Ich soll nicht töten - Barry Lyga - E-Book

Ich soll nicht töten E-Book

Barry Lyga

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Beschreibung

Stell dir vor, der berüchtigtste Serienkiller der Welt wäre dein Vater …

Heimlich beobachtet der 17-jährige Jasper »Jazz« Dent ein Ermittlerteam am Schauplatz eines brutalen Mordes. Dem jungen Mann wird sofort klar, dass er in großen Schwierigkeiten steckt. Denn der Killer hat seinem Opfer mehrere Finger abgeschnitten und als Souvenir mitgenommen. Und genau das war das Markenzeichen von Jazz’ Vater. Doch der berüchtigte Serienmörder befindet sich seit Jahren in einem Hochsicherheitsgefängnis. Jazz weiß, dass nun alle ihn für den Täter halten müssen – bis er den wahren Schuldigen zur Strecke bringt.

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Buch

Es war ein schöner Tag.

Es war ein schönes Feld.

Bis auf die Leiche.

Der 17-jährige Jasper »Jazz« Dent ist ein durchaus liebenswerter junger Mann. Sogar ein ziemlich attraktiver, könnte man sagen. Doch er ist auch der Sohn von William Cornelius »Billy« Dent, dem berüchtigsten Serienkiller, den die Welt je gesehen hat. Und für Billy Dent war das ganze Jahr über ein »Nimm-deinen-Sohn-mit-zur-Arbeit«-Tag. Dabei hat Jazz gesehen, wovon er noch heute träumt und worum ihn nur hartgesottene Forensiker beneiden: Tatorte und Verbrechen aus der Sicht seines genial-bösen Vaters. Vor vier Jahren ist Billy dann schließlich in seiner kleinen Heimatstadt Lobo’s Nod verhaftet worden.

Doch nun gibt es hier eine neue Mordserie, und Jazz muss beweisen, dass er nicht in die Fußstapfen seines Daddys getreten ist. Daher unterstützt er die polizeilichen Ermittlungen nach Kräften. Aber eines verrät er ihnen nicht: dass er seinem Vater sehr viel mehr ähnelt, als irgendjemand sich vorstellen kann…

Autor

Barry Lyga machte sich in den USA. bereits als Autor von hochgelobten Jugendbüchern einen Namen. Seit den Recherchen zum vorliegenden Roman weiß er verstörend gut darüber Bescheid, wie man eine Leiche verschwinden lässt. Barry Lyga lebt und schreibt in New York City.

Weitere Informationen finden Sie unter: www.barrylyga.com

Weitere Titel sind in Vorbereitung

Barry Lyga

Ich soll nicht töten

Thriller

Ins Deutsche übertragen von Fred Kinzel

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

»I Hunt Killers«

bei Little, Brown and Company, New York.

Deutsche Erstausgabe März 2013

bei Blanvalet, einem Unternehmen der

Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © der Originalausgabe 2012 by Barry Lyga

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013

by Blanvalet Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: © Illustration Johannes Wiebel | punchdesign

unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com

Lektorat: Urban Hofstetter

Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-09505-5

www.blanvalet.de

Für Alvina. Buchstäblich.

Es war ein schöner Tag.

Es war ein schönes Feld.

Bis auf die Leiche.

1

Als Jazz auf das Feld vor der Stadt hinauskam, war schon überall das gelbe Absperrband der Polizei gespannt und bildete eine Art taumelndes, windschiefes Sechseck.

Es wimmelte vor Polizei– Beamte des Bundesstaats in ihren khakifarbenen Uniformen, eine Traube Deputys in Blau, sogar ein Kriminaltechniker in Jeans und Windjacke. Letzterer beeindruckte Jazz wirklich; die Stadt Lobo’s Nod war zu klein für eine eigene offizielle kriminaltechnische Einheit, weshalb normalerweise die Deputys die Beweismittel an einem Tatort einsammelten. Die Tatsache, dass man einen echten Techniker aus der nächsten größeren Stadt geholt hatte– und noch dazu an einem Sonntagmorgen–, bedeutete, dass sie diese Sache ernst nahmen. Einige der Deputys krochen auf allen vieren und mit gesenktem Kopf herum, und Jazz sah amüsiert einen Mann mit einem Metalldetektor langsam unmittelbar außerhalb des gelben Bands hin und her laufen. Einer der Staatspolizisten schritt mit einer billigen Videokamera vorsichtig die Absperrung ab.

Und über alles wachte Sheriff G. William Tanner, der– die Hände auf seinen mächtigen Bauch gestützt– an der Seite stand und zusah, wie seine Truppen auf sein Kommando umherhuschten.

Jasper »Jazz« Dent hatte nicht die Absicht, sich von den Polizisten entdecken zu lassen. Er kroch die letzten fünfzehn Meter auf dem Bauch durch Unterholz und hohes Gras, bis er sich zu einem guten Aussichtspunkt vorgearbeitet hatte. Diesen Teil der alten Harrison-Farm hatten früher endlose Reihen Sojabohnenpflanzen bedeckt; jetzt gab es nur noch alte, abgeknickte und zerbrochene Stängel, Unkraut, Rohrkolben und Gestrüpp. Eine wirklich perfekte Deckung. Jazz konnte von hier den ganzen Tatort überblicken, der auch noch von dem gelben Band markiert war.

»Was haben wir denn hier?«, murmelte Jazz, als der Videofilmer– gut drei Meter von der Leiche entfernt– plötzlich etwas rief. Jazz war zu weit entfernt, um es zu verstehen, aber er wusste, dass es bedeutsam sein musste, da sich alle sofort in die Richtung des Mannes umdrehten und ein weiterer Deputy angelaufen kam.

Jazz griff nach seinem Fernglas. Er besaß drei verschiedene Ferngläser, jedes für einen anderen Zweck, alle ein Geschenk seines Vaters, der seine ganz besonderen Gründe dafür gehabt hatte, sie seinem Sohn zu vermachen.

Jazz bemühte sich, nicht an diese Gründe zu denken. Für den Moment war er einfach nur froh, dass er dieses bestimmte Fernglas mitgenommen hatte– ein Steiner 8x30, wasserdicht, Gummigriff, nur etwas über ein Pfund schwer. Aber das eigentliche Verkaufsargument waren die blau getönten Objektive, die Lichtreflexe so gut wie ausschlossen. Das bedeutete, der Feind– oder auch eine nur zwanzig Meter entfernte Gruppe von Polizisten– bekam nichts davon mit, dass sich die Sonne in dem Glas spiegelte, und zerrte einen nicht aus seinem Versteck.

Staub und alle möglichen Pflanzenpollen kitzelten Jazz in der Nase, und er unterdrückte ein Niesen. Beim Ausspähen, hatte Dear Old Dad gesagt, musst du wirklich still sein, verstehst du. Die meisten Leute haben kleine, geräuschvolle Angewohnheiten, die ihnen selbst gar nicht auffallen. So etwas darfst du nicht tun, Jasper. Du musst absolut still sein. Totenstill.

Er hasste das meiste an Dear Old Dad, aber was er am meisten hasste, war, dass Dear Old Dad so ziemlich immer richtiglag.

Er zoomte auf den Staatsbeamten mit der Videokamera, doch die anderen drängten sich um den Mann und verhinderten, dass Jazz sah, was sie alle so in Aufregung versetzte. Einer von ihnen hielt einen kleinen Beweismittelbeutel in die Höhe. Ehe Jazz jedoch darauf scharfstellen konnte, ließ der Polizist den Arm sinken, und die Tüte verschwand hinter seinem Oberschenkel.

»Sie haben eine Spur gefunden…«, murmelte er leise vor sich hin, bevor er sich auf die Unterlippe biss.

Die meisten von den Kerlen wollen gefasst werden, hatte Dear Old Dad bei mehr als einer Gelegenheit gesagt. Verstehst du, was ich meine? Ich meine, dass die meisten erwischt werden, weil sie es wollen, nicht, weil ihnen jemand auf die Schliche kommt oder schlauer ist als sie.

Jazz tat nichts Unrechtes, indem er hier auf dem Bauch lag und die Arbeit der Polizei am Tatort beobachtete, aber wenn man ihn erwischte, würden sie ihn wahrscheinlich wegbringen, und er musste mit einer Standpauke von G. William rechnen, und das wollte er nicht.

Er war am Morgen zu Hause gewesen, seine Schlafzimmertür fest gegen eine der periodisch wiederkehrenden Schimpfkanonaden seiner Großmutter– die in letzter Zeit schlimmer und häufiger wurden– verschlossen, als der Polizeifunk-Scanner nüchtern einen Code Zwo-zwo-dreizehn verkündet hatte: einen Leichenfund. Jazz hatte sich seinen Rucksack geschnappt– der bereits mit allem gepackt war, was er für eine Überwachungsaktion brauchte– und war an der Regenrinne vor seinem Fenster hinuntergeklettert. Sinnlos, Gramma im Flur über den Weg zu laufen und von ihrem Wüten aufgehalten zu werden.

Eine Leiche war nichts Neues in Lobo’s Nod. Die letzten Leichenfunde hatten Jazz’ Leben auf den Kopf gestellt, und es war bis jetzt nicht wieder in Ordnung gekommen. Obwohl seither Jahre vergangen waren und alle Leute diese Zeit verdrängten, gab es Augenblicke, in denen Jazz fürchtete, sein Leben würde nie mehr vom Kopf auf die Beine kommen.

Während sich die Polizisten um G. William drängten, konzentrierte sich Jazz wieder auf die Leiche. Soweit er aus dieser Entfernung feststellen konnte, gab es keine ernsthaften Verletzungsspuren– keine erkennbaren Wunden von einem Messer oder einer Kugel etwa. Jedenfalls fiel ihm nichts auf, aber er hatte auch nicht gerade die beste Sicht.

Zwei Dinge waren einigermaßen sicher: Es handelte sich um eine Frau, und sie war nackt. Nackt ergab einen Sinn. Nackte Leichen waren schwerer zu identifizieren. Kleidung verriet alles Mögliche über ein Opfer, und sobald man ein Opfer identifiziert hatte, war man der Antwort auf die Frage, wer es zum Opfer gemacht hatte, einen Schritt näher gekommen.

Alles, was sie aufhält– und sei es nur ein paar Minuten lang–, ist gut, Jasper. Sie müssen hübsch langsam vorankommen. Langsam wie eine Schildkröte. Langsam wie Ketchup.

Durch das Fernglas beobachtete er, wie sich G. William mit einem karierten Taschentuch den Schweiß von der Stirn wischte. Jazz wusste, dass die verstorbene Frau des Sheriffs irgendwann »GWT« in das Taschentuch gestickt hatte. G. William besaß ein Dutzend von den Schnäuzhadern, alle sorgfältig gewaschen und gepflegt. Er war der einzige Mann in der Stadt– wahrscheinlich der einzige Mann weltweit–, der seine Taschentücher in die chemische Reinigung brachte.

Der Sheriff war ein anständiger Kerl. Er wirkte wie eine Art Parodie seiner selbst, wenn man ihn kennenlernte, aber hinter der Wampe und dem schlaffen, spülwasserfarbenen Schnauzbart steckte ein polizeiliches Genie, wie Jazz aus persönlicher Erfahrung wusste. Tanner leitete von seinem Büro in Lobo’s Nod aus die gesamte lokale Polizeiarbeit im County und hatte sich nicht nur dort, sondern im ganzen Bundesstaat Respekt verschafft. Die Staatspolizei schickte schließlich nicht jedem einen Mann, der ein Feld auf Video aufnahm. Tanner hatte Einfluss.

Jazz schwenkte sein Fernglas ein wenig und erhaschte einen Blick auf den Beweismittelbeutel, den G. William ins Sonnenlicht hielt. Für einen Moment blieb ihm schier das Herz stehen, und er war überzeugt, er müsse sich getäuscht haben. Aber der Sheriff stand so, dass Jazz eine ungetrübte, vom Fernglas vergrößerte Sicht auf den Inhalt der Tüte hatte.

Und das ließ sein Herz so heftig hämmern, dass er glaubte, Tanner müsste es hören. Eine Leiche in einem Feld war eine Sache. So etwas kam vor. Eine Herumtreiberin. Eine Ausreißerin. Was auch immer. Aber das… Das deutete auf etwas anderes hin, auf eine große Sache. Und Jazz hatte das entmutigende Gefühl, dass anklagende Blicke auf ihn fallen würden. War ja nur eine Frage der Zeit, würde es heißen. Das musste früher oder später passieren.

Deshalb begann er, über mögliche Alibis nachzudenken. Dem relativ ursprünglichen Zustand der Leiche nach war die Frau vermutlich irgendwann in den letzten sechs Stunden getötet worden… und er war die ganze Nacht im Bett gewesen… Und außer Gramma war sonst niemand im Haus. Nicht eben die zuverlässigste Zeugin.

Connie. Connie würde notfalls für ihn lügen.

Der Gedanke huschte ihm kurz durch den Kopf, wurde jedoch beinahe augenblicklich vom Geräusch eines Fahrzeugs unterbrochen, das die Steigung herauftuckerte.

Das Feld war nicht vollkommen eben. Während es am Fundort der Leiche flach war, fiel es rund hundert Meter entfernt im Süden leicht ab und stieg in der vielleicht doppelten Entfernung im Norden noch etwas steiler an. Das Fahrzeug, das die Straße von Süden heraufkam, war ein verbeulter Ford-Kombi aus der Zeit, als man noch Blei ins Benzin mischte. AMTLICHERLEICHENBESCHAUERLOBO’S NOD war professionell, wenn auch ein wenig prätentiös, auf die Tür gepinselt. Das hieß…

Und tatsächlich sah Jazz, wie sich zwei Polizisten mit einem Leichensack, der schlaff zwischen ihnen hing, der Toten näherten. Die vorläufige Untersuchung am Tatort war abgeschlossen.

Jazz beobachtete, wie der Techniker vorsichtig den Kopf der Leiche einwickelte, dann machte er dasselbe mit den Händen und Füßen.

Immer Hände und Füße überprüfen, flüsterte Dear Old Dad aus der Vergangenheit. Und den Mund und die Ohren. Du würdest dich wundern, was alles zurückbleibt.

Er blinzelte, um die Stimme zu vertreiben, und schaute zu, wie sie die tote Frau in den Leichensack verfrachteten und den Reißverschluss zuzogen. Noch während er sich darauf konzentrierte, bemerkte er etwas aus dem Augenwinkel. Er versuchte, es zu ignorieren. Es war die Art Dinge, die er eigentlich nicht bemerken wollte, aber er konnte nicht anders. Sobald er es gesehen hatte, ließ sich nicht mehr daran vorbeisehen.

Einer der Beamten stand ein Stück abseits. Nicht so weit, dass man meinen könnte, er würde nicht dazugehören, aber weit genug, damit ihn niemand bitten würde, bei etwas zur Hand zu gehen. Er stand einfach da, und für einen anderen Beobachter würde dieser Polizist wirken, als versuchte er, nicht im Weg zu stehen.

Jazz glaubte, alle Polizisten in Lobo’s Nod vom Sehen zu kennen, und die meisten der umliegenden Orte dazu. Dieser hier trug eine Uniform der örtlichen Polizei, aber er war ein Fremder.

Und er war bereit. Anders konnte Jazz es nicht beschreiben: Bereit. Verwundbar. Leicht zu erledigen. Er war ein wenig nervös und zupfte an einer rauen Stelle im Leder seines Waffengürtels, nicht weit von der Dose mit dem Pfefferspray.

Es würde leicht sein, ihn auszuschalten. Trotz seiner Ausbildung. Trotz seiner Waffe, seines Pfeffersprays und seines Schlagstocks. Jazz konnte es sich mehr als nur vorstellen– er sah es durch sein Fernglas, als würde es tatsächlich geschehen.

Jazz konnte Leute lesen. Es war nichts, woran er arbeitete; es war so natürlich für ihn wie atmen. Es war so normal, wie wenn man eine Werbetafel am Highway las: Man dachte nicht wirklich an die Werbetafel, man bemerkte sie einfach, das Gehirn verarbeitete die Information, und damit hatte es sich.

Er schloss die Augen und versuchte, an Connie zu denken, wie sie beide eng umschlungen draußen im Versteck lagen. Er versuchte, an Basketball mit Howie zu denken. An seine Mutter, an das Letzte, woran er sich erinnerte, bevor sie verschwand. Er versuchte, an irgendetwas zu denken, nur nicht daran, wie einfach es wäre, sich diesem Polizisten zu nähern…

Ihn in Sicherheit zu wiegen, zur Selbstzufriedenheit zu verführen und dann…

Ihm an den Gürtel gehen. An das Pfefferspray. Den Stock. Die Pistole.

Es wäre so leicht.

Es war so leicht.

Jazz öffnete die Augen. Die Leiche war im Kombi verstaut. Selbst aus dieser Entfernung hörte er, wie die Tür ins Schloss fiel.

Jazz wischte sich den Schweiß von der Stirn. G. William stieg vorsichtig zur Straße und zu seinem Wagen hinunter. Die übrigen Beamten würden vorläufig am Fundort bleiben.

Der Beweismittelbeutel. Jazz musste ständig daran denken. Oder vielmehr an das, was er darin gesehen hatte.

Einen Finger.

Einen abgetrennten menschlichen Finger.

2

Jazz kroch rückwärts aus dem Gestrüpp und machte sich vorsichtig auf den Weg zu seinem Jeep, den er an einem alten Feldweg versteckt hatte, der durch das Harrison-Anwesen führte.

Jazz würde zu G. William gehen. Er musste es tun. Um die Leiche zu sehen. Er würde sich seiner eigenen Vergangenheit stellen und schauen, welche Auswirkungen es auf ihn hatte. Falls es welche hatte. Vielleicht gab es überhaupt keine. Oder vielleicht gab es genau die richtige Art von Auswirkungen. Die der Welt und ihm selbst etwas bewiesen.

Eine Leiche war eine Sache. Dieser Finger jedoch… Das war neu. Damit hatte er nicht gerechnet. Es bedeutete…

Während er mit dem schrottreifen alten Jeep seines Vaters dahinholperte, gab er sich Mühe, nicht daran zu denken, was der Finger bedeutete, obwohl er in seiner Fantasie vor ihm schwebte, als würde er auf ihn zeigen. Es war nicht so, als hätte er noch nie eine Leiche gesehen. Oder einen Tatort. Beides kannte Jazz dank Dear Old Dad, solange er zurückdenken konnte. Jazz hatte Tatorte so gesehen, wie Polizisten sie gern sehen würden– aus der Sicht des Täters.

Jazz’ Vater, William Cornelius »Billy« Dent, war der berüchtigste Serienmörder des 21. Jahrhunderts. Er hatte seine Zelte in dem verschlafenen kleinen Lobo’s Nod aufgeschlagen und sich in der Stadt die meiste Zeit nichts zuschulden kommen lassen– gemäß der alten Redensart, dass man nicht hinscheißt, wo man isst. Aber letzten Endes hatte Billy Dent sein unbeherrschbares Verlangen eingeholt. Obwohl er ein meisterhafter Mörder war und in den einundzwanzig Jahren zuvor eine dreistellige Zahl von Menschen getötet hatte, konnte er sich irgendwann nicht mehr zurückhalten. Zwei Leichen in Lobo’s Nod später spürte ihn G. William Tanner auf und legte ihm Handschellen an. Es war ein trauriges und schimpfliches Ende für Billy Dents Karriere, dass er nicht von einem FBI-Mann mit Doktortitel und der geballten Kraft der Bundesregierung im Rücken zur Strecke gebracht wurde, sondern von einem Ortspolizisten mit Bierbauch, näselnder Aussprache und genau einem anständigen Streifenwagen.

In der Tat… Vielleicht hatte Dear Old Dad recht. Vielleicht wollten alle diese Kerle– einschließlich Billy Dent– erwischt werden. Warum sonst zu Hause auf die Jagd gehen? Warum hinscheißen, wo man aß?

Jazz fuhr auf den Parkplatz des Sheriffbüros, einem einstöckigen Betonbau in der Mitte der Stadt. In jedem Wahljahr kandidierte ein Stadtrat oder Polizeichef für das County mit dem Versprechen, »unsere düstere, unansehnliche Polizeizentrale zu verschönern«, und nach jeder Wahl leitete G. William das Geld stillschweigend in bessere Ausrüstung und höhere Gehälter für seine Deputys um.

Jazz mochte G. William, was etwas heißen wollte, wenn man bedachte, dass er dazu erzogen worden war, Polizisten zwar zu respektieren, aber generell zu verachten, ganz zu schweigen von dem Polizisten, der Billy Dents legendenumrankter, Jahrzehnte währender Karriere von Mord und Folter endlich ein Ende gesetzt hatte. Seit er Dear Old Dad vor vier Jahren verhaftet hatte, war G. William in Kontakt mit Jazz geblieben, fast als hätte er ein schlechtes Gewissen, weil er ihm den Vater genommen hatte. Dabei begriff jeder, der bei Verstand war, dass es das Beste war, was Jazz je hätte passieren können. Der arme G. William und seine altmodischen katholischen Schuldgefühle.

Gelegentlich vertraute sich Jazz G. William an. Meist in Angelegenheiten, die er bereits Connie und Howie erzählt hatte, bei denen er jedoch die Perspektive eines Erwachsenen gebrauchen konnte. Zwei Dinge blieben unausgesprochen zwischen ihnen, auch wenn sie beiden klar waren: G. William wollte nicht, dass Jazz wie Billy endete, und Jazz vertraute ihm nicht alles an.

So ziemlich das Einzige, was Jazz an dem Sheriff nicht mochte, war dessen Beharren darauf, dass man ihn »G. William« nannte, was den Sprecher ständig erstaunt klingen ließ: »Gee, William!«

In der Polizeistation nickte Jazz Lana zu, der Sekretärin. Sie war jung und hübsch, und Jazz bemühte sich, nicht daran zu denken, was sein Vater mit ihr gemacht hätte, wenn er die Gelegenheit dazu gehabt hätte.

»Ist G. William da?«, fragte er, als wüsste er es nicht.

»Der ist gerade wie ein Tornado hier durchgefegt und sofort da hinten raus«, sagte Lana und zeigte in Richtung Toilette. G. Williams Blase ertrug keine lange Abwesenheit von der Dienststelle.

»Was dagegen, wenn ich auf ihn warte?«, fragte Jazz so ruhig wie möglich. Er wollte sich nicht anmerken lassen, wie sehr es ihn juckte, in das Büro des Sheriffs zu kommen.

»Bitte sehr«, sagte Lana und zeigte zur Bürotür.

»Danke«, sagte er. Und dann konnte er sich nicht beherrschen und schenkte ihr sein strahlendes Lächeln. Der Charmeur, hatte es Billy genannt. Noch etwas, das vom Vater auf den Sohn weitergegeben worden war.

Lana erwiderte es. Sie zu einem Lächeln zu verführen war jedoch keine Herausforderung.

Die Bürotür stand offen. In dem Kegel aus kränklichem gelbem Licht, den ein uralter Rosthaufen in Form eines Lampenschirms warf, lag ein Blatt Papier. Jazz warf rasch einen Blick über die Schulter, dann drehte er das Papier herum, sodass er es lesen konnte. VORLÄUFIGEAUFZEICHNUNGEN stand über der Seite.

»…im Labor nach positiver Ident. untersuchen lassen…«

»…abgetrennte Finger…«

Das Klirren von Handschellen und G. Williams schwere Schritte schreckten ihn auf. Er drehte die Seite wieder um und schaffte es, sich ein paar Schritte vom Schreibtisch zu entfernen, ehe der Sheriff durch die Tür kam.

»Hallo, Jazz.« G. William bezog hinter dem Schreibtisch Stellung und legte die Hand über seine Aufzeichnungen. Er war kein Dummkopf. »Was kann ich für dich tun? Ich bin gerade ein bisschen beschäftigt.«

Abgetrennte Finger, dachte Jazz. Plural. Er hatte nur einen Finger in dem Beweismittelbeutel gesehen.

Man braucht ein Messer. Nicht einmal ein gutes, nur ein scharfes. Man geht zwischen kleines Vieleckbein und Mittelhandknochen…

»Ja«, sagte Jazz. »Die Leiche im Harrison-Feld.«

G. William schaute finster drein. »Ich wünschte, sie würden Polizei-Scanner verbieten.«

»Sie wissen ja, wie das läuft«, sagte Jazz leichthin. »Wenn sie Polizei-Scanner verbieten, haben nur noch Kriminelle welche.«

G. William räusperte sich und nahm Platz. Sein altertümlicher Sessel ächzte. »Ich habe wirklich viel zu tun. Können wir ein andermal plaudern?«

»Ich bin nicht zum Plaudern hier. Ich möchte über die Leiche mit Ihnen reden. Oder besser gesagt über den Täter.«

Das brachte ihm eine hochgezogene Augenbraue und ein Schnauben ein. G. William hatte eine riesige, leuchtend rote Nase, die Sorte von Zinken, die man normalerweise bei Säufern sieht, obwohl G. William selten– wenn überhaupt– Schnaps anrührte. Seine Nase verdankte er einer Kombination von Vererbung und fünfunddreißig Jahren als Polizist, in denen er von Fäusten über Pistolenknäufe bis Holzplanken mit allem Möglichen ins Gesicht geschlagen worden war. »Du weißt, wer der Täter ist? Na wunderbar. Dann kann ich ja nach Hause gehen und Football schauen wie alle anderen.«

»Nein, aber…« Jazz verriet ungern, dass er am Tatort spioniert oder G. Williams Notizen gelesen hatte, aber es ging nicht anders. »Hören Sie, eine Leiche ist eine Sache. Aber mehrere Finger abtrennen ist…«

»Ach, Jazz.« G. William zog das Blatt Papier näher zu sich heran, als könnte er Jazz’ Erinnerung daran irgendwie auslöschen, wenn er es jetzt wegnahm. »Was treibst du da? Du musst aufhören, dich zwanghaft mit diesem Zeug zu beschäftigen.«

»Sie haben leicht reden. Sie sind nicht derjenige, von dem alle glauben, er sei als Billy Dent II aufgewachsen.«

»Niemand glaubt…«

»Eine Menge Leute glauben es. Sie wissen nicht, wie die Leute mich ansehen.«

»Das bildest du dir ein, Jazz.«

Sie sahen einander einen Moment lang an. Aus G. Williams Augen sprach ein Schmerz, den sich Jazz so stark wie seinen eigenen vorstellte, wenngleich er sich wohl anders anfühlte.

»Weiblich, weiß«, sagte Jazz knapp. »Fundort völlig abgelegen, mindestens drei Kilometer in jede Richtung ist nichts. Nackt. Keine erkennbaren Schwellungen oder Abschürfungen. Fehlende Finger…«

»Hast du das alles daraus?« G. William wedelte mit dem Blatt Papier. »So lange hast du es nicht studieren können.«

Erwischt. Er hatte zu viel enthüllt. Obwohl er wusste, wie clever G. William war, hatte sich Jazz doch zu früh verraten.

Sei’s drum. Er würde es wahrscheinlich so oder so zugeben müssen…

Jazz zuckte mit den Achseln. »Ich habe Sie beobachtet.«

G. William schlug mit der Faust auf den Tisch und fluchte laut. Irgendwie passte sein Fluchen nicht zu diesem Schnauzbart und den großen braunen Augen– Jazz kam es vor, als hätte er gerade einer Nonne bei einem Striptease zugeschaut. G. Williams buschiger Schnauzer zitterte.

»Sie wissen, wie ich aufgewachsen bin«, sagte Jazz leise und mit belegter Stimme. »Der Hobbyraum. Die Trophäen. Es war meine Aufgabe, sie für ihn in Ordnung zu halten. Ich verstehe diese Typen.«

Diese Typen. Serienmörder. Er musste es nicht aussprechen.

G. William zuckte zusammen. Er war mit den Einzelheiten von Jazz’ Aufwachsen genauestens vertraut. Nach Billy und Jazz– und Jazz’ verschwundener Mutter– wusste G. William am meisten darüber, wie es gewesen war, an der Seite von Billy Dent groß zu werden. Er wusste mehr als Gramma. Mehr als Connie, Jazz’ Freundin. Mehr als Melissa Hoover, die Sozialarbeiterin, die sich seit Billys Verhaftung ständig in Jazz’ Leben einmischte. Sogar mehr als Howie, der einzige andere Junge, den Jazz wahrhaft als seinen Freund betrachtete. Es war immerhin G. William gewesen, der Jazz an jenem Abend vor vier Jahren gefunden hatte, an jenem Abend, an dem Billys Terrorherrschaft endete. Jazz war im Hobbyraum gewesen– einem zweckentfremdeten Vorratsraum auf der Rückseite des Hauses, der nur durch eine versteckte Luke im Keller zugänglich war– und hatte getan, was sein Vater ihm befohlen hatte: die Trophäen eingesammelt, damit sie aus dem Haus geschmuggelt werden konnten, bevor die Polizei alles durchsuchte.

Es war eigentlich keine schwere Aufgabe– Billy nahm keine großen oder komplizierten Trophäen. Hier einen iPod, dort einen Lippenstift. Die Trophäen waren wohlgeordnet und leicht zu transportieren. Trotzdem war G. William aufgetaucht, bevor Jazz fertig war. Und Jazz wusste wirklich nicht, ob er die Befehle seines Vaters bis zum Ende ausgeführt hätte. Er hatte in seiner gesamten Kindheit jeden Befehl seines Vaters befolgt, aber als Billy Dent immer sprunghafter geworden war– was in den zwei Leichen in Lobo’s Nod gipfelte–, hatte Jazz angefangen, die Ketten abzuschütteln, in die ihn sein Vater gelegt hatte.

Und so war er mit allen Trophäen außer einer in einem großen Rucksack dagestanden und hatte auf diese letzte geblickt, den Führerschein von Heidi Dunlop, einem hübschen blonden Mädchen aus Baltimore. Und in diesem Augenblick war es Jazz vorgekommen, als wäre er zum ersten Mal in seinem Leben aufgewacht, als sei alles, was ihm widerfahren war, unwirklich gewesen und er nun im Begriff, seine erste und einzig echte Entscheidung zu treffen. Und während er noch überlegte, ob er die Trophäen verstecken sollte… oder weglaufen und sich selbst verstecken… oder sie aushändigen… hatte ihm das Schicksal in Gestalt von G. William die Entscheidung abgenommen. Der Sheriff war schwer atmend vor Anstrengung durch die Luke gekommen und hatte die wahrscheinlich größte verdammte Pistole im Universum auf den Dreizehnjährigen gerichtet.

»Lassen Sie mich helfen«, sagte Jazz jetzt. »Lassen Sie mich nur in die Akte sehen. Vielleicht einen Blick auf die Leiche werfen.«

»Ich mache das schon eine ganze Weile. Ich brauche deine Hilfe nicht. Und es ist ein bisschen früh, um ›Serienmörder‹ zu krähen. Du überstürzt die Sache, Junge. Ein Serienmörder braucht mindestens drei Opfer. Über einen gewissen Zeitraum. Bei dem Kerl gibt es erst eins.«

»Es könnte noch mehr geben.« Jazz ließ nicht locker. »Oder es wird noch mehr geben. Diese Typen steigern sich, das wissen Sie. Bei jedem Opfer wird es schlimmer. Und sie experimentieren. Die Finger abzuschneiden… Sie müssen alles aus deren Perspektive sehen.«

Der Sheriff zuckte zusammen. »Das habe ich bei deinem Dad getan. Es hat mir damals nicht gefallen, und mir gefällt die Vorstellung auch jetzt nicht.«

Die Suche nach Billy Dent hatte seinen Tribut von G. William gefordert, der noch um seine kurz zuvor verstorbene Frau getrauert hatte, als die erste Leiche in Lobo’s Nod auftauchte. Er hatte sich mit zwanghafter Inbrunst in die Aufgabe gestürzt, Billy Dent aufzuspüren und zu fassen, und auch wenn er Erfolg gehabt hatte, wäre seine geistige Gesundheit beinahe ein weiteres Opfer von Billy geworden. Jazz erinnerte sich an G. Williams Gesichtsausdruck, als der Sheriff durch die Luke in den Hobbyraum gekommen war und diese riesige Pistole auf ihn gerichtet hatte. Nach allem, was er in seinem Leben schon gesehen hatte– die Leichen, die Trophäen, was sein Vater mit dem armen Rusty gemacht hatte–, gab es nicht viel, was Jazz bis in den Schlaf verfolgen konnte, aber der Ausdruck im Gesicht des Sheriffs an jenem Tag war ein regelmäßiger Stargast in seinen Albträumen. Er hatte noch nie einen so verzweifelten und am Boden zerstörten Menschen gesehen; die Waffe war ruhig wie ein Fels geblieben, obwohl die Lippen des kräftigen Manns zitterten, als er im hohen Falsett eines Irren schrie: »Fallen lassen! Alles fallen lassen! Ich schwöre bei Gott, ich erschieße dich!« G. William Tanners Augen hatten zu viel gesehen; hätte jene Nacht nicht Billy Dents Karriere beendet, wäre G. William nach Jazz’ fester Überzeugung bis zum nächsten Morgen von eigener Hand aus dem Leben geschieden.

Seither waren vier Jahre vergangen; G. William ging immer noch einmal im Monat zur Therapie.

Jetzt strich sich G. William mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand über den Schnauzbart. Jazz stellte sich vor, wie er diesen Zeigefinger abschnitt. Es war nicht so, dass er G. William etwas antun wollte. Er wollte niemandem etwas antun. Es war nur so, dass er nicht aufhören konnte, daran zu denken. Manchmal kamen ihm seine Gedanken und Vorstellungen wie ein Slasher-Film im Schnellvorlauf vor. Und egal wie oft er den Ausschaltknopf drückte, der Film lief einfach immer weiter, ein endloser Ansturm von Horrorszenen.

Für ihn war es eine akademische Übung, sich vorzustellen, wie er diesen Finger abtrennte, wie eine Rechenaufgabe in der Schule. Es würde nicht viel Kraft erfordern. Eine leichte Trophäe. Was sagte das über den Täter aus? Bedeutete es, dass er schwach und ängstlich war? Oder bedeutete es, er war selbstbewusst und wusste, dass man am besten etwas nahm, das schnell ging?

Wenn G. William die Gedanken kennen würde, die Jazz unaufgefordert in den Sinn kamen, er würde…

»Lassen Sie mich helfen«, bettelte Jazz. »Um meinetwillen.«

»Geh nach Hause, Jazz. Tote Frau in einem Feld. Tragisch, aber nichts weiter.«

»Aber die Finger! Kommen Sie. Das ist keine Frau, die nachts nackt da draußen herumgetorkelt ist und sich den Kopf angeschlagen hat. Da war kein betrunkenes Arschloch am Werk, das seine Freundin verprügelt und sie dann einfach liegen lassen hat.«

»Wir hatten bereits einen Serienmörder in dieser Stadt. Wäre doch ein Wahnsinnszufall, wenn es noch einen gäbe, meinst du nicht?«

Jazz gab nicht nach. »Man schätzt, dass zu jedem beliebigen Zeitpunkt dreißig bis vierzig Serienkiller in den Vereinigten Staaten aktiv sind.«

»Ich denke«, sagte G. William und seufzte, »ich habe eine Menge Arbeit vor mir, und du bist mir keine Hilfe. Wir werden das Rätsel dieser Leiche lösen, zusammen mit dem anderen üblichen Kram, mit dem wir es hier zu tun haben.« Er machte Jazz ein Zeichen zu gehen.

»Aber Sie behandeln die Sache doch zumindest als meldepflichtigen Todesfall, oder?«

»Selbstverständlich. Der amtliche Leichenbeschauer kommt gleich morgen früh zu einer vollständigen Autopsie, aber Dr. Garvin untersucht heute schon. Eine Frau ist tot, Jazz. Ich nehme das sehr ernst.«

»Nicht ernst genug, um mit der Pinzette über den Fundort zu gehen. Oder die Vegetation zu stutzen, um nach Hinweisen zu suchen. Oder…«

G. William verdrehte die Augen. »Jetzt mach mal halblang. Was glaubst du, wo wir hier sind? Welche Ressourcen uns zur Verfügung stehen? Ich musste die Staatspolizei und die Deputys von drei Nachbarstädten zu Hilfe rufen, um diesem Fundort einigermaßen gerecht zu werden.«

»Sie sollten nach Insekten und Erdproben suchen, und ich habe niemanden gesehen, der Abdrücke von Fußspuren gießt, und…«

»Es gab keine Fußspuren«, sagte G. William verärgert. »Und was das andere Zeug angeht… Wir müssen uns wegen forensischer Zahnheilkunde, wegen Botanik, Anthropologie und Insektenkunde an Stellen des Bundesstaates wenden. Wir sind eine Kleinstadt in einem kleinen Verwaltungsbezirk. Hör auf, uns mit den Großen zu vergleichen. Wir kriegen die Sache schon hin.«

»Nicht, wenn Sie gar nicht wissen, was Sache ist.«

»Ein Serienkiller…«, sagte G. William, und Skepsis troff aus jeder Silbe.

»Wie haben Sie die Leiche gefunden?«, fragte Jazz, der verzweifelt nach etwas suchte, was seine Ansicht bestätigte. »Sie werden da draußen nicht darüber gestolpert sein. Gab es einen anonymen Anruf? Wenn ja, dann ist es hundertprozentig ein Serienmörder, der sicherstellen will, dass Sie sein Werk sehen. Das wissen Sie, oder?«

Er war zu weit gegangen– G. William konnte einiges an Beschimpfung einstecken, aber Herablassung vertrug er nicht. »Ja, Jazz. Ich weiß das. Und ich weiß auch, dass sich Serienmörder gern in der Nähe des Tatorts herumtreiben und die Arbeit der Polizei beobachten.«

Die Worte trafen Jazz mit einer schmerzlichen Wucht, als hätte G. William seinen Dienstrevolver gezogen und ihm zwei Kugeln verpasst. Jazz fürchtete zwei Dinge auf der Welt, und nur diese zwei Dinge: Das eine war, dass die Leute glauben könnten, er sei durch Veranlagung, Erziehung und Schicksal dazu verflucht, ein Serienmörder wie sein Vater zu werden.

Das zweite war… dass sie recht hatten.

Und wer wollte es ihnen nach der Entdeckung dieser neuen Leiche verübeln? Die Wahrscheinlichkeit, dass sich zwei verschiedene Serienmörder eine winzige Stadt wie Lobo’s Nod aussuchten, war so winzig klein, dass man die Möglichkeit nicht ernsthaft in Betracht ziehen konnte. Billy Dent war eingesperrt. Zweiunddreißig Mal lebenslänglich. Man witzelte in der Stadt, dass er frühestens fünf Jahre nach seinem Tod für eine Begnadigung infrage kam. Seitdem er in das Gefängnis eingeliefert worden war, verbrachte er dreiundzwanzig Stunden am Tag in einer zwei auf drei Meter großen Betonzelle und hatte in der ganzen Zeit keine Besucher außer seinem Anwalt gehabt.

Wenn es der Originalteufel nicht gewesen sein konnte, wer kam dann am ehesten infrage? Sein Sohn natürlich. Hätte Jazz nicht mit Sicherheit gewusst, dass er nichts mit dem Verbrechen zu tun hatte, er hätte selbst mit dem Finger auf sich gezeigt. Es klang absolut einleuchtend, dass der Sohn des örtlichen Serienmörders jemanden tötete. Aber das machte den Gedanken nicht leichter erträglich.

»D-das«, stammelte er, »war unter der Gürtellinie. Ich habe viel von Billy gelernt, und ich kann es dazu benutzen…«

»Du drückst dich an einem Tatort herum und spionierst mir und meinen Leuten nach. Du marschierst in mein Büro und verletzt meine Privatsphäre, indem du meine persönlichen Aufzeichnungen liest«, sagte G. William und zählte die Punkte an den Fingern ab. Jazz konnte nicht umhin, an den abgetrennten Finger in dem jungfräulichen Plastikbeutel zu denken. »Ich könnte dich wahrscheinlich unter irgendeinem Vorwurf verhaften, wenn ich Lust hätte, fünf Minuten darüber nachzudenken. Zu verlangen, dass ich dich in einen Fall einweihe, was höchst unangemessen wäre, selbst wenn du älter und nicht der Junge von Billy Dent wärst…« Er kam mit dem Zählen nicht mehr nach– seine ganze rechte Hand war gespreizt. »Alle diese Gründe und noch viel mehr sprechen dafür, dass ich dich nicht helfen lasse.«

»Ach, kommen Sie! Sie ziehen ständig Experten hin…«

»Bist du jetzt plötzlich ein Experte?«

»Ich weiß gewisse Dinge«, sagte Jazz mit seiner kräftigsten Stimme.

»Du weißt zu viel und doch nicht genug«, sagte der Sheriff so leise, dass es Jazz auf dem falschen Fuß erwischte.

»Wie meinen Sie das?«

»Ich meine«, G. William holte tief Luft, »du hast viel von ihm gelernt, aber du solltest vorsichtig sein, dass du dich nicht zu sehr wie dein Daddy benimmst, findest du nicht?«

Jazz funkelte ihn zornig an, dann fuhr er herum, stampfte aus dem Büro und schlug die Tür hinter sich zu.

»Lass es mich auf meine Art machen!«, rief G. William durch die geschlossene Tür. »Es ist mein Job. Dein Job ist es, möglichst normal zu sein.«

»Äh, Jasper«, sagte Lana nervös, als er an ihrem Schreibtisch vorbeibrauste. »Äh… Auf Wiedersehen?«

Er nahm gar nicht wahr, dass er sie nicht beachtet hatte, bis er wutschnaubend vor seinem Jeep stand. Er trat mit dem Fuß gegen die Stoßstange, die sich mit einem metallischen Knirschen beschwerte und abzufallen drohte.

Ich werde dir zeigen, was ich von meinem Vater gelernt habe, dachte er.

3

Immer wenn Jazz etwas Riskantes oder rechtlich nicht ganz Astreines unternahm, nahm er Howie mit. Damit machte er sich bei Howies Eltern zwar nicht eben beliebt, aber es war notwendig, wenn Jazz möglichst menschlich bleiben wollte. Howie sorgte dafür, dass sich Jazz nicht zu weit von Sicherheit und Legalität entfernte. Das kam daher, weil Howie Jazz’ bester– und einziger– Freund war. Und auch weil Howie so zerbrechlich war, dass sich Jazz in seiner Gegenwart zurückhalten musste.

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