wind und verschloss seine Ohren. Deshalb schüttete sie ihr Herz bei mir aus.

Ermelina hätte zwar schon immer ein schlechtes Gefühl dabei gehabt, wenn sie heimlich die Kopien der Abstammungsurkunden einer bestimmten Blutlinie weitergab, aber die Tragweite ihres Tuns hätte sie nie bedacht. Sie hatte große Gewissensbisse und auch Angst, ihrem Vater gegenübertreten zu müssen. Einzelheiten, dass ich jetzt so richtig schlau aus der ganzen Sache geworden wäre, wollte sie allerdings auch mir gegenüber nicht preisgeben.

Das konnte man ihr jetzt alles glauben oder nicht. Ich war jedenfalls froh, dass sich gerade zu der Zeit die Undine Adelaide am College aufhielt und sich ein wenig um Ermelina kümmern konnte, denn persönlich hatte ich wenig Lust den Tröster zu spielen. Die Schwester von Aidan war mir zwar lieb und teuer, aber sie war wirklich alt genug um selbst für ihre Verfehlungen einzustehen.

Ich verlegte mich derweil darauf, heimlich und von weitem, Aidan zu beobachten, wie er mit dieser Renate vorankam. Er legte sich zwar mächtig ins Zeug, aber letztendlich brauchte es noch einen kleinen Schubs von Zoe Wyler damit Renate zur Zusammenarbeit bereit war.

Da war ich zum ersten Mal beeindruckt von der Charakterstärke dieses Mädchens, denn wenn Aidan es darauf anlegte, konnte er sehr charmant und überzeugend sein und nicht viele weibliche Wesen konnten ihm dann widerstehen.

Wir flogen also nach Florenz und mein positiver Eindruck von Renate schlug irgendwann in Bewunderung um als sich herausstellte, mit welcher Ruhe und Gelassenheit sie neue Situationen meistern konnte.

Elben, Götter, Blutschwüre, die Seelenbefragungen durch Mnemosyne, den plötzlich aus der Versenkung aufgetauchten Amnon mit seiner kampfbereiten Leibgarde und sogar einen Kinnhaken von ihrer, vor Wut kochenden, Muse musste sie hinnehmen. Für einen ziemlich uneingeweihten und schlecht vorbereiteten Menschen hatte sie sich also ganz gut geschlagen und ich konnte mir plötzlich gut vorstellen, dass man mit so einem unerschrockenen Mädchen prima durchs Leben gehen könnte. Von da an begann ich mich mehr und mehr für sie zu interessieren. Und je näher ich mich mit Renate befasste, desto schneller bekam ich mit, dass sie mir gegenüber auch nicht so ganz abgeneigt war. Leider kam sie in dieser aufregenden Zeit gar nicht erst auf den Gedanken mit mir zu flirten und ich hielt mich wohlweislich auch mit der Tändelei zurück. In Florenz standen zu der Zeit ganz andere Dinge im Vordergrund. Ein einziges Mal, und zwar beim Kennenlernen von unserem Freund Sylvio, hatte sie gezuckt und Nerven gezeigt. Nun, es war ihr nicht zu verdenken, denn es ist schon gewöhnungsbedürftig einem ausgewachsen Satyr in seiner vollen Pracht gegenüberzustehen. Vor allem wenn er zu ihrem grenzenlosen Erstaunen auch noch ein mystisches Artefakt dabei hat, an das kaum ein Mensch so richtig glauben kann.

Das war dann eher eine lustige Ausnahmesituation. Die meisten Informationen hielten wir allerdings von ihr fern, denn ohne großes Hintergrundwissen hätte Renate sowieso nicht alles verstanden und zum Schluss doch noch Panik bekommen.

Wir anderen, inklusive König Oberon und seine Königin Titania, waren ja auch geschockt über die wahren Gründe dieser Mordserie in Renates Familie.

Die Muse Erato hatte, aus gekränkter Eitelkeit und Eifersucht, diese Morde in Auftrag gegeben und die Serienkillerin war Franca o'r tý Gwyrdd. Sie war keine Geringere als die Großcousine unserer Königin. Das musste erst einmal in unsere Köpfe rein und auch verkraftet werden.

Es wurden umgehend Maßnahmen ergriffen. Franca wurde zur Fahndung ausgesetzt und als vogelfrei erklärt, was so viel hieß wie tot oder lebendig unschädlich machen. Aidan und ich begleiteten Renate zurück ins englische College, wo wir uns als Schüler tarnten um sie zu beschützen. Der König befürchtete nämlich unbedachte Handlungen von Franca, wenn die realisierte dass sie aufgeflogen war. Renates Tante Elisabeth und ihr Onkel Oliver, die in Canterbury lebten, bekamen auch Personenschutz. Die beiden Kampfelben Briha und Mercan waren schon vor Ort als wir in England ankamen. Uns zur Seite gestellt war Cadoc Arawn, der Statthalter Oberons hier auf der Erde. Wir wunderten uns darüber, dass sich der große Heerführer höchstpersönlich an der Jagd auf Franca beteiligte, bis wir leider zu spät erkannten, welch andere Ziele er noch verfolgte.

So richteten wir uns in der Schule ein und warteten auf die Entwicklung der Dinge. Meine Tage als Schüler zu verbringen war schon etwas gewöhnungsbedürftig, aber es war die beste Tarnung um immer in Renates Nähe zu sein, denn es war schließlich meine Aufgabe rund um die Uhr für ihre Sicherheit zu sorgen. Und diese tagtägliche Nähe zu ihr spielte mir gut in die Karten. Irgendwann in der Zeit gestand sie dann mir und sich selbst endlich ein, dass sie durchaus Gefühle für mich hegte, wir wurden tatsächlich ein Paar und ich war der glücklichste Elb auf der Welt. Ihre anfänglichen Bedenken bezüglich unseres Altersunterschieds, immerhin etwas mehr als tausend Jahre, konnte ich ihr schnell ausreden, indem ich sie von meinen Beschützerqualitäten überzeugte.

Gegen Verbindungen zwischen Elb und Mensch gibt es in der Regel nichts einzuwenden. So etwas kam schon öfter vor. Man muss sich als unsterbliches Wesen nur der Tatsache bewusst sein, den Partner irgendwann einmal an den Tod zu verlieren. Doch in jenem Moment war ich glücklich und fing an, doch noch an ein gutes Schicksal zu glauben. Ich machte mir nur manchmal Gedanken, wie unsere Beziehung weitergehen würde, wenn diese Sache ausgestanden war. Im Großen und Ganzen war ich zwar mein eigener Herr und könnte sehr oft auf der Erde verweilen, aber ich hatte auch Verpflichtungen in meiner eigenen Welt. Und was Fernbeziehungen anging, traute ich diesen kurzlebigen Menschen nicht allzu viel Standhaftigkeit zu. Aber ich wollte mal das Beste für uns beide hoffen.

Witzig sind die Menschen ja, aber manchmal schwer zu verstehen für Unsereins. So zum Beispiel belegte Renate mich heimlich mit einem nicht schmeichelhaften Spitznamen. ‚Mein kleiner Depp‘ murmelte sie manchmal. Bis ich herausfand, dass es sich dabei um einen bestimmten Schauspieler handelte, dem ich angeblich ähnlich sehen soll, verging eine Weile. Von der Neugier getrieben, machte ich mir sogar einmal die Mühe und schaute einen Film von diesem Typen an. Danach war ich allerdings schlichtweg entsetzt. Denn von Ähnlichkeit war da überhaupt keine Spur und, bei allen Göttern, hoffentlich benehme ich mich nie auch im Entferntesten so albern wie der Kerl in seiner Rolle.

Alles war gut. Aidan meinte zwar, ich wäre ganz schön bescheuert wenn ich eine Beziehung mit einem Menschen anfing und sollte bloß aufpassen dass ich keine Halblinge in die Welt setzte. Aber so weit kam es noch, dass ich mir Beziehungstipps von jemandem geben ließ, der seit Jahrhunderten selber nicht mit seiner Freundin klar kam. Er hatte schon seit ewigen Zeiten eine Liebesgeschichte mit Briha o'r tý Cleddyf Beiddgar, die nicht immer reibungslos funktionierte. Aber er war mehr als begeistert, dass sie ausgerechnet hier in der Nähe stationiert war und versuchte immer wieder sein Glück bei ihr. Der Thronprinz Amnon bemühte sich derweil sehr intensiv um Guendalina Arawn, der er schon in Florenz verfallen war. Ausgerechnet die Tochter von Cadoc, aber für ihren Vater konnte dieses Mädchen ja nichts. Zuerst sträubte sie sich, aber mit der Zeit ließ sie sich erweichen und wenn nicht alle Zeichen trogen, stand bald eine Verlobung an.

So plätscherte ein halbes Jahr dahin und wir ergaben uns bald dem Alltagstrott. Aidan und ich absolvierten täglich unsere Übungskämpfe, um in Form zu bleiben. Ich versuchte außerdem Renate in Selbstverteidigung fit zu machen, falls sie einmal einer Bedrohung allein gegenüberstehen sollte. Die Sache erwies sich allerdings als schwieriges Unterfangen, denn sie hatte nicht die Kraft um irgendjemanden umzuhauen und vor Messern hatte sie eine höllische Angst. Aber ich war mir ziemlich sicher, immer in ihrer Nähe zu sein um sie zu beschützen. Deshalb sah ich ihre Talentfreiheit als nicht so tragisch an.

Von unserem großen Heerführer Cadoc bekamen wir in dieser Zeit wenig zu sehen. Er hatte sich sehr zum Leidwesen der Rektorin im Gästehaus der Schule einquartiert und sie war der unumstößlichen Meinung, dass Cadocs Anwesenheit nur Ärger bringen könne. Da spräche sie aus Erfahrung.

Wie immer ihre Erfahrungen aussahen weiß ich nicht, jedenfalls machte sich Cadoc ziemlich rar und wir wurden nicht in alle Einzelheiten einbezogen, was uns dann doch stutzig werden ließ. Als er heimlich immer mehr seiner Männer hier in der Nähe stationierte ohne uns seine Absichten zu erklären, holte Amnon seinerseits seine restliche Leibgarde von der Insel Martana und brachte sie in Canterbury unter. Sicher war sicher.

Wir beobachteten Cadocs Aktivitäten weiterhin und ließen ihn sogar von seiner Tochter Guendalina ausspionieren. Nur, etwas Konkretes konnten wir nicht herausbekommen.

Zwar gab es Gerüchte, dass Yolander Tywysog un Wlad, der Neffe unseres Königs, in Canterbury gesichtet wurde und das ließ uns aufhorchen.

Yolanders Vater war der Bruder von Oberon, er fiel vor langer Zeit in einer großen Schlacht und wird seitdem bei den Elben als Held verehrt. Deshalb ist dieser Familienzweig des Königshauses schon seit geraumer Zeit der Meinung, dass die Krone durchaus auch ihnen gebühre. Es gab in der Vergangenheit sogar einige unschöne Auseinandersetzungen deswegen. Yolanders Auftauchen ließ die ganze Sache auf jeden Fall noch einmal in einem anderen Licht erscheinen, denn wo er mit seinen Anhängern auftauchte war der Ärger nicht weit entfernt.

Aber außer dem einen Sichtkontakt konnte man ihn oder seine Leute nicht mehr ausmachen. Es blieb ruhig und als weiter nichts geschah, waren wir nicht mehr sicher ob wir einem Irrtum erlegen waren. Die Wochen zogen sich so dahin und wir ließen uns von einer gewissen Monotonie einlullen.

Und tatsächlich ahnten wir nichts Schlimmes, als wir uns kurz vor Weihnachten auf den Weg nach Canterbury machten.

Renate wollte ihre hochschwangere Tante besuchen und wir anderen hatten uns bei Briha und Mercan verabredet um die Feierlichkeiten zum Julfest zu besprechen. Zwar konnten wir dieses Jahr nicht so ausschweifend feiern wie es sich gehörte, weil wir ja wachsam sein mussten, aber so ganz ohne irgendwas wollten wir das Julfest nicht vorüberziehen lassen. Nur, eben nicht zwölf Nächte lang durchzechen, wie sonst üblich.

In Canterbury kam es dann zu einer Auseinandersetzung, die wir uns so nie ausgemalt hätten.

Wir liefen in eine Falle.

Vor dem Haus der Familie Bennet verabschiedete ich mich von Renate mit einem Kuss, was für ein gewisses Gejohle bei meinen Freunden sorgte. Und wenn ich geahnt hätte, dass das unser letzter Kuss war, wäre er auch deutlich länger ausgefallen. Aber in dem Moment war es Renate eher peinlich im Mittelpunkt der Sticheleien zu stehen und sie beeilte sich deshalb schnell ins Haus zu kommen.

Wir anderen stürmten, in Vorfreude auf einen Becher Met, das Nachbarhaus.

Amnon, der als Erster im Hausflur angekommen war, blieb unvermittelt stehen und gab uns Zeichen still zu sein. Gleichzeitig hatte er sein Handy gezückt und gab Befehle.

Beim Näherkommen sahen wir es dann auch. Mercan lag, mit einer hässlichen Wunde im Bauch, tot am Fuße der Treppe. Aus dem Obergeschoss und auch aus der Küche hörte man Kampflärm und es war klar was hier gerade gespielt wurde.

Wir zogen unsere Schwerter. Guendalina bekam von Amnon die Anweisung zurück zum Auto zu laufen, damit sie aus der Gefahrenzone war, denn sie hatte keinerlei Waffen dabei. Aidan und mir gab er zu verstehen, dass er nach oben gehen würde und wir in der Küche nachsehen sollten.

Eigentlich hatten wir eine kämpfende Briha erwartet, aber zu unserer Überraschung sahen wir zwei von Cadocs Männern, die sich gegen drei uns unbekannte Kämpfern zu behaupten schienen.

Was zur Hölle war hier los? Dann stockte ich kurz, bevor ich auch schon losrannte. Ich musste sofort zu Renate. Denn gerade hatte ich den mentalen Hilferuf von meinem blutgeschworenen Schützling erhalten. Renate war eindeutig in Panik. Aidan hatte das Gleiche gespürt wie ich.

Amnons Männer kamen auch gerade an. Die wurden also spielend alleine da drinnen fertig. Also kam er hinter mir her. Er lief zur Haustür der Bennets, während ich zur Rückseite des Hauses spurtete.

Was sich da im Haus abspielte, ließ mein Herz ins Stocken geraten. Da stand Franca, mit einem Dolch in der Hand und war im Begriff auf Renate einzustechen. Ich hoffte inständig, dass ich noch rechtzeitig eingreifen könnte. Um keine Zeit zu vergeuden, verschaffte ich mir Zugang indem ich kurzerhand die Terrassentür zertrümmerte. Tatsächlich war Franca von dem splitterndem Glas und meinem Anblick die entscheidenden Sekunden abgelenkt, dass sie nicht sofort zustach.

Als sie mich erkannte und begriff, dass ich ihr ins Handwerk pfuschen wollte, legte sie ein fieses Grinsen auf. Sie wusste, ich würde sie nicht mehr rechtzeitig erreichen, um sie zu stoppen. Franca holte zum Todesstoß aus und in all ihrer Siegesgewissheit bekam sie nicht mit, dass ihr von hinten Gefahr drohte. Weil ich so einen Lärm gemacht hatte, war Aidan unbemerkt ins Haus gelangt. Der stürzte zur Tür herein und rammte Franca kurzerhand sein Schwert in den Rücken. Bevor sie tot auf dem Boden aufschlug, machte sie ein höchst erstauntes Gesicht, denn mit einem zweiten Beschützer hatte sie nicht gerechnet.

Renate stand unter Schock so viel war klar, denn sie rührte sich keinen Millimeter vom Fleck. Aidan musste sie anschreien, damit sie wieder zu sich kam. Hinter mir nahm ich wahr, dass sich im Garten jemand bewegte und wollte schon los, um weitere eventuelle Feinde unschädlich zu machen. Aidan sah es auch und wollte die Sicherung des Gartens selbst übernehmen. Ich sollte auf schnellstem Weg Renate und Guendalina in Sicherheit bringen. Aidan gab Renate einen Stoß in Richtung Tür und herrschte sie an, zum Auto zu laufen. Da erwachte sie endlich aus ihrer Schockstarre und lief los. Ich war nur etwa vier Schritte hinter ihr und hoffte, dass Guendalina auch wirklich schon im Auto saß, damit ich die beiden Frauen schnellstens von hier wegbekam.

Da geschah das völlig Unfassbare.

Renate wollte mal wieder auf der falschen Seite ins Auto steigen und natürlich sah sie das herannahende Fahrzeug nicht weil sie auch in die falsche Richtung schaute. Die englischen Verkehrsregeln hatte sie nie so richtig verinnerlicht. Ich rief ihr noch eine Warnung zu, aber es war zu spät. Das Auto, welches mit überhöhter Geschwindigkeit fuhr, erfasste Renate und schleifte sie noch einige Meter mit. Anstatt anzuhalten gab der Fahrer nochmal Gas, Renate wurde gegen einen Hydrant geschleudert und blieb leblos liegen.

Ich eilte zu ihr und mir steckte der Schreck in den Gliedern als ich mich neben sie kniete. Renate lag böse zugerichtet auf der Straße und hatte ihr Bewusstsein verloren.

Guendalina kam aus dem Auto gesprungen und hatte schon ihr Handy am Ohr um Notarzt und Krankenwagen zu rufen. Sie sah mich mit schreckensweiten Augen an und kniete sich neben uns auf die Straße. Ich hatte Renates Kopf in meinen Schoß gelegt und Guendalina hielt ihre Hand. So saßen wir da und warteten auf Hilfe.

Mittlerweile schienen die Kämpfe auch vorbei zu sein, denn Aidan und Amnon setzten sich irgendwann zu uns und berichteten in aller Kürze von deren Ausgang.

Alle Gegner waren tot, bis auf einen und der wurde umgehend von Cadoc persönlich verhört.

Es sah so aus, als ob Franca mit den ewig unzufriedenen Leuten rund um Yolander gemeinsame Sache gemacht hatte. Bei ihrer Recherche über Renate war sie über die Tatsache gestolpert, dass die beiden Elbenprinzen immer wieder in ihrer Nähe auftauchten. Dieses Wissen hatte sie weitergegeben und der Tipp wurde auch dankbar angenommen. Gleich zwei potenzielle Thronfolger auf einmal ausschalten zu können war verführerisch und zusammen mit Franca hatte man die entsprechenden Pläne geschmiedet. Hätten die Verschwörer Erfolg gehabt, wäre das natürlich für den Thronräuber ein genialer Zug gewesen. Die halbe Monarchie ausgelöscht, wäre selbst für Oberon ein harter Schlag gewesen.

Das alles interessierte mich im Moment aber nur am Rande. Nach Briha fragte ich noch, hatte man sie etwa auch tot aufgefunden? Nein, wahrscheinlich nicht, denn sonst würde Aidan nicht hier neben mir sitzen. Er klärte mich auch umgehend auf:

„Briha war nicht im Haus. Als wir alles abgesucht hatten und sie nicht aufzufinden war, habe ich das Naheliegende getan und sie angerufen. Sie war mit Elisa noch beim Einkaufen und ist schon auf dem Weg hierher.“

Ich schaute mich kurz um aber außer meinen Freunden sah ich keinen weiteren Elben. Das war seltsam und ich fragte Aidan danach:

„Wo sind denn Cadocs Männer?“

Der machte eine abfällige Geste.

„Irgendwer muss ja die Gefallenen wegschaffen und auch bei Elisa im Haus aufräumen. Wir wollen doch nicht, dass das Tantchen einen Schock bekommt, wenn sie die Sauerei in ihrer Küche sieht.“

Ganz ehrlich, Aidan war manchmal so ein Arsch.

Elisa würde sowieso einen Schock kriegen, wenn sie ihre Nichte dermaßen zugerichtet zu sehen bekam.

Ich blickte zu der jungen Frau hinunter, die ich in meinen Armen hielt. Sie hatte überall Abschürfungen, ein Arm und auch ein Bein schienen gebrochen und eine hässliche Kopfwunde hatte sie auch. Innere Verletzungen waren wohl auch nicht ausgeschlossen.

Ich hatte im Laufe meines langen Lebens schon Schlimmes gesehen, denn in unzähligen Schlachten war ich über abgetrennte Gliedmaßen und herausquellende Eingeweide gestiegen. Aber einen geliebten Menschen zu verlieren ist sogar für mich schwer. Wie sollte es Elisa in ihrem schwangeren Zustand da erst ergehen?

Und so war es auch. Fast zeitgleich mit dem Krankenwagen tauchte Briha mit Elisa auf. Aidan redete schnell auf Briha ein und dann verschwanden die beiden. Natürlich wollte Briha ihren toten Bruder sehen und so ließ ich sie ziehen. Der Notarzt, der mit dem Rettungswagen erschienen war, kümmerte sich sofort um Renate und nach einer längeren Untersuchung wurde diese in den Krankenwagen gehoben.

Weil man mich zur Seite geschoben hatte damit ich nicht im Weg stand, nahm ich die Gelegenheit wahr und informierte Elisa über die Geschehnisse. In abgeschwächter Form natürlich, denn mit einer aufgeschlitzten toten Elbe in ihrer Küche wollte ich ihr nicht kommen. Selbst meine geschönte Darstellung brachte sie dermaßen aus der Fassung, dass der Arzt sie dann auch gleich mit ins Krankenhaus nahm.

Dort bekam Elisa dann vorzeitige Wehen, während an Renate eine Notoperation vorgenommen wurde. Es gab einen Augenblick in dem ich mir nicht sicher war, ob das Schicksal eingreifen wollte und Renate sterben sollte, bevor das Kind geboren wurde, damit dieses ihre Seele aufnehmen könnte. Aber sie lebte noch als das Kind zur Welt kam. Zu unserer aller Überraschung war es ein Junge und er bekam den Namen Liam-Curt, nach seinen beiden Großvätern. Er hätte die Seele also sowieso nicht erhalten. Diese Tatsache ließ mich hoffen, dass Renate weiterleben würde, um eventuell selbst einmal eine Tochter zu haben.

Renates Verletzungen waren so schwerwiegend, dass man sie nach der OP in ein künstliches Koma gelegt hatte. Aber ihre Chancen standen gut und man wollte sie bald aufwachen lassen. Mehr konnten die Ärzte mir nicht anvertrauen, weil ich kein direkter Verwandter war. Das ich mehr fühlte als ein Familienmitglied, wegen dem Blutschwur, damit konnten die Menschen nichts anfangen.

Ich saß jeden Tag an ihrem Bett, auf der Intensivstation, und bangte um ihr Leben. Die vielen Schläuche und Kabel, die an Renates Körper befestigt waren und an laut piependen Maschinen angeschlossen waren, trugen nicht viel zu meiner Beruhigung bei. Der Anblick, wie sie da so verloren und zerbrechlich in dem Krankenbett lag, tat mir in der Seele weh.

Elisa und Oliver kamen regelmäßig vorbei und ihre hoffnungslosen Blicke, wenn sie ihre Nichte betrachteten, verbreiteten noch mehr trübe Stimmung.

Inzwischen hatten sie mich als Renates Freund akzeptiert und duldeten mich an ihrer Seite. Obwohl es für sie schöner gewesen wäre, wenn Renate mich ihnen früher und persönlich vorgestellt hätte. Das mit der Vorstellerei musste ich notgedrungen selbst übernehmen, weil Renate sich bis dato nicht sicher war, wie Tante und Onkel einen Elbenfreund mit spitzen Ohren aufnehmen würden. Weil ich noch nie viel von Heimlichkeiten gehalten habe, war ich bei meiner Geschichte auch hart an der Wahrheit geblieben. Dass ich ihre Nichte in Italien kennengelernt hatte und selbst, aus einer ihnen unbekannten Welt stamme, haben sie irgendwie hingenommen. Nur, dass mit dieser anderen Welt auch gleich ein anderer Planet gemeint war, den man mittels eines Weltentores betreten kann, habe ich nicht so deutlich hervorgehoben. Nur eingeweihte Menschen durften über derlei Dinge Bescheid wissen.

Aidan kam auch des Öfteren vorbei und berichtete was so lief. Ich wusste nicht mit welchen Dingen er die Krankenschwestern bestach um eingelassen zu werden, denn auf so eine Intensivstation durfte nicht jeder erscheinen wie es ihm beliebte, aber das war seine Sache. Renates Freunde hatten es auf alle Fälle auch schon versucht, waren aber kläglich gescheitert. Bei seinen Besuchen unterhielt er mich mit Neuigkeiten, aber nicht immer konnte man ihm Feingefühl nachsagen. So kam er eines Tages ins Zimmer geplatzt und fragte doch tatsächlich:

„Na, ist die dumme Nuss immer noch nicht wach?“

Das war Galgenhumor, ich weiß, aber am liebsten wäre ich ihm in diesem Moment an die Gurgel gegangen.

Aidan versuchte mich auch mit Klatsch und Tratsch aufzumuntern. Silvio war nämlich in Canterbury aufgetaucht, in der Erwartung ein flottes Julfest zu feiern. Der war dann tief betrübt, dass es dieses Jahr ausfiel und aus welchen Gründen es dazu gekommen war. Was ihn aber nicht daran hinderte den Metvorrat seiner Freunde zu schmälern, denn bei ihm lief es zurzeit auch nicht so gut. Er hatte zwar ein paar tolle und amüsante Wochen mit Erato verbracht, die dann aber jäh endeten. Die dumme Pute hatte es sich nämlich dann doch nicht verkneifen können mit dem blöden Zankapfel anzugeben und Aphrodite bekam davon Wind. Jetzt war Silvio in Erklärungsnot, wo er das Ding denn eigentlich her hatte. Was sollte man dazu noch sagen? Er hatte selber Schuld. Wir hatten ihn seinerzeit ja gewarnt.

Aidan berichtete aber auch von ernsten Dingen. Zusammen mit seinem Bruder hatte er herausgefunden welch große Schuld Cadoc an der vergangenen Katastrophe trug.

Cadoc war bei den Ermittlungen hinsichtlich Franca, ihrer Verbindung zu Yolanders Verschwörer-Gruppe auf die Spur gekommen. Denen war er schon lange auf den Fersen, hatte aber nie genug Beweise gegen sie in der Hand. Anstatt sie alle gleich dingfest zu machen und uns mit einzubeziehen, wollte er unbedingt eine Falle stellen, um die Drahtzieher auch gleich zu erwischen.

Das war ja augenscheinlich mächtig schief gelaufen.

Yolander war dann auch ganz in der Nähe, um Augenzeuge zu werden wie zwei Prinzen und damit die halbe Monarchie den Bach runtergingen. Aber der Feigling hatte nicht mitgekämpft, sondern war geflohen als es schlecht um seine Truppe stand. Er war der Fahrer, der Renate so ohne Skrupel überfahren hatte.

Den Berichten zufolge war Cadoc trotz aller Verluste sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Hatte er doch jetzt die fehlenden Beweise um Yolander des Hochverrats anzuklagen. Mit seinen einsamen Entscheidungen hatte Cadoc viele Leben auf dem Gewissen. Wäre er die Dinge offener angegangen, könnte Mercan noch leben und Renate läge nicht im Koma.

Aber der Sturkopf lebte weiter nach seinem Motto: 'Das Wohl der Monarchie geht über die Befindlichkeiten Einzelner'. Dabei hatte er als Statthalter auch die volle Unterstützung unseres Königs. Da konnten sich Aidan und Amnon noch so viel bei ihrem Vater beschweren wie sie wollten, denn der Elbenkönig nimmt auch schon einmal Opfer in Kauf, wenn es um die Belange seines Reiches geht. Letztendlich würde sich Cadoc rechtfertigen können und alle Vorwürfe abschütteln wie ein nasser Hund das Wasser. Das, was ihm noch am meisten wehtun wird, ist das unnachgiebige Verhalten seiner Tochter. Guendalina war stinksauer auf ihren Vater und sprach seit dem Mordanschlag auf ihre menschliche Freundin kein Wort mehr mit ihm.

Ich hoffte nur, dass Renate überlebt. Wenn nicht, also wenn ich meine Liebe verlöre, würde ich mir kein Beispiel an Amnon nehmen. Der hatte sich ja Jahrhunderte lang in seiner Welt vergraben, als er seine Renate verlor. Ich hatte nicht vor, mich in meiner Welt zu verkriechen. NEIN! Ich, Cameon Awyr Las, würde Yolander noch vor allen anderen finden und dann könnten ihm nur noch seine Götter beistehen.

Als ich so da saß und Rachepläne schmiedete, geschah ein kleines Wunder und Glücksgefühle durchströmten mich.

Renate bewegte sich. Sie erlangte ihr Bewusstsein wieder. Sie erwachte!

2. Schmerzhaftes Erwachen. Auch Wiedergeborene haben ein Schmerzempfinden.

Wie durch einen dämpfenden Nebel hörte ich eine Stimme, die aber schnell deutlicher wurde:

„Hallo? Kannst du mich hören? Weißt du wie du heißt und wo du bist?“

Hä? Was war nur los mit mir und was waren das denn für blöde Fragen? Natürlich konnte ich hören und meinen Namen wusste ich selbstverständlich auch. Renate Eckhard heiße ich. Aber wer wollte das von mir wissen? Die andere Frage war etwas schwieriger zu beantworten. Wo war ich? Um das festzustellen musste ich erst einmal die Augen aufmachen, was sich als nicht so einfach herausstellte. Als ich dies mit viel Mühe endlich bewerkstelligt hatte, bekam ich erst einmal einen gehörigen Schreck. Denn ich schaute in ein fremdes Gesicht, das mich gespannt musterte. Dieses Gesicht gehörte zu einem Mann, der in einem weißen Kittel steckte. Das ließ die Vermutung zu, dass es sich um einen Arzt handelte und ich vielleicht in einem Krankenhaus lag. Anstatt dem Arzt nun zu antworten und somit zu beweisen, dass ich durchaus meinen Namen wusste, schaute ich vorsichtig an mir herunter und bekam gleich noch einmal einen richtigen Schock. Ich hatte überall Verbände und an manchen Stellen guckten Schläuche und Kabel aus meinem Körper hervor.

„Ach du Scheiße!“, kam es mit einer komisch heiseren Stimme aus mir heraus. Voller Panik starrte ich den Mann an und hoffte, dass er mir mal ganz schnell auf die Sprünge half.

Dieser unflätige Ausdruck reichte aber schon, um dem Arzt ein Lächeln zu entlocken und zudem noch ein anderes Gesicht auf den Plan zu rufen. Cameon beugte sich über mich und flüsterte unendlich erleichtert:

„Den Göttern sei Dank! Du bist wach.“

Als ich Cameon sah, war ich so froh! Bedeutete es doch, dass ich nicht allein war und sich jemand um mich sorgte. Dann allerdings kam schlagartig die Erinnerung: An Kämpfe, die Angst im Angesicht eines Todes durch einen Dolch verursacht, eine aufgespießte tote Franca in der Küche meiner Tante Elisa und der Zusammenprall mit einem Auto.

Allem Anschein nach lebte ich noch, aber der Rückblick auf die vergangenen Geschehnisse ließen mich erschöpft zurücksinken und ich fiel fast dankbar wieder in einen nebeligen Dämmerzustand. Ich hörte nur noch, wie der Arzt zu Cameon sagte:

„Lassen wir sie schlafen. Das Schlimmste hat sie nun überstanden.“

Als ich das nächste Mal aufwachte, saßen außer Cameon auch meine Tante Elisa und mein Onkel Oliver an meinem Bett. Ich versuchte mich ein wenig zu drehen, um alle richtig sehen zu können und da musste ich vor Schmerz laut aufstöhnen. Sofort sprangen alle von ihren Stühlen auf, umringten mein Bett und es prasselte gute Ratschläge und Erklärungen.

Meinem Onkel Oliver merkte man da gleich den Mediziner an:

„Bleib ganz ruhig liegen, du brauchst unbedingt noch Ruhe! Die Wunde am Kopf ist ja schon schön verheilt, aber mit der Narbe an deinen Bauch solltest du dich noch vorsehen.“

Meine Tante Elisa war einfach nur erleichtert:

„Ja genau, Schätzchen. Mach langsam! Obwohl du schon um einiges besser aussiehst als am Anfang, musst du dich noch schonen. Wir sind ja froh, dass du überhaupt wieder ganz gesund werden wirst.“

Und mein Elbenfreund Cameon dachte sofort in die praktische Richtung. Aber als ich ihm dabei in die Augen sah, wie er mir die Tatsachen runterrasselte, konnte ich Tränen der Rührung darin glitzern sehen und mir wurde bewusst, wie viele Sorgen er sich um mich gemacht hatte.:

„Hallo Kleines. Schön, dich endlich wieder mit offenen Augen zu sehen. Keine Sorge, du wirst bald wieder aufstehen können. Deine Wunden verheilen gut und die Gipsverbände können schon in der nächsten Woche ab und dann helfe ich dir, wieder fit zu werden.“

Wie? Da konnte ich mich ja nur verhört haben. Wunden schon gut verheilt und Gips konnte ab? Das alles hörte ich mit Erstaunen. Und überhaupt, als ich mir Elisa so richtig ansah, war irgendetwas falsch. Genau! Wo war denn ihr monströser Schwangerschaftsbauch geblieben? Wie lange lag ich denn schon ohne Bewusstsein hier herum?

Es stellte sich heraus, dass sich der Januar fast dem Ende zuneigte und ich vier lange Wochen im Koma gelegen hatte. Deshalb waren meine Wunden schon fast verheilt. Und was das Kind in Elisas Bauch betraf, so wurde es am Tag meines Unfalls geboren. Vor Schreck sozusagen. Es war ein Junge und trotz der widrigen Umstände bei seiner Geburt, war er gesund und wohlauf! Ich hatte jetzt also einen funkelnagelneuen Cousin. Liam-Curt hatten sie ihn genannt! Wie seltsam. Elisa erklärte mir zwar, dass das durchaus üblich wäre, einen Sohn nach seinen beiden Großvätern zu benennen, aber Curt schien mir etwas hart für einen Säugling. Wahrscheinlich würde es sowieso nur bei Liam bleiben und das fand ich in Ordnung. Aber wo war denn bloß die prophezeite Tochter abgeblieben, die als meine zukünftige Seelenträgerin herhalten sollte? Ach egal. Musste meine Tante eben noch einmal ran und schwanger werden. Sie war ja offensichtlich ganz gut in der Lage, Kinder zu kriegen.

Was mich auch stutzig machte war, wie vertraut Cameon mit Elisa und Oliver umging. Ich persönlich hatte ja lange Zeit große Bedenken, wie die beiden einen Elben als meinen Freund aufnehmen würden und ihn daher noch nie in ihrer Gegenwart erwähnt. Wie es schien, hatten sie sich schon von alleine bekannt gemacht. Es heißt ja, Kummer verbindet. War das wirklich so und hatten sich die drei an meinem Krankenbett zusammengerauft? Wenn ich mit Cameon alleine wäre, würde ich ihn erst einmal danach ausfragen. Auf die Erklärung war ich mal gespannt. Zwar verabschiedeten sich Elisa und Oliver nach einer gewissen Zeit, weil sie das Baby nicht zu lange bei der Nanny lassen wollten, aber mit Cameon allein sein war immer noch nicht drin. Die Ärzte bestanden auf einige Untersuchungen und verbannten meinen Freund einfach aus dem Zimmer.

Die Untersuchungen verliefen zufriedenstellend, aber das Gespräch mit den Ärzten öffnete mir erst einmal die Augen, wie knapp ich mit dem Leben davongekommen war. Meine Verletzungen waren ja recht erheblich gewesen, obwohl die vier Wochen im künstlichen Koma schon viel zur Heilung beigetragen hatten. Ich wurde an diesem Tag sogar von einigen Kabeln und Schläuchen befreit, was auch gut war, da kam ich mir nicht mehr ganz so angekettet vor.

Als Cameon dann nach einer gefühlten Ewigkeit wieder in mein Zimmer kam und für mich sogar einen Becher Kaffee hereinschmuggelte, war mein Tag fast gerettet und am liebsten hätte ich ihn ganz wild umarmt, wenn ich denn gekonnt hätte. Er wusste halt ganz genau, wie man eine leidende Kranke aufmuntern konnte.

Bevor er jetzt anfangen konnte mich zu bedauern und irgendwelche belanglosen Dinge erzählte, brannten mir zwei Sachen auf der Seele und ich kam ihm zuvor:

„Ist Franca wirklich tot? Und wen hat es noch erwischt? Sie hat nämlich damit geprahlt, dass die beiden Prinzen gleichzeitig mit mir den Tod finden sollten und dass sie sich deshalb mit Yolander zusammengetan hätte.“

Während ich diese Fragen stellte, standen mir die schrecklichen Erinnerungen noch einmal ganz deutlich vor Augen und ich fing an zu zittern. Cameon nahm meine Hände in die seinen, gab mir schnell einen Kuss und sah mich dann etwas besorgt an, bevor er mir antwortete:

„Um Franca brauchst du dir keine Sorgen mehr zu machen. Die ist hinüber gegangen. Und ja, wir hatten Verluste. Mercan ist auch unter den Gefallenen. Briha hat ihren Bruder nach Hause gebracht und ihn dort nach unseren Sitten bestattet. Yolanders Leute sind entweder tot oder dingfest gemacht. Nur er selbst konnte fliehen, aber den kriegen wir auch noch.“

Oh nein! Mercan war tot? Ich ließ mich in mein Kissen sinken und schloss die Augen. Natürlich sollte man jeden betrauern, der gewaltsam ums Leben kam, aber wenn es jemanden traf den man persönlich kannte, ging es einem dann doch näher. Einen kleinen Moment schloss ich die Augen und versuchte mir noch einmal Mercan in Erinnerung zu rufen. Lange hatten wir uns ja nicht gekannt, aber doch so einige schöne Sachen miteinander erlebt. Und wie mies es Briha zumute war, konnte ich auch nur erahnen. Eine ganze Weile saßen wir still da und Cameon streichelte die ganze Zeit meine Hand, bis ich mich wieder gefangen hatte.

Dann kam ich zu meiner nächsten Frage, die mich brennend interessierte und da wollte ich jede Einzelheit erfahren:

„Sag mal! Da meine Tante mir gerade keine größeren Vorwürfe gemacht hat, nehme ich an, dass ihr die Sauerei in ihrer Küche rechtzeitig beseitigt habt und sie nichts Genaueres weiß? Und wie hast du dich meinen Verwandten überhaupt vorgestellt? Ich frage nur, damit ich die gleiche Story erzähle.“

Gespannt sah ich Cameon an und der bekam auch wieder ein Grinsen zustande als er mir antwortete:

„Ja, hinter uns aufräumen können wir gut. Keine Sorge. Und weil sich fast alles in den Häusern abgespielt hat, haben die Nachbarn auch nicht viel mitbekommen. Was jetzt deine Tante und deinen Onkel angeht, so habe ich versucht, so gut es ging, ihnen die Wahrheit über mich zu erzählen. Aber, dass ich ein Elb bin und aus einer anderen Welt komme, schienen sie als eine Marotte von mir abzutun. Als deinen Freund, den du in Italien kennengelernt hast, haben sie mich aber akzeptiert. Ich bin halt unwiderstehlich. Sie haben sogar verstanden, dass du Skrupel hattest ihnen einen Ausländer als Freund zu präsentieren.“

Dabei zwinkerte er mir frech zu.

Nun musste ich auch grinsen. Genau! Das sah Elisa und Oliver ähnlich. Elben von anderen Planeten kamen in ihrem realistischen Denken nicht vor. Spitze Ohren konnten auch eine angeborene Abnormität sein und unter der anderen Welt stellten sie sich wahrscheinlich nur ein anderes soziales Umfeld vor. Nun gut, ließen wir Cameon eben als Italiener durchgehen. Das schien mir auch das Einfachste zu sein und mit diesen Vorgaben konnte ich zum Glück auch weiterhin arbeiten. Ein Italiener ließ sich bei Tante und Onkel besser verkaufen als ein Außerirdischer. Cameon stimmte mir zu und war der Meinung:

„Wer der Wahrheit nicht ins Gesicht blicken will, den sollte man dann auch in seiner eigenen Welt belassen.“

„Jawohl. So ist es für mich auch einfacher. Die Alten brauchen sowieso nicht alles so

ganz genau zu wissen.“

Er sah mich etwas verwirrt und zugleich amüsiert an.

„Das hört sich an, als ob heranwachsende Menschen viele Geheimnisse vor ihren Eltern hätten.“

„Natürlich! Wenn die alles wüssten, würden sie uns den meisten Spaß verbieten und immer mit der Ausrede kommen, uns beschützen zu wollen. Ich bin sogar der Meinung, junge Menschen sind dazu da, um zu rebellieren.“

Meine Worte und meine trotzige Haltung brachten Cameon zum Lachen. Er gab mir einen Kuss und meinte dann:

„Ja, bleib so wie du bist. Ich mag es, wenn du rebellisch bist.“

So machten wir uns noch eine Weile über Elisa und Oliver lustig und ich gestand ihm einige Dinge ein, die ich schon alles vor ihnen verheimlicht hatte. Bis ich bemerkte wie mir immer wieder die Augen zufielen und ich von dem Gespräch nicht mehr viel mitbekam.

Es war erstaunlich. Wie konnte mich das bisschen Reden nur so angestrengt haben? Ich hatte doch gerade vier lange Wochen geschlafen. Müsste ich da nicht wacher sein? Cameon versicherte mir, dass das ganz normal wäre in meinem Zustand. Mein Körper bräuchte ein paar Tage Zeit um sich wieder an ein aktives Leben zu gewöhnen und ich solle Geduld haben. Ich solle mich ausruhen und Kräfte sammeln, er würde in der Zwischenzeit nach Hause gehen, sich frisch machen und meinen Freunden von meinem Erwachen berichten. Die löcherten ihn angeblich jeden Tag mit Fragen nach meinem Zustand und hätten durchaus auch mal positive Nachrichten verdient.

Okay. Sollte er machen, was er für richtig hielt. Ich bekam sowieso nicht mehr alles mit was er sagte, denn nun fielen mir endgültig die Augen zu und ich dämmerte weg. Dieses Mal aber mit der Gewissheit, dass ich bald wieder aufwachen würde.

In den nächsten Tagen ging es mit mir und meiner Gesundheit immer weiter bergauf. Onkel Oliver bezahlte sogar viel Geld, damit ich ein Einzelzimmer bekam, was mir natürlich sehr entgegenkam. Ich wurde nach und nach von allen Kabeln und Schläuchen befreit und die Gipsverbände kamen zum Glück auch ab. Das Schwierigste für mich war, nun wieder beweglich zu werden und sozusagen das Laufen neu zu erlernen. Man macht sich ja keine Vorstellung davon wie schnell einem die Muskeln abhandenkommen können. Ich konnte von Glück reden, dass Cameon so viel Zeit für mich erübrigen konnte und auch wollte. Er sorgte dafür, dass ich wieder fit wurde und machte mit mir viele Spaziergänge, vornehmlich in die Cafeteria, aber immerhin konnte man das auch Bewegung nennen.

Über Langeweile konnte ich mich von diesem Zeitpunkt an jedenfalls nicht beschweren. Aveline, Patrick, Caja und Guendalina nahmen mehrmals in der Woche die Strapaze auf sich, mit dem Bus von Dover nach Canterbury zu kommen um mich zu besuchen. Elisa und Oliver waren sowieso jeden Tag da, nur das Baby hatte ich bis Dato nur auf Fotos gesehen, denn ins Krankenhaus wollten sie meinen neuen Neffen nicht mitschleppen, wegen der Keime und so weiter. Ich fand das zwar ein bisschen überfürsorglich, aber das musste jeder für sich selbst entscheiden. Und weil Babys für mich sowieso ein Buch mit sieben Siegeln waren, fand ich es nicht weiter schlimm, den kleinen Schreihals erst später kennenzulernen. Obwohl er auf den Bildern schon ziemlich zuckersüß aussah. Aidan kam auch einmal vorbei. Zum Glück nur einmal, muss ich dazu sagen, denn so einen frechen Typen konnte ich in meinem angeschlagenen Zustand schlecht ertragen. Der kam doch tatsächlich laut polternd ins Krankenzimmer gestürzt und statt einer netten Begrüßung fragte er frech grinsend:

„Na du dumme Nuss, endlich wieder wach? Das mit den englischen Verkehrsregeln musst du aber endlich mal verinnerlichen!“

Da blieb mir doch glatt die Spucke weg und eine schlagfertige Erwiderung fiel mir so schnell auch nicht ein, deshalb konnte ich nur dumm aus der Wäsche gucken. Außerdem hatte er leider sogar teilweise Recht, denn hätte ich besser aufgepasst, wäre ich wahrscheinlich nicht überfahren worden. Rechts-Links-Schwäche gepaart mit englischen Verkehrsregeln, scheinen für deutsche Mädchen verhängnisvoll zu sein.

„Hey, schau mich nicht so böse an!“, meinte er lachend und setzte sich zu mir ans Bett: „Ich mache doch nur Spaß. Wir sind doch alle heilfroh, dass du diese Sache überhaupt überlebt hast. Ich wollte mich nur persönlich überzeugen, dass es dir gut geht und mich verabschieden. Ich habe etwas für meinen Vater zu erledigen und es kann gut sein, dass wir uns länger nicht sehen.“

Was er denn so Wichtiges zu erledigen hatte, wollte Aidan natürlich nicht verraten, aber um mich wieder gnädig zu stimmen ging er mit mir in die Cafeteria und spendierte Kaffee und Kuchen. Danach hatte er es sehr eilig, sich zu verabschieden. Wahrscheinlich brannte ihn sein Auftrag unter den Nägeln und er war wie üblich sehr spät dran. Mir wäre es sogar sehr lieb, ihn erst im Sommer wiederzusehen, denn um Aidans Sticheleien so richtig ertragen zu können, musste man auf der Höhe seiner Kräfte sein. Und bis zum Sommer würde ich hoffentlich soweit sein.

Sogar Miss Wyler, die Rektorin des White-Cliff College, kam einmal zu Besuch. Sie zeigte sich tief betroffen und am Boden zerstört, dass mir so schreckliche Dinge unter ihrer Obhut widerfahren waren. Die Wyler versicherte mir, dass meine Fehlzeiten in der Schule keinerlei Relevanz für meine Versetzung hätten, dafür würde sie schon sorgen. Hoffentlich meinte sie damit keinen Nachhilfeunterricht bis ich alles nachgeholt hätte. Aber wahrscheinlich hatte sie ein schlechtes Gewissen weil ich praktisch trotz ihrer Fürsorgepflicht fast zu Tode gekommen wäre. Na super! Rektorinnen mit schlechtem Gewissen waren immer gut. Und die Klasse wiederholen wollte ich auf gar keinen Fall. So schön diese Nachricht auch für mich war und ich mich geschmeichelt fühlen konnte von ihrer Sorge um mich, die Besuche von Cameon und meinen Freunden gefielen mir doch besser. Von ihnen wurde ich auf den neuesten Stand der Dinge gebracht. Während vier Wochen Dauerschlaf verpasste man ja doch so einiges.

Na gut, Avelines Schwärmerei über ihren Kaspar und die Liebesbeziehung zwischen Patrick und Jules waren ein alter Hut und somit nichts Neues. Die Zankereien in der Schule gingen mir auch am Arsch vorbei, die würde ich ja wieder live miterleben, wenn ich zurück am College wäre. Aber ich genoss die Ablenkung die mir die beiden mit ihrem Geplapper boten trotzdem, denn so ein Krankenhausaufenthalt war schon echt ätzend und langweilig. Vor allem wenn man auf dem Wege der Besserung war, wertete man jeden weiteren Tag als verlorene Zeit.

Guendalina und Caja gaben da schon interessantere Geschichten zum Besten. Guendalina berichtete auch über den Wahnsinn, den die Vorbereitungen für ihre Verlobungsfeier mit dem Elbenprinzen Amnon so mit sich brachten. Die Feier sollte im königlichen Palast im Elbenland stattfinden und die Gästeliste, die ihr König Oberon hatte übermitteln lassen, hatte sie fast vom Hocker gehauen, weil die Anzahl der Gäste ihrer Meinung nach völlig übertrieben war. Guendalina wollte sich gar nicht erst ausmalen und vorstellen wie groß dann die Hochzeitsfeierlichkeiten im nächsten Jahr werden würden.

Die sollte sich mal nicht so anstellen. Wenn sie denn unbedingt einen Prinzen heiraten wollte, dann würde das halt so pompös werden und die Hochzeit war ja noch ewig weit weg. Jetzt würde sich erst einmal verlobt und das auch noch auf einer anderen Welt. Was für ein Abenteuer!

Auf jeden Fall freute es mich zu hören, dass neben mir und Miss Wyler, nun auch Caja eingeladen war. So musste ich nicht alleine mit der Wyler klarkommen und hatte wenigstens eine gleichgesinnte Reisebegleitung. Nichts gegen die Wyler, aber Caja war mir deutlich lieber. Die gab mir dann auch schon mal ein paar Einblicke in die Lebensweise auf Seren Saethu. Als Mensch wurde man in Gorachod Gwlad, also im Elbenland, mit einigem Argwohn und Misstrauen betrachtet und Caja, als Halbling der Duwiau, würde es da nicht besser ergehen. Aber dem sahen wir völlig gelassen entgegen und außerdem hatte ich ja auch noch Cameon an meiner Seite. Da konnte eigentlich gar nichts schiefgehen.

Die Vorfreude war also schon mal recht groß. Hieß es nur noch: Schnell gesund und wieder fit zu werden.

Nach drei weiteren Wochen im Krankenhaus fühlte ich mich auch wieder fit genug für ein normales Leben. Ich langweilte mich mittlerweile und wollte da einfach raus. Mir gingen die ewigen Untersuchungen und Gespräche mit den Ärzten mächtig auf die Nerven. Ich fühlte mich einfach beengt und eingesperrt in meinem Krankenzimmer. Also drängelte ich irgendwann lautstark auf meine Entlassung und was ich daraufhin zu hören bekam, machte mich erst einmal sprachlos.

„Sehr gut, Miss Eckhard. Darauf haben wir nur gewartet. Wir Ärzte haben nämlich die Erfahrung gemacht, dass nur die Patienten, die darauf drängen nach Hause zu kommen, auch wirklich schon fit genug dafür sind. Eine Abschlussuntersuchung müssen sie aber doch noch über sich ergehen lassen, dann könnten sie morgen schon gehen.“

Na toll! Hätte ich das früher gewusst, so hätte ich schon eine Woche eher angefangen zu rebellieren.

Die letzte Untersuchung ließ ich dann auch noch über mich ergehen und die Ratschläge, die man mir erteilte, wie zum Beispiel: nicht überanstrengen, es langsam angehen lassen und auf keinen Fall schwer heben, behielt ich im Hinterkopf. Ich sollte auch nicht sofort wieder ins College gehen, sondern mich erst noch ein paar Wochen bei meinen Verwandten erholen. Ja gut. Ich sagte zu allem Ja und Amen, denn bei Elisa und Oliver wäre es allemal besser als im Krankenhaus.