Verlag: CORA Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Ich will das Eine - und noch mehr! E-Book

Kate Hoffmann  

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E-Book-Beschreibung Ich will das Eine - und noch mehr! - Kate Hoffmann

Regan wird diesen Gauner, der ihrer Großmutter das See-Grundstück abgeluchst hat, in seine Schranken weisen! Doch das erste Treffen mit Jamie Quinn läuft anders als geplant: Statt ihn zu verabscheuen, träumt Regan plötzlich von Stunden atemloser Leidenschaft mit dem Millionär …

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E-Book-Leseprobe Ich will das Eine - und noch mehr! - Kate Hoffmann

IMPRESSUM

Ich will das Eine - und noch mehr! erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: kundenservice@cora.de
Geschäftsführung:Ralf MarkmeierRedaktionsleitung:Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)Produktion:Jennifer GalkaGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2017 by Peggy A. Hoffmann Originaltitel: „The Mighty Quinns: Jamie“ erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe TIFFANY EXTRA HOT & SEXYBand 72 - 2017 by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg Übersetzung: Sara Walczyk

Umschlagsmotive: Harlequin Books S.A.

Veröffentlicht im ePub Format in 01/2019 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733745424

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

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PROLOG

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte Jamie Quinn, während er die leuchtend gelbe Karte anstarrte, die an die Eingangstür seines Zuhauses in der Downey Street in Minneapolis geheftet worden war.

„Es ist ein Räumungsbescheid“, sagte Thom. Sein älterer Bruder griff nach dem nagelneuen Vorhängeschloss, das an der Tür befestigt worden war und ihnen den Zutritt versperrte. Jamie lief es eiskalt den Rücken herunter, doch er biss die Zähne zusammen und ignorierte dieses Gefühl. Er hatte gelernt, seine größten Ängste zu kontrollieren. Er konnte so stark sein wie seine älteren Brüder, wenn er musste.

„Wie können die uns mit einer Zwangsräumung drohen?“, fragte Tristan. „Wir haben die Miete doch letzten Monat gezahlt.“

„Ja, schon, aber wir waren fünf Monate im Rückstand“, bemerkte Thom. „Wir warten, bis es dunkel ist. Im Keller gibt es ein kaputtes Fenster, durch das Jamie hineinklettern kann. Bis dahin sollten wir uns um einen Platz zum Übernachten kümmern.“

Die drei stiegen die schneebedeckten Stufen von der maroden Veranda hinab und machten sich auf den Weg in die Stadt.

Das ist nicht fair, dachte Jamie. Erwachsene suchten sich einen Job und bezahlten damit die Miete. Aber wie sollten Kinder das tun, wenn sie nicht arbeiten durften?

Er hatte versucht, Geld zu verdienen. Er wollte Zeitungen austragen, aber man sagte ihm, er sei zu jung. Und als er beim Supermarkt Leuten ihre Einkäufe gegen ein kleines Trinkgeld tragen wollte, jagte ihn der Ladenbesitzer davon. Und die meisten Anwohner waren zu arm, um ihn dafür zu bezahlen, dass er ihre Hunde ausführte.

„Wie soll Mom uns finden, wenn sie rauskommt und wir nicht zuhause sind?“, fragte Tris.

Ihre Mutter war beim Stehlen erwischt worden und saß deshalb nun für drei Monate im Gefängnis. Das Jugendamt schien ihren Fall übersehen zu haben, weshalb die Jungs seitdem auf sich selbst gestellt waren. Die Zwangsräumung brachte ihr Leben nun erneut durcheinander. Sie saßen völlig schutzlos auf der Straße.

„Wir könnten in meinem Versteck schlafen“, schlug Jamie vor.

„Dein Versteck? Seit wann hast du ein Versteck?“, fragte Tristan.

Jamie zuckte mit den Schultern. „Seitdem ich es letzten Monat entdeckt habe. Ich habe da auch ein paar Dinge versteckt. Es ist warm und sicher, und wir können alle dort schlafen. Niemand würde uns bemerken.“

Thom betrachtete ihn einen Moment lang. „Zeigst du uns, wo es ist?“

„Es ist ein Geheimnis“, sagte Jamie. „Also müsst ihr schwören, dass ihr niemandem davon erzählt.“

„Wem sollten wir davon erzählen?“, fragte Tristan.

Jamie führte sie durch ein Labyrinth von Gassen. Immer wieder sah er sich um. Als er sich sicher war, dass sie nicht verfolgt wurden, lief er ein Stück des Weges wieder zurück, bis sie an eine baufällige Garage kamen, ungefähr einen Block von ihrem Haus entfernt. „Ihr bleibt hier“, wies er seine zwei älteren Brüder an. „Niemand darf euch sehen. Ich zeige euch, wie man reinkommt, und dann folgt ihr mir.“

Jamie stieg auf einen Mülleimer, um sich von dort aus auf das Dach zu ziehen. Er kletterte die Dachschräge vorsichtig hoch, um nicht auf den teilweise von Schnee bedeckten alten Schindeln auszurutschen. Mit dem Fuß öffnete er ein altes Dachfenster und schwang sich leichtfüßig auf das Fensterbrett. Als er drinnen war, gab er seinen Brüdern zu verstehen, es ihm nachzumachen.

Als alle drei in der Garage waren, schloss Jamie das Fenster, zog einen Vorhang davor und schaltete das Licht ein. Auf dem Dachboden der Garage standen säuberlich aufgereihte Kartons und Boxen. Unten befand sich eine modern eingerichtete, gut ausgestattete Werkstatt. Der Besitzer hatte sie mit abblätternder Farbe und brüchigen Dachziegeln als heruntergekommenen Schuppen getarnt. Jamie trat an den Rand des offenen Dachbodens. „Im Winter heizt der Typ die Garage sogar. Und es gibt Wasser und Elektrizität und einen Kühlschrank.“

„Wow, wer hätte das gedacht“, murmelte Tris. „Hier ist es schöner als bei uns zuhause.“

„Wenn er sich schon so um seine Autos kümmert, frage ich mich, wie er wohl seine Kinder behandelt“, sagte Thom. Er lehnte sich über das Geländer des Dachbodens und betrachtete die beiden mit großen Tüchern verhüllten Fahrzeuge. „Was für Autos sind das?“

Jamie zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Irgendwas Ausländisches.“

„Was, wenn er kommt?“, fragte Tris.

„Er kommt nur am Wochenende tagsüber her. Und die Lichter gehen automatisch an, sobald er die Tür öffnet.“ Jamie ging auf die andere Seite des Dachbodens. „Ich habe ein paar Decken gefunden. Und Bücher. Und unten gibt es sogar einen Fernseher.“

Thom zog Jamie an sich und umarmte ihn fest. „Das hast du gut gemacht, kleiner Bruder. Wir bleiben erst mal hier. Wenn Mom aus dem Gefängnis kommt, werden wir uns ein neues Zuhause suchen.“

Jamie lächelte. Es kam nicht oft vor, dass seine Brüder ihn für etwas lobten. Er war für gewöhnlich derjenige, der von ihrer Fürsorge abhängig war. Aber dieses Mal hatte er für ein vorübergehendes Zuhause gesorgt – einen Platz, der sicher und warm und gemütlich war.

Wenn er erwachsen war und einen Job hatte, könnte er mit seinem Geld Menschen helfen, die kein Zuhause hatten. Er könnte in jede Garage seines Viertels einen Dachboden bauen, damit es für jeden eine Bleibe gab. Oder Holz kaufen und Häuser bauen, die niemand wegnehmen konnte. Es würde keine Vermieter und keine Miete geben und schon gar keine Zwangsräumungen. Jeder wäre an einem sicheren und warmen Ort, und das Jugendamt würde Eltern niemals ihre Kinder wegnehmen.

Seine Lehrer hatten ihm immer gesagt, dass jeder einen Traum haben sollte. Jamie hatte geglaubt, sie würden damit Träume meinen wie die seiner Klassenkameraden, die Astronaut oder Basketballspieler werden wollten. Vielleicht war es aber auch genug, sich zu wünschen, Häuser bauen zu können …

1. KAPITEL

Regan Macintosh liebte das Morgengrauen. Der Moment, in dem das erste Licht des Tages im Osten auftauchte und die Nacht verblassen ließ, bedeutete für sie einen vollkommen neuen Beginn. Keine Sorgen, keine Enttäuschungen. Nur die Chance auf einen perfekten Tag, der vor ihr lag – und vielleicht auch das perfekte Bild.

Ihre innere Uhr folgte den Jahreszeiten, sodass sie immer, genau fünfzehn Minuten bevor die Sonne am Horizont auftauchte, aufwachte. Das Wetter in Minnesota war im späten September wechselhaft, auf warme und windige Tage folgten kühle Nächte. Die Blätter fingen gerade erst an, sich zu verfärben, und Schwärme von Gänsen verließen den See, um in den Süden zu fliegen.

Wenn sie bei ihrer Grandma am östlichen Ufer des Pickett Lake übernachtete, so wie letzte Nacht, nutzte sie den frühen Start in den Tag für einen Spaziergang – ihre Lieblingskamera hatte sie dann immer dabei. Das Licht war in den Morgenstunden für gewöhnlich am besten, und unverhofft interessante Bilder ließen sich immer dann schießen, wenn der Rest der Welt noch schlief.

Regan wusste nicht mehr genau, wann ihre Suche begonnen hatte, doch der Drang, das perfekte Bild zu finden, war umso größer geworden, je älter sie wurde. Nur ein einziges Mal wollte sie den Auslöser drücken und voll und ganz mit dem Bild zufrieden sein, ohne es am Computer nachbearbeiten zu wollen, ohne den gewählten Ausschnitt anzuzweifeln.

Regan legte sich den Kameragurt über die Schulter, öffnete die Tür und schlich hinaus. Sie sog die kühle Morgenluft ein, den Duft der Wälder und Seen von Minnesota. Es war ein anderer Duft als der der Wüste in Arizona, wo sie die Winter verbrachte.

Während sie die Straße hinauflief, wuchs in ihr die Vorfreude. Nebelschwaden bedeckten den Boden des Waldes, und in der Ferne hörte sie einen Blauhäher rufen.

Als sie klein war, hatten sich ihre Eltern und Geschwister über ihr Streben nach Perfektion lustig gemacht und sie wegen all ihrer Listen und Pläne geneckt. Doch sie war schon immer so gewesen; sie entdeckte etwas, wofür sie sich leidenschaftlich interessierte, und verwendete dann ihre ganze Energie und jede Sekunde ihrer Zeit darauf.

Ihre Faszination für Fotografie war in ihrer Kindheit aus einer ihrer größten Leidenschaften entstanden: Bräute. Begonnen hatte diese, als sie zum ersten Mal eine Hochzeitsszene im Fernsehen sah. Danach war sie nur noch dann glücklich, wenn sie ein langes weißes Kleid und einen Schleier trug. Manchmal stahl sie Kleidungsstücke aus dem Schrank ihrer Mutter, ein anderes Mal bastelte sie ihr weißes Outfit aus Toilettenpapier und Taschentüchern.

An Halloween trug sie immer das gleiche Kostüm: ein komplettes Brautgewand, zu dem auch eine Kristalltiara und mit Glitzersteinen besetzte Schuhe gehörten. Zu ihrem sechzehnten Geburtstag bekam sie von ihren Eltern eine Digitalkamera geschenkt, in der Hoffnung, sie würde eine neue Leidenschaft finden. Stattdessen nutzte sie den Selbstauslöser und schoss Fotos von sich in ihren Brautkreationen.

Während sie jetzt die leere Straße entlanglief, dachte sie zurück an die sorgenlosen Sommer, die sie am See im Haus ihrer Großeltern verbracht hatte. Als sie acht Jahre alt wurde, durfte sie mit dem Rad in die Stadt fahren, und so konnte sie sich endlich echte Hochzeiten ansehen. Den ganzen Sommer über gaben sich wunderschöne Bräute und ihre gutaussehenden Ehemänner in der alten Steinkapelle das Jawort.

Manchmal schlich Regan sich hinein und machte ein paar Fotos von der Galerie aus, doch meistens musste sie draußen warten. Jeden Sommer füllte sie ganze Alben mit Fotos und fand jedes Jahr neue Möglichkeiten, noch schönere zu schießen.

Als sie um eine Kurve bog, konnte sie sehen, wie die Kapelle aus dem Nebel ragte. Sie machte ein paar Aufnahmen. Doch als sie näher kam, bewegte sich etwas auf der Treppe zum Eingang der Kapelle – ein Fuchs saß auf der obersten Stufe. Er bemerkte sie nicht, und Regan setzte vorsichtig ihre Kamera an. Der Himmel war verhangen, aber wenn sie etwas Geduld hatte, würde das Licht vielleicht besser werden.

Langsam, Schritt für Schritt, suchte sie einen günstigeren Blickwinkel, die Kamera fest auf den Fuchs gerichtet. Während sie auf die Sonne wartete, kehrte sie in Gedanken an ihren eigenen Hochzeitstag zurück. Sie kannte Jake Lindstrom fast ihr ganzes Leben. Seiner Familie gehörte das riesige Haus am westlichen Ufer des Pickett Lake, und seine Eltern verkehrten in den gleichen gesellschaftlichen Kreisen wie ihre.

Es sollte die Hochzeit des Sommers werden, mit einem großen Sektempfang im Country Club. Sie verbrachte ihr ganzes letztes Jahr am College damit, sie bis ins Detail zu planen, und nachdem sie über zweihundert Brautkleider anprobierte hatte, fand sie schließlich das perfekte Kleid.

Alles verlief so wie geplant – bis sie vor dem Altar stand. Dort gab der Mann ihrer Träume sturzbetrunken eine Entschuldigung von sich und rannte zur Tür hinaus.

In diesem Augenblick wurde ihr Traum von der vollkommenen Braut zerstört, und sie verlor den Glauben an die perfekte Beziehung. Wie konnte man jemanden lieben und dann einfach damit aufhören? Was hatte sie falsch gemacht, dass sie kein Happy End wie im Märchen verdiente?

Von diesem Tag an hielt sie Männer innerlich auf Distanz. Sie ging auf Dates und ließ sich auf kurze leidenschaftliche Affären ein, doch ihr Herz öffnete sie nie. Den meisten Männern gefiel ihr Aussehen, und sie genossen den zwanglosen Sex. Und auch wenn viele ihrer Liebhaber die Affäre gerne vertieft hätten, beendete Regan sie jedes Mal.

Während sie den Fuchs beobachtete, dachte sie an all die Fotos, die sie als Hochzeitsfotografin gemacht hatte. Viele sagten, sie könnte Emotionen sogar in Fotos von Gegenständen festhalten – wie etwa Rosenblätter auf einem Tischläufer, ein Hochzeitsprogramm auf der Kirchenbank oder ein Schleier über der Stuhllehne. Sie kombinierte diese Fotos mit umwerfend natürlichen Bildern und wunderschönen Portraits und fing den Tag ein wie keine andere.

Es fiel ihr leichter, an das Märchen zu glauben, wenn sie hinter der Kamera stand. Sie war wie ein Filter, der die alltägliche Realität von Liebe und Ehe verblassen ließ und den Moment der Perfektion für immer einfror.

Eine leichte Brise fuhr durch das Laub am Straßenrand und wirbelte es auf den Gehweg. Plötzlich brach das schwache Morgenlicht durch die Bäume, wurde vom Nebel reflektiert und ließ die Farben strahlen – ein sattes Smaragdgrün, so lebendig, dass es unwirklich schien.

Sie konzentrierte sich wieder auf die Kamera und schoss einige Bilder. Der Fuchs schnüffelte im Wind, wedelte mit dem Schwanz und beobachtete die Straße. Regan hielt die Luft an, während sie ihn weiter fotografierte. Es war, als wüsste er, dass sie ihm nichts tun würde.

Das Sonnenlicht wanderte die Fassade der Kapelle hinauf und hüllte den Fuchs in ein diffuses Licht. Plötzlich stellte er die Ohren auf und legte den Kopf schief. Regan schnappte leise nach Luft, als sie Gesang aus dem Wald herannahen hörte.

„Give me some men, who are stout hearted men, who will fight for the right they adore.“

Innerhalb eines Wimpernschlages war der Fuchs verschwunden. Regan sah von ihrer Kamera auf und fluchte leise, während die Stimme immer lauter wurde. Kurz darauf sah sie einen Läufer, der ihr entgegenkam. Er trug Sporthosen und Laufschuhe, aber sein Langarmshirt hatte er ausgezogen und um seine Hüften gebunden. Sein Oberkörper war nackt und verschwitzt.

Er sang weiter, bis er Regan entdeckte. Offenbar überrascht, so früh am Morgen jemanden zu treffen, blieb er mitten auf der Straße stehen. Von seinem Körper stieg Dampf auf – durch die kalte Luft, die auf seine warme Haut traf –, und einen Moment lang fragte sich Regan, ob er real war.

Sie starrten sich lange an, wie Jäger und Beute, obwohl Regan nicht sicher wusste, was davon sie war. Sie wollte ihn anschreien und Steine und Äste nach ihm werfen, als Bestrafung dafür, dass er ihre Fotosession ruiniert hatte. Doch alles, was sie hervorbrachte, war ein spitzer frustrierter Schrei und ein sarkastisches „Danke schön“.

Sie drehte sich um und machte sich auf den Weg zum Haus ihrer Großmutter. Hätte sie mehr Zeit gehabt, hätte sie mit Sicherheit ein großartiges Foto von dem Fuchs schießen können, das sie als Postkarte für Touristen, die jeden Sommer an den Pickett Lake kamen, hätte verkaufen können. Stattdessen hatte es ein Holzkopf, der sich mehr um seinen Waschbrettbauch und seine Muskeln als um die Natur sorgte, ruiniert.

Ein paar Sekunden später tauchte der Läufer neben ihr auf. „Wofür hast du dich gerade bei mir bedankt?“

„Für nichts“, sagte Regan. „Du hast mir meinen Schuss verdorben.“

„Deinen Schuss?“

„Ein Fuchs. Er saß auf den Stufen der Kapelle. Perfektes Licht.“

„Zum Glück, du hättest auch mich treffen können.“

Regan hielt ihm ihre Kamera vor das Gesicht. „Nicht diese Art von Schuss. Obwohl mir jetzt irgendwie danach wäre; ich könnte dich umbringen. Es wäre so ein schönes Foto geworden, und du hast es mit deinem albernen Lied zerstört.“

„Du kennst das Lied?“

„Mein Grandpa hat es immer gesungen, wenn wir das erste Mal im Jahr alle gemeinsam im See gebadet haben.“ Regan musste lächeln, als sie sich erinnerte, wie alle Enkelkinder aufgeregt über den Steg liefen und ins Wasser sprangen. Es war ein jährliches Eröffnungsritual. Niemand durfte vorher im See schwimmen.

„Dann muss ich mich wohl wirklich bei dir entschuldigen. Es tut mir leid, dass ich dein Foto ruiniert habe“, sagte er. „Wenn du dafür jetzt von mir ein Foto schießen willst, könnte ich nichts dagegen tun.“

Er rannte ein paar Meter vor, drehte sich zu ihr um und joggte rückwärts mit ausgestreckten Armen weiter. „Mach schon, ich bin bereit für meine Bestrafung.“

Regan musste wieder lächeln. Gerade eben war sie noch ziemlich sauer auf ihn gewesen, und jetzt brachte er sie zum Lachen. Wer war dieser Mann?

Sie blickte durch ihre Kamera und machte ein paar Aufnahmen. Er verschränkte die Arme vor der Brust und stolperte dabei fast. „Ich glaube, das habe ich verdient.“

Regan richtete ihre Kamera neu aus, diesmal fokussierte sie sein Gesicht. Er entfernte sich immer weiter, während sie mehrere Bilder schoss. Als sie die Kamera runternahm, war er schon zwanzig Meter entfernt. Regan wollte ihn bitten, stehen zu bleiben. Sie wollte mehr über ihn erfahren, wollte wissen, wo er herkam, warum er so früh am Morgen unterwegs war. Doch sie ließ ihn davonlaufen. Er hatte sich schließlich bereits umgedreht, sah nach vorne und sang wieder ausgelassen das Lied.

Regan machte schnell noch ein paar Aufnahmen, dann blieb sie mitten auf der Straße stehen und lauschte seiner sich entfernenden Stimme. Sie hatte während ihrer Spaziergänge am frühen Morgen schon viele seltsame Begegnungen gehabt, meistens mit wilden Tieren. Jedoch konnte sie mit Sicherheit sagen, dass sie noch nie auf einen so gutaussehenden Mann getroffen war.

Ihr wurde bewusst, dass sie überhaupt schon seit langem keinem attraktiven Mann mehr begegnet war. Und sie hatte noch ein paar Monate, bevor sie für den Winter nach Arizona zurückkehren würde. Regan sah auf ihre Uhr. Wenn er regelmäßig laufen geht, könnte ich ihn am nächsten Morgen wieder hier treffen. Dann könnte sie auch herausfinden, wo er wohnte und wo er herkam. Bei ihrer nächsten Begegnung würde sie nicht so … wortkarg sein.

Regan lief schnell zurück zum Haus, schlich leise hinein und ging in die Küche. Sie nahm die Speicherkarte aus ihrer Kamera und steckte sie in ihren Laptop. Sie trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch, während die Bilder auf die Festplatte kopiert wurden. Als der Vorgang abgeschlossen war, öffnete sie sofort die Fotos, die sie von dem Fremden geschossen hatte.

Sie klickte auf das Gesicht und vergrößerte es, bis sie jedes Detail erkennen konnte. Ihr stockte der Atem, als sie ihm in die tiefblauen Augen blickte. „Oh Mann“, murmelte sie und legte unwillkürlich eine Hand auf ihre Brust. Ihr Puls beschleunigte sich, und es verschlug ihr die Sprache.

Auf dem Foto war großartig eingefangen, wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume und den Nebel fielen und die Feuchtigkeit auf seinem Gesicht und seinem Körper glänzen ließen. Es war ein wunderschönes Bild von einem unglaublich umwerfenden Mann.

Das Foto zeigte ihn mit offenen Armen, wie er sie herausgefordert hatte, ihn zu fotografieren. Sein Lächeln war schelmisch und verschmitzt … als hätte er genau gewusst, wie er sie zum Lachen bringen konnte. Und sie hatte tatsächlich gelacht.

Ein attraktiver und witziger Mann – genau wie sie sich ihn vorstellte. Seit Jake brauchte sie nicht mehr als das; keine Treue oder Ehrlichkeit oder Loyalität. In ihren Beziehungen hatte sie es niemals so weit kommen lassen, dass diese Eigenschaften von Bedeutung waren. Sie war nicht auf der Suche nach Prince Charming. Aber das bedeutete nicht, dass sie sich nicht ab und zu einen Mann in ihrem Bett wünschte.

Noch vierundzwanzig Stunden. Dann würde sie die Straße erneut entlanggehen und darauf hoffen, dass dieser charmante Typ ein Gewohnheitstier war.

Ein frischer Wind jagte das Laub über die Hauptstraße des kleinen Örtchens am Pickett Lake. Jamie Quinn stieg aus seinem Pick-up und lief auf die andere Straßenseite. Er nahm die Stufen vor dem alten Eisenwarenladen und holte die Visitenkarte des örtlichen Immobilienmaklers aus seiner Jackentasche, der gleichzeitig auch der Inhaber dieses Ladens war.