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Düster, vielschichtig, hochspannend
Detective Ray Drake und seine Partnerin Flick Crowley ermitteln bezüglich einer Reihe merkwürdiger Einbrüche. Alles begann scheinbar harmlos – die Eindringlinge wohnten in Abwesenheit der Besitzer in deren Häusern –, doch jetzt sind Menschen angegriffen und getötet worden. Die Spur führt zu den Klippen an der Südküste Englands und den Adoptivgeschwistern Tatia und Joel, in deren Familie ein dunkles Geheimnis verborgen liegt. Und auch Ray Drakes eigene Vergangenheit droht ihn erneut einzuholen ...
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Seitenzahl: 503
Veröffentlichungsjahr: 2018
Buch
Für
War Jahre nicht Daheim
Stand vor der Tür, wagt nicht
Hineinzugehen aus Angst mich starrt
Ein unbekannt Gesicht
Nichtssagend an und fragt
Was mich hierher geführt
»Ich such nur mein verlassnes Leben
Ob so was hier wohl blieb?«
Emily Dickinson
1
2
Heute
Dies, entschied sie, war ihr das liebste Zimmer von allen. Hier gab es so viele schöne Dinge.
Sie saß an der antiken Frisierkommode und berührte die Fläschchen und Tiegel, die dort in allen erdenklichen Formen und Größen standen: Magenta, Türkis, Jade, alle Farben des Regenbogens, die im sanften Schein der Spiegelbeleuchtung glitzerten. Das Bett war das größte, das sie je gesehen hatte, und auf ihm türmten sich Kissen und Überwürfe. Und es war ein Genuss, die Zehen in den zart gewebten, weichen Teppich zu graben.
Die Frau ging zum Kleiderschrank, der so in die Wand eingelassen war, dass man ihn kaum bemerkte. Und als die Tür mit einem leisen Wispern aufglitt, enthüllte sie ordentliche Reihen von Kleidern, Röcken und Blusen sowie säuberlich sortierte hübsche Schuhe: High Heels, Ballerinas, Stiefel, Sandalen.
Bügel klackerten aneinander, als sie ein Sommerkleid mit blassblauem Blumenmuster herausnahm, es sich vor den Körper hielt und sich vor dem Spiegel betrachtete. Das gescheckte Holzpferd mit der silbernen Mähne, die ihm über ein Ohr fiel, schaute ihr von seinem Platz im Erker aus zu. Polierte Steigbügel und Schnallen blitzten am Ledersattel. Die Frau erkannte Zustimmung in den aufgemalten Augen.
Ja, das.
Diesen Raum mit seinen schimmernden Wänden und dem Silber und Gold, das aus dem Schmuckkästchen auf der Frisierkommode quoll, dem funkelnden Kronleuchter und dem wuchtigen antiken Wandspiegel, dessen Oberfläche einige blinde Stellen vom Alter aufwies, fand sie noch bezaubernder als die anderen.
Zuvor hatte sie ein Bad in der ovalen Wanne genommen, sich bei flackerndem Kerzenlicht entspannt, dabei den Duft der Badesalze, Seifen und Cremes genossen, die nach Granatapfel, Blaubeere und Wintergewürzen rochen, und sich von der dampfenden Hitze alle Sorgen und Nöte aus den Muskeln und Knochen treiben lassen.
Plötzlich aber hatte sie wieder das schreckliche Bild des armen Mannes vor sich gesehen. Es war aus dem Nichts gekommen, hatte ihr mit einem Mal vor Augen gestanden und bewirkte, dass sie mit einem stummen Schrei aufschrak. Wasser war über den Wannenrand geschwappt und mit einem lauten Platschen auf den Fliesen mit dem Karomuster gelandet.
Von jetzt auf gleich war ihre Fassung dahin gewesen.
Völlig verkrampft war sie aus der Wanne gestiegen, hatte nach dem dicken Badehandtuch aus ägyptischer Baumwolle gegriffen, das auf dem beheizten Gestell vorgewärmt worden war, und es vermieden, sich dabei nackt im Spiegel zu betrachten – die hängenden Brüste und dicken Schenkel, den schlaffen Bauch, das grobe Narbengewebe an ihren Schultern und auf dem Rücken, das musste sie nicht sehen.
Stattdessen hatte sie das Laken um sich geschlungen, den Badezimmerschrank geöffnet, um die Auswahl an Lotionen zu betrachten, eine kühlende Gesichtscreme auf ihre erhitzten Wangen aufgetragen und anschließend den großen Wandschrank inspiziert.
Das Kleid, das sie ausgewählt hatte, lag bereits ausgebreitet auf dem Bett, damit es keine hässlichen Falten bekam. Bevor sie es anzog, trug sie erst mal Make-up aus goldenen Tuben und kleinen schwarzen Dosen auf, das ein Kaleidoskop von Farben auf ihrem blassen und vom Kummer gezeichneten Gesicht explodieren ließ. Schließlich musste ein Lippenstift ausgewählt werden. Ihre Finger verharrten eine Weile über den unterschiedlichen Farbtönen, ehe sie sich für ein leuchtendes Rot mit einem matten Glanz entschied und sich vom Schaukelpferd bewundern ließ.
Ja, sagte es. Genau der.
Die Frau nahm eine Haarbürste mit Elfenbeingriff und Perlmuttintarsien, die ein hübsches Muster aus Schnörkeln und Kringeln bildeten, und zog sie durch ihr Haar. Die Borsten knisterten auf ihrer Kopfhaut, und die Reibungselektrizität bauschte ihre ohnehin wirren Locken noch mehr auf.
»Alles fertig!«, rief eine Stimme.
Wieder zuckte sie bei dem Gedanken an jenen Mann zusammen, den sie einfach dort zurückgelassen hatten. Es nützte nichts; der ganze Abend wäre ruiniert, wenn sie nichts unternahm, um ihr Gewissen zu beruhigen.
Also holte sie aus ihren Cargoshorts, die zusammengeknüllt auf dem Boden lag, ein Handy heraus und schaltete es ein. Die Frau zögerte. Was sie vorhatte, war riskant. Doch als die Tastatur erschien, begriff sie, dass sie ohnehin nicht telefonieren konnte, weil sie die PIN-Nummer nicht kannte.
»Komm schon nach unten!«
Die Stimme machte sie nervös. Versuchsweise tippte sie willkürlich Zahlen ein. Ein kurzes Summen, sonst nichts. Es war sinnlos. Die Frau schaltete das Handy wieder aus und steckte es zurück in die Tasche ihrer Shorts, ging an dem Pferd auf seinen Schaukelkufen vorbei ans Fenster und zog den Vorhang ein wenig zur Seite.
Im Laternenschein der frühen Morgenstunden wirkte die Straße verlassen. Und dennoch wusste sie, dass in all diesen großen, schönen Häusern Menschen sicher in ihren Betten lagen, ein tröstlicher Gedanke. In der Ferne verklang das Röhren eines Automotors. Die Frau wünschte dem Fahrer alles Gute und hoffte, er möge bald wieder mit seiner Familie vereint sein, mit den Menschen, die er liebte.
»Es wird alles kalt«, rief die Stimme.
Das Kleid, das sie ausgesucht hatte, war zu eng, den Reißverschluss würde sie niemals zubekommen, aber da keine Zeit blieb, ein anderes zu probieren, ließ sie es einfach so und begab sich nach unten.
Die Küche, die im rückwärtigen Teil des Hauses lag, war riesig. Ein Oberlicht zog sich über die gesamte Länge, sodass der Raum bei Tageslicht bestimmt hell und freundlich war – jetzt machte ihn die indirekte Beleuchtung anheimelnd. Ein Edelstahlherd war in einen umgebauten Kamin eingelassen, die Schränke hatten Türen, die aufschwangen, sobald man sie antippte, und die lange Kücheninsel hatte eine Abdeckplatte aus glänzendem Granit. In der Spüle allerdings stapelten sich lauter Töpfe und Pfannen – ein Chaos, das der lange, elegante Wasserhahn, der an einen Schwanenhals erinnerte, missbilligend von oben herab betrachtete.
Ihr Begleiter saß gebeugt am Tisch und schaufelte sich Essen in den Mund, unterbrach die Nahrungsaufnahme kurz, als sie sich hinsetzte, drückte ihre Hand und sah sie bewundernd an.
Es war spät, sie waren beide müde und hungrig.
»Iss«, sagte sie zu ihm.
Die Zinken seiner Gabel klapperten auf dem Porzellan, als er eine Muschelnudel von seinem Teller aufspießte. Die Frau hingegen stocherte in dem Essen – es war verbrannt und gummiartig. Schließlich nahm sie einen Bissen, konzentrierte sich ganz auf die gemütliche Atmosphäre der Küche und versuchte das widerliche Schmatzen ihres Gefährten zu ignorieren. Dabei dachte sie an die seltsamen Wege, die sie zu diesem Mann und in dieses Haus geführt hatten.
Ein Geräusch ließ sie beide erschrocken aufblicken.
Die Haustür wurde geöffnet und wieder zugeschlagen. Sie hörten besorgte Stimmen in der Diele, Fetzen einer hastigen Unterhaltung. Räder, die über den Holzboden rollten.
Sekunden später schwang die Küchentür auf, und eine sonnengebräunte Frau in heller Kleidung stand auf der Schwelle. Als sie aufschrie, drängte sich ein Mann an ihr vorbei und ließ den Griff seines Koffers los. Sein Gesicht unter dem stahlgrauen Haar war von einem schönen Bronzeton, auf Armen und Hals indes hatte er einen üblen Sonnenbrand.
Für einen Moment sahen die beiden ungleichen Paare einander sprachlos an, dann fragte der Mann an der Tür erbost: »Was bitte machen Sie in unserem Haus?«
Die Frau am Tisch überfiel eine furchtbare Traurigkeit. Sie erhob sich, schob ihren Stuhl so heftig zurück, dass die Stuhlbeine laut kreischend über die Fliesen schabten. Der Mann ließ seine Gabel klappernd auf den Teller fallen, und als er aufsprang, kippte sein Stuhl nach hinten. Die Sehnen an seinen Handgelenken zuckten angespannt.
Währenddessen dachte die Frau an dieses Haus, das der erlesene Geschmack, die Sorgfalt und die Liebe des Paares vor ihnen zu einem wunderschönen Heim gemacht hatte.
Tatia wünschte, es müsste nicht wieder so enden.
3
Über die Leiche zu steigen kam nicht infrage. Sie lag ausgestreckt im Flur, einen Arm über das Gesicht geworfen, den anderen zur Treppe ausgestreckt, wo die Fingerspitzen sich an die untere Stufe pressten wie die eines Schwimmers an den Beckenrand.
Simon Harrows rosa Hemd war über dem Bauch nach oben gerutscht, sein blutverkrusteter grauer Haarschopf klebte am Fliesenboden fest, während eines seiner Beine, offenbar gebrochen, mit der Ferse nach oben an der Wand lehnte. Zähne lagen verstreut wie Würfel herum.
Die Leiche verursachte einen Stau. Wenn die Polizei oder die Tatortermittler ins Esszimmer wollten, wo Melinda Harrow zusammengekrümmt unter dem Stutzflügel lag, mussten sie hinten herum durchs Wohnzimmer gehen.
»Ich will der Autopsie nicht vorgreifen«, sagte Detective Constable Millie Steiner. Die junge schwarze Beamtin trat zurück, um den Schürhaken zu betrachten, der voller Haare und Knorpelfragmente und überdies blutverschmiert zu Füßen des Opfers lag. »Aber ich tippe, dass sie damit erschlagen wurden.«
Eddie Upson zwinkerte. »Erstklassige Polizeiarbeit, Millie«, sagte er spöttisch und bekam postwendend ihren knochigen Ellbogen in die Rippen gerammt.
Währenddessen beugte sich Detective Inspector Ray Drake über die Leiche.
Die Haut an Harrows Bein war eingerissen, aufgeplatzt unter der Wucht des Schürhakens wie ein reifer, vom Baum gefallener Pfirsich. Muskeln und Sehnen quollen aus der Wunde, und ein leicht gebogener weißer Knochen war zu erkennen. Hämatome, verursacht von brutalen Tritten, verliefen im Zickzack am Wundrand.
»Der Mörder hat offenbar zunächst so heftig gegen das Schienbein getreten, dass er zu Boden geworfen wurde, und dann wie entfesselt mit dem Schürhaken zugeschlagen.«
Drake zog die Beine seines weißen Schutzanzugs hoch und hockte sich hin, um sich die gekrümmten Finger des Opfers und die Risswunden und Abschürfungen an den Armen und Schultern genauer anzusehen. Wahrscheinlich waren es Abwehrverletzungen, die Harrows sich zugezogen hatte, als er am Boden lag und sich zu schützen versuchte.
Millie beobachtete Drake aufmerksam. Sein strenges Gesicht mit den eingefallenen, zerfurchten Wangen, der geraden Nase, dem spitz zulaufenden Kinn und den blassblauen Augen, deren Farbe weiter zu verblassen schien, je länger man hinsah, faszinierte sie. Nicht dass Ray Drake jemals zulassen würde, dass man ihm lange in die Augen blickte.
Millie kam er immer wie ein reservierter Mann vor, der einen gesunden Abstand zu seinem Team wahrte.
»Die Kriminaltechniker sind ganz happy«, sagte sie. »Sie finden reichlich Fingerabdrücke im ganzen Haus, jede Menge forensische Beweise, und sie scheinen bei ihrer Tätigkeit sogar ihren Wortschatz zu erweitern. Total poetisch. Einer von ihnen sprach von einem Füllhorn an Beweisen.«
»Ich war mal in einem Restaurant, das so hieß«, warf Eddie ein. »War ein krass teurer Schuppen.«
»Und sie sagen, es gibt haufenweise Fußspuren«, fügte Millie hinzu, die es nicht wert fand, Eddies Einwurf zu kommentieren.
Ein schwacher Fußabdruck war es dann, der das beste Ergebnis erbrachte. Deutliche Fußspuren waren nämlich oft schwer zu lesen. Insbesondere blutige, denn die Feuchtigkeit lief ins Muster und vernichtete die Signatur, die sich durch Tragen und Abnutzung ergab. Jede Schuhsohle war anders, einzigartig, genauso wie jeder Fingerabdruck oder jeder Waffenlauf.
»Schön, Sie wieder dabeizuhaben, Boss«, sagte Millie.
»Danke.« Drake lächelte, ohne von Simon Harrows grausamen Verletzungen aufzublicken. »Das hier … ist nicht die klassische Vorgehensweise.«
»Nein«, stimmte die junge Beamtin ihm zu. »Nicht die klassische.«
Drake betrachtete das Baumwollhemd des Opfers, die Dreiviertelhose und die Segelschuhe, die jemand einfach in den Flur geworfen hatte. Er ging hinüber zu Melinda Harrows Leiche, die im Nebenzimmer nicht mal einen halben Meter vom Telefon entfernt lag. Wie ihr Mann war auch sie mit fast absoluter Sicherheit mit dem Schürhaken erschlagen worden, hatte mehrere tödliche Hiebe auf Kopf und Körper bekommen.
Melinda trug eine elegante Bluse und einen Seidenrock. Ein einzelner Espadrille hing von einem sonnengebräunten Fuß mit den himmelblau metallic lackierten Zehennägeln, die das Licht reflektierten, der andere war gegen ein Bein des Flügels gekickt worden.
In der Küchentür lag umgekippt ein Rollkoffer, an dessen Griff ein Gepäckanhänger hing. Ein weiterer, größerer Koffer aus demselben Set stand innen vor der Haustür zusammen mit Mrs. Harrows Hermès-Handtasche. In einem Seitenfach befanden sich zwei Reisepässe und zwei Boardingkarten.
Jeder von ihnen kannte das Gefühl der Erleichterung, aus einem Urlaub zurückzukehren. Verreisen war schön, doch nach Hause zu kommen barg eine besondere Freude. Wasser im eigenen Wasserkocher zu erhitzen, sich die Zähne am eigenen Waschbecken zu putzen. Sich unter eine frische Bettdecke zu legen, umgeben von geliebten Dingen, die man ein Leben lang angesammelt hatte. Stattdessen kamen die Harrows nach Hause, um sich unvermittelt einem Kampf auf Leben und Tod stellen zu müssen.
Einem Kampf, der katastrophal verlaufen war.
Auf dem Küchentisch standen zwei Teller mit Resten einer angebrannten Pasta. Oben brannte Licht. Ein Kleid war auf den Schlafzimmerfußboden geworfen worden. Ein Schmutzrand in der Badewanne und ein feuchtes Badelaken ließen vermuten, dass jemand das Bad benutzt hatte.
Jemand war hier gewesen, war eingedrungen ins gemütliche Heim der Harrows. Vielleicht jemand, den sie kannten, der auf das Haus aufpasste: Freunde, Nachbarn oder Bekannte von außerhalb, denen sie ihre Wohnung für die Dauer ihres Urlaubs überlassen hatten. Was allerdings nicht das aufgebrochene Fenster erklärte.
»Was wohl so ein Haus wert ist?«, rätselte Millie.
Bestimmt mehr, als sie sich vorzustellen vermochte. Immerhin handelte es sich um ein riesiges, viergeschossiges Gebäude mit sechs Schlafzimmern in einer begehrten Ecke von Tottenham. Und alles hier war vom Feinsten.
Eddie zerrte am Kragen seines Schutzanzugs. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Der Frühlingsmorgen erwärmte sich merklich. Zeit, dass die Leichen weggeschafft wurden.
»Garantiert einen Haufen Kohle«, meinte er, »selbst wenn die Gebote derzeit sekündlich weiter nach unten rauschen.«
»Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, Eddie«, mischte sich Drake ein. »Aber Ihre Sprüche haben mir gefehlt.«
Vergnügt zwinkerte Eddie seiner Kollegin zu.
Ein paar Officers standen an der Haustür und unterhielten sich lebhaft mit dem eintreffenden Pathologen über Rugby. Streifenwagen und Kleintransporter von Polizei und Kriminaltechnik parkten an der Straße. Eine kleine Frau drängte sich zwischen den Männern hindurch. Die Kapuze ihres Schutzanzugs erhob sich unnatürlich hoch über dem runden Gesicht, und ihre Schuhhüllen spannten sich straff über hochhackigen Stiefeln. Um ihren Hals baumelte ein Ausweis an einem Band. Sie war ganz auf ihr Handy konzentriert, tippte mit den Daumen darauf ein und bemerkte die Leiche in der Diele kaum, als sie nach oben ging.
»Wer ist das?«, fragte Drake.
An einem Tatort kamen und gingen eine Menge Leute, und wenngleich es nahezu unmöglich war, dass jemand unbemerkt zwei Absperrungen überwand, gefiel Drake die Vorstellung nicht, dass hier jemand herumwanderte, den er nicht einzuordnen wusste.
»Wer ist was?« Eddie blickte auf, doch die Frau war bereits weg.
»Egal.« Drake störte wie immer das laute Reden und das wiehernde Gelächter der Männer an der Tür. »Tun Sie mir einen Gefallen, Eddie, und sagen Sie den Leuten, sie sollen sich draußen unterhalten.«
»Wird gemacht, Chef.«
Der DI richtete sich aus seiner gebückten Haltung auf und bewegte seine verspannten Schultern. Die Wunde, die er sich vor Monaten zugezogen hatte, war verheilt, aber der Muskel verkrampfte sich nach wie vor sehr schnell.
»Wo ist DS Crowley?«, fragte er Millie.
»Im Garten.«
Tatsächlich. Durchs Küchenfenster sah er Flick Crowley draußen auf dem Rasen, wo sie mit einem Fahndungsberater sprach. Einen Moment lang beobachtete er sie, und seine Nervosität nahm zu. Als er sich wieder der Leiche zuwandte, trat DC Vix Moore neben ihn.
»Ich habe mit dem Taxifahrer gesprochen«, informierte sie ihn.
»Warten Sie, wir gehen woandershin, hier versteht man ja sein eigenes Wort nicht mehr.«
Seit Eddie sich zu den Constables an der Haustür gesellt hatte, war es noch lauter geworden als zuvor, weshalb Drake es vorzog, sich im Wohnzimmer mit Vix weiter zu unterhalten.
Ein weiterer, ebenso geschmackvoll wie teuer eingerichteter Raum. Abstrakte Gemälde, Originale natürlich, sorgten für Farbtupfer an den strahlend weißen Wänden. Ein anthrazitfarbenes Sofa und passende Sessel standen im rechten Winkel zum Kamin, und eine große Bogenstehlampe ragte weit ins Zimmer.
In der Mitte des Kaminsimses entdeckten sie eine gerahmte Fotografie von Simon und Melinda Harrow an einem weißen Sandstrand vor einem spektakulären Sonnenuntergang. Ein gut aussehendes Paar in den Fünfzigern, das entspannt und glücklich an einem Tisch am Rand der Wellen sitzt, die Füße umspielt von silbrigem Wasser, in den Händen Sektkelche. Simon, sonnengebräunt und durchtrainiert, präsentiert sich in Tenniskluft, Melinda trägt ein weit ausgeschnittenes, von Pailletten gesäumtes Top, die im roten Abendlicht funkeln. Zwischen den leicht geöffneten vollen Lippen blitzen weiße Zähne hervor.
Und jetzt lagen sie übel zugerichtet in ihrem wunderschönen Heim und würden nie mehr weiße Strände und rote Sonnenuntergänge sehen.
Der kostbare Teppich war ein Stück weit aufgerollt, damit die Kriminaltechniker Spuren sichern konnten: Abdrücke, Flüssigkeiten, Flecken. Schließlich lag nicht weit entfernt nebenan im Esszimmer Melinda Harrows Leiche.
»Also, ich habe mit dem Taxifahrer gesprochen«, wiederholte Vix. »Mr. und Mrs. Harrow sind exakt um 0 Uhr 45 in Gatwick in seinen Wagen gestiegen.«
»Waren sie allein?«, fragte Drake.
»Ja, sie haben mit ihm über ihren Urlaub geredet, das Essen und das Wetter.«
»Keiner von beiden hat irgendwo angerufen oder Textnachrichten geschrieben? Und niemanden erwähnt, der bei ihrer Ankunft bei ihnen zu Hause sein würde?«
»Sie waren müde, jedoch guter Dinge«, antwortete Vix. »Mr. Harrow erzählte dem Taxifahrer, dass sie nach Hause kommen mussten, weil es in seiner Firma ein Problem gab.«
»Haben Sie mit irgendwem telefoniert?«, hakte Drake nach und fügte, als Vix blinzelte, hinzu: »Sie haben nicht gefragt.«
Die junge Beamtin wurde rot. »Nein.«
Drake ging zurück in die Küche, wobei er achtgab, auf den durchsichtigen Trittfolien zu bleiben, die auf dem Boden ausgelegt waren. Mit Handschuhen angetan, zog er die Tür des Kühlschranks auf, einem riesigen Designermodell von Smeg im Retrolook. Kühle Luft blies ihm entgegen. Drinnen war so gut wie nichts. Die Harrows mussten alles leicht Verderbliche vor ihrer Reise weggeworfen haben. Im obersten Fach standen Gläser mit Pickles und Oliven, eine Butterdose, irgendwo lag eine einsame Knoblauchknolle. Eine Packung Milch, Eigenmarke Quartley’s Supermarket, war in einem Türfach vergessen worden und inzwischen geronnen, wie Drake feststellte, als er sie schüttelte.
»Ich habe die Kontaktdaten des Fahrers«, sagte Vix, die ihm gefolgt war. »Ich spreche noch mal mit ihm und überprüfe das wegen des Telefonierens.«
»Danke, den Rest gehen wir später durch.«
»Ja.« Die Spitzen ihres strengen blonden Bobs vibrierten wie die Fühler eines ängstlichen Insekts. »Ich bin so froh, dass Sie wieder da sind, Sir. Weil ich so viel von Ihnen lernen kann.«
Vergeblich wartete sie auf anerkennende Worte, denn Drakes Blick kehrte immer wieder zum Garten und zu Flick zurück.
Es tat gut, zurück bei der Arbeit zu sein und das zu machen, was er am besten konnte. Dies hier war sein Leben. Allerdings konnte ihm das jederzeit genommen werden. Nicht allein seine Karriere, alles. Seine Familie, sein guter Name, womöglich sogar seine Freiheit.
Es lag ganz bei Flick.
Ray Drake holte tief Luft und schickte sich an, nach draußen zu gehen.
4
Er stand neben einem Holztisch samt Stühlen inmitten zahlreicher Terrakottakübel, in denen Grünpflanzen und Blühendes wuchsen und in einem Kräuter. Die Sonne, die über dem Dach stand, warf lange Schatten auf den gepflegten, völlig unkrautfreien Rasen.
Die Harrows hätten heute Morgen hier sitzen und ihr Frühstück genießen sollen, gut erholt von einem sonnigen Urlaub, umgeben von duftenden Edelwicken und Magnolien, von Nelken und Sternblumen, dabei die Bienen beobachtend, die im violetten Lavendel summten. Stattdessen schwärmte ein Team Fahndungsberater der Police Search Advisor, kurz PolSa, im Garten aus und suchte nach Spuren, während die Kriminaltechniker das aufgebrochene Schloss des hohen Gartentors fotografierten.
Neben der Garage und dem Kühler eines silbernen Audi aus der Sechserreihe unterhielt sich DS Felicity Crowley, die jeder nur Flick nannte, mit einem uniformierten Officer.
»Haben wir etwas?«, fragte Drake.
Mit verschränkten Armen, als wäre ihr kalt, kam sie auf ihn zu und nickte zum Ende des Rasens. »Da sind ein paar Teilabdrücke in einem der Beete beim Tor.«
»Drinnen gibt es jede Menge Abdrücke, ich bin sicher, dass wir bald einen Verdächtigen haben. Können wir kurz unter vier Augen sprechen?«, erwiderte Drake und wandte sich dann an den Constable. »Würden Sie uns einen Moment entschuldigen?«
Widerwillig folgte Flick ihm unter eine Magnolie, deren kelchförmige weiße Blüten sich gen Himmel reckten. Drake, der sich sogleich zielstrebig in den Schatten der knorrigen Äste geflüchtet hatte, war bemüht, sich seine Nervosität nicht anmerken zu lassen.
»Wie fühlen Sie sich heute Morgen?«, erkundigte er sich.
Unwillkürlich wanderte Flicks Hand zu ihrer Taille, wo ihr vor Monaten ein Messer hineingestoßen worden war. Man hatte sie notoperiert, um die inneren Blutungen zu stillen, anschließend musste sie Wochen in der Reha verbringen. Ihre Wunde war verheilt, aber Drake wusste aus eigener Erfahrung, dass die psychischen Folgen des Angriffs noch nachwirkten.
»Gut«, antwortete sie. »Mir geht es gut.«
Während sie zu den PolSa-Beamten hinübersah, betrachtete Drake ihr Profil: das schmale Gesicht mit den auffallend hohen Wangenknochen, das braune Haar, das in letzter Zeit deutlich länger geworden war, der Pony, der ihr in die Mandelaugen fiel, und die breiten Schultern, die in einen hochgewachsenen, schlanken Körper mit schmalen Armen übergingen.
»Flick.« Da mehrere Polizisten in der Nähe waren, sprach Drake leise. »Wir hatten bislang kaum Gelegenheit zu reden, seit …«
5
Als er die Treppe hinaufstieg, versuchte Drake, sich auf den Tatort zu konzentrieren. Er blickte in das geräumige Bad, auf die Wanne, die gestern Abend benutzt worden war und die man wie die Wände mit Luminol abgesprüht hatte, ohne jedoch Blutspuren zu finden. Die Handtücher und der Inhalt des Schranks waren bereits eingetütet und ins Labor gebracht worden.
Im Erkerfenster des großen Schlafzimmers stand ein Schaukelpferd, das Drake blind anstarrte. Die schweren Vorhänge dahinter waren zugezogen. Ein Spurensicherer kniete vor einem Wandschrank und nahm Fingerabdrücke von den Schiebetüren.
Drake ging weiter nach oben zu einem Arbeitszimmer im Dachgeschoss. Das Gespräch mit Flick wollte ihm nicht aus dem Kopf, und er bemühte sich, dessen verheerende Bedeutung zu erfassen.
Er meinte, seinen Namen gehört zu haben, beugte sich über das Geländer: »Hallo?«
Der Spurensicherer kam aus dem Schlafzimmer. »Sir?«
»Haben Sie gerufen?«
»Nein, ich nicht«, antwortete der Mann und verschwand wieder.
An der Tür zum Dachboden stutzte er, bis ihm klar wurde, dass er den breiten Rücken der Frau vor sich hatte, die vor einer Weile ins Haus gekommen war. Immer noch wölbte sich die Kapuze ihres Schutzanzugs komisch um ihren Kopf, und immer noch wischte sie ständig mit den Fingern übers Display ihres Handys.
Im Gegensatz zu den durchgestylten Zimmern in den unteren Etagen wirkte der Raum unterm Dach eher chaotisch-gemütlich. Regale und Glasschränke waren mit Büchern über Kunst, Musik und Reisen gefüllt; ein Poster an der Wand unter einem Rosettenfenster warb für eine Opernaufführung in Berlin, Akten und Papiere stapelten sich auf einem kleinen Sofa oder lagen verstreut auf dem Fußboden. Zwei Schreibtische waren so zusammengeschoben, dass man sich beim Arbeiten gegenübersaß Auf dem einen stand ein MacBook, auf dem anderen ein Laptop.
»Sehen Sie sich das an«, sagte die Frau und blickte endlich auf.
»Ich kann nichts sehen«, erwiderte Drake.
Als sie ihm das Handy hinhielt, fielen Drake der schwarze Nagellack auf sowie ein verschnörkeltes Hennatattoo an ihrem Zeigefinger und die Tatsache, dass sie keine Handschuhe trug.
»Ich hoffe, dieses Telefon ist kein Beweisstück«, meinte er süffisant und deutete vielsagend auf ihre nackten Hände.
»Keine Sorge, das ist meins.« Sie zog das Band mit ihrem Ausweis aus dem Anzug. »Ich bin Grace Beer, Ihre Spezialistin für Digitale Forensik.«
Da die Menschen ihr Leben zunehmend online verbrachten, war es die Aufgabe der Digitalen Forensik, alle relevanten Daten aufzuspüren. Es würde nicht mehr lange dauern, erklärte man Drake ein ums andere Mal, bis alle Haushaltsgeräte und sämtliche Anschlüsse drahtlos miteinander kommunizieren könnten. Kühlschränke mit Toastern, Toaster mit Musikanlagen. Denkbar sogar, dass sich dereinst Wasserleitungen mit Sprinkleranlagen über das Wetter unterhalten würden. Alles ferngesteuert von einer App auf einem Tablet oder einem Smartphone. Und das bedeutete in letzter Konsequenz ebenfalls, dass Fachleute wie Grace Beer, die sich im Wirrwarr unzähliger digitaler Informationen zurechtfanden, bald an jedem Tatort den Vortritt haben könnten.
»Freut mich«, erwiderte Drake. »Und warum sehen wir uns Ihr Handy an?«
»Die Apps.«
Auf dem Display waren reihenweise Icons, und keines von denen ergab irgendwelchen Sinn für ihn.
»Das Ding mit dem kleinen Wikingerhelm?«, fragte er.
»Das ist ein Trash Metal Lyric Generator«, antwortete sie. »Das daneben.«
Drake sah ein Logo, das wie eine Antenne geformt war, umgeben von knisternden Klangwellen. Er erkannte es als das Markenzeichen eines großen Telefonanbieters wieder.
»Das wird Ihnen gefallen.« Sie hielt das Handy an ihre Schulter, stand da wie ein Technikguru vor einer Ansammlung von Jüngern.
»Also im Grunde haben viele öffentliche Orte, Cafés, Restaurants, Flughäfen, Büchereien und so, WLAN-Hotspots. Moment, Sie wissen, was das ist, oder?«
»Ja«, antwortete Drake geduldig. »Ich weiß, was ein WLAN-Hotspot ist.«
Sie zog ihre Kapuze ab und enthüllte ein riesiges Paar Kopfhörer, die über einer komplizierten Flechtfrisur klemmten. Ihre Ohrmuscheln waren mehrfach gepierct, im Nacken ragten tätowierte Engelsflügel bis in den Haaransatz, und ihre Augen waren extrem dunkel geschminkt. Dennoch sah Grace Beer in Drakes Augen nicht älter als zwölf aus.
»Es sind Stellen, an denen man sich ins Internet einloggen kann. Um sich in einen öffentlichen Hotspot zu wählen, muss man sich normalerweise von einer Website aus verbinden. Hat man hingegen eine spezielle App, kann man sich einfach so einloggen.« Sie tippte das Logo an, um es zu öffnen. »Dann passiert es automatisch. Das Telefon kommuniziert mit dem Hotspot und sagt« – hier ließ sie das Handy tanzen, als würde es sprechen –: »Ich bin hier, lassen Sie mich ins Internet, werter Herr. Und der Hotspot antwortet:
6
Rays Erfahrung nach zahlten sich Schüsse ins Blaue manchmal, allerdings wirklich bloß manchmal aus.
Dies war einer der Momente. Jemand hatte tatsächlich ein Smartphone mit ins Haus gebracht, das benutzt worden war, denn es hatte sich automatisch mit dem öffentlichen Teil des Routers verbunden. Eine offizielle Anfrage beim Serviceprovider ergab eine IP-Adresse und damit einen Namen und eine Adresse in East Finchley.
DI Drake wagte zu hoffen, dass sie schon bald jemanden wegen der Morde an Simon und Melinda Harrow verhaften und anklagen konnten. Das Handy gehörte einem Gareth Walker, dessen Daten in der Polizeidatei auftauchten, weil er vor Jahren wegen Störung der öffentlichen Ordnung bei einer Demonstration aktenkundig geworden war.
Sein Zuhause, in einer ruhigen Straße gelegen, wurde observiert, doch seit vierundzwanzig Stunden war dort niemand ein oder aus gegangen. Und weil rundum alles verrammelt war, ließ sich unmöglich sagen, ob sich in dem Gebäude jemand versteckte. Diskrete Nachfragen in der Straße ergaben, dass niemand viel über Walker zu sagen wusste.
Dafür jammerten die Nachbarn über eine zunehmende Isolierung. Vor wenigen Jahren habe es noch gemeinsame Aktivitäten gegeben: Straßenfeste, einen Buchclub und anderes mehr. Inzwischen sei das alles vorbei, jeder bleibe für sich. Oft würden die Besitzer nicht einmal mehr in den Häusern wohnen, viele Immobilien seien reine Anlageobjekte, die von Agenturen verwaltet würden, oder zu Firmenwohnungen umgewandelt worden. Außerdem gebe es eine Menge Leerstand.
Es blieb also nichts anderes übrig, als beim Amtsrichter eine Hausdurchsuchung zu beantragen – und da niemand abzusehen vermochte, was sie drinnen erwartete, wurde eine C020-Einheit angefordert, ein Sonderkommando der Met, spezialisiert auf potenzielle Gefahrensituationen. Drake und sein Ermittlerteam standen in der Einsatzzentrale hoch über dem Verkehrslärm der Tottenham High Road und beobachteten die Erstürmung des Hauses.
Für gewöhnlich war der Fernseher an der Wand stumm, der Ton wurde lediglich zugeschaltet, wenn es einen größeren Zwischenfall in der Hauptstadt gab. Heute hingegen sollte live von der Bodycam eines Sergeants aus dem Sonderkommando übertragen werden.
Erwartungsvoll rollte Drakes Team Stühle vor den noch schwarzen Bildschirm und wartete, wickelte Sandwiches aus oder trank Kaffee. Andere hockten auf dem Rand ihrer Schreibtische und spielten mit ihren Handys.
Der DI selbst war angespannt, nicht ganz bei der Sache, dachte nach wie vor daran, dass eine seiner engsten Mitarbeiterinnen sein Geheimnis, seine Tarnung auffliegen lassen wollte. Seine Zukunft hing an einem seidenen Faden. Er beobachtete Flick, die am anderen Ende des Raumes mit Millie telefonierte, die vor Ort war. Falls sie merkte, dass Drake zu ihr hinsah, ließ sie es sich nicht anmerken.
Ein Stoß ins Rückgrat riss ihn aus seinen Gedanken. Vix quetschte gerade süßlich lächelnd ihren Stuhl in die enge Lücke neben seinem. Eddie hockte auf seinem Schreibtisch und förderte irgendwas aus seiner Nase zutage.
DS Dudley Kendrick, einer der ältesten Mitarbeiter im Team, krabbelte auf dem Boden unter dem Fernseher herum, richtete eine verwirrende Anzahl von Fernbedienungen auf den Bildschirm und drückte scheinbar willkürlich Tasten. Nachdem er einigen Spott geerntet hatte, gelang es ihm schließlich, ein Bild zu kriegen.
Besser gesagt: eine Art Bild, unscharf und ohne Ton. Diffuse Bewegungen im dunklen, beengten Innern eines Polizeitransporters. Undeutliche Gestalten, die sich im Finstern bewegten, aufgenommen von der Schulterkamera des Mannes aus der Spezialeinheit. Drake sah flüchtig Beine und Taschen mit Ausrüstung sowie ein Daumen-hoch-Zeichen, als die Kamera über eine Reihe von Männern schwenkte.
»Haben wir keinen Ton?«
Dudley strich mit einem Finger über das Touchpad eines Laptops. »Ja, gleich, ich bin noch dabei.«
7
»Drei Tote in zwei verschiedenen Häusern.«
Drake nahm die Kappe seines Markers ab und schrieb einen weiteren Namen ans Whiteboard.
»Gareth Walker hat freiberuflich als Regisseur für Werbespots gearbeitet. Geschieden, allein lebend. Er ging morgens zu einer Arbeitsbesprechung, danach mit einem Schulfreund zum Mittagessen. Das war vor zehn Tagen, am Freitag. Die Überwachungskameras haben ihn an diversen Stellen eingefangen. Die Ergebnisse der Autopsie legen nahe, dass er Stunden später starb, wahrscheinlich am selben Abend. Totgeschlagen mit einem seiner eigenen Golfschläger.«
Drakes Ermittlerteam war in der Einsatzzentrale versammelt und versuchte sich über den Lärm der zwei Ventilatoren hinweg, die an beiden Enden des Raumes aufgestellt waren, zu konzentrieren. Die uralten Geräte ließen zwar die stickige Luft in dem viktorianischen Gebäude an heißen Tagen beinahe erträglich werden, machten es jedoch so gut wie unmöglich, zudem irgendetwas anderes zu hören. Ein ähnliches Problem bereiteten die Jalousien. Obwohl als Sonnenschutz durchaus nützlich, verursachten sie andererseits nervige Geräusche, weil sie ständig klappernd gegen die Fensterbänke schlugen.
Eddie kritzelte in seinem Notizblock. Millie machte sich Notizen, als hinge ihr Leben davon ab, nur ja jedes kleine Detail mitzuschreiben. Dudley hatte die Hände unterm Kinn gefaltet, wie üblich sprungbereit, um jeden Anruf entgegenzunehmen, der während der Besprechung einging.
»Es sind Nachrichten auf seiner Mailbox von Freunden, Kollegen und seiner Mutter, die in Derby wohnt. Insgesamt lebte Walker wohl sehr zurückgezogen. Meistens fuhr er freitagabends in ein Wochenendcottage in Norfolk. Dem Freund, mit dem er sich mittags zum Essen traf, hat er allerdings erzählt, dass er kommendes Wochenende zu Hause bleiben wollte.«
»Demnach wusste derjenige, der ihn umbrachte, nichts von seinen geänderten Plänen?«
»Dazu kommen wir noch. Zunächst mal zu unseren anderen Opfern, die über eine Woche später ermordet wurden.« Drake schrieb mit quietschendem Marker zwei weitere Namen ans Whiteboard. Simon und Melinda Harrow. Er trat zurück und setzte zu weiteren Erklärungen an. »Mr. Harrow leitete einen Thinktank von Wirtschaftsfachleuten, und Mrs. Harrow hatte sich ein Jahr Auszeit von ihrem Job im Marketing genommen, um ein Kinderbuch zu schreiben.«
»Ein Buch für junge Erwachsene«, korrigierte Millie Steiner ihn.
»Die meisten von uns haben das große Haus in Downhills Park gesehen, wo die Harrows lebten. Sie kamen früher als geplant aus dem Urlaub auf Mauritius zurück und fanden in den frühen Morgenstunden des Montags Fremde in ihrem Haus vor. Wir sind mittlerweile sicher, dass dort eingebrochen wurde. Wie Gareth Walker wurden sie mit Objekten, die vor Ort gefunden wurden, erschlagen. In ihrem Fall war es ein Schürhaken.«
Millie blickte von ihrem Notizblock auf. »Könnte es ein politisches Motiv geben?«
Drake tippte sich mit dem Marker ans Kinn. »Möglich wäre es, aber Simon Harrow war ein Politikexperte mit Mitte-links-Ausrichtung. Also nicht unbedingt ein Ziel für einen Terroristen oder Anarchisten.«
»Warum sind sie früher zurückgekommen?«, erkundigte sich Eddie.
Vix drehte sich auf ihrem Stuhl um. »Dem Taxifahrer haben sie erzählt, dass die Frist für das Einreichen eines Projekts, an dem Mr. Harrow arbeitete, nach vorn verschoben worden war.«
»Ein Golfschläger, ein Schürhaken, Behelfswaffen«, sagte Flick. »Gibt es sonst noch Übereinstimmungen zwischen den beiden Tatorten?«
»Keines der Häuser hatte eine Alarmanlage«, antwortete DC Moore.
»Und in keinem lebten Kinder«, fügte Kendrick hinzu.
»Wir wissen, dass es sich jemand im Haus der Harrows gemütlich gemacht hat. Wir haben Schamhaar in der Badewanne gefunden, Haare in einer Bürste, Speichel an Essensresten, Fuß- und Fingerabdrücke an Fenstern, Türen, Flaschen und Schränken, auf der Fernbedienung des Fernsehers und auf den Schminktiegeln.« Er hielt die Hände in die Höhe. »Und noch so ziemlich überall sonst. Die DNA-Ergebnisse sollten bald da sein.« Drake hielt inne und schaute in die Runde. »Hier wurde anders als im Walker-Haus nichts verwüstet. Dort wurde ja alles aus den Regalen gerissen, Schränke wurden umgekippt, der Fernseher und der Glastisch zerschmettert. Wir gehen die Zimmer noch gründlich durch, doch vermutlich lässt sich schwer sagen, ob jemand sich dort einige Zeit aufgehalten hat.«
»Falls Mr. Walker wider Erwarten zu Hause war, als die Einbrecher kamen, wäre es eine fiese Überraschung für sie gewesen.«
»Und wie sind sie reingekommen?«
»Nun, an dem betreffenden Freitag war es sonnig und warm, und es sieht aus, als hätte Walker zeitweilig draußen gesessen. Wir fanden ein Glas Wasser und ein Buch auf dem Gartentisch. Denkbar wäre, dass das Gartentor nicht verschlossen war. Außerdem ist es leicht zu übersteigen. Auf das Grundstück zu gelangen dürfte kein Problem gewesen sein. Und dann stand vielleicht die Hintertür offen oder irgendein Fenster.«
»Und warum haben unsere Eindringlinge sich dann die Mühe gemacht, das Haus hinterher zu verrammeln und alle Läden zu schließen?«, warf Millie ein und sprach damit den entscheidenden Punkt an.
Diese Einbrüche passten nicht ins gängige Muster, waren keine Gelegenheitstaten. Normalerweise drangen die Täter in die Häuser ein, schnappten sich so viel Kram wie möglich – leicht zu transportierende Gegenstände, die sich problemlos verkaufen ließen wie Schmuck oder elektronische Geräte – und verschwanden schnell wieder. Ganz anders bei diesen Fällen. Da war nicht einmal klar, ob überhaupt was gestohlen wurde.
»Wir sollten in den Polizeiakten abgleichen lassen, ob und wo es Einbrüche mit einer vergleichbaren Vorgehensweise gegeben hat. Bei denen nichts gestohlen wurde, obwohl wertvolle Dinge vorhanden waren. Oder bei denen im Haus ungewöhnliche Spuren zurückblieben: Essensreste eben, eine benutzte Badewanne, zerstörtes Mobiliar, so was eben. Wir suchen nach auffälligen Verhaltensmustern.«
»Aber warum bricht jemand ein und nimmt nichts mit?«, fragte Vix.
»Keines der Opfer wurde zu Hause vermutet«, erklärte Flick ihr. »Gareth Walker sollte an diesem Wochenende wie immer in Norfolk sein, und der Urlaub der Harrows war eigentlich noch nicht zu Ende. Mir kommt es vor, als wären diese Häuser unter diesem Aspekt ausgespäht worden.«
Dudley blickte von seinem Bildschirm auf. »Dann wurde das Haus also beobachtet.«
»Einbrüche, Diebstähle, die zu Morden führten.« Drake tippte sich mit dem Marker in die Handfläche. »Es wirkt wie das Ende von etwas, oder …«
»Oder was?«, hakte Millie nach, als er mitten im Satz abbrach.
»Oder es liegt eine Persönlichkeitsveränderung vor«, erwiderte er leise, »und die Sache ist eskaliert, total aus dem Ruder gelaufen.«
Auf einem leeren Schreibtisch klingelte ein Telefon. DS Kendrick schaltete den Anruf auf seinen Apparat weiter.
»Gibt es irgendwelche Verbindungen zwischen den Opfern?«, fragte Eddie.
»Unsere Freundin Grace geht ihre Social-Media-Kontakte und die Computerdateien durch, hat bisher allerdings wenig entdeckt. Die Harrows erscheinen auf Facebook im Zusammenhang mit einigen Businessevents, das war’s dann auch. Andere soziale Medien haben sie nicht genutzt, sondern weitgehend offline gelebt. Und sie verkehrten, soweit wir es sehen können, in vollkommen anderen Kreisen als unser drittes Opfer. Falls es dennoch eine Verbindung zwischen ihnen geben sollte, dann finden wir sie.« Er deutete pauschal mit der ausgestreckten Hand auf sein Team. »Ihr findet sie.«
»Was, wenn es keine Verbindung gibt?«, wandte Vix ein. »Was würde das bedeuten?«
Flick reagierte als Erste. »Es hieße, dass die Überfälle willkürlich erfolgten und es mehr geben könnte. Jederzeit, überall.«
8
Das immer gleiche alte Bild flimmerte durch Joels Kopf wie ein selbst gedrehter Film, den man im Wohnzimmer auf einem als Leinwand aufgehängten weißen Laken abspielte.
Eben war Will noch da, und im nächsten Moment war er fort.
Und dann wieder von vorne, als würde ein Schalter ständig an- und ausgeknipst …
Will kam und ging, war plötzlich da und einen Lidschlag später nicht mehr. Ließ die Grasbüschel zitternd auf dem Klippenrand zurück, den weißen Kreidefelsen, eine Armada von Wolken über der dünnen Linie, wo der Himmel aufs Meer traf.
Joels müder Körper schwankte kraftlos mit jedem Rütteln des Waggons hin und her. Erneut sah er Wills Schopf, sein blondes Haar, das der Wind zerzauste.
Eben stand er noch am Klippenrand und im nächsten Moment …
Fort.
Immer wieder. Den ganzen Tag. Die ganze Nacht.
Es war unmöglich zu sagen, wie viele Male Joel diesen Moment bereits durchlebt hatte. Hunderte, Tausende, Millionen Male und mehr. Er hatte sich in sein Denken eingegraben. War wie eine Doppelbelichtung, die sich über seinen Alltag schob, vierundzwanzig Stunden täglich.
Alle Einzelheiten – die Farbe, die Textur, die Dichte – waren außergewöhnlich klar, in High Definition sozusagen. Will indes, der Star des Films, war weniger greifbar. Er war nichts als ein Schatten, ein flackerndes Phantom, verschwunden in dem eben vergangenen Augenblick.
Der Zug verlangsamte sein Tempo, rollte jetzt ruhiger auf den Stahlgleisen. Joel achtete nicht auf die anderen Fahrgäste, sein Kopf sank erschöpft nach unten. Dann ein explosionsartiger Lärm, gefolgt von einer Durchsage des Zugführers, die von statischem Rauschen verzerrt wurde. Man konnte kaum verstehen, was er sagte.
»Meine Damen und He… aus…stei… Zug…tü…«
Bremsen kreischten, und ruckelnd kam der Zug zum Stehen. Joel richtete sich unsicher auf, stolperte und fiel gegen den Mann neben ihm.
Als die hydraulischen Türen sich seufzend öffneten, blinzelte Joel durchs Fenster zu dem Schild hinüber, um den Namen der Bahnstation zu entziffern. Er las ihn mehrmals, wobei er seine Lippen bewegte, die Wörter in Silben zerlegte und diese wieder zusammenfügte. Nur um ganz sicher zu sein, dass die Wörter auch wirklich zu ihm durchgedrungen waren und er wusste, wo er sich befand.
Caledonian Road.
Caledonian. Road.
Cal-e-do-ni-an. Road.
Der Bahnsteig, die vorbeieilenden Reisenden, alles verschwamm vor seinen Augen. Aus dem Lautsprecher ertönte eine Durchsage, ohne dass er die Wortfetzen zu einem sinnvollen Satz zusammenzufügen vermochte. In seinem Kopf bildeten sie ein einziges Durcheinander. Unverständlich, unbrauchbar. Andere Fahrgäste drängten sich an ihm vorbei in Richtung Tür, rempelten ihn an. Joel presste sich flach gegen die Glastür des Abteils.
Eben war Will noch da, und im nächsten Moment …
Eine Pfeife schrillte, die Türen schlossen sich zischend. Brummend wurde der Motor hochgefahren, der Waggon vibrierte, der Boden ächzte unter den Füßen. Joel wartete auf ein Fauchen, gefolgt von einem heftigen Ruck, und darauf, dass sich der Zug vom Bahnsteig löste, aber nichts geschah.
Joel! Im Hintergrund vernahm er eine dumpfe Stimme, sehr dumpf. Joel! Dann ein Klopfen.
Ein Mann berührte seine Schulter. »Jemand ruft nach Ihnen.«
Als Joel dem Blick des Mannes folgte, erspähte er eine Frau auf dem Bahnsteig, die vergeblich mit einer Hand auf den elektronischen Türöffner einschlug. Sie war sonnengebräunt und sah hübsch aus in dem hellen, weit ausgeschnittenen Sommerkleid. Eine Versace-Sonnenbrille steckte in ihrem langen braunen Haar.
»Joel!« Jetzt hämmerte sie gegen die Fensterscheibe. »Ich bin’s!«
Er starrte sie an, beobachtete, wie sie sich an einen uniformierten Bahnbeamten wandte und heftig gestikulierend auf ihn einredete. Offensichtlich bat sie ihn, die Tür noch einmal zu öffnen.
Der Mann schüttelte den Kopf, und im gleichen Moment rollte der Zug an. Die Frau lief auf dem Bahnsteig nebenher, wich hektisch anderen Passanten aus, an der Hand einen kleinen Jungen, der Mühe hatte, mit ihr Schritt zu halten.
»Ruf mich an!«, rief sie. »Ruf mich bitte an!«
Ein letztes Mal klatschte die Frau ihre Hand gegen das Fenster, dann blieb sie zurück, stand an der Bahnsteigkante, umklammerte die Hand des Jungen und schaute dem Zug nach.
»Sie schien Sie dringend sprechen zu wollen«, sagte der Mann neben ihm. »Wer war das?«
Joel überlegte kurz. »Ich habe keine Ahnung.«
Eben war Will noch da, und im nächsten Moment …
9
»Es gibt eine Verbindung zwischen den Harrows und Walker, irgendeine, die wir bisher nicht erkennen. Wir müssen sie nur finden.«
Während Drake sprach, lief eine Pressemitarbeiterin der Met hinten im Raum nervös auf und ab. Die Medien schossen sich allmählich auf die Morde ein. Noch war die Ermittlung im Frühstadium, sodass es kaum aktuelle Informationen gab, aber die Zeitungen spannen sich bereits die absurdesten Geschichten zusammen. Die Nachrichten, egal ob gedruckt, im Fernsehen, im Radio oder online, wimmelten nur so von Reizwörtern, mit denen die Öffentlichkeit in Angst versetzt wurde.
Die Opfer waren schließlich keine Leute, die in Problemvierteln oder in der Nähe sozialer Brennpunkte gewohnt hatten. Im Gegenteil: Walker gehörte zur gut etablierten Mittelschicht, die Harrows waren sogar eher in Richtung Oberschicht einzuordnen. Keiner von ihnen war, soweit erkennbar, in kriminelle oder illegale Machenschaften verwickelt – trotzdem waren sie brutal abgeschlachtet worden. Ausgerechnet an dem Ort, wo sie sich vermutlich am sichersten fühlten. In ihrem Zuhause, in einer vermeintlich anständigen Gegend, einer anständigen Nachbarschaft.
Niemand wusste, ob oder wann es wieder passierte. Und jeder könnte ein potenzielles Opfer sein.
Drake musste viel zu viel Zeit damit verbringen, die Erwartungen seiner Vorgesetzten zu drosseln oder mit aufgeregten Pressesprechern zu diskutieren, die alle nach raschen Ermittlungserfolgen schrien. Zeit, die ihm anderswo fehlte.
»Inzwischen wissen wir zumindest«, sagte er, das Gesicht zum Whiteboard gewandt, »dass Walkers Handy von seinen Mördern mit ins Haus der Harrows genommen wurde und so lange dort eingeschaltet war, dass wir es zurückverfolgen konnten. Ob es darüber hinaus eine Verbindung gibt, müssen wir noch herausfinden.«
»Warum sollten die das tun? Mit einem fremden Handy in einem Haus telefonieren, in das sie eingebrochen sind?«, fragte Eddie. »Das ergibt überhaupt keinen Sinn.«
»Den könnte es sehr wohl geben«, erwiderte Flick. »Gareth Walkers Leiche war zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht gefunden worden, er lag seit über einer Woche tot in seinem Haus. Vielleicht sollten wir durch das Handy auf ihn hingewiesen werden. Damit wir ihn finden.«
Drake nickte. »Wäre eine Möglichkeit.«
»Es kommt gleich jemand nach unten«, sagte Dudley Kendrick leise in ein Telefon.
Eddie reichte das als Erklärung für die Beweggründe der Mörder nicht. Er stemmte sich von seinem Stuhl hoch. »Und wieso sollten sie das tun, uns mit der Nase draufstoßen?«
»Entweder weil sie geschnappt werden wollen«, gab Drake lakonisch zurück. »Oder weil sie zu selbstsicher werden.«
Alle dachten einen Moment darüber nach, Schweigen senkte sich über den Raum, durchbrochen lediglich vom Surren der Ventilatoren und den Geräuschen, die von der High Road heraufdrangen.
Flick seufzte. »Na klasse.«
»Jetzt werfen wir mal nicht gleich das Handtuch. Immerhin haben wir jede Menge Spuren von den Tatorten.« Drake zählte es an seinen Fingern ab. »Fußspuren, Fingerabdrücke in beiden Häusern, reichlich DNA.«
»Ein wahres Füllhorn«, spottete Eddie.
»Die Forensiker sind überzeugt, dass sie einen Treffer landen, und sie wissen, dass dieser Fall absolute Priorität hat. Gehen wir an die Arbeit.«
Alle rollten ihre Stühle zurück an ihre Schreibtische – mit Ausnahme von Flick, die zur Tür eilte.
Als die Pressebeauftragte, eine rothaarige Frau namens Charlotte, zu einer Erklärung ansetzte, bedeutete Drake ihr, kurz zu warten, und folgte Flick, die gerade durch eine Brandschutztür entschwand. In seiner Hast stieß er dabei mit Marion Cresswell zusammen.
»Meine Güte!«, stieß sie hervor und ließ vor Schreck sämtliche Papiere fallen, die sie vor ihrer Brust gehalten hatte.
»Ich helfe Ihnen!« Drake bückte sich und sammelte alles wahllos auf, ohne auf die Reihenfolge zu achten. »Wie geht es übrigens Ihrem Sohn?«, erkundigte er sich beiläufig.
Die Personalabteilung des Metropolitan Police Service, der Met, in der Marion arbeitete, war seit Kurzem zentral in einem Gebäude am anderen Ende der Stadt untergebracht. Deshalb kam Marion nur noch ein paarmal im Monat nach Tottenham, und Drake begegnete ihr eher selten. Aber wenn, versäumte er es nie, nach ihrem Sohn zu fragen, den sie geradezu abgöttisch liebte.
Diesmal klang sie weniger begeistert als sonst. »Den müssten Sie sehen! Er ist inzwischen ein Hulk, ein Riesentrumm, und hat überall Flaum am Kinn«, sagte sie sichtlich unzufrieden. »Außerdem spricht er so wie diese dämliche Comicfigur. Ach, Inspector, mir fehlt mein kleiner Junge. Ich möchte meinen süßen Kleinen wiederhaben.«
Drake, der sich nie an den Namen ihres Sohnes erinnern konnte und nicht wusste, was er sagen sollte, reichte ihr wortlos die aufgesammelten Dokumente. Marion hingegen jammerte weiter.
»Er hat sich in einen mauligen Teenager verwandelt, der den ganzen Tag in seinem Zimmer hockt, Xbox spielt und weiß der Himmel was. Ich habe ihm einen Hund gekauft, einen ganz niedlichen kleinen, weil ich dachte, dann muss er wenigstens zweimal täglich vor die Tür. Tut er nicht, also bleibt alles an mir hängen. Na, zumindest liebt Bernie mich.«
»Bernie?«
»Der Hund. Bernie Battenberg«, erklärte sie. »Nach dem Kuchen, den ich am liebsten mag.« Als Drake das nicht kommentierte, fuhr sie fort: »Ist Ihre Beurteilung eigentlich bald fällig? Ich halte schon mal einen Termin für Sie frei.«
Augenzwinkernd verschwand sie in Richtung der Tür, durch die Flick gerade zurückkam.
»Haben Sie einen Moment?«, fragte Drake und bat sie in ein leeres Büro, sie folgte ihm widerwillig. Es war ein Konferenzraum mit einem großen Tisch und vielen Stühlen. Der DI hob eine Klappe am Boden an, um das Konferenztelefon, das in der Mitte des Tisches stand, auszustöpseln.
»Haben Sie sich entschieden?«
»Ja.« Flick verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich werde es ihr erzählen.«
»Verstehe.« Drake kam es vor, als würde in diesem Moment der Countdown für seine Zukunft gestartet. »Es wird für Sie ebenfalls nicht ohne Konsequenzen bleiben – immerhin haben Sie bei der Untersuchung gelogen. Wollen Sie wirklich Ihre Karriere wegwerfen?«
Ohne darauf zu antworten, wandte sie sich der Tür zu. »Ich gehe jetzt.«
»Flick.« Er wollte ihren Arm berühren, doch sie zuckte zurück.
»Ich habe gesehen, was Sie getan haben.« Plötzlich blitzte Wut in ihren Augen auf. »Ich habe es gesehen!«
Sein Freund aus Kindertagen, der an seinem eigenen Blut erstickte.
Elliot Juniper wäre so oder so gestorben. Er hätte wahrscheinlich höchstens ein paar Minuten länger gelebt, obwohl der Krankenwagen bereits unterwegs gewesen war. Dennoch hatte Drake nicht darauf gewartet. Er war in seinem Leben so weit gekommen, und Elliot wollte, wie Flick jetzt, auspacken und die Wahrheit über die Vergangenheit, über ihre gemeinsame Geschichte sagen.
Die Augen, rot von geplatzten Gefäßen, die ihn schockiert anblickten.
Das konnte Drake einfach nicht riskieren, dass sein Geheimnis am Ende noch gelüftet wurde, und während Flick scheinbar bewusstlos dalag, tötete er den Mann, der ihn als Connor Laird kannte.
Die Augen weit aufgerissen vor Angst, die Hände, die schwach nach einem Ärmel griffen.
Erst als Elliot tot vor ihm lag, bemerkte Drake, dass Flicks Augen geöffnet waren und ihn ungläubig anstarrten.
Sirenen in der Ferne.
Jetzt konnte er sich nirgends mehr verstecken. Sie kannte seine Vergangenheit. Und falls sie außerdem gesehen hatte, wie er Elliot umbrachte, war es vorbei. Vielleicht blieben ihm noch ein paar Tage oder Wochen, spätestens dann würde sein altes Leben durch ein Klopfen an der Bürotür oder einen Besuch bei ihm zu Hause beendet.
Die interne Ermittlung würde ihre Arbeit aufnehmen und seine bisherige Existenz auslöschen. Alles, was er sich mühsam aufgebaut hatte, wäre zerstört. Er dachte an die Folgen, die es für seine Tochter April haben würde und für Myra, die Frau, die ihm vor vielen Jahren ein neues Leben geschenkt hatte.
»Erzählen Sie mir, wie Elliot gestorben ist«, forderte Flick ihn auf.
»Sie waren bewusstlos, Ihr Gedächtnis spielt Ihnen einen Streich, täuscht Ihnen falsche Erinnerungen vor«, wand er sich.
»Sagen Sie mir einfach, dass Sie ihn nicht umgebracht haben.«
Es sollte das Simpelste überhaupt sein, sie zu belügen. Schließlich lebte er seit Jahrzehnten mit einer Lüge. Mehr noch: Sein Leben selbst war eine einzige gelebte Lüge. Aber er konnte nicht Nein sagen, brachte das Wort nicht über die Lippen.
Eine Weile maßen sie einander mit Blicken, dann riss Flick die Tür auf. »Ich gehe lieber zurück.«
Zitternd strich Drake über die braune Krawatte, die ihm einst seine verstorbene Frau geschenkt hatte.
Ray, sagte eine Stimme. Was machen wir bloß mit dir?
Voller Panik wagte er nicht in die Richtung zu schauen, aus der die Stimme an sein Ohr zu dringen schien. Stattdessen folgte er Flick hinaus auf den Korridor, wo er sie mit Dudley zusammenstehen sah.
»DI Drake, ich habe einen Anruf für Sie entgegengenommen«, sagte Kendrick. »Unten sind zwei Herren, die angeblich Informationen haben.«
»Nehmen Sie bitte deren Aussagen auf, Dudley.« Sein Herz pochte, er wollte weg. »Ich muss mit dieser Pressesprecherin reden.«
Der altgediente Detective Sergeant musterte ihn verwundert. »Ich dachte, Sie würden es sich nicht nehmen lassen, selbst mit denen zu sprechen. Offenbar geht es darum, dass sie mitten in der Nacht Leute in ihrem Haus entdeckt haben.«
10
Unangerührte Plastikbecher mit Tee standen auf dem Tisch vor Douglas Mortimer und Bailey Waghorn, die geduldig warteten, bis Drake und Flick sich gesetzt hatten.
Beide sahen aus wie zwei in die Jahre gekommene Matineestars, die sich sichtlich um ein distinguiertes Auftreten bemühten.
Was sie indes gewissermaßen selbst zunichtemachten.
Douglas’ Haar war geradezu irritierend schwarz gefärbt, was weder würdevoll noch altersgemäß wirkte. Er trug ein Halstuch mit Paisleymuster und drehte eine flache Kappe zwischen seinen Fingern. Gegen ihn wirkte Bailey ausgesprochen farbenfroh. Er hatte eine leuchtend gelbe Krawatte umgebunden, die über einem heftig gemusterten Hemd baumelte, dessen Kragen hochgeklappt war und die schlaffen Hautlappen unter dem Kinn stützte. Dazu trug er eine gewagt senfgelbe Weste.
Allein beim Anblick der beiden wurde Drake entsetzlich heiß.
Mr. Mortimer, der Pechschwarze, eröffnete das Gespräch. »Verzeihen Sie, dass wir Sie stören.«
»Nicht doch«, beeilte sich Drake zu versichern. »Wir danken Ihnen, dass Sie hergekommen sind.«
»Es war schwierig für uns«, fuhr Douglas fort. »Sie müssen wissen, dass wir damals nichts gemeldet haben, was im Nachhinein betrachtet vielleicht ein Fehler war.« Er sah Bailey an, der blicklos über Flicks und Drakes Schultern starrte. »Das erkannten wir, als wir von den Morden an diesen armen Menschen erfuhren.«
»Wie wäre es, wenn Sie uns erzählen, was genau geschehen ist?«, warf Flick ein.
»Nun ja, wir wollten seinerzeit kein Aufsehen«, druckste Douglas herum. »Wissen Sie, meinem Mann geht es nicht sehr gut.«
»Reden wir nicht um den heißen Brei herum.« Zum ersten Mal meldete sich Mr. Waghorn, der Papageienbunte, mit einem erstaunlich vollen Bariton zu Wort. »Ich habe Demenz im Frühstadium.«
»Ihm fällt es gelegentlich schwer, sich an Einzelheiten zu erinnern«, fügte Douglas hinzu.
Bailey war verärgert über seinen Lebensgefährten. »Ich habe mir das nicht ausgedacht …«
Douglas tätschelte seine Hand. »Das weiß ich doch.«
»Könnten Sie uns bitte genau erzählen, was passiert ist und was Sie gesehen haben?«, drängte Flick erneut.
»Ich fand Leute bei uns im Haus vor«, antwortete Bailey. »Das war … im November.«
»Mein Mann ist manchmal desorientiert. Steht etwa nachts auf, um pinkeln zu gehen, und vergisst, wo er ist. Und es kam bereits häufiger vor, dass er aus dem Haus gewandert ist und die Tür offen ließ – deshalb war es uns peinlich, die Sache zu melden«, erklärte Douglas.
»Demnach vermuten Sie also, dass Sie die Leute unwissentlich ins Haus gelassen haben?«
»Nein.« Bailey schüttelte den Kopf. »Ich weiß, dass ich das nicht habe.«
»Immerhin wäre es möglich«, widersprach Douglas.
»Auf keinen Fall«, beharrte Bailey.
»Lassen wir das«, schlug Drake vor. »Berichten Sie stattdessen, was Sie beobachtet oder bemerkt haben, und nehmen Sie sich ruhig Zeit.«
»Ich kann Ihnen genau sagen, was damals geschah.« Bailey klopfte energisch mit den Fingerknöcheln auf den Tisch. »Selbst wenn ich manchmal beim Erzählen ein bisschen durcheinanderkomme.«
»Bailey war Schauspieler«, mischte Douglas sich erneut ein. »Überwiegend stand er auf der Bühne, hatte aber daneben mehrere Auftritte im Fernsehen. Früher lernte er seine Texte beinahe im Schlaf, deshalb deprimiert ihn sein Zustand so.«
»Soll ich jetzt erzählen, was passiert ist, oder nicht?« Bailey wurde sichtlich ungeduldig. »Wie Douglas schon erwähnte, stehe ich nachts oft auf und wandere herum. Normalerweise bringt er mich dann zurück ins Bett.«
»An jenem Abend allerdings«, schaltete sich Douglas ein, »waren wir auf einer Party, und ich hatte mehr getrunken als sonst …«
»Ich muss wohl, statt zurück ins Bett zu gehen, nach unten gegangen sein und sah, dass im Wohnzimmer Licht brannte. Und … da waren Leute. Ein Mann saß in meinem Lieblingssessel.« Bailey wies zu einem Stuhl an der Wand, als säße dort ein Fremder. »Und eine Frau war bei ihm.«
»Eine Frau?« Flick beugte sich vor. »Und dann?«
»Ja, das war äußerst erstaunlich.« Baileys Augen blitzten. »Wir haben getanzt.«
»Tut mir leid.« Verwirrt blickte er sich um. Der Raum war ihm vertraut, schrecklich vertraut. Und da war sein Sessel, der, in dem der Mann gesessen hatte, da war er sich sicher. Dort waren einige Sachen, die er erkannte. Das Sideboard, das seine Mutter ihm vererbt hatte, und der Tisch mit dem Puzzle darauf. Diese höllischen Puzzles – Douglas bestand darauf, dass sie gut fürs Gehirn seien. Bailey wurde das schreckliche Gefühl nicht los, dass er in das falsche Zimmer gegangen war, ins falsche Haus – es wäre schließlich nicht das erste Mal. Es musste falsch sein, denn diese Leute durften nicht hier sein.
»Kann ich Ihnen helfen, Sir?«, fragte die Frau.
Bailey zog den Gürtel seines Morgenmantels enger. »Verzeihen Sie, ich …«
Das war sein Sessel, eindeutig. Er erkannte es an den Flecken auf der Armlehne. Doch die Art, wie der Mann ihn beäugte, war Furcht einflößend. Die tiefen Schatten im Zimmer verliehen ihm beinahe etwas Teuflisches. Bailey hatte das schreckliche Gefühl, irgendwie zu stören.
»Meine Güte.« Plötzlich lachte er. »Selena, bist du das?«
Er konnte nicht glauben, dass er nach all den Jahren seine verlorene Liebe wiedersah, und fühlte, wie ihm ganz warm ums Herz wurde.
»Mein Liebling.« Er trat vor, vergaß den unangenehmen Mann und nahm Selenas weiche Hände in seine. »Wo warst du?«
»Was ist denn mit dem los?«, fragte der Mann leise und nervös. »Warum redet der so?«
Sie neigte ihren Kopf zur Seite. »Wer bin ich, Sir?«
»Na, Selena, du Dummchen«, sagte Bailey.
»Ja.« Die Frau hob einen Finger an ihre Lippen, damit der Mann im Sessel still war. »Die bin ich. Ja, ich bin Selena.«
»Dabei dachte ich, du …« Frustriert hielt Bailey inne, weil er sich nicht erinnerte. »Wie lange ist es her?«
»Lange, Sir.« Sie nahm seine Hände. »Und ich habe Sie vermisst, Mr. …«
»Ich bin’s, Bailey! Ich wage es kaum zu glauben. Douglas wird dich begrüßen wollen.« Er drehte sich zur Tür. »Eben war er noch … Er war noch … irgendwo hier.«
»Oh, sicher ist er gleich zurück«, beruhigte ihn die Frau. Da war eine komische Betonung, die Bailey nicht recht zuordnen konnte.
»Er hat uns gesehen«, flüsterte der Mann angstvoll. »Er weiß, wie wir aussehen.«
»Nein, er ist vollkommen harmlos. Es ist schön, Sie wiederzusehen, Bailey.« Selena lächelte.
Er erinnerte sich gut, wie das Lächeln ihr Gesicht zum Strahlen brachte. Natürlich, als die Dinge … schwierig wurden, als diese Kälte zwischen ihnen entstanden war, hatte sie nicht mehr so viel gelächelt.
»Und wer ist das?«
Wenn der Mann mit Selena hier war, musste er eine Seele von Mensch sein, dennoch hätte Bailey gut auf ihn verzichten können.
»O Gott.« Im Dämmerlicht glänzten Tränen in den Augen des Mannes. »Jetzt ist alles ruiniert.«
»Was ist mit ihm?«, fragte Bailey leise. »Warum ist er so … traurig?«
»Es ist spät«, sagte sie. »Und er ist müde, dann wird er – wie sagt man gleich?«
»Unleidlich. So geht es mir, wenn ich schlecht schlafe.«
»Er hat uns gesehen.« Der Mann packte die Sessellehnen, und Bailey sah, wie seine Fingerknöchel weiß wurden. »Er weiß, wie wir aussehen.«
Die Frau berührte Baileys Wange. »Ihm geht es nicht gut. Er ist verwirrt.«
»Bin ich?« Bailey wollte Selena nach etwas fragen, das Jahre zuvor mit ihr geschehen war, nach irgendetwas, aber der Gedanke schwirrte sofort wieder aus seinem Kopf wie ein Vogel aus einem offenen Käfig. Egal. Hauptsache, dass sie jetzt hier war. »Tanzt du noch, Selena?«, erkundigte er sich stattdessen.
»Oh.« Selena hob den Saum eines imaginären Abendkleids und knickste. »Es ist mir nach wie vor das Liebste. Möchten Sie tanzen, Sir?«
»Es ist lange her, ich weiß nicht, ob ich es nicht vergessen habe.«
Bailey blickte auf seine fadenscheinigen Hausschuhe. Als er jünger war, hatten die jungen Damen und selbst viele Männer verzückt zugeschaut, wenn er elegant im Ballsaal übers Parkett schwebte. Damals, als seine Beine noch kräftig waren und sein Verstand noch stark, machte es ihm nichts aus, die ganze Nacht durchzutanzen. Die ganze Nacht!
»Zeigen Sie es mir«, flüsterte sie. »Zeigen Sie mir, was für ein guter Tänzer Sie sind.«
Und als Bailey sich erneut umschaute, waren sie zu seiner Verblüffung wieder im Locarno, diesem romantischen und schillernden Ort, der ihm so lieb und teuer war, wo sie in jener fernen Zeit im Scheinwerferlicht über die Tanzfläche geglitten waren. Er sah die Paare an sich vorbeiwirbeln, roch Parfüm und Eau de Cologne, hörte das Orchester spielen. Seltsam, dass er das alles vorher nicht bemerkt hatte. Jetzt führte er Selena langsam und zögerlich auf die Tanzfläche.
»Tut mir leid!«, rief er über den Lärm hinweg, und sie sagte ihm, dass er nicht rufen müsse, weil sie ihn sehr gut verstehe.
Selena sah so gesund und glücklich aus wie damals, als sie jung und unbekümmert waren, und er wollte sie auf keinen Fall enttäuschen. Im Stillen verfluchte er seine alten Beine und das gestörte Gleichgewicht, schämte sich für seinen Morgenmantel und die Hausschuhe. Einst war er im Ballsaal für seine flinken Füße bewundert worden, nun hatte er zu kämpfen, sich bloß an die einfachsten Schrittfolgen zu erinnern.
Ach, es ging nichts über ein echtes Orchester! Der Dirigent schwang seinen Stab, die Bläser traten geschlossen vor, und der Schlagzeuger hielt mühelos den Rhythmus. Bailey genoss es.
»Es tut so gut, dich wiederzusehen, Selena«, sagte er, während sie sich steif drehten. »Wie lange ist das her!«
»Lange, doch ich erinnere mich, dass Sie immer ein wunderbarer Tänzer gewesen sind.«
»Du hast mir so gefehlt.«
Er fragte sich abermals, wo Douglas sein mochte. Bestimmt wäre er entzückt, Selena nach all den Jahren wiederzusehen, trotz allem, was vorgefallen war. Bailey hatte so viele Fragen – zu dem Unfall beispielsweise, aber er musste sich auf seine Füße konzentrieren, war sich bewusst, dass ihn die Damen und Herren von der Galerie aus beobachteten.
»Die Kinder vermissen dich«, erzählte er ihr jetzt. »Wir sehen sie nicht oft, weil sie inzwischen unten in Devon leben. Und sie haben bereits selbst Kinder. Wir sind Großeltern, Selena, stell dir das vor!«
»Das freut mich sehr.«
Bailey war erleichtert, als die Musik endete, denn er war erschöpft. Selena trat zurück, und das weiche Licht fiel auf ihr Gesicht und ihr Kleid.
»Du hast einen alten Mann sehr glücklich gemacht.« Sein Hals brannte vor Gefühlen. »Nie hatte ich zu hoffen gewagt, dass wir uns noch einmal begegnen würden.«
Als sie ihm einen Kuss auf die Wange gab, sah er, wie der Mann im Sessel das Gesicht verzog. Bailey hatte fast vergessen, dass er da war.
»Warum hast du das getan?«, fragte der Mann. »Warum hast du ihn geküsst?«
»Wer ist dieser Bursche? Er sieht …« Baileys Glücksgefühle schwanden zusammen mit den wirbelnden Lichtern. »Er sieht irgendwie … aufgebracht aus.«
»Er ist eifersüchtig, weil ich mit solch einem gut aussehenden Mann tanze.«
»Ach, ich fürchte, mein Aussehen ist auch dahin.« Bailey schüttelte betrübt den Kopf. »Früher, ja, da war ich ein fescher Bursche … Weißt du, das Alter ist etwas Fürchterliches.«
»Sie sind sehr distinguiert, Sir. Und ich habe Glück, dass ich mit Ihnen tanzen durfte.«
Als von oben ein Geräusch zu hören war, sprang der Mann aus dem Sessel auf.
»Das ist Douglas«, sagte Bailey.
»Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, Sir.«
»Bleibst du noch auf einen Tanz?«
»Das wird nicht möglich sein«, antwortete Selena.
