Ich muss nur fest genug glauben - Kate Bowler - E-Book

Ich muss nur fest genug glauben E-Book

Kate Bowler

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Beschreibung

Dieses ehrliche, mutmachende und überraschend amüsante Memoire von Kate Bowler über ein Leben mit einer Todes-Diagnose ist einer von fünf Sommer-Tipps von Bill Gates. Alles hat seinen Grund und Gott hat für jeden einen bestimmten Plan – diese Einstellung wird für Kate Bowler zur Herausforderung, als sie mit 35 Jahren eine schwere Diagnose erhält. Ab jetzt muss sie nicht nur um ihr Leben kämpfen, sondern sich auch Tausende von gut gemeinten Ratschlägen und Gründen anhören, warum es gerade sie getroffen hat. Denn Kate hat viele Freunde, die davon überzeugt sind, dass es in einer Welt mit einem segnenden Gott kein Leid gibt. Außer, man glaubt nicht fest genug. Außer, man hat Sünde in seinem Leben. Außer, Gott verfolgt einen ganz besonderen Plan. Mit viel Augenzwinkern und großer Ehrlichkeit erzählt sie, wie sie selbst mit Menschen umgehen würde, die mitten im Leid stecken. Und wie sie gelernt hat, mit der Angst zu leben, Liebe im Leid zu empfinden und Gott auf eine ganz neue, wunderbare Art kennenzulernen.

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KATE BOWLER

ICH MUSS NUR

FEST GENUG

GLAUBEN

… und andere Lügen,die ich geliebt habe

Aus dem Englischenvon Anja Findeisen-MacKenzie

Titel der Originalausgabe: Everything Happens for a Reason.

And Other Lies I’ve Believed

Copyright © 2018 by Kate Bowler.

First published in the United States of America in 2018 by Random House.

Um die Identität von Personen zu schützen, wurden einzelne Details oder Namen verändert.

Bibelzitate folgen in der Regel der Lutherbibel, revidiert 2017,

© 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Alle Rechte vorbehalten.

© der deutschsprachigen Ausgabe:

2019 Brunnen Verlag GmbH Gießen

Lektorat: Carolin Kotthaus

Umschlagfoto: Rebecca Ames Photography

Umschlaggestaltung: Daniela Sprenger

Satz: DTP Brunnen

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN Buch 978-3-7655-0719-9

ISBN E-Book 978-3-7655-7545-7

www.brunnen-verlag.de

Zach, mein Schatz,jetzt sehe ich, dass mein schönes Lebenimmer nur für dich war.

Inhalt

Vorwort

Diagnose

Anschauungsmaterial

Magische Tricks

Zeiten

Kapitulation

Weihnachtsfreuden

Gewissheit

Wiederherstellung

Zwischenzeit

Was man nie zu Leuten sagen sollte, die eine schwere Zeit durchmachen

Probier das hier mal aus, vielleicht kommt es gut an

Dank

Über die Autorin

Vorwort

Im Christentum gibt es eine Gruppierung, die uns ein Heilmittel für die Tragödien in unserem Leben verspricht. Sie hat viele verschiedene Bezeichnungen, meistens jedoch wird sie mit dem Spitznamen „Wohlstandsevangelium“ versehen, und zwar deshalb, weil im Mittelpunkt ihrer Lehre die kühne Behauptung steht, dass Gott uns alles gibt, was unser Herz begehrt: Geld auf dem Bankkonto, einen gesunden Körper, eine intakte Familie und grenzenloses Glück.

Ich bin in den Prärien von Manitoba in Kanada aufgewachsen, umgeben von Mennoniten-Gemeinschaften. Auf deren Jugendfreizeiten habe ich von einem armen Zimmermann aus Galiläa gehört, der gelehrt hat, dass ein einfaches Leben ein gutes Leben ist. Zwar haben die meisten Mennoniten schon vor längerer Zeit die Spitzenhäubchen abgelegt und sie fahren auch nicht mehr in Pferdekutschen herum. Aber ihre Skepsis gegenüber den Begehrlichkeiten des modernen Lebens haben sie nicht verloren. Jeder von ihnen hatte einen Großvater, der sein nagelneues Auto ruinierte, indem er die Stoßstangen schwarz anmalte, um den Chrom zu verbergen. Und der überzeugt war, dass die heiligsten Worte außerhalb der Bibel lauteten: „Ich habe ihn gebraucht gekauft.“ Doch als ich ungefähr achtzehn war, hörte ich Gerüchte über eine andere Glaubensform, die anscheinend eine Formel für den Erfolg gefunden hatte. Mit fünfundzwanzig reiste ich durchs ganze Land, um die berühmtesten Vertreter des Wohlstandsevangeliums zu interviewen. Und schließlich schrieb ich das erste Buch über die Geschichte dieser Bewegung von ihrer Entstehung bis heute.

Ich verbrachte Jahre damit, mich mit Fernsehevangelisten zu unterhalten, die zu wissen behaupteten, wie man garantiert einen göttlichen Geldsegen empfangen könnte. Ich hielt Menschen die Hand, die im Rollstuhl saßen und vor dem Altar um Heilung beteten. Allmählich glaubte ich zu verstehen, warum Millionen von Nordamerikanern damit begonnen hatten, Gott um mehr zu bitten. Warum sie sich anscheinend die Erlaubnis wünschten, die Luxusgüter des Lebens als Belohnung für ihr gutes Verhalten zu bekommen. In der Bevölkerung wurde diese Bewegung vor allem durch Jim und Tammy Faye Bakker bekannt, die in den 1980er-Jahren als eine Art König und Königin der Fernsehevangelisation galten. Ihr Medienimperium brach allerdings in sich zusammen, als Jim des finanziellen Betrugs überführt wurde. Durch den Skandal verfestigte sich in den Köpfen der Menschen die Überzeugung, beim Wohlstandsevangelium gehe es in erster Linie um goldene Wasserhähne, dicke Nerzmäntel und darum, zueinander passende Mercedes-Benz zu fahren.

Ich fand heraus, dass das Wohlstandsevangelium die Leute dazu ermutigte (in erster Linie natürlich seine führenden Vertreter), sich private Jets und Villen für mehrere Millionen Dollar zu leisten – als Beweis für Gottes Liebe. Doch ich sah auch, dass es für viele Gläubige eine Art Flucht war – die Flucht aus Armut, Krankheit und dem Gefühl, ihr Leben zerrinne ihnen zwischen den Fingern. Manche wollten gern einen Bentley fahren, doch viel häufiger war der Wunsch nach Befreiung von den Wunden der Vergangenheit und vom Leid der Gegenwart. Die Menschen sehnten sich nach Rettung, wenn sie schlimme Diagnosen erhalten hatten; sie wollten Gottes Eingreifen erleben, wenn sich ihre Kinder auf einem falschen Weg befanden oder ihre Ehen aus dem Ruder liefen. Was sie brauchten, war eine Art Talisman, um das Böse abzuwenden, das nachts in der Dunkelheit herumpoltert. Sie wünschten sich wenigstens ein Fünkchen Macht über das, was ihr Leben in Stücke riss.

Das Wohlstandsevangelium ist die Antwort auf die Theodizee-Frage, es liefert eine Erklärung für das Problem des Bösen. Es beantwortet die Fragen, die unser Leben in den Grundfesten erschüttern: Warum werden manche Menschen geheilt und andere nicht? Warum landen einige immer auf den Füßen, während andere in grenzenlose Abgründe stürzen? Warum sterben manche Babys bereits in der Wiege und verbitterte Seelen leben stattdessen so lange, dass sie noch ihre Urenkel sehen? Das Wohlstandsevangelium sieht sich die Welt an, wie sie ist, und verspricht eine Lösung. Es garantiert, dass der Glaube immer einen Weg bahnt.

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass meine Forschungen über das Wohlstandsevangelium so viel Fremdes und Schreckliches hervorbrachten, dass mich das Ganze abschreckte. Das Gegenteil war jedoch der Fall. Was ich entdeckte, war vertraut und zugleich auf schmerzliche Weise verlockend: das Versprechen, dass ich mein Leben in Ordnung bringen, meine Verluste minimieren und auf meinen Erfolgen aufbauen konnte. Und so sehr ich auch empört die Augen verdrehte über die ungeheuerlichen Anmaßungen dieser Religion, so sehnte ich mich trotzdem innerlich genau danach. Ich hatte mein eigenes Wohlstandsevangelium, das wie ein Unkraut zusammen mit meinen restlichen Überzeugungen wuchs.

Mit Anfang zwanzig heiratete ich, mit Anfang dreißig bekam ich ein Kind, und dann ergatterte ich direkt nach meiner Dissertation eine Dozentenstelle an der Universität, an der ich studiert hatte. Die Chancen, die sich mir eröffneten, waren atemberaubend. Ich kann mich zwar nicht mehr im Detail an alles erinnern, aber ich glaube, es war nicht nur Stolz, was ich damals fühlte. Es war auch ganz schlicht und einfach die Gewissheit, dass Gott einen kostbaren Plan für mein Leben hatte, in dem jeder Rückschlag zugleich auch ein Schritt nach vorne war. Ich wollte, dass Gott mich zu einem guten und treuen Menschen machte – und nebenher die eine oder andere glänzende Auszeichnung zu erhalten, fand ich auch nicht schlecht. Ich glaubte, mit allem zurechtkommen zu können, solange Probleme nur kleine Umwege auf meinem langen Lebensweg bedeuteten. Gott würde das alles schon irgendwie regeln.

Heute glaube ich das nicht mehr.

In einem Moment war ich noch ein normaler Mensch mit normalen Problemen und im nächsten war ich jemand, der Krebs hatte. Bevor mein Verstand es überhaupt begreifen konnte, war er da – und wuchs und nahm immer mehr Raum ein. Eine neue und unerwünschte Realität. Es gab jetzt ein Davor und ein Danach. Die Zeit verlangsamte sich zu einem Pulsschlag. Atme ich überhaupt?, fragte ich mich. Und will ich das?

Jeden Tag sprach ich dasselbe Gebet: Gott, rette mich. Rette mich. Rette mich! O Gott, denk doch an meinen kleinen Jungen! Denk an meinen Sohn und meinen Mann, bevor du mich zu Asche werden lässt. Bevor die beiden allein auf der Welt sind.

Ich flehte den Gott des Vielleicht an, der mich vielleicht noch ein paar Jahre leben lässt, vielleicht auch nicht. Er war ein Gott, den ich liebte, und ein Gott, der mir das Herz brach.

Jeder, der so etwas erlebt hat wie ich, weiß, dass dabei drei Fragen auftauchen, die so einfach sind, dass sie einem abwechselnd als zu oberflächlich und zu tiefgründig vorkommen.

Warum?

Gott, bist du da?

Was hat dieses Leid zu bedeuten?

Am Anfang hatten diese Fragen ein enormes Gewicht und äußerste Dringlichkeit. Ich konnte Ihn geradezu hören. Ich konnte fast schon Seine Antwort ausmachen. Doch dann wurde das Ganze von dem begraben, was ich seither wohl tausendmal zu hören bekam: „Alles hat seinen Grund“ oder: „Gott schreibt eine noch bessere Geschichte“. Anscheinend ist Gott auch ganz schön damit beschäftigt, sämtliche Türen zu schließen und Fenster zu öffnen. Davon kann er gar nicht genug bekommen!

Die Welt, in der ich immer Gewissheit hatte, war zu Ende und so viele Leute schienen genau zu wissen, warum. Meistens dienten ihre Erklärungen dazu, mir zu versichern, dass selbst das ein geheimer Plan war, durch den Gott an mir arbeitet. „Gott hat einen besseren Plan!“, „Das ist eine Prüfung, aus der du gestärkt hervorgehen wirst!“ Manchmal waren diese Erklärungen auch mit Bibelversen gewürzt, zum Beispiel: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind“ (Römer 8,28). Der Verfasser dieses Verses, der Apostel Paulus, betete Gott mit jeder Faser seines Herzens an, bis sein Leichnam in einem anonymen Grab entsorgt wurde. Aber ich weiß schon, was die Leute damit sagen wollen. Es wäre doch ganz nett, wenn jede Katastrophe so eine Art göttliche Verschwörung wäre, mit der das wieder rückgängig gemacht wird, was der Zeitgeist und die Untreue in meiner abtrünnigen Seele angerichtet haben.

Andere Leute wiederum wollten mir klarmachen, dass ich ja schon genug Gutes erlebt hatte. „Wenigstens hast du einen Sohn. Wenigstens hattest du bisher eine tolle Ehe.“ Mein Leben wurde auseinandergenommen und alles Wertvolle, was ich so angehäuft hatte, wurde gründlich begutachtet.

Ich war mir sicher: Wenn ich sterben würde, käme bestimmt irgendein reizender Trottel zu meinem Mann und würde ihm sagen, dass Gott „einen Engel brauchte“. Schließlich ist Gott ja auch so sadistisch …

Über solche Dinge dachte ich mehr als einmal nach. Was würden die Leute wohl zu dem Mann mit den sandfarbenen Haaren und Augen sagen, den ich liebte, seit wir beide fünfzehn waren und meinten, nie sterben zu müssen?

Ich glaube, ich wusste damals vor zehn Jahren, als ich anfing, mich mit dem Wohlstandsevangelium zu beschäftigen, noch nicht genug über die menschliche Sehnsucht. Ich hatte gerade mit dem Mann, den ich liebte, ein kleines Haus gekauft – und es füllte sich mit Büchern, IKEA-Möbeln und einem sanften Hund mit Beinen so dick wie Konservendosen. Ich war durchdrungen von der Weisheit der ewigen Jugend. Mein Leben war etwas, das ich formen konnte, oder zumindest konnte ich es korrigieren, wenn ich genug Entschlossenheit dazu aufbrachte. Es war dasselbe grenzenlose Selbstbewusstsein, das vom Wohlstandsevangelium als „Sieg“ bezeichnet wird. (Und ich hätte meine Erfolge auch auf meine eigene harte Arbeit – gepaart mit ein bisschen Glück – zurückführen können.) Bis jetzt war noch nichts kaputtgegangen, das nicht repariert werden konnte. Doch was dem Wohlstandsevangelium eine solche Breitenwirkung verschafft hat, ist, dass es dem Leid in unserem Leben und auch unserer Sehnsucht nach Wiederherstellung so gründlich Rechnung trägt. Menschen, die sich in einem kranken Körper oder in zerbrochenen Beziehungen gefangen fühlen, die schmerzlich erkannt haben, dass ihr Leben möglicherweise nie wieder heil wird, wenden sich dieser Hoffnungsbotschaft zu. Wenn das Ganze ein Spiel ist – mit Regeln für den Erfolg, die jeder anwenden kann –, dann haben vielleicht auch sie die Chance auf einen Gewinn.

Ich wünschte, ich könnte hier eine ganz andere Geschichte erzählen. Aber in diesem Buch geht es um ein Davor und ein Danach und darum, wie Menschen sich mitten im Leid Gedanken machen über die ewigen Fragen: Warum? Warum passiert mir das? Was hätte ich anders machen können? Hat wirklich alles einen bestimmten Grund? Wenn ich akzeptiere, dass ich das, was geschieht, nicht ändern kann, kann ich dann lernen loszulassen?

Kapitel 1

Diagnose

Ich habe fast fünfzehn Kilo abgenommen, als ich an einen Facharzt für Magen-Darm-Erkrankungen am Duke-Hospital überwiesen werde. Momentan habe ich alle paar Stunden solche stechenden Bauchschmerzen, dass ich mich regelrecht krümme. Das ist in den letzten drei Monaten so häufig passiert, dass ich mittlerweile ein kleines Ritual dafür entwickelt habe: Ich stütze mich mit der rechten Hand an der nächstliegenden Wand ab, drücke mit der linken Hand auf den Bauch, schließe die Augen und halte ganz still, bis es vorüber ist. Dann greife ich in meine Handtasche und trinke einen ordentlichen Schluck aus einer riesigen Flasche mit einem säureblockierenden Medikament. Danach kann ich mich wieder aufrichten und gehe kommentarlos zur Tagesordnung über. Das sieht für andere wahrscheinlich etwas unheimlich aus, aber für mich ist es das Beste, um die Sache so lange wie möglich zu vertuschen.

Jetzt aber habe ich es satt, so zu tun, als ob nichts wäre. Misstrauisch blicke ich dem Arzt entgegen, als er das kleine Sprechzimmer betritt, in dem mein Mann Toban und ich auf ihn warten. Er lässt sich auf seinen Stuhl fallen und seufzt, als ob er sich schon jetzt über etwas ärgert.

„Ich habe mir Ihre letzten Untersuchungsergebnisse angesehen“, beginnt er, „und es lässt sich daraus nichts Eindeutiges ablesen.“

Ich protestiere: „Das verstehe ich nicht. Aus dem letzten Test geht doch hervor, dass es wahrscheinlich die Gallenblase ist.“

„Das ist nicht eindeutig klar“, erwidert er in einem harten Tonfall.

„Also sind Sie nicht bereit, mich zu operieren.“

„Hören Sie, nichts deutet darauf hin, dass wir damit richtigliegen. Wenn ich Ihnen die Gallenblase entferne, kann es sein, dass Sie danach noch dieselben Schmerzen haben wie heute. Plus die Schmerzen und Unannehmlichkeiten einer Operation.“

Ich seufze. „Ich weiß nicht, wie ich Sie oder jemand anderen dazu bringen kann, mich endlich ernst zu nehmen. Seit drei Monaten leide ich unter unerträglichen Schmerzen und fahre von einem Facharzt zum anderen. Es kann so einfach nicht weitergehen.“

„Schauen Sie“, sagt er, als müsse er mir alles noch einmal von vorn erklären, „wir sind am Ende der Fahnenstange angelangt und alles, was wir haben, ist eine unklare Diagnose.“ Auf uncharmante Art und Weise spielt er den Ball an mich zurück. „Ich sage es noch einmal: Ich kann Ihnen die Gallenblase entfernen, aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, was Sie sonst noch von mir erwarten.“

„Ich erwarte von Ihnen, dass Sie die Möglichkeit einer Gallenoperation nicht komplett ausschließen und mich nicht einfach wieder nach Hause schicken! Niemand hilft mir, dieses Problem zu lösen, und ich halte es einfach nicht mehr aus!“ Ich kann selbst die Verzweiflung in meiner Stimme hören.

„Tut mir leid, dass Sie das so sehen“, meint er nur. Dann sitzen wir da und starren einander an.

„Ich gehe nicht“, sage ich schließlich laut. „ICH GEHE HIER NICHT WEG, bevor Sie mich nicht weiter untersucht haben.“

„Okay, gut“, gibt er nach und verdreht dabei die Augen.

„Okay.“

Er stellt mir ein Rezept für eine Computertomografie aus, während ich eine Mischung aus Erleichterung und Ärger empfinde. Sie werden irgendetwas Harmloses herausfinden, mehr nicht. Ich muss nur eine Operation in meinem Terminplaner unterbringen. Nichts Großartiges.

Einige Tage später gehe ich in meinem Büro neben meinem überfüllten Schreibtisch auf und ab und blättere die Unterlagen meiner letzten Forschungen durch, als das Telefon klingelt.

„Hallo, hier Kate Bowler.“

Es ist Jan, die Arzthelferin aus der Klinik. Sie hat sich gut überlegt, was sie sagen soll, aber ich kann mich mit einem Mal nicht mehr konzentrieren. Ich kann zwar hören, dass sie etwas sagt, verstehe jedoch die Worte nicht. Es ist nicht die Gallenblase, so viel habe ich begriffen. Es ist jetzt überall.

„Was ist überall?“, frage ich.

„Der Krebs.“

Ich halte das Telefon weg von mir und höre nur das Rauschen in der Leitung.

„Ms. Bowler?“

Wie geistesabwesend presse ich den Hörer wieder ans Ohr. „Ja?“

„Sie müssen sofort hierher ins Krankenhaus kommen.“

„Ja, klar.“

Ich muss Toban anrufen.

„Ma’am?“

„Ja, in Ordnung. Ich habe verstanden. Ich komme sofort.“

„Ich schicke jemanden hinunter zum Eingang, der Sie abholt. In Ordnung?“

„Ja, ja“, flüstere ich fast unhörbar. „Es ist nur: Ich habe einen Sohn … Ich hab’ doch einen Sohn!

Ein langes Schweigen.

„Ja“, sagt sie dann. „Es tut mir leid.“ Pause. Ich stelle mir vor, wie sie im Büro neben ihrem Telefon steht und Karteikarten durchblättert. Wahrscheinlich muss sie noch mehr Leute anrufen. „Trotzdem müssen Sie so schnell wie möglich herkommen.“

„Ist Gott gut? Ist Gott gerecht?“

Ein stämmiger Norweger stellte mir einmal diese Frage, während wir in der Cafeteria der Uni Schlange standen.

„Ich glaube schon“, antwortete ich dann. „Aber es ist erst sieben Uhr morgens und ich komme gerade um vor Hunger.“ Doch jetzt stelle ich mir selbst die Frage: Kümmert sich Gott überhaupt um uns?

Eine meiner Lieblingsgeschichten, die von den Predigern des Wohlstandsevangeliums erzählt werden, stammt von einem Fernsehevangelisten-Duo, das schon so ziemlich von Anfang an dabei war: Gloria Copeland und ihr Mann Kenneth. Gloria sieht selbst mit über siebzig noch wie eine Mischung aus Glamourgirl und Immobilienmaklerin aus, und ihr Mann, ein echter Texaner, wirkt immer so, als käme er gerade aus einem entspannten Tag auf seiner Ranch. Seit Jahrzehnten belegen sie die Hauptsendezeiten im Fernsehen und füllen die christlichen Bücherregale mit ihren Lehren vom Leben im Überfluss. Sie erwarten von Gott nicht nur, dass er gerecht ist – sie erwarten, dass er seinen Segen vom Himmel regnen lässt. Als ihr Haus einmal von einem Tornado bedroht war, so erzählt Gloria, gingen sie mitten in der Nacht hinaus auf ihre Veranda, um sich dem Sturm entgegenzustellen. Sie sprachen ein langes und lautes Gebet, dass Gott ihren Besitz schützen möge, und baten ihn netterweise auch, das Haus ihrer Nachbarn zu bewahren. Und dann, so sagen sie, machte der Tornado kehrt und zog in eine andere Richtung davon.

Es ist ein Bild, das ich nicht vergessen kann: Zwei der reichsten Christen der Welt ballen ihre Fäuste gen Himmel und appellieren an den Gott der Gerechtigkeit.

Denn welcher Vater würde seinem Kind einen Stein geben, wenn es ihn um Brot bittet?

Gerechtigkeit – Fairness – ist eine der verlockendsten Forderungen des amerikanischen Traums. Eine Vision vom Erfolg, die durch harte Arbeit, Entschlossenheit und vielleicht den einen oder anderen Neustart Wirklichkeit werden kann. Wo immer ich in Nordamerika gelebt habe, überall wollte man mir das Märchen vom grenzenlosen Horizont verkaufen und mir einreden, welche Charaktereigenschaften ich haben muss, um dorthin zu gelangen. Es war die Sprache des Anspruchsdenkens, die Mathematik des persönlichen Verdienstes. Hier wurde alles so penibel verteilt, wie meine Schwester und ich die an Halloween ergatterten Süßigkeiten horteten und tauschten. In dieser Welt habe ich mir das, was ich bekomme, auch verdient. Ich erarbeite meinen Lebensunterhalt und behalte meinen Anteil für mich. In einer gerechten Welt kann mir nichts entgleiten, wenn ich es nur gut genug festhalte.

Ich habe mit zweiundzwanzig geheiratet. Damals war ich ziemlich dumm. Es war zwar nicht dumm von mir, Toban zu heiraten, denn es hat sich herausgestellt, dass das zu den vernünftigsten Dingen gehört, die ich je getan habe. Aber ich war wohl recht dumm, weil ich nicht erkannte, dass Toban wie eine dieser großen Investitionen ist, die mit der Zeit im Wert steigen, aber am Anfang völlig übertrieben erscheinen. Er war wie eine Villa am Meer, wo ich doch auch mit einer Wohnung am Stadtrand hätte vorliebnehmen können. Zu der Zeit dachte ich jedoch vor allem daran, wie gut er aussah, wie toll er die feinen Details des Skateboard-Fahrens erklären konnte und dass ihm wohl nie die Haare ausfallen würden.

Jetzt stürmt er gerade in mein Büro und wirft die Arme um mich, während die Worte nur so aus mir heraussprudeln. „Ich liebe dich und werde dich immer lieben! Bitte kümmere dich gut um unseren Sohn.“

„Das werde ich! Das werde ich!“, weint er und ich weiß, dass er die Wahrheit sagt. Aber die Wahrheit hilft uns jetzt nicht weiter.

Ich rufe meine Eltern an, während wir auf dem Weg ins Krankenhaus sind. Ich muss kurz stehen bleiben und mich an einer hohen Steinmauer anlehnen. Toban legt die Hand auf meinen Rücken, um mir Halt zu geben. Wir sind beide weg, weit weg, wir sind irgendwo anders, wir schwirren hin und her zwischen dem Jetzt und Vorher.

Ich sage meinen Eltern, sie sollen sich gemeinsam irgendwo hinsetzen. Dann erzähle ich, dass ich Krebs habe und es nicht gut für mich aussieht.

„Du musst uns Zach überlassen! Du musst dein Testament ändern!“, platzt meine Mutter heraus und ihre Stimme zittert. Ich habe rein zufällig ein Testament verfasst für meinen Antrag auf eine Lebensversicherung. Ein Antrag, den die Versicherungsgesellschaft ablehnen wird, sobald sie erfährt, dass ich Krebs habe. Auf so ein Risiko wollen sie sich nicht einlassen. Meine Mutter ist jetzt ganz durcheinander. Ihr Kind stirbt und mit ihm die ganze Welt. Verzweifelt versucht sie zu retten, was von meinem Leben übrig bleibt: meinen Sohn.

„Mama, Toban wird doch weiterleben. Zach kann bei ihm bleiben“, versuche ich sie zu beruhigen.

„Ja … stimmt … Tut mir leid. Ach Schatz, es tut mir so leid“, sagt sie und ich kann an ihrer Stimme hören, dass sie so gern mein Fels in der Brandung sein würde, aber jetzt trotzdem weinen muss. Die beiden sind eigentlich unterwegs nach Toronto zu meiner Schwester Amy, doch wahrscheinlich werden sie jetzt alles stehen und liegen lassen, um zu mir zu fahren. Ich sehe meinen Vater im Krankenhaus vor mir, wie er nur wenige Augenblicke vor meiner Operation hereinkommt, meine Hand nimmt und mir über den Kopf streichelt. Mein Vater, der unerschütterliche Riese, der niemals wegen meiner Diagnose weinen wird. Er wird nicht zulassen, dass diese Diagnose auch nur ein kleines verdammtes bisschen über seine Tochter und ihre Zukunft bestimmen wird.

Ich rufe meine Schwestern an und auch sie folgen meiner Bitte, sich hinzusetzen. Unsere Worte hören sich verworren an, sie brennen heiß vor Liebe. Mein nächster Anruf gilt meiner Freundin Katherine, die im Football-Stadion sitzt und einem Spiel zuschaut. Sie wird sich sicher sofort auf den Weg zu mir machen, obwohl sie weit weg in einem anderen Bundesstaat wohnt. Im Auto wird sie ihre Verzweiflung gegen die Windschutzscheibe schreien. Und wenn ich aus der Narkose aufwachen werde, wird sie da sein. Mein benebelter Verstand wird sich wahrscheinlich gar nicht daran erinnern, dass ich sie gar nicht gebeten habe zu kommen. Sie weiß, dass ich sie brauche. Sie wird auf dem Stuhl neben mir schlafen und behaupten, das sei bequem. Mit ihrer sachlichen Art wird sie die Krankenschwester, die sich geweigert hat, mir Eiswürfel zu bringen, überzeugen, es doch zu tun.

Aber jetzt sitze ich erst mal vor meiner Operation in einem Zimmer irgendwo mitten im Labyrinth des Duke University Hospital und starre hinunter auf meine gefalteten Hände. Ein blauer Krankenhauskittel liegt säuberlich zusammengelegt auf dem Bett neben mir und überall zirpen Geräte wie Grillen. Zum ersten Mal seit meiner Diagnose vor ein paar Stunden bin ich allein und der Tag hat brutal an Fahrt aufgenommen. Toban ist nach Hause gerast, um Zachs unerschütterlicher Nanny zu erzählen, was passiert ist. Meine ganze Familie ist auf dem Weg hierher und ich kann nichts tun, als nur dazusitzen und auf mein Kleid hinunterzustarren. Das weiße mit den hellen Blumen und den Rüschen. Ich liebe dieses Kleid. Ich kann es nicht ausziehen. Ich brauche es doch für den Unterricht.

Meine Freunde Jonathan und Beth kommen. Jonathan stürmt zur Tür herein und drückt mich fest an sich. Die beiden lassen sich auf mein Bett plumpsen und betrachten mich mit mitfühlendem Entsetzen.

„Ihr müsst das hier für mich verbrennen“, sage ich schließlich und deute verärgert auf mein Kleid. „Ich kann es nicht mehr sehen. Dieses Leben hier ist vorbei.“ Ich schwanke zwischen Hysterie und Galgenhumor. „Ich bin der größte Glückspilz der Welt“, behaupte ich mit gespielter Begeisterung, bevor meine Gedanken zu Zach wandern und ich in heftiges Schluchzen ausbreche. Ich werde von Weinkrämpfen geschüttelt, kneife die Augen zu und versuche die Welt auszusperren.

„Ich weiß es nicht“, sage ich immer wieder, „ich weiß einfach nicht, was ich tun soll.“ Das Einzige, was sich noch real anfühlt, sind die Hände meiner beiden Freunde, die mir über den Rücken streichen, und die Betttücher, die ich gegen mein Gesicht gepresst habe. „Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll.“

„Sterben“, antwortet Beth mit leiser Stimme.

Ich weiß nicht, ob es eine Frage oder eine Feststellung ist, jedenfalls höre ich auf zu weinen. Dieses Wort, das sie ausspricht, ist eine Klippe und ich stehe an der Kante und schaue hinunter. Jonathan fängt an, mir Mut zu machen, die Leere zu füllen und die Welt wieder so herzustellen, wie sie war. Aber alles, woran ich denken kann, ist Beths eines Wort. Sterben. Es ist unmöglich. Es ist ein unmöglicher Gedanke. Ich dachte, dieses Leben würde gerade erst anfangen, doch jetzt soll ich sein plötzliches Ende in Betracht ziehen. Ich soll mir vorstellen, wie meine wirbelnden Gedanken versiegen, mein Atem sich verlangsamt, wie sich dort ein gesunkenes Schiff befindet, wo jetzt noch mein Herz schlägt. Aber schlimmer noch: Es wäre das Ende dessen, was ich aufgebaut habe – meine Familie.