Ich und Kaminski - Daniel Kehlmann - E-Book

Ich und Kaminski E-Book

Daniel Kehlmann

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Beschreibung

Mit kleineren Gelegenheitsarbeiten schlägt sich Sebastian Zöllner nach seinem Kunstgeschichtsstudium so durch, aber nun hat er einen ganz großen Fisch an der Angel: Er schreibt die Biographie des Malers Kaminski, der, entdeckt und gefördert einst von Matisse und Picasso, durch eine Pop-Art-Ausstellung, seine dunkle Brille und die Bildunterschrift "Painted by a blind man" weltberühmt wurde.

Inzwischen lebt Kaminski zurückgezogen in den Alpen und ist ein wenig in Vergessenheit geraten. Soll die Biographie noch rechtzeitig zum Ableben fertig werden, und dieser Termin lässt natürlich größere Aufmerksamkeit erwarten, dann ist Eile geboten. Zöllner, der zunächst mit alten Freunden und Feinden, mit Sammlern und Galeristen gesprochen hat, macht sich zum Objekt seiner Begierde auf den Weg, um exklusive O-Töne zu bekommen. Womit er nicht gerechnet hat: Kaminski ist abgeschirmt durch ein ganzes Heer von Vertrauten, und als es dem Biographen endlich trickreich gelingt, die Bewacher loszuwerden und den Maler auf eine tagelange Reise im Auto mitzunehmen, erkennt er, dass er dem Alten, blind oder auch nicht, in keiner Weise gewachsen ist.

Daniel Kehlmann hat einen hochironischen Roman geschrieben, in dem die Ereignisse immer neue und überraschende Wendungen nehmen, ein brillant witziges Verwirrspiel um Lebenslügen und Wahrheit, um Manipulation, um Moral und Kunst.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 183




Daniel Kehlmann

Ich und Kaminski

Roman

Suhrkamp

ebook Suhrkamp Verlag Berlin 2010

© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung,

des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung

durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form

(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)

ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert

oder unter Verwendung elektronischer Systeme

verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlaggestaltung: Lichtrausch.com, Darius Ghanai Fotos: Gordon Timpen, © 2015 X Verleih AG

www.suhrkamp.de

eISBN 978-3-518-73730-9

für Helena

Ich bin in der Tat ein einzigartiges Wesen. Werde ich nicht überall gut aufgenommen? Schenken mir nicht die bedeutendsten Köpfe ganz besondere Beachtung? Ich habe eine edle Seele, die immer wieder zum Vorschein kommt, ein gewisses Maß an Kenntnissen, alle möglichen Einfälle, einen originellen Humor und eine ebensolche Ausdrucksweise; dazu, so glaube ich, eine bemerkenswerte Menschenkenntnis.

James Boswell: Journal, 29. Dezember 1764

I

Ich wachte auf, als der Schaffner an die Abteiltür klopfte. Es sei kurz nach sechs, in einer halben Stunde seien wir am Ziel. Ob ich gehört hätte? Ja, murmelte ich, ja. Mühsam richtete ich mich auf. Ich hatte quer über drei Sitzen gelegen, allein im Abteil, mein Rücken tat weh, mein Nacken fühlte sich steif an. In meine Träume hatten sich hartnäckig Fahrtgeräusche, Stimmen auf dem Gang und Ansagen auf irgendwelchen Bahnsteigen gemischt; immer wieder war ich aus unangenehmen Träumen aufgeschreckt; einmal hatte jemand hustend von draußen die Abteiltür aufgerissen, und ich hatte aufstehen müssen, um sie zu schließen. Ich rieb mir die Augen und sah aus dem Fenster: Es regnete. Ich zog meine Schuhe an, holte meinen alten Rasierapparat aus dem Koffer und ging gähnend hinaus.

Aus dem Spiegel der Zugtoilette betrachtete mich ein blasses Gesicht, die Haare unordentlich, auf der Wange die Abdrücke der Sitzpolsterung. Ich schloß den Rasierer an, er funktionierte nicht. Ich öffnete die Tür, sah noch den Schaffner am anderen Ende des Waggons und rief, daß ich Hilfe bräuchte.

Er kam und blickte mich mit einem dünnen Lächeln an. Der Rasierer, sagte ich, funktioniere nicht, offenbar gebe es hier keinen Strom. Natürlich gebe es Strom, antwortete er. Nein, sagte ich. Doch, sagte er. Nein! Er zuckte die Achseln, dann seien es vielleicht die Leitungen, er könne jedenfalls nichts machen. Aber das sei doch das mindeste, sagte ich, was man von einem Schaffner erwarte! Nicht Schaffner, sagte er, Zugbegleiter. Ich sagte, das sei mir egal. Er fragte, wie ich das meine. Egal, sagte ich, wie man diesen überflüssigen Beruf nenne. Er würde sich, sagte er, von mir nicht beleidigen lassen, ich solle aufpassen, er könne mir auch in die Fresse hauen. Das möge er versuchen, sagte ich, ich würde mich ohnehin beschweren, er solle mir seinen Namen nennen. Er dächte nicht daran, sagte er, und ich stänke und bekäme eine Glatze. Dann wandte er sich ab und ging fluchend davon.

Ich schloß die Toilettentür und sah besorgt in den Spiegel. Natürlich war da keine Glatze; rätselhaft, wie der Affe darauf gekommen war. Ich wusch mir das Gesicht, ging ins Abteil zurück und zog mein Jackett an. Draußen reihten sich immer mehr Gleisstränge, Masten und elektrische Leitungen aneinander, der Zug wurde langsamer, schon war auch der Bahnsteig zu sehen: Werbetafeln, Telefonzellen, Leute mit Gepäckwagen. Der Zug bremste und hielt.

Ich schob mich den Gang entlang in Richtung Tür. Ein Mann rempelte mich an, ich stieß ihn zur Seite. Der Schaffner stand auf dem Bahnsteig, ich reichte meinen Koffer hinunter. Er nahm ihn, sah mich an, lächelte und ließ ihn auf den Asphalt plumpsen. »Entschuldigung!« sagte er grinsend. Ich stieg aus, nahm den Koffer und ging davon.

Einen Mann in Uniform fragte ich nach meinem Verbindungszug. Er warf mir einen langen Blick zu, dann holte er ein zerknittertes Büchlein hervor, tippte bedächtig mit dem Zeigefinger an seine Zunge und begann zu blättern.

»Haben Sie keinen Computer?«

Er sah mich fragend an.

»Egal«, sagte ich, »machen Sie weiter.«

Er blätterte, seufzte, blätterte weiter. »ICE sechs Uhr fünfunddreißig Gleis acht. Dann umsteigen …«

Ich ging schnell weiter, ich hatte keine Zeit für sein Geschwätz. Das Gehen fiel mir schwer, ich war es nicht gewöhnt, um diese Zeit schon wach zu sein. Auf Gleis acht stand mein Zug, ich stieg ein, betrat den Waggon, drückte eine fette Dame zur Seite, arbeitete mich auf den letzten freien Fensterplatz zu und ließ mich in den Sitz fallen. Nach ein paar Minuten fuhren wir los.

Mir gegenüber saß ein knochiger Herr mit Krawatte. Ich nickte ihm zu, er grüßte zurück und blickte woanders hin. Ich öffnete den Koffer, holte meinen Notizblock hervor und legte ihn auf das schmale Tischchen zwischen uns. Fast hätte ich sein Buch hinuntergestoßen, aber er konnte es gerade noch festhalten. Ich mußte mich beeilen, der Artikel hätte schon seit drei Tagen fertig sein sollen.

Hans Bahring, schrieb ich, hat also seinen vielen … Nein! … zahlreichen Versuchen, uns durch Einblicke, nein, schlecht recherchierte Einblicke ins Leben bedeutender, nein, prominenter, schon gar nicht. Ich überlegte. … historischer Persönlichkeiten zu Tode zu langweilen, jawohl, nun einen weiteren hinzugefügt. Seine eben erschienene Biographie des Künstlers, nein, Malers Georges Braque als mißraten zu bezeichnen wäre wahrscheinlich noch zu viel Ehre für ein Buch, das … Ich schob den Bleistift zwischen meine Lippen. Jetzt mußte etwas Treffendes kommen. Ich stellte mir Bahrings Gesicht beim Lesen des Artikels vor, trotzdem fiel mir nichts ein. Es machte weniger Spaß, als ich erwartet hatte.

Wahrscheinlich war ich einfach müde. Ich rieb mir das Kinn, die Stoppeln fühlten sich unangenehm an, ich mußte mich unbedingt rasieren. Ich legte den Bleistift weg und lehnte den Kopf an die Scheibe. Es begann zu regnen. Tropfen schlugen auf das Glas und zogen gegen die Fahrtrichtung davon. Ich blinzelte, der Regen wurde stärker, die Tropfen schienen im Zerplatzen Gesichter, Augen, Münder zu bilden, ich schloß die Augen, und während ich auf das Prasseln horchte, nickte ich ein: Für einige Sekunden wußte ich nicht, wo ich mich befand; mir war, als schwebte ich durch einen weiten, leeren Raum. Ich schlug die Augen auf: Über die Scheibe zog sich ein Wasserfilm, die Bäume neigten sich unter der Wucht des Regens. Ich schloß den Block und steckte ihn ein. Mir fiel auf, in welchem Buch der Mann vor mir las: Picassos letzte Jahre von Hans Bahring. Das gefiel mir nicht. Es kam mir vor, als sollte ich irgendwie verspottet werden.

»Schlimmes Wetter!« sagte ich.

Er sah für einen Moment auf.

»Nicht sehr gut, oder?« Ich zeigte auf Bahrings Machwerk.

»Ich finde es interessant!« sagte er.

»Weil Sie kein Experte sind.«

»Daran wird es liegen«, sagte er und blätterte um.

Ich lehnte meinen Kopf an die Nackenstütze, von der Nacht im Zug tat immer noch mein Rücken weh. Ich holte meine Zigaretten hervor. Der Regen ließ allmählich nach, schon tauchten die ersten Berge aus dem Dunst. Mit den Lippen zog ich eine Zigarette aus der Schachtel. Als ich das Feuerzeug aufschnappen ließ, fiel mir Kaminskis Stilleben von Feuer und Spiegel ein: ein zuckendes Gemisch heller Farbtöne, aus dem, als wollte sie die Leinwand verlassen, eine spitze Flamme sprang. Aus welchem Jahr? Ich wußte es nicht. Ich mußte mich besser vorbereiten.

»Das ist ein Nichtraucherwaggon.«

»Was?«

Der Mann zeigte, ohne aufzusehen, auf das Zeichen an der Scheibe.

»Nur ein paar Züge!«

»Das ist ein Nichtraucherwaggon«, wiederholte er.

Ich ließ die Zigarette fallen und trat sie aus, vor Wut biß ich die Zähne zusammen. Na schön, er wollte es so, ich würde nicht mehr mit ihm reden. Ich holte Komenews Anmerkungen zu Kaminski hervor, ein schlecht gedrucktes Taschenbuch mit einem unangenehmen Gestrüpp von Fußnoten. Es regnete nicht mehr, durch Risse in den Wolken zeigte sich blauer Himmel. Ich war immer noch sehr müde. Aber ich durfte nicht mehr schlafen, gleich mußte ich aussteigen.

Kurz darauf schlenderte ich frierend durch eine Bahnhofshalle, eine Zigarette zwischen den Lippen, in der Hand einen dampfenden Becher Kaffee. Auf der Toilette schloß ich meinen Rasierapparat an, er funktionierte nicht. Also auch hier kein Strom. Vor einer Buchhandlung war ein Drehständer mit Taschenbüchern: Bahrings Rembrandt, Bahrings Picasso und in der Auslage, natürlich, ein Hardcoverstapel von Georges Braque oder Die Entdeckung des Kubus. In einer Drogerie kaufte ich zwei Wegwerfrasierer und eine Tube Schaum. Der Regionalzug war fast leer, ich drückte mich in die weiche Sitzpolsterung und schloß sofort die Augen.

Als ich aufwachte, saß mir eine junge Frau mit roten Haaren, vollen Lippen und langen, schmalen Händen gegenüber. Ich sah sie an, sie tat so, als bemerkte sie es nicht. Ich wartete. Als ihr Blick meinen streifte, lächelte ich. Sie sah aus dem Fenster. Aber dann strich sie hastig ihre Haare zurück, ganz konnte sie ihre Nervosität nicht verbergen. Ich sah sie an und lächelte. Nach ein paar Minuten stand sie auf, nahm ihre Tasche und verließ den Waggon.

Dumme Person, dachte ich. Womöglich wartete sie jetzt im Speisewagen, aber mir war es egal, ich hatte keine Lust aufzustehen. Es war schwül geworden: Der Dunstschleier ließ die Berge abwechselnd nahe und fern erscheinen, an den Felswänden hingen zerfaserte Wolken, Dörfer flogen vorbei, Kirchen, Friedhöfe, Fabriken, ein Motorrad kroch einen Feldweg entlang. Dann wieder Wiesen, Wälder, Wiesen, Männer in Overalls schmierten dampfenden Teer auf eine Straße. Der Zug hielt, ich stieg aus.

Ein einziger Bahnsteig, ein rundes Vordach, ein kleines Haus mit Fensterläden, ein schnurrbärtiger Bahnwärter. Ich fragte nach meinem Zug, er sagte etwas, aber ich verstand seinen Dialekt nicht. Ich fragte noch einmal, er versuchte es wieder, wir sahen uns hilflos an. Dann führte er mich zu der Wandtafel mit den Abfahrtszeiten. Natürlich hatte ich gerade den Zug versäumt, und der nächste fuhr erst in einer Stunde.

Im Bahnhofsrestaurant war ich der einzige Gast. Dort hinauf? Das sei aber noch ein gutes Stück, sagte die Wirtin. Ob ich da Ferien machen wolle?

Im Gegenteil, sagte ich. Ich sei auf dem Weg zu Manuel Kaminski.

Es sei nicht die beste Jahreszeit, sagte sie, aber ein paar schöne Tage würde ich wohl haben. Das könne sie versprechen.

Zu Manuel Kaminski, wiederholte ich. Manuel Kaminski!

Kenne sie nicht, sagte sie, sei nicht aus der Gegend.

Ich sagte, er lebe seit fünfundzwanzig Jahren hier.

Also sei er nicht von hier, sagte sie, sie habe es ja gewußt. Die Küchentür flog auf, ein dicker Mann stellte eine fettglänzende Suppe vor mich hin. Ich betrachtete sie unsicher, aß ein wenig und sagte der Wirtin, wie schön ich es hier fände. Sie lächelte stolz. Auf dem Land, in der Natur, eben auch hier, in diesem Bahnhof. Weitab von allem, unter einfachen Menschen.

Sie fragte, wie ich das meine.

Nicht unter Intellektuellen, erklärte ich, verkünstelten Angebern mit Universitätsabschluß. Unter Leuten, die noch ihren Tieren nahe wären, ihren Feldern, den Bergen. Die früh schlafen gingen, früh aufständen. Die lebten, und nicht dachten!

Sie sah mich stirnrunzelnd an und ging hinaus; ich legte das Geld abgezählt auf den Tisch. Auf der wunderbar sauberen Toilette rasierte ich mich: Ich war noch nie geschickt darin gewesen, der Schaum mischte sich mit Blut, und als ich ihn abgewaschen hatte, zogen sich dunkle Streifen über mein plötzlich rot und nackt aussehendes Gesicht. Eine Glatze? Unbegreiflich, wie er darauf gekommen war! Ich schüttelte den Kopf, mein Spiegelbild tat das gleiche.

Der Zug war winzig. Nur zwei Waggons hinter einer kleinen Lokomotive, hölzerne Sitze, keine Kofferablage. Zwei Männer in groben Kitteln, eine alte Frau. Sie sah mich an und sagte etwas Unverständliches, die Männer lachten, wir fuhren los.

Es ging steil bergauf. Die Schwerkraft drückte mich gegen das Holz, als sich der Zug in die Kurve lehnte, fiel mein Koffer um, einer der Männer lachte, ich warf ihm einen wütenden Blick zu. Noch eine Kurve. Und noch eine. Mir wurde schwindlig. Neben uns öffnete sich die Schlucht: ein steil abfallender Grashang mit bizarren Disteln und in den Boden gekrallten Nadelbäumen. Wir fuhren durch einen Tunnel, die Schlucht sprang auf unsere rechte und, noch ein Tunnel, zurück auf die linke Seite. Es roch nach Kuhmist. Ein dumpfes Druckgefühl legte sich auf meine Ohren, ich schluckte, und es verschwand, aber nach ein paar Minuten kam es wieder und blieb. Nun gab es schon keine Bäume mehr, nur umzäunte Almen und die Umrisse der Berge jenseits des Abhangs. Noch eine Kurve, der Zug bremste, mein Koffer fiel zum letzten Mal um.

Ich stieg aus und zündete eine Zigarette an. Das Schwindelgefühl ließ nach. Hinter dem Bahnhof war die Dorfstraße, dahinter ein zweistöckiges Haus mit verwitterter Holztür und offenen Fensterläden: Pension Schönblick, Frühstück, gute Küche. Ein Hirschkopf sah mich trüb aus einem Fenster an. Nichts zu machen, hier hatte ich reserviert, alles andere war zu teuer.

An der Rezeption stand eine große Frau mit aufgesteckter Frisur. Sie sprach langsam und gab sich Mühe, trotzdem mußte ich mich konzentrieren, um sie zu verstehen. Ein zotteliger Hund beschnüffelte den Boden. »Bringen Sie den Koffer auf mein Zimmer«, sagte ich, »dann brauche ich noch ein zusätzliches Kissen, eine Decke und Papier! Viel Papier. Wie komme ich zu Kaminski?«

Sie legte zwei Wulsthände auf den Rezeptionstisch und sah mich an. Der Hund fand irgend etwas und fraß es geräuschvoll auf.

»Er wartet auf mich«, sagte ich. »Ich bin kein Tourist. Ich bin sein Biograph.«

Sie schien nachzudenken. Der Hund drückte die Nase gegen meinen Schuh. Ich widerstand dem Wunsch, ihn zu treten.

»Hinter dem Haus«, sagte sie, »den Weg hinauf. Eine halbe Stunde, das Haus mit dem Turm. Hugo!«

Ich brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, daß das dem Hund gegolten hatte. »Es fragen wohl oft Leute nach ihm?«

»Wer?«

»Ich weiß nicht. Urlauber. Bewunderer. Irgend jemand.«

Sie zuckte die Achseln.

»Wissen Sie überhaupt, wer dieser Mann ist?«

Sie schwieg. Hugo grunzte und ließ etwas aus dem Maul fallen; ich bemühte mich, nicht hinzusehen. Ein Traktor tuckerte am Fenster vorbei. Ich bedankte mich und ging hinaus.

Der Weg begann hinter dem Halbrund des Hauptplatzes, hob sich in zwei Windungen über die Dächer und führte durch ein bräunliches Schotterfeld. Ich holte tief Luft und ging los.

Es war schlimmer, als ich erwartet hatte. Schon nach wenigen Schritten klebte mir das Hemd am Körper. Aus den Wiesen stieg warmer Dampf, die Sonne brannte, Schweiß lief mir über die Stirn. Als ich keuchend stehenblieb, hatte ich gerade zwei Serpentinen geschafft.

Ich zog das Jackett aus und legte es mir um die Schultern. Es fiel zu Boden; ich versuchte, mir die Ärmel um die Hüften zu binden, Schweiß geriet mir in die Augen, ich wischte ihn weg. Ich schaffte wieder zwei Serpentinen, dann mußte ich rasten.

Ich setzte mich auf den Boden. Eine Mücke sirrte, ein hoher Ton, der abrupt aufhörte, um meinen Kopf; Sekunden später begann meine Wange zu jucken. Die Nässe des Grases drang durch meine Hose. Ich stand auf.

Es kam wohl vor allem darauf an, den richtigen Rhythmus zwischen Schritten und Atemzügen zu finden. Aber es gelang nicht, immer wieder mußte ich Pausen machen, bald war ich am ganzen Körper naß, mein Atem ging kurz und rasselnd, die Haare klebten mir im Gesicht. Etwas brummte, ich sprang erschrocken zur Seite, ein Traktor überholte mich. Der Mann im Fahrersitz sah mich gleichgültig an, sein Kopf wippte mit den Stößen des Motors.

»Kann ich mitfahren?« brüllte ich. Er beachtete mich nicht. Ich versuchte Schritt zu halten, fast hätte ich es geschafft, aufzuspringen. Doch dann fiel ich zurück und konnte ihn nicht mehr einholen, ich sah zu, wie er davonkletterte, schrumpfte und um die letzte Biegung verschwand. Noch eine ganze Weile hing sein Dieselgeruch in der Luft.

Eine halbe Stunde später stand ich oben, atmete schwer und hielt mich benommen an einem Holzpfahl fest. Als ich mich umdrehte, schien der Hang in die Tiefe und der Himmel in die Höhe zu schnellen, alles kippte vornüber, ich klammerte mich an den Pfahl und wartete, bis der Schwindelanfall vorüberging. Um mich war schütteres Gras, durchmischt mit Schotter, vor mir fiel der Weg sachte ab. Ich folgte ihm langsam, nach zehn Minuten endete er in einem kleinen, nach Süden offenen Felskessel mit drei Häusern, einem Parkplatz und einer ins Tal führenden Asphaltstraße.

Tatsächlich: Eine breite, geteerte Straße! Ich hatte einen gewaltigen Umweg genommen; außerdem hätte ich mit dem Taxi herauffahren können. Ich dachte an meine Wirtin: Das würde ihr noch leid tun! Auf dem Platz parkten, ich zählte nach, neun Autos. Auf dem ersten Türschild stand Clure, auf dem zweiten Dr. Günzel, auf dem dritten Kaminski. Ich betrachtete es eine Weile. Ich mußte mich an den Gedanken gewöhnen, daß er wirklich hier wohnte.

Das Haus war groß und unschön: zwei Stockwerke und ein spitzer Zierturm in klobig nachgeahmtem Jugendstil. Vor dem Gartentor parkte ein grauer BMW; ich betrachtete ihn neidisch, so einen Wagen hätte ich gerne einmal gefahren. Ich strich meine Haare zurück, zog das Jackett an und betastete den Mückenstich auf meiner Wange. Die Sonne stand schon niedrig, mein Schatten fiel schmal und länglich vor mir auf den Rasen. Ich läutete.

II

Schritte näherten sich, ein Schlüssel wurde herumgedreht, die Tür sprang auf, und eine Frau in einer dreckigen Schürze sah mich prüfend an. Ich sagte meinen Namen, sie nickte und schloß die Tür.

Gerade als ich noch einmal läuten wollte, ging die Tür wieder auf: eine andere Frau, Mitte vierzig, groß gewachsen und mager, schwarze Haare und fast asiatisch schmale Augen. Ich sagte meinen Namen, mit einer knappen Handbewegung bedeutete sie mir, hereinzukommen. »Wir haben Sie erst übermorgen erwartet!«

»Ich habe es früher geschafft.« Ich folgte ihr durch einen möbellosen Flur, an dessen Ende eine Tür offenstand; von dort hörte ich durcheinanderredende Stimmen. »Ich hoffe, das macht keine Umstände.« Ich gab ihr Zeit, damit sie beteuern konnte, es mache keine, aber sie tat es nicht. »Das mit der Straße hätten Sie mir aber sagen können! Ich bin einen Feldweg heraufgekommen, ich hätte abstürzen können. Sie sind die Tochter?«

»Miriam Kaminski«, sagte sie kühl und öffnete eine andere Tür. »Warten Sie bitte!«

Ich ging hinein. Ein Sofa und zwei Stühle, auf dem Fensterbrett ein Radio. An der Wand hing das Ölbild einer dämmrigen Hügellandschaft; vermutlich Kaminskis mittlere Periode, frühe fünfziger Jahre. Über der Heizung war die Wand rußig verfärbt, an ein paar Stellen hingen Staubfäden von der Decke, bewegt von einem nicht spürbaren Luftzug. Ich wollte mich setzen, aber in diesem Moment kamen Miriam und, ich erkannte ihn sofort, ihr Vater herein.

Ich hatte nicht damit gerechnet, daß er so klein war, so winzig und unförmig im Vergleich zu der schlanken Gestalt auf alten Abbildungen. Er trug einen Pullover und eine undurchsichtige schwarze Brille, die eine Hand lag auf Miriams Arm, die andere stützte sich auf einen weißen Spazierstock. Seine Haut war braun und auf ledrige Art faltig, die Wangen hingen schlaff herab, seine Hände wirkten übergroß, die Haare standen wirr um seinen Kopf. Er trug abgewetzte Cordhosen und Turnschuhe, der rechte war nicht zugebunden, und die Schnürsenkel schleiften hinter ihm her. Miriam führte ihn zu einem Stuhl, er tastete nach der Armlehne und setzte sich. Sie blieb stehen und sah mich aufmerksam an.

»Sie heißen Zöllner«, sagte er.

Ich zögerte, es hatte nicht wie eine Frage geklungen, auch mußte ich einen Moment grundloser Schüchternheit überwinden. Ich streckte die Hand aus, begegnete Miriams Blick und zog sie wieder zurück; natürlich, ein dummer Fehler! Ich räusperte mich. »Sebastian Zöllner.«

»Und wir warten auf Sie.«

War das nun eine Frage gewesen? »Wenn es Ihnen recht ist«, sagte ich, »können wir sofort beginnen. Ich habe alle Vorarbeiten gemacht.« Tatsächlich, ich war fast zwei Wochen lang unterwegs gewesen. Ich hatte noch nie soviel Zeit einer einzigen Sache gewidmet. »Sie werden überrascht sein, wie viele alte Bekannte ich gefunden habe.«

»Vorarbeit …!« wiederholte er. »Bekannte.«

Leichte Unruhe stieg in mir auf. Verstand er, was ich sagte? Seine Kiefer bewegten sich, er legte den Kopf schief und schien, aber natürlich war das eine Täuschung, an mir vorbei auf das Bild an der Wand zu sehen. Ich blickte Miriam hilfesuchend an.

»Mein Vater hat wenig alte Bekannte.«

»So wenige nicht«, sagte ich. »Allein in Paris …«

»Sie müssen entschuldigen«, sagte Kaminski. »Ich komme gerade aus dem Bett. Ich habe zwei Stunden lang versucht einzuschlafen, dann habe ich eine Schlaftablette genommen und bin aufgestanden. Ich brauche Kaffee.«

»Du darfst keinen Kaffee trinken«, sagte Miriam.

»Eine Schlaftablette vor dem Aufstehen?« fragte ich.

»Ich warte immer bis zum Schluß, für den Fall, daß ich es allein schaffe. Sie sind mein Biograph?«

»Ich bin Journalist«, sagte ich, »schreibe für mehrere große Zeitungen. Zur Zeit arbeite ich an Ihrer Lebensgeschichte. Ich habe noch ein paar Fragen, von mir aus können wir morgen anfangen.«

»Artikel?« Er hob eine seiner riesigen Hände und strich sich über das Gesicht. Seine Kiefer bewegten sich. »Morgen?«

»Vor allem werden Sie mit mir arbeiten«, sagte Miriam. »Er braucht Ruhe.«

»Ich brauche keine Ruhe«, sagte er.

Ihre andere Hand legte sich auf seine andere Schulter, sie lächelte mich über seinen Kopf hinweg an. »Die Ärzte sehen das anders.«

»Ich bin für jede Hilfe dankbar«, sagte ich vorsichtig. »Aber natürlich ist Ihr Vater der wichtigste Gesprächspartner. Die Quelle schlechthin.«

»Ich bin die Quelle schlechthin«, sagte er.

Ich rieb mir die Schläfen. Das lief nicht gut. Ruhe? Ich brauchte auch Ruhe, jeder brauchte Ruhe. Lächerlich! »Ich bin ein großer Anhänger Ihres Vaters, seine Bilder haben die Art verändert … wie ich die Dinge sehe.«

»Aber das stimmt doch nicht«, sagte Kaminski.

Ich begann zu schwitzen. Natürlich stimmte das nicht, aber ich hatte noch nie einen Künstler getroffen, der diesen Satz nicht glaubte. »Ich schwöre Ihnen!« Ich legte eine Hand auf mein Herz, erinnerte mich, daß diese Geste bei ihm keine Wirkung haben konnte, und zog sie schnell wieder weg. »Einen größeren Bewunderer als Sebastian Zöllner haben Sie nicht.«

»Wen?«

»Mich.«

»Ach ja.« Er hob den Kopf und senkte ihn wieder, für eine Sekunde war mir, als hätte er mich angesehen.

»Wir sind froh, daß Sie diese Arbeit übernehmen«, sagte Miriam, »es gab mehrere Anfragen, aber …«

»So viele gab es nicht«, sagte Kaminski.

»… Ihr Verleger hat Sie sehr empfohlen. Er hält viel von Ihnen.«