Ich warte… - Leni Behrendt - E-Book

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Leni Behrendt

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Beschreibung

Leni Behrendt nimmt längst den Rang eines Klassikers der Gegenwart ein. Mit großem Einfühlungsvermögen charakterisiert sie Land und Leute. Über allem steht die Liebe. Leni Behrendt entwickelt Frauenschicksale, wie sie eindrucksvoller nicht gestaltet werden können. Es fror, daß es knackte. Sehnsüchtig schauten die Menschen, die an der stattlichen Villa vorüberhasteten, nach den Fenstern, die hellen Lichtschein nach draußen warfen. Traulich schimmerte es durch die dickbereiften Äste der Bäume des Vorgartens, und Musik, die gedämpft bis zu den Schauenden hinüberwehte, ließ vermuten, daß glückliche Menschen dort ein Fest feierten. Eben bog ein Auto von der Straße ab, fuhr durch das geöffnete Tor und hielt vor dem Portal des Hauses. Die Menschen hatten es gut! Die brauchten an diesem eiskalten Januarabend nicht zu Fuß zu gehen, sondern konnten es sich im geheizten Wagen wohl sein lassen. Wer es doch auch so gut haben könnte! Mißmutig hasteten die frierenden Straßenpassanten weiter und dachten neiderfüllt darüber nach, wie ungerecht das Leben doch die Glücksgüter an die Menschen verteilte; sie vergaßen, daß nicht alles Gold ist, was glänzt. Es pflegt ja nicht jede glänzende Hülle auch einen glänzend blanken Kern zu bergen –, denn unter so manchem elegantem Frack und unter manch einer berauschenden Toilette schlägt ein sorgenumdüstertes Herz. Jedenfalls hätten die Unzufriedenen mit den Bewohnern der Prachtvilla wohl nicht getauscht, hätten sie geahnt, welche schwere Sorge sie bedrückte. Dann wären sie zufriedener in ihre bescheidenen, teils sogar recht behaglichen Heime zurückgekehrt und dem Lenker aller Geschicke dankbar gewesen, daß ihre Sorgen und Nöte im Vergleich doch kleiner waren. In der Villa des Bankiers Brotterling war nämlich unter der glänzenden Hülle alles morsch, und das Schicksal, das bereits die Faust drohend erhoben hielt, konnte mit einem einzigen Schlag all die glitzernde Pracht in sich zusammensinken lassen. Der Mann, der sich leichtsinnig und gründlich verspekulierte, hatte sozusagen mehr Gläubiger als Haare auf dem Kopf. Die letzte Chance der Familie war nunmehr die einundzwanzigjährige Tochter Geraldine mit ihrer köstlichen, aparten Schönheit. Freier gab es für sie genug, die als Glücksritter hinter der als reich geltenden Erbtochter her waren. Doch die Ratten verließen das Schiff, als sie merkten, daß es langsam, aber stetig sank. Nur Eric Gollgub, ein liebenswürdiger Mensch von fünfundzwanzig Jahren, hatte sich an der Schönheit der stolzen und herben Geraldine so sehr berauscht, daß es ihm ganz gleichgültig war, ob sie reich war oder nicht. Geld spielte bei ihm keine Rolle, und das war es, was nun wiederum bei den Brotterlings die größte Rolle spielte. Also besann sich das verwöhnte Mädchen nicht einen Augenblick, die Werbung des jungen Mannes anzunehmen. Warum auch nicht?

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Leni Behrendt Bestseller – 43 –Ich warte…

Leni Behrendt

Es fror, daß es knackte. Sehnsüchtig schauten die Menschen, die an der stattlichen Villa vorüberhasteten, nach den Fenstern, die hellen Lichtschein nach draußen warfen. Traulich schimmerte es durch die dickbereiften Äste der Bäume des Vorgartens, und Musik, die gedämpft bis zu den Schauenden hinüberwehte, ließ vermuten, daß glückliche Menschen dort ein Fest feierten.

Eben bog ein Auto von der Straße ab, fuhr durch das geöffnete Tor und hielt vor dem Portal des Hauses. Die Menschen hatten es gut! Die brauchten an diesem eiskalten Januarabend nicht zu Fuß zu gehen, sondern konnten es sich im geheizten Wagen wohl sein lassen. Wer es doch auch so gut haben könnte!

Mißmutig hasteten die frierenden Straßenpassanten weiter und dachten neiderfüllt darüber nach, wie ungerecht das Leben doch die Glücksgüter an die Menschen verteilte; sie vergaßen, daß nicht alles Gold ist, was glänzt. Es pflegt ja nicht jede glänzende Hülle auch einen glänzend blanken Kern zu bergen –, denn unter so manchem elegantem Frack und unter manch einer berauschenden Toilette schlägt ein sorgenumdüstertes Herz.

Jedenfalls hätten die Unzufriedenen mit den Bewohnern der Prachtvilla wohl nicht getauscht, hätten sie geahnt, welche schwere Sorge sie bedrückte. Dann wären sie zufriedener in ihre bescheidenen, teils sogar recht behaglichen Heime zurückgekehrt und dem Lenker aller Geschicke dankbar gewesen, daß ihre Sorgen und Nöte im Vergleich doch kleiner waren.

In der Villa des Bankiers Brotterling war nämlich unter der glänzenden Hülle alles morsch, und das Schicksal, das bereits die Faust drohend erhoben hielt, konnte mit einem einzigen Schlag all die glitzernde Pracht in sich zusammensinken lassen.

Der Mann, der sich leichtsinnig und gründlich verspekulierte, hatte sozusagen mehr Gläubiger als Haare auf dem Kopf.

Die letzte Chance der Familie war nunmehr die einundzwanzigjährige Tochter Geraldine mit ihrer köstlichen, aparten Schönheit. Freier gab es für sie genug, die als Glücksritter hinter der als reich geltenden Erbtochter her waren. Doch die Ratten verließen das Schiff, als sie merkten, daß es langsam, aber stetig sank.

Nur Eric Gollgub, ein liebenswürdiger Mensch von fünfundzwanzig Jahren, hatte sich an der Schönheit der stolzen und herben Geraldine so sehr berauscht, daß es ihm ganz gleichgültig war, ob sie reich war oder nicht. Geld spielte bei ihm keine Rolle, und das war es, was nun wiederum bei den Brotterlings die größte Rolle spielte.

Also besann sich das verwöhnte Mädchen nicht einen Augenblick, die Werbung des jungen Mannes anzunehmen. Warum auch nicht? Sie mochte ihn gern, und er besaß das Geld, um sie und die Ihren aus der jetzigen mißlichen Lage zu erlösen. An die himmelstürmende Liebe glaubte die skeptische Geraldine nämlich nicht. Es genügte ihr vollkommen, daß sie sich den Mann als ihren Gatten denken konnte, ohne dabei mit Widerstreben kämpfen zu müssen. Sie konnte an seiner Seite das Leben fortführen, an das sie von Jugend auf gewöhnt war. Außerdem würde bei seiner Nachgiebigkeit ihr Wille in der Ehe herrschend sein, und das verlangte und erwartete sie nun einmal.

Jedenfalls atmete, als Geraldine sich entschieden hatte, die ganze Familie Brotterling, vom Vater bis zur jüngsten Tochter, erlöst auf. Sie wußten ja alle, daß sie einem Abgrund zugetaumelt waren, in dessen grausiger Tiefe Not und Elend grinsten.

Man arrangierte ein glänzendes Fest, an dem zur Überraschung der Gäste die Verlobung der älteren Tochter des Hauses bekanntgegeben werden sollte.

Allein, der Mensch denkt …

Kurz vor Eintreffen der Gäste brachte ein Bote einen Brief, einen ganz gewöhnlichen Brief nur, dessen Inhalt jedoch von niederschmetternder Bedeutung war. Schwarz auf weiß konnte man darin lesen, daß der mit Freuden erwartete Retter in der Not gar nicht in Erscheinung treten würde, weil sein Vater, der gestern spät von einer längeren Auslandsreise nach Hause zurückgekehrt sei, in dürren Worten erklärte, sein Filius müßte sich nach einer reichen Frau umsehen, weil es um die Finanzen des Hauses Gollgub kläglich bestellt wäre, was der Sohn allerdings bisher nicht gewußt hätte. Daher möge man entschuldigen, daß er von der Verlobung zurückträte, worüber er schier verzweifelte, aber es wäre geradezu eine Sünde, wenn er jetzt noch … Und so weiter, und so weiter … Phrasen und Beteuerungen.

Aus der Traum!

Völlig verstört stand Familie Brotterling festlich geschmückt im Empfangsraum beieinander. Die Gäste mußten jeden Augenblick eintreffen. Nebenan spielte bereits eine kleine Kapelle, die lange Tafel war festlich gedeckt, die Festräume erstrahlten im hellen Lichterglanz.

»Das ist unser Ende«, ächzte der Hausherr, während er mit zitternder Hand das Taschentuch zog und sich den Angstschweiß von der Stirn wischte. »Wenn das meine Gläubiger erfahren, die sich ja nur noch beschwichtigen ließen, weil ich ihnen von der glänzenden Partie meiner Tochter Andeutungen machte, die sich nun als Trugschluß erweist, dann ziehen sie mir die Schlinge, die ich schon längst am Hals trage, erbarmungslos zu.«

»Außerdem die Blamage!« jammerte Frau Amelie Brotterling, wurde jedoch vom Sohn ungeduldig unterbrochen.

»Laß das, Mama! Das dürfte jetzt doch wohl unsere geringste Sorge sein. Du scheinst immer noch nicht zu begreifen, was der Rückzug Gollgubs für uns bedeutet. Ob es wirklich um das Haus so schlecht steht, Vater?«

»Ach, woher denn …«, winkte dieser müde ab. »Er hatte doch einen beträchtlichen Batzen als Einlage allein schon bei uns, den er jedoch in den letzten Monaten allmählich abholte, bevor er ins Ausland reiste. Wahrscheinlich hat er nicht gewußt, daß sein Sohn sich um Geraldine bewarb, und als er davon erfuhr, machte er sich auf und kam gerade noch zurecht, um die Eselei des Jungen, wie er es sicherlich nennt, vor Toresschluß zu verhüten. Und was machen wir nun? Ich sehe keinen Ausweg.«

»Guten Abend«, kam eine dunkle Männerstimme von der Tür her. Die Köpfe der verstörten Menschen fuhren herum, und fünf Augenpaare starrten auf die hochgewachsene Gestalt, die nun rasch nähertrat.

O ja, sie wirkt sich schon segensreich aus, die gesellschaftliche Gewandtheit, gepaart mit Selbstdisziplin. Sie gibt den Menschen Halt und Stütze, läßt sie lächeln, wenn ihnen gewiß nicht danach ist.

»Oh, Graf Thraun!« lächelte rasch gefaßt die Hausherrin, indem sie liebenswürdig dem ersten Gast ihre sehr gepflegte Hand reichte, über die er sich artig beugte. »Seien Sie uns herzlich willkommen!«

Die Begrüßung mit den andern folgte, und dann sprach der Gast lächelnd, als handle es sich um eine ganz alltägliche Sache:

»Ich stand bereits eine ganze Weile in der Tür und bin nun im Bilde. Darf ich bitten, mein gnädiges Fräulein, mich als Lückenbüßer zu betrachten? Ich habe schon hie und da in solcher Eigenschaft fungiert und mich dabei als zuverlässig erwiesen. Schlagen wir einmal den Leuten ein Schnippchen, die soeben befrackt und seidenglänzend durch die Tür kommen, als hätten sie sich verabredet, geschlossen hier anzutreten. Bringen wir sie um eine Sensation.«

Ehe Geraldine etwas erwidern konnte, waren schon die ersten Gäste heran, und die andern standen sozusagen Schlange, wie nach Lebensmitteln in böser Zeit. Am laufenden Band erfolgte die Begrüßung. Und so harmlos man auch tat, so konnte man den Augen doch nicht recht gebieten, in denen es beim Anblick des Grafen Thraun, der wie selbstverständlich neben der älteren Tochter des Hauses stand, überrascht und neugierig aufblitzte. Und so erging es allen Gästen, die noch erschienen.

Die Haltung der Familie Brotterling war wirklich bewundernswert. Obwohl sie alle verständlicherweise sehr erregt waren, ließen sie nichts davon merken. Selbst die Jüngste, die siebzehnjährige Inga, besaß schon so viel gesellschaftlichen Schliff, um sich gut zu beherrschen. Sie fragte sich nur immer wieder bang: Lieber Himmel, was hat der Mann vor, was soll das überhaupt bedeuten und wie soll das enden?

Ehe man zu Tisch ging, gelang es dem Hausherrn, Elard Thraun unauffällig zur Seite zu ziehen und erregt zu fragen:

»Was soll das eigentlich bedeuten, Herr Graf?«

»Daß Sie die Verlobung Ihrer Tochter mit mir bekanntgeben können, Herr Brotterling.«

»Mann, ich kenne Sie ja kaum!« brauste der besorgte Vater nun auf. »Ich weiß nicht einmal so recht, wer Sie sind.«

»Das ist augenblicklich auch gar nicht wichtig«, kam es mit aufreizender Gelassenheit zurück. »Viel wichtiger ist es, Ihre Tochter vor den Lästerzungen zu schützen, und Sie selbst vor dem Vorgehen Ihrer Gläubiger.«

»Und warum wollen Sie das für uns tun?« Es traf ihn ein durchdringender Blick aus den Augen des Geschäftsmannes, dem er lächelnd standhielt.

»Um zu helfen, Herr Brotterling. Das tue ich immer, wenn Menschen mir dessen wert erscheinen.«

»Wenn sich das wirklich so verhält, und wenn ich Ihnen trauen darf …«

»Das dürfen Sie, Herr Brotterling.«

»Nun denn, ich nehme Ihr hochherziges Anerbieten bedingungslos an. Nur meine Tochter, sie ist sehr stolz.«

»Eben darum.«

»Weiß der Kuckuck, Sie sind der sonderbarste Mensch, der mir bisher vorgekommen ist«, polterte der Bankier nun los, halb unwirsch, halb gerührt. »Hier haben Sie meine Hand.«

Die Hände fanden sich zu festem Druck, wobei Thraun herzlich lachte und den andern mitriß. Alle, die das Duett hörten, mußten annehmen, daß die beiden Herren schon recht vertraut miteinander wären. Man war nun wirklich neugierig.

Tatsächlich, mit einer bezwingenden Ritterlichkeit verneigte der Graf sich vor der ältesten Tochter des Hauses und führte sie zu Tisch. Ihr inneres Widerstreben dabei merkte niemand, zumal sie sich dazu zwang, eine frohe Miene zu zeigen. Sie wußte nur zu genau, daß sie und der hochgewachsene Mann an ihrer Seite im Brennpunkt der Neugier standen, und eine Blöße pflegte sich die stolze Geraldine Brotterling niemals zu geben. Sie war zu heimisch in den Salons, um nicht Klatsch und Tratsch zu kennen und zu fürchten.

Äußerlich also tat sie frohbewegt, doch innerlich war sie aufs tiefste empört über die Dreistigkeit des Mannes, der vor einigen Monaten in der Gesellschaft aufgetaucht war, und von dem niemand so recht wußte, woher er eigentlich kam. War er ein Verwandter des Grafen Thraun, der vor mehr als dreißig Jahren auf der Herrschaft Thraunfels gesessen und dann plötzlich bei Nacht und Nebel verschwunden war, eine Menge Schulden hinterlassend? Allerdings hatte er sie nach und nach getilgt, ohne jedoch dabei in Erscheinung zu treten. Herr von Schanz auf Lossen war derjenige, der den Gläubigern zu ihrem Geld, das sie schon verloren geglaubt, verhalf. Er setzte auch einen tüchtigen Verwalter über Thraunfels und schwieg im übrigen wie ein Grab. Gleichfalls der Kastellan nebst Frau. Sie betreuten das alte, feudale Schloß und taten dumm, wenn Neugierige sie ausfragen wollten.

Allerdings verirrte sich kaum jemand nach Thraunfels, weil es schwer zu erreichen war. Die eine Seite nur vom Ostseestrand, von dem Treppen zum hochgelegenen Schloß emporführten, die andere über eine Allee, deren Betreten Unbefugten untersagt war, wie ein großes Schild deutlich kundtat. Wer zum Wirtschaftshof wollte, der mußte einen andern Weg wählen.

Also lag Schloß Thraunfels wie ein verwunschenes Gebiet. Im großen Park wucherte es lustig wie in Dornröschens Reich. Denn um den zu pflegen, dazu gehörten mehr Hände als die beiden des Kastellans. Und seine rührige, rundliche Ehehälfte zeigte mehr Interesse für den Obst- und Gemüsegarten. Darin herrschte allerdings peinlichste Ordnung, ebenso wie im Wirtschaftsbereich des biederen Verwalters Loduschat. Der steckte seine große Nase gehörig in alles, was ihn anging. Dazu gehörten jedoch nicht Schloß und Park; das überstieg seine Kompetenz, wie er selbst behauptete.

So träumte das Prachtgebäude denn Jahrzehnte hindurch weltvergessen dahin. Nur zweimal im Jahr erwachte Leben darin. Und zwar im Frühjahr und im Herbst, wenn Muttchen Argeweit, die Kastellansfrau, mit einem Heer von Scheuerfrauen nebst Besen und Lappen und viel Wasser und Seife den unbewohnten Räumen zu Leibe ging. Kein Eckchen blieb verschont, bis alles blitzblank war. Dann rollten die Jalousien wieder über die blinkenden Scheiben, und das Schloß träumte weiter.

Bis – ja, bis der Mann plötzlich auftauchte, der jetzt an der Seite der schönen Geraldine Brotterling saß. Da kam Leben in die Bude, wie die drei Getreuen in Thraunfels schmunzelnd verrieten.

Ganze Märchen spannen sich um ihn, der da so selbstverständlich Besitz von dem alten Feudalsitz ergriff. Manche hielten ihn sogar für einen Abenteurer, der seinen Namen nicht zu Recht führte. Aber viel Geld schien er zu haben, also öffneten sich ihm alle Türen zu den Salons der Gesellschaft.

Daher war er auch den Brotterlings bekannt, die ihn auf jedem Fest als eine Art Glanzstück serviert bekamen. Also luden sie ihn, dem Beispiel der andern folgend, selbstverständlich auch ein, ob er nun wirklich ein Graf Thraun war oder nicht. Da ging man schließlich kein größeres Risiko ein als die andern auch. Aber ihn als Schwiergersohn in die Familie aufzunehmen, das schien denn doch gewagt.

Keiner der Gäste hatte eine Ahnung, wie wenig wohl dem Gastgeber in seiner Haut war, als er die Verlobung seiner Tochter mit dem Geheimnisvollen bekanntgab.

Zuerst fassungsloses Staunen. Ja, wie denn, sollte Eric Gullgub nicht der Auserwählte sein?

Man witterte eine Sensation. Endlich wieder einmal etwas Außergewöhnliches, das man in Kaffeekränzchen und Klubs zungenfertig durchhecheln konnte!

Man gratulierte mit großem Wortschwall, mit überströmender Liebenswürdigkeit, und die Gläubiger konnten den Strick, den sie dem Bankier schon um den Hals gelegt, wieder fortziehen. Nun, ihnen sollte es recht sein; so blieb man mit dem Brotterling wenigstens gut Freund.

Nun gab man sich allgemein mit Vergnügen dem Fest hin. Nur fünf Menschen unter ihnen umspannte es wie ein Eisenring das Herz, dem Gastgeberpaar und seinen drei Kindern. Vor allem Geraldine war es erbärmlich zumute.

Sie hätte weinen mögen und mußte statt dessen ein frohes Gesicht zeigen, weil sich das ja wohl für eine Braut geziemte. Plauderte mit dem Mann, der ihr von allen Gästen am wenigsten vertraut war, und wünschte sehnlichst, aus der Schaustellung endlich herauszukommen. Zuckte gequält zusammen, als Thraun sie später zum Tanz holte und den Arm um sie legte. Sie sprach kein Wort, was ihn aber absolut nicht störte. Um so mehr sprach er unbekümmert drauflos. Die Zähne blitzten nur so durch die scharfgeschnittenen Lippen, wenn ein Lachen sie umzuckte. Ein Glück für sie, daß er nicht so taktlos war und sich Vertraulichkeiten erlaubte, wozu er als ihr Verlobter das Recht besaß. Mit keinem Wort erwähnte er die heikle Angelegenheit, befleißigte sich überhaupt eines ritterlichen Benehmens.

Als man sich während einer kurzen Tanzpause an allerlei Leckerbissen gütlich tat, gelang es Geraldine, sich zur Terrasse zu schleichen. Nur für einige Minuten dem Trubel entrinnen!

Gierig zog sie die kalte Luft durch die Nase, ließ den eisigen Wind ungehindert ihren Kopf umwehen. Sie lehnte sich gegen die Hauswand und schaute zum Sternenhimmel empor. War in peinigende Gedanken so versunken, daß sie heftig zusammenzuckte, als plötzlich eine Gestalt neben ihr stand.

»Das ist doch nun ein unerhörter Leichtsinn, mein gnädiges Fräulein«, hörte sie die Stimme, die ihr trotz ihres Wohllautes auf die Nerven fiel. »Wollen Sie sich etwa den Tod holen?«

»Das dürfte nicht Ihre Sorge sein«, kam es schroff zurück. »Ich wünsche allein zu bleiben.«

»Das kann ich mir denken. Und doch werden Sie sich meine Gesellschaft gefallen lassen müssen. Ich bin nämlich nicht willens, ohne Sie in die Festräume zurückzukehren. Und weil wir jetzt so nett allein sind, bitte ich Sie, den Reif vom Ringfinger Ihrer Linken zu entfernen und diesen hier an seine Stelle zu schieben.«

Feindselig streifte ihr Blick das Kleinod in seiner Hand, dessen kostbarer Stein im Mondlicht Funken zu sprühen schien. Schon wollte sich ihr Mund zu einer beleidigenden Äußerung öffnen, als die Haltung des Mannes sie noch rechtzeitig davor warnte.

So sagte sie nur kurz:

»Geht diese Komödie nicht zu weit?«

»Nein«, kam es ebenso kurz zurück. »Ich pflege nichts halb zu tun. Wenn ich mit meiner Person für Sie eintrete, um Sie vor dem Klatsch der Leute zu schützen, dann bitte ich, mir nicht in falschem Stolz entgegenzuarbeiten.«

»Was ist das für ein Ton, Herr Graf?« fragte sie mehr erstaunt als empört.

»Es wird an Ihnen liegen, mein gnädiges Fräulein, wie sich der Ton zwischen uns gestaltet. Und nun bitte!«

Es war etwas Herrisches in seiner Art, die sie zwang, nachzugeben.

Achselzuckend streifte sie den Ring ab, schob den dargereichten an seine Stelle, wandtet sich brüsk um und betrat das Zimmer. Keinen Blick warf sie auf den Ring.

Um so mehr taten es die anderen, wie sie feststellen konnte. Denn der Reif, den sie bisher getragen, war allen bekannt. Doch dieser hier war neu und anscheinend ungewöhnlich kostbar.

»Nun, habe ich recht gehabt?« fragte Thraun, als er später mit ihr tanzte. »Man hätte Ihnen am liebsten mit den Augen den Ring vom Finger gezerrt, um ihn mit brennender Neugier auf seinen Wert taxieren zu können. Sie müssen sich eines merken, gnädiges Fräulein: Ich werde nichts von Ihnen verlangen, was nicht zum Schein unserer Verlobung unbedingt erforderlich ist. Denn lächerlich wollen wir uns doch beide nicht machen, nicht wahr?«

Sie sah zu ihm auf mit einem Blick, der ihren ganzen verletzten Stolz verriet. Dann senkte sie müde das flimmernde Haupt.

»Ich muß Ihnen sogar noch dankbar sein, Herr Graf. Denn ohne Ihr Eingreifen …«

»Nicht so, gnädiges Fräulein«, unterbrach er sie ruhig. »Lassen Sie das Grübeln, es ist zwecklos und führt zu nichts.«

Da die Musik schwieg, löste sie sich hastig aus seinem Arm und ging zu ihren Eltern, die im Kreise der Gäste saßen und sich lebhaft unterhielten. Geraldine nahm Platz und hörte dem Geplauder zu, das Herz mit Pein gefüllt bis zum Rande.

Thraun holte sie nicht mehr zum Tanz, sondern überließ sie neidlos ihren Verehrern, die dem schönen Mädchen ja jetzt wieder den Hof machen konnten, ohne daß sich eine Verpflichtung daran band. Der Graf holte sich mehr oder minder anmutige Damen, die er während des Tanzens so charmant und prächtig unterhielt, daß sie Geraldine Brotterling um ihren Bräutigam glühend beneideten.

Wenn sie dem Mann auch nicht trauten, über ihn klatschten, aber verlobt hätten sie sich doch brennend gern mit ihm!

Die Stunden glitten rasch dahin, wie es bei Geselligkeiten üblich zu sein pflegt. Und es kam der Augenblick, da auch die Ausdauerndsten die gastliche Stätte verließen, weil bereits der Morgen graute. Unter ihnen befand sich Graf Thraun.

*

Die Familie Brotterling traf erst wieder bei der Mittagstafel zusammen. Der Hausherr war wortkarg, aß nur wenig und wurde erst gesprächiger, als er nach dem Essen in einem behaglichen kleinen Gemach den Mokka trank und die Mittagszigarre dazu rauchte.

»Ein merkwürdiger Mensch, der Graf Thraun«, eröffnete er das Gespräch, auf das die andern mit größter Spannung warteten. »Mit einer Geste, als ob es sich um eine Lappalie handelte, stellte er mir heute in meinem Empfangszimmer in der Bank, wohin ich ihn zur näheren Aussprache bat, ein Vermögen zur Verfügung. Zuckte nur mit den Achseln, als ich den Zinssatz erörterte. Schließlich einigten wir uns auf vier Prozent. Nun, mir soll’s recht sein.«

»Ist nun alles erledigt?« fragte der Sohn interessiert.

»Ja. Nun müssen wir also zusehen, mein Junge, daß wir langsam wieder hochkommen, was uns bei der geringen Zinszahlung möglich sein wird. Es muß freilich sparsam gewirtschaftet werden, auch im Hause.«

»Du tust ja, als ob wir hier wer weiß wie verschwendet hätten«, meldete sich die Gattin pikiert. »Dabei kannst du dich doch wahrhaftig von Schuld nicht freisprechen, daß es so bergab mit uns ging.«

»Das tue ich auch nicht«, warf er kurz ein. »Ich gebe zu, unerhört liederlich gewirtschaftet zu haben. Das Lehrgeld, das ich dafür zahlen mußte, reicht mir vollkommen. Noch einmal soll es mir nicht passieren, daß ich mich auf unsichere Geschäfte einlasse. Ich will fortan alles dransetzen, um das Bankhaus wieder zu dem geachteten und soliden Unternehmen zu machen, als das ich es nach dem Tode meines Vaters vor zehn Jahren übernahm.«

»Ich wüßte nicht, was wir damit zu tun hätten?«

»Mehr als du ahnst, meine liebe Amelie. Ihr werdet jetzt nicht mehr so unbekümmert wie die Lilien auf dem Felde dahinleben, sondern immer daran denken, daß unser Leben viel Geld verschlingt. Du wirst also nicht mehr das ganze Hauswesen der Dienerschaft allein überlassen, sondern ihr scharf auf die Finger sehen, die, wie ich vermute, oft mit fremdem Eigentum recht großzügig umgeht. Dazu hast du unsere Kinder direkt darauf gedrillt, das Geld mit vollen Händen zu verschleudern, wie auch du es besonders glänzend ver­stehst. Nun, ich will dir nicht mit Vorwürfen kommen. Denn wie du bist, habe ich ja gewußt, als ich dich heiratete. Früher kam es ja auch nicht so genau drauf an. Jetzt jedoch sehr, und darum wirst du dich an Sparsamkeit gewöhnen müssen.«

»Soll ich mich etwa an den Herd stellen, Eintopfgerichte kochen und in Sack und Asche gehen?« fragte sie spitz.

»Das gerade nicht. Aber die Oberaufsicht führen wirst du.«

»Davon verstehe ich nichts.«

»Eben. Und deshalb werde ich meine Base Julianne bitten, zu uns zu kommen und dem Haushalt vorzustehen.«

»Das darfst du mir nicht antun, Rainold!«

»Und dem Haushalt vorzustehen«, sprach er unbeirrt weiter. »Das kann sie nämlich glänzend.«

»Wenn Julianne herkommt, dann gehe ich!« trumpfte die Gattin auf, und er sah sie freundlich an.

»Dem steht nichts im Wege. Und nun Schluß der Debatte! Ich werde nicht viel reden, ich werde handeln!«

»Steht es denn wirklich schon fest, daß Julianne herkommt, Rainold?«

»Ganz fest, Amelie«.

»Ach, das nehme ich doch nicht ernst«, meinte die Mutter wegwerfend. »Das ist weiter nichts als der erste Eifer.«

»Wirst dich wundern, wie lange der vorhält«, lachte er gemütlich. »Wenn du willst, dann reise. Aber Geld dazu bekommst du nicht von mir.«

»Ich lasse mich von dir scheiden!«

»Bitte.«

»Mama, sei doch vernünftig«, sagte Rainold, der Sohn, im Unterschied zum Vater Rainer genannt, unwillig. Bis jetzt hatte er an der Debatte nicht teilgenommen, aber nun wurde ihm die Unvernunft der Mutter denn doch zu dumm. »Du bist die einzige von uns, die sich gegen Unabänderliches sperrt. Selbst Geraldine fügt sich, was ich ihr übrigens gar nicht zugetraut hätte.«

»Ist das die Möglichkeit, daß man sich von seinen Kindern kritisieren lassen muß!« empörte Frau Amelie sich. »Vorhin tat es Inga, jetzt du. Dieser Graf scheint tatsächlich hier alles auf den Kopf gestellt zu haben.«

»Er nicht, aber unsere mißliche Lage«, erwiderte der Gatte trocken. »Ich habe ihn zum Kaffee hergebeten und bitte mir aus, Amelie, daß du deine Zunge hütest. Der Mann kommt mir nämlich so vor, als ob er sehr ungemütlich werden kann. Also, sei gewarnt.

Du gleichfalls, Geraldine. Wenn man dir auch Schwatzhaftigkeit keineswegs nachsagen kann, so bist du doch manchmal von einer verletzenden Art. Daß du zu dem Grafen nicht entgegenkommend sein magst, was dir übrigens gar nicht liegt, das wird dir niemand verargen: Sei höflich zu ihm, das genügt.

So, und damit wäre meine Mittagspause um. Zum ersten Mal seit langer Zeit gehe ich wieder freudig an meine Arbeit, weil ich die Gläubiger nicht mehr zu fürchten brauche, die zuletzt schon wie ein Wespenschwarm über mich herfielen. Es wird mein schönstes Vergnügen sein, sie abzufinden. Kommst du mit, Rainer?«

»Ja, selbstverständlich, Vater. Die Bummelei hört jetzt auf, es wird fortan fleißig gearbeitet.«

Die Herren gingen, und Frau Amelie klagte:

»Was zieht man nun bloß wieder an? Der Vater hätte auch früher sagen können, daß Thraun zum Kaffee kommt! Dann wäre noch Zeit gewesen, Nachmittagskleider für uns zu besorgen. Das Modehaus Brenner hat sehr schicke Sachen. Gar nicht teuer, zwei- bis dreihundert Mark. Fast geschenkt. Ob ich anrufe, damit man uns rasch eine Auswahlsendung zuschickt?«

»Wovon willst du die Kleider bezahlen?« fragte Geraldine. »Ist es dir immer noch nicht klar, daß Papa sparen muß?«

»Jawohl, auf unsere Kosten! Ich werde nicht erst lange viel fragen.«

»Mama, ich warne dich, Schulden zu machen! Vater ist ein herzensguter Mensch, der die Seinen den Willen nicht sobald spüren läßt. Laß es nicht darauf ankommen, daß er dir gegenüber bei Übertretung seiner Anordnungen seine Konsequenzen zieht!«

»Oh, ich arme unterdrückte Frau!« jammerte die Mutter nun in den höchsten Tönen.

*

Mit Kennerblick musterte er die beiden rassigen Mädchengestalten, die in ihrer ausgesuchten Eleganz eine wahre Augenweide boten. Nachdem er sie begrüßt hatte, erschien auch die Frau Mama.

»Oh, da sind Sie ja bereits, mein lieber Graf«, tat sie sehr liebenswürdig. »Ich habe mich ein wenig verspätet, weil es für eine Hausfrau ja immer etwas zu tun gibt, zumal auf die Dienerschaft so gut wie kein Verlaß ist.«

Mit Schrecken fiel ihr eben ein, daß sie dem Diener nichts von einem Kaffeegast gesagt hatte. Daher war sie freudig überrascht, als sie den Kaffeetisch nett hergerichtet fand. Sie strahlte und war zu dem Gast liebenswürdiger, als sie eigentlich wollte. Sehr elegant, sehr gepflegt saß sie da. Eine charmante Dame, überraschend jugendlich als Mutter erwachsener Kinder. Allerdings hatte sie jung geheiratet, den Sohn mit zwanzig Jahren geboren. – Trotzdem wirkte sie jünger als sie war.

Sie hatte ja auch in ihrer Ehe nichts weiter getan, als ihre Schönheit zu pflegen. Sie schob alles das, was ihr Ärger und Verdruß bereiten könnte, weit von sich ab. Um die Kinder kümmerte sie sich allerdings mehr als andere Damen ihrer Art. Auch ihrem Mann blieb sie stets treu, weil sie im Grunde ihres Wesens ein sauberer, anständiger Mensch war und den Gatten liebte. Er trug mit seiner Verwöhnung für sie die größte Schuld, daß sie in manchen Dingen so oberflächlich werden konnte, daß sie glaubte, ohne kostspielige Toiletten, Gesellschaften und Reisen nicht leben zu können. Für Schmeicheleien war sie sehr empfänglich.

Graf Thraun schätzte sie sofort richtig ein, sagte ihr Artigkeiten, die sie beglückten. Warum auch nicht? Sie hatte ihre Freude daran, und ihm tat es nicht weh.

Eigentlich ist er doch ein höflicher und vornehmer Mensch, dachte Amelie. Schade, daß man so wenig von ihm weiß.

Nun, sie hütete sich, eingedenk der Warnung des Gatten, verfängliche Fragen an den Gast zu stellen. Da hieß es abwarten. Wenn er irgendwie verdächtig erschien, dann mußte die Verlobung sofort gelöst werden.

Man unterhielt sich angeregt über mancherlei, es blieb jedoch beim Oberflächlichen. Ingas Zunge lag gut im Gefecht und trug dadurch viel zu einer amüsanten Unterhaltung bei. Geraldine beschränkte sich wie gewöhnlich mehr aufs Zuhören, und da der Graf sie nicht direkt ansprach, brauchte sie ihm auch nicht zu antworten.

Nachdem man eine gute Stunde so kurzweilig verbracht hatte, erschienen die beiden männlichen Brotterlings. Der ältere begrüßte den Gast fast herzlich, der jüngere mit kameradschaftlichem Händedruck.

»Da wären wir ja nun hübsch beieinander«, lärmte der Hausherr gut gelaunt. »Schenk uns Kaffee ein, Inga, damit wir uns stärken können. Ganz wirr kann einem im Kopf werden von der Rechnerei. Trotzdem macht es Freude, sein Soll zu erfüllen oder besser gesagt: Es an einer Stelle zu verbuchen. Es wird sogar noch etwas übrigbleiben, das ich Ihnen zurückzahlen kann, Herr Graf.«

»Lassen Sie es nur so, wie es ist, Herr Brotterling. Ein wenig Bewegungsgeld muß ein Geschäftsmann immer haben. Das beruhigt.«

»Nun, wenn es so ist, dann sage ich nicht nein. Jedenfalls bin ich Ihnen von ganzem Herzen dankbar, daß Sie gerade noch vor Toresschluß als unser Retter in Erscheinung traten. Aber wie ist es nun, müssen wir uns immer noch so fremd sein? Wäre es nicht nett, mein lieber Schwiegersohn, wenn wir bei einem Kaffeeschnäpschen auf du und du anstoßen würden?«

»Mir schon recht, Herr Schwiegervater.«

»Na also! Hol mal das Zeugs her, Rainer, und unsere Kleine wird für Gläser sorgen.«

Man beeilte sich, dem Wunsch nachzukommen. Als der köstliche Likör in den Schalen funkelte, stieß man an. Vater, Sohn und jüngste Tochter taten es freudig, die Frau Mama notgedrungen und Geraldine mit einer Gleichgültigkeit, die für den Verlobten beleidigend war. Dem Vater rötete sich die Stirn vor Unwillen, den er jedoch unterdrückte, weil er keine unliebsame Szene heraufbeschwören wollte.

Zum Glück schien der Graf sich aus der Ungezogenheit seiner Braut nichts zu machen. Er plauderte in seiner weltgewandten Art über dieses und jenes, nur nicht über das, was ihn persönlich anging. In Frau Amelie verstärkte sich immer mehr der Verdacht, daß er etwas zu verbergen hätte. Und da sie über eine lebhafte Phantasie verfügte, sah sie den Mann schon mit Handschellen versehen ins Zuchthaus wandern.

Das sagte sie auch den Ihren, als sie dann mit ihnen allein war.

»Rede doch nicht einen so blühenden Unsinn zusammen!« herrschte der Gatte sie an. »Zu deiner Beruhigung will ich dir sagen, daß Rainer und ich den Administrator von Thraunfels trafen, als wir aus dem Bankhaus traten. Er gratulierte zur Verlobung Geraldines und meinte schmunzelnd, daß sie einen unerhörten Dusel hätte, die Braut seines Herrn zu sein. Das wäre schon ein Prachtkerl! So etwas liefe nicht in großer Auflage in der Weltgeschichte herum.«

»Vielleicht ist er ein Komplice von ihm«, vermutete Frau Amelie, und da mußten die andern denn doch lachen, selbst Geraldine.

»Dann bist du gar eine Räuberbraut, Schwesterchen«, neckte Rainer. »Und der kostbare Ring! den er dir gab, ist bestimmt geklaut.«

»Und das Geld, das Paps von ihm hat, auch«, spann Inga übermütig den Faden weiter. »Kinder, das ist einfach herrlich aufregend! Aber seid man ruhig, ich schleiche mich in sein Räubernest, um mir Alarmglocken, geheime Gänge und Falltüren näher anzusehen. Und die Mama muß mit, auf daß sie das Gruseln lernt.«

»Du bist ein dummer Fratz!« schalt die Mutter aufgebracht, während die andern sich köstlich amüsierten. »Macht euch nur lustig über mich! Wer zuletzt lacht, der lacht immer noch am besten.«

»Oder dir würde das Lachen vergehen«, schmunzelte der Gatte. »Denk an die Blamage, Amelie, wenn der Verlobte deiner Tochter sich als Abenteurer entpuppte! Vielleicht bereitet er in diesem Augenblick gar seine Flucht vor.«

Und tatsächlich teilte der Graf am nächsten Tage seinem Schwiegervater telefonisch mit, daß er auf unbestimmte Zeit verreisen müßte. Als der Bankier das zu Hause erzählte, rang Frau Amelie jammernd die Hände.

»Meine Ahnung! Nun ist er also auf und davon! Ach, mein armes, armes Kind!«

»Aber, Mama, dann hätte er es doch heimlich getan und nicht erst Paps vorher gesprochen«, bemerkte Inga, die mit ihren siebzehn Jahren manchmal schon logischer denken konnte als ihre Mutter mit siebenundvierzig. »Du machst ja mit deinen ewigen Verdächtigungen Geraldine ganz kopfscheu. Schau nur, wie blaß sie geworden ist!«

Jetzt gingen auch die Blicke der andern zu dem Mädchen hin, das bleich im Sessel lehnte. Einige Herzschläge lang war es beklemmend still, dann fragte der Vater tiefernst:

»Du teilst doch nicht etwa die Ansicht deiner Mutter, mein Kind?«

»Nein, wenigstens nicht in dem Sinne. Aber sonderbar mutet es schon an, daß Thraun gestern von seiner Reise nichts erwähnte …«

»Nicht einmal Blumen hat er ihr gebracht!« rief Amelie dazwischen. »Und das ist doch wahrlich die kleinste Aufmerksamkeit, die eine Braut von ihrem Verlobten erwarten darf. Er hat sich überhaupt nicht um sie gekümmert, was ich empörend finde.«

»Laß das, Mama«, winkte sie schroff ab. »Das ist doch alles so nebensächlich! Mit einer Braut aus Gnade und Barmherzigkeit macht man eben keine Umstände.«

*

Frau Amelie sollte bald erfahren, daß es bei dem Gatten kein leeres Gerede gewesen war, als er erklärte, ihrer Verschwendungssucht energisch entgegentreten zu wollen. Zuerst einmal traf die Verwandte ein, um straffe Ordnung in das Hauswesen zu bringen. Eine Dame Mitte der Vierzig, groß, starkknochig, mit einem derben, frischen Gesicht, energisch und sehr gewissenhaft, wenn man sie mit einem Amt betraute. Dazu von unerschütterlicher Ruhe, unnachsichtig da, wo es angebracht war, doch wiederum auch gutherzig und gerecht und stets zum Helfen bereit.

Julianne räumte zuerst einmal gründlich unter der Die­nerschaft auf, indem sie mehrere Leute fristlos entließ, weil sie nachweislich faul und unehrlich waren. Bei Einstellung des neuen Personals ging sie äußerst vorsichtig vor; und siehe da, fünf Personen schafften mit Leichtigkeit die Arbeit, bei der vorher zehn vollkommen versagt hatten. Es herrschte jetzt Ordnung im Hause wie nie zuvor, dazu eine Gemütlichkeit, wie sie die Familie Brotterling bisher nicht gekannt hatte.

Anstatt nun derjenigen, die in kurzer Zeit das alles so glänzend zuwege gebracht, Dank zu wissen, benahm sich Frau Amelie recht niederträchtig, dabei hoffend, Julianne damit aus dem Hause zu treiben. Allein, diese Hoffnung erwies sich als Trugschluß. Jannchen fand für jede Schikane stets die richtige Antwort. An ihrer unerschütterlichen Ruhe prallte alles ab, wie ein Giftpfeil an einem Felsblock. Genauso taten es die Szenen, die Amelie mit einer bewundernswerten Ausdauer dem Gatten machte. Hauptsächlich dann, wenn sie Geld von ihm verlangte.

Und vielleicht wäre er am Ende doch noch seinem Vorsatz untreu geworden, wenn er nicht die Ironie der Base gefürchtet hätte. Die Blicke aus den klarblauen Augen waren nämlich nicht zu ertragen, die zu gegebener Zeit zu spotten schienen: Und du willst ein Mann sein? Ein Waschlappen bist du, der sich von Weibertränen weichkriegen läßt! Vor so einem schlappen Kerl kann ich keine Achtung haben.

Also blieb er hart, so schwer ihm das auch manchmal fiel. Mit den Kindern hatte er keine Schwierigkeiten; denn sie fügten sich in das Unabänderliche mit bewundernswerter Einsicht. Nur ihre Mutter tat es nicht. Sie konnte einfach nicht begreifen, daß sie, die in ihrer acht­undzwanzigjährigen Ehe alles bekam, was nur ihr Herz begehrte, nicht mehr alles das haben sollte, was ihrer Ansicht nach zu einer kultivierten Frau gehörte. Sie war störrisch wie ein vertrotztes Kind, was ihrem Alter lächerlich genug anstand. Sie ahnte nicht, daß die Kinder sich für ihre Mutter zu schämen begannen und daß sie den Gatten mit ihrem kindischen Gebaren abstieß.

Die Laune der Dame war miserabel, und kaum daß sie saß, ging die Jammerei wieder los:

»Ich ertrage das Leben einfach nicht länger! Ich geh ins Wasser oder bringe mich sonstwie um. Nicht genug, daß man sich in seinem eignen Hause Unverschämtheiten bieten lassen muß, da ist man noch dem Klatsch hilflos ausgesetzt. Ich kann mich nirgends mehr sehen lassen, wo ich früher tonangebend war. Überall erkundigt man sich mit maliziösem Lächeln nach meinem Schwiegersohn. Läßt Bemerkungen fallen, einfach unerhört, was man sich bieten lassen muß! Ich verlange von dir, Rainold, daß du diesem Klatsch energisch entgegentrittst!«

»Ach, sieh mal an.« Er kniff die Augen zusammen und besah sie sich angelegentlichst. »Bisher hast du dich im Kreis der Klatschbasen doch immer so wohl gefühlt?

Hast sogar eifrig mitgetan, wenn man an einem armen Opfer die Zunge wetzte. Nun, da du selbst jedoch so ein armes Opfer bist, begehrst du auf. Vielleicht wirst du dir jetzt des wahren Sprichwortes bewußt: Es sind die schlechtesten Früchte nicht, woran die Wespen nagen.«

»Manchmal sind es sogar schon Hornissen!« regte Inga ihr flinkes Zünglein, was ihr diesmal schlecht bekam. Denn schon saß ihr eine Hand im Gesicht.

»Ich werde dir Ehrfurcht vor deiner Mutter beibringen, du ungezogenes Ding!« schrie Frau Amelie wütend. Und ehe die andern sich von ihrem Schreck erholten, schlug die Tür hinter der Erbosten zu.

»Na, nun schlägt’s dreizehn«, sagte Inga verblüfft, über die getroffene Wange streichend. »Verflixt, unsere alte Dame haut eine scharfe Klinge.«

Das klang so drollig, daß sich die Erstarrung der andern in herzliches Lachen auflöste. Schon war der Bann gebrochen, und man nahm den Zwischenfall nicht ernst.

Um so mehr tat es Amelie. Denn als der Gatte später das Schlafzimmer betrat, fehlten in Frau Amelies Bett Decke und Kissen. Also war seine Frau nicht mehr gewillt, das Schlafgemach mit ihm zu teilen.

Nun gut, dachte der Mann verbissen. Ich nehme die Kampfansage auf. Du kommst mir schon noch, meine liebe Amelie! Und wenn du es nicht tust, dann habe ich nichts an dir verloren.

*

Bis gegen acht Uhr lag Amelie da, dann überlegte sie, ob sie nach dem Stubenmädchen klingeln und sich das Frühstück ans Bett bringen lassen sollte. Sie konnte ihm ja zu verstehen geben, daß sie sich nicht wohl fühlte. Aber mußte sich das Mädchen nicht darüber wundern, die Gnädige im Fremdenzimmer zu finden? Das würde ein Getratsche unter der Dienerschaft geben.

Und Frau Emelie fürchtete doch nichts so wie den Klatsch. Siedend heiß wurde ihr plötzlich. Sie sprang aus dem Bett, raffte Decke und Kissen zusammen, schlich wie ein Dieb ins eheliche Schlafgemach zurück und blieb dann betroffen in der Tür stehen, als sie den Gatten noch schlafend in seinem Bett fand.

Richtig, heute war ja Sonntag, da pflegte er länger zu schlafen als an den Werktagen. Ganz leise, um ihn nicht zu wecken, legte sie die Betten zurecht, kroch vorsichtig hinein und kam sich vor, als wäre sie einer Gefahr entronnen.

Der Eheliebste jedoch schmunzelte. Er wußte ganz genau, was sie dazu bewogen hatte, zu ihm zurückzukehren. Einige Minuten verharrte er noch, dann streckte er die Glieder, gähnte herzhaft und tat sehr erstaunt.

»Du bist hier, Amelie? Und ich glaubte, du hättest das Tischtuch, in diesem Fall das Bettuch, zwischen uns zerschnitten.«

»Das wäre dir wohl recht, wie?« fragte sie giftig, und er zuckte die Schultern.

»Ob recht oder nicht, wenn ein Mensch vom andern fortstrebt, dann soll man ihn nicht halten.«

»Gib mir Geld, dann gehe ich. Zuerst mal auf Reisen.«

»Und wenn das Geld vergeudet ist, dann kommst du wieder«, warf er trocken ein.

»Als ob ich von dem Bettel, den du mir jetzt gnädigst gewährst, schon viel vergeuden könnte«, rief sie erbittert. »Davon kann ich mir noch nicht einmal meine Strümpfe kaufen.«

»Müssen das aber komische Strümpfe sein! Denn von dem, was du bekommst, leben ganze Familien.«

»Ich kenne solche nicht.«

»Leider, du kennst nur deinesgleichen. Und nun Schluß mit deiner ewigen Nörgelei. Verdirb mir nicht den Sonntag, der ein Ruhetag für mich sein soll. Willst du zuerst aufstehen?«

»Nein, ich bleibe im Bett, weil ich nicht weiß, was ich anfangen soll. Zu den Bekannten mag ich doch nicht mehr gehen …«

»Dann bleib«, unterbrach er sie, stand auf und verschwand pfeifend im Baderaum. Duschte, kleidete sich an und ging ins Frühstückszimmer, wo Julianne schon am Tisch saß und behaglich speiste.

»Guten Morgen, Jannchen. Solo heute?«

»Ja, die andern konnten noch nicht aus den Federn finden, obgleich es schon reichlich spät ist. Was macht denn Amelie?«

Während er Platz nahm, erzählte er schmunzelnd von ihrer Flucht aus dem Schlafgemach und ihrer Rückkehr am Morgen, und Julianne lachte.

»Sie versucht eben mit allen erdenklichen Schlichen und Listen, dich weich zu kriegen, mein lieber Rainold. Sei ein Mann und bleibe hart! Wenn sie erst ganz klein geworden ist, dann darfst du ruhig die strammgehaltenen Zügel lockern. Aber gib acht, daß es nicht zu früh geschieht.«

»Ich werde mich hüten. Bin ordentlich stolz darauf, daß ich überhaupt so fest bleiben kann. Früher wäre mir das nicht möglich gewesen.«

Julianne kam zu keiner Antwort, weil die drei Kinder des Hauses eintraten. Man wechselte den Morgengruß und setzte sich an den Frühstückstisch.

»Schläft Mama noch, oder bockt sie?« fragte die Jüngste, und der Vater tat streng.

»So spricht man nicht von seiner Mutter, Inga! Ich werde dir doch noch mal deinen losen Schnabel beklopfen müssen.«

»Tu’s nicht, Paps, weil du hinterher gleich Reue empfinden würdest«, lachte sie ihn lieblich an. »Außerdem glüht meine Backe noch von der gestrigen Ohrfeige, die Mutterhand mir verpaßte.«

Es war tatsächlich nicht möglich, dem Mädchen irgendwie böse zu sein, dem der Schelm nur so aus den Augen blitzte.

Was macht man nur mit so einem kecken Ding, Jannchen?« fragte der Vater in scheinbarer Ratlosigkeit, und trockenen Tones kam die Antwort:

»Es gewähren lassen. Lieber den Schnabel vorweg, als ihn überhaupt nicht auftun.«

Das galt Geraldine, die wie gewöhnlich schweigsam verharrte. Prüfend musterte der Vater sein blasses, unnatürlich ruhiges Kind und sagte, als er mit der Base allein war, bekümmert:

»Ich mache mir Sorge um Geraldine. So lebhaft wie Inga war sie ja nie, aber jetzt ist sie ganz erstarrt. Ob ich sie auf Reisen schicke, damit sie auf andere Gedanken kommt?«

»Da möchte ich doch erst abwarten, bis Graf Thraun zurückkehrt. Ewig wird er ja nicht fortbleiben. Und wenn er hier erscheint, dann kannst du ihn ja kurz und bündig fragen, was er sich eigentlich denkt. Entweder ist er Geraldines Verlobter und benimmt sich danach, oder er zieht sich zurück. Was haben Sie?« wandte sie sich an den Diener, der in der Tür stand.

»Graf Thraun möchte seine Aufwartung machen.«

»Herein mit ihm!« lärmte der Hausherr freudig, trat dann dem Schwiegersohn mit ausgestreckten Händen entgegen.

»Da bist du ja, mein lieber Junge! Ist das eine Art, fünf Wochen lang wie vom Erdboden zu verschwinden? Das tut doch kein Bräutigam.«

»Ich schon!« Die prachtvollen Zähne blitzten durch die schmalen Lippen. »Meine Braut wird sich ja nicht in Sehnsucht nach mir verzehrt haben.«

Indes hatte Julianne Muße, den Mann zu betrachten und siehe da, die kritische Musterung der unbestechlichen, lebens­erfahrenen Dame fiel zu seinen Gunsten aus.

Lachend trat sie auf ihn zu, reichte ihm die Hand, über die er sich artig beugte.

»Guten Tag, Herr Graf! Hab’ schon viel von Ihnen gehört.«

»O weh, Gnädigste, da sehe ich aber schwarz!« In seinen Augen blitzte es halb humorvoll, halb ironisch auf. »Darf ich nun wenigstens wissen, mit wem ich das Vergnügen habe?«

»Richtig, ihr seht euch ja zum ersten Mal, Elard. Das ist Fräulein Julianne Brotterling, eine liebe und sehr geschätzte Base von mir, die so gütig war, auf meinen Notruf sofort hierherzukommen und sich des verlotterten Hauswesens zu erbarmen. Meine Frau ist ja leider keine Hausfrau. Na, nichts dran zu ändern. Laßt uns Platz nehmen und in Gemütlichkeit eine Flasche Wein trinken. Bis zum Mittagessen haben wir ja noch eine gute Weile Zeit.«

»Wo sind denn die Damen?« erkundigte sich Elard, nachdem er im Sessel saß.

»Die beiden Mädchen sind mit den Skiern fort, und meine Frau liegt im Bett, weil sie sich nicht wohl fühlt.«

»Oh, wie bedauerlich. Doch nichts Ernstes?«

»Nein, nur ein wenig verschnupft. Doch da die Damen ängstlich sind …«

»Da mach mit mir nur eine Ausnahme«, protestierte Julianne, während sie Weingläser auf das Tischchen stellte, das zwischen den wuchtigen Sesseln stand. Der Diener brachte den Wein, schenkte die Gläser voll und zog sich dann zurück. Man prostete sich zu, tat mit Behagen den ersten Schluck und war nun bereit, vergnügt zu plaudern.

Hauptsächlich der Hausherr, dem mit dem Erscheinen des Schwiegersohnes eine schwere Sorge vom Herzen fiel. Wenn er auch daran nicht glaubte, was man allgemein über ihn munkelte, aber manches mutete doch sonderbar an. Zum Beispiel, daß er nicht offen und frei über seine Verhältnisse sprach, dann die plötzliche Reise, von der er sich überhaupt nicht meldete.

Nun, jetzt war er wieder da, Gott sei Dank! Weiß der Kuckuck, es ging von dem Mann ein Fluidum aus, das ungemein beruhigend wirkte. Er brauchte bloß aufzutauchen, und schon hatte man das Gefühl, als könne einem nichts Böses mehr widerfahren. Es war ein Genuß, dieser ungewöhnlichen Stimme zu lauschen, tief, dunkel, mit einem herrischen Klang. Selbst Julianne, die sich nicht so leicht für etwas erwärmen konnte, lauschte ihr mit Wohlgefallen.

Jetzt erzählte er auch, warum er so plötzlich verreisen mußte. Ein dringendes Telegramm hätte ihn abberufen, und er schaffte es gerade noch, das nächste Flugzeug zu erwischen. Doch wohin es ihn gebracht, das verschwieg er. Also mußte da etwas in seinem Leben sein, worüber er nicht sprechen wollte. Daß es jedoch nichts Unehrenhaftes war, darüber gab es für die gute Menschenkennerin Julianne keinen Zweifel.

*

Geraldine und Inga kehrten von einer Skitour zurück.

Sie betraten Geraldines Zimmer. Während diese sofort mit dem Umkleiden begann, hockte Inga sich auf den Diwan, zog die Beine hoch und legte die Arme um die Knie.

»Mach mit deinen nassen Schuhen nicht die Kissen schmutzig«, warnte die Schwester. »Du weißt, daß wir mit unseren Sachen jetzt lange auskommen müssen.«

»Na schön …« Inga ließ die Beine hängen. »Sag mal, Geraldine, hast du Eric Gollgub wirklich nicht gesehen, oder tatest du nur so?«

Der Kopf mit dem flimmernden Gelock fuhr herum, und zwei erstaunte Augen sahen die Schwester an.

»Eric Gollgub? Wo sahst du ihn denn?«

»Och, er stieg aus dem Auto …«

»Und? Inga, du verbirgst mir was, das sehe ich dir doch an!«

»Hm, Oti, liebst du ihn eigentlich noch?«

»Ich glaube, dir diese Frage schon einmal beantwortet zu haben.«

»O nein, du hast die Antwort umgangen.«