Verlag: AAVAA Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

Ich will doch noch leben E-Book

Wolf Hamm

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E-Book-Beschreibung Ich will doch noch leben - Wolf Hamm

Körperlich gesund, aber traumatisiert, kommt Adam Angsterer aus dem Zweiten Weltkrieg nach Hause. Seine Wutanfälle und Weinkrämpfe überschatten das Leben mit seiner Frau Désirée und seinem Sohn Wolfram, der 1946 geboren wurde. Die Mutter zieht sich zurück. Der Junge flieht zu anderen Leuten, um dort Halt zu finden. Aber auch dort begegnen ihm Angst und Gewalt. Der Zweite Weltkrieg ist allgegenwärtig. Immer wieder versucht Wolfram, die bedrückenden Situationen zu meistern. Dabei schwankt er zwischen Liebe zu den Eltern und Angst vor ihnen, zwischen Lebenslust und Verzweiflung. Es gelingt ihm, die Krisen zu überstehen, bis … Der Roman bietet ein buntes Bild der Gesellschaft aus Sicht eines 'Nachkriegskindes'. Er zeigt, wie sich der Krieg in anderer Form fortsetzt.

Meinungen über das E-Book Ich will doch noch leben - Wolf Hamm

E-Book-Leseprobe Ich will doch noch leben - Wolf Hamm

Wolf Hamm

Ich will doch noch leben

© 2015 AAVAA Verlag

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2015

Umschlaggestaltung: AAVAA Verlag

Coverbild: fotolia: Sunset on the Danube. Vienna, Austria Datei: #68443233 | Urheber: Nikolai Korzhov

Printed in Germany

AAVAA print+design

Taschenbuch:  ISBN 978-3-944223-54-4

eBook epub:   ISBN 978-3-944223-55-1

eBook PDF:   ISBN 978-3-944223-56-8

Sonderdruck: Großdruck und Mini-Buch ohne ISBN

AAVAA Verlag, Hohen Neuendorf, bei Berlin

www.aavaa-verlag.com

eBooks sind nicht übertragbar! Es verstößt gegen das Urheberrecht, dieses Werk weiterzuverkaufen oder zu verschenken!

Eine Geschichte nur

Ich

Andere sind ich.

Ich bin andere.

Ich ist immer

Anderswo.

Orte

In ihnen gefangen

Stützen sie.

Sie begraben auch.

Wohin?

Wörter

Buchstaben.

Wolchow

»Deutsche Volksgenossen und Volksgenossinnen!«

Blechern schnarrten die Laute über verschneite Felder, wogten durch das Gestrüpp nahegelegener Wälder, prallten gegen die zerschossenen Mauern des Städtchens Wolchow und machten die in den Bauernkaten verbliebenen Alten, Mütter und Kinder zittern.

Aus den geöffneten Fenstern einer Bretterbude, in der die Lazarettapotheke des Hauptverbandsplatzes kümmerliche Lagerungsmöglichkeiten fand, schepperten die Wörter und beschallten die Ortschaft.

»Deutsche Volksgenossen und Volksgenossinnen!«

Das Johlen einer Gruppe von sieben Saufbrüdern begleitete die gebrüllten Silben. »Weida!«-Rufe und »Bravo, Adam!« und »Jetz werd’s lusti!« zeigten die Gier der Saufenden nach Unterhaltung.

Adam Angsterer, Sanitätsunteroffizier, im bürgerlichen Leben Fotograf, hechtete seinen schlanken Körper auf einen Tisch, nahm eine Rednerposition ein und steckte seine Brille weg. Er befeuchtete seine schwarzen Haare mit Spucke, sodass er sie tief in die Stirn hineinziehen konnte. Dort klebten sie wie beim Mann aus Braunau. Mit fanatischem Ernst stierte Adam auf das Regal mit den Flaschen reinen Alkohols, aus denen er einen Schnaps für seine Kameraden der Sanitätsabteilung des Grenadierregiments 19 gebraut hatte: für die gestandenen Urbayern aus Landshut, München, Rosenheim, Augsburg und Freising. Die Kälte sollte er aus den Gliedern treiben und das Gehirn vernebeln, dort die Bilder zerstückelter Menschenleiber mildern, sie in angenehme Vorstellungen verwandeln und letztlich in den Anblick der Geliebten zu Hause, die man ja verteidigte, auflösen. Aus seiner rechten Hosentasche zerrte er einen Kamm und hielt ihn so vor die Nase, dass er einen großen Teil mit der Hand abdeckte und nur ein kleiner Teil auf der Oberlippe hitlerschnauzbartig Platz fand. Sein Kinn reckte er weit nach vorne. Langsam hob er es. Dann drehte er den Kopf nach links, nach rechts, musterte ausdruckslos die Zuhörerschaft, fixierte die Alkoholflaschen:

»Deutsche Volksgenossen und Volksgenossinnen!«

Und nun hetzte Adam furios durch die Phrasen aller Hitlerreden »… und Gott führte einen Österreicher in das Deutsche Reich …, … ich, ein kleiner Gefreiter …, … durch Gottes Vorsehung gesandt …, … Versailler Diktat …, … Lebensraum …, … Blut und Boden …, … gesunder Volkskörper …, … Schmarotzer …, … jüdische Weltverschwörung …, … kommunistische Hetzer …, … Blitzkrieg mit Gottes Hilfe …, … siegen oder untergehen …«

Zwischenrufe unterbrachen die Rede: »Da Buildlmaler« und »Hofbräuhauspolitika« oder »Scheißdreck, vadammta« und »da Hundskrüppe«.

Adam hatte alkoholselig eine Komödie aufführen, den Jammer der letzten Tage in Lachen verwandeln wollen. Angstwut sollte sich durch eine Verhunzung des obersten Deutschen seelische Linderung verschaffen. Nach einigen Minuten ließ ihn ein schales Gefühl des Überdrusses verstummen. Er stieg betreten vom Tisch und setzte sich neben Richard Heiler, der die Kräuterschnapsflasche nahm und die Wassergläser vollschenkte, »Prost« rief und »Ex« und dabei mit einer Hand unter dem Tisch sanft über einen Oberschenkel von Adam streichelte.

Alle sahen sich ernüchtert an.

Die Stimmung war verdorben.

Angst kroch durch ihre Glieder, Todesangst.

Wer würde sie verraten, der da oder der da oder doch …

War der nicht in der Partei?

Auf so eine Rede stand Erschießung: Beleidigung des Führers!

Und wer zuhörte: mindestens Strafbataillon, Tod auf Raten!

Sie soffen nun ernsthaft und systematisch, bis sie auf dem Boden zusammengekrümmt in einer Kotzsoße eingeschlafen waren.

Adam lag mit zuckendem Oberkörper über dem Tisch und jammerte, dass es sein Sohn einmal besser haben solle. »Für an Sohn hold i dees aus. Füar mei Frau und mein Sohn.« Geheiratet hatte er zwei Tage, bevor er nach Russland musste. »Mei Désirée, mei Désirée, bleib’ ma treu.«

Geruchsschwaden von Urin und Gekotztem durchzogen den Raum.

Die russische Kälte biss sich durch die Ritzen der Bretter, als könnte sie so die Deutschen vernichten.

Dr. Richard Heiler, der neben Adam eingeschlafen war, befehligte als Chefarzt das kleine Lazarett in Wolchow. Er war allseits beliebt. Sein freundlich sonorer Bariton umschmeichelte die Zuhörer, griff ihnen samten ans Herz und beruhigte ihre Nerven, nahm Ängste, harmonisierte die kleine Gruppe zu einer eingeschworenen Gemeinschaft. Ruhig und sicher trat er Vorgesetzten und Untergebenen gegenüber. Seine kräftige, gedrungene Gestalt und sein breit-lächelndes Gesicht weckten Vertrauen: ein Arzt nach dem Herzen des Volkes, ein guter Kamerad.

Im Inneren sehnte sich eine lyrische Seele nach reiner Natur und reiner Liebe, dort füllten Melodien der deutschen Romantik sein Herz und rührten ihn zu Tränen – »In einem Bächlein helle«; »Wer reitet so spät durch Nacht und Wind«; »Der Mond ist auf … und unseren kranken Nachbarn auch.«

Doktor und Fotograf verstanden sich gut: kameradschaftlich vonseiten des Arztes, Zuneigung heischend vonseiten des Unteroffiziers, von Gestalt ein Gegenbild des Arztes: hager, dünnlippig, mit dem starren Blick eines Idealisten. Hysterisch lustig erzählte er allen, dass »er koan Sitzadn« hätte, dass sein »Oasch« unruhig sei.

Die beiden erholten sich schnell vom Rausch, sattelten ihre Pferde und ritten eine matschige Landstraße entlang, um sich durch die Bewegung einen klaren Kopf zu verschaffen.

Sie philosophierten darüber, wie Gott das alles zulassen könne, warum deutsche Soldaten Dörfer niedergebrannt und Frauen, Kinder und Alte niedergeschossen hätten. Warum Gott nicht eingreife, trotz der Gebete um Frieden, warum Gott so eine Zerstörung der Welt zulasse. Wo denn Gott sei, fragte Adam immer wieder, aus einer tiefen Religiosität heraus, die ihn vor seiner Heirat darüber hatte nachdenken lassen, ob er nicht Mönch werden sollte.

Plötzlich peitschte ein Schuss aus dem Dickicht eines nahen Wäldchens, an dem Doktor und Fotograf vorüberritten.

Adams Pferd bäumte sich getroffen auf und stürzte zu Boden.

»Scheiße!«

Das Pferd riss den Reiter mit und quetschte seinen linken Fuß zwischen Leib und Straße ein.

»Partisanen! Scheiße!«

Richard zügelte sein aufsteigendes Pferd und drängte es neben den am Boden zuckenden Gaul von Adam. Der schob seinen Körper hin und her, um sein linkes Bein zu befreien, und schrie dabei fürchterlich:

»Brocha! Vareckte Scheiße! Kruzifix!«

Aus dem Leib des sterbenden Pferdes quoll stoßweise tiefdunkelrotes Blut. Es hob seinen Kopf und schaute mit geweiteten Augen auf das Loch im Bauch, aus dem seine Lebenskraft schoss und Adam bespritzte. Dieser wand sich hin und her. Als sich das Tier im Todeskampf halb aufrichtete, zog er das Bein weg und kroch seinem Retter entgegen.

»Huilf ma!«

Schüsse!

Eine Gruppe von Partisanen rannte aus dem Unterholz des nahen Wäldchens hervor und schrie Unverständliches.

»Gib’ ma dein’ Arm. An Arm hoch!«

Richard packte seinen Kameraden, zog ihn auf sein Pferd und legte ihn vor sich bäuchlings über den Pferdehals.

»Weg, weg. Hoit di fest!«

Schüsse.

»Na, hoit, mei Reitpeitschn, mei Reitpeitschn, de muass i ham.«

Fluchend schwang sich Richard vom Pferd, rannte zu der Reitpeitsche mit einem silbernen Knopf, der ein freundlich grinsendes Kasperlgesicht mit Narrenkappe darstellte, zog sie unter dem Pferdeleib hervor und stolperte zurück. Dabei schrie er wie am Spieß, schwang sich auf sein Pferd und schlug mit der Kasperlkopfpeitsche hemmungslos auf das Tier ein. Mit stieren Augen tobte es durch den Schnee, während die beiden Männer sich angstbrüllend und -kreischend ineinander festkrallten.

Erneut Schüsse!

Adam zuckte zusammen: »Troffa, am Arm. Weg, nix wia weg, nua weg, weg, weg!«

Keuchend stand Richard in den Steigbügeln, hielt mit einer Hand die Zügel, mit der anderen den wimmernden Adam. Sie erreichten blutverschmiert das Lazarett.

Teil I: Rosenau

Fotografien

Eine Feldpostkarte lag auf dem Biedermeiertischchen von Désirée Angsterer, in dem sie ihre Nähutensilien verstaute. Nüchtern teilte sie der Ehefrau mit, dass er, Adam, eine Kugel in den Oberarm »abgekriegt« und sich ein Bein gebrochen habe, dass jetzt alles verheilt sei und er sich schon wieder bewegen könne. »In Treue, Dein Adam, geschrieben an Deinem Geburtstag, dem 24. 2. 1943.«

Désirée, die in der Villa ihrer Eltern in Rosenau ihr Mädchenzimmer »bis der Krieg zu Ende ist« bewohnen wollte, studierte die Postkarte – es war die erste, die sie von ihrem frisch Angetrauten bekam. Sie ließ die Socken ihres Vaters, die sie gerade stopfte, sinken und träumte sich, von Mitleidswellen für ihren verwundeten Mann überflutet, sein schmales Gesicht, seine braunen Augen, und seine hagere Gestalt herbei und umflorte sie mit all den Liebeswonnen, die er vor etwa einem Jahr in ihr ausgelöst hatte und ihre gefrorene Seele so lebendig hatte werden lassen, wie sie es bis zu diesem Zeitpunkt nur in Romanen gelesen hatte. Ein Bild von einem Jungen überlagerte das des Verletzten. Das Antlitz eines pausbäckigen Wonnepfropfens, den sie verwöhnen wollte, so gut sie es nur konnte.

Getroffen hatten sie sich vor zwei Jahren, er schon Fotograf, sie noch Lehrmädchen.

Sie saßen beide in einem Café, kamen ins Gespräch, verstanden sich, verabredeten sich, einmal, zweimal, dreimal, schlitterten in die Phase des Verliebtseins, sanken in die Tiefen der wahren Liebe … Er mitleidig ihr Hinken nicht bemerkend …, sie dankbar, dass einer …

Als im Herbst 1942 Adams Marschbefehl als Sanitätsunteroffizier an die Ostfront gekommen war, beschlossen die beiden zu heiraten, denn wenn Adam »fallen« würde, bekäme Désirée eine Rente, eine geringe zwar, aber immerhin. So feierten sie Hochzeit, verbrachten eine Nacht im Hotel König Ludwig am Königssee, eine Nacht, bei deren Erinnerung Désirée puterrot wurde. Ihr hysterisch kichernder Mann kam vor lauter Lachkrämpfen nicht zu dem, was sie von dieser ersten Nacht erwartet hatte. Erst kurz vor der Abfahrt, als sie sein Marschgepäck aus dem Zimmer holten, war er mit urplötzlicher Gewalt über sie hergefallen. Alles war in zwei Minuten vorüber.

Dies hatte sie schnell vergessen, es war nicht wichtig angesichts der tief-empfundenen Liebe, die beide aneinanderband, eine Liebe jenseits der Körperlichkeit.

Sie verstaute diese erste Feldpostkarte ganz unten in dem achteckigen Korpus des Nähkästchens, das langstielig neben ihrem Sessel unter der mit braunem Leder bespannten Lampe stand, legte zu ihr auch die anderen Karten und Briefe, die sie unregelmäßig aus dem Osten erreichten, alle kurz: »Wir sind nach … gefahren« oder »Alles ist in Ordnung« oder »Wir haben noch einmal Glück gehabt«. Den Briefen fügte er Fotografien hinzu: »In Treue, Dein Adam«.

Auf diese Weise verfolgte sie den Weg ihres Mannes durch Russland und Polen: Feldpostkarten, Feldpostbriefe und viele Fotografien aus Nadino, Pleskau, Wirhiza, Ostrow, Wolchow, Palkino, Witebsk, Raseinen, Wikomir utmerke …

81 Schnappschüsse bebilderten den Weg ihres Mannes nach Russland und zurück, angefangen mit dem letzten Bild vor dem Abschied, als sie sich eng mit strubbeligem blonden Haar lächelnd an den Scheidenden klammerte. Zwölf Abbildungen zeigten Adam in Habtachtstellung, im Schnee stehend oder hoch zu Ross. Auf vierundzwanzig Aufnahmen prosteten sich fröhliche Männer in heiterer Runde zu oder badeten unter schattigen Bäumen in einem Fluss oder posierten als militärische Sieger im Osten. Ein Faschingsbild war dabei, die meisten Männer als Beduinen verkleidet. Auf drei Bildern zogen verwahrloste Gestalten, russische Bauern, bärtig und schmuddelig, mit ihren Pferdewagen eine Landstraße entlang. Auf vierzehn Bildern schmiegten sich orthodoxe Kirchen mit ihren kleinen Kugelhauben in hügelige Landschaften. Zehn romantische Motive von Flüssen, Wäldern und Ebenen breiteten die unendlichen Weiten Russlands aus. Innenräume russischer Behausungen bewiesen, jämmerlich und dreckig, achtmal die Minderwertigkeit der Kultur der Eroberten.

Und dann, in Postkartengröße, ein Doppelporträt, auf dem ein unbekannter junger Mann vertraulich an der Schulter von Adam gelehnt, selig in die Kamera lächelte. Kurz verweilte der Blick Désirées auf dem, der ihren Platz einnahm. Auch dieses Bild verstaute sie in dem Nähkästchen und holte ihr liebstes Bild heraus: das Bild ihres Mannes, der beim Polenfeldzug als Schütze Arsch, lange bevor sie ihn kennengelernt hatte, vor einer Kanone, deren Richtschütze er war, mit dem Gewehr auf dem Rücken posierte, den Blick starr nach Osten gerichtet, ein Marmorblock gegen den Feind.

Und ein Bild, nur eines dieser Kriegserinnerungsfotos, zeigte den zerstörten Innenraum einer Wohnbaracke; geringer Schaden, drei umgestürzte Regale, kaputte Betten, Lampe am Boden.

Der letzte Brief kam am 15. Dezember 1944. Dann nichts mehr. Kein Weihnachtsgruß, kein Neujahrsgruß, nichts. Im Februar 1945 kramte sie die Bilder heraus, klebte sie in ein leeres Fotoalbum und legte es zu den anderen Alben mit Urlaubsfotos aus Venedig, vom Bodensee und aus Berlin.

Im März ging sie zu einer Wahrsagerin. Die orakelte, dass da ein Mann sei in Uniform, und ein anderer in Uniform – und, da, ein Sohn, ein Sohn werde bald erscheinen, berühmt werde er werden, sehr berühmt.

Vater, Mutter, Tochter

Rosenau liegt in Oberbayern. Es empfängt von Italien her mildes Klima, vom Chiemsee die kalten Winde, von der Kampenwand den Föhn, von München die Intelligenz und von der ehemaligen Kaiserstadt Innsbruck die Weltläufigkeit. Dies alles bündelte es zu einer erfolgreichen Kleinstadt, die mit einem malerischen Stadtplatz Wohlstand zur Schau stellt.

Um diesen Platz herum verdienten die Reichen der Stadt in ihren Läden das Geld, mit dem sie ihre Villen in der Kaiserstraße hochherrschaftlich ausstatteten.

In so einer Villa wohnten drei Menschen: ein Textilfabrikdirektor, seine Gattin und sein Töchterchen. Ab 1933 blühte das Geschäft dank der Aufträge der neuen Machthaber, denen sich der Fabrikdirektor anbiederte. Er trat in die SA und in die NSDAP ein, grüßte den Gauleiter immer artig mit »Heil Hitler« und bekam dafür Bestellungen für Stoffe; die Wehrmacht brauchte Uniformen, die Partei ebenso. Vom Gewinn führte seine Frau einen standesgemäßen Haushalt mit Einladungen von Honoratioren, mit denen neue Beziehungen geknüpft wurden, um mehr Geld zu verdienen. Ein neuer Mercedes wurde gekauft, zwei Dienstmädchen wurden eingestellt und man verbrachte lange Erholungsurlaube in Venedig, Bad Gastein oder Meran.

Kommerzienrat Robert Kämpfer, der Textilfabrikdirektor, war mit einem schmächtigen Körper ausgestattet, schmalbrüstig, mit feinen, vornehmen Gesichtszügen, einem gebückten Gang, einem schütteren, rötlichbraunen Haarschopf und braunen Augen; selbstbewusst gegen die Arbeiter, unterwürfig gegen seine Frau. Den stahlblauen Augen seiner Gattin Edda hatte er nie standzuhalten vermocht. Die von allen als »schöne Frau« bezeichnete Dame des Hauses übte ihre Herrschaft kraftvoll und mit großer Theatralik aus. Ihr wohlgerundeter Körper unterstrich ihre Ansprüche, ihre Mimik duldete keine Gegenrede. Begrenzt wurde ihre untadelige Figur von einem Goldhaar, das wulstig hochgesteckt den Anschein erweckte, sie würde ihren Mann an Größe weit überragen.

Dieses Paar hatte ein Töchterchen gezeugt, das Edda mit viel Stöhnen und schmerzverzerrtem Gesicht aus ihrem Füllleib ausgestoßen hatte, um dann entsetzt festzustellen, dass bei diesem Töchterchen etwas nicht stimmte: o weh, o weh, o Jammer: Das Beinchen, das linke Beinchen krümmte sich schräg nach hinten: Was ist das? Doktor, oh Doktor, was ist das? Der Hausarzt und –freund Oswald Schwelmer dozierte und kommentierte: »Nichts Schlimmes. Ein verdrehter Fuß. Das gibt sich.«

Nichts gab sich.

Selbstanklagend schlug sich die Mutter an die Brust und schrie: »Was habe ich nur verbrochen, dass Gott mich so straft?! Ich habe einen Krüppel geboren!«, und sprach mehrere Wochen mit niemandem ein Wort, während ihr Mann das Töchterchen liebevoll im Arm wiegte, wohlerahnend, dass es sich um ein schönes Mädchen handelte, mit einem runden, wohlgeformten Kopf, blonden Haaren und einer Figur, um die viele Frauen sie später beneiden könnten.

Sie nannten das Mädchen Désirée, denn Edda legte Wert darauf, ihre französischen Wurzeln zu betonen, war doch ein Vorfahre bei Ludwig XVI. Feldmarschall, was eine Urkunde mit der königlichen Unterschrift, oft Besuchern präsentiert, bezeugte.

Im Alter von drei oder vier Jahren hatte sich die Drehung des Fußes gegeben, aber das Gehenlernen bereitete Schwierigkeiten, war doch ein Bein deutlich länger als das andere. Keuchend und weinend suchte das Kind Halt auf seinen Beinen, stolperte vorwärts, fiel zu Boden, blutete an den Knien, krabbelte sich wieder in die Höhe, übte, übte, übte mit der geduldigen Hilfe des Vaters und dem hysterischen Übereifer der Mutter. Es gelang nach vielen Monaten, dass Désirée an der Hand der Eltern in die Stadt – hinken konnte. Orthopädische Schuhe glichen schmerzverursachend die Ungleichheit aus, aber nicht ganz, leichtes Hinken blieb: Hinkeliese, Hinkebein, Hinkepott wurde sie in der ersten Klasse von Schulfreundinnen gerufen, bis die sehr guten Noten der Verachteten die Bösartigen verstummen ließen.

Désirée kapselte sich ab und mied Menschen.

Im Gymnasium kompensierte sie durch beste Noten den kleinen, kaum bemerkbaren Makel, wurde von den Jungen ihrer Klasse durchaus verehrt, nicht nur der Noten und ihres Wissens wegen, sondern auch wegen ihres Aussehens, das sie trotz des kleinen Makels attraktiv fanden, vor allem ihr germanischblondes Haar, das lockig ihren Kopf umflorte und Ideologie erfüllte. Kokett verschenkte sie ihre Sympathie mal diesem, mal jenem, keusch und rein natürlich, wie es Sitte war, sehnte sich aber nach ihrer Chaiselongue und fand, als sie nach dem Abitur die Optikerlehre absolvierte, den, der es sein musste: den Fotografen Adam Angsterer.

Am liebsten verbrachte sie die Tage mit Lesen. In den Romanwelten fühlte sie sich am wohlsten, hier spürte sie nicht den Stachel im Fleisch, den sie mit dem kleinen Makel zu besitzen glaubte, hier ging alles elegant zu, nicht wie bei ihren Eltern, die den Geschlechterkampf lautstark ausfochten.

Etwas engte sie darüber hinaus ein. Immer wenn sie sich von Herzen freuen wollte, misslang ihr das. Ihr Körper hemmte sie, sich gehen zu lassen, so ausgelassen zu sein, wie sie es bei den Klassenkameraden neidvoll beobachtete und bewunderte. Körperliche Anstrengungen verursachten ihr Schmerzen. Sie hätte so gerne wie die anderen herumgetollt, aber es ging trotz mancher Quälerei nicht. So versank sie in ihre Gedanken, Träume und Einsamkeit.

Die Besatzung

Am frühen Morgen des 2. Mai 1945 spähten GIs in ihren Jeeps die Straßen von Rosenau aus, das von Bombenangriffen verschont geblieben war.

Verschlafenheitsstille, Friedlichkeit, Traumseligkeit. Ein Deutschland wie auf Postkarten. Ein Deutschland der Gemütlichkeit. Ein sauberes Deutschland.

Knatternd und rasselnd folgten Panzer und Lastwagen wenige Stunden später. Durch das Getöse der Einmarschtruppen drangen zaghafte Begrüßungsrufe von Kindern, die schokoladegierig in der Nähe der Soldaten herumlungerten, Neger staunend beguckten, mit ihren Fingern über deren Haut fuhren, um sich zu überzeugen, dass das Schwarz nicht abfärbte, ergatterte Kaugummis aus dem Mund zogen, um sie dann mit der Zunge wieder einzuholen, und gedehnt amerikanische Laute probierten: Yeees. Hoooow aaaaare youuuuu …

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