Verlag: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Ich und der Weihnachtsmann E-Book

Matt Haig  

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E-Book-Beschreibung Ich und der Weihnachtsmann - Matt Haig

Weihnachten in höchster GefahrAus ist es mit der Ruhe in Wichtelgrund – eine finstere Intrige wird geschmiedet, und zwar vom hinterlistigen Osterhasen. Das Wichtelreich soll untergebuttert und Weihnachten zu einem zweitrangigen Fest zurückgestuft werden! Das können Amelia, das ehemalige Kaminkehrermädchen, und Nikolas alias der Weihnachtsmann nicht zulassen. Sie kämpfen mit allen Mitteln der Fantasie darum, Wichtelgrund und Weihnachten zu erhalten.

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E-Book-Leseprobe Ich und der Weihnachtsmann - Matt Haig

Matt Haig

Mit Illustrationen von Chris Mould

Deutsch von Sophie Zeitz

Für Pearl, Lucas und Andrea

Woanders

omöglich denkst du, du wüsstest schon ziemlich gut Bescheid über den Weihnachtsmann. Und vieles weißt du bestimmt auch. Du weißt wahrscheinlich von den Rentieren und der Spielzeugwerkstatt. Und du weißt, was er an Weihnachten macht. Davon gehe ich aus.

Aber worüber du vermutlich nicht Bescheid weißt, das bin ich.

Ich fange mit dem Teil an, der leicht zu glauben ist.

Ich heiße Amelia Wishart, und ich habe einen schwarzen Kater, der Käptn Ruß heißt. Ich komme aus London, wo ich gewohnt habe, bis ich elf Jahre alt war. Dann bin ich woanders hingezogen.

Und dieses Woanders ist der Teil, der vielleicht ein bisschen unwahrscheinlich klingt.

Ich könnte natürlich einfach sagen, dass ich nach Finnland gezogen bin – das zu glauben dürfte kein Problem sein, weil Finnland auf der Landkarte steht. Und irgendwie stimmt es auch. Ich bin wirklich nach Finnland gezogen, allerdings in den nördlichsten Norden von Finnland, noch jenseits des Zipfels von Finnland, der Lappland heißt. Der Ort, an den ich zog, hieß einfach der Hohe Norden, und die Stadt hieß Wichtelgrund. Nur dass Wichtelgrund auf keiner Landkarte steht. Jedenfalls auf keiner von Menschen gezeichneten Landkarte. Denn die meisten Menschen können Wichtelgrund nicht sehen. Für die meisten Menschen ist es unsichtbar. Es ist nämlich ein magischer Ort. Und um magische Orte sehen zu können, muss man an Magie glauben. Doch die Menschen, die Landkarten zeichnen, gehören oft zu denen, die am wenigsten an Magie glauben.

In vielen Dingen aber ist Wichtelgrund eine ganz normale Stadt. Eine kleine Stadt. Eigentlich eher ein großes Dorf. Mit allem, was dazugehört. Mit Läden und Häusern und einem Rathaus. Und Straßen und Bäumen und sogar einer Bank.

Nur die Leute, die dort leben, sind anders. Völlig anders. Anders als ich. Und anders als ihr.

Sie sind nämlich keine Menschen.

Sie sind besonders. Sie sind magisch.

Sie sind …

Wichtel. Und das Komische ist, wenn alle anderen um dich herum Wichtel sind, dann sind es nicht die Wichtel, die seltsam oder anders sind.

Nein.

Das bist du.

Rentierstraße Nummer sieben

m Rand von Wichtelgrund, in der Rentierstraße Nummer sieben, gleich neben der Rentierweide, wohnte der Weihnachtsmann.

Wie die meisten Häuser in Wichtelgrund war seines aus verstärkten Pfefferkuchenziegeln gebaut, und die Haustür war – anders als bei den meisten Häusern in Wichtelgrund – groß genug, dass ich mich beim Eintreten nicht bücken musste.

In dem Haus gab es lauter Dinge, die Spaß machten. Es gab eine Rutsche vom ersten Stock ins Erdgeschoss. Die Haustürglocke klingelte mit der Melodie von Jingle Bells. Überall lag Spielzeug herum. Die Küchenschränke waren voll mit den leckersten Süßigkeiten – Schokolade, Lebkuchen, Moltebeermarmelade. Im Wohnzimmer hing eine Kuckucksuhr, aus der zur vollen Stunde statt eines Kuckucks ein Rentier heraussprang. Und sie maß die Zeit nicht mit langweiligen Zahlen wie »sechs Uhr« oder »zwanzig nach neun«. Die Rentieruhr gab Wichtelzeit an, und die Wichtelzeit hatte Bezeichnungen wie Wirklich sehr früh, was sehr früh war, oder Schon längst Schlafenszeit, was ziemlich spät war.

Der Weihnachtsmann hatte bisher allein hier gelebt, aber nun gab er Väterchen Schlummer, dem Wichtelbettenschreiner, unverzüglich den Auftrag, zwei neue Betten zu fertigen und »das gemütlichste Katzenkörbchen der Welt« für Käptn Ruß.

»Und heute Nacht«, sagte er am ersten Tag, »schlafe ich unten auf dem Trampolin.« Ein sehr gemütliches Trampolin, wie er versicherte.

Der Grund für den plötzlichen Bedarf an zwei neuen Betten war die Ankunft von Mary und mir.

Mary Ethel Winters war die Frau, in die der Weihnachtsmann verliebt war. Er bekam ganz rote Ohren, wenn er sie ansah, und sie liebte ihn auch.

Sie war die freundlichste, warmherzigste Frau, die mir je begegnet war. Sie hatte rosige Apfelbäckchen, und ihr Lächeln konnte einen ganzen Saal erwärmen. Ich hatte sie in London kennengelernt, nachdem mir das Schlimmste passiert war, was einem passieren kann. Meine Mutter bekam vom Schornsteinfegen eine schreckliche Krankheit. Ich pflegte sie, so gut ich konnte, aber die Krankheit war zu schwer. Ich konnte meine Mutter nicht retten. Mein Vater war weg, seit ich klein war, deshalb steckte man mich nach dem Tod meiner Mutter in Mr Jeremiah Creepers Arbeitshaus. Es war furchtbar dort. Der einzige Lichtblick war Mary, die in der Küche arbeitete und heimlich die dünne Grütze zuckerte, die wir zu essen bekamen. Das werde ich ihr nie vergessen.

Auch Mary hatte ein hartes Leben hinter sich. Bevor sie ins Arbeitshaus kam, war sie obdachlos gewesen und hatte bei den Tauben auf einer Bank an der Tower Bridge geschlafen.

Und als der Weihnachtsmann nach einem Jahr kam, um mich und Käptn Ruß aus dem Arbeitshaus zu retten, nahmen wir Mary einfach mit.

Wir kamen am ersten Weihnachtsfeiertag in Wichtelgrund an, als die Kinder in der Menschenwelt mit ihren Geschenken spielten. Es gab den größten Weihnachtsschmaus, den ich je gesehen hatte, und dazu spielte die fröhlichste Kapelle, die ich je gehört hatte, eine Wichtel-Band namens Schlittenglöckchen. Es wurde gelacht und gesungen und Spickeltanz getanzt.

Der Spickeltanz ist ein äußerst komplizierter Wichteltanz mit viel kräftiger Beinarbeit, wilden Drehungen und ein paar magischen Luftschwebungen.

»Ich glaube, es wird dir hier gefallen«, sagte der Weihnachtsmann später zu mir, als wir auf dem zugefrorenen See Schlittschuh liefen.

»Ja, das glaube ich auch«, sagte ich.

Und es stimmte. Es gefiel mir hier. Eine Zeit lang zumindest. Bis ich mein Glück in tausend Scherben schlug.

Hoffnungs-Karamell

n Wichtelgrund gab es eine breite Straße, die überallhin führte und Hauptstraße hieß. Bei Straßennamen waren die Wichtel nicht sehr einfallsreich. Zum Beispiel hatten sie eine andere Straße, die sieben Kurven hatte, einfach Sieben-Kurven-Straße genannt.

Jedenfalls waren wir auf der Hauptstraße unterwegs, und um uns herum wuselten geschäftig die Wichtel. Es gab Läden für Holzschuhe, Wämser und Gürtel. An der Hauptstraße befand sich auch die Schule der Schlittenkunst. Hier gab es alle möglichen Schlitten, aber keiner war so großartig wie der, mit dem ich nach Wichtelgrund gekommen war – der Schlitten des Weihnachtsmanns. Momentan parkte er auf der Rentierweide.

Der Weihnachtsmann winkte einem Wichtel zu, der dünn und (für einen Wichtel) ziemlich groß war und gerade einen kleinen weißen Schlitten polierte. Der Schlitten funkelte und sah sehr schnittig aus.

»Hallo, Kipp! Ist das der neue Schlitten, von dem ich so viel höre?«

Der Wichtel lächelte. Es war ein kleines Lächeln. Wie ein Lächeln, das von sich selbst überrascht ist. »Ja, Weihnachtsmann. Das ist der Blizzard 360.«

»Tolle Kiste. Einspänner?«

»Für ein Rentier, genau.«

Und dann begann der Weihnachtsmann eine lange, langweilige Unterhaltung mit Kipp über Tachometer und Zuggeschirre und Höhenmeter und Kompasse.

Er beendete das Gespräch mit der Frage: »Dürfen die Schlittenschüler damit fliegen, wenn das nächste Halbjahr beginnt?«

Kipp sah schockiert aus. »O nein«, sagte er, »das ist kein Kinderschlitten. Sieh dir die Maße an. Er ist für große Wichtel – nur für Erwachsene.«

Da legte Mary den Arm um mich und erklärte: »Die Wichtelschule bekommt dieses Jahr eine neue Schülerin. Ein Kind, das größer ist als die Wichtelkinder. Sogar größer als die erwachsenen Wichtel.«

»Das ist Amelia«, stellte mich der Weihnachtsmann vor, »und glaub mir, Kipp, im Schlittenfliegen ist sie ein echtes Naturtalent.«

Kipp starrte mich an und wurde schneeweiß im Gesicht. »Aha. Hm. Äh.«

Und das war’s. Dann polierte er weiter seinen Schlitten, und wir setzten unseren Weg über die Hauptstraße fort.

»Armer Kipp«, sagte der Weihnachtsmann nachdenklich. »Er hat in seiner Kindheit Schreckliches erlebt.«

Alle anderen Wichtel, denen wir begegneten, waren sehr freundlich und gesprächig. Mütterchen Bria, die Gürtelmacherin, stattete den Weihnachtsmann mit einem neuen Gürtel aus. (»Dein Bauch ist wieder gewachsen, Weihnachtsmann! Wir müssen ein Loch extra machen.«)

Dann gingen wir zum Bonbonladen, wo uns Kringel, die Zuckerbäckerin, ihre neuesten Erfindungen kosten ließ. Wir probierten lila Moltebeerbonbons und scharfe, nach Anis schmeckende Drops namens Blitzens Rache (benannt nach dem Lieblingsrentier des Weihnachtsmanns) und einen Lutscher namens Friedenspfeife.

»Friedenspfeife?«, fragte ich.

Kringel zeigte auf ihr Baby, die kleine Suki, die ein niedliches Gesicht und spitze Ohren hatte und friedlich in ihrer Babywippe saß, wo sie an einem Lutscher lutschte.

»Bei ihr wirkt er immer«, sagte Kringel.

Doch die unglaublichste Süßigkeit in ihrem Laden hieß Hoffnungs-Karamell.

»Karamell«, rief ich und klatschte in die Hände. »Ich liebe Karamell. Wieso heißt es Hoffnungs-Karamell?«

Kringel blickte mich an, als hätte ich etwas Albernes gesagt. »Na, es schmeckt genauso, wie du es dir erhoffst.«

Als ich ein Stück in den Mund schob, hoffte ich, dass es weich und sahnig wäre, und es war weich und sahnig, und dann hoffte ich, dass es nach Apfelkuchen schmeckte, und da wurde die Süße in meinem Mund warm und fühlte sich genauso an wie ein Bissen frischer Apfelkuchen, und dann dachte ich an die heißen Maroni, die ich an Weihnachten früher in London gegessen hatte, bevor meine Mutter krank wurde, und schon hatte ich den zarten, krümeligen Geschmack meiner Erinnerung im Mund. Der letzte Geschmack war köstlich, aber er machte mich auch traurig, weil ich meine Mutter vermisste, also schluckte ich schnell herunter und verzichtete auf ein zweites. Stattdessen nahm ich ein Kicherbonbon, das an der Zunge kitzelte und mich zum Lachen brachte.

Jetzt klingelte die Ladenglocke, und herein kam ein hübsch angezogenes Paar. Beide trugen ein rotes Wams. Der eine hatte eine Glatze und eine Brille, der andere war rund wie ein Globus.

»Oh, guten Tag, Pi«, sagte der Weihnachtsmann zu dem Wichtel mit der Brille. Dann wandte er sich an mich. »Pi ist dein neuer Mathematiklehrer.«

»Guten Tag«, sagte Pi, Lakritze kauend, »du bist also das Menschenkind. Ich habe von der Mathematik der Menschen gehört. Sie klingt wirklich lächerlich.«

»Ich dachte, Mathematik wäre überall gleich«, sagte ich verwirrt.

Pi lachte. »Ganz im Gegenteil, mein Kind, ganz im Gegenteil!«

Dann wurde ich seinem Freund vorgestellt, der Kolumbus hieß. »Ich bin auch Lehrer. Ich unterrichte Erdkunde.«

»Ist Wichtelerdkunde wie Menschenerdkunde?«, fragte Mary.

Der Weihnachtsmann antwortete für Kolumbus. »Nein. In der Menschenerdkunde gibt es Wichtelgrund ja nicht einmal.«

Wir aßen noch ein paar Süßigkeiten und kauften auch welche für zu Hause. Dann verabschiedeten wir uns von Kringel, Pi und Kolumbus und traten wieder auf die Hauptstraße hinaus. An einem Zeitungsstand wurde der Tagesschnee feilgeboten, die Wichtelzeitung.

»Oje«, seufzte der Weihnachtsmann. »Keine Schlange vor dem Zeitungsstand. Keiner will mehr den Tagesschnee kaufen.«

Ich wusste ein paar Dinge über den Tagesschnee. Er war die wichtigste Zeitung in Wichtelgrund. Früher war er von einem Wichtel namens Väterchen Wodol herausgegeben worden. Doch Wodol war ein böser Wichtel. Er hatte den Weihnachtsmann von Anfang an nicht gemocht, und als Nikolas, wie der Weihnachtsmann mit Vornamen hieß, als kleiner Junge nach Wichtelgrund gekommen war, hatte Wodol ihn sogar ins Gefängnis sperren lassen. Damals war Wodol nämlich der Vorsitzende des Wichtelrats gewesen. Er hatte Wichtelgrund regiert und den Wichteln eingeredet, sie müssten Angst vor Fremden haben, vor den Menschen zum Beispiel. Als dann der Weihnachtsmann zum Vorsitzenden gewählt wurde und ihn ablöste, blieb Wodol zunächst Chef der Zeitung – bis letztes Weihnachten herauskam, dass er bei einem Angriff auf Wichtelgrund mit den Trollen unter einer Decke gesteckt hatte. Zur Strafe musste er zwar nicht ins Gefängnis (in Wichtelgrund gab es kein Gefängnis mehr), aber er musste den Tagesschnee abgeben und in ein ganz kleines Häuschen in einer ganz ruhigen Straße umziehen, die Ganz Ruhige Straße hieß. Die Ganz Ruhige Straße ist eine wirklich schwere Strafe für einen Wichtel, weil Wichtel Ruhe hassen.

Das Problem war nur: Seit Nusch, die ehemalige Rentier-Korrespondentin, die Zeitung übernommen hatte, war zweierlei passiert. Erstens war der Tagesschnee viel besser geworden. Zweitens verkaufte er sich nicht mehr. Fast schien es, als hätten die Wichtel die Lügen und die Hetze, die Väterchen Wodol früher in der Zeitung verbreitete, lieber gelesen.

Ich erwähne das hier nur, weil es für die späteren Ereignisse dieser Geschichte eine Rolle spielte. Doch als wir aus Kringels Bonbonladen traten, beschäftigte mich etwas ganz anderes.

»Ich war noch nie in einer Schule«, sagte ich. »Im Arbeitshaus haben wir nichts gelernt, wir mussten immer nur arbeiten. Außerdem klingt die Wichtelschule wirklich seltsam. Wie soll ich da bloß zurechtkommen?«

»Ach«, sagte der Weihnachtsmann, »das schaffst du schon. Du warst doch von Anfang gut im Schlittenfliegen, oder nicht?«

»Aber was ist, wenn …«

»Liebes Kind«, sagte der Weihnachtsmann, »mach dir keine Sorgen. Wir sind hier in Wichtelgrund. Hier ist alles möglich. Es ist genau wie bei dem Karamell, das du gekostet hast. In Wichtelgrund erfüllt sich jede Hoffnung.«

»Ist das Leben hier wirklich so einfach, Nikolas?«, fragte Mary.

»Manchmal schon«, sagte der Weihnachtsmann.

Und es war so leicht, seine Zuversicht zu teilen, als wir über die Hauptstraße gingen. Alles sah so bunt und fröhlich aus.

Plötzlich bemerkte ich, dass der Weihnachtsmann und Mary einander bei der Hand hielten, und sie sahen einfach reizend dabei aus. Sie waren, glaube ich, das Reizendste, was ich je gesehen hatte. Und ich war so gerührt von ihrem Anblick, dass ich einfach aussprach, was ich dachte, und das war: »Ihr solltet heiraten!«

Verdutzt drehten sich die beiden auf der fröhlichen, geschäftigen, verschneiten Straße um und starrten mich an.

»Tut mir leid«, sagte ich, »das ist mir so rausgerutscht.«

Da sahen sie einander an und mussten beide lachen.

Und Mary sagte: »Was für eine ausgezeichnete Idee, Amelia!«

Und der Weihnachtsmann sagte: »Die beste Idee, von der ich je gehört habe!«

Und so kam es, dass Mary Ethel Winters den Weihnachtsmann heiratete.

Die Weihnachtsfrau

m letzten Tag der Winterferien fand in Wichtelgrund die Hochzeit statt, einen Tag vor meinem ersten Schultag. Ich war froh, dass ich etwas hatte, worauf ich mich freuen konnte und das mich von der Schule ablenkte.

Im Gemeindesaal war ganz Wichtelgrund versammelt. Es waren auch ein paar Elfen aus den Waldigen Hügeln eingeladen. Die Wahrheitselfe kam mit ihrem Freund, dem Lügenelf. Der Lügenelf machte mir ein Kompliment wegen meiner runden Ohren, was ich ein bisschen beunruhigend fand. Auch die Rentiere waren da. Blitz hatte dem Weihnachtsmann versprechen müssen, dass er während der Trauung nicht auf den Boden machte, und er hielt sein Versprechen. Es war auch ein Tomtegubb gekommen. Von Wichteln und Elfen hatte ich schon in London gehört, aber von Tomtegubbs noch nie. Anscheinend gab es nicht viele von ihnen, und man fand sie nur östlich von Wichtelgrund. Tomtegubbs haben keine Namen, und sie sind auch nicht männlich oder weiblich. Sie sind einfach Tomtegubbs und haben verschiedene Farben. Das Tomtegubb, das gekommen war, leuchtete gelb, ein pummeliges kleines Ding, das die ganze Zeit lächelte und vor sich hin summte. Käptn Ruß war auch da und naschte Kuchenkrümel vom Boden.

Ach, und es gab sogar ein Erdbeben. Jedenfalls fühlte es sich so an. Aber es war bloß eine Trollfrau, die zu Fuß vom Tal der Trolle zur Hochzeit gelaufen kam. Um genau zu sein, war es Urgula, die oberste Troll-Anführerin, die noch größer war als all die Trolle und Übertrolle, deren Chefin sie war. Sie war so riesig, dass sie nicht ins Rathaus passte, sondern draußen im Schnee saß, doch sie linste durchs Fenster. Ich sah sie nicht ganz, nur einen Ausschnitt ihres Kopfs, von dem das Haar so wild abstand wie die Äste eines Baums im Sturm.

Der Weihnachtsmann öffnete das Fenster und begrüßte sie. »Hallo, Urgula, wie schön, dass du gekommen bist.«

Urgula lächelte und zeigte ihre drei Zähne, jeder so groß wie eine vermoderte Tür. »Isch bin hier, um eusch von uns Trolle das Allerbeste zu wündsche.«

»Das ist aber lieb«, sagte Mary, die neben dem Weihnachtsmann stand.

Die Schlittenglöckchen spielten ein Lied, das sie eigens für den Anlass komponiert hatten. Es hieß: In meinen Augen bist du wunderschön, mein Herz (auch wenn du ein Mensch bist).

Väterchen Toppo, der beste Freund des Weihnachtsmanns, nahm die Trauung vor. Wie ich bald erfuhr, verlief eine Hochzeit bei den Wichteln ein bisschen anders als bei den Menschen.

»Seht einander in die Augen und versucht, nicht zu lachen«, sagte Väterchen Toppo.

Was beiden gelang, bis Toppo anfing, ein paar furchtbar alberne Witze zu erzählen.

»Was ist das beste Weihnachtsgeschenk?«

»Ich weiß nicht«, sagte Mary.

»Eine kaputte Trommel! Sie ist einfach unschlagbar … Kapiert?«

»Ja«, sagte der Weihnachtsmann. »Den hast du von mir!«

Aber Toppo hatte noch mehr auf Lager. »Was sagt: ›Oh, oh, oh?‹ – Der Weihnachtsmann im Rückwärtsgang! Weil du doch immer ›Hohoho‹ sagst. Alles klar? … Geht ein Skelett zum Arzt. Sagt der Arzt: ›Sie hätten früher kommen sollen!‹ Versteht ihr?« Und so ging es immer weiter. Bis der Weihnachtsmann und Mary irgendwann doch lachen mussten – nicht, weil die Witze so lustig waren, sondern, weil sie so schlecht waren. Und genau in diesem Moment – als beide gleichzeitig losprusteten – erklärte Väterchen Toppo: »Und damit seid ihr VERHEIRATET!« Denn so wurde in Wichtelgrund die Ehe geschlossen. Indem man mitten in der Trauung zusammen lachen musste.

Als Frau des Weihnachtsmanns war Mary nun automatisch die Weihnachtsfrau. Außerdem wurde sie Mitglied des Wichtelrats, was bedeutete, dass sie an Versammlungen teilnehmen und bei Fragen, die das Leben in Wichtelgrund betrafen, mitentscheiden konnte. Theoretisch konnte jeder Mitglied des Wichtelrats werden. Aber die meisten Wichtel hatten keine Lust dazu, weil die Versammlungen schrecklich langweilig waren und sie Ausschlag davon bekamen. Gemein juckenden Ausschlag.

Nach dem Sprechteil der Hochzeit kam der Essensteil (mit sehr viel Essen), und dann kam wieder Musik, und dann kam noch mehr Spickeltanz.

Gegen Ende der Feier tauchte ein grimmiger Wichtel mit schwarzem Bart auf, stapfte durch die Menge und warf dem Hochzeitspaar und jedem, der sonst noch fröhlich aussah, finstere Blicke zu. Was auf praktisch alle im Saal zutraf, bis auf die Wahrheitselfe, die wünschte, der Weihnachtsmann wäre unverheiratet geblieben. Das wusste ich, weil ich gehört hatte, wie sie sagte: »Ich wünschte, der Weihnachtsmann wäre unverheiratet geblieben.« Es war also kein so schöner Tag für sie.

»Amüsierst du dich gut?«, fragte ich die Wahrheitselfe arglos.

»Das ist der schlimmste Tag meines Lebens«, antwortete sie, bevor sie sich rasch ein Stück Hochzeitstorte in den Mund stopfte.

Der grimmige Wichtel war Wodol. Als der Weihnachtsmann sein Glas hob, um einen Trinkspruch auszubringen, sah ich, wie Wodol angespannt auf Nikolas’ Becher mit dem Moltebeersaft starrte.

»Liebe Wichtel, Elfen, Menschen, Rentiere, Troll – oh, und Tomtegubb – vielen Dank euch allen, dass ihr gekommen seid. Heute war ein ganz besonderer Tag für mich. Wie eine Million Weihnachten zusammen. Weil ich das liebste und lustigste Geschöpf geheiratet habe, dem ich je begegnet bin – das bist du, meine Weihnachtsfrau –, und weil ihr alle mit mir feiert. Und dann möchte ich noch jemanden hier erwähnen.« Er zeigte auf mich. »Da steht sie. Amelia Wishart. Das Mädchen, das Weihnachten rettete. Ich habe viel von ihr gelernt. Vor allem hat sie mir gezeigt, welche Macht die Hoffnung hat. Wie ihr wisst, ist Hoffnung eine Art Magie. Und so hoffe ich und glaube fest daran, dass die Wichtelgrunder Amelia und meine liebe Mary willkommen heißen und ihnen das Gefühl geben werden, bei uns zu Hause zu sein. Genau wie ich sehen Amelia und Mary ein bisschen anders aus als ihr, aber ich versichere euch, dass sie unser Leben hier in Wichtelgrund sehr bereichern werden.«

»Bravo«, rief Nusch, die neben ihrem Urururururgroßvater Toppo stand und ihren Sohn, den Kleinen Mim, auf dem Arm hielt.

»Sehr wahr!«, rief Väterchen Toppo. »In Wichtelgrund ist es viel lustiger, wenn hier alle willkommen sind. Ein Dorf, in dem nur Wichtel leben, ist so langweilig wie ein Weihnachtsbaum, unter dem immer nur dasselbe Geschenk liegt.«

»Ich freue mich sehr, hier zu sein«, sagte Mary, »und ich weiß, dass es Amelia auch so geht. Nicht wahr, Amelia?«

Der ganze Saal sah mich erwartungsvoll an.

»O ja«, sagte ich, »ich bin echt froh. Hier ist es viel besser als im Arbeitshaus, das kann ich euch sagen.«

Die Wichtel lächelten, aber ich sah etwas wie Verwirrung in ihren Gesichtern. Ich schätze, es lag daran, dass ich wirklich sehr anders war. Ich war sogar anders als Mary und Nikolas. Ich hatte kein bisschen Drumwick in mir. Ein Drumwick ist ein Wichtelzauber. Der Zauber, mit dem der Weihnachtsmann gerettet wurde, als er noch ein kleiner Junge war, und mit dem er letzte Weihnachten Mary gerettet hatte. Nur ich konnte nichts von dem, was die Wichtel, der Weihnachtsmann und Mary – sobald sie ihren Drumwick-Kurs bestanden hatte – tun konnten. Aber das machte mir nichts aus. Da jedenfalls noch nicht. Es gefiel mir sogar, dass ich anders war. In London war ich mein Leben lang unsichtbar gewesen. Eins von vielen armen, schmutzigen Kindern. Es gefiel mir, dass ich hier auffiel. Ein klein wenig hatte ich das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, und das hatte ich noch nie gehabt.

Der Weihnachtsmann kam mir zu Hilfe, indem er sagte: »Jetzt lasst uns unser Glas heben und auf Glück und Freundschaft trinken! Ganz egal, wer man ist oder wo man herkommt – bei uns in Wichtelgrund sind alle herzlich willkommen.«

In diesem Moment fiel mir auf, dass Wodol den Blick immer noch starr auf den Kelch in der Hand des Weihnachtsmanns gerichtet hatte. Und gleichzeitig bemerkte ich, wie der Kelch zu zittern und zu beben begann. Der Weihnachtsmann bekam einen Schreck und versuchte, den Kelch festzuhalten, aber vergebens. Er flog ihm aus der Hand, sauste quer durch den Saal und landete laut scheppernd vor meinen Füßen. Am Boden breitete sich eine orangerosa Moltebeersaftpfütze aus.

Doch niemand merkte, dass Wodol damit zu tun hatte, weil niemand außer mir gesehen hatte, wie er den Weihnachtsmann angestarrt hatte.

»Was war denn das?«, fragte Mary.

»Keine Ahnung«, sagte der Weihnachtsmann.

»Das war er«, rief ich und zeigte auf den schwarzbärtigen Übeltäter.

Im Saal wurde es auf einmal ganz still. Alle sahen mich erschrocken an. Sogar der Weihnachtsmann.

»Es war W-W-W…« Doch ich konnte den Satz nicht zu Ende sprechen, weil ich plötzlich den Mund nicht mehr aufbekam. Meine Lippen klemmten, als hielte sie jemand zu, doch es war niemand in der Nähe.

Und dann wurde mir klar: Das war Wodols Werk.

»Ich weiß nicht, wovon das Menschenkind redet«, sagte Wodol scheinheilig. »Jedenfalls ist es offensichtlich Unsinn.«

Ich wollte mich verteidigen, aber ich konnte nicht. Dann sah ich die besorgten Gesichter von Mary und dem Weihnachtsmann, und weil ich ihnen auf keinen Fall das Fest verderben wollte, zuckte ich nur mit den Schultern und brachte ein gepresstes Lächeln zustande.

Der Weihnachtsmann sah seine leere Hand an und dann die Pfütze zu meinen Füßen. Er schob die Unterlippe vor. »Ach, was soll’s, nur etwas verschütteter Saft. Wir sind hier, um zu feiern!« Er klatschte in die Hände. »Schlittenglöckchen, spielt noch ein Lied!«

Die Musik setzte wieder ein, die Wichtel drängten auf die Tanzfläche und wetteiferten im Spickeltanz. Ich tanzte auch, auf meine ziemlich unmagische Menschenart, bis Väterchen Wodol herüberkam und sich vor mir aufbaute.

Ich hatte ein bisschen Angst vor ihm, aber ich war fest entschlossen, mir nichts anmerken zu lassen. Also fragte ich: »Tanzt du gern?«

»Nein, ich tanze nicht gern«, sagte er. »Das Problem ist nämlich, dass du genau aufpassen musst, wo du hintrittst. Wenn du nur einen falschen Schritt machst, kann das bitterböse Konsequenzen haben.«

Ich lachte. »Ich glaube nicht, dass man das Tanzen so ernst nehmen sollte.«

Aber dann wurde mir klar, dass Wodol nicht vom Tanzen sprach, denn er sagte: »Ich spreche nicht vom Tanzen.«

»Oh.«

»Ich spreche von dir.«

»Und warum muss ich aufpassen, wo ich hintrete?«

»Weil du viel zu große Füße hast.«

»Wie bitte? Meine Füße sind genau richtig. Ich bin ein Mensch.«

»Eben.« Seine Augen wurden groß und funkelten. Er sah mich wütend an. »Du bist ein Mensch. Du gehörst nicht hierher.«

»Der Weihnachtsmann ist auch ein Mensch. Mary ist ein Mensch. Gehören sie etwa auch nicht hierher? Das scheinen die übrigen Wichtel aber anders zu sehen.«

Wodol kam näher, damit er ganz leise sprechen konnte. »Ha, du kennst die Wichtel schlecht. Ihre Launen sind wechselhaft, musst du wissen. Wenn du nur einen falschen Schritt tust, stellen sie sich alle gegen dich. Du wirst schon sehen. Dafür sorge ich.«

»Ich hab keine Angst vor dir.«

»Noch nicht«, sagte er. »Du hast noch keine Angst vor mir. Aber pass bloß auf, wo du deine großen Füße hinsetzt.«

Dann drehte er sich um und ging, und alle anderen waren zu beschäftigt, um zu bemerken, dass mein Lächeln verschwand. Ich hatte das unangenehme Gefühl, dass ich mir gerade den gemeinsten Wichtel von ganz Wichtelgrund zum Feind gemacht hatte, und darüber vergaß ich für den Rest des Abends vollkommen, dass am nächsten Morgen die Schule anfing.

Mein erstes Jahr in der Wichtelschule

ichtel waren klein, und Wichtelkinder noch kleiner. Ich war zwar auch noch ein Kind, aber selbst für ein Menschenkind ziemlich groß, so dass ich im Vergleich zu den Wichtelkindern unheimlich groß war.

In der Schule stieß ich mir ständig den Kopf oben am Türrahmen an, ich bekam die Beine kaum unter mein Pult, und wenn ich auf einem Stuhl saß, hatte ich das Gefühl, ich säße auf dem Boden. Die Hefte und die Stifte waren zu klein. Und die Klos – also, die Klos waren ein Witz.