Beschreibung

Joyce überlebt nur knapp einen Unfall – und weiß, dass sie ab jetzt ganz anders leben will. Doch irgendetwas ist seltsam: Sie kann auf einmal fremde Sprachen und erinnert sich an Dinge, die sie gar nicht erlebt habt. Justin ist als Gastdozent in Dublin. Er ist verdammt einsam, würde das aber nie zugeben. Als er eine junge Frau trifft, die ihm ungewöhnlich bekannt vorkommt, ist er verwirrt – er kommt einfach nicht drauf, woher er sie kennen könnte …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 534


Cecelia Ahern

Ich hab dich im Gefühl

Roman

Aus dem Englischen von Christine Strüh

FISCHER E-Books

Inhalt

[Widmung]PrologEinen Monat früherEinsZweiDreiVierHeuteFünfSechsSiebenAchtNeunZehnElfZwölfDreizehnVierzehnFünfzehnSechzehnSiebzehnAchtzehnNeunzehnZwanzigEinundzwanzigZweiundzwanzigDreiundzwanzigVierundzwanzigFünfundzwanzigSechsundzwanzigSiebenundzwanzigAchtundzwanzigNeunundzwanzigDreißigEinunddreißigZweiunddreißigDreiunddreißigVierunddreißigFünfunddreißigSechsunddreißigSiebenunddreißigAchtunddreißigNeununddreißigVierzigEinundvierzigZweiundvierzigEinen Monat späterDreiundvierzigVielen Dank …Dank

In Liebe gewidmet meinen Großeltern Olive & Raphael Kelly und Julia & Con Ahern. Danke für die Erinnerungen.

Prolog

Schließ die Augen und schau in die Dunkelheit.

Das war immer der Rat meines Vaters, wenn ich als kleines Mädchen nicht schlafen konnte. Jetzt würde er das nicht von mir wollen, aber ich tue es trotzdem. Ich starre in die unermessliche Dunkelheit, die sich endlos hinter meinen geschlossenen Augenlidern erstreckt. Obwohl ich nach wie vor auf dem Boden liege, habe ich das Gefühl, dass ich auf dem allerhöchsten Punkt bin, den ich erreichen kann, mich an eine Treppe im Nachthimmel klammere und meine Beine über dem kalten schwarzen Nichts baumeln lasse. Ein letztes Mal blicke ich hinunter auf meine Finger, die das Licht umschließen, dann lasse ich los. Erst falle ich, dann treibe ich, dann falle ich wieder, und ich warte auf das Land meines Lebens.

Genau wie schon als kleines Mädchen, das gegen den Schlaf kämpfte, weiß ich auch heute, dass hinter dem dünnen Vorhang der geschlossenen Lider die Farben wohnen. Sie locken mich, fordern mich heraus, die Augen zu öffnen und den Schlaf abzuschütteln. Rote und bernsteinfarbene, gelbe und weiße Blitze durchflammen meine Dunkelheit. Ich weigere mich, die Augen aufzumachen. Aus reinem Trotz kneife ich die Lider noch fester zusammen, um die Lichtfunken abzuwehren – bloße Ablenkungen, die mich wach halten, aber Zeichen dafür, dass es jenseits davon Leben gibt.

Aber in mir ist kein Leben. Keins, das ich, hier am Fuß der Treppe liegend, fühlen kann. Nun schlägt mein Herz schneller, der letzte Einzelkämpfer, der im Ring zurückgeblieben ist, ein roter Boxhandschuh, der immer weiterpumpt und nicht aufgeben will. Das ist der einzige Teil von mir, dem es nicht egal ist, der einzige, dem es nie egal war. Er bemüht sich, das Blut in Umlauf zu halten, den heilenden Kreislauf, mit dessen Hilfe das ersetzt werden soll, was ich verliere. Aber es fließt genauso schnell aus meinem Körper, wie es herangepumpt wird, und bildet einen tiefen schwarzen Ozean um die Stelle, wo ich gestürzt bin.

Schnell, schnell, schnell. Immer haben wir es eilig. Nie haben wir hier genug Zeit, denn wir sind schon unterwegs nach dort. Weil wir bereits vor fünf Minuten hätten aufbrechen müssen, weil wir jetzt dort sein sollten. Wieder klingelt das Telefon, und ich nehme die Ironie des Schicksals zur Kenntnis. Wenn ich mir vorhin Zeit gelassen hätte, könnte ich jetzt drangehen.

Jetzt, nicht damals.

Ich hätte mir beim Hinuntergehen alle Zeit der Welt nehmen können. Aber wir haben es immer eilig. Alle sind in Hetze, alle, außer meinem Herzen. Das wird langsamer. Das stört mich nicht sonderlich. Ich lege die Hand auf meinen Bauch. Wenn mein Kind nicht mehr da ist, dann will ich auch gehen. Und es dort treffen. Wo auch immer »dort« ist. Dort werde ich es bemuttern und umsorgen, wie ich es hier hätte tun sollen.

Dort, nicht hier.

Es tut mir so leid, Schätzchen, werde ich ihm sagen, es tut mir leid, dass ich deine Chance vermasselt habe, deine und meine Chance – unsere Chance auf ein gemeinsames Leben. Aber schließ jetzt die Augen und schau in die Dunkelheit, wie deine Mummy, dann finden wir unseren Weg.

Plötzlich höre ich ein Geräusch im Zimmer und spüre, dass da jemand ist.

»O Gott, Joyce, o Gott! Kannst du mich hören, Liebes? O Gott. O Gott. O nein, bitte nicht, Gott. Nicht meine Joyce, nimm mir nicht meine Joyce. Halte durch, Liebes, ich bin hier. Dad ist bei dir.«

Ich möchte aber nicht durchhalten, und das möchte ich ihm auch gern sagen. Ich höre mich stöhnen, ein Wimmern, das klingt wie von einem Tier, erschreckend, Angst einflößend. Ich habe einen Plan, möchte ich ihm sagen. Ich möchte gehen, denn nur dann kann ich mit meinem Baby zusammen sein.

Dann, nicht jetzt.

Er hat meinen Sturz aufgehalten, aber ich bin noch nicht gelandet. Stattdessen hilft er mir zu balancieren, zu schwanken, dabei muss ich doch eine Entscheidung treffen. Ich möchte weiterfallen, aber er ruft einen Krankenwagen. Und er packt meine Hand so fest, als wäre er es, dessen Leben am seidenen Faden hängt. Als wäre ich alles, was er hat. Jetzt streicht er mir die Haare aus der Stirn und weint laut. Ich habe ihn noch nie weinen hören. Nicht mal, als Mum gestorben ist. Mit einer Kraft, die ich seinem alten Körper gar nicht zugetraut hätte, umklammert er meine Hand, und ich erinnere mich plötzlich, dass ich tatsächlich alles bin, was er hat, und dass auch er wieder meine Welt geworden ist, genau wie früher. Ununterbrochen rauscht das Blut durch meine Adern. Schnell, schnell, schnell. Immer haben wir es eilig. Vielleicht bin auch ich nur in Hetze, vielleicht ist es noch nicht Zeit für mich zu gehen.

Ich spüre die raue Haut seiner alten Hände, die meine drücken, so dringlich und vertraut, dass ich mich zwinge, die Augen zu öffnen. Licht überflutet sie, und ich sehe sein Gesicht. Nie wieder möchte ich es so sehen müssen. Er klammert sich an sein Baby, ich habe meines verloren. Ich kann nicht zulassen, dass er seines ebenfalls verliert. Noch während ich diese Entscheidung treffe, beginne ich bereits zu trauern. Jetzt bin ich gelandet. Und mein Herz schlägt noch immer.

Unbeirrt pumpt es weiter, obwohl es gebrochen ist.

Einen Monat früher

Eins

»Eine Bluttransfusion«, verkündet Dr. Fields vom Podium des Vorlesungssaals im Geisteswissenschaftlichen Institut des Trinity College, »eine Bluttransfusion ist der Prozess, bei dem Blut oder Blutprodukte eines Menschen in den Kreislauf eines anderen übertragen werden. Mit einer Bluttransfusion kann ein massiver Blutverlust nach einem Unfall, einer Operation oder einem Schock ausgeglichen werden, mit einer Bluttransfusion kann einem Menschen geholfen werden, wenn die Produktion der roten Blutkörperchen zusammenbricht. Hier die Fakten. Jede Woche werden in Irland dreitausend Blutspenden benötigt. Nur drei Prozent der irischen Bevölkerung spenden Blut, das für eine Bevölkerung von fast vier Millionen ausreichen muss. Einer von vier Menschen braucht irgendwann im Leben eine Transfusion. Sehen Sie sich bitte jetzt mal im Raum um.«

Fünfhundert Köpfe drehen sich nach links, nach rechts, nach vorn, nach hinten. Unbehagliches Lachen durchbricht die Stille.

Dr. Fields’ Stimme übertönt die Unruhe. »Mindestens hundertfünfzig Leute in diesem Raum brauchen irgendwann in ihrem Leben eine Bluttransfusion.«

Sofort sind alle wieder still. Dann hebt sich eine Hand.

»Ja?«

»Wie viel Blut braucht ein Patient?«

»Wie lang ist ein Stück Schnur, Blödmann?«, spottet jemand von weiter hinten, und eine Papierkugel fliegt dem jungen Fragesteller an den Kopf.

»Eine sehr gute Frage.« Stirnrunzelnd späht Dr. Fields in die Dunkelheit, aber sie kann die Studenten im Gegenlicht des Projektors nicht sehen. »Wer hat sie gestellt?«

»Mr Dover«, meldet sich eine Stimme von der anderen Seite des Saals.

»Ich bin sicher, dass Mr Dover für sich selbst sprechen kann. Wie heißen Sie mit Vornamen?«

»Ben«, antwortet der Fragesteller in niedergeschlagenem Ton.

Gelächter brandet auf. Dr. Fields seufzt.

»Danke für die Frage, Ben. Den anderen möchte ich sagen, dass es keine dummen Fragen gibt. Darum geht es in der Blutspendewoche. Es geht darum, alle Fragen zu stellen, die Ihnen einfallen, und alles über die Bluttransfusion zu erfahren, was Sie wissen sollten, ehe Sie sich entscheiden können, heute, morgen oder irgendwann im Lauf dieser Woche auf dem Campus und hoffentlich in Zukunft regelmäßig Blut zu spenden.«

In diesem Moment öffnet sich die Saaltür, Licht strömt in den dunklen Raum: Auftritt Justin Hitchcock, das Gesicht im weißen Licht des Projektors von Konzentration durchfurcht, unter dem linken Arm einen Stapel Aktenordner, die von Sekunde zu Sekunde tiefer rutschen. In der rechten Hand trägt er eine vollgestopfte Mappe und einen Pappbecher mit Kaffee, was ihm einen ziemlich komplizierten Balanceakt abverlangt. Jetzt schießt ein Knie vor, um die Ordner wieder an Ort und Stelle zu bugsieren, danach senkt sich der Fuß des rettenden Beins langsam wieder zu Boden. Es sieht aus wie eine Tai-Chi-Übung, und als das Gleichgewicht einigermaßen wiederhergestellt ist, breitet sich ein erleichtertes Lächeln über das Gesicht. Im Saal wird gekichert, was die Balance erneut in Frage stellt.

Reiß den Blick vom Kaffee los, Justin, und schau dich erst mal um. Verschaff dir einen Überblick: Frau auf dem Podium, fünfhundert junge Leute im Saal. Die dich allesamt anstarren. Sag was. Was Intelligentes.

»Ich bin verwirrt«, verkündet er aufs Geratewohl in die Dunkelheit hinein, hinter der er irgendeine Art intelligenten Lebens ahnt. Wieder ein paar Kicherer, und er spürt die Blicke auf sich ruhen, während er sich zur Tür zurückbewegt, um die Raumnummer zu prüfen.

Verschütte jetzt bloß nicht deinen Kaffee. Verschütte jetzt bloß nicht deinen blöden Kaffee!

Es gelingt ihm, unfallfrei die Tür zu öffnen. Wieder strömt das Licht vom Korridor herein, und die Studenten, auf die es fällt, halten sich schützend die Hand über die Augen.

Kicher, kicher. Es gibt doch nichts Komischeres als einen Menschen, der sich verlaufen hat.

Bepackt, wie er ist, schafft er es trotzdem, die Tür mit dem Bein aufzuhalten. Er wirft einen Blick auf die Raumnummer draußen und dann auf seinen Zettel, der, wenn er ihn nicht sofort und entschlossen festhält, auf den Boden segeln wird. Er packt zu. Aber mit der falschen Hand. Der volle Pappbecher platscht auf den Boden. Der Zettel segelt hinterher.

Verdammt! Da geht es schon wieder los, kicher, kicher. Es gibt doch nichts Komischeres als einen Menschen, der sich verlaufen hat, der seinen Kaffee verschüttet und dem sein Stundenplan runterfällt.

»Kann ich Ihnen helfen?« Die Frau steigt vom Podium.

Justin manövriert seinen Gesamtkörper zurück in den Saal, die Tür geht zu, und es wird wieder dunkel.

»Na ja, hier steht…«, mit Blick auf das durchweichte Blatt Papier auf dem Boden zögert er und korrigiert sich: »Na ja, hier stand, dass ich jetzt in diesem Raum eine Vorlesung habe.«

»Ausländische Studenten müssen sich in der Aula einschreiben.«

Justin runzelt die Stirn. »Nein, ich…«

»Entschuldigung«, sagt sie und tritt etwas näher, »aber ich dachte, Sie hätten einen amerikanischen Akzent.« Dabei hebt sie den Pappbecher auf und wirft ihn in den Mülleimer, über dem ein Schild mit der Aufschrift »Getränke verboten« angebracht ist.

»Ah … oh … tut mir leid.«

»Die höheren Semester treffen sich nebenan.« Flüsternd fügt sie hinzu: »Glauben Sie mir, hier wollen Sie nicht bleiben.«

Justin räuspert sich, stellt sich einigermaßen gerade hin und stopft sich die Ordner enger unter den Arm. »Eigentlich soll ich hier eine Vorlesung über Kunstgeschichte und Architektur halten.«

»Sie halten die Vorlesung?«

»Ja, ich bin der Gastdozent. Ob Sie’s glauben oder nicht.« Er versucht, sich die Haarsträhnen, die ihm an der Stirn kleben, aus dem Gesicht zu blasen. Ich muss mir die Haare schneiden lassen, unbedingt. Da ist es schon wieder, das Gekicher. Der Gastdozent, der gerade seinen Kaffee verschüttet hat und demnächst seine Ordner fallen lassen wird, muss dringend zum Friseur. Also echt, kann man sich was Komischeres vorstellen?

»Mr Hitchcock?«

»Ja, der bin ich«, antwortet er und merkt, wie ihm die Ordner wegrutschen.

»Oh, tut mir leid«, flüstert die Frau. »Ich wusste ja nicht …« Geistesgegenwärtig fängt sie einen der Ordner für ihn auf. »Ich bin Dr. Sarah Fields vom IBTS. Der Fachbereich hat mir gesagt, ich könnte vor Ihrer Vorlesung eine halbe Stunde mit den Studenten haben, natürlich nur, wenn Sie einverstanden sind.«

»Oh, davon wusste ich gar nichts, aber das ist natürlich null problemo.« Null problemo? Er schüttelt den Kopf und strebt zur Tür. Starbucks, ich komme!

»Mr Hitchcock?«

Er bleibt an der Tür stehen. »Ja?«

»Haben Sie nicht vielleicht Lust dazubleiben?«

Ganz bestimmt nicht. Auf mich warten ein Cappuccino und ein Muffin, wie für mich gemacht. Nein. Ich muss einfach nur nein sagen.

»Äh … ne-ja.« Ne-ja? »Ich meine ja.«

Kicher, kicher, kicher. Dozent hat sich blamiert. Ist von einer attraktiven jungen Frau in einem weißen Kittel, die behauptet, eine Ärztin einer unbekannten Organisation zu sein, dazu gezwungen worden, etwas zu tun, was er eindeutig nicht wollte.

»Großartig. Willkommen.«

Sie schiebt die restlichen Ordner unter seinen Arm und kehrt aufs Podium zurück, um mit ihrem Vortrag weiterzumachen.

»Okay, dann bitte ich jetzt wieder um Aufmerksamkeit, und zwar für unsere Frage zur Blutmenge. Das Opfer eines Autounfalls kann bis zu dreißig Bluteinheiten benötigen, ein blutendes Magengeschwür braucht zwischen drei und dreißig Einheiten, eine Bypassoperation zwischen einer und fünf Einheiten. Die Menge schwankt also, aber Sie sehen an den Beispielen, dass der Bedarf so hoch ist, dass wir immer Blutspender brauchen.«

Justin sucht sich einen Platz in der ersten Reihe, während ihm voller Entsetzen klar wird, in was er da hineingeraten ist.

»Sonst noch Fragen?«

Könnten wir vielleicht das Thema wechseln?

»Bekommt man Geld, wenn man Blut spendet?«

Gelächter.

»Nein, hier in Irland leider nicht.«

»Erfährt ein Mensch, der Blut bekommt, wer der Spender ist?«

»Im Normalfall sind Spenden anonym, aber die Produkte in einer Blutbank können durch den Zyklus von Spenden, Testen, Komponententrennung, Lagerung und Vergabe an den Empfänger immer zurückverfolgt werden.«

»Kann jeder Blut spenden?«

»Gute Frage. Ich habe hier eine Liste von Indikationen, die eine Blutspende ausschließen. Bitte lesen Sie diese alle aufmerksam durch und machen Sie sich ruhig auch Notizen, wenn Sie möchten.« Dr. Fields legt ein Blatt Papier unter den Projektor, und auf ihrem weißen Kittel leuchtet ein ziemlich drastisches Bild auf von jemandem, der dringend eine Blutspende braucht. Dann tritt sie zurück, und jetzt erscheint das Bild des Unfallopfers gehorsam auf der Leinwand.

Die Zuhörer stöhnen auf, und das Wort »krass« macht die Runde wie eine La-Ola-Welle. Zweimal kommt es an Justin vorbei. Ihm wird schwindlig, und er wendet die Augen ab.

»Uuups, falsche Folie«, stellt Dr. Fields ungerührt fest, tauscht sie bedächtig aus, und jetzt taucht die angekündigte Liste auf.

Hoffnungsvoll sucht Justin nach einem Punkt über Spritzen- oder Blutphobie, denn dann käme er als Spender von vornherein nicht in Frage. Nichts dergleichen. Andererseits spielt das eigentlich auch keine Rolle, denn dass er auch nur einen einzigen Tropfen Blut spendet, ist ungefähr so unwahrscheinlich, wie dass er am frühen Morgen einen Geistesblitz hat.

»Schade, Dover.« Wieder saust ein Papierkügelchen von hinten auf Bens Kopf zu. »Schwule dürfen kein Blut spenden.«

Ben streckt gelassen den Mittelfinger in die Luft.

»Das ist Diskriminierung«, ruft ein Mädchen.

»Diese Diskussion können wir hier und heute leider nicht führen«, erwidert Ms Fields und fährt fort: »Denken Sie daran, der Körper ersetzt den Flüssigkeitsanteil einer Blutspende innerhalb weniger Stunden. Eine Einheit ist knapp ein halber Liter, und da ein normaler Erwachsener durchschnittlich vier bis sechs Liter Blut im Körper hat, kann er gut eine Einheit entbehren.«

Hie und da wird wieder pubertär gekichert.

»Also, hören Sie«, fährt Dr. Fields fort und klatscht Aufmerksamkeit heischend in die Hände. »Bei der Blutspendewoche geht es ebenso um Information wie ums eigentliche Blutspenden. Es ist gut und schön, dass wir über das Thema lachen können, aber ich finde, man sollte sich gelegentlich auch vor Augen führen, dass ein Leben – sei es das einer Frau, eines Mannes oder eines Kindes – in diesem Moment von Ihnen abhängt.«

Wie schnell das Schweigen sich im Saal ausbreitet. Sogar Justin hört auf, mit sich selbst zu sprechen.

Zwei

»Professor Hitchcock.« Dr. Fields geht auf Justin zu, der seine Papiere am Podium ordnet, während die Studenten fünf Minuten Pause machen.

»Bitte nennen Sie mich Justin.«

»Bitte nennen Sie mich Sarah.« Sie streckt ihm die Hand hin.

»Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, Sarah.«

»Sehen wir uns nachher noch?«

»Nachher?«

»Ja, nachher. Nach … nach der Vorlesung«, lächelt sie.

Flirtet sie etwa mit mir? Es ist so lange her, dass jemand mit mir geflirtet hat, ich hab völlig vergessen, wie sich das anfühlt. Sag was, Justin, sag endlich was.

»Gern. Eine Verabredung wäre toll.«

Sie verzieht die Lippen, um ein Lächeln zu verbergen. »Okay, dann treffen wir uns um sechs am Haupteingang, und ich bringe Sie hin.«

»Wohin?«

»Dorthin, wo die Blutspendeaktion stattfindet. Direkt neben dem Rugbyplatz. Ich würde Sie gerne hinbegleiten.«

»Die Blutspendeaktion …« Sofort packt ihn wieder das Grauen. »Ach, ich glaube nicht, dass …«

»Und danach gehen wir was trinken?«

»Wissen Sie was? Ich hab grade erst Grippe gehabt, deshalb glaube ich nicht, dass ich fürs Blutspenden in Frage komme.« Er breitet die Hände aus und zuckt die Achseln.

»Nehmen Sie Antibiotika?«

»Nein, aber das ist eine gute Idee, Sarah. Vielleicht sollte ich welche nehmen …« Er reibt sich über den Hals.

»Ach, ich denke, das wird auch so wieder«, grinst sie.

»Nein, wissen Sie, ich hatte in letzter Zeit ziemlich viel mit ansteckenden Krankheiten zu tun. Malaria, Pocken, das volle Programm. Ich hab mich in einer sehr tropischen Gegend aufgehalten.« Spontan fällt ihm die ganze Liste von Widersprüchen ein, die in seiner Aussage stecken. »Und mein Bruder Al hat Lepra.« Was für ein ausgewachsener Quatsch.

»Ach wirklich.« Sie zieht eine Augenbraue in die Höhe, und obwohl er sich mit aller Willenskraft dagegen wehrt, kann er ein Lächeln nicht unterdrücken. »Wie lange ist es her, dass Sie die Staaten verlassen haben?«, fragt sie.

Denk gut nach, das könnte eine Fangfrage sein. »Ich bin vor drei Monaten nach London gezogen«, antwortet er schließlich wahrheitsgemäß.

»Oh, das ist gut. Wenn es zwei Monate gewesen wären, kämen Sie für die Aktion nämlich nicht in Frage.«

»Hmm, Moment mal, lassen Sie mich überlegen …« Er kratzt sich am Kinn, zermartert sich das Hirn und murmelt dabei wahllos Monatsnamen vor sich hin. »Vielleicht waren es auch zwei Monate. Wenn ich von dem Zeitpunkt aus zurückrechne, wo ich angekommen bin …« Er lässt den Satz unvollendet, zählt aber weiter an seinen Fingern und starrt mit konzentriert gefurchter Denkerstirn in die Ferne.

»Haben Sie etwa Angst, Professor Hitchcock?«, lächelt sie.

»Angst? Aber nein!« Er wirft den Kopf zurück und lacht laut. »Aber habe ich erwähnt, dass ich an Malaria leide?«, fragt er und seufzt, weil sie ihn offensichtlich nicht ernst nimmt. »Also, jetzt fällt mir wirklich nichts mehr ein.«

»Dann sehen wir uns um sechs am Haupteingang. Ach, und vergessen Sie nicht, vorher was zu essen.«

»Natürlich, vor meinem Date mit der Mördernadel werde ich ganz sicher einen Bärenhunger haben«, brummt er, während er ihr nachblickt.

Allmählich kommen die Studenten wieder in den Saal zurückgezuckelt, und Justin versucht, das zufriedene Lächeln auf seinem Gesicht vor ihnen zu verbergen. Obwohl die Angelegenheit ja durchaus zwei Seiten hat. Endlich sind alle drin.

Okay, meine Kicherfreunde. Der Zeitpunkt der Rache ist gekommen.

Zwar sitzen noch nicht alle, aber er fängt trotzdem schon an.

»Kunst«, beginnt er vollmundig und hört, wie Stifte und Notizblöcke aus Taschen gezerrt, Reißverschlüsse und Schnallen bedient und rappelnde Blechmäppchen geöffnet werden – alles brandneu für den ersten Tag des Semesters. Blitzsauber und fleckenlos. Von den Studenten kann man das leider nicht behaupten. »Das Produkt menschlicher Kreativität.« Er hält nicht inne, um seinen Zuhörern Zeit zu geben. Nein, jetzt will er ein bisschen Spaß haben. »Das Erschaffen schöner oder wichtiger Dinge.« Beim Reden wandert er hin und her. Die Geräusche des Rappelns und Reißverschlussreißens wollen kein Ende nehmen.

»Sir, könnten Sie das noch mal sagen, bi…«

»Nein«, unterbricht er. »Technik«, prescht er weiter, »die praktische Anwendung der Wissenschaft auf Industrie oder Handel.« Jetzt herrscht absolute Stille.

»Kreativität und praktisches Denken. Die Frucht ihrer Verbindung ist die Architektur.«

Schneller, Justin, schneller!

»Architektur ist die Transformation von Ideen in physische Realität. Eine komplexe und sorgfältig entworfene Struktur, stets im Kontext ihrer Zeit. Um Architektur zu verstehen, müssen wir die Beziehung zwischen Technologie, Wissenschaft und Gesellschaft verstehen.«

»Sir, könnten Sie …«

»Nein.« Aber wenigstens drosselt er das Tempo ein wenig. »Wir werden untersuchen, wie die Architektur im Lauf der Jahrhunderte von der Gesellschaft geformt wurde, wie sie noch immer von ihr geformt wird, aber auch, wie sie ihrerseits die Gesellschaft formt.«

Er macht eine Pause, blickt in die Gesichter der jungen Menschen, die zu ihm emporstarren, ihr Geist ein leeres Gefäß, das darauf wartet, gefüllt zu werden. So viel zu lernen, so wenig Zeit und so wenig Leidenschaft, die Dinge wirklich zu verstehen. Sein Job ist es, diesen jungen Menschen Leidenschaft einzuflößen. Mit ihnen die Erfahrungen seiner Reisen zu teilen, sein Wissen über all die großen Meisterwerke aus vergangenen Jahrhunderten. Er wird sie aus dem muffigen Vorlesungssaal in die Hallen des Louvre versetzen, das Echo ihrer Schritte hören, wenn er sie durch die Kathedrale von Saint-Denis führt, nach Saint-Germain-des-Prés und zu Saint-Pierre-de-Montmartre. Sie werden nicht nur die Daten und Statistiken, sondern den Geruch von Picassos Farben kennenlernen, das Gefühl von barockem Marmor und den Klang der Glocken von Notre-Dame. All das werden sie erleben, hier in diesem Raum. Er wird all das zu ihnen bringen.

Sie starren dich an, Justin. Sag was.

Er räuspert sich. »In unserem Kurs werden Sie lernen, wie Sie ein Kunstwerk analysieren und seine historische Bedeutung verstehen können. Sie werden ein Bewusstsein für Ihre Umgebung entwickeln und eine tiefere Sensibilität für die Kultur und die Ideale anderer Nationen. Und das auf einer großen Bandbreite: Geschichte der Malerei, Skulptur und Architektur von der griechischen Antike bis zur Gegenwart, frühe irische Kunst, die Maler der italienischen Renaissance, die großen gotischen Kathedralen Europas, die architektonische Pracht der georgianischen Ära und die künstlerischen Leistungen des zwanzigsten Jahrhunderts.«

Er lässt Stille herabsinken. Sind seine Zuhörer nun von Grauen erfüllt angesichts dessen, was sie in den nächsten vier Jahren ihres Lebens erwartet? Oder klopfen ihre Herzen in wilder Erregung wie seines, wenn sie an all das denken, was ihnen bevorsteht? Auch nach all den Jahren verspürt er immer noch die gleiche Begeisterung für die Bauwerke, Gemälde und Skulpturen der Welt. Manchmal raubt ihm seine Begeisterung in der Vorlesung den Atem, dann muss er sich ermahnen, langsamer zu machen und nicht alles auf einmal erzählen zu wollen. Aber er möchte, dass sie alles wissen, und zwar auf der Stelle!

Wieder blickt er in ihre Gesichter, und plötzlich hat er eine Erleuchtung.

Du hast sie in deinen Bann geschlagen! Sie hängen an deinen Lippen, sie warten nur darauf, mehr zu hören. Du hast es geschafft, sie sind wie Wachs in deinen Händen!

Da furzt jemand, und der Saal explodiert vor Lachen.

Justin seufzt, sein Luftschloss ist in sich zusammengefallen, und in gelangweiltem Ton fährt er fort: »Mein Name ist Justin Hitchcock, und in meinen Gastvorträgen, die im Verlauf des Kurses stattfinden, werden Sie eine Einführung in die europäische Malerei erhalten, beispielsweise in die italienische Renaissance und den französischen Impressionismus. Dies umfasst eine kritische Analyse der Gemälde, die Bedeutung der Ikonographie und die verschiedenen Techniken, die Künstler von der Zeit des Book of Kells bis heute angewandt haben. Außerdem werde ich die Grundlagen der europäischen Architektur erörtern, von den griechischen Tempeln bis zur Gegenwart und so weiter. Und jetzt hätte ich gern zwei Freiwillige, die das hier verteilen.«

Ein neues Semester. Er ist nicht zu Hause in Chicago, er ist seiner Tochter und seiner Exfrau nach London nachgereist und pendelt jetzt von dort zu seinen Dubliner Gastvorlesungen. Ein anderes Land zwar, aber die Studenten sind überall gleich. Nervöse Erstsemester. Unreif und unfähig, seine Leidenschaft nachzuvollziehen, schlagen sie die Chance – nein, die Gewissheit – in den Wind, etwas Wunderbares und Großartiges zu lernen.

Es ist vollkommen egal, was du ihnen heute noch erzählst, Kumpel, denn ab jetzt erinnern sie sich sowieso nur noch an eins, nämlich den Furz.

Drei

»Was ist an Fürzen eigentlich so lustig, Bea?«

»Oh, hi, Dad!«

»Was ist das denn für eine Begrüßung?«

»Oh, du bist es, Dad, wunderbar, ganz toll, von dir zu hören. Es ist ja schon, hmm, na ja, mindestens drei Stunden her, seit du das letzte Mal angerufen hast.«

»Schön, du brauchst ja nicht gleich so zu übertreiben. Ist deine liebe Mutter schon von dem nächsten schönen Tag ihres neuen Lebens zurückgekommen?«

»Ja, sie ist da.«

»Hat sie auch den wundervollen Laurence mitgebracht?« Zwar hasst er sich dafür, aber er kann seinen Sarkasmus einfach nicht zügeln und ist auch nicht in der Lage, sich zu entschuldigen. Deshalb tut er das, was er immer tut, gibt dem Drang nach und macht es nur noch schlimmer. »Laurence«, wiederholt er affektiert, »Laurence von Zu-eng-in-Arabien.«

»Ach, du bist so blöd. Kannst du nicht irgendwann mal aufhören, über seine Hosen zu ätzen?« Sie stöhnt genervt.

Justin schüttelt die kratzige Decke ab, die in seinem billigen Dubliner Hotel zur Ausstattung gehört. »Nein ehrlich, Bea, achte das nächste Mal drauf, wenn er da ist. Diese Hosen sind viel zu eng für das, was bei ihm da unten los ist. Es müsste eigentlich einen Namen dafür geben. Irgendwas-itis.«

Eier-itis.

»Ich kriege bloß vier Fernsehprogramme in diesem Loch hier, und eins davon in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Hört sich an, als würde jemand sich räuspern, weil er grade was von dem grauenhaften Coq au vin deiner Mutter probiert hat. Weißt du, in meinem wunderbaren Haus daheim in Chicago hatte ich über zweihundert Programme.« Pimmel-itis. Trottel-itis. Ha!

»Von denen du dir kein einziges angeschaut hast.«

»Aber ich hatte die Wahl, mir die ganzen jämmerlichen Renovier-, Dekorier- und Musikkanäle mit rumtanzenden nackten Frauen nicht anzuschauen.«

»Ich sehe ja ein, dass du in einer Krise steckst, Dad. Muss für einen mehr oder weniger erwachsenen Menschen wie dich wirklich traumatisch sein, während ich mich mit meinen sechzehn Jahren nur mal eben mit der Scheidung meiner Eltern und dem Umzug von Chicago nach London anfreunden musste.«

»Du hast jetzt zwei Heimathäfen und kriegst extra Geschenke, was beklagst du dich?«, grummelt er. »Außerdem war es deine Idee.«

»Es war meine Idee, in London auf die Ballettschule zu gehen, nicht, dass ihr eure Ehe beendet!«

»Ach, ich dachte, du hättest gesagt, du hast die Nase voll von uns! Mein Fehler. Meinst du, wir sollten nach Chicago zurückgehen und wieder zusammenziehen?«

»Nee.« Er hört das Grinsen in ihrer Stimme und weiß, dass alles okay ist.

»Hey, glaubst du denn, ich wäre in Chicago geblieben, während du hier irgendwo auf der anderen Seite der Welt rumschwirrst?«

»Momentan bist du ja nicht mal im gleichen Land«, lacht sie.

»Irland ist bloß mein Arbeitsplatz. In ein paar Tagen bin ich wieder in London. Ehrlich, Bea, ich möchte nirgendwo anders sein«, versichert er ihr.

Obwohl ein besseres Hotel schon ganz nett wäre.

»Ich überlege, ob ich mit Peter zusammenziehen soll«, sagt sie viel zu leichthin.

»Was ist das denn jetzt mit diesem Furzhumor?«, wiederholt er seine Frage von vorhin, ohne auf ihre Bemerkung einzugehen. »Ich meine, was ist denn dran an dem Geräusch des Luftausstoßens, dass es Menschen daran hindern kann, sich für die unglaublichsten Meisterwerke zu interessieren, die je erschaffen wurden?«

»Gehe ich recht in der Annahme, dass du nicht darüber reden möchtest, ob ich mit Peter zusammenziehe?«

»Du bist noch ein Kind. Du und Peter könnt meinetwegen zusammen im Spielhaus einziehen, das bestimmt noch irgendwo auf dem Speicher rumsteht. Ich hole es und stelle es für dich im Wohnzimmer auf. Da ist es dann so richtig gemütlich.«

»Ich bin achtzehn und kein Kind mehr. Inzwischen wohne ich schon seit zwei Jahren nicht mehr zu Hause und alleine.«

»Allein erst seit einem Jahr. Deine Mutter hat mich im zweiten Jahr verlassen, um sich zu dir zu gesellen, weißt du noch?«

»Du und Mum habt euch kennengelernt, als ihr in meinem Alter wart.«

»Und haben danach keineswegs für alle Ewigkeit glücklich und zufrieden zusammengelebt. Hör auf, uns zu imitieren, und schreib dein eigenes Märchen.«

»Würde ich ja, wenn mein überbehütender Vater endlich aufhören würde, sich ständig einzumischen mit der Version der Geschichte, die er für richtig hält.« Bea seufzt und steuert das Gespräch wieder in ungefährlichere Gewässer. »Warum lachen deine Studenten denn über Fürze? Ich dachte, dein Seminar wäre ein einmaliges Ereignis für Graduierte, die sich freiwillig dazu entschlossen haben, dein langweiliges Thema noch zu vertiefen. Obwohl es mir schleierhaft ist, wie jemand so was machen kann. Deine Vorträge über Peter sind schon langweilig genug, und ich liebe ihn.«

Liebe! Ignorier es, dann vergisst sie bestimmt, was sie gesagt hat. »Es wäre wirklich wünschenswert, wenn du mir gelegentlich zuhören würdest. Man hat mich gebeten, neben den Graduiertenkursen auch noch eine Anfängervorlesung zu halten, eine Vereinbarung, die ich möglicherweise zutiefst bereuen werde, aber egal. Viel wichtiger ist, dass ich in der Galerie eine Ausstellung über niederländische Malerei im siebzehnten Jahrhundert plane. Die solltest du dir unbedingt ansehen.«

»Nein danke.«

»Na, vielleicht wissen meine Graduierten in den nächsten Monaten meine Expertise mehr zu schätzen.«

»Weißt du, deine Studenten haben vielleicht über den Furz gelacht, aber ich wette, dass mindestens ein Viertel von ihnen Blut gespendet hat.«

»Aber nur, weil sie nachher ein KitKat umsonst bekommen«, grummelt Justin und stöbert durch die unzulänglich gefüllte Minibar. »Bist du sauer, weil ich kein Blut gespendet habe?«

»Ich finde es arschig, dass du die Frau versetzt hast.«

»Du sollst keine Worte wie ›arschig‹ benutzen, Bea. Und wer hat dir überhaupt erzählt, dass ich sie versetzt habe?«

»Onkel Al.«

»Onkel Al ist arschig. Und weißt du noch was, Schätzchen? Weißt du, was der Doktor mir heute zum Thema Blutspenden gesagt hat?« Er kämpft mit der Plastikfolie einer Pringles-Packung.

»Was denn?« Bea gähnt ausgiebig.

»Dass die Spende für den Empfänger anonym bleibt. Hat man so was schon gehört? Anonym. Was ist der Sinn davon, jemandem das Leben zu retten, wenn der Betreffende nicht mal weiß, wem er sein Glück zu verdanken hat?«

»Dad!«

»Was? Komm schon, Bea. Du willst doch nicht etwa behaupten, dass du nicht gern wenigstens einen Blumenstrauß dafür bekommen würdest, wenn du jemandem das Leben rettest.«

Bea protestiert, aber ihr Vater fährt unbeirrt fort.

»Oder ein Körbchen mit diesen Muffins, die du so magst, mit Kokos oder was …«

»Mit Zimt«, lacht sie und ist ein bisschen besänftigt.

»Ein kleines Körbchen mit Zimtmuffins vor deiner Tür, mit einer Notiz, auf der steht: ›Danke, Bea, dass du mir das Leben gerettet hast. Wenn du mal irgendwas brauchst, wenn deine Wäsche aus der Reinigung geholt werden muss, wenn deine Zeitung samt Kaffee jeden Morgen vor deiner Tür abgeliefert werden soll, wenn du gern ein Auto mit Chauffeur für den Privatgebrauch hättest oder Plätze in der ersten Reihe für die nächste Opernaufführung …‹ Die Liste lässt sich natürlich endlos verlängern.«

Er gibt das Gezerre an der Packung auf, holt stattdessen einen Korkenzieher und sticht die Folie damit an. »Es könnte so ein Chinesending werden, du weißt schon – wenn jemand dir das Leben rettet, bist du ihm auf ewig verpflichtet. Wäre doch nett, wenn jemand Tag für Tag auf dich aufpasst und aus dem Fenster stürzende Klaviere abfängt, die sonst auf deinem Kopf gelandet wären. Lauter solche Sachen.«

Bea gibt sich Mühe, ruhig zu bleiben. »Du machst Witze, oder?«

»Ja, natürlich.« Justin schneidet eine Grimasse. »Das Klavier würde den Beschützer bestimmt umbringen, und das wäre dann extrem unfair.«

Jetzt schafft er es endlich, die Folie abzuziehen, und schleudert den Korkenzieher quer durchs Zimmer. Er trifft ein Glas auf der Minibar, das klirrend zu Bruch geht.

»Was war das denn?«

»Hausputz«, lügt er. »Du findest mich egoistisch, ja?«

»Dad, du hast dein Leben umgekrempelt, hast einen tollen Job und eine hübsche Wohnung an den Nagel gehängt und bist tausend Meilen in ein anderes Land geflogen, nur um in meiner Nähe zu sein – natürlich finde ich dich nicht egoistisch.«

Justin lächelt und stopft sich ein Pringle in den Mund.

»Aber wenn die Geschichte mit dem Muffinkorb kein Witz ist, dann bist du doch ein Egoist. Und wenn an meinem College Blutspendewoche wäre, würde ich mitmachen. Aber du hast ja noch eine Chance, es bei dieser Frau wieder gutzumachen.«

»Ich komme mir einfach so überrumpelt vor. Eigentlich wollte ich mir morgen die Haare schneiden lassen. Dass mir jemand stattdessen eine Nadel in die Adern sticht, darauf lege ich überhaupt keinen Wert.«

»Lass das Blutspenden, wenn du es nicht möchtest, das ist mir völlig egal. Aber denk dran, wenn du es doch tust – die winzig kleine Nadel wird dich garantiert nicht umbringen. Vielleicht passiert sogar das Gegenteil, du rettest tatsächlich jemandem das Leben, und wer weiß, vielleicht folgt dieser Mensch dir dann den Rest deines Lebens, stellt Muffins vor deine Tür und fängt Klaviere auf, die dir auf den Kopf fallen würden. Na, wär das nicht schön?«

Vier

Im Blutspendewagen neben dem Rugbyplatz des Trinity College versucht Justin, das Zittern seiner Hände vor Sarah zu verbergen, während er ihr die Einverständniserklärung und den Fragebogen »Gesundheit und Lebensstil« zurückreicht, der mehr über seine Person offenbart, als er für gewöhnlich beim ersten Date zu enthüllen bereit ist.

Sarah lächelt ermutigend und redet mit ihm, als wäre Blutspenden das Normalste der Welt.

»So, jetzt muss ich Ihnen noch ein paar Fragen stellen. Haben Sie den Fragebogen gelesen, verstanden und vollständig ausgefüllt?«

Justin nickt.

Der Kloß in seinem Hals ist so groß, dass er kein Wort herausbringt.

»Und haben Sie die Fragen nach bestem Wissen und Gewissen ehrlich beantwortet?«

»Warum?«, krächzt er. »Sieht irgendwas davon nicht richtig aus? Falls es so sein sollte, kann ich nämlich jederzeit wieder gehen und es wann anders noch mal versuchen.«

Sie lächelt ihn an, mit dem gleichen Gesichtsausdruck, den seine Mutter immer beim Gutenachtsagen hatte, kurz bevor sie das Licht ausmachte.

»Okay, dann sind wir so weit. Ich werde jetzt erst mal einen Hämoglobintest machen«, erklärt sie.

»Sieht man daran, ob ich krank bin?« Er blickt sich nervös nach den Gerätschaften im Innern des Vans um. Bitte lass mich keine Geschlechtskrankheiten haben. Das wäre zu peinlich. Ist ja auch eher unwahrscheinlich. Kannst du dich überhaupt noch daran erinnern, wann du das letzte Mal Sex hattest?

»Nein, damit misst man nur den Eisengehalt des Bluts.« Sie entnimmt ein Tröpfchen Blut aus seiner Fingerkuppe. »Das Blut wird später auf Krankheiten untersucht, auch auf sexuell übertragbare natürlich.«

»Muss ja praktisch sein, wenn man seine Bettgenossen überprüfen möchte«, scherzt er, während er spürt, wie sich Schweißtropfen auf seiner Oberlippe sammeln. Er betrachtet seinen Finger.

Schweigend führt sie den Test durch.

Justin liegt ausgestreckt auf einer gepolsterten Bank und streckt seinen linken Arm aus. Sarah schlingt eine Blutdruckmanschette um seinen Oberarm, um seine Venen besser hervortreten zu lassen, und desinfiziert seine Armbeuge.

Schau nicht auf die Nadel, schau nicht auf die Nadel.

Er schaut auf die Nadel, und schon beginnt der Boden unter ihm zu schwanken. Seine Kehle schnürt sich zu.

»Wird es wehtun?«, stößt er hervor und schluckt schwer. Sein Hemd klebt verschwitzt an seinem Rücken.

»Bloß ein kleiner Piekser«, antwortet sie lächelnd und kommt mit einer Kanüle näher.

Ihr süßes Parfüm steigt ihm in die Nase und lenkt ihn einen Moment ab. Als sie sich über ihn beugt, kann er in den V-Ausschnitt ihres Pullis sehen. Ein schwarzer Spitzen-BH.

»Ich möchte, dass Sie das jetzt in die Hand nehmen und immer wieder draufdrücken.«

»Was?« Er lacht nervös.

»Den Ball.« Sie lächelt.

»Oh.« Gehorsam nimmt er das kleine weiche Bällchen in die Hand. »Was bewirkt das denn?«, erkundigt er sich zittrig.

»Es beschleunigt die Prozedur.«

Sofort fängt Justin an, mit Höchstgeschwindigkeit zu pumpen.

Sarah lacht. »Noch nicht! Und auch nicht ganz so heftig, Justin!«

Der Schweiß läuft ihm über den Rücken. Seine Haare kleben auf seiner verschwitzten Stirn. Du hättest doch zum Friseur gehen sollen, Justin. Was war das bloß für eine saublöde Idee … »Au!«

»War gar nicht schlimm, oder?«, sagt sie sanft, als würde sie mit einem Kind sprechen.

Justins Herz schlägt donnerlaut in seinen Ohren. Er drückt im gleichen Rhythmus auf den Ball und stellt sich vor, wie das Herz sein Blut durch den Körper pumpt, wie das Blut durch die Adern fließt. Er sieht, wie es die Nadel erreicht, durch das Röhrchen rinnt, und wartet darauf, dass er sich flau fühlt. Aber weil das flaue Gefühl ausbleibt, beobachtet er, wie das Blut durch das Röhrchen in den Sammelbehälter fließt.

»Kriege ich nachher ein KitKat?«

Sie lacht. »Aber natürlich!«

»Und gehen wir dann noch was trinken oder wollen Sie mich bloß melken?«

»Was trinken gehen ist wunderbar, aber ich muss Sie warnen, sich heute lieber nicht anzustrengen. Ihr Körper muss sich erholen.«

Wieder erhascht er einen Blick auf ihren Spitzen-BH. Ja, klar.

Fünfzehn Minuten später betrachtet Justin stolz seinen halben Liter Blut. Er möchte eigentlich nicht, dass irgendein Fremder es bekommt. Am liebsten möchte er die kostbare Flüssigkeit persönlich ins Krankenhaus bringen, sich auf den Stationen umschauen und sie jemandem schenken, der ihm am Herzen liegt, jemand Besonderem. Denn dieses Blut ist für ihn seit langer Zeit das Erste, was von Herzen gekommen ist.

Heute

Fünf

Ganz langsam öffne ich die Augen.

Weißes Licht blendet mich. Langsam erkenne ich die Gegenstände um mich herum, und das weiße Licht verblasst. Jetzt ist es orangerosa. Ich bin in einem Krankenhaus. Ein Fernseher hängt an der Wand, weit oben. Der Bildschirm ist ganz grün. Ich schaue genauer hin. Da sind Pferde. Sie laufen. Bestimmt ist Dad auch hier im Zimmer. Ich senke den Blick, und da ist er auch schon, auf dem Sessel, mit dem Rücken zu mir. Seine Faust klopft auf die Armlehne, er hibbelt auf und ab, und sein Kopf mit der Tweedkappe erscheint im gleichen Rhythmus über der Rückenlehne und verschwindet wieder. Unter ihm knarzen die Sprungfedern.

Die Pferde rennen ohne Ton. Auch mein Vater gibt keinen Ton von sich. Wie einen Stummfilm, der vor meinen Augen läuft, beobachte ich ihn und frage mich, ob es an meinen Ohren liegt, dass ich ihn nicht hören kann. Plötzlich springt er aus dem Sessel hoch, schneller, als ich ihn seit langer Zeit erlebt habe, und schwenkt die Faust vor dem Fernseher, um sein Pferd anzufeuern.

Dann wird der Bildschirm schwarz. Die Fäuste meines Vaters öffnen sich, er streckt die Hände in die Luft, blickt zur Decke und schickt ein Stoßgebet zum Himmel. Hektisch steckt er die Hände in die Taschen seiner braunen Hose, wühlt darin herum und stülpt sie nach außen. Jetzt klopft er auf seine Jacke und tastet dort nach Geld. Untersucht die kleine Tasche seines braunen Pullovers. Grummelt. Also sind es nicht meine Ohren.

Schließlich dreht er sich um, weil er seinen Mantel überprüfen will, der neben mir hängt, und ich schließe rasch die Augen.

Ich bin noch nicht bereit. Mir ist das alles nicht passiert, es wird erst wirklich, wenn jemand es mir sagt. Aber bis dahin bleibt die letzte Nacht in meinen Gedanken nur ein Albtraum. Je länger ich die Augen schließe, desto länger wird alles so bleiben, wie es war. Ich verharre in seliger Unwissenheit.

Jetzt höre ich, wie er in seinem Mantel herumkramt, ich höre Kleingeld klappern, dann das Klirren, als die Münze in den Schlitz am Fernseher fällt. Ich wage es, die Augen zu öffnen, und tatsächlich, da sitzt er wieder im Sessel, die Kappe hüpft, die Fäuste werden geschwenkt.

Zwar ist mein Vorhang zugezogen, aber ich spüre, dass ich den Raum mit anderen Menschen teile. Natürlich weiß ich nicht, mit wie vielen. Es ist ganz still, stickig, ich kann schalen Schweiß riechen. Die großen Fenster, die links von mir die ganze Wand einnehmen, sind geschlossen. Das Licht ist so hell, dass ich nicht hinaussehen kann. Erst nach einer Weile haben sich meine Augen daran gewöhnt, und ich erkenne eine Bushaltestelle auf der anderen Straßenseite. Dort wartet eine Frau, Einkaufstüten zwischen den Füßen, ein Baby auf der Hüfte, das in der Spätsommersonne mit seinen feisten Beinchen baumelt. Schnell sehe ich weg. Dad beobachtet mich. Er beugt sich über die Armlehne nach hinten und verdreht den Kopf, wie ein Kind im Kinderbettchen.

»Hallo, Liebes.«

»Hallo.« Ich habe so lange nichts gesagt, deshalb erwarte ich, dass nur ein Krächzen herauskommt. Aber nichts dergleichen. Meine Stimme ist rein und klar. Als wäre nichts passiert. Aber es ist ja auch nichts passiert. Nicht, bevor sie es mir sagen.

Beide Hände auf die Armlehnen gestützt, erhebt sich mein Vater langsam. Wippend geht er zum Bett. Rauf und runter. Er ist mit verschieden langen Beinen auf die Welt gekommen, sein rechtes Bein ist kürzer als das linke. Obwohl er inzwischen Spezialschuhe trägt, schwankt er immer noch, wahrscheinlich weil er die Bewegung intus hat, seit er laufen gelernt hat. Er zieht die Schuhe auch höchst ungern an, und unseren Warnungen und seinen Rückenschmerzen zum Trotz kehrt er immer wieder zu dem zurück, was er kennt. Ich bin so daran gewöhnt, dass sein Körper rauf und runter geht, runter und rauf, und ich weiß noch genau, wie ich als Kind beim Spazierengehen seine Hand gehalten habe, immer die linke. Wie sich mein Arm dann im gleichen Rhythmus bewegt hat wie er. Wenn das rechte Bein aufkam, wurde ich nach oben gezogen, beim linken nach unten gedrückt.

Er war immer so stark, so belastbar. Ständig dabei, irgendwas zu reparieren. Immer hatte er einen Schraubenzieher in der Hand, schraubte Sachen auseinander und montierte sie wieder zusammen – Fernbedienungen, Radios, Wecker, Elektrostecker. Der Handwerker für die ganze Straße. Seine Beine waren ungleich, aber seine Hände fest und absolut zuverlässig.

Als er sich mir nähert, nimmt er die Kappe ab, packt sie mit beiden Händen und dreht sie wie ein Steuerrad, während er mich besorgt mustert. Er tritt mit dem rechten Bein auf. Runter. Beugt das linke. Seine Ruhehaltung.

»Bist du … äh … die haben mir gesagt … äh.« Er räuspert sich. »Die haben mir gesagt, ich soll …« Wieder schluckt er schwer, seine dichten, struppigen Augenbrauen ziehen sich zusammen und verbergen seine Augen. »Du hast … du hast …«

Meine Unterlippe beginnt zu zittern.

Als er weiterspricht, klingt seine Stimme ganz heiser. »Du hast eine Menge Blut verloren, Joyce. Sie …« Er nimmt die eine Hand von der Mütze, bewegt den gekrümmten Finger im Kreis und versucht sich zu erinnern. »Sie haben eine Transfusion mit diesem Blutdings gemacht, und jetzt bist du … äh … jetzt hast du genug.«

Aber meine Unterlippe zittert immer noch, und meine Hände wandern automatisch zu meinem Bauch, der noch nicht einmal so dick ist, dass man es unter der Decke erkennen kann. Hoffnungsvoll sehe ich meinen Vater an, und erst jetzt wird mir klar, wie sehr ich mich noch daran klammere, wie sehr ich mir eingeredet habe, dass der schreckliche Vorfall im Kreißsaal nur ein Albtraum war. Vielleicht habe ich mir nur eingebildet, dass mein Baby so stumm war, dieses Schweigen, das sich in diesem letzten Moment im Raum ausgebreitet hat. Vielleicht hat es geschrien, aber ich habe es nicht gehört. Natürlich ist das möglich – in diesem Stadium war ich schon ziemlich fertig und nur noch halb bei Bewusstsein –, vielleicht habe ich den ersten kleinen Atemzug des Lebens einfach nicht mitbekommen.

Traurig schüttelt Dad den Kopf. Nein, ich war es, die geschrien hat.

Jetzt zittert meine Unterlippe immer mehr, aber ich kann nichts dagegen machen. Mein ganzer Körper bebt, und auch dagegen bin ich machtlos. Tränen steigen mir in die Augen, aber ich halte sie zurück. Wenn ich jetzt damit anfange, kann ich nie mehr aufhören, das weiß ich genau.

Ich mache ein Geräusch. Ein seltsames Geräusch, das ich noch nie gehört habe. Stöhnen. Grunzen. Eine Mischung aus beidem. Dad fasst meine Hand und hält sie ganz fest. Die Berührung holt mich zurück in die letzte Nacht, und ich erinnere mich daran, wie ich am Fuß der Treppe lag. Er sagt nichts. Aber was soll man auch sagen?

Ich verfalle in einen unruhigen Halbschlaf. Einmal wache ich auf und erinnere mich an ein Gespräch mit dem Arzt, und ich frage mich, ob das ein Traum war. Sie haben Ihr Baby verloren, Joyce, aber wir haben alles getan, was wir konnten … Bluttransfusion … Wer muss so etwas im Gedächtnis behalten? Niemand. Ich bestimmt nicht.

Als ich wieder wach werde, ist der Vorhang neben mir offen. Drei kleine Kinder rennen herum, jagen einander ums Bett, während ein Mann, vermutlich ihr Vater, sie in einer Sprache ermahnt, die ich nicht erkenne. Wahrscheinlich ist die Frau im Bett ihre Mutter. Sie sieht müde aus. Unsere Blicke begegnen sich, und wir lächeln einander zu.

Ich weiß, wie du dich fühlst, sagt ihr trauriges Lächeln, ich weiß genau, wie du dich fühlst.

Was sollen wir tun?, fragt mein Lächeln zurück.

Ich weiß es nicht, antworten ihre Augen. Ich weiß es nicht.

Wird alles wieder gut?

Sie wendet den Kopf ab, und ihr Lächeln ist verschwunden.

Dad ruft zu der Familie hinüber: »Wo kommt ihr denn eigentlich her?«

»Wie bitte?«, fragt der Mann.

»Ich hab gefragt, wo ihr denn eigentlich herkommt«, wiederholt Dad. »Nicht von hier, das sieht man ja.« Dads Stimme klingt nett und fröhlich. Er will keinem auf den Schlips treten. Nie.

»Wir sind aus Nigeria«, erklärt der Mann.

»Nigeria«, sagt Dad nachdenklich. »Wo ist das eigentlich?«

»In Afrika.« Auch er spricht freundlich und entspannt. Offensichtlich ist ihm klar, dass er es nur mit einem alten Mann zu tun hat, der sich gern ein bisschen unterhalten möchte und auf seine Art versucht, Kontakt zu knüpfen.

»Ah, Afrika. War selbst noch nie dort. Ist es heiß? Wahrscheinlich schon, was? Heißer als hier. Kann man bestimmt schön braun werden – nicht dass Sie es brauchen würden«, fügt er lachend hinzu. »Wird es Ihnen hier nicht manchmal zu kalt?«

»Kalt?«, lächelt der Afrikaner.

»Ja, Sie wissen doch«, meint Dad, schlingt die Arme um sich und tut so, als würde er bibbern. »Kalt.«

»Ja«, lacht der Mann. »Manchmal ist mir kalt.«

»Hab ich mir gedacht. Mir nämlich auch, und ich bin hier geboren«, erklärt er. »Die Kälte geht mir bis in die Knochen. Aber ich bin auch nicht so für Hitze. Meine Haut wird knallrot und verbrennt einfach. Meine Tochter, Joyce, die wird braun. Das ist sie übrigens da drüben.« Er zeigt auf mich, und ich schließe schnell wieder die Augen.

»Eine hübsche Tochter haben Sie«, sagt der Mann höflich.

»O ja.« Schweigen kehrt ein, und ich vermute, dass sie mich ansehen. »Sie war vor ein paar Monaten auf einer dieser spanischen Inseln, und als sie zurückkam, war sie richtig schwarz, ehrlich. Na ja, nicht so schwarz wie Sie, aber richtig braun gebrannt eben. Dann hat sie sich geschält. Sie schälen sich wahrscheinlich nicht.«

Der Mann lacht höflich. So ist Dad. Meint nie etwas böse und war in seinem ganzen Leben noch kein einziges Mal im Ausland. Seine Flugangst hindert ihn daran. Zumindest behauptet er das immer.

»Ich hoffe, Ihre hübsche Frau wird sich bald besser fühlen. Ist doch gemein, wenn man in den Ferien krank wird.«

Jetzt schlage ich die Augen auf.

»Ah, da bist du ja wieder, mein Schatz. Ich hab mich gerade mit unseren netten Nachbarn unterhalten.« Wieder wippt er zu mir herüber, die Kappe in den Händen. Ruht auf dem rechten Bein, runter, beugt das linke. »Weißt du, ich glaube, wir sind die einzigen Iren in diesem Krankenhaus. Die Schwester war grade vorhin hier, sie kommt aus Singsang oder so.«

»Singapur, Dad«, korrigiere ich ihn mit einem Lächeln.

»Genau.« Er zieht die Augenbrauen hoch. »Du kennst sie schon, was? Aber alle sprechen Englisch, auch die Ausländer. Klar, das ist auch besser, als wenn man sich in den Ferien immer mit Zeichensprache verständigen muss.« Er legt die Kappe aufs Bett und fingert nervös an ihr herum.

»Dad, du warst in deinem ganzen Leben nie im Ausland«, erinnere ich ihn mit einem Lächeln.

»Aber ich hab meine Kumpels im Monday Club darüber reden hören. Letzte Woche war Frank in, wie hieß es gleich noch mal?« Er schließt die Augen und denkt angestrengt nach. »Das Land, wo die ganze Schokolade herkommt?«

»Schweiz.«

»Nein.«

»Belgien.«

»Nein!«, ruft er frustriert. »Die kleinen runden Dinger mit dem Knusperzeug drin. Man kriegt sie auch in Weiß, aber ich mag die dunklen lieber.«

»Malteser?«, frage ich und muss lachen, aber es tut weh, also höre ich schnell wieder auf.

»Genau.«

»Du meinst Malta.«

»Stimmt! Er war in Malta.« Er schweigt einen Moment. »Machen die da Malteser?«

»Keine Ahnung. Vielleicht. Und was war mit Frank in Malta?«

Wieder kneift er die Augen zusammen und denkt nach. »Ich weiß nicht mehr, was ich sagen wollte.«

Schweigen. Er hasst es, wenn er sich an etwas nicht mehr erinnern kann. Früher konnte er sich immer an alles erinnern.

»Hast du mit deinen Pferden was gewonnen?«, frage ich schnell.

»Ein paar Pfund. Genug für ein paar Runden heut Abend im Monday Club.«

»Aber heute ist Dienstag.«

»Der Club findet wegen dem Feiertag am Dienstag statt«, erklärt er und wippt zur anderen Seite des Betts, wo er sich niederlässt.

Ich kann nicht lachen. Es tut alles so weh, und ich glaube, mein Kind hat auch einen Teil meines Humors mitgenommen.

»Es macht dir doch nichts, wenn ich hingehe, oder, Joyce? Wenn du möchtest, bleib ich nämlich hier, das macht mir nichts, es ist nicht so wichtig für mich.«

»Natürlich ist es wichtig. Seit zwanzig Jahren hast du keinen Montagabend verpasst.«

»Abgesehen von den Feiertagen!« Er hebt einen krummen Finger, und seine Augen funkeln.

»Abgesehen von den Feiertagen«, wiederhole ich lächelnd und ergreife den Finger.

»Na ja«, meint er und nimmt meine Hand. »Du bist aber wichtiger als ein paar Bier und ein bisschen Singen.«

»Was würde ich ohne dich machen?« Meine Augen füllen sich wieder mit Tränen.

»Es wird alles gut, Liebes. Außerdem …«, fährt er fort und blickt mich dabei forschend an, »außerdem hast du Conor.«

Ich lasse seine Hand los und sehe weg. Was, wenn ich Conor nicht mehr will?

»Ich hab ihn gestern Abend auf dem Handtelefon zu erreichen versucht, aber er ist nicht drangegangen. Vielleicht hab ich ja die Nummer falsch eingetippt«, fügt er hastig hinzu. »Auf den Handtelefonen sind es immer so viel mehr Zahlen.«

»Handys heißen die Dinger, Dad«, verbessere ich ihn geistesabwesend.

»Ach ja klar, auf dem Handy. Er ruft immer an, wenn du grade schläfst. Übrigens will er heimkommen, sobald er einen Flug kriegt. Er macht sich große Sorgen.«

»Das ist nett von ihm. Dann können wir ja die nächsten zehn Jahre unserer Ehe versuchen, noch ein Baby zu produzieren.« Zurück ans Werk. Eine nette kleine Abwechslung, die unserer Beziehung eine Art von Bedeutung verleiht.

»Ach, Liebes …«

Der erste Tag vom Rest meines Lebens, und ich bin nicht sicher, ob ich hier sein möchte. Ich weiß, ich sollte irgendjemandem dafür dankbar sein, aber ich fühle mich überhaupt nicht danach. Stattdessen wünsche ich mir, sie hätten sich die Mühe nicht gemacht.

Sechs

Ich sehe zu, wie die Kinder auf dem Krankenhausfußboden miteinander spielen, kleine Finger und Zehen, runde Wangen und volle Lippen – die Züge ihrer Eltern deutlich in ihren Gesichtchen zu erkennen. Mein Herz wird schwer, mein Magen zieht sich zusammen. Schon wieder stehen Tränen in meinen Augen, und ich muss wegsehen.

»Kann ich mir eine Traube nehmen?«, zwitschert Dad. Er ist wie ein kleiner Kanarienvogel, der neben mir in seinem Käfig herumhüpft.

»Natürlich, Dad. Überhaupt solltest du allmählich nach Hause gehen und was essen. Du brauchst Energie.«

Er nimmt sich eine Banane. »Kalium«, verkündet er lächelnd und wedelt mit den Armen. »Wenn ich die esse, kann ich nach Hause joggen.«

»Wie bist du eigentlich hergekommen?« Plötzlich fällt mir ein, dass er seit Jahren nicht mehr in der Stadt gewesen ist. Irgendwann ist ihm hier alles zu schnell geworden, neue Gebäude schossen wie Pilze aus dem Boden, Einbahnstraßen führten plötzlich in die andere Richtung. Schweren Herzens hat er auch sein Auto verkauft, weil er so schlecht sah, dass er für sich und andere immer mehr zu einer Gefahr wurde. Fünfundsiebzig ist er jetzt, seine Frau seit zehn Jahren tot. Inzwischen hat er seine eigene Routine, ist zufrieden, in seiner Gegend zu bleiben, mit den Nachbarn zu plaudern, sonntags und mittwochs in die Kirche zu gehen, jeden Montag in den Monday Club (außer wenn der Montag ein Feiertag ist und der Club sich am Dienstag trifft), am Dienstag zum Metzger, tagsüber Kreuzworträtsel, Ratesendungen und Fernsehshows, der Garten in der Zeit dazwischen.

»Fran von nebenan hat mich mitgenommen.« Er lacht immer noch über seinen Jogging-Witz, legt die Banane weg und stopft sich noch eine Traube in den Mund. »Hat mich ein paar Mal beinahe das Leben gekostet. Oft genug, um mir mal wieder zu beweisen, dass es einen Gott gibt, falls ich je daran gezweifelt hätte.« Plötzlich verzieht er das Gesicht. »Ich hab doch gesagt, ich will kernlose Trauben, und die hier sind alles andere als kernlos.« Mit seinen leberfleckigen Händen legt er die Trauben wieder auf das Schränkchen, klaubt sich die Kerne aus dem Mund und sieht sich nach einem Mülleimer um.

»Glaubst du jetzt immer noch an deinen Gott, Dad?«, frage ich, und es kommt viel härter heraus, als ich es meine, aber meine Wut ist beinahe unerträglich.

»Ja. Ich glaube an ihn, Joyce.« Wie immer meint er es nicht böse. Er deponiert die Kerne in seinem Taschentuch und stopft es wieder in die Tasche. »Was er tut, ist oft rätselhaft, und wir können es weder erklären noch verstehen, noch ertragen. Mir ist klar, dass du ihn jetzt in Frage stellst – das tun wir ja alle gelegentlich. Als deine Mutter gestorben ist, habe ich …« Der Satz bleibt unvollendet, wie immer. Weiter strapaziert er die Loyalität zu seinem Gott nicht, mehr sagt er nicht über den Tod seiner Frau. »Aber diesmal hat Gott alle meine Gebete erhört. Als ich ihn letzte Nacht gerufen habe, hat er zu mir gesagt« – Dad verfällt in den breiten Cavan-Akzent, den er als Kind gesprochen hat, ehe er als Teenager nach Dublin kam – »›Kein Problem, Henry. Ich verstehe dich laut und deutlich, und ich hab alles im Griff, mach dir also keine Sorgen. Ich erledige das für dich, keine Angst.‹ Und er hat dich gerettet. Er hat mein Mädchen am Leben erhalten, und dafür werde ich ihm immer dankbar sein, so traurig wir auch wegen dem Tod des Babys sind.«

Darauf weiß ich keine Erwiderung, aber ich bin etwas besänftigt.

Er zieht seinen Stuhl laut quietschend näher ans Bett.

»Und ich glaube auch an ein Leben nach dem Tod«, sagt er, ein bisschen ruhiger. »Auf jeden Fall. Ich glaube an das himmlische Paradies, und jeder, der einmal hier war, ist jetzt da oben. Auch die Sünder, denn Gott vergibt. Das glaube ich.«

»Alle sind im Himmel?« Ich kämpfe mit den Tränen, halte sie zurück, denn wenn ich jetzt anfange, höre ich nie mehr auf. »Was ist mit meinem Baby, Dad? Ist mein Baby auch dort?«

Ich sehe ihm den Schmerz an. Wir haben nicht viel über meine Schwangerschaft gesprochen. Anfangs haben wir uns alle Sorgen gemacht, er am meisten. Erst vor ein paar Tagen hatten wir einen kleinen Streit, weil ich ihn gebeten hatte, unser Gästebett in seiner Garage zu verstauen. Ich hatte nämlich angefangen, das Kinderzimmer einzurichten … Ach je, das Kinderzimmer. Das Gästebett und das Gerümpel habe ich rausgeräumt und das Kinderbettchen aufgestellt. Die Wände in einem hübschen Gelb gestrichen. »Butterblumentraum«, mit einer Entchenbordüre.

Noch fünf Monate wären es gewesen. Manche Leute, unter ihnen auch mein Vater, hielten es für voreilig, das Kinderzimmer schon im vierten Monat der Schwangerschaft einzurichten, aber wir hatten sechs Jahre auf ein Baby gewartet, auf dieses Baby. Daran war nichts voreilig.

»Ach, Liebes, das weiß ich nicht …«

»Ich wollte es Sean nennen, wenn es ein Junge wird«, höre ich mich schließlich laut sagen. Schon den ganzen Tag wiederhole ich diese Dinge im Kopf, immer wieder, und jetzt kommen sie einfach aus meinem Mund, strömen aus mir heraus, an Stelle der Tränen vielleicht, die ich zurückgehalten habe.

»Ah, Sean, das ist ein schöner Name.«

»Ein Mädchen sollte Grace heißen. Nach Mum. Das hätte ihr gefallen.«

Er beißt die Zähne zusammen und sieht weg. Wer ihn nicht kennt, könnte denken, dass meine Bemerkung ihn wütend gemacht hat. Aber ich weiß, dass das nicht der Fall ist. Ich weiß, dass es die Gefühle sind, die sich in seinem Kiefer sammeln wie in einem riesigen Becken, in dem alles gestaut wird und auf die seltenen Augenblicke wartet, wenn es nicht mehr anders geht, die Dämme brechen und alles aus ihm herausfließt.

»Aus irgendeinem Grund dachte ich, dass es ein Junge wird. Ich weiß nicht, warum, aber ich hab das irgendwie gefühlt. Natürlich hätte ich mich irren können. Ich wollte ihn Sean nennen«, wiederhole ich.

Dad nickt. »Ja, richtig, ein schöner Name.«

»Ich hab immer mit ihm geredet. Ihm vorgesungen. Ich frage mich, ob er es gehört hat.« Meine Stimme ist weit weg. Ich habe das Gefühl, dass ich aus einem hohlen Baum rufe, in dem ich mich versteckt habe.

Wir schweigen, während ich mir eine Zukunft mit dem kleinen Sean vorstelle, eine Zukunft, die es nie geben wird. Wie ich ihm abends vorsinge, wie wir Marshmallows essen und uns beim Baden nass spritzen. Wie wir Fahrrad fahren, Sandburgen bauen und fußballbedingte Wutausbrüche erleben. Aber dann löscht der Zorn über ein verpasstes Leben – nein, schlimmer noch, ein verlorenes Leben – alle meine Träumereien aus.

»Ich frage mich, ob er es überhaupt gewusst hat.«

»Ob er was gewusst hat, Liebes?«

»Was passiert ist. Was er verpassen würde. Hat er gedacht, ich schicke ihn fort? Ich hoffe, er macht mir keine Vorwürfe. Schließlich war ich alles, was er hatte und …« Ich halte inne. Ich habe das Gefühl, ich fange gleich an zu schreien, ich muss das sein lassen. Wenn ich jetzt anfange mit den Tränen, höre ich nie wieder auf.

»Wo ist er jetzt, Dad? Wie kann man überhaupt sterben, wenn man noch gar nicht geboren ist?«

»Ach, Liebes.« Er nimmt meine Hand und drückt sie.

»Sag es mir.«

Diesmal denkt er darüber nach. Lange und angestrengt. Er tätschelt mir den Kopf, streicht mir die Haarsträhnen aus dem Gesicht und klemmt sie hinter meine Ohren. Das hat er nicht mehr gemacht, seit ich ein kleines Mädchen war.

»Ich denke, er ist im Himmel, Liebes. Ach was, das denke ich nicht, das weiß ich. Er ist da oben, zusammen mit deiner Mutter, ja. Er sitzt auf ihrem Schoß, während sie mit Pauline Rommé spielt, sie haushoch besiegt und dabei laut vor sich hin kichert. Sie ist da oben.« Er blickt hoch und wackelt mit dem Zeigefinger. »Pass gut auf Baby Sean auf, Gracie, hörst du? Sie erzählt Sean garantiert alles von dir, Liebes. Wie du noch ein Baby warst, wie du laufen gelernt hast, wie du deinen ersten Zahn gekriegt hast. Von deinem ersten Schultag wird sie ihm erzählen, von deinem letzten Schultag und all den Tagen dazwischen, und dann weiß er alles über dich, und wenn du dann durchs Himmelstor marschierst, als alte Frau – viel älter als ich jetzt –, dann schaut er hoch vom Romméspielen und sagt: ›Ah, da ist sie ja endlich. Höchstpersönlich. Meine Mummy.‹ Er wird dich sofort erkennen.«

Nur der Kloß in meinem Hals, der so groß ist, dass ich kaum schlucken kann, hindert mich daran, ihm zu danken, wie ich es eigentlich möchte, aber vielleicht sieht er es in meinen Augen, denn er nickt und wendet sich dann wieder dem Fernseher zu, während ich aus dem Fenster starre, hinaus ins Leere.

»Die haben hier ’ne nette Kapelle, Liebes. Vielleicht solltest du sie gelegentlich mal besuchen, wenn du wieder gesünder bist. Du brauchst nicht mal was zu sagen. Das stört Gott nicht. Du kannst einfach dasitzen und nachdenken. Mir hilft das immer.«

Aber eine Kapelle ist so ziemlich das Letzte, wo ich jetzt sein möchte.

»Es ist schön dort«, fährt Dad fort, als hätte er meine Gedanken gelesen. Als er mich ansieht, kann ich fast hören, wie er betet, dass ich aus dem Bett springe und nach dem Rosenkranz greife, den er auf den Nachttisch gelegt hat.

»Es ist ein Rokokogebäude, weißt du«, sage ich plötzlich, ohne selbst eine Ahnung zu haben, wovon ich rede.

»Was?« Dad runzelt die Stirn, so dass seine Augen fast unter den Brauen verschwinden, wie zwei Schnecken, die sich in ihr Haus zurückziehen.

Ich versuche nachzudenken. »Worüber haben wir gerade gesprochen?«

Jetzt überlegt er angestrengt. »Malteser. Nein!«

Einen Moment sitzt er schweigend da, dann fängt er an, Antworten auszuspucken wie in einer Quizsendung.

»Bananen! Nein. Den Himmel! Nein. Die Kapelle! Wir haben über die Kapelle geredet.« Er setzt ein strahlendes Lächeln auf, so freut er sich, dass er sich an das Gespräch erinnern kann, das vor weniger als einer Minute stattgefunden hat. »Und dann hast du gesagt, es ist ein Rock-’n’-Roll-Gebäude. Was hast du damit eigentlich gemeint? Gibt es da Konzerte?«

»Rokoko, nicht Rock’n’Roll«, korrigiere ich ihn und komme mir vor wie eine Lehrerin. »Die Kapelle ist bekannt wegen ihrer kunstvollen Stuckdecken, dem Werk eines französischen Stuckateurs namens Barthelemy Cramillion.«