Ich will brav sein - Clara Weiss - E-Book

Ich will brav sein E-Book

Clara Weiss

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Beschreibung

Der Sommer steht vor der Tür, als die Studentin Juli das kleine Dachzimmer in dem charmanten Münchner Mietshaus bezieht. Sie teilt die Wohnung mit der jungen Schauspielerin Greta, die ihr auf Anhieb sympathisch ist, und zunächst ist Juli glücklich in ihrer neuen Umgebung. Doch dann mehren sich die Hinweise, dass Greta ein ebenso undurchsichtiges wie grausames Spiel mit ihr treibt – und während eine mörderische Hitzewelle die Stadt wie eine Glocke umschließt, gerät Julis Leben immer mehr zur Hölle: Sie entdeckt eine Leiche auf dem Dachboden, ihre beste Freundin verschwindet, ein stummes Mädchen im Treppenhaus versetzt sie in Angst und Schrecken. Als sich weitere Todesfälle ereignen, weiß sie, dass auch sie selbst in höchster Gefahr ist. Aber da ist es fast schon zu spät ...

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EPUB

Seitenzahl: 515

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Buch

Der Sommer steht vor der Tür, als die Studentin Juli das kleine Dachzimmer in dem charmanten Münchner Mietshaus bezieht. Sie teilt die Wohnung mit der jungen Schauspielerin Greta, die ihr auf Anhieb sympathisch ist, und zunächst ist Juli glücklich in ihrer neuen Umgebung. Doch dann mehren sich die Hinweise, dass Greta ein ebenso undurchsichtiges wie grausames Spiel mit ihr treibt – und während eine mörderische Hitzewelle die Stadt wie eine Glocke umschließt, gerät Julis Leben immer mehr zur Hölle: Sie entdeckt eine Leiche auf dem Dachboden, ihre beste Freundin verschwindet, ein stummes Mädchen im Treppenhaus versetzt sie in Angst und Schrecken. Doch als Juli beginnt zu ahnen, dass sie selbst in höchster Gefahr ist, ist es fast schon zu spät …

Clara Weiss

Ich will brav sein

Psychothriller

Originalausgabe

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

1. Auflage

Taschenbuchausgabe Juli 2017

Copyright © der Originalausgabe 2017 by Clara Weiss

Copyright © dieser Ausgabe 2017 by

Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Literarische Agentur Michael Gaeb

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: Arcangel/Carlos Caetano

FinePic®, München

CN · Herstellung: kw

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-20368-9V001

www.goldmann-verlag.de

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I

Auch wenn es schmerzt dich bitterlich,

sollst hören du, mein Kind, auf mich.

Um deine Seel’ vor dir zu schützen,

musst du in diesen Mauern sitzen.

Bis du Gehorsam hast gelernt,

lebst du von allen weit entfernt.

Dein Reich ist einsam, ohne Tür,

ab heut’ bleibst du alleine hier.

Kannst niemals raus, keiner kann rein,

es soll zu deinem Besten sein.

Der Geruch von altem Holz und dickem Staub, der die Treppe herabschlich, schnürte ihr die Kehle zu. Ihre Knie wurden weich, doch die Mutter drängte sie unnachgiebig weiter hinauf. Stufe um Stufe. Aus ihrer Schürze holte sie den Schlüssel, öffnete die knarrende Holztür und schob die Tochter auf den Dachboden. Es war warm und stickig. Das Mädchen hatte keine Zeit, der Mutter einen letzten flehenden Blick zuzuwerfen. Schon drehte sich der Schlüssel in ihrem Rücken.

Sie sackte zu Boden, vergrub das Gesicht in den Händen. Doch sie weinte nicht. Sie hatte schon lange nicht mehr geweint. Sie hatte gelernt, sich zu beherrschen. Einen Moment brauchte sie, um sich zu sammeln, dann streckte sie den Rücken durch und kreuzte die Beine zum Schneidersitz. Langsam und tief atmete sie ein und aus. Immer wieder. Nur so konnte sie verhindern, dass die Angst sich ausdehnte, sie wie eine Würgeschlange immer fester einschnürte.

Sie schaffte es, dass die Panik in ihrer Brust ein wenig schrumpfte. Doch die drückende Hitze griff weiter nach ihr. Sie stand auf und ging zur nächsten Dachluke. Spinnweben klebten daran, und sie zuckte zurück. Egal, sie brauchte Luft. Erst vorsichtig, dann immer aufgebrachter rüttelte sie an der Luke und durchlebte dabei noch einmal, was vor wenigen Minuten geschehen war und was sie erst jetzt allmählich begriff.

Sie hatte sich riesig gefreut. Sie hatte eine Zwei bekommen, in Mathe! Sofort nach dem Mittagsgong war sie nach Hause gerannt, hatte die Wohnungstür aufgeschlossen, im Flur die Schuhe abgestreift, den Schulranzen abgesetzt und war mit dem Heft in der Hand freudig in die Küche gehopst. Natürlich wusste sie, dass sie nicht hüpfen sollte, ohne Hausschuhe schon gar nicht, aber es war keine Absicht gewesen. Wirklich nicht!

Die Küchentür knallte gegen die Anrichte, und ihre Mutter fuhr erschrocken herum. Das Mädchen wollte anhalten, doch es rutschte auf den Strümpfen weg und prallte der Mutter in die Seite. Ein schriller Schrei, ein Poltern. Etwas Heißes schwappte über, Porzellan klirrte. Einen Augenblick lang war es still, die Mutter blickte erstarrt zu Boden. Dann rannte sie zum Waschbecken, drehte das kalte Wasser auf und hielt die Hand darunter.

»Sieh nur, was du getan hast«, sagte sie mit eisiger Stimme.

Das Mädchen wusste nicht, ob sie die verbrühte Hand meinte oder das gelbe Meer auf dem Boden. Bunte Fettaugen schwammen darauf, und hier und dort ragten Griesklumpen und weiße Scherben wie Eisberge auf.

»Jetzt bist du schon neun und benimmst dich immer noch wie ein Kleinkind. Dein Übermut wird dich noch teuer zu stehen kommen.«

Dabei wurde sie erst in einem halben Jahr neun. Mit hängenden Armen stand sie da, das Heft mit der Zwei noch immer in der Hand. Zusammen mit der Suppenschüssel war das ganze Glück dieses sonnigen Tages zerplatzt.

Die Mutter drehte den Wasserhahn ab, nahm einen Putzlappen aus dem Schrank und ging auf die Knie. Mit der heilen Hand wischte sie das Suppenmeer notdürftig auf und warf die Reste der Schüssel in den Mülleimer. »Das Mittagessen fällt aus. Das hast du dir selbst zuzuschreiben«, keuchte sie vor Anstrengung und unterdrückter Wut, bevor sie sich stöhnend aufrichtete und vor ihre Tochter trat.

Blaue Pünktchen auf weißem Grund verbanden sich, wurden zu tanzenden Wellen. Das Mädchen hatte den Kopf gesenkt und starrte auf die Schürze der Mutter.

»Sieh mich an, wenn ich mit dir spreche.« Die Mutter umfasste ihr Kinn und bog ihr den Kopf nach hinten.

Der kalte Blick der Mutter ließ ihr Herz gefrieren. Was hätte sie darum gegeben, wenn sie sie angeschrien oder ihr eine Ohrfeige verpasst hätte. Stattdessen packte die Mutter sie an der Schulter, riss ihr mit der verbrühten Hand das Heft weg und warf es achtlos auf den Küchentisch.

Das Mädchen wusste, was nun kam, und sträubte sich nicht. Es wäre sinnlos gewesen. Von Heulen, Betteln oder Schreien ließ die Mutter sich nicht erweichen. Im Gegenteil, die Strafe fiel dann nur noch härter aus.

»Ich möchte, dass du in aller Ruhe darüber nachdenkst, was du falsch gemacht hast. Die Zeit ohne Ablenkung wird dir guttun und dir dabei helfen, deinen Übermut zu besiegen.«

Mit sanftem, fast liebevollem Druck hatte sie die Tochter aus der Küche bis zu der Treppe im Wohnungsflur geschoben, die in den vollgestopften Raum unter dem Dach hinaufführte, den die Mutter als Speicher nutzte.

Das Mädchen bemerkte, dass es noch immer an dem Riegel rüttelte. Wie lange stand sie hier schon? Minuten? Stunden? Es war vergeblich. Sie ließ von der Luke ab und versuchte es bei der nächsten. Doch auch die anderen Dachfenster waren nicht aufzubekommen.

Zitternd vor Zorn und Verzweiflung setzte sie sich wieder auf den Boden und dachte über die letzten Worte ihrer Mutter nach. Die alte Zauberin würde sie hier oben besuchen kommen, hatte sie gesagt. So wie es in dem Buch stand, das sie ihr gestern Abend vorgelesen hatte. Wenn sie ein liebes Mädchen wäre und ihr schlechtes Betragen bereute, würde die Zauberin die Tür wieder aufsperren. Andernfalls jedoch würde sie hohe, dicke Steine herbeizaubern und den Ausgang zumauern. Damit er für immer versperrt wäre.

Ihr Herz fing wild an zu hämmern. Sie musste der Zauberin sagen, dass sie nie wieder so etwas tun würde.

Sie übte laut. »Es tut mir leid, dass ich die Schüssel zerbrochen habe. Ich werde nie mehr herumhüpfen und auch nicht mehr übermütig sein. Ich will von nun an immer brav sein und meiner Mutter keinen Ärger mehr machen.« Dieselben Sätze, ein ums andere Mal. Ihr war heiß, und sie hatte Angst. Sie wusste, dass sie stottern würde.

Irgendwann dämmerte es, der Abend kam. Immer grauer wurde der Himmel hinter den Dachluken. Sie hatte keine Ahnung, wie viele Stunden sie schon hier oben saß. Ihr Hals war trocken, ihr Rücken schmerzte. Die Furcht vor der Zauberin verschmolz mit der Furcht vor der Nacht. Die schwarze Angst wuchs und wuchs. Atmen. Sie musste atmen. Ein und aus. Ein und aus.

Während die Zeit verstrich, wurde die Angst allmählich betäubt von der Müdigkeit, die herankroch wie ein unsichtbarer Riese. Er legte seine schweren Arme um sie und wollte sie nach unten drücken.

Sie rappelte sich auf, holte aus einem alten Koffer einen Wintermantel, den sie vor Monaten entdeckt hatte, als es unter dem Dach noch kalt gewesen war. Auf dem harten Holzboden breitete sie den Mantel aus und legte sich darauf. Dann ergab sie sich dem Riesen.

Die letzten dunklen Bilder wollten gerade wegfliegen, als ein Gedanke sie hochschrecken ließ. Was, wenn die Zauberin kam, während sie schlief? Wie sollte sie ihr dann erklären, dass sie nie wieder böse sein wollte? Mit einem Schlag war sie wieder hellwach.

Sie setzte sich auf und dachte angestrengt nach. Dabei sah sie sich im Dämmerlicht um. Aus einem Stützbalken ragte ein langer rostiger Nagel. Es war nicht leicht, ihn aus dem Holz zu ziehen. Neben dem Wintermantel kniete sie sich auf den Boden, um mit großen, krummen Buchstaben ihr Versprechen für die Zauberin in die staubigen Dielenbretter zu ritzen: »Ich will brav sein.«

Ihre Hand brannte. Das raue Eisen hatte ihre Handfläche aufgerieben. In der Falte unter dem kleinen Finger war ein Stück Haut abgeschürft, Blut trat darunter hervor.

Erschöpft legte sie sich zurück auf den Mantel. Aber was, wenn es schon zu dunkel war, wenn die Zauberin kam? Würde sie ihre Nachricht überhaupt entdecken?

Doch die Müdigkeit ließ ihr keine Kraft mehr, diesen angstvollen Gedanken weiterzudenken. Sie schlief ein, während sie betete, dass Zauberinnen auch im Dunkeln lesen konnten.

1.

Auf den ersten Blick war das Haus Nummer elf in der Rabenstraße völlig unscheinbar. Nahtlos fügte es sich zwischen die benachbarten Mietshäuser ein und machte dabei fast einen verlegenen Eindruck. Als schämte es sich zwischen dem protzigen Jugendstil-Palazzo zu seiner Linken und dem sanierten, gesichtslosen Fünfziger-Jahre-Bau zu seiner Rechten. Erst wenn man genauer hinsah, erkannte man, dass das fünfstöckige Gebäude einst, vor sicherlich mehr als hundert Jahren, als elegantes Zuhause wohlhabender Bürger errichtet worden sein musste. Die hellbraune Fassade und die weißen Fenster waren mit Stuck verziert, der allerdings schon hier und dort abgebröckelt und mit der grauen Patina von Großstadtruß überzogen war.

Das Haus erinnerte Juli an eine ältere Dame, die die Haare adrett gewellt und toupiert, aber gleichzeitig grellroten Lippenstift auf den Zähnen und einen Kaffeefleck auf dem Rock hatte. Es wirkte etwas heruntergekommen und trotzdem charmant, fand Juli. Sie stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite und blickte hinauf bis zum Dach.

»Fünfter Stock«, hatte in der Anzeige gestanden, »zwölf Quadratmeter, hell«. Sie hatte die Annonce auf der Website der Kunsthochschule entdeckt und am Telefon von einer sympathisch klingenden Greta den vertretbaren Mietpreis erfahren. Mit ihr hatte sie auch den heutigen Besichtigungstermin vereinbart. Juli hatte sich gefragt, ob nicht die Überschrift »Ruhige Mitbewohnerin auf Zeit gesucht« die meisten Studentinnen eher abschreckte. Aber wenn dem so war, sollte es ihr nur recht sein. Vielleicht hatte ja das Schicksal seine Hand im Spiel, und dieses Zimmer war genau für sie bestimmt.

Sie zählte die horizontalen Fensterreihen: eins, zwei, drei, vier … Wo war der fünfte Stock? Dabei hatte sie den Obstladen im Erdgeschoss schon mitgerechnet. Über der Dachrinne ragten vier Gaubenfenster aus dem Ziegeldach. Eine Dachgeschosswohnung also. War dort oben unter den dunklen Ziegeln ihr künftiges Zuhause?

Juli machte einen Schritt zurück. Die Vorstellung, direkt unter dem Dach zu wohnen, gefiel ihr nicht sonderlich. Allein die vielen Treppen. Garantiert gab es keinen Aufzug in dem alten Haus. Vielleicht wäre es besser, gleich wieder umzukehren? Aber nun war sie schon mal hier. Außerdem war sie gespannt darauf, diese Greta mit der netten Stimme kennenzulernen. Wer wie Juli neu in der Stadt war, der war auf nette Menschen angewiesen.

Ganz oben unter dem Dachfirst wurde ein kleines Fenster geöffnet. Eine Hand war zu sehen. Sie drückte die Dachluke weit auf, woraufhin die Scheibe die Mittagssonne spiegelte und einen gleißenden Strahl auf die Straße schickte. Geblendet von dem grellen Licht riss Juli den Arm hoch und hielt ihn sich schützend vor die Augen. Rote Punkte tanzten hinter den geschlossenen Lidern.

Sie trat aus dem Licht und überquerte die Straße. Dabei wäre sie fast in ein Cabrio hineingerannt. Der Fahrer hupte und brüllte sie an, während er den Wagen an ihr vorbeilenkte. Juli wollte gerade einen Fuß auf den rettenden Bordstein setzen, da raste schon wieder etwas an ihr vorbei. Ein Fahrrad streifte sie, eine Klingel schrillte. Bevor der nächste Radler heranrauschte, floh sie auf den Fußgängerweg.

Es war warm geworden an diesem 21. April. Die Leute saßen vor den Cafés, schlenderten mit einem Eis in der Hand durch die Straßen und fuhren auf ihren Rädern durch die Parks. Der Frühling gab sein Bestes.

Der Obsthändler trat vor Juli mit einem langen Stab aus dem Laden. Er wollte die Markise herausleiern, obwohl die Früchte in den Stiegen im Schatten lagen. Aushilfe auf Stundenbasis gesucht, war mit dickem Filzstift auf einem Blatt hinter der Glastür geschrieben. Die Geschäfte schienen gut zu gehen.

Während er die Stange einhängte und zu kurbeln begann, zwinkerte er Juli zu. »Wohin des Wegs, schöne Frau?«, fragte er neckend.

»Ich … äh … bin eigentlich schon da«, erwiderte sie zögernd und fühlte sich ein wenig in die Enge getrieben von der platten Anmache des Mittfünfzigers. Etliche graue Haare schimmerten in dem welligen dunkelblonden Schopf und dem Schnauzbart, unter der grünen Schürze trug er einen deutlichen Bauch vor sich her.

»Du wirkst, als hättest du dich verlaufen. Ein junges Mädchen allein in der großen Stadt. Da wollte ich dir meine Hilfe anbieten.«

Wieder zwinkerte er und musterte sie von unten bis oben, scannte geradezu ihre schwarzen Stiefeletten mit den Keilabsätzen, den knielangen dunkelblauen Rock mit den grauen Punkten und den roten Trenchcoat darüber. Unverfroren starrte er ihr auf die Beine und den Busen.

»Vielen Dank, aber ich komme ganz gut alleine zurecht«, gab Juli schroff zurück.

Sie wandte sich ab und ging eilig auf den Torbogen neben dem Laden zu, über dem das Schild mit der Elf prangte. Eine alte Frau mit schmutzigen Kleidern und langen, ungekämmten grauen Haaren wankte darunter hervor. Ihr gesamtes Hab und Gut hatte sie in mehrere löchrige Plastiktüten gestopft, die sie neben sich her zerrte.

Juli ließ sie vorbei, bevor sie auf das Gewölbe zuging, das zum Innenhof führte. Es klaffte im Vorderhaus wie ein vor Hunger aufgerissener Mund. Drinnen lehnten zwei verrostete Fahrräder an der Mauer, an der gegenüberliegenden Wand standen leere Bierflaschen. Feuchtkühle Luft kroch heraus, eine Schwade Urin zog an Juli vorbei und verflog. Sie zögerte einen Moment und warf einen Blick über die Schulter, der alten Frau hinterher.

Der Obstverkäufer stand immer noch da und beobachtete sie interessiert. Fast schien es, als würde er ihr aufmunternd zunicken. Juli drehte sich rasch wieder um und begab sich in den dunklen Schlund.

2.

Das Mädchen, das ihr im fünften Stock die Tür öffnete, sah aus wie ein Geist. Juli wäre beinahe zurückgeschreckt, doch dann begriff sie, warum das Gesicht vor ihr so bleich war. Es war mit einer weißen Pflegemaske eingecremt.

Bei genauerem Hinsehen stellte Juli fest, dass es sich bei dem Mädchen um eine Frau in ihrem Alter handelte. Ihre langen, kupferroten Haare wurden von einem breiten Stirnband zurückgehalten. Sie war einen halben Kopf kleiner als Juli, barfuß und steckte in bequemen Leggins und einer weich fließenden Tunika. Unter der weiten Kleidung war ein zarter, zerbrechlicher Körper zu erahnen, der ihr etwas Kindliches verlieh.

»Entschuldige meine Aufmachung, aber du bist zehn Minuten zu früh, und ich muss in einer Dreiviertelstunde zur Probe«, sagte sie lachend, und Juli erkannte die kräftige, frauliche Stimme vom Telefon wieder. »Da brauche ich vorher manchmal ein bisschen Wellness für Körper und Geist.« Sie trat einen Schritt zurück und hielt die Wohnungstür mit einer einladenden Geste auf.

Juli trat ein und stand in dem langen, schmalen Flur einer hübschen Wohnung.

»Ich bin übrigens Greta. Aber das hast du dir sicher schon gedacht.« Die Hausherrin strahlte. »Eigentlich Margaretha, aber so nennen mich nicht mal meine Eltern.« Ihr fröhliches Lachen klang glockenhell. »Hier rechts ist die Küche.« Sie ging voraus und drückte im Vorbeigehen schnell noch eine schmale Zimmertür gleich neben dem Wohnungseingang zu. »Setz dich doch. Willst du was trinken?«

»Gerne.« Juli folgte ihr und nahm an dem alten Holztisch Platz, der mitten im Raum stand. Sie hatte das vage Gefühl, Greta schon einmal gesehen zu haben, doch sie konnte nicht festmachen, wo. »Ein Wasser wäre prima. Die Treppe hat mich ganz schön geschafft.« Im Sitzen wand sie sich aus ihrem Trenchcoat und legte ihn über die Stuhllehne.

»Ich kann dir nur Leitungswasser anbieten. Ist aber sowieso am gesündesten und schont die Umwelt.« Greta ging zur Spüle und füllte ein Glas. »Wasserkästen mit Glasflaschen hier raufzuschleppen ist mörderisch, das tue ich mir nicht an. Und Plastikflaschen finde ich grässlich. Den Kunststoff schmecke ich sofort heraus.«

Sie stellte ihrem Gast das gefüllte Glas hin und blieb an die Spüle gelehnt stehen. »Du kommst also aus Berlin und hörst auf den wunderbaren Namen Julietta.«

Juli trank einen Schluck und nickte. »Ja, ziemlich ungewöhnlich, ich weiß. Darum bin ich auch froh, wenn mich die Leute einfach Juli nennen.«

Greta blickte sie aus grünblauen Augen interessiert an.

»Schön hier«, meinte Juli und sah sich um.

Die Küche war geschmackvoll eingerichtet, auch wenn der Raum durch die Dachschräge und das Gaubenfenster recht düster war. Der Tisch, die Stühle, das Buffet, die Anrichte, die Schränkchen und die Regale, ja selbst einige der Töpfe und das Geschirr hinter der Buffetvitrine waren alles Einzelstücke, die auf den ersten Blick wild zusammengewürfelt wirkten und trotzdem Gemütlichkeit verbreiteten.

»Der ist, wie die meisten Dinge hier, noch von meinen Großeltern.« Greta pochte auf den Tisch und zog zum Beweis die verzogene Bestecklade auf. »Auf diesem Holz wurde gegessen, gebetet und Geld beim Kartenspielen verloren. Womöglich wurden hier sogar Kinder gezeugt.« Sie lachte derb, und Juli war etwas befremdet, weil diese Rohheit gar nicht zu der zarten Person passen wollte.

»Wo hast du meine Annonce entdeckt?«, fragte Greta, nachdem sie Juli eingehend gemustert hatte. »Oder studierst du Kunst?«

»Nein«, erwiderte Juli und wunderte sich über Gretas Menschenkenntnis. Anscheinend hatte sie ihr sofort angesehen, dass sie nicht zu den Kreativen gehörte. »Ein Freund hat mir den Tipp mit dem Schwarzen Brett auf der Website der Kunsthochschule gegeben«, log sie, weil ihr klar war, dass sie Greta nicht die Wahrheit sagen konnte.

Wie hätte sie ihr auch erklären sollen, was sie selbst nicht verstand? Dass sie bei ihrer Ankunft am Münchner Hauptbahnhof eine Papierserviette in ihrer Manteltasche gefunden hatte, auf die etwas mit Kuli gekritzelt war. »Schwarzes Brett Kunsthochschule«, hatte Juli mühsam entziffert, und: »Zimmer Rabenstraße«. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, wie die Serviette in den Trenchcoat gekommen war. Womöglich hatte jemand sie hineingesteckt, als Juli kurz hinter Berlin eingeschlafen war, den Kopf an die vibrierende Fensterscheibe gelehnt. Es war Semesterbeginn, Studenten hatten in den Gängen gesessen, vor den Türen und drei von ihnen auch in Julis Abteil, als sie aufgewacht war. Nur wieso sollte jemand so etwas tun? Außerdem stand ihr ja nicht auf die Stirn geschrieben, dass sie in München noch keine Bleibe hatte.

»Studentin bist du trotzdem, hast du am Telefon gesagt«, riss Greta Juli aus ihren Gedanken. Sie machte eine Pause, bevor sie nachschob: »Bitte nimm’s mir nicht übel, aber wie zwanzig wirkst du auf mich nicht mehr …«

Juli lachte. »Nein, leg noch mal zehn Jahre drauf und du hast richtig geraten.«

»Dann sind wir ja fast gleich alt! Ich bin gerade achtundzwanzig geworden. So langsam wird’s eng für mich.« Greta machte ein gespielt zerknirschtes Gesicht, und als Juli sie fragend ansah, fügte sie hinzu: »Na ja, in meinem Beruf gibt es für Frauen immer weniger zu tun, je älter sie werden.«

»Wieso das? Ich dachte, du bist Musikerin.«

»Wie kommst du denn darauf?«

»Du hast vorhin gesagt, du müsstest gleich zur Probe.«

»Nein, Musikerin bin ich leider nicht«, Greta lächelte, verträumt und verlegen zugleich, »obwohl ich hin und wieder Gesangsstunden nehme.«

»Was machst du dann?« Juli fand, dass sie sich ganz schön zierte.

Greta senkte die Lider und hauchte fast schüchtern: »Ich bin Schauspielerin.«

»Wirklich?«, fragte Juli voller Begeisterung.

»Das ist in erster Linie harte Arbeit.« Diesmal lagen Ernst und Demut in Gretas Stimme. Sie stand noch immer an die Spüle gelehnt da und streckte den Rücken durch.

Juli war fasziniert von diesem Zufall. »Meine Mutter war hier früher auch einmal als Schauspielerin engagiert.«

»Das gibt’s ja nicht! Wo denn?«

»Am Hoftheater.« Juli sah Interesse in Gretas Augen aufblitzen. Das Hoftheater war eine der renommiertesten Adressen der Stadt. »Allerdings schon vor mehr als fünfzig Jahren.«

»Wie heißt sie?«

»Karoline Kaufmann, das war ihr Mädchenname.«

Greta überlegte, während sie den Namen leise wiederholte, und schüttelte den Kopf. »Sagt mir nichts, tut mir leid. Wohin ist sie danach gegangen?«

»Nach Rostock, zusammen mit meinem Vater, den sie damals gerade kennengelernt hatte. Er war Hochseefischer und hatte das bessere Einkommen.« Juli lächelte. »Kurz darauf wurde die Mauer gebaut. Meine Mutter ist nie mehr hierher zurückgekommen.«

»Spielt sie heute noch Theater?«

»Nein, sie lebt in einem Pflegeheim an der Ostsee.«

Mitfühlend legte Greta die Hand auf den Mund und machte ein betretenes Gesicht, bevor sie fragte: »Ist das der Grund, weshalb du hier studieren willst und nicht in Berlin?«

»Das und die Studienplatzvergabekriterien.« Juli lachte leise über das schöne Wort.

»Das heißt, du willst deine Mutter über ihre Vergangenheit näher kennenlernen.« Gretas Blick wanderte in die Ferne. »Ich würde meine Mutter auch gerne besser verstehen. Sie ist damals völlig ausgeflippt, als ich auf die Schauspielschule bin, anstatt einen anständigen Beruf zu erlernen. Seither haben wir keinen Kontakt mehr.«

Jetzt war es an Juli zu sagen, dass ihr das leidtue, aber Greta winkte eilig ab. Sie schien sich nicht länger mit diesem schmerzhaften Thema aufhalten zu wollen.

»Du willst also wissen, wie deine Mutter damals gelebt hat?«, fragte sie.

»Ich würde überhaupt gerne wissen, wo sie gelebt hat«, antwortete Juli.

»Du suchst ihr Haus?«

»Eigentlich suche ich einen Garten.«

Greta war erstaunt.

»Sie hat mir oft von einem wunderschönen Garten erzählt, mit einer grünen Bank unter einem Kirschbaum, mit Stachelbeersträuchern und einem Erdbeerbeet. Und von duftenden Rosen, mannshohen Sonnenblumen und Malven an einem roten Zaun vor einem plätscherndem Bach.«

Dass in dem Garten außerdem ein Schatz verborgen sein sollte, erwähnte Juli lieber nicht. Es wäre ihr albern vorgekommen.

Als sie noch ein Kind gewesen war, hatte ihre Mutter ihr einmal mit einem verschwörerischen Lächeln erklärt, dass in der Mauer hinter dem Kirschbaum zwischen Efeuranken und hinter einem losen Ziegelstein eine Schatulle versteckt sei, die ihr gesamtes Vermögen enthielt. Feierlich und mit pochendem Herzen hatte die kleine Julietta gelobt, dieses Geheimnis niemandem zu verraten. Lange hatte sie es mit sich herumgetragen, bis ihr als Jugendliche aufgegangen war, dass die Mutter ihr womöglich nur eine besonders spannende Geschichte erzählt hatte. Aber da war es schon zu spät zum Nachfragen gewesen, ein Schlaganfall hatte die Mutter ihrer Sprache beraubt und für immer ans Bett gefesselt. Obwohl Juli sich daraufhin gesagt hatte, dass die alte Anekdote völliger Unsinn war, wurde diese Überzeugung immer wieder von Zweifeln durchsetzt oder vielmehr von einer kindischen Hoffnung.

»Warum hat sie dir von ihrem Garten erzählt und nicht von dem Haus?«, wollte Greta wissen.

Juli zuckte mit den Schultern. »Einen Garten hatten wir in Rostock nicht. Dort haben wir in einem Mehrfamilienhaus in der Innenstadt gewohnt, da gab es nur einen Balkon. Meine Mutter hat den Garten sehr vermisst. Er war für sie wohl der Inbegriff der Freiheit, die ihr mit dem Mauerbau genommen worden war.«

»Sie hat dir hoffentlich die Adresse genannt?«

»Irgendwo in der Innenstadt am Feuerbach, mehr weiß ich leider nicht«, sagte Juli. »Meine Mutter ist seit einem Schlaganfall nicht mehr ansprechbar, und mein Vater ist leider schon lange tot. Die beiden sind sehr spät Eltern geworden, meine Mutter hat mich erst mit sechsundvierzig bekommen.«

Sie sah, wie Greta schluckte, und lächelte, um dem Gespräch die Bedrücktheit zu nehmen. Und um die traurigen Erinnerungen zu verscheuchen.

»Wenn es das Haus deiner Mutter war, dann muss es euch doch noch gehören«, überlegte Greta.

»Das wäre schön, aber so einfach ist das nicht. Meine Mutter hat das Haus in den siebziger Jahren geerbt, als ihre Eltern starben. Doch antreten durfte sie ihr Erbe damals in der DDR natürlich nicht. Nicht mal zur Beerdigung hat man sie ausreisen lassen. Zwei Anwälte, einer aus dem Osten und einer aus dem Westen, haben sich um den Verkauf des Hauses gekümmert und einen Großteil des Erlöses abgezweigt. Bekommen hat meine Mutter am Ende bloß eine mickrige Summe.«

»Und jetzt willst du dich auf eigene Faust auf die Suche nach dem Garten machen? Mitten in einer Millionenstadt?«, fragte Greta ungläubig.

»Was bleibt mir denn anderes übrig?«, fragte Juli zurück.

Greta sah sie gebannt an. Sie schien zu verstehen und nickte. Einen Moment herrschte Schweigen, bis Juli das Thema wechselte.

»An welchem Theater spielst du eigentlich?«

»An der Neuen Bühne.« Greta ahnte wohl, dass das Juli nicht viel sagte. »Ein modernes, innovatives Haus, das sich in den letzten Jahren unter Robert Junghans einen Namen gemacht hat.«

»Kannst du von der Schauspielerei leben?«

»Ja, das kann ich mittlerweile zum Glück.«

Gretas Stolz über diese Tatsache blieb Juli nicht verborgen. »Dann bist du also eine stadtbekannte Berühmtheit.«

»Der eine oder andere erkennt mich schon auf der Straße. Aber ob ich eine Berühmtheit bin – dazu befragst du besser andere. Was die Presse über mich schreibt, lese ich nicht.« Sie stemmte sich von der Spüle ab. »Jetzt hast du immer noch nicht das Zimmer gesehen, für das du dich interessierst.«

Greta führte Juli aus der Küche, vorbei an der Tür, die sie so hastig geschlossen hatte, einer weiteren Zimmertür sowie Toilette und Bad bis an das Ende des Flurs.

»Bitte sehr«, sie öffnete den letzten Raum und ließ ihrem Gast den Vortritt, »klein, aber fein.«

Ersteres traf in der Tat zu. Juli stand in einem nahezu quadratischen Raum und sah sich um. Ein einfacher Dielenboden, weiße Wände, ein Fenster. Die Mittagssonne fiel herein und strahlte die blanken Wände an.

»Es ist das hellste Zimmer in der ganzen Wohnung«, verkündete Greta beinah feierlich und strahlte Juli an.

Der Raum wirkte freundlich, genau wie seine Vermieterin. Langsam drehte sich Juli um die eigene Achse und nahm die angenehme Atmosphäre in sich auf. Immerhin gab es hier keine Dachschrägen. Das erdrückende Gefühl, das sie in der Küche beschlichen hatte, war verflogen. Sie machte einen Schritt auf das Fensterbrett zu und sah durch die Scheibe nach unten. Das Zimmer ging auf den Hof hinaus. Juli konnte in die oberen Äste eines blühenden Kastanienbaums blicken.

»Bist du nicht schon ein bisschen zu alt, um ein Studium zu beginnen?«

Juli fuhr herum, sie fühlte sich, wie aus einem Traum gerissen.

»Entschuldige, manchmal bin ich ziemlich direkt. Aber ich habe gelernt, dass man nur so im Leben weiterkommt.« Greta lächelte offen.

»Ja, du hast recht. Unter den Erstsemestlern werde ich herausstechen wie eine alte Glucke unter frisch geschlüpften Küken.« Juli strich sich durch die kurzen Haare. »Ich habe nach der Schule eine Lehre gemacht und eine Zeit lang gearbeitet. Und danach noch eine Weiterbildung angehängt.«

»Als was hast du denn gearbeitet?«

»Als Pflegerin.«

»In einem Altenheim?«

»In einer psychiatrischen Klinik.« Julis Hand umkreiste den Wirbel an ihrem Hinterkopf. »Dadurch habe ich über die Jahre so viele Wartesemester angesammelt, dass ich nun trotz meines mittelmäßigen Abis einen Studienplatz bekommen habe.«

»Lass mich raten: Medizin?«

»Nein, Psychologie.«

Greta reagierte, wie Juli es erwartet hatte. So wie die meisten Leute. Sie blickte skeptisch und wich kaum merklich zurück. Der Spott über die Menschenversteher-Wissenschaft vermischte sich mit der Angst, durchleuchtet zu werden.

»Ich hatte schon immer ein Problem damit, Blut zu sehen«, erklärte Juli lachend und versuchte vergeblich, mit dem rechten Zeigefinger eine der kurzen Strähnen aufzuzwirbeln.

Greta nickte. »Mir gefällt deine Frisur.«

Allmählich wurde es Juli in dem kleinen Zimmer zu warm. Die Sonne schien direkt auf ihren Rücken und heizte den dunklen Stoff ihres Shirts auf. Greta fing an, ihr eine Reihe von Fragen zu stellen. Fragen, die mehr oder weniger legitim für eine angehende Vermieterin waren. Wie Julis Tagesablauf aussehe, wann sie für gewöhnlich morgens aufstehe und das Bad benutze, ob sie häufig Übernachtungsbesuch bekomme, ob sie einen Freund habe, ob sie Fleisch esse, woher sie das Geld für die Miete nehme und ob sie einverstanden sei, zehn Euro mehr pro Monat für Ökostrom zu zahlen.

Bisher habe sie selbst hier mit ihrem Freund zusammengewohnt, der jedoch vor ein paar Wochen seinem Doktorvater nach Hamburg gefolgt sei. Ein Mathematiker, erklärte Greta stolz, Experte in einem Fach, von dem sie nicht das Geringste verstehe. Er dagegen könne rein gar nichts mit dem ganzen Theaterkram anfangen. Alles bloß Selbstdarsteller und Exhibitionisten, sage er immer.

Sie wollten ausprobieren, wie ihre Beziehung auf die Distanz funktioniere, erzählte sie weiter. Jeder würde sich in die Arbeit stürzen, und in ein paar Monaten wollten sie weitersehen. Deswegen habe sie auch kein Problem damit, dass Juli sich zeitlich noch nicht festlegen konnte.

Juli hatte ihre Fernbeziehung vorab schon erwähnt und fügte hinzu, dass sie hoffe, ihr Freund, der in Berlin arbeitete, werde irgendwann nachkommen.

Sie wollte aus der Sonne treten und drehte sich ein Stück zur Seite. Mit dem Erfolg, dass die Sonne ihr nun schräg ins Gesicht schien und sie blendete. »Waren denn schon viele Leute hier, um sich das Zimmer anzuschauen? Oder kommen noch viele?«

»Nicht unbedingt …«, antwortete Greta wenig aufschlussreich und stockte kurz. »Natürlich haben etliche angerufen, deshalb habe ich auch irgendwann das Handy ausgeschaltet. Aber keine Sorge, die Konkurrenz ist nicht groß. Ich habe zu viel Arbeit und zu viele Termine, um meine Zeit mit Bewerbungsgesprächen zu verplempern. Anstatt jeder Anruferin meine Adresse zu geben, habe ich schon im Vorfeld rigoros ausgesiebt.«

Juli hätte gerne gewusst, welche Kriterien Greta dabei angelegt hatte, aber sie hatte keine Ahnung, wie sie danach fragen sollte, ohne dass es zu indiskret oder anbiedernd klang. Stattdessen meinte sie: »Das Zimmer ist wirklich schön, und die Wohnung gefällt mir auch sehr gut, allerdings sind meine Möbel noch bei meinem Freund.«

»Verstehe«, sagte Greta. »Hast du denn niemanden hier in München, der dir etwas besorgen oder leihen könnte?«

»Nein, leider nicht.«

Greta wiegte den Kopf, sie schien zu überlegen. »Ich könnte auf dem Dachboden nachsehen. Eine Matratze von einer früheren Mitbewohnerin steht auf jeden Fall noch dort oben rum.« Als sie Julis große Augen bemerkte, sagte sie schnell: »Keine Angst, ich habe sie damals mit Folie umwickelt, die ist nicht schmutzig.«

»Ich dachte, du hast mit deinem Freund hier gewohnt?«, hakte Juli nach.

»Ja, aber erst seit zwei Jahren. Davor hatte jeder seine eigene Bleibe«, erklärte Greta. »Ein Schränkchen von meinen Großeltern und einen kleinen Tisch, den du als Schreibtisch nutzen könntest, gibt es auch noch. Wenn du mir versprichst, dass du gut mit den Sachen umgehst, würde ich sie dir leihen.«

»Aber natürlich, das wäre toll!«

»Gut. Heißt das, du nimmst das Zimmer?«, fragte Greta begeistert. »Von mir aus kannst du gleich morgen einziehen.«

Juli war überrascht von Gretas Spontaneität und Entscheidungsfreude und willigte nach einem winzigen Moment des Zögerns ein. In den letzten zwei Tagen hatte sie bereits fünf Zimmer besichtigt, aber entweder war die Miete zu hoch gewesen oder die Mitbewohner hatten sich für eine andere Kandidatin entschieden. Und jeder weitere Tag im Hostel kostete sie nur Geld, das sie für andere Dinge brauchte.

»Also dann bis morgen?«, fragte Greta und streckte ihr herzlich die Hand entgegen.

Juli schlug ein. »Bis morgen!«

Die Schauspielerin machte einen Schritt zurück, um ihr beim Verlassen des Raumes erneut den Vortritt zu lassen. »Ich denke, das mit uns könnte gut klappen.«

Juli trat aus der Sonne. Sie war froh. Es war eine große Erleichterung, dass sie so schnell ein so günstiges Zimmer gefunden hatte, noch dazu möbliert. Außerdem freute sie sich darauf, mit einer so netten und interessanten Person zusammenzuwohnen.

Doch sie wunderte sich auch ein bisschen, denn sie selbst fand sich nicht halb so interessant. Was Greta wohl an ihr fand? Weshalb hatte sie sich, ohne lange zu zögern, für sie entschieden?

Vielleicht sollte Juli die seltsame Geschichte mit dem Zettel in ihrer Manteltasche einfach als glückliche Fügung betrachten. Vielleicht würde der Umzug in den fünften Stock der Rabenstraße elf ja der Beginn einer ganz besonderen Freundschaft sein.

Als Juli in den Flur trat, machte sie der Sonne den Weg frei, und die hellen Mittagsstrahlen trafen Greta. Ihre langen, roten Haare flammten auf. Das fein geschnittene Gesicht mit der weißen Pflegemaske erstrahlte kurz wie das Gesicht einer Heiligen.

Die Creme war inzwischen eingetrocknet. Dort, wo sie bröckelte, wurden rötliche Hautunreinheiten sichtbar. Greta hatte tiefe Risse im Gesicht. Es sah aus, als ob sie sich schuppte – und als würde sie unter den Schuppen eine zweite Haut verbergen.

3.

Es war halb elf, als Juli am Samstagvormittag mit ihrem Trekking-Rucksack auf den Schultern in die Rabenstraße einbog. Das große, sperrige Gestell fasste offiziell siebzig Liter, Julis Klamotten und Habseligkeiten füllten es gerade mal zur Hälfte. Es war ein schöner Tag, der Frühling war weiterhin bestens aufgelegt, fast schon übermütig, und Juli ließ sich davon anstecken. Sie freute sich auf ihr neues Zuhause. Neues Zimmer, neue Stadt, neues Leben, dachte sie, und es klang wie ein schlechter Schlager.

Auch der Obsthändler im Erdgeschoss hatte seine Auslage wieder reichlich bestückt. Honigmelonen, papageienbunte Mangos, Weintrauben, rotwangige Äpfel, Bananen – wunderschön anzusehen, aber alles nur Komplizen einer trügerischen Sommerlaune. Kaum etwas davon wuchs hierzulande, und wenn doch, dann wurde es sicher nicht im April geerntet.

Trotzdem überlegte Juli, ob sie sich nicht eine der reifen, zarten Mangos leisten sollte. Aber dann fiel ihr der unangenehme Mensch wieder ein, dem der Laden gehörte. Durch die Scheibe sah sie, wie er gerade einen Kunden abkassierte. Außerdem war sie schon eine halbe Stunde zu spät, zehn Uhr hatte sie mit Greta ausgemacht. Nachdem sie sich in dem hellhörigen Hostel bis zum Morgengrauen herumgewälzt hatte, hatte sie viel zu lange geschlafen. Jetzt hoffte sie, dass sie mit ihrer Unpünktlichkeit nicht gleich einen unzuverlässigen Eindruck bei einer so vielbeschäftigten Schauspielerin wie Greta hinterließ.

Denn dass Greta vielbeschäftigt war, hatte sie in der Zwischenzeit herausgefunden. Es hatte gereicht, ihren Namen oder vielmehr allein ihren Vornamen zu googeln. Ihren Nachnamen hatte die Suchmaschine bereits nach dem ersten Buchstaben automatisch vervollständigt: Margaretha Brandstätter, aufstrebender Stern der hiesigen Theaterszene. Etliche Zeitungen hatten sie interviewt, Fotos von ihr abgedruckt, ihre zauberhafte Gestalt und ihr uneitles Wesen gelobt. Gerne ging man auf ihren Werdegang ein: aus einfachen Verhältnissen, der Vater Maurer, die Mutter Reinigungskraft, bis aufs Gymnasium durchgeboxt, gegen den Willen der Eltern heimlich bei einer der renommiertesten Theaterschulen des Landes vorgesprochen, von der Nebenrolle zur bejubelten tragischen Heldin. Ein Aschenputtel-Märchen, wie es das Publikum liebte. Doch nicht nur hier in der Stadt war Greta bekannt und gefragt. Sie hatte auch schon auf den großen Bühnen in Hamburg und Berlin gastiert. Juli fühlte sich fast geehrt, mit so jemandem die Wohnung zu teilen. Allerdings fragte sie sich, warum Greta als erfolgreiche Schauspielerin überhaupt eine Mitbewohnerin suchte. Sie konnte sich die Wohnung doch sicher locker alleine leisten.

In Julis Manteltasche klingelte es, und sie zog ihr Handy aus dem Trenchcoat. Die Sonne schien auf das Display, sodass sie den Namen des Anrufers nicht erkennen konnte.

»Hallo?«

Keine Reaktion.

»Hallo?«, fragte sie noch einmal, diesmal lauter.

»Charlotte, wo sind Sie? Wieso sind Sie nicht zum letzten Termin gekommen?« Es war die Stimme einer Frau. Obwohl sie sich bemühte, besorgt zu klingen, hörte sie sich eher aufgebracht an.

Juli war im ersten Moment so perplex, dass sie gar nichts erwidern konnte.

Die Frau am anderen Ende war schneller. »Charlotte, reden Sie mit mir! Wenn es Probleme gibt, dann kommen Sie vorbei und wir lösen sie gemeinsam.«

Die resolute Dame machte Juli nervös, obwohl sie keine Ahnung hatte, wer da in der Leitung war. »Ich fürchte, Sie haben sich verwählt …«

»Ich bitte Sie, Charlotte, kommen Sie mir nicht so«, unterbrach die Frau sie. »Sie wissen, wie wichtig die regelmäßigen Sitzungen für Sie sind.«

Langsam wurde es Juli zu dumm. »Tut mir leid, aber ich kenne keine Charlotte.« Sie nahm das Handy vom Ohr, legte auf und wollte noch einmal auf dem Display nach der Nummer der Anruferin schauen.

Ein Stoß gegen die Schulter ließ sie taumeln, das Handy glitt ihr aus der Hand. Scheppernd schlug es auf dem Asphalt auf und zerschellte. Mit dem Rucksack auf dem Rücken verlor Juli fast das Gleichgewicht, im letzten Moment fing sie sich ab.

Vor ihr schlingerte ein teures Bike, darauf saß ein Mann in sportlicher Montur mit Helm und einem orangefarbenen Sack aus Lkw-Plane auf dem Rücken. Seine Füße waren kurz von den Pedalen gerutscht. Als er wieder Halt gefunden hatte, funkelte er Juli über die Schulter zornig an.

»Blöde Kuh! Telefoniert mitten auf’m Radweg!« Dann nahm er wieder Fahrt auf und spurtete davon.

Wie vom Donner gerührt stand Juli da. Erst nach einer ganzen Weile ging sie in die Knie, um die verstreuten Einzelteile ihres Handys zusammenzuklauben. Der Rucksack behinderte sie, während sie wie eine verletzte Ente über den Boden hopste.

»Diese Fahrradkuriere sind die Pest. Schlimmer als tollwütige Hunde. Rasen wie die Wilden durch die Stadt und sind eine Gefahr für Fußgänger und Autofahrer.«

Juli blickte auf und hatte die grüne Schürze des Obsthändlers vor der Nase.

»Komm, Mädchen, ich helfe dir.« Er zog sie am Oberarm hoch. Dann sah er auf den Boden und schüttelte den Kopf. »So wird das nichts.« Er ging zurück in den Laden, um gleich darauf mit einer Kehrschaufel und einem Handfeger wieder herauszukommen. Eilig kehrte er die Scherben und Splitter zusammen und präsentierte sie Juli auf der Schaufel. »Kannst du damit überhaupt noch was anfangen?«

Vorsichtig zog sie die verbogene und zerkratzte SIM-Karte aus dem Häufchen und warf sie gleich wieder zurück. »Nein, das kann wohl alles in den Müll.«

»War hoffentlich keins von den Dingern, die so viel kosten wie ein Kleinwagen?«

Sie rang sich ein Lächeln ab. »Nein, nicht mal so viel wie eine Tankfüllung. Ich wollte mir sowieso längst ein neues kaufen.«

»Warte!«, der Obsthändler ging zur Auslage und riss eine Papiertüte vom Haken. »Bitte sehr«, sagte er und kippte die Überreste des Handys hinein.

»Danke.« Juli knüllte die Tüte in ihre Manteltasche.

»Warst du nicht gestern schon hier?« Er kniff die Augen zusammen und legte den Kopf schräg, während er sie einmal mehr musterte.

Sie wich seinem Blick aus. »Ja, ich habe mir hier im Haus ein Zimmer angeschaut.«

»Wusst ich’s doch. Eine schöne Frau vergesse ich nie.« Er rieb sich mit dem Zeigefinger über den Schnauzbart. Sein Grinsen wich einem interessierten Staunen. »Sag bloß, du ziehst oben bei der Brandstätter ein?«

Juli hätte den aufdringlichen Typen am liebsten stehen lassen. Aber was hätte das genützt? Sie würde ihm in nächster Zeit wohl oder übel noch öfter über den Weg laufen. Schließlich waren sie jetzt Nachbarn.

»Genauso ist es«, erwiderte sie möglichst freundlich. »Schönen Tag noch.« Damit drehte sie sich um und wäre fast wieder gestürzt. Ein stechender Schmerz jagte durch ihr Bein. Sie war umgeknickt, der Keilabsatz ihrer Stiefeletten musste an einer Gehwegplatte hängen geblieben sein.

Erneut sprang ihr Retter und Helfer ihr bei und hielt sie am Rucksack fest. »Heute scheint nicht gerade dein Glückstag zu sein.«

»Nein, da haben Sie recht.« Sie biss die Zähne zusammen und setzte vorsichtig den linken Fuß auf. Ein heftiges Ziehen machte sich über ihrem Knöchel bemerkbar.

»Hast du dir was getan?«

»Nein, nein, es geht schon.« Mit kleinen Schritten humpelte sie voran.

Doch so schnell ließ sich der hilfsbereite Händler nicht abschütteln. Noch immer umfasste er ihren Rucksack. »Das ist ja nicht mit anzusehen. Komm, setz das Ding ab! Ich trag ihn dir hinauf.«

Juli protestierte erst gar nicht mehr. Geschlagen ließ sie die Trageriemen über Schultern und Arme hinabrutschen und stellte den Rucksack auf dem Gehsteig ab.

»Einen Moment.« Der Obsthändler zog einen Schlüssel aus der Schürze, ging zur Ladentür und schloss ab. »Damit keiner auf dumme Gedanken kommt.« Mit einem Blick auf die vollen Stiegen vor dem Laden meinte er: »Gegen Mundraub bin ich sowieso machtlos.« Er griff nach einem Apfel und warf ihn Juli zu.

Sie erschrak und fing ihn gerade noch auf. »Danke«, sagte sie, und er lachte.

Im selben Moment glaubte sie eine Bewegung hinter der Scheibe zu erkennen, an der hinteren Wand des Verkaufsraumes.

»Da ist noch wer«, sagte sie und reckte das Kinn in Richtung Laden.

»Wo?«

»Na, da drinnen.«

Der Obsthändler drehte sich um und sah durch das große Fenster. Er ging zurück zur Tür, schirmte mit den Händen die Augen ab und spähte durch die Scheibe. »Wo soll da bitte schön jemand sein?«, fragte er, während er sich wieder zu Juli umwandte. »Meinst du, ich sperre meine Kunden ein, damit sie sich bei mir durchfuttern können?« Er lachte laut auf. »Die junge Dame sieht Gespenster.«

Sie hatte sich anscheinend getäuscht. Sicher war es ein Schatten gewesen, der von der Straße in den Laden gefallen war, oder eine Spiegelung in der Fensterscheibe.

»So, dann wollen wir mal.« Mit nur einer Hand schulterte der Obstverkäufer den Rucksack und machte sich erst gar nicht die Mühe, auch den zweiten Riemen überzustreifen. »Nicht gerade optimal, auf so hohen Hacken durch die Weltgeschichte zu reisen.« Spott funkelte in seinen kleinen, eng stehenden Augen. »Warum ist ein so schickes Fräulein nicht mit einem von diesen modischen Rollkoffern unterwegs?«

Juli drehte den Apfel in den Händen und zuckte mit den Schultern. »Weil das Fräulein keinen besitzt.« Und weil die Dinger einen beim Reisen nur aufhielten, fügte sie stumm hinzu.

»Auch eine Antwort«, brummte der Händler, und Juli hatte für einen Moment schon die Befürchtung oder vielleicht auch Hoffnung, dass er sich beleidigt in seinen Laden zurückziehen würde. Stattdessen machte er eine ausladende Geste, die ihr den Weg zum Torbogen wies: »Ladys first.«

Juli ließ den Apfel in die Manteltasche gleiten und humpelte voran. Im Innenhof schlängelte sie sich an den kreuz und quer abgestellten Rädern vorbei, der Obsthändler blieb mit dem Rucksack hängen. Ein Hollandrad, das kaum noch Lack besaß, fiel um.

»Idioten! Wenn’s hier mal brennt, wird die Feuerwehr nicht mehr tun können, als euch auszulachen«, zischte er. Naserümpfend stieß er das Rad mit dem Fuß zu den Mülltonnen. »Zum Glück muss ich hier nur arbeiten und nicht wohnen.«

Geradeaus, hinter dem winzigen Rasenstück mit der schmalen, hoch gewachsenen Kastanie, lag der Eingang zum Hinterhaus. Rechts kam man zum Treppenaufgang des Vorderhauses. Juli drückte eine schiefe, grau lackierte Holztür auf, die bereits halb offen stand.

»Mach dir nicht die Mühe zu versuchen, sie zu schließen. Das Ding klemmt. Im Winter ist es hier kälter als in Sibirien«, hörte sie den Obsthändler hinter sich schimpfen.

Jetzt allerdings war es hier ganz schön warm. Juli fragte sich, wieso er sich über das zugige Treppenhaus aufregte, als sie neben sich eine dunkelbraune Tür bemerkte, ohne Namensschild oder Klingel. Es musste die Hintertür zu seinem Laden sein.

Sie nahm die erste Treppe in Angriff und humpelte hinauf. Die Holzstufen waren abgetreten, ungewohnt flach und knarzten. Mit der linken Hand zog sie sich am Geländer hoch und versuchte dabei, den schmerzenden Fuß so wenig wie möglich zu belasten. Es war ein schönes Geländer aus geschnörkelten schmiedeeisernen Schnecken, das dem Hausflur einen letzten Hauch Charme verlieh.

»Wann ist das Haus erbaut worden?«

»Neunzehnhundertdrei. Seither ist hier nichts erneuert worden«, scherzte der Obsthändler. »Schau dir nur mal die Schilder an.« Er zeigte auf die Treppe.

Auf eine Setzstufe war ein kleines weißes Emailleschild genagelt, das nach jedem Treppenabsatz wiederkehrte. Vorsicht! Frisch gebohnert!, stand darauf.

»Es ist bestimmt mehr als ein halbes Jahrhundert her, dass diese morschen Bretter Bohnerwachs gesehen haben.« Der Obsthändler lachte spöttisch, dann räusperte er sich, wie jemand, der zu einem ernsteren Thema übergehen will. »Und hier willst du also wohnen. Na ja, wirst es dir schon gut überlegt haben. Aber ausgerechnet bei der Brandstätter …«

»Wieso? Kennen Sie Greta näher?« Juli, die sich kurz auf einem Treppenabsatz ausruhte, sah ihn von der Seite an.

»Ich? Die große Schauspielerin? Wie käme ich dazu?«, wehrte er übertrieben ab. »Hab nur gehört, dass sie wen sucht, jetzt, wo ihr Künstlergatte nach der großen Freiheit strebt. Wahrscheinlich hat er davor ihr ganzes Geld verprasst.«

»Wieso Künstler? Ich dachte, Gretas Freund ist Mathematiker.«

Der Händler winkte ab. »Mathematiker, Künstler, Taugenichts, Gammler, Herumtreiber. Das kannst du nennen, wie du willst, wenn du verstehst, was ich meine.«

Juli verstand in erster Linie, dass ihr Begleiter sich wichtigmachen wollte und eine ziemliche Abneigung gegen Greta und ihren Freund hegte. Sie setzte sich wieder in Bewegung und humpelte Stufe um Stufe nach oben.

»Du wirst es schon selbst sehen. Immerhin hast du das Vergnügen, unsere Diva und ihren Göttergatten hautnah zu erleben.«

»Sie sind anscheinend kein großer Anhänger von Gretas Schauspielkunst«, meinte Juli, die genug gehört hatte. Noch während sie sprach, wusste sie, dass sie einen Fehler machte. Sie hätte die Sache besser auf sich beruhen lassen, denn jetzt kam der Obsthändler erst so richtig in Fahrt.

»Das kannst du laut sagen. Nicht dass ich sie schon mal live auf der Bühne erlebt hätte, nein, die dreißig Euro spar ich mir lieber. Aber im Fernsehen, da hab ich sie schon ein-, zweimal gesehen. Spielt entweder die Heilige oder die hinterhältige Geliebte. Kein Wunder! Verstellen kann sie sich, das muss man ihr lassen. Hast du sie schon mal lachen gehört? Schlimm klingt das. So falsch, so aufgesetzt. Da stellen sich einem alle Nackenhaare auf.« Gespenstergleich stöhnte er durchs Treppenhaus. »Übrigens, nenn mich ruhig Theo. Theodor Hofreiter ist mein Name, aber für dich gerne Theo.«

Juli drehte sich um und sah, dass er stehen geblieben war und ihr die Hand entgegenstreckte. So kurz wie möglich schüttelte sie die schwitzige Pranke. »Julietta Schindler«, murmelte sie. »Von mir aus auch einfach Juli.« Sie schämte sich für ihn und seine Lästereien. Am liebsten hätte sie Greta in Schutz genommen, aber dafür kannte sie sie noch nicht gut genug. Bestimmt hätte sich Theodor Hofreiter über ihre Einwände nur lustig gemacht.

»Julietta …« Er ließ sich ihren Namen förmlich auf der Zunge zergehen, sie konnte gar nicht hingucken. »Schick, schick. Klingt nach Sommer, Sonne, Eis und Dolce Vita.«

»Ich habe ihn mir nicht selbst ausgesucht. Dafür sollten Sie meine Eltern verantwortlich machen.«

»Ab jetzt bitte Du und nicht mehr Sie.«

Juli brauchte einen Augenblick, um zu begreifen. Dann nickte sie und stapfte weiter die Treppe hinauf. Hoffentlich waren sie gleich oben, damit sie den geschwätzigen Kerl endlich loswurde.

»Jedenfalls kannst du hinterher nicht behaupten, dass ich dich nicht gewarnt hätte«, brummte er hinter ihr. »Mit der Brandstätter ist wahrlich nicht gut Kirschen essen. Oder Erdbeeren, wenn du so willst …« Er lachte über seine geistreiche Bemerkung. »Einmal hat sie mir eine Schale Erdbeeren zurückgebracht, weil einige weiße Spitzen hatten. Musst sie halt noch ein paar Tage in die Sonne legen, hab ich ihr gesagt. Denen geht es wie uns im Urlaub: erst käseweiß und irgendwann dann puterrot.«

Juli konnte nicht anders, sie musste ihn einfach belehren. »Erdbeeren reifen nicht nach, die fangen höchstens an zu faulen.«

»Sieh an, sieh an, da kennt sich aber eine aus«, gab er spöttisch zurück. »Die Brandstätter fand meinen Ratschlag auch nicht lustig und wollte partout ihre zwei neunundneunzig wiederhaben. Vielleicht«, überlegte er und schnalzte mit der Zunge, »passt ihr ja doch ganz gut zusammen.«

Juli war inzwischen vorausgestürmt, soweit es ihr malträtierter Fuß zugelassen hatte, und spähte nach oben. Beinah geschafft! Erschöpft blieb sie im vierten Stock stehen. Theodor Hofreiter hielt ebenfalls an und nahm den Rucksack von der Schulter. Er schien zu verstehen, dass sie sich lieber schon hier von ihm verabschieden wollte. So viel Einfühlungsvermögen hätte sie ihm gar nicht zugetraut. Aber vielleicht stand ihm selbst nicht der Sinn danach, Greta zu begegnen.

»Besten Dank«, sagte Juli, »die letzte Etage schaffe ich alleine.«

»Wenn du noch mal Hilfe brauchen solltest, weißt du ja, wo du mich findest. Manchmal ist es ganz gut, wenn man nicht völlig allein in der Fremde ist.« Er grinste und zwirbelte an einer Spitze seines Schnauzbarts, bevor er sich umdrehte und die Treppe hinabpolterte.

4.

Juli wartete, bis der Lärm im Treppenhaus verstummt war und ihr Atem ruhiger ging, dann klingelte sie. Keine zwei Sekunden später wurde die Tür aufgerissen, und jemand schmetterte ihr ein herzliches »Willkommen!« entgegen. Da sie mit Greta gerechnet hatte, musste sie erst den Kopf heben, um ihrem Gegenüber in die Augen schauen zu können.

»Oh, vielen Dank. Hallo, du bist sicher Gretas Freund …«, sagte sie halb fragend.

»Greta musste zur Theaterprobe.« Er deutete eine Verbeugung an und machte eine ausholende Geste. »Gregor. Komm rein.«

»Juli«, erklärte sie unnötigerweise.

»Und du willst also hier einziehen?«

Gregor grinste, und Juli musste Theodor Hofreiter zumindest in einem Punkt insgeheim recht geben. Gretas Freund hatte so gut wie nichts von einem Mathematiker. Er steckte barfuß in einer abgewetzten dunkelblauen Anzughose, die aussah, als hätte sein Großvater sie ihm vererbt. Sie saß viel zu locker und war so lang, dass er mit den Fersen den Saum umtrat. Das weiße T-Shirt darüber war fadenscheinig und zerknittert. »NOBODYSAIDITWASEASY«, stand in verwaschenen Buchstaben auf seiner Brust. Unter dem W war ein Brandloch.

Juli verstand die Frage nicht. »Ja, warum? Du hast doch hoffentlich nichts dagegen?«

»Nein, ganz und gar nicht.« Seine Augenbrauen hüpften, während er lachte. Darunter funkelten freundliche graue Augen. Das markante Gesicht war unrasiert, die dunkelblonden Haare waren ungekämmt. Ein Rockstar, der gerade erst aus dem Bett kam. Groß, gut gebaut, aber nicht Julis Typ. Neidlos beglückwünschte sie Greta zu ihrer Wahl.

»Ich finde nur …«, er blickte auf den Rucksack neben ihr, »dein Gepäck lässt eher auf Durchreise schließen. Ein Umzugswagen sieht anders aus.«

»Im Zug kann man nun mal nicht so viel mitnehmen.«

Gregor beugte sich vor und stellte Julis Rucksack in den Flur. »Genau mein Motto: Notebook, Kreditkarte, Unterhose – wer braucht schon mehr?« Er roch nach Nikotin und Zahnpasta.

Juli grinste. »Ein bisschen mehr habe ich schon dabei.«

Sie trat ein, und Gregor schloss die Tür hinter ihr.

»Was willst du trinken?«, fragte er. »Ein kaltes Bier?«

Juli musste laut lachen und folgte ihm in die Küche. »Vielen Dank, aber ein Glas Wasser wär mir lieber.«

Auf dem Küchentisch stand ein Laptop. Während Juli durstig trank, warf sie einen Blick auf den großen Bildschirm. Darauf waren Porträts von zwei Männern zu sehen, in Größe und Farbe aufeinander abgestimmt. Es dauerte einen Moment, bis Juli die Ähnlichkeit zwischen den beiden Personen auffiel.

Obwohl nur der rechte Mann gut aussehend war, während der linke mit seiner krummen Nase, dem schiefen Mund und dem Auge mit dem hängenden Lid abgrundtief hässlich erschien, hätte es sich um Brüder, wenn nicht gar Zwillinge handeln können. Diese unergründliche Ähnlichkeit hatte etwas Unheimliches, fast schon Verstörendes.

Juli bemerkte, dass Gregor ihre Reaktion auf die Bilder interessiert zur Kenntnis nahm, doch er schien keine Lust zu haben, irgendetwas zu erklären. Er wartete, bis sie das Glas auf dem Tisch abstellte, dann trug er den Rucksack in ihr Zimmer.

»Du willst also Psychologie studieren?«, fragte er.

Juli nickte. »Und du bist nach Hamburg gezogen, weil du dort deine Doktorarbeit in Mathematik schreibst.«

»Greta hat dich ja bestens informiert.«

»Das hat sie. Machst du gerade Urlaub oder bist du zu Forschungszwecken hier in München?«

Er winkte ab. »Ach, weißt du … Das mit der Mathematik ist nur eins meiner Steckenpferde, wie man so schön sagt. Ich habe außerdem Philosophie studiert. Deshalb will ich mich auch weiterhin mit beidem beschäftigen.«

»Klingt interessant.«

»Das hoffe ich«, erwiderte er selbstironisch.

»Wie sieht diese Beschäftigung denn genau aus?«

»Vereinfacht gesagt: Die Mathematik sucht nach Lösungen, die Philosophie nach Problemen. Die Mathematik hat eine Antwort auf fast alles, die Philosophie stellt Fragen. Die eine will zum Schluss kommen, die andere fängt immer wieder von vorne an.« Er legte den Kopf schief und sah ihr eindringlich in die Augen. »Genau diese Dualität existiert auch in mir. Das ist an sich nichts Widersprüchliches. Es sind zwei Pole, die sich eher anziehen als abstoßen. So sehe ich das zumindest. Wenn Fragmente aus beiden Welten aufeinanderprallen, kommt es zu einer Explosion. Dabei entsteht Leben, es entsteht Kunst.«

Juli erwiderte Gregors hypnotisierenden Blick und versuchte, ihm zu folgen. Er musste Anfang dreißig sein, wobei sein ungepflegtes Äußeres es schwer machte, sein Alter zu schätzen. Aber sie ahnte bereits, dass hinter dem Lotterlook eine ganze Menge Styling steckte. Der Obdachlose war nur ein Kostüm, in dem ein Künstler lebte.

Dass Juli, die immer noch dabei war, seine Ausführungen zu verarbeiten, keinerlei Reaktion zeigte, schien Gregor zu verunsichern. »Jetzt habe ich dich wahrscheinlich ganz schön beeindruckt mit meinem Gequatsche. Nimm mich bloß nicht zu ernst. In Wirklichkeit ist alles ganz anders und noch viel komplizierter«, verspottete er sich selbst.

»Woran arbeitest du denn genau?«, fragte Juli schließlich.

Gregor wirkte enttäuscht. Sie hatte ihm offenbar den Spaß verdorben. »Ich baue Installationen, mache Aktionskunst, organisiere Flashmobs und so was«, leierte er herunter, so als verstünde sich das von selbst. »Momentan bastle ich an einer digitalen Kollage für eine Ausstellung.«

Dieser Typ war entweder ein Irrer oder ein Genie. »Und deine Doktorarbeit?«

»An der sitze ich, wenn ich Zeit dazu habe.« Er fuhr sich mit den Fingern durch die widerspenstigen Haare und sah sich in dem leeren Zimmer um. »Ich glaube, wir haben ein Problem. Worauf willst du bitte schön heute Nacht schlafen?«

Juli war ganz seiner Meinung. »Greta meinte, sie hätte noch eine Matratze für mich. Und ein paar ausrangierte Möbel …«

Der Ernst in Gregors Gesicht wich einem amüsierten Lächeln. »Keine Sorge. Auf dem Dachboden wird sich bestimmt was finden. Von mir aus können wir gleich raufgehen.«

»Auf den Dachboden?«, wiederholte Juli überrumpelt. »Ich bin vorhin umgeknickt und hab mir den Fuß verstaucht.«

»Ach so.« Gregor überlegte. »Ich kann auch auf Greta warten und die Sachen später mit ihr zusammen runterholen. Allerdings dauern die Proben manchmal bis in den Abend. Danach ist sie meist ziemlich müde. Außerdem ist da oben nachts nicht gerade viel Licht …«

»Nein, lass nur.« Julis Knöchel sträubte sich zwar gegen den Ausflug, aber sie wollte auch nicht zu viel von ihrer neuen Mitbewohnerin und ihrem Freund verlangen. »Es ist wahnsinnig nett von Greta, dass sie mir die Sachen leihen will, da muss sie mir den Kram nicht auch noch eigenhändig ins Zimmer schleppen. Es wird schon irgendwie gehen.«

»Gut. Ist ja auch nur eine Etage.«

Juli biss die Zähne zusammen und humpelte los. Auf der Treppe fing Gregor hinter ihr plötzlich an zu kichern.

»Was ist denn so lustig?«, meinte Juli und empörte sich im Stillen über so viel Schadenfreude.

»Entschuldige«, sagte Gregor, »aber wenn du vorhin in diesen Stiefeln hier umgeknickt bist, kannst du sie vielleicht noch zurückgeben. An den Sohlen kleben noch die Preisschilder.«

Juli fand ihn noch immer nicht witzig. Womöglich kam sein seltsamer Humor daher, dass sich der coole Künstler noch nie etwas Neues gekauft hatte. Seine Klamotten hatte er garantiert in Secondhandläden oder auf Flohmärkten erstanden. Denn so viel hatte Juli inzwischen schon begriffen: Auch wenn Gregors Äußeres gedankenverloren und zufällig wirken sollte, war es das ganz und gar nicht. Die vorgebliche Achtlosigkeit bei der Auswahl seiner Kleider war ein Statement.

Sie waren unter dem Dach angekommen, die Treppe führte direkt auf eine Holztür zu.

»Mach auf, die ist nie abgesperrt.«

Juli zog die schwere Tür auf, Gregor kam ihr zu Hilfe, und gemeinsam betraten sie den Speicher. Der hohe, spitz zusammenlaufende Dachstuhl mit den dicken Balken und Streben türmte sich über ihnen auf wie das Dach einer Kathedrale. Trotzdem überkam Juli ein beklemmendes Gefühl. Die Morgensonne hatte den nicht isolierten Raum schon spürbar aufgeheizt. Sie blieb stehen und wischte sich über die Stirn.

Gregor ging an ihr vorbei, schlängelte sich zwischen geblümten Bettbezügen hindurch und öffnete zwei Dachluken in der gegenüberliegenden Schräge.

»Hängen hier alle Hausbewohner ihre Wäsche auf?« Juli betrachtete die Leinen, die zwischen zwei Holzbalken gespannt waren.

»Nein, nur Frau Grothe aus dem zweiten Stock. Die stapft fast täglich mit ihrem Wäschekorb hier rauf. Sie hat einen Wasch- und Putzfimmel, wenn du mich fragst«, hörte sie Gregor hinter einem der Laken sagen, bevor er wieder neben ihr auftauchte. »Die anderen Mieter nutzen den Speicher so gut wie gar nicht. Deswegen kann sich Greta hier auch ungestört ausbreiten.«

Er ging nach rechts, wo hinter den Wäscheleinen zwei massive Eichenschränke wie ein Raumteiler nebeneinanderstanden. Dahinter sah es aus wie in einem Antiquitätenladen. Juli entdeckte eine große Korbtruhe wie von einem Piratenschiff, ein Küchenbüffet, von dem der gelbliche Lack in Fetzen abblätterte, einen schmalen, geschwungenen Schrank mit einem ovalen Spiegel in der Tür, eine mit orangefarbenem Stoff bespannte Stehlampe, einen Plattenspieler, an dem mindestens hundert LPs lehnten, und vieles mehr, was ihre Augen auf den ersten Blick gar nicht erfassen konnten.

»Stoß dich nicht!« Gregor musste beim Gehen den Kopf einziehen. »Wenn ich mich recht entsinne, müssten da drüben ein paar Sachen stehen, die noch halbwegs brauchbar sind.«

Juli folgte ihm. Sie passte problemlos unter den Balken hindurch.

»Genau, da ist ein Schreibtisch mit einem Stuhl. Und da drüben steht die Matratze.« Sie lehnte hinter einer Kommode an der Wand. »Willst du die Kommode auch gleich mitnehmen? Wir müssen sie sowieso wegrücken, um an die Matratze zu kommen.«

»Ja, gerne.« Juli warf einen Blick auf das Möbelstück. An den drei Schüben waren Messingbeschläge mit verschnörkelten Griffen angebracht. Darin würde sie ihre wenigen Klamotten problemlos unterbringen.

»Was ist damit?« Gregor zeigte auf ein Bücherregal. »Kannst du so was noch gebrauchen?«

»Vielen Dank, aber ich glaube, ich habe genug. Ich muss erst mal schauen, was überhaupt alles in das Zimmer reinpasst.« Juli wollte nur noch weg von hier, zurück in die Wohnung. Sie fühlte sich überfordert in diesem Raritätenlager und irgendwie bedrängt von all dem Krimskrams. Ihr wurde schwindelig. Außerdem wollte sie endlich den schmerzenden Fuß hochlegen.

Während Gregor die Möbel und die Matratze ins Treppenhaus schleifte, sah sich Juli noch einmal um. Die Tür des einen Eichenschranks stand ein Stück weit auf, weil er bis zum Bersten vollgestopft war. Lange, ausladende Kleider hingen dicht an dicht auf einer Stange. Eine dunkelgrüne, samtene Robe quoll zusammen mit einem violetten Tüllstoff heraus.

»Wer bewahrt denn hier seine Kleider auf?« Juli trat näher und fuhr über ein Gewand aus schwerem, schimmerndem Brokat. Der Geruch von Mottenkugeln strömte ihr entgegen.

Gregor kam zurück und stöhnte auf. »Das ist Gretas liebstes Hobby, ihr kleiner …«, spöttisch verzog er den Mund, »… Privatfundus. Sie hortet ausrangierte Bühnenkleider, Kostüme, Hüte und Perücken.«

Juli war beeindruckt. »Hat sie denn keine Angst, dass die Sachen wegkommen?«

Desinteressiert zuckte er die Schultern. »Wo soll sie den ganzen Krempel denn sonst unterbringen?« Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. »Und wenn sich Frau Grothe hin und wieder mal was ausleihen sollte, wird Greta ihr bestimmt nicht böse sein.«

»Frau Grothe?«

»Die Alte aus dem zweiten Stock. Es geht das Gerücht, dass sie in warmen Sommernächten in einem Hochzeitskleid hier oben rumspukt.«

Jetzt musste auch Juli grinsen. »Hast du sie denn schon mal gesehen?«

»Gesehen nicht, aber wenn du nachts still in deinem Bett liegst und lauschst, kannst du sie über dir hören.«

»Wie sie voller Verzweiflung ihrer verflossenen Liebe nachweint, vermute ich.«

»Ganz im Gegenteil«, sagte Gregor, »sie tanzt. Im Dreivierteltakt – Walzer.«

Er hielt Juli die Tür auf. Bevor sie an ihm vorbei war, bemerkte sie auf dem Dielenboden ein zerknittertes Blatt Papier mit einer Kinderzeichnung. Erst draußen im Treppenhaus ging ihr auf, was auf das Blatt gemalt gewesen war. Eine Frau mit langen roten Haaren.

»Gibt es viele Kinder hier im Haus?«, erkundigte sie sich.

»Kinder?« Gregor sah sie neugierig an. Er fand die Frage wohl seltsam. »Hier bei uns im Vorderhaus nicht. Im Hinterhaus wohnen eine Familie mit zwei kleinen Kindern und eine Alleinerziehende mit einem schwer erziehbaren Sohn. Wenn der einen Wutanfall kriegt, dann ist das ganze Haus live dabei. Manchmal wirft er auch unten im Hof mit Steinen nach den Tauben oder lässt die Luft aus den Fahrradreifen. So ein Kind ist eine lebenslange Strafe.« Angewidert verzog er das Gesicht, und Juli hätte nicht sagen können, ob sich die Aussage nur auf den Jungen oder auf Kinder im Allgemeinen bezog. Wie um den unangenehmen Gedanken zu verscheuchen, klatschte Gregor in die Hände. »Dann wollen wir mal schauen, wie wir deine schöne neue Wohnwelt nach unten bekommen.«