Ich schlage vor, dass wir uns küssen - Rayk Wieland - E-Book

Ich schlage vor, dass wir uns küssen E-Book

Rayk Wieland

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Beschreibung

Herr W. hat eines Tages eine ominöse Einladung in der Post: Auf einer Podiumsdiskussion unbekannter Untergrunddichter soll er Auskunft geben über sein Werk, über die Unterdrückung in der DDR und über seine Erlebnisse als Staatsfeind. Zuerst glaubt er an einen schlechten Scherz. Ist er überhaupt gemeint? Mit der DDR hat er doch längst abgeschlossen, nachdem sie 1989 wie ein falsch montiertes Chemieklo zusammenklappte. War er je als Dichter auffällig geworden? Als unterdrückter gar? W. stellt Nachforschungen an, unterzieht sich bei der Psychologin Tyna Novelli einer Rückführungstherapie in die DDR-Vergangenheit und nimmt schließlich Einsicht in seine Stasi-Akte. Was für ein Fund: Tatsächlich sind hier seine lyrischen Gehversuche unter dem Titel »Mögliche Exekution des Konjunktivs« abgeheftet, dazu sämtliche Liebesbriefe an Liane in München – alles von einem Oberleutnant Schnatz über Jahre akribisch gegengelesen, verwegen gedeutet und als staatszersetzend-konterrevolutionäres Schrifttum eingestuft. »Ich schlage vor, dass wir uns küssen« ist ein Roman über die Absurditäten der Erinnerung, auch der eigenen, über rätselhafte Wirkungen unbeholfener Gedichte und über eine Liebe, wie sie nur in Zeiten der deutschen Teilung blühen konnte. Ein Buch über die Mauer, die es nie gab. Eine wahre Geschichte, die niemand für möglich gehalten hat. Nicht einmal ihr Verfasser.

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Seitenzahl: 223

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Rayk Wieland

ICH SCHLAGE VOR,DASS WIR UNS KÜSSEN

Roman

Verlag Antje Kunstmann

Meiner immer noch und immer wieder stark und sehnsüchtig vermißten Liane, die nicht weiß, wie oft ich an die Zeiten denke, als ein einziges Haar von ihr alles für mich war, als wir im Aleutengraben festsaßen, ohne es zu wollen, und, ohne es zu wissen, am Strand von Samos standen, in Liebe gewidmet.

»Als er erwachte, war der Dinosaurier immer noch da.«

AUGUSTO MONTERROSO

1

ESWARIM JAHR 1988, da hatte mein Freund Bert den perfekten Plan, die DDR zu verlassen. Ausgerüstet allein mit seinem grünen Sozialversicherungsausweis, wollte er am Silvestertag sich über die VR Polen und die UdSSR nach Nordkorea durchschlagen und anschließend irgendwie nach Südkorea weiterziehen. Ein unmöglicherer Weg war schwer denkbar, aber er argumentierte, gerade weil diese Idee so phantastisch, so absurd sei, werde niemand daran Anstoß nehmen. Ja, die Grenzer in Wladiwostok würden zwischen einem Arztstempel und einem Nordkorea-Visum nicht zu unterscheiden wissen. Schon kurz hinter Moskau war er allerdings der einzige Ausländer weit und breit, der sich wunderte, wie reibungslos alles lief. Er kam bis zum Zug, der von Wladiwostok Richtung China fuhr. Es war eine Lokomotive mit einem einzigen Wagen, darin ein einziger Fahrgast, er. Als er seinen Sozialversicherungsausweis zeigte, klickten die Handschellen, und es ging zurück nach Berlin. Ins Gefängnis Hohenschönhausen. Kurze Zeit später bekam ich eine Vorladung zur Stasivernehmung.

Die Staatssicherheit hatte in jenen Jahren nicht mehr den Ruf eines strammen, unnachgiebigen Repressionskommandos sibirischer Bauart. Eher glich sie einem in die Jahre gekommenen, leicht verschatteten, mehr oder weniger hilflos herumstolpernden Behörden-Monstrum. Der Kundschafter- und Spionage-Charme, wenn sie den jemals besessen hatte, war längst verschollen. Zwar lag die Vorladung nicht einfach im Briefkasten, doch es waren auch keine Agenten in Kunstleder-Trenchcoats aus Torbögen getreten, um mich in ein Auto mit laufendem Motor zu verfrachten. Es ging den üblichen öden, grauen Dienstweg, eine Art stille sozialistische Post, wobei die Botschaft nie verfälscht, unterwegs aber immer wichtiger und dramatischer wurde. Ein Oberst telefonierte mit einem Parteikader, der wieder mit einem anderen, der sprach mit der Leitung, die informierte dann das Sekretariat, das stellte weiter zum Chef. Irgendwann schließlich gelangten sie in der sich hin- und herwindenden Befehlskette bis an die Universität, wo ich damals studierte, ich mußte zum Direktor, und der sagte mir in einem Ernst, der auch bei der Übermittlung einer Todesnachricht nicht unterdosiert gewesen wäre, daß es da einen Termin gebe, der mich betreffe, heute, 15 Uhr, er würde mir empfehlen – es sei ziemlich dringend, warum, wisse er nicht, dürfe er im übrigen auch nicht wissen, ich müsse verstehen –, also, ja, hinzugehen.

Bevor ich mich in der Magdalenenstraße einfand, ging ich noch einmal schnell in meine Wohnung, um dort ein kleines Expreß-Autodafé abzuhalten. Papier, stellte sich heraus, brennt nicht ohne weiteres, zumal der Ofen nicht an den Kamin angeschlossen war und bloß zu Dekorationszwecken in der Ecke herumstand. Wo früher ein Rohr zum Schornstein geführt hatte, befand sich ein schwarzes Loch. Mein Œuvre, wenn eine fern jeder Ambition im Lauf der Jahre angewachsene Zettelsammlung mit Gelegenheitsgedichten so genannt werden kann, erzeugte einen irren Qualm, der direkt ins Zimmer geleitet wurde und im Nu alles verpestete. Ich sah fast nichts mehr und rang wie in einer turbulenten Stummfilmszene mit dem Erstickungstod, bis es mir gelang, das Fenster zu öffnen. Die Schwaden stießen ins Freie, und ich bekam etwas Luft.

Ein paar Leute hatten sich unten versammelt und schauten herauf.

»Bei dir, da brennt’s!« rief einer.

»Ich weiß«, sagte ich.

Es entstand eine kleine Pause.

»Es brennt!« wiederholte der Mann und zeigte mit dem Finger in meine Richtung.

»Ja, der Ofen«, erklärte ich, »er zieht nicht richtig.«

Die Schaulustigen schwiegen ernüchtert und blieben stehen, die Köpfe nach oben gereckt, ein kleiner Halbkreis unter meinem Fenster, während hinter mir weißer Rauch in den Himmel stieg.

Nach einer Weile beruhigte sich der Zimmerschlot, der Qualm zog ab, und ich konnte den Fensterposten verlassen, um die Lage zu begutachten. Im Ofen lag ein Haufen weißgrauer Asche, dazwischen halb verkohlte Seiten, die langsam vor sich hin glommen. Ein paar Buchstaben und amputierte Wortteile zündelten noch eine Weile vor sich hin. Das Deckblatt der Mappe hatte sich in der Hitze zusammengekrümmt und wollte nicht verbrennen. Der Schriftzug war noch gut lesbar. Er lautete: »Mögliche Exekution des Konjunktivs«.

In der Magdalenenstraße, dem Stasi-Hauptquartier, gab es vor allem Türen, Türen vor Türen und Türen hinter Türen, Türen um Türen herum, einzig aus dem Grund, daß nie jemand jemanden sehen oder, wie es im Geheimdienst-Jargon hieß, dekonspirieren konnte. Die Flure waren hier alle paar Meter mit Türen und Doppeltüren regelrecht gesprenkelt. So viele Türen hatte kein anderes Haus der Welt. Gut möglich, daß es der exorbitante Türenbedarf der Stasi war, der die DDR zugrunde richtete.

Durch ein ausgeklügeltes System durfte nur eine Person im Abschnitt einer Tür sein, so daß man zwischen den Türen wartete, bis andere Türen sich geöffnet oder geschlossen hatten. Nicht auszudenken, wie früh ein Stasi-Mitarbeiter aufbrechen mußte, wenn er sich zur Notdurft auf den Weg machte, denn er hatte Hunderte von Türen zu öffnen und zu schließen.

Der Stasimann in Zivil, der mich am Eingang des in sich kolossal verbauten, verschachtelten Neubaukomplexes an der Magdalenenstraße in Empfang genommen hatte, nannte sich Schnatz, Oberleutnant Schnatz. Keine Ahnung, ob er wirklich so hieß oder Schnatz nur einer von fünfzig Tarnnamen war, die er in der Identitäts-Garage hatte. Er war, schätzte ich, um die vierzig, groß, sportlich und flink und trug einen Ring von kurz geschorenem Haar unter der Halbglatze. Er arbeitete sich mit mir durch den Parcours. Wenn wir eine Schwelle überschritten hatten, schloß er zunächst, um mich herumgreifend, die Tür hinter uns, drehte sich wieder nach vorn, öffnete die andere Tür einen Spalt, schob den Kopf hindurch, um zu sehen, ob irgendwelche Personen im nächsten Bereich waren, schob die Tür dann ganz auf und bedeutete mir zu folgen. Nicht sehen und nicht gesehen werden war hier die Devise. Nach einer beachtlichen Strecke und mehrfachem Wechseln der Spur bei Doppel- und Dreifachtüren-Knotenpunkten erreichten wir schließlich den dunkel getäfelten Besprechungsraum.

Wir setzten uns. Er schlug die Beine übereinander, ich, um meine Bereitschaft sowohl zur Kooperation als auch zum Widerstand anzudeuten, ebenfalls, aber in die andere Richtung. Die Vermutungen, die durch meinen Kopf stromerten, waren unerfreulich in jeder Hinsicht. Was wollten sie von mir? Mich anwerben? Oder mich ausbürgern? So viel dazwischen gab’s ja nicht.

Es begann ein Gespräch, ein scheinbar unbefangenes Geplänkel, wie mit einer Urlaubsbekanntschaft, über dieses und jenes, ein Kaffeeplausch, und ich glaube, es gab sogar Kaffee, an dem ich mißtrauisch nippte. Die Konversation drehte sich auffällig unauffällig ums Reisen, um die Frage, was vom Reisen im allgemeinen zu halten sei, was das Reisen für Vor- und Nachteile mit sich bringe, und wie ich speziell den Reisen meines Freundes Bert, wo wir gerade beim Thema seien, gegenüberstehe.

Eine heikle Thematik für Plauderstunden an Staatssicherheitskaminen. »Beihilfe zur Republikflucht« war ein Straftatbestand in engster Verwandtschaft mit der »Republikflucht« selbst. Auch die Mitwisserschaft war strafbewehrt. Es galt, vorsichtig zu agieren, ohne vorsichtig zu wirken.

»Kritisch«, antwortete ich wahrheitsgemäß. Es sei nun mal so, daß ich das Reisen an und für sich ablehne, ja ihm jeden Sinn abspreche. Prinzipiell. Letzten Endes, das sei meine Meinung, könne man da keine neuen Erfahrungen machen. Die Welt sei schließlich überall gleich, und zwar deshalb, weil man sich selbst immer mitnehmen müsse, weil man sich selbst nicht entkommen könne. Und da sei es doch besser, gleich zu Hause zu bleiben.

Mein Gesprächspartner schlug die Beine andersherum übereinander.

Mein Freund Bert hingegen, erklärte ich weiter, sei ja schon immer vom Reisen besessen gewesen. Rucksäcke tragen, auf Bahnhöfen stehen, zu fremden Leuten in fremden Sprachen »Hallo!« sagen, das finde er eben, wieso auch immer, toll.

Oberleutnant Schnatz nickte schwach und schrieb alles mit. Zwischendurch strich er sich mit der Faust über die Halbglatze, ein merkwürdiger Tick.

»Sie haben nie über Reisepläne gesprochen?«

»Nie«, antwortete ich. Ich weiß, man soll nie »nie« sagen, aber diesmal schien es mir nicht unratsam zu sein.

»Also nie?« sagte er.

»›Nie‹ trifft die Sache«, erklärte ich.

Langer Blick von ihm, kurzer Blick von mir zurück.

»Beziehungsweise, wenn, natürlich, hinterher. Er weiß, was ich davon halte, und will sich die Reiselust, logisch, von mir nicht madig machen lassen.«

Wir wechselten noch mal die Beinstellung.

Er sagte, daß ich mich melden solle, wenn Bert sich melden würde.

Ich sagte, daß ich das tun würde, falls Bert das täte.

Dann war es vorbei, Oberleutnant Schnatz bugsierte mich durch das Labyrinth der Tausend Türen wieder nach draußen, etliche von ihnen, wie mich dünkte, akzentuierter schließend als auf dem Hinweg.

Bert sah ich nie wieder. Keine Ahnung, ob er nach Nordkorea abgeschoben wurde oder nur nach Westberlin. Seine Geschichte kursierte im Freundeskreis als Beispiel für die absurde Poesie der Verzweiflung, als Nordkorea-Paradox. Ein paar Monate danach klappte die DDR wie ein falsch montiertes Chemieklo aus Versehen zusammen und kam zu den Akten. Ich vergaß die Stasi, ich vergaß diese Episode, und ich vergaß sogar die »Mögliche Exekution des Konjunktivs«, bis mir eines Tages beim Sortieren von Papieren mein grüner DDR -Sozialversicherungsausweis in die Hand fiel. Ich blätterte darin herum wie in einem Fotoalbum und besah die fremden Stempel meines fremden Lebens: »Edwin-Hoernle-Oberschule«, »Betriebspoliklinik Oberspree«, »VEB Werk für Fernsehelektronik«, »BSG Turbine Gaswerke«, »NVA Eggesin«, LPG »Hans Beimler«, »Humboldt-Universität zu Berlin«. Ganz normale Stationen einer DDR-Karriere, alles korrekt, alles normal. Ich stutzte nur, als mein Blick an einem Stempel der Volksrepublik Nordkorea hängenblieb … wo ich … meines Wissens … nie gewesen war.

Was hatte der in meinem Ausweis zu suchen?

Wann sollte ich in Nordkorea gewesen sein?

Einen Moment lang – in dem ich mein Gedächtnis nach verschütteten nordkoreanischen Erinnerungssplittern absuchte und nicht mehr wußte, wer ich war und was ich tat – hielt ich alles für möglich. Daß ich in Wahrheit derjenige gewesen war, der diesen Republikflucht-Plan gehabt hatte. Daß mein Sozialversicherungsausweis von der Staatssicherheit manipuliert worden war. Daß ich es verdrängt haben musste. Daß ich in einem falschen Körper wohnte. Daß das Leben nur Trug ist, eine Erinnerungslücke, ein Schattenspiel – oder ein Lesefehler.

»Volkseigener Betrieb Nordkeramik« las ich im vierten Anlauf. Genau, da gab’s mal einen Produktionseinsatz. Es hatte alles seine Richtigkeit. Die Welt war wieder in Ordnung.

Doch wer weiß: Mich hätten die Grenzer in Wladiwostok vielleicht passieren lassen.

2

DAS SCHICKSALMUSSNICHTIMMER wie im zweiten Akt von »Macbeth« an ein hohes schottisches Burgtor wummern, es kann auch ganz ordinär mit der Post kommen. Ich hätte den Brief in dem lichtlosen, vermüllten Abgrund des Kastens hinter den Angebotszetteln der Baumarktketten mit ihren ewigen Motorsägenpreistiefstands-Annoncen fast übersehen. Eine Einladung, nicht handgeschöpft, auch nicht handgeschrieben, sicher aber handgefaltet. »Sehr geehrter Herr W.«, las ich, »es ist uns ein Bedürfnis und eine Freude, Sie als Gast zu unserem Symposium ›Dichter. Dramen. Diktatur. Nebenwirkungen und Risiken der Untergrundliteratur in der DDR ‹ einzuladen. 20 Jahre nach der Wende ist der Zeitpunkt gekommen, der verfolgten und unterdrückten Literatur in der ehemaligen DDR eine Stimme zu geben. Gerade Ihr Werk bezeugt in exemplarischer Weise, welchen Widrigkeiten junge und kritische Literatur im Realsozialismus ausgesetzt war. Heute sind die Schikanen und Repressionen, unter denen Sie gelitten haben, Geschichte und vielenorts vergessen. Dagegen wollen wir Zeichen setzen, und zwar mit unserer Veranstaltung ›Dichter. Dramen. Diktatur‹ am 8. November 2009 im ›Demokratischen Haus‹. Sie, sehr geehrter Herr W., würden uns eine große Freude bereiten, wenn Sie die Einladung zu einer Lesung mit anschließender Podiumsdiskussion annehmen und wir Sie als Gast auf unserem Symposium begrüßen könnten. Mit freundlichen Grüßen, Anika Schneider / V.U.U.D. / Verein der unbekannten Untergrunddichter Deutschlands«

Guter Scherz oder schlechter Scherz – das war hier die Frage. Ich las den Brief mehrmals, erst lachend, dann prüfend, schließlich einigermaßen betroffen. »Schikanen und Repressionen«? Ich hatte keinen Schimmer. »Lesung«? »Anschließende Podiumsdiskussion?« Vielleicht noch mit Autogrammstunde? Was konnte das sein? Was sollte das werden?

Als Schriftsteller war ich bisher nicht auffällig geworden, auch nicht als unterdrückter. In der DDR? Du meine Güte.

Mag sein, es war, möglicherweise, etwas zuviel Alkohol gewesen in letzter Zeit. Nicht ausgeschlossen, daß ich im Suff von mir als dem großen Undercover-Poeten der DDR schwadroniert hatte. Dem das berühmte Denkmal des unbekannten Untergrunddichters gewidmet ist oder schleunigst gewidmet sein sollte. Dem Verfolgten und Schikanierten, dem Beschatteten und, ja, dem Verbannten – alle Werke weg, von der Stasi verboten, vernichtet, inklusive »Faust III« und »Die ganz neuen Leiden des jungen W.«.

Biermann reloaded, diesmal ohne Seehundbart.

Vielleicht hatte ich auch – die Wahrheit ist nicht immer Gold – einen handfesten schizoiden Schub, der mich hier erstmals heimsuchte, und befand mich bereits mitten in einer dieser ominösen Parallelwelten, in denen man Briefe bekommt und Einladungen zum Abendessen mit Solschenizyn und dem Sultan von China.

Einen Anruf später wurde alles klar – beziehungsweise vollends verwirrend. Eine banale Verwechslung lag nicht vor, kein Schnitzer bei der Post, kein Buchstabendreher im System. Leider.

Ich war gemeint.

Hocherfreut, so schnell von mir zu hören, erklärte mir Frau Schneider von den »unterdrückten Untergrunddichtern« den Ablauf der Veranstaltung, wer alles dasein würde und was ich zu tun hätte.

»Daß Sie kommen«, sagte sie beschwingt und wie in Vorfreude auf singuläre Ereignisse, »freut uns wirklich. Wenn Sie vielleicht ein wenig erzählen können, wie es Ihnen so ergangen ist all die Jahre, das wäre toll.«

»Kein Problem, das kann ich machen«, sagte ich. »Aber wen soll das interessieren?«

»Da sorgen Sie sich mal nicht! – Ach ja, und vorher lesen Sie so etwa eine halbe Stunde aus Ihrem Werk.«

»Von welchem Werk sprechen Sie?«

»Na, Sie stellen Fragen. Von Ihren Gedichten natürlich.«

Das Telefonat begann, Grenzbereiche des Irrealen zu touchieren. Ich sagte, es gebe keine Gedichte von mir, könne keine geben, und falls es doch welche gebe, dann seien sie eben nicht von mir. Sie erklärte, daß sie das nicht glauben könne, daß sie sie schließlich gelesen habe und daß ein Irrtum daher ausgeschlossen sei, es sei denn, sie irre.

Ich wußte nichts, sie wußte alles – unter anderem dies: Die Gedichte, angeblich von mir, waren soeben in einer Anthologie verbotener Lyrik aus der DDR erschienen. Es lägen außerdem Berichte vor zu meinem Fall, die ich kennen müsse, jedenfalls kennen müßte.

»Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie die nicht kennen?«

»Ich weiß überhaupt nicht, was Sie meinen.«

»Sie sind doch Herr W.?«

»Ich gehe davon aus.«

»Ich spreche von Ihnen, von Ihrem Fall.«

Ich fühlte mich allmählich in eine unkomfortable Defensive gedrängt.

»Sagen Sie mal, haben Sie nie Akteneinsicht beantragt?« fragte sie.

»Nie.«

»Nie?«

»Ja, warum? Das war mir alles immer zu, wie soll ich sagen, blöd.« Kein Grund zu nörgeln, es lag solide in der Hand: der Einband außen grau, der Titel in blauer Schrift, »Drinnen vor der Tür«. Darunter »Gegengedichte gegen die Gegenwart / Die unbekannten Untergrunddichter der DDR, 1970 – 1990«. Eine halbe Stunde nach dem Anruf hatte ich das schmale Bändchen erworben und durchblätterte die Seiten gleichzeitig vorwärts und rückwärts auf der Suche nach einem einzigen Namen – meinem. Natürlich tauchte er nirgendwo auf, kein einziges Mal, auch nicht im Inhaltsverzeichnis, war ja klar, nirgends, sowieso, lächerlich, was für ein Unsinn – stop!

Da stand er eben doch.

Auf Seite 84 – ohne jeden Zweifel – klar und deutlich. Buchstabe für Buchstabe. Fehlerfrei. Richtig.

In Edgar Allan Poes Erzählung »Sturz in den Mahlstrom« ergraut ein Schiffbrüchiger innerhalb von Minuten, und in Goethes »Faust« macht der alte Prof nach einem aus dem Ruder gelaufenen One-Night-Stand erstmal eine Zeitreise ein paar Jahrhunderte rückwärts um die Ecke. Ich meinerseits hielt dieses Buch in den Händen und kam mir vor wie ein ferngesteuerter NASA-Roboter, der mit zeitlupenhafter Mechanik einen Gegenstand aus dem Marssand klaubt, der eine merkwürdige Botschaft enthält.

MÖGLICHE EXEKUTIONDES KONJUNKTIVS

Ich habe eine der Liebsten,

Und diese Liebste ist schön.

Ich wollt, ich könnt mit der Liebsten

Mal um ein paar Ecken,

Mal hinter die Hecken,

Von hier bis nach drübsten

Gehn.

Tja, tja und nochmals tja.

Das Ding, es war von mir. Mein Gedächtnis startete schwach, sprang aber immerhin an. Ewigkeiten passierten die interne Rückschau. Jahrzehnte zogen vorüber. Staaten verschwanden. Mauern fielen um. Die Weine wurden billiger, die Haare länger. Ich sitze am Computer – nein, natürlich falsch: an der »Erika«, da ist das gelbe Gehäuse, da das schwarzrote Farbband, und ich tippe. Und was tippe ich? Ich kann’s leider nicht sehen. Es wird doch nicht dieses Gedicht gewesen sein!?

Ich will nicht übertreiben und behaupten, daß mein Leben in Turbulenzen geriet, aber die Ereignisse fingen an, sich zu verketten. Brief, Telefonat und Buch, darin das Gedicht, von dem ich a) nichts mehr gewußt hatte und b) mich fragte, wie es ausgerechnet in diese Sammlung kam. Soweit mir von mir bekannt war, hatte ich jene präpotent-postpubertären Sehnsuchtsreime, mit denen ich in früher Jugend mich selbst auf meine Sensibilität aufmerksam machte, weder jemandem gezeigt noch jemals je veröffentlicht. Ich hatte lediglich wie mancher junge Mensch, der sich mit der Herausforderung konfrontiert sieht, Liebesbriefe schreiben zu sollen, ein paar gefühlsbetonte Verse ersonnen, vor allem um damit die Seiten zu füllen. Wenn das der Untergrund war, von dem aus die DDR lyrisch attackiert wurde, dann war er sehr, sehr schmal.

Unter dem Gedicht erblickte ich Anmerkungen, die Wissenswertes über meine Person und interessante Neuigkeiten auch für mich enthielten: »W., Jahrgang 1965, Berlin, Student. Von 1981–89 von der Staatssicherheit ›operativ bearbeitet‹. Mitglied der Untergrundgruppe ›Gruppe 61‹. Manuskripte beschlagnahmt und zum Teil vernichtet. Nach Veröffentlichung der Gedichtsammlung ›Mögliche Exekution des Konjunktivs‹ strafrechtlich verfolgt.«

Abgesehen von Jahrgang, Ort und Tätigkeit war alles entweder falsch, hanebüchen, Quatsch. Oder ich hatte – wenn das so war und stimmte – tatsächlich einen bizarren biographischen Blackout.

Immer wieder geistern Leute durch die Medien, die eines Tages an abgelegenen Stränden auftauchen, ohne zu wissen, wer sie sind und woher sie kommen. Manche monologisieren in astronomischen Formeln, andere sind virtuose Pianisten von Werken, die niemand kennt. Warum sollte ich kein verfolgter Untergrunddichter sein, der sich selbst und der Welt abhanden gekommen ist?

In meinen Erinnerungen war die DDR weit weg und irgendwo im Umfeld des Ersten Weltkriegs abgestiegen. Mit den Jahren wurde sie immer fremder, immer fragiler – wie eine Zeit vor der Zeit, eine zerplatzte historische Blase, ein entrückter Traum von praktisch nichts. Ein Film, den man lange nicht gesehen hat.

Zuerst verblaßten die ohnehin schon blassen Farben, mit denen er einst koloriert war. Dann wurde alles schwarzweiß. Der Plot wurde lückenhaft, die Dialoge dünnten aus, es gab nur noch Hauptrollen. Schließlich blieb eine Szene übrig, die aber leider, Verwechslung, aus einem anderen Film stammte. Man weiß nicht mehr, wer zuerst geschossen hat. Wurde überhaupt geschossen? Und welche Rolle spielte diese Mauer? Langsam verschwand der Ton, und der Film erwies sich als Stummfilm. Die Namen der Darsteller lagen auf der Zunge. Man kriegte den Titel nicht mehr zusammen. Schließlich nannte man ihn nur noch »diesen Film«. Und wußte nicht mehr, ob man ihn je gesehen hatte.

Was mich betraf, muß zusätzlich veranschlagt werden, daß die DDR nie mein Lieblingsfilm gewesen ist. Eindeutig zu lange Monologe, zu viele Massenszenen, jede sah gleich aus, die Handlung zog sich immer weiter hin bis morgen, übermorgen und in fünf Jahren, und was dazwischen passierte, war uninteressant. Ich vergaß das alles mehr oder weniger von selbst. Je länger der DDR-Streifen zurücklag, um so unrealistischer, unglaubwürdiger wurde er.

Die Biographie zerfiel, als wäre das Leben eine Diätzeitschrift, in ein Davor und ein Danach. Immer mal gab’s, »plötzlich und unerwartet« wie in Todesanzeigen, dubiose Erinnerungsflashs. Der Geruch in Billig-Drogerie-Ketten reanimierte ausgerechnet die Intershops wieder, Läden mit Westwaren für Westgeld, durch die immer ein penetrantes Odeur von Weichspüler, seifigem Parfum und Haarlack waberte, und ich sah die Schlangen, die es sogar hier gegeben hatte, zumeist Rentner in grauen Mänteln aus Katzenhaarimitaten, und ich überlegte, was sie damals wohl gekauft hatten, und mir fiel ein: Luftschokolade.

Da war die Flasche »Balkan-Feuer«, die seit einer Ewigkeit im Keller herumlag, ein bulgarischer Dessertwein, rot, aus Karl-Marx-Stadt, EVP 5,90 Mark. Als Marcel Prousts Erzähler von seinen Sandtörtchen, den »Petites Madeleines«, naschte, zuckte er in der Sekunde, da sie den Gaumen berührten, zusammen, durchströmt von einem unerhörten Glücksgefühl, das mit einem Schlag, er vergleicht es mit der Liebe, die Wechselfälle des Lebens gleichgültig werden ließ, seine Katastrophen ungefährlich, seine Kürze imaginär, und das ihn erfüllte mit der köstlichen Essenz der Erinnerung. Bei mir flutschte der Korken, grauschwarz angelaufen, raus wie geölt, die Nase meldete schwerste Harztöne, und dann … oha … spuckte ich das Gebräu, das ich beinahe gekostet hätte, in einem beachtlichen Bogen so weit wie möglich in die Kellerecke.

Auch lange Flure in Krankenhäusern hatten Zeittunnel-Qualitäten: flackernde Neonlampen an der Decke, hellgrün gestrichene Wände, Bohnerwachsmilieu, um immer wieder neue Ecken führende Schilder, verschlossene Türen und ernst herumschreitende Ärzte, die einen keines Blickes würdigen, an den Wänden Bilder mit albernen, von Pseudo-Kinderhand gemalten Sonnenaufgängen, ein Warteraum voll mit Leuten, alle mit der Gewißheit, daß sie nie aufgerufen werden, daß nie eine Schwester kommen wird, aber auf einmal ist sie eben doch da, hellblauer Kittel, schmucklose Hochsteckfrisur, und sie ruft in dieser alten intoleranten Masche halb fragend, halb vorwurfsvoll einen Namen, meinen Namen: »Herr W.? Bitte!«

In der folgenden Woche mied ich meinen Briefkasten demonstrativ und marschierte kalt lächelnd an ihm vorbei. Wer weiß, welche Enthüllungen er, meine Person betreffend, noch parat hatte? Vielleicht war ich der Entdecker der Spreewaldgurke? Das Körperdouble des Ampelmännchens? Am siebten Tag wurde es mir zu albern, und ich wagte es doch. Die üblichen Rechnungen, die übliche Reklame, die üblichen Prospekte, darunter allerdings einer, den ich früher garantiert übersehen hätte: »Expeditionen in ferne Zeiten – Reisen an ferne Orte. Wo Sie schon einmal waren, ohne es zu wissen.« In der Mitte des Blattes glitzerte ein Bild von einem ausbrechenden Vulkan, der kein Feuer und keine Lava ausspie, sondern eine leuchtende Seifenblase. »Praxis für Regressions-Begleitung. Rückführungen – Rebirthing – Reinkarnation. Verbinden Sie tief verdrängte Schattenbereiche mit hohen Ebenen des Lichts! Vereinbaren Sie einen Schnuppertermin in unserem Zeitreisebüro!«

3

TRAUMODER WIRKLICHKEIT? Eine pedantische Unterscheidung, die gern überschätzt wird und schnell altmodisch werden kann. Den »Verein der unbekannten Untergrunddichter Deutschlands« gab es wirklich.

Wie ich der Tafel am Eingang des Hauses entnahm, war er ein unbekannter Unterausschuß der Stiftung »Durcharbeitung DDR-Diktatur«. Er saß in einem schmucklosen Büro hinter der Friedrichstraße, eingerichtet wie eine Mischung aus Krankenkasse und Freiwillige Feuerwehr. Frau Schneider war überraschend jung, überraschend hübsch und empfing mich überaus charmant.

»Ich hatte Sie mir wesentlich älter vorgestellt«, sagte sie lächelnd und bat mich, Platz zu nehmen.

»Ich«, sagte ich, »mir Sie auch, vielleicht nicht wesentlich älter, aber doch erheblich.«

»Ich dachte schon«, erläuterte sie weiter, »gleich kommt ein oppositionelles Urgestein zur Tür rein mit Bart und grauer Mähne.«

»Vielleicht kommt ja noch wer?« antwortete ich.

»Kaffee?«

»Gern.«

»Zucker? Milch?«

Wie oft die Kaffee-Dialog-Sequenz schon wiederholt worden sein mag? Wenn ich Staat wäre, ich würde Steuern darauf erheben. Mehrsatz-Steuer. Wir saßen uns gegenüber an einer Art Besprechungstisch, und ein kurzes, vollkommenes Schweigen kam auf, das ich immer, wenn es entstand, genoß und so weit wie möglich ausdehnen wollte, weil jedes Wort, das es unterbrechen würde, ein falsches sein könnte, sein müßte – und in den meisten Fällen ja auch war.

Frau Schneider hob die entzückenden Augenbrauen leicht an.

»Nein, vielen Dank«, beendete ich nach einer Weile diese spirituelle Gesprächsphase.

Trotz ihrer Jugend war Frau Schneider bestens informiert und äußerst auskunftsbereit. Niemand wird ja umfassender belehrt als ein DDR-Bürger über seine DDR-Vergangenheit. Ich erfuhr allerhand. Daß es im Unterschied zum Westen in der DDR nicht möglich gewesen sei, einfach zu einem Verlag zu gehen und etwas zu publizieren. Daß es dort deshalb viel mehr Untergrunddichter gegeben habe, weil der Untergrund gezwungenermaßen viel größer gewesen sei. Daß viele von vornherein darauf verzichtet hätten zu veröffentlichen, um sich Scherereien mit der Staatssicherheit zu ersparen. Und daß die genauso verfolgt und unterdrückt gewesen seien wie diejenigen, die mutiger beziehungsweise unvorsichtiger waren.

Mein Part bestand hauptsächlich in zustimmendem Kopfschütteln.

»Man kann heute ja kaum ermessen«, erläuterte Frau Schneider mit staatstragendem Timbre, »welche Gefahr für die DDR von Gedichten ausging. Schon das Schreiben als solches war hochbrisant und wurde von allen Seiten beargwöhnt. Vor jeder Veröffentlichung wurde geprüft, kontrolliert und verhandelt, als ging’s um Regierungserklärungen. Das eigentliche Problem aber waren die Nichtveröffentlichten, denn hier vermuteten Partei und Geheimdienst besonders staatsgefährdende Texte. Wer etwas nicht veröffentlichte, der hatte etwas zu verbergen – so einfach war die Logik und prekär die Folgen.«

»Wenn die nichtveröffentlichte Literatur schon so gefährlich war«, wandte ich ein, »wie stand’s da erst um die nichtgeschriebene?«

»Ihr Gedicht ist wunderschön«, sagte sie ungerührt. »Für wen haben Sie es eigentlich verfaßt?«

Den Punkt hatte ich noch nicht bedacht.

»Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht mehr. Ich wußte bis vor kurzem nicht, daß es das gibt.«

»Wie? Sie erinnern sich nicht?«

»Sagen wir, kaum. Woher haben Sie’s denn?«

»Warten Sie! « Sie schwang sich ins Nebenzimmer und kehrte nach kurzer Zeit mit einem beeindruckenden Stapel Akten zurück, den sie vor mir auf den Tisch bugsierte.

»Doktorarbeiten, Gutachten und Protokolle«, sagte sie nicht ohne Stolz, »alles zum Thema SED-Staat, Stasi und Literatur, was wir über unseren Verein sammeln konnten.«

Ich war beeindruckt.

»Und das alles über ein einziges Gedicht von mir?« fragte ich mit nur halb gespieltem Entsetzen.

Da mußte sie, sehr mädchenhaft plötzlich, laut kichern.

»Naja«, sagte sie, »aber schauen Sie ruhig mal rein. Ich glaube, Sie sind …«, sie suchte und blätterte, »ja, hier ist etwas über Sie. Ich lasse Sie allein. Wenn Sie Fragen haben – bin nebenan.«

Sprach’s und verschwand.

Akteneinsicht. Stasi. Gauck-Behörde. IM-Vorlauf. Operative Personenkontrolle. Wörter, bar jedes sexy Charmes, die, bei mir zumindest, einen Gähnreflex auslösten, einen enormen Schub Langeweile. Kann man leider nicht steigern: Längsteweile? Langeweilste? Die Milchmädchen-Moral, die die Debatte in den Jahren nach ’89 prägte, wollte ich nicht geschenkt haben.

Auch von heute aus gesehen wirkt sie kaum wie großes Kino. Wen soll das fesseln: Welcher IM da in, sagen wir, Jena heimlich auf dem Dachboden saß, wer die Spur der entwendeten Tomaten aus der Betriebskantine aufgenommen und wer einen Honecker-Witz weitergemeldet hat? Die Spitzel in der DDR konnten einem leid tun: Immer nur übernächtigte Liedermacher überwachen, mal den Taxifahrer, der Zahncreme aus dem Westen schmuggelt, mal die angehende Pionierleiterin, deren Onkel einen Ausreiseantrag gestellt hat.

Shakespearereife Stoffe sehen anders aus.