Ich hatte einen Schießbefehl - Paul Küch - E-Book

Ich hatte einen Schießbefehl E-Book

Paul Küch

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Beschreibung

Gab es den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze oder gab es ihn nicht? Diese Frage beschäftigt Menschen in Ost und West seit Jahren. Für den ehemaligen Grenzer Paul Küch liegt die Antwort klar auf der Hand. Schließlich war er während seiner Dienstzeit im Eichsfeld unterwegs, 'um Grenzdurchbrüche nicht zuzulassen, Grenzverletzer festzunehmen oder zu vernichten'. Dieser Befehl schockiert, wenn man ihn das erste Mal bei der Vergatterung hört. Der Gefreite der Grenztruppen der DDR nimmt kein Blatt vor den Mund, beschreibt den Alltag in einer Grenzkompanie, schildert den Umgang mit dem angeblich nicht existierenden Schießbefehl und offenbart dabei schonungslos seine eigenen menschlichen Schwächen. Das offene, ehrliche und aufrichtige Buch stellt jedoch keine wissenschaftliche Abhandlung über den Schießbefehl dar. Vielmehr ist es der Versuch einer Beichte und eine rührende Liebeserklärung zugleich. Der Leser erfährt, wie Paul Küch nach einer behüteten, unbeschwertenKindheit im Elternhaus bereits in Kindergarten und Schule den vorgezeichneten Weg zur sozialistischen Persönlichkeit einschlägt. Bevor er studieren darf, muss er seinen Grundwehrdienst ableisten. Zwei Wochen vor der Einberufung lernt Paul Küch die Frau seines Lebens kennen. Während der monatelangen Trennung voneinander wird diese Beziehung auf eine harte Bewährungsprobe gestellt und droht zu zerbrechen. Ob die Liebe die Zeit bei den Grenztruppen der DDR übersteht, verrät der Autor am Ende seines Buches.

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PAUL KÜCH

Ich hatte einen Schießbefehl

Gezählte Tage im Eichsfeld

 

 

 

Laumann-Verlag

 

 

Über den Autor:

 

Paul Küch, Jahrgang 1963, wuchs als einziges gemeinsames Kind seiner Eltern in einem kleinen Dorf im Brandenburgischen auf. Nach erfolgreichem Abitur absolvierte er seinen Grundwehrdienst bei den Grenztruppen der DDR, studierte an der Humboldt-Universität in Berlin und ist bis heute in der Lebensmittelindustrie tätig.

Die Namen der Handelnden wurden aus rechtlichen Gründen geändert. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen wäre rein zufällig und vom Autor nicht beabsichtigt.

 

Für die freundliche Bereitstellung der beiden Fotos auf dem Buchumschlag danke ich Herrn Jürgen Ritter. Der Fotojournalist hat zu Zeiten der deutschen Teilung die Grenzanlagen vom Westen aus fotografiert und ein Archiv mit mehreren Tausend Motiven aufgebaut. Bitte besuchen Sie ihn im Internet unter www.grenzbilder.de!

 

Satz und Layout erstellt und unverändert übernommen von Paul Küch

 

Bildnachweis: Privatfotos des Autors

Buchumschlag: Polina Buschhüter

 

Copyright © 2013 by

Laumann Druck & Verlag GmbH & Co. KG

Postfach 1461

48235 Dülmen

 

ISBN 978-3-89960-392-7 (gedrucktes Buch)

ISBN 9783899604122 EPUB

ISBN 9783899604139 Mobipocket

 

[email protected]

www.laumann-verlag.de

 

 

Für Katharina,

 

die immer alles genau wissen möchte.

Vorwort

Als ich am 27. April 1984 aus dem Grundwehrdienst bei den Grenztruppen der DDR entlassen wurde, dachte ich, dass dieses Kapitel für immer abgeschlossen wäre. Meine Erlebnisse waren mir einfach nicht wertvoll genug, um sie damals aufzuschreiben. Außerdem durfte man im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat solche Erfahrungen nicht veröffentlichen.

Nach der Wende 1989 erschienen zahlreiche Bücher zu diesem Thema. Viele Autoren verallgemeinerten die Geschehnisse an der innerdeutschen Grenze. Andere wiederum verurteilten unser Verhalten, obwohl sie sich selbst nie in einer ähnlichen Situation befanden. Dabei besagt schon ein altes Indianersprichwort, man müsse erst 1000 Schritte in den Schuhen eines anderen Menschen gehen, bevor man sich ein Urteil über ihn erlauben dürfe. Deshalb begann ich Vergleiche anzustellen, wie es mir persönlich an der Grenze erging.

Solange Menschen, wie eine deutsche Rentnerin im fernen Chile, die Existenz des Schießbefehls leugnen und den Tod von DDR-Flüchtlingen als Dummheit bezeichnen, werde ich dagegen meine Stimme erheben. Diese Standpunkte der ewig Gestrigen erschütterten mich zutiefst und bildeten einen zusätzlichen Ansporn, Aufklärung zu betreiben. Auch wenn mir die Aussicht auf Erfolg bezüglich eines Umdenkens der Genannten äußerst gering erscheint.

Mein Buch sollte jedoch keine wissenschaftliche Abhandlung über den Schießbefehl werden. Vielmehr wollte ich zeigen, wie ich als junger Mensch damit umgegangen war. Zufällig entdeckte ich im Internet die beiden Bilder auf dem Buchumschlag, zwischen denen 22 Jahre liegen. Sie zeigen die Gemeinde Asbach in Thüringen, deren Einwohner besonders unter der Teilung Deutschlands litten. Diese Fotos steigerten mein Bedürfnis, die Gedanken von damals festzuhalten. Überrascht und erfreut von der Umgestaltung des ehemaligen Todesstreifens, wuchs meine Neugier, mir das Grüne Band, Europas längstes Biotop, selbst anzuschauen.

Ich kehrte nach Asbach zurück und beschloss, mein Schweigen zu brechen.

Frühjahr 1983

Samstag, 19. März 1983. Wir fahren von Weidenbach in Richtung Staatsgrenze. Die malerische Landschaft im Eichsfeld mit Zäunen und Minen? Für mich unvorstellbar. Stattdessen denke ich an Corinna und meine Eltern, denen ich keine Schande bereiten will. Das ist leichter gesagt als getan. Schließlich bin ich mit einem Schießbefehl, einer Kalaschnikow und zwei Magazinen mit je 30 Stahlkernpatronen unterwegs, „um Grenzdurchbrüche nicht zuzulassen, Grenzverletzer festzunehmen oder zu vernichten“. Der Befehl schockiert, wenn man ihn zum ersten Mal bei der Vergatterung hört. Das Kopfsteinpflaster am Ortsausgang von Weidenbach schüttelt mich ordentlich durch.

 

Der Weg in den Grenzabschnitt heute

 

Eine verschlossene Schranke am Waldrand verhindert das Passieren fremder Fahrzeuge. Da wir spät dran sind, bleibt der rot-weiße Schlagbaum nach unserer Durchfahrt oben. Wenn der Kompaniechef das erfährt, gibt es Ärger für unseren Zug. Der Oberst kann die Schranke aus seinem kleinen Toilettenfenster im Buckelbau sehen.

Unser Lkw rast mit einer Geschwindigkeit von 60 Stundenkilometern den schmalen, holprigen Waldweg entlang. Hoffentlich kommt uns kein Fahrzeug entgegen. Vorbei an der Burgruine Altenstein erreichen wir Asbach. Das hört sich nach feinem, altem Weinbrand an. Doch hier liegt nicht der Geist des Weines, sondern ein provokationsgefährdeter Abschnitt. Was damit gemeint ist, werde ich bald erfahren.

Der Lkw stoppt am Ortseingang. Mein Postenführer ist längst herunter geklettert und auf dem Weg zum Grenzsignalzaun (GSZ), während ich wie versteinert auf der Ladefläche verharre.

„Achtzig, absitzen!“, das Kommando gilt mir, einem 19-jährigen Soldaten der Grenztruppen der DDR, der sofort über die hintere Ladeklappe springt und unsanft auf dem Hosenboden landet. Meine Postentasche liegt direkt neben mir im Dreck. Eine dampfende, dunkelbraune Brühe rinnt aus der Tasche, die unsere Verpflegung für die bevorstehende Schicht enthält. Zum Glück ist nur eine Thermosflasche zu Bruch gegangen. Mein Postenführer schüttelt verständnislos den Kopf. Er schaut ausdruckslos und soll mir damit ein Vorbild sein. Das Postenpaar der Frühschicht übergibt den Bereich Asbach ohne Anzeichen einer Grenzverletzung. Die Vorgänger klettern auf den Lkw, der weiter nach Sickenberg braust. Mit einem Ast verwische ich alle Fußabdrücke auf den 2 m-Kontrollstreifen und verschließe das Tor im Grenzsignalzaun von innen. Über das Grenzmeldenetz (GMN) formuliert der Gefreite den Entschluss, zum Beobachtungsturm (BT) Asbach zu wechseln. Dorthin gelangen wir über die bestgesicherte Straße der Republik, den Kolonnenweg, der hier parallel zum Grenzzaun 1 verläuft. Hinter diesem über drei Meter hohen Monstrum aus Streckmetall erkenne ich eine schwarz-rot-goldene Grenzsäule. Das silberne Blechschild mit dem Emblem der DDR kann man nicht sehen, weil es auf der Rückseite montiert ist, die nach Westen zeigt. Dahinter steht ein weißer Pfahl mit rotem Kopf, der einem Streichholz ähnelt. Auf der gegenüberliegenden Straße ist eine Fußstreife vom Bundesgrenzschutz (BGS) unterwegs. Noch nie war ich so nah am Klassenfeind. Im Gegensatz zu uns tragen die Beamten saubere Uniformen, die ihnen wie angegossen passen. Die beiden Männer beobachten uns neugierig durchs Fernglas, als wären wir Außerirdische. Mein Postenführer nimmt die Streife demonstrativ ins Visier seiner Kalaschnikow. Die Geste ist unmissverständlich. Für einen Moment zweifle ich am Verstand meines Vorgesetzten. Wir sind hier nicht im Kindergarten, sondern an der Grenze zwischen zwei Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen. Bereits die kleinste Provokation kann den Dritten Weltkrieg auslösen. Doch dazu kommt es an diesem Nachmittag nicht. Die Streife vom BGS verabschiedet sich mit Scheibenwischer und Stinkefinger. Diese abfälligen Handbewegungen gelten meinem Vorgesetzten, der schadenfroh lacht. Ich weiß nicht, ob ich das ganze Theater acht Stunden lang aushalte und gehe den Kolonnenweg entlang. Die hellgrauen Betonplatten nehmen kein Ende. Tänzelnd versuche ich, den rechteckigen Löchern auszuweichen. Mit meiner normalen Schrittlänge klappt das nicht, denn jede Platte besitzt vier Reihen mit jeweils sieben Stolperfallen.

Von meinem Postenführer erhalte ich Asbach als Beobachtungssektor zugewiesen und verstehe nur Bahnhof. Obwohl der Feind im Westen steht, soll ich nach Osten schauen? Befehl ist Befehl. Gehorsam blicke ich hinüber zum Ort, der wie ausgestorben wirkt. Wenn ich hier wohnen müsste, würde ich mich auch nicht auf die Straße trauen. Die Fassaden betteln nach Farbe. Das Mittelgrau der Fachwerkhäuser scheint auf das Wetter abgefärbt zu haben, denn dunkelgraue Wolken ziehen auf. Ein einziges Grau in Grau bestimmt das Bild wie vielerorts im Lande. In meinem Heimatdorf hing wenigstens ein rotes Banner mit der Aufschrift „Schöner unsere Städte und Gemeinden - mach mit!“ vor dem Büro des Bürgermeisters. Die republikweite Masseninitiative hat es offensichtlich nicht bis nach Asbach geschafft. Das melodische Plätschern des Alten Hainsbaches wird von lautem Hundegebell aus Richtung Sickenberg übertönt. Einige Hunde winseln kläglich. Wahrscheinlich haben die Tiere nur Hunger und Durst. Als Hundeführer hätte ich ihnen gern die Postenbrote überlassen, aber mein Vorgesetzter ermahnt mich zur Eile, weil wir uns von oben auf dem Turm melden müssen. Der BT Asbach erhebt sich wie ein grauer Koloss vor meinen Augen. Er passt genauso wenig in diese Landschaft wie die beiden Zäune. Für Vögel gibt es keine Barrieren, sie fliegen von Ost nach West. Vielleicht kehren sie sogar zurück. Mir bleibt keine Zeit für die Natur und keine Zeit zum Nachdenken. Wo bin ich nur gelandet?

 

Blick aus dem Westen auf Asbach

Kindheit und Schulzeit

Kaum zu glauben, dass erst ein Flugzeug in unserem Dorf abstürzen musste, um einen Namen für den Berg in der Nachbarschaft zu finden. Ohne den Fliegerberg hätte es mich wahrscheinlich nie gegeben. Nachdem die Rote Armee im Frühjahr 1945 die Oder überquerte und sich auch auf das Gehöft meiner Vorfahren einschoss, hielt dieser Berg viel Unheil von der Familie ab. Wenn mich meine Eltern suchten, spielte ich in der Nähe des Fliegerbergs. Meistens war unser Hund dabei, der mich beschützte. Bello hauchte sein Leben aus, als ihn mein Cousin Hartmut mit dem linken Vorderrad seines Famulus erwischte. Deshalb denke ich mit besonderer Wehmut an diesen Hund zurück.

Zum Fliegerberg verirrte sich keiner, um mir etwas zu verbieten. So weit das Auge reichte, lagen Felder, Gärten, Wiesen und Wälder direkt vor unserer Haustür. Hier konnte ich den ganzen Tag lang herumtoben, ohne Rücksicht auf andere nehmen zu müssen. Ob wir Ostern buntbemalte Eier durchs Gras trudelten, im Sommer Burgen in der Sandkuhle bauten, im Herbst Drachen steigen ließen oder im Winter Schlitten fuhren, niemand störte dabei. Selbst der ländliche Atem, der von den Schweineställen der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) Tierproduktion herüberwehte, konnte uns nicht abschrecken. Als unsere Republik am 7. Oktober 1969 den 20. Jahrestag ihres Bestehens feierte, ging ich längst in den Kindergarten und durfte nicht mehr machen, was ich wollte.

Wie an jedem Nationalfeiertag gab es Kartoffelsalat und Bockwurst zum Mittagessen und wer seinen Teller leer aß, bekam sogar noch Pudding zum Nachtisch. Ich mochte keinen Kartoffelsalat, Bratkartoffeln mit Spiegelei wären mir lieber gewesen. So beförderte ich den ekligen Salat auf den Teller meiner Tischnachbarin Carola, die sofort zu heulen begann. Zur Strafe verfrachteten mich die Erzieherinnen in eine Ecke des abgedunkelten Schlafraumes. Wer sich derart daneben benahm, musste in der Ecke stehen und sich die kahle Wand besehen, um über sein Fehlverhalten nachzudenken. In einer anderen Ecke stand Matthias, der beim Festumzug durch die Gemeinde den Namen des mächtigsten Mannes im Staate vergessen hatte. „Walter Ulbricht, er lebe hoch, hoch, hoch!“, „hatten wir oft genug geübt“, entschuldigte sich die Kindergartenleiterin beim Bürgermeister, der noch dazu ihr Ehemann war. Frau Fleischer ärgerte sich, wenn wir die Namen der Politiker unseres Landes nicht wussten, weil das ihre pädagogischen Fähigkeiten in Frage stellte. Zum Glück konnte Matthias die letzten Buchstaben des Alphabetes noch nicht schreiben, sonst hätte er zur Strafe hundertmal Walter Ulbricht notieren müssen wie die Älteren in der Schule. Nach mir kam Gabi in die dritte Ecke, weil sie beim Essen das Messer in die linke und die Gabel in die rechte Hand nahm. Im Kindergarten brachten uns die Erzieherinnen eine Art Gerechtigkeit bei. Bemerkten sie eine Prügelei, durfte der vermeintlich Unterlegene dem Gewinner eine kräftige Ohrfeige verpassen und der Sieger musste zur Strafe in die Ecke. Die Meinungsverschiedenheiten klärten wir auf dem Nachhauseweg unter uns.

Ich hasste die Tage, an denen mich meine Eltern vor lauter Arbeit im Kindergarten vergaßen. Dann ging ich mit in die Wohnung von Frau Fleischer. Dort gab es zu meiner Erleichterung keine freien Ecken. Überall standen Blumentöpfe herum und es roch stets nach frischer Farbe. Ich war froh, wenn mein Vater am späten Abend vor der Tür stand, um mich abzuholen. Meine Vorfreude auf die Schule wurde bereits bei der Einschulung getrübt. Ich traf auf neue Kontrahenten, gegen die ich mich durchsetzen musste. Am ersten Schultag im September 1970 rannte ich deprimiert nach Hause, weil mich ältere Schüler Dickwanst, fette Sau oder Schweinebacke riefen. Alle Schimpfwörter trafen zweifelsohne zu. Ich fühlte mich hässlich und minderwertig. Das ist umso schmerzvoller gewesen, weil ich nicht dumm war, denn das Lernen fiel mir leicht und machte Spaß. Diese Konstellation schuf Minderwertigkeitskomplexe bei mir, was meine Flucht als Kurzschlussreaktion erklärte. Ich kam ganz nach meiner Mutter, die sich nur daheim geborgen fühlte. Riss man sie aus der ihr vertrauten Umgebung heraus, wirkte sie unsicher. Allein die Fahrten zu Ärzten in die Stadt oder lästige Behördengänge bildeten unangenehme Strapazen für sie. Die Bürokraten auf den Ämtern erteilten uns selten die gewünschten Genehmigungen für Kindergeld und staatliche Subventionen, die der Familie laut Gesetz zustanden. Stattdessen dachten die Amtsschimmel über fadenscheinige Gründe nach, unsere Anträge einfach abzulehnen. Immer wussten andere Menschen besser als wir selber, was gut für uns wäre. Diese Bürokratie machte meiner Mutter so sehr zu schaffen, dass wir oft unverrichteter Dinge nach Hause fuhren. Trotzdem belohnte sie mich und sich selbst mit einem Muscheleis für Schmerzen, Misserfolge und endlose Wartezeiten. Unser bescheidenes Glück kostete 30 Pfennige pro Portion und bestand aus jeweils einer Kugel Vanille-, Erdbeer- und Schokoladeneis sowie zwei Waffeln in Form einer Muschel.

Mein Vater war aus anderem Holz geschnitzt. Auf Grund seiner Lehre im ehemaligen Landratsamt der Kreisstadt wusste er genau, wie man Beamte mit ihren eigenen Waffen schlug. Man musste wirklich mit allen Wassern gewaschen sein, um auf den Ämtern Erfolg zu haben. Trotz dieses Defizits wird meine Mutter ein ganz besonderer Mensch für mich bleiben. Sie verkörperte Disziplin, Fleiß, Ordnung und erwartete, dass ich instinktiv alles nachmachen würde. Auf ihre Art und Weise vermittelte sie mir moralische Werte wie Bescheidenheit, Dankbarkeit und Respekt vor anderen Menschen. Ich durfte nicht dazwischen reden, wenn sich Erwachsene miteinander unterhielten. Sicher spielte auch die Angst meiner Mutter eine Rolle, dass ein Fehlverhalten von mir auf mangelnde Erziehung im Elternhaus zurückfallen könnte. Obwohl sie mich anständig erzog, tanzte ich oft aus der Reihe. Schon als kleiner Junge schoss ich einen Gummiball mit voller Wucht gegen den Hausgiebel und fing den Abpraller wie ein Torwart. Mein Vater verbot mir diesen Spielplatz, weil im Treppenhaus der Putz von der Wand bröckelte. Ich wich auf die Kuhwiese vor dem Fliegerberg aus, doch ohne einen Mitspieler ging es nicht. Mein Freund Hardy zirkelte den Ball aufs Weidegatter, das ich als Torwart hütete. Anfangs fehlte uns die richtige Ausrüstung, aber wir machten das Beste daraus. Ich trug blauweiße Stoffturnschuhe und Wollhandschuhe, die mir meine Mutter für den Winter gestrickt hatte. Hardy spielte barfuss in Gummistiefeln bis er Blasen bekam. Meine allerersten Fußballschuhe aus schwarzem Stoff mit roten Nähten und einer Sohle mit Gummistollen hielten zwar nicht lange, man hatte dafür aber ein gutes Ballgefühl in den Tretern. Eines Tages schenkte mir der zwei Jahre ältere Detlef seine ausgedienten Lederschuhe mit Schraubstollen. Da mir die Töppen zwei Nummern zu groß waren, stopfte ich die Fußspitzen mit Watte aus. Von meinem Taschengeld kaufte ich einen braunen Lederball, der viele neugierige Kinder anlockte. Plötzlich wollten alle Kinder des Ortes mit meiner Kugel bolzen. Meine Neffen Thomas und Ronny sowie Hardy und ich spielten auf der Dorfstraße gegen ein marodes Scheunentor. Wir waren noch richtige Straßenfußballer. Nachdem meiner Schwägerin der Verkehr auf der Hauptstraße zu gefährlich wurde, wichen wir auf den Wäscheplatz aus, wenn dort keine Klamotten zum Trocknen hingen. Das Tor war eine Teppichklopfstange und der Zaun dahinter das Fangnetz. Bei einem tollkühnen Sprung über die Holzlatten riss sich Ronny seinen Hintern auf, was einen Platzverweis für uns alle zur Folge hatte. Im Sommer 1973 nahm mich Hardy zum ersten Mal mit auf den Fußballplatz des Nachbarortes, wo die Männermannschaft in der Bezirksklasse Frankfurt/Oder spielte. Das eindeutige 0:5 der Platzherren gegen den Spitzenreiter aus der Kreisstadt entfachte meine Fußballleidenschaft. Ich wollte unbedingt in diesem Verein spielen. Die Betriebssportgemeinschaft (BSG) Traktor kann stolz auf eine lange Tradition zurückblicken. Seit Mai 1930 wurde offiziell gegen den Ball getreten. Im Laufe der Jahre entstand eine gepflegte Anlage mit zwei Rasenplätzen. Dieses Fleckchen Erde am Sportlerweg wurde mein zweites Zuhause. Unser Biologielehrer und amtierender Vorsitzender des Sportvereins entließ Hardy und mich an Samstagen eine halbe Stunde früher aus dem Unterricht, so dass wir kein Heimspiel der Männermannschaft verpassten. Auf dem Weg zum Sportplatz kauften wir in der Privatbäckerei Streuselschnecken als Verpflegung. Bei allen Spielen fieberte ich kräftig mit. Die Rolle des Torwarts imponierte mir besonders. Nach dem Abpfiff kopierten wir beide die Spielzüge, die zu den fünf Gegentoren führten. Abwechselnd schossen wir meinen Lederball auf die großen Tore mit richtigen Netzen und keiner verletzte sich beim Ballholen. Oft kehrten wir erst am späten Abend heim, weil wir noch drei Kilometer mit dem Fahrrad fahren mussten. Nichts gegen Hardy, Thomas, Ronny und alle anderen Straßenfußballer, aber ich habe mir immer gewünscht, dass mein Vater einmal mit mir gekickt hätte, um meine Begeisterung für diesen Sport zu verstehen. Mein Wunsch erfüllte sich leider nicht. Dafür fuhr er mit mir am 13. März 1974 zu einem Länderspiel nach Berlin, wo die DDR-Elf gegen Belgien für die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft probte. Als einer von 30.000 Zuschauern erlebte ich, wie Joachim Streich zum 1:0-Sieg einköpfte. Auf der Heimfahrt diskutierten wir über das Spiel und ich merkte, dass mich mein Vater als gleichberechtigten Gesprächspartner akzeptierte. Der Fußball symbolisierte in meinen Augen das wahre Leben. Wer gut war, der eroberte sich den Ball, schoss ihn ins Tor oder daneben. Wer noch besser war, der dachte vorausschauend, spielte ab und bekam den Ball auch wieder zurück. Das Leben funktionierte nur gemeinsam, nicht im Alleingang. Laut dieser Devise spielten sich mein Vater und ich die Bälle gegenseitig zu. Wir einigten uns darauf, dass unsere Nationalmannschaft als krasser Außenseiter zum Turnier ins Nachbarland fuhr. Es war die erste Fußballweltmeisterschaft, die ich bewusst miterlebte. Ich werde den 22. Juni 1974 nicht vergessen, weil ich für meinen Vater noch Bier für das Spiel am Abend holen musste. Der Sommer gehörte zu den Feinden der Getränkeindustrie, denn die Hitze machte selbst um unser kleines Land keinen Bogen. Im Dorfkonsum waren sämtliche Getränke ausverkauft. Nachschub kam frühestens in drei Tagen, denn die Brauerei lieferte zwecks Transportoptimierung nur dienstags und donnerstags. An diesen Tagen musste man sich mit Getränken bevorraten, wenn man nicht auf dem Trockenen sitzen wollte. Notgedrungen fuhr ich mit einer Emaillekanne los, um Fassbier zu kaufen. Aber die Dorfgaststätte hatte wegen Urlaub geschlossen und der Wirt der Bahnhofskneipe machte Betriebsferien. Solche Zustände gab es wahrscheinlich nur bei uns. Die Zeit drängte, denn ich wollte das innerdeutsche Duell unter keinen Umständen verpassen. Als ich mit der leeren Kanne heimkehrte, rastete mein Vater aus. „Dann fährst du eben ins Nachbardorf!“, schnauzte er mich an. Zuerst glaubte ich, mich verhört zu haben, aber mein alter Herr meinte es ernst. „Beeil dich, sonst entgeht dir der Anpfiff!“, befahl der Tyrann. Mir blieb nichts weiter übrig, als unverzüglich mit dem Fahrrad ins drei Kilometer entfernte Nachbardorf zu rasen. Zum Glück war das marode Kopfsteinpflaster bereits mit einer Asphaltschicht überzogen. Auf dem Weg zur Gaststätte beleidigte ich meinen Vater mit den übelsten Schimpfwörtern, die mir gerade einfielen. Ständig dachte er sich irgendwelche Schikanen aus, die mich vom Fußball ablenkten. Ich weiß bis heute nicht, warum er das tat. Selbst die geöffnete Kneipe und das vorhandene Fassbier im Nachbarort ließen meinen Ärger nicht abebben. Um meinem Vater einen Denkzettel zu verpassen, habe ich die halbe Kanne ausgetrunken, im Vorgarten mit Wasser aus der Regentonne aufgefüllt und ordentlich geschüttelt. Wenn er über die Blume gemeckert hätte, wäre kein Tropfen Bier im Gefäß geblieben. Bei der Direktübertragung vom Spiel aus Hamburg schlief mein alter Herr dünnbierselig vor dem Fernseher ein. Als Sparwasser das 1:0 schoss, begann das große Zittern bei mir. Eine Viertelstunde später sprang ich vor Freude aus dem Sessel, denn ich hatte dieses Ergebnis nicht für möglich gehalten. Für mich war es nicht der Sieg der sozialistischen DDR gegen die kapitalistische BRD wie es am Montag danach in unseren Zeitungen stand. Diese Propaganda habe ich in dem Alter noch nicht verstanden. Aber ich begriff, dass man mit festem Willen, höchstem Einsatz und hartem Kampf jeden Gegner schlagen konnte.

Diese wichtige Erkenntnis prägte mein weiteres Fußballerleben, denn ich habe stets 100 Prozent für die Mannschaft gegeben, in der ich spielte. Es war eine Auszeichnung für mich, das blaue Trikot mit dem gelben Bruststreifen zu tragen, mit dem mein Heimatverein im Jahre 1966 den Pokal „Goldener Traktor“ des Bezires Frankfurt gewann. Darin fühlte ich mich dem Verein und den Zuschauern gegenüber verpflichtet. Ich wollte den Menschen, die uns bei jedem Wetter die Treue hielten, unbedingt etwas zurückgeben. Da das leider nicht immer klappte, stiegen wir in die Kreisliga ab. Doch wir kämpften bis zum Umfallen, wofür uns die Einwohner auf Biegen und Brechen unterstützten. Manchmal blieb sogar ein Krückstock am Knie eines gegnerischen Spielers hängen, um dessen Tatendrang zu stoppen. Für die Zuschauer in meiner Heimat ist Fußball eine Art Weltanschauung oder zweite Religion gewesen. Ich erinnere mich an eine handgreifliche Auseinandersetzung zwischen den eigenen Schlachtenbummlern und unserem Trainer während eines Punktspiels. Wir lagen deutlich hinten und fanden keine Mittel, das Spiel noch zu drehen. Laut Meinung unserer Fans hatte der Übungsleiter die falschen Leute aufgestellt und bezog eine ordentliche Abreibung dafür. Das Spiel musste schließlich vom Schiedsrichter unterbrochen werden, um die Prügelknaben auseinander zu bringen. Jede Partie werteten unsere Kritiker abends in der Gaststätte aus. Bei einer Niederlage brauchten wir uns dort nicht mehr blicken zu lassen. Trotzdem gefiel es mir im Nachbardorf besser als in unserer 500-Seelen-Gemeinde, die im tiefen Dornröschenschlaf schlummerte. Dieser Stillstand sah auf den ersten Blick romantisch aus, befriedigte mich jedoch nicht. Drei Kilometer weiter östlich ging die Post ab. Der Nachbarort stellte eine Republik mit eigenen Gesetzen dar, wozu die Dorfbewohner im patriotischen Sinne standen. Auswärtigen war es bei Strafe verboten, Annäherungsversuche gegenüber einheimischen Frauen zu starten. Meine Mitgliedschaft im Fußballverein brachte mir den Status der Zugehörigkeit im Ort ein.

Sehr früh entwickelte ich eine Schwäche für das weibliche Geschlecht. Leider stieß meine Neugier nicht auf Gegenliebe bei den Mädchen. Vielleicht war ich den meisten zu pummelig und daher auffällig, anderen wiederum zu unauffällig, weil ich immer in den gleichen Klamotten herumrannte. Natürlich musste ich die abgelegten Sachen meines Vaters tragen, denn meine sparsame Mutter konnte sich von keinem Stück trennen. Sie fragte ständig, ob das nicht alles zu teuer wäre und wozu ich denn ihr Geld bräuchte. Dabei begnügte ich mich mit nachgemachten Westjeans und -nickis vom Markt im polnischen Stettin. Die Fahrten mit dem Zug dorthin gestalteten sich zu unvergesslichen Erlebnissen. Bei der Ankunft auf dem Bahnsteig habe ich zum ersten Mal richtige Bettler gesehen. Die armen Menschen, die da vor uns auf Knien lagen, verfrachtete man hinter das Gebäude, wo sie nicht gleich ins Auge fielen. Aus Mitleid bot ich einem alten Mann meine Frühstücksbrote an, was mir nur Kopfschütteln einbrachte. Auf die Idee, mein Taschengeld zu verschenken, kam ich nicht. Beim illegalen Geldumtausch auf der Straße wurden wir oft übers Ohr gehauen. In dunklen Fluren drehte man uns alte, ungültige Zloty-Noten an. Auf dem Markt konnten wir mit Ostmark bezahlen. Die Händler nahmen unser Spielgeld gern, um damit in der DDR einzukaufen. So schloss sich der Kreis und die Aluchips, die kaum etwas wogen und genauso wenig wert waren, landeten wieder im Inland.

Meine übrige Kleidung stammte von der volkseigenen Stange unserer Jugendmodeläden. Die Klamotten fand ich praktisch und es störte mich nicht, dass andere in den gleichen Sachen herumliefen. Auf die Modelle hiesiger Jeansklassiker Boxer und Wisent habe ich allerdings verzichtet, weil sie den Eindruck vermittelten, dass der Träger keinen Hintern in der Hose haben durfte. Die mir fehlende Attraktivität versuchte ich mit netten Gesten und Geschenken auszugleichen. Während der Jugendstunden zur Vorbereitung auf die Jugendweihe absolvierte ich einen Knigge-Grundkurs, um den Frauen jeden Wunsch von den Augen ablesen zu können. Ich lernte, freundlich und hilfsbereit zu sein, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Außerdem brachte man mir die Standardtänze bei.

Auf einer Klassenfahrt zur Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald machte ich eine äußerst unangenehme Erfahrung, als ein Mitschüler versuchte, mir näher zu kommen. Wir übernachteten in der Jugendherberge auf dem Ettersberg. Bei der Vorstellung, in einer ehemaligen SS-Kaserne zu schlafen, lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. Während die anderen in den Fernsehraum zogen, um sich abzulenken, blieb ich mit Dirk im Zimmer. Wir saßen auf meinem Bett, quatschten miteinander und leerten eine Flasche Rosenthaler Kadarka. Dabei muss ich irgendwann eingenickt sein. Plötzlich bekam ich keine Luft mehr. Ich öffnete die Augen und blickte direkt ins Gesicht meines Klassenkollegen, der auf mir lag. Sein Herz raste. Bevor er mich küssen konnte, packte ich den schmächtigen Kerl an beiden Oberarmen und schubste ihn wütend von der Matratze. Dirk verkroch sich vor Scham unter die Bettdecke, wo ich ihn schluchzen hörte. Wahrscheinlich hatte er damit gerechnet, dass ich seine Zärtlichkeiten erwidern würde. Der Mensch tat mir leid, weil er sich falsche Hoffnungen machte. Trotzdem blieb ich im Zimmer und hörte mir Dirks Entschuldigung an, die auf Erlebnissen aus dem Konfirmandenunterricht basierte. Der Pfarrer seiner evangelischen Kirchengemeinde nutzte die Nachmittage, ihn und die anderen Jungen des Seminars unsittlich zu berühren. Aus dem Verhalten des kirchlichen Würdenträgers schloss er, dass solche Kontakte völlig normal seien. Ich konnte meinen Mitschüler nicht trösten, musste ihm jedoch versprechen, die Vorkommnisse zu verschweigen. Heute weiß ich, dass mein Schweigen ein Fehler war. Ich hätte bestimmt einige Jungen vor Übergriffen schützen können, denn der Pfarrer blieb weitere Jahre in Amt und Würden.

Während eines Besuches auf der Leipziger Frühjahrsmesse lernten Hardy und ich Rosemarie kennen, die uns mit ihren weiblichen Argumenten fast erschlug. Die waschechte Sächsin aus der Provinz flüsterte uns ständig zu, was ich anfangs für einen Sprachfehler hielt. Aus dem Wortfetzen „… Dreier“ schloss ich, dass Rosemarie für die Staatliche Lottogesellschaft arbeitete und uns zum Glücksspiel einladen wollte. Erst als das stramme Mädel Westgeld verlangte, war mir klar, dass Rosemarie einem Gewerbe nachging, das laut Staatsbürgerkundeunterricht nur im faulenden, parasitären und menschenfeindlichen Kapitalismus angeboten wurde. Rosemaries Irrtum bestand darin, dass sie uns Milchbubis in den nagelneuen Jugendweiheanzügen mit reichen Westlern verwechselt hatte. Unser Klassenlehrer klärte diese peinliche Situation, indem er uns auf die andere Straßenseite zurückholte, wo wieder der übliche Gruppenzwang herrschte. Nun konnten wir uns vorstellen, was sozialistisch lernen, lieben und arbeiten in unserem Land bedeuteten. Meine Jugendweihe 1978 bildete den Abschluss einer unbeschwerten Kindheit. Wir wurden feierlich in die Reihen der Erwachsenen aufgenommen und die Lehrer siezten uns von nun an im Unterricht. Von der Deutschen Volkspolizei erhielten wir zur gleichen Zeit den Personalausweis. Die Geschenke am Tag des Gelöbnisses hatten es in sich, weil die Jugendweihe ein einmaliges Ereignis im Leben darstellte. Von lieben Verwandten und Bekannten bekam ich das nötige Bargeld, um mir ein Moped vom Typ S 50 zu kaufen, mit dem ich übers Land zur Disko fuhr. Für den stolzen Preis von 1500 Mark hätte meine Mutter ganze vier Monate arbeiten müssen. Ein echter Levis-Jeansanzug von Tante Doris aus dem Westen verhalf mir zu etwas mehr Fetzigkeit. Unser Klassenlehrer verteilte am Tag der Jugendweihe Blumen, Urkunden und die obligatorischen Buchbände „Der Sozialismus – Deine Welt“. Der junge Erzieher brachte frischen Wind in unsere verstaubte Bildungseinrichtung. Er gründete einen für diese Zeit revolutionären Schulfunk, leitete viele Jahre den Fotozirkel und begleitete uns zu Konzerten sowie zum Fußball. Damit weckte er die Lust auf das Leben und begeisterte indirekt für die Schule. Leider stieß mein Klassenlehrer mit seinen fortschrittlichen Erziehungsmethoden an Grenzen, die der Direktor unserer Schule bestimmte. Herr Klippenroder zog daraus die Konsequenzen. Auf Grund seines chronischen Heuschnupfens, wie später von offizieller Seite zu hören war, siedelte er an die Ostsee um, wo er heute mit seiner Familie ein kleines Eiscafe betreibt. Er schuf Arbeitsplätze und bereitet kleinen und großen Naschkatzen viel Freude. Das verdient in meinen Augen Anerkennung. Doch zurück zu mir. Im Sommer 1978 delegierte mich der Direktor an die Erweiterte Oberschule (EOS) der Nachbarkreisstadt. Ich war zwar ein ausgezeichneter Schüler, aber die Lehrer übertrieben es mit der positiven Benotung bei mir. Im Grunde genommen musste man nur genau das sagen, was die Pauker von uns hören wollten. Der Lehrer, der uns in die sozialistische Produktion einführte, verlangte alle Definitionen Wort für Wort. Als wenn es in der Praxis darauf ankäme. Manchmal war es mir regelrecht peinlich, dass man mich mit Einsen überhäufte. Sogar in den wichtigen Kopfnoten Betragen, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung standen nur sehr gute Zensuren. Die Lehrer entschieden damit, dass ich Abitur machen durfte. Ich brauchte nur zu nicken. Die Anzahl der Abiturienten, die sich nach volkswirtschaftlichem Bedarf richtete, bestimmte der Staat. Mit Beginn der neunten Klasse sollte ich mich zwei Jahre lang an die höheren Anforderungen der Abiturstufe gewöhnen. Da man mich in der Penne nicht mehr wegen meiner Leibesfülle hänseln konnte, prangerten die Älteren meine Herkunft an. Ich kam nicht vom Lande, sondern man nannte mich „den Bauern“. Das war eines der schlimmsten Schimpfworte im Osten und folgte gleich hinter Assi, dem Kürzel für asoziale Elemente, die keiner geregelten Arbeit nachgingen und täglich zehn Mark für Verpflegung vom zuständigen Amt bekamen. Von diesem Geld konnte ein DDR-Bürger auf Grund der staatlich subventionierten Preise für Grundnahrungsmittel satt werden. Wer wenig Alkohol vertrug, wurde sogar besoffen davon. Diese armen Leute tauchten selbstverständlich in keiner Arbeitslosenstatistik auf, weil es so etwas im real existierenden Sozialismus nicht geben durfte.

Der neue Schulleiter hätte es gern gesehen, wenn alle Pennäler in den gleichen Uniformen herumgelaufen wären. Morgens stand er auf der Treppe vor dem Eingang und musterte jeden Schüler von oben bis unten. Lange Haare und Ohrringe bei den Jungen mahnte er an, spitze Kanülen verschwanden sofort vom Kragen. Die Spritzenaufsätze wurden getragen, um zu zeigen, dass man sich den Sozialismus nicht einimpfen lassen wollte. Herr Doktor hatte Spaß daran, Pins von den Rolling Stones einzusammeln. Wenn wir etwas Glück hatten, durften die beschlagnahmten Abzeichen am Ende des Schuljahres im Sekretariat wieder abgeholt werden. Bei einem Pfarrerssohn aus meiner Klasse beanstandete der Direktor den Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ am Ärmel. Das Zitat aus der Bibel, das für Frieden und Abrüstung stand, wurde seit 1980 zum Symbol der Friedensbewegung in unserem Lande. Propagandaträchtig setzte sich die DDR international stets für den Weltfrieden ein. Aber Frieden schaffen ohne Waffen wollte unser Staat nun doch nicht. Aus diesem Grunde zwang der Direktor meinen Mitschüler, den Aufnäher abzutrennen. Der Schulleiter quälte nicht nur Schüler, sondern auch die Mitarbeiter der Schule. Von den Reinigungsfachkräften verlangte er, ihn ständig mit Herrn Doktor anzusprechen. Die klugen Putzfrauen revanchierten sich, indem sie den Titel mehrmals in einem Satz verwendeten. „Herr Doktor, wünschen Herr Doktor, dass wir die Aula putzen, Herr Doktor?“ Diese eindeutige Provokation schien dem Direktor zu gefallen. Der einzige Mensch, der dem Oberpauker Paroli bot, war unser Hausmeister. Wenn der alte Egon das Lied „Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund!“ durch seine dritten Zähne pfiff, verschwand der Schulleiter eingeschnappt im Lehrerzimmer.

In der EOS galt unter den Schülern eine spezielle Hackordnung. Wer die Rolling Stones nicht mochte, wurde als Weichei verschrien. Also beschäftigte ich mich intensiv mit dieser Musik, ohne die Texte richtig zu verstehen. Nächtelang überspielte ich mit einem befreundeten Schallplattenunterhalter die Lieder der rollenden Steine auf meine Kassetten. Ich trug das Abzeichen der Gruppe am Kragen und die herausgestreckte Zunge am Ärmel meiner Jeansjacke, denn mit meiner Vorliebe für die City-Rockband aus Berlin wäre ich weit weg vom Fenster gewesen.

Ein Jüngling zählte ebenfalls zu den Außenseitern. Um dieses Defizit zu beseitigen, bevorzugte ich ältere Mädchen, weil sie die nötige Erfahrung mitbrachten, die mir fehlte. Dabei legte ich Wert darauf, dass die Frauen nicht von der Penne stammten, um späterem Getratsche vorzubeugen. Ich wollte nicht, dass die Mädels in der Schule erzählten, was gelaufen wäre und was nicht. Nach Unterrichtsschluss lernte ich durch Zufall eine hübsche Verkäuferin kennen, die zu den freundlichen ihrer Zunft gehörte. „Haben wir heute leider nicht, bitte fragen sie morgen noch einmal nach!“, lautete eine ihrer versierten Alibiantworten. Anstelle von billigem Alkohol kaufte ich täglich 200 Gramm Kokosflocken mit Schokoladenüberzug, wenn Kirsten am Süßwarenstand bediente. Ich schaute ihren spröden, zierlichen Händen gern beim Eintüten zu. Mit einer kleinen, silberfarben glänzenden Schippe transportierte sie die leckeren Süßigkeiten in eine spitze Papiertüte mit dem Aufdruck „Gut gekauft - gern gekauft“. Jeden Tag fielen mehrere Pralinen daneben. Ich merkte der errötenden Verkäuferin an, dass ich sie mit meinem Schmunzeln zur Verzweiflung brachte. In ihrer Verlegenheit fragte sie stets, ob es denn ein wenig mehr sein dürfte. Natürlich wollte ich mehr von ihr als kalorienreiche Süßigkeiten, aber sollte ich deshalb gleich mit der Wahrheit herausrücken? Das gehört sich doch nicht. Nach genau zwei Wochen, zwei Kilogramm Kokosflocken und 14 Mark weniger in der Geldbörse, traute ich mich endlich, Kirsten einzuladen. Ich überraschte sie beim Sortieren in der Leergutannahme. Während mich Kirsten entsetzt anstarrte, zerschellten einige Flaschen auf dem Steinfußboden. Beim Scherbeneinsammeln beruhigte sich mein Herzschlag. Als leidenschaftlicher Kinogänger schlug ich für den Abend einen Besuch im Filmtheater vor, weil der schummrige Kinosaal eine hervorragende Kulisse zum Näherkommen bot. Sie schien sprachlos, willigte aber sofort ein. Ich wäre am liebsten in die Luft gesprungen, ließ mir meine Freude jedoch nicht anmerken. Nach Ladenschluss holte ich Kirsten ab. Dem Glaskasten am Eingang der Uckermärkischen Lichtspiele konnten wir entnehmen, dass ein preisgekrönter sowjetischer Heimatfilm auf dem Programm stand. Die Vorstellung fiel aus, weil der Filmvorführer das Gerät für vier Leute nicht anwerfen wollte. Kamen weniger als fünf Besucher ins Kino, durfte die Veranstaltung abgesagt werden.

Ersatzweise knutschten wir auf einer ramponierten Parkbank, während eine Gruppe alkoholisierter Rentner nebenan darüber stritt, ob die Erde eine Kugel oder ein Diskus wäre. Da die Verkäuferin zwei Jahre älter war, bekam sie von meinen Erzeugern keine faire Chance. Ich schlich mich abends aus dem Haus und fuhr zu Kirsten, um die Nächte mit ihr zu verbringen. Wenn meine Eltern morgens von der Arbeit aus dem Stall kamen, saß ich müde am Frühstückstisch. Den fehlenden Schlaf holte ich im Unterricht nach, was auf Dauer nicht gut gehen konnte. Obwohl wir einander nicht treu waren, verlobten wir uns heimlich. Ich weiß nicht, welcher Teufel mich damals ritt. Wahrscheinlich fühlten wir uns beringt erwachsener, obwohl wir im Grunde genommen noch Kinder waren. Irgendwann begannen Streitereien, bei denen wir ständig aneinander vorbei redeten. Über die Monate trennten wir uns einige Male und rauften uns wieder zusammen. Unsere Beziehung endete im Fiasko. Wir warfen uns nicht nur schmutzige Worte an den Kopf, sondern auch die für Ostverhältnisse teuren Verlobungsringe. Mit Entsetzen stellte ich fest, wie schnell Liebeleien in Hass umschlagen können. Trotzdem blieben wir sprichwörtlich gute Freunde und grüßen uns noch heute. Um im Fall einer Entlobung nicht ohne Freundin dazustehen, hielt ich im Vorfeld Kontakt zu einem Mädchen aus dem Nachbarort. Jana verkörperte in meinen Augen den Kumpeltyp, mit dem man Pferde stehlen konnte. Sie hörte verständnisvoll zu, wenn ich meine Probleme schilderte und tröstete mich über die beschriebenen Misserfolge hinweg. In der Woche arbeitete Jana im Halbleiterwerk der Bezirksstadt, wo sie Mikrochips nach japanischem Vorbild fertigte. An den Wochenenden halfen wir ihren Eltern und dem Opa in der Landwirtschaft. Die Freizeit verbrachten wir entweder in der freien Natur oder in der Disko. Leider kamen wir uns körperlich kein bisschen näher. Außer kuscheln und küssen passierte nichts. Jana wies meine Bemühungen energisch in die Schranken und pochte vehement auf das Recht der ersten Nacht. Das fand ich zum Kotzen, doch meine Freundin blieb eisern in dieser Hinsicht. Angeblich sind wir nie allein gewesen, was ich nicht kapierte, da ich die Gelegenheiten stets günstig abpasste. Eines Tages hieß es, dass ihre Mutter das Essen vorbereitete, aber in der Küche war niemand. Deshalb durchsuchte ich die Wohnung, um den wahren Grund für Janas Zurückhaltung zu finden. Wie erwartet blieb meine Suche erfolglos. Der einzige Mensch, der kochte, war ich, allerdings innerlich. Enttäuscht über diese Begebenheit habe ich mich einfach aus dem Staub gemacht. So verloren wir uns drei Wochen vor meiner Einberufung für immer aus den Augen. Derart beschäftigt, fiel es mir schwer, mich auf den Lehrstoff zu konzentrieren. Mein Zensurendurchschnitt sank von 1,0 in der achten Klasse auf 3,0 in der Abiturstufe. Diese Note galt als die Eins des kleinen Mannes, mit der ich mich leider zufrieden gab. Ich ähnelte einem Pferd, das nur so hoch sprang wie es unbedingt musste. Statt den Anschluss an die Leistungsspitze in der Klasse zu suchen, sammelte ich fleißig Tadel für mein undiszipliniertes Verhalten und wäre um ein Haar von der Penne geflogen. Ich hatte das besondere Talent, in jedes Fettnäpfchen zu treten, das sich mir bot.

Den ersten Tadel gab es fürs Schulschwänzen, so formulierte es der Klassenlehrer später. Dabei war ich am Tag der vierstündigen Matheklausur krank, was ein Attest bestätigte. Die ganze Woche blieb ich zu Hause und hütete das Bett. Da ich am Sonntag unbedingt Fußball spielen wollte, fuhr ich am Samstag zur Penne in der Annahme, dass die Klausur längst geschrieben wäre. Auf dem Schulhof traf ich einen Streber aus meiner Klasse, der mir kopfschüttelnd mitteilte, dass die Klausur genau auf diesen Tag verlegt wurde. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Sicherheitshalber machte ich mich wieder auf den Heimweg, denn die Mathematikarbeit wollte ich nicht verhauen. Da mich mein Mitschüler verpetzte, durfte ich am nächsten Montag vor die Klasse treten und musste Farbe bekennen. Als ich die kurzfristige Anwesenheit an dem besagten Samstag leugnete, erhob sich der Streber von seinem Platz und widerlegte meine Version der Geschichte. So stand Aussage gegen Aussage und dem Klassenlehrer blieb nichts anderes übrig, als mich zu bestrafen.

Den zweiten Tadel zog eine Nichtteilnahme am Sportunterricht, meinem Lieblingsfach, nach sich. Tatsächlich hatte unser Lehrer in der Vorwoche versprochen, Hallenfußball mit uns zu spielen. Als die betreffende Sportstunde anbrach, wollte der Pauker nichts mehr von seinem Versprechen wissen. Er jagte alle Schüler aus der Turnhalle nach draußen auf den Sportplatz, wo sie Ausdauerlauf trainierten. Nur der harte Kern der Klasse wehrte sich gegen diese Verfahrensweise. Gemeinsam mit drei anderen Jungs blieb ich bockig in der Halle sitzen. Unsere Sturheit wurde zu einem regelrechten Politikum aufgebauscht, das sich angeblich am 1980 begonnenen Streik auf der Lenin-Werft in Danzig orientierte, aus dem später die freie Gewerkschaft Solidarnosc entstand.

Der dritte Tadel war politisch noch brisanter als der zweite. Ausgangspunkt der Strafe bildete der 60. Geburtstag meines Vaters, wofür ich an diesem Freitag schulfrei bekam. Am folgenden Samstag hätte ich wieder zur Penne gemusst, doch ich lag verkatert im Bett und dachte überhaupt nicht ans Aufstehen. Meine Mitschüler hatten an diesem Samstag unterrichtsfrei, weil sie am Vortag in Berlin eine Delegation aus Laos verabschieden mussten, die vom 11. bis 16. April 1981 am X. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) teilnahm. Natürlich hätte ich mit in die Hauptstadt fahren müssen, aber die aufgezwungene Stimmungsmache ging mir mächtig gegen den Strich. Freiwillig beteiligte sich niemand aus der Klasse am Personenkult, da dieser von ganz oben befohlen wurde und mit hohem Aufwand verbunden war. Im Kunstunterricht bastelten wir rote Nelken, weiße Friedenstauben und Papierfähnchen. Mit solchen Winkelementen wedelte man in der Luft herum bis das Flugzeug abhob. Im Bus nach Berlin wurden Verpflegungsbeutel mit Kakaotrunk, zwei trockenen Brötchen, einer Wurstkonserve, einem Riegel Schmelzkäse und einem Apfel verteilt.

Jeder Abiturient erhielt eine Spalierkarte mit genauer Platzangabe, um sich auf dem großen Rollfeld nicht zu verlaufen. Dabei konnte man sich bei dem Riesenaufgebot an Sicherheitskräften überhaupt nicht verirren, wie mir meine Mitschüler nach ihrer Rückkehr berichteten. Wahrscheinlich befürchteten unsere Genossen, dass man bei dieser Gelegenheit ein Flugzeug in den Westen besteigen könnte. Meine Mitschüler fuhren mit in die Hauptstadt, um am Samstag nicht zur Penne zu müssen. Keiner gab offen und ehrlich zu, was er über derartige Pflichtveranstaltungen dachte. Nur ich tanzte wieder aus der Reihe. „Ich fahre doch nicht nach Berlin, nur um dort den Haufen zu vergrößern“, prahlte ich reichlich unüberlegt in einem benachbarten Partykeller, wo wir uns nach Tanzveranstaltungen regelmäßig versammelten. Die Tochter des Hauses ging seit kurzem mit einem Stasi, flüsterte man sich im Dorf. Diese Bezeichnung für einen Nachwuchskader des Ministeriums für Staatssicherheit war durchaus üblich bei uns. Es handelte sich um Menschen, an denen alles Persönliche geheim blieb. Man durfte sich nicht einmal die Gesichter einprägen und selbst der Name spielte keine Rolle. Schon als Kind hielt ich diesen Stasi für ein unbeschriebenes Blatt. Er war sehr ruhig und lang wie eine Bohnenstange. Mit seinem unauffälligen Äußeren konnte der Stasi keinem Menschen Angst einflößen. Er war ein Eigenbrödler, seitdem ihn die Freunde im Stich ließen. Als ich die neunte Klasse der Penne besuchte, legte er dort das Abitur ab. So konnte er mir wertvolle Tipps über Vorlieben und Macken einzelner Lehrer sowie deren Klassenarbeiten geben. Den wahren Hintergrund seines Kriminalistikstudiums und die Karriere im obersten Kontrollorgan des Staates erwähnte der Stasi nicht. Der Freund der Tochter des Hauses reagierte mit Verzögerung auf meine Prahlerei, was wahrscheinlich am Alkohol lag. Schwankend erhob er sich vom Stuhl und blickte mich vorwurfsvoll an. Der Stasi fingerte seinen Ausweis aus der Brusttasche, hielt mir die Legitimation direkt vors Gesicht und fragte, ob ich den Satz unter diesen Umständen wiederholen würde. Plötzlich wurde es mucksmäuschenstill im Keller. Niemand in der kleinen Runde wagte es, ein Wort zu sagen. Ich sah dem Stasi in die Augen und spürte, dass mein Gesicht rot anlief. Während die Gastgeberin versuchte, ihren Freund zu besänftigen, stichelte dieser munter weiter. Anscheinend erwartete er eine Reaktion von mir. Die anderen Gäste schauten still auf den Fußboden, um den Blicken des Fragestellers auszuweichen. Ich rang nach Luft und nach Worten. „Das wird mir hier zu heiß“, antwortete ich wütend und lief die paar Schritte zu mir nach Hause. In der Nacht konnte ich nicht schlafen, weil ich Angst hatte, dass mich der Stasi in der Penne verpfeifen würde. Dann wäre mein Abitur dahin und ohne Abi dürfte ich nicht studieren. Ich befürchtete Verhaftung, Jugendwerkhof oder Knast. Den ganzen Vormittag lag ich im Bett und grübelte.

Mittags besuchte mich mein Kumpel Hardy, der als Augenzeuge der Kellerparty alles mitbekommen hatte. „Du hast doch nur ausgesprochen, was du gedacht hast, Paule!“ Genau da lag mein Problem. Man durfte nie offen sagen, was man wirklich dachte. Das hatte ich für einen Moment vergessen. „In der DDR existieren zwei Wahrheiten“, predigte mein Vater stets. Die erste, die man im Herzen trug, kursierte in den eigenen vier Wänden und durfte nicht nach außen dringen. Die andere Wahrheit galt für Schule, Arbeitsstelle und die Partei. „Der Stasi wird dich schon nicht verpetzen“, meinte Hardy. Sein ehrliches, aber naives Mitgefühl konnte mich nicht aufheitern. Mit einer Kiste Bier vom Geburtstag meines Vaters verzogen wir uns in den Garten, um den Ärger wegzusaufen.

Der folgende Montag begann vollkommen anders. Meine Eltern waren noch im Stall, als ich sorgfältig meine Garderobe auswählte. Ich kleidete mich seriös, um die erwarteten Anfeindungen zu umgehen und verzichtete auf Jeans sowie anstößige Abzeichen und Aufnäher. Stattdessen entschied ich mich für eine braune Anzughose aus Präsent 20, einem Stoff aus Chemiefasern, den man zum 20. Geburtstag unserer Republik kreiert hatte. Dazu trug ich ein helles Oberhemd und eine beigefarbene Cordjacke von Jumo, dem Ausstatter für Jugendmode in unserer Republik. Die braunen Halbschuhe polierte ich bis ich mich darin spiegeln konnte. Mir fehlte nur ein Schlips und ich wäre selbst als Pauker durchgegangen. Die neugierigen Blicke auf dem Weg zum Bahnhof, die meine ungewohnte Verkleidung anzog, verunsicherten mich noch mehr. Ich spürte, dass dieser Montag nicht mein Tag werden würde. Im Zug geriet ich prompt in eine der eher seltenen Kontrollen und stellte entsetzt fest, dass meine Wochenkarte bereits abgelaufen war. Wütend warf ich das alte Ticket auf den frisch geölten Fußboden des Abteils. Mein rowdyhaftes Verhalten veranlasste den Schaffner, die Bahnpolizei am Zielbahnhof zu verständigen. Auf einem abgelegenen Teil des letzten Bahnsteigs trainierte ein freundlicher Ordnungshüter mit mir, wie man einen ungültigen Fahrausweis zielsicher in den Papierkorb wirft. Der Bahnpolizist entließ mich mit der Maßgabe, eine neue Wochenkarte zu kaufen. Nun musste ich noch an den asozialen Elementen vorbei, die an der Ecke vorm Intershop auf milde Gaben der Kundschaft lauerten. Abwechselnd hielt einer der Gelegenheitstrinker seine Bierflasche gegen das erwachende Sonnenlicht und prüfte, ob der Inhalt noch für einen Schluck ausreicht. Sein Kumpel wedelte mit einem lilafarbenen Forumscheck, um seinen Reichtum zu beweisen. Für die 50 Westpfennige hätte er sich vielleicht fünf Schokoladentäfelchen oder fünf Lutscher kaufen können. Ich bog um die Ecke in die Heinrichstraße. Bereits von weitem erkannte ich unseren Direktor, der auf der obersten Treppenstufe thronte wie Lenin vorm Olympiastadion in Moskau. Alle Schwerter samt Pflugscharen passierten den Schulleiter und sogar die rollenden Steine durften rein. Herr Doktor ignorierte sämtliche Embleme, weil er nur auf mich wartete. Obwohl ich auffällig unauffällig gekleidet war, verwehrte er mir den Zutritt ins Schulgebäude.

„Herr Küch, folgen sie mir ins Lehrerzimmer!“, forderte mich der Pauker barsch auf. Im Sekretariat redete ein Mann, den ich noch nie gesehen hatte, auf den Parteisekretär unserer Schule ein, der Geschichte und Staatsbürgerkunde lehrte. Mein Eintreffen beendete den lauten Wortwechsel. Der Unbekannte trug eine Kombination aus abgewetztem, grauem Cordstoff, ein weißes Oberhemd und eine weinrote Krawatte. Seine grüne Studentenkutte hing an der Garderobe. Auf Grund dieser Anzugsordnung konnte er nur ein Mitarbeiter unserer Sicherheitsorgane sein. Ich musste mich an die Stirnseite des Lehrertisches setzen, die mir wie eine Anklagebank vorkam. Mir schwante Böses, als der Unbekannte dem Doktor ein Schriftstück übergab. Es handelte sich um das Protokoll meiner Verlautbarungen von Samstagnacht, eine Seite, mit Schreibmaschine getippt. Der Ordnung halber erhielt ich eine Kopie auf Durchschlagpapier. Nach dem Verlesen des Tatbestandes verlangte der Direktor eine Stellungnahme von mir. Zunächst schwieg ich, weil ich nicht wusste, ob mit dem Begriff Vorkommnis die Nichtteilnahme an der Berlinfahrt oder die verbale Rechtfertigung dafür gemeint waren. Mein Schweigen wertete die übermächtige Jury wie ein stilles Schuldeingeständnis. Die Äußerungen konnte ich nicht leugnen, denn das anklagende Pamphlet lag vor mir auf dem Tisch. Die Unterschrift vom Stasi fehlte. Stattdessen las ich einen anderen Namen mit Dienstgrad unter dem Bericht.

Innerlich triumphierend begann der Direktor, die längst feststehende Strafe gemäß Schulordnung vom 29. November 1979 zu verlesen. Der Unbekannte verbot mir unter Androhung ernsthafter Konsequenzen, den wahren Tatbestand meinen Mitschülern zu erläutern. Mit meinem Verhalten hätte ich schon genug Schaden für meine Eltern, die Schule und unseren Staat angerichtet. Meine Verfehlung bestand keineswegs in der Nichtteilnahme allein, sondern in meiner anschließenden Begründung. Angeblich hätte ich meinen Platz in der sozialistischen Gesellschaft noch nicht gefunden. Nach einer halben Stunde geleiteten mich der Direktor und der Parteisekretär zum Klassenraum. Meine Mitschüler schauten zu mir auf, während ich offiziell vom Klassenleiter getadelt wurde. Mit diesem Strafmaß bin ich noch glimpflich davongekommen, denn man hätte mich von der Schule werfen können. Beim harten Kern der Klassenkameraden erntete ich Anerkennung für mein wiederholtes Anecken. Die Streber wandten sich scheinheilig von mir ab, um Pluspunkte für die Karriere zu sammeln.

Im wehrpflichtigen Alter

Meine erste Begegnung mit dem Militär im Jahre 1973 verlief recht außergewöhnlich. Zwei Vorlaubenhäuser, die Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden, bildeten die Sehenswürdigkeiten in der Gemeinde, denen wir es zu verdanken hatten, dass unser Dorf als Kulisse für den DEFA-Spielfilm „Unterm Birnbaum“ ausgewählt wurde. Neben Agnes Kraus, Angelica Domröse, Erik S. Klein und Hanjo Hasse durfte ich in einer Statistenrolle mitwirken. Gemeinsam mit einigen Mitschülern spielte ich einen armen Bauernjungen in zerrissenen Lumpen und Holzpantinen. Mit dieser Verkleidung erweckten wir sogar in unserem Dorf Mitleid.

Auf dem Weg von der Maske im Saal zum Drehort kamen uns Lastkraftwagen der Nationalen Volksarmee (NVA) entgegen, deren Fahrer entsetzt anhielten. Die Soldaten, die nichts vom Filmdreh ahnten, waren bei unserem Anblick so schockiert, dass sie ihren Lebensmittelvorrat für den Ernstfall hervorkramten und aus dem Fenster warfen. Brot und Wurst in Büchsen, Kekse sowie Schokolade landeten direkt vor unseren Füßen. Die Aktion gefiel mir und ich freute mich, dass ausgerechnet diese Soldaten unsere Paten in der Schule wurden. Bei gegenseitigen Besuchen und gemeinsamen Manövern haben wir später oft über die Episode gelacht.

Der enorme Druck auf uns Jugendliche, sich für einen längeren Armeedienst zu verpflichten, nahm ab der neunten Schulklasse immer mehr zu. Wir wurden ständig agitiert, entweder die Offizierslaufbahn einzuschlagen oder wenigstens drei Jahre als Unteroffizier zu dienen. Einige Lehrer verbogen sich regelrecht, um Nachwuchs für die NVA zu gewinnen. Konnte ich mich bis zur zehnten Klasse noch erfolgreich vor Arbeitsgemeinschaften wie Flugmodellbau, Kraftsport und Schießen drücken, gab es für mich in der Abiturstufe keine Ausreden mehr, eine Mitgliedschaft in der Gesellschaft für Sport und Technik (GST), die das Sprungbrett zur Armee bildete, zu verweigern.

Im elften Schuljahr absolvierten wir Jungen einen militärischen Lehrgang auf der Insel Rügen. Während der Zugfahrt ins Wehrlager fielen unsere graugrünen Uniformen und schwarzen Schnürschuhe auf, weil sie sich krass von der knappen Mode der Urlauber unterschieden. So standen wir beim Umsteigen auf den Bahnhöfen in Stralsund und Sagard isoliert da.