Ich will nur Dich - Lisa Jackson - E-Book
Beschreibung

Eine romantisch verworrene Liebesgeschichte von Lisa Jackson – ganz ohne Leichen und Verbrechen, aber mindestens genauso fesselnd wie ihre Thriller! Der vielbeschäftigte Geschäftsmann Hale Donovan hat alles, was er sich wünscht - nur sträubt sich seine Freundin, die partout auf eine Verlobung pocht, mit auf eine wichtige Geschäftsreise zu kommen. Nun fehlt ihm eine hübsche Frau an seiner Seite, um im Business perfekt dazustehen! Darum engagiert er die hübsche Valerie als seine Schein-Verlobte. Auf dem Schiff kommen sich die beiden näher - und dabei soll es auch bleiben - das ist zumindest Hales Meinung. Jedoch ist es schwerer Valerie zu vergessen, als er sich das vorgestellt hat... Begeisterte Leserstimmen: »Gekauft, angefangen und nicht mehr aus der Hand gelegt« »Ich würde es jederzeit weiter empfehlen, denn ich konnte es schon nicht aus der Hand legen.« »Muss man lesen, ich konnte gar nicht aufhören!« »Ich will nur Dich« ist ein eBook von feelings –emotional eBooks*. Mehr von uns ausgewählte romantische, prickelnde, herzbeglückende eBooks findest Du auf unserer Facebook-Seite: www.facebook.de/feelings.ebooks Genieße jede Woche eine neue Liebesgeschichte - wir freuen uns auf Dich!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:257


Lisa Jackson

Ich will nur dich

Novella

Knaur e-books

Über dieses Buch

Der vielbeschäftigte Geschäftsmann Hale Donovan hat alles, was er sich wünscht – nur sträubt sich seine Freundin, die partout auf eine Verlobung pocht, mit auf eine wichtige Geschäftsreise zu kommen. Es fehlt ihm nun eine hübsche Frau an seiner Seite zum perfekten Dasein in der oberflächlichen Geschäftswelt. Um einen Deal abzuschließen, engagiert er die hübsche Valerie Pryce, die dringend einen Job braucht, als seine Schein-Verlobte. Auf dem Schiff kommen sich die beiden näher, doch anschließend will Hale wieder seiner Single-Wege gehen. Jedoch ist es schwerer, Valerie zu vergessen, als er sich das vorgestellt hat … Eine romantisch verworrene Liebesgeschichte von Lisa Jackson – ganz ohne Leichen und Verbrechen, aber mindestens genauso fesselnd wie ihre Thriller!

 

»Ich will nur dich« ist ein eBook von feelings – emotional eBooks*.

Mehr von uns ausgewählte romantische, prickelnde, herzbeglückende eBooks findest du auf unserer Facebook-Seite: www.facebook.de/feelings.ebooks

Inhaltsübersicht

PrologKapitel einsKapitel zweiKapitel dreiKapitel vierKapitel fünfKapitel sechsKapitel siebenKapitel achtKapitel neunKapitel zehnKapitel elfKapitel zwölfEpilogLisa Jackson bei feelings – emotional eBooks. Die ganz großen Gefühle für Deinen eReader!
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Prolog

Verdammt noch mal, Leigh, ich habe mich auf dich verlassen!«, fluchte Hale Donovan laut, ohne sich darum zu kümmern, dass die Tür zu seinem Büro einen Spalt offen stand und seine Sekretärin jedes einzelne Wort mitbekam. Den Hörer in der Hand, marschierte er auf dem dicken, hellbraunen Teppich auf und ab und wünschte, er könnte die Telefonschnur um Leigh Carmichaels schönen, schlanken Hals winden. Seine Finger krampften sich fester um den Hörer, während er aus dem Fenster seines Büros auf die überfüllten Straßen von San Francisco zwanzig Stockwerke tiefer blickte. Die glitzernden Türme der Wolkenkratzer erhoben sich stolz in den strahlend blauen kalifornischen Himmel.

Hale bemerkte es kaum – so wütend war er.

Ihn interessierte nur, dass der komplette Deal mit Stowell Investments buchstäblich den Bach runtergehen würde. Es war dumm von ihm gewesen, Leigh zu vertrauen, sie war aus demselben Holz geschnitzt wie seine Mutter, Jenna Donovan, eine Frau, an die er sich ansonsten kaum erinnern konnte.

»Hale? Bist du noch dran, Liebling?«, gurrte Leighs rauchige Stimme durch die Leitung. Sie lachte leise.

»Natürlich bin ich noch dran«, blaffte er.

»Gut. Dann verstehst du es also.«

»Was ich verstehe, ist, dass du mir eine Abfuhr erteilst. Warum?«, fragte er, wohlwissend, dass Leigh versuchte, ihn zu manipulieren. Wieder einmal.

»Ich habe kein Interesse daran, etwas vorzuspielen«, erwiderte sie beleidigt.

Er konnte beinahe hören, wie sich die Rädchen in ihrem Gehirn drehten, obwohl sie meilenweit von ihm entfernt war. Einmal um die halbe Welt, um genau zu sein.

»Ich sehe nicht ein, dass ich mir meinen Urlaub in Marseille vermiesen lassen soll, um deinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.«

»Du hast dir wahrhaftig einen schlechten Zeitpunkt ausgesucht, um mich davon in Kenntnis zu setzen! Die Kreuzfahrt beginnt am Freitag!«

»Nun, wenn du unbedingt möchtest, dass ich mit an Bord bin, solltest du unsere Verlobung vielleicht offiziell machen«, schlug sie vor. Ihre Stimme klang sexy und verführerisch.

»Was willst du, Leigh? Du weißt doch genau, dass diese ganze Sache eine Farce ist.«

»Nicht für mich. Deine einzige Chance, dass ich nach San Francisco zurückkehre und deine Verlobte spiele, ist die, dass ich deine Verlobte bin. Ich muss wissen, ob du mich wirklich zur Frau nehmen möchtest!«

Frustriert fuhr sich Hale mit den Fingern der freien Hand durchs Haar und lehnte sich gegen die Schreibtischkante. Dann stellte er sich mit nachdenklich zusammengekniffenen Augen Leighs Gesicht vor – ein umwerfend schönes Gesicht mit hohen Wangenknochen, vollen, schmollenden Lippen und eiskalten jadegrünen Augen. »Was willst du, Leigh? Einen Ring?«

»Nicht irgendeinen Ring, Hale. Einen funkelnden Diamantring mit mindestens drei Karat und das Versprechen, dass wir binnen der nächsten zwei Monate vor den Altar treten.«

Er lachte. Wollte sie ihn auf den Arm nehmen? Ihre Affäre hatte vor sechs Monaten geendet, und beide waren froh darüber gewesen. Er nahm seine Fliege ab und hängte sie über die Stuhllehne. »Hör mal, Leigh, ich habe keine Zeit für solche Spielchen.«

»Das ist kein Spiel.«

Zum ersten Mal nahm er den Unterton in ihrer Stimme wahr. Konnte es sein, dass sie ihn knallhart erpressen wollte? »Ich will nicht heiraten, Leigh. Ich bin nicht für die Ehe geschaffen. Und du auch nicht.«

»Genau da liegst du falsch«, entgegnete sie schmeichelnd. »Mir käme es durchaus gelegen, Mrs. Hale Donovan zu werden.«

»Verflucht noch mal, Leigh –«

»Ruf mich zurück, sobald du deine Meinung geändert hast.«

Es klickte laut, dann war die Leitung tot.

Einen weiteren Fluch vor sich hin murmelnd, knallte Hale den Hörer auf die Gabel. Auf gewisse Art war er erleichtert. Zwei Wochen lang so zu tun, als wäre er in Leigh verliebt, wäre die Hölle gewesen. Trotzdem. Er brauchte eine Frau, die er als seine zukünftige Ehefrau ausgeben konnte, wenn er am Freitag mit William Stowells prachtvoller Motoryacht in See stechen wollte. Nur eine Verlobte würde Stowells Tochter Regina davon abhalten, sich ihm an den Hals zu werfen.

Stirnrunzelnd ging er zur Kredenz hinüber und schenkte Brandy in einen Kristalltumbler ein. Er wollte unbedingt William Stowells Firma übernehmen, aber so weit, dafür dessen Tochter zu heiraten, würde er nicht gehen. Doch leider nähme auch Regina an der Kreuzfahrt teil.

Zwanzig Jahre alt, launisch und verwöhnt, hatte Regina Hale während des vergangenen halben Jahres permanent nachgestellt. Doch Hale war nicht interessiert. Nicht an Regina und schon gar nicht an einer Heirat.

In seinen Augen war die Ehe eine Falle. Was er also brauchte, war eine Frau – eine Frau, die er nicht kannte –, eine, die sich bereit erklärte, für zwei Wochen seine Verlobte zu spielen und anschließend von der Bildfläche zu verschwinden, sobald er die Stowell Investment Company aufgekauft hätte. Hale schnitt eine Grimasse und nahm einen Schluck von seinem Brandy. Er würde Paul Hastings, seinen Personalchef, persönlich anrufen und ihm auftragen, eine Frau für ihn zu finden, die schön war, Köpfchen und Charme hatte und – das war ihm das Allerwichtigste – die im Bett unersättlich war.

[home]

Kapitel eins

Valerie Pryce rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her und wartete. Ihr gegenüber, an einem ausladenden Mahagonischreibtisch, studierte der Personalchef von Donovan Enterprises ihren Lebenslauf, als handelte es sich dabei um die Emanzipationserklärung.

Paul Hastings, ein kleiner Mann mit einem sorgfältig gestutzten roten Bart, einem steifen, weißen Hemd und einem teuren Nadelstreifenanzug, tastete nach seinem Kragen. »Sie haben also vor zwei Jahren Ihren Abschluss in Betriebswirtschaft an der University of California gemacht, in Los Angeles.«

»Das ist richtig.« Valerie zwang sich zu einem Lächeln. Sie wollte sich Hastings gegenüber nicht anmerken lassen, wie dringend sie einen Job brauchte – egal, was für einen.

»Und während Ihrer Ausbildung haben Sie sich als Model und Schauspielerin über Wasser gehalten?«

»Ich habe ein paar Werbefilme gedreht und hatte eine kleine Rolle in einer Seifenoper.« Was hatte das mit ihrer Bewerbung zu tun?, fragte sie sich, strich nervös ihren Rock glatt und hoffte, nicht allzu unsicher zu erscheinen.

»Aber Sie haben keine Karriere als Schauspielerin angestrebt?«

»So viele Jobs wurden mir dann auch nicht angeboten.«

»Oh.« Er überflog noch einmal die erste Seite. »Sie sind Single.«

Valerie spürte, wie sie langsam gereizt wurde, doch dann rief sie sich erneut vor Augen, dass sie die Stelle unbedingt bekommen musste. »Ja.«

»Nie verheiratet gewesen?«

»Nein.«

»Haben Sie einen Freund?«

»Ich glaube nicht, dass diese Frage zu einem Bewerbungsgespräch gehört«, sagte sie und umfasste die Armlehnen ihres Stuhls.

Er hob beschwichtigend die Hand. »Da haben Sie natürlich recht. War nur eine Frage.« Paul Hastings schob seinen Stuhl zurück, kniff die Augen zusammen und musterte sie durch seine dicken Brillengläser. »Ich möchte, dass Sie Hale Donovan kennenlernen.«

»Den Firmenchef?«, fragte sie verdutzt. Warum um alles auf der Welt sollte sie Mr. Donovan kennenlernen?

Paul steckte ihren Lebenslauf in einen Aktenordner und lachte leise. »Firmenchef? Wir bezeichnen ihn lieber als Gott … oder als Luzifer. Kommt auf seine Stimmung an.«

»Klingt charmant«, stellte Valerie fest.

»Oh, das kann er durchaus sein. Charmant, meine ich.« Paul griff nach dem Telefon, wählte eine Nummer, dann sagte er etwas in den Hörer, stand auf und führte Valerie durch ein Labyrinth von Gängen zu einem privaten Aufzug. Er tippte den Zahlencode für den zwanzigsten Stock ein, und die Türen schlossen sich hinter ihnen.

»Muss sich jeder, der sich um einen Verwaltungsposten bewirbt, bei Mr. Donovan vorstellen?« Der Aufzug setzte sich in Bewegung.

»Nein, nur wenn er Mr. Donovans persönlicher Assistent werden soll.«

Fast hätte Valerie nach Luft geschnappt. Mr. Donovans persönliche Assistentin? Sie?

»Das stand nicht in der Stellenbeschreibung.«

Paul warf ihr einen leicht verunsicherten Blick zu. »Die Stelle ist erst gestern Nachmittag vakant geworden. Ah, da sind wir schon.« Er ließ ihr den Vortritt und winkte lächelnd einer zierlichen grauhaarigen Empfangssekretärin zu, die hinter einem geräumigen Schreibtisch saß und eifrig auf ihrer Computertastatur tippte.

»Er erwartet uns, Madge.«

Ohne mit dem Tippen aufzuhören, nickte die Sekretärin, und Paul schob eine der beiden glänzenden Kirschholztüren auf.

Valerie holte tief Luft. Seit sie vor weniger als einer Stunde Donovan Enterprises betreten hatte, war sie von einem Büro ins nächste geschleift worden, hatte mit verschiedenen Mitarbeitern gesprochen, und nun war sie hier gelandet, vor Hale Donovans Büro, wie der Name auf dem Messingschild an der Tür verkündete, die Paul Hastings jetzt öffnete. Er schob sie hinein. Valerie wappnete sich. Sie hatte nicht damit gerechnet, mit Gott persönlich sprechen zu dürfen.

 

 

 

Hale hörte, wie sich die Tür öffnete, und wünschte sich, Paul Hastings würde einfach wieder verschwinden. Seit dem gestrigen Nachmittag, an dem er ihn angerufen und ihm aufgetragen hatte, eine Braut in spe für ihn zu finden, hatte er mit ungefähr vierzig Möchtegern-Mrs.-Hale-Donovans gesprochen. Mit den vierzig egozentrischsten, affektiertesten und nervösesten Frauen, denen er je begegnet war. Keine von ihnen hatte auch nur ansatzweise sein Interesse geweckt. Er konnte sich nicht vorstellen, mit einer von ihnen zwei Wochen zu verbringen, schon gar nicht an Bord einer Yacht. Nein, allein der Gedanke, so zu tun, als wäre er in eine dieser oberflächlichen Tussis verliebt, verursachte ihm Sodbrennen.

Langsam, aber sicher gelangte er zu der Überzeugung, dass sein Plan die Mühe nicht wert war.

Paul räusperte sich.

Hale rieb sich den Nacken und drehte sich desinteressiert um, bis sein Blick auf die ernsten Augen einer großen, schlanken Frau traf, deren Körperhaltung nicht anders als majestätisch bezeichnet werden konnte. Ihre Haare waren honigblond, durchzogen von hellblonden Strähnchen und zu einem Franzosenzopf geflochten. Sie trug eine magentafarbene Bluse zu einem schwarzen Kostüm, das ihr ganz hervorragend stand.

Ihre großen, intelligenten, haselnussbraunen Augen wurden von langen, dunklen Wimpern umrahmt, die Haut über ihren hohen Wangenknochen war leicht gerötet, das Kinn beinahe herausfordernd vorgereckt. Sie hatte die Lippen zu einem skeptischen Lächeln verzogen.

»Seltsam«, sagte sie und musterte Hale verwegen, »ich hätte nie gedacht, dass Gott Bluejeans trägt.«

Paul zog hörbar die Luft ein und sah aus, als sei ihm etwas im Hals stecken geblieben. Hüstelnd warf er der Frau einen warnenden Blick zu, bevor er sich hastig daranmachte, die beiden einander vorzustellen. »Mr. Donovan, und das ist –«

»Valerie Pryce«, unterbrach sie ihn und streckte Donovan die Hand entgegen.

Hale umschloss ihre schlanken Finger und bemerkte überrascht, wie fest ihr Händedruck war.

»Ms. Pryce hat heute ihre Bewerbung vorbeigebracht. Sie würde gern für die Firma arbeiten.«

»Sie ist nicht von einer Agentur?«, fragte Hale überrascht, der Valerie sofort als Model abgestempelt hatte, als eins von diesen anspruchsvollen, überkandidelten New Yorker Geschöpfen.

Paul schüttelte den Kopf. »Nein, sie ist eine Quereinsteigerin, die sich auf unsere Annonce wegen der Verwaltungsstelle gemeldet hat, aber ich denke, sie eignet sich auch für diesen Posten. Hier sind ihre Unterlagen mitsamt Lebenslauf.« Er legte den Aktenordner auf die Ecke von Hales Schreibtisch. »Bitte geben Sie mir Bescheid, wenn Sie sich entschieden haben.«

»Das mache ich.«

Hastig verließ Paul das Büro und schloss die Tür hinter sich.

»Ich glaube, Sie haben ihn nervös gemacht«, sagte Hale. Seine Augen blitzten amüsiert.

»Das war nicht meine Absicht.«

Hale verzog die schmalen Lippen zu einem angedeuteten Lächeln. »Er hat einen langen Tag hinter sich.«

»Das habe ich schon vermutet.« Sie beäugte den Mann misstrauisch. Er war schlichtweg nicht der typische Chef, zumindest nicht ihrer Vorstellung nach. Er trug eine verwaschene Bluejeans, dazu ein blaues Leinenhemd mit aufgekrempelten Ärmeln, und er sah aus, als gehörte er auf eine Ranch oder aufs Außengelände eines Filmstudios – als Stuntman oder Westernheld eines B-Movies –, aber ganz bestimmt nicht in ein Chrom-und-Glas-Büro mit Kunstobjekten aus Metall und Sitzmöbeln aus gegerbtem Leder.

Sein Haar musste dringend geschnitten werden. Schwarze Locken fielen über den Kragen, sein Kinn war bartverschattet, sein Gesicht zu markant für einen Hollywood-Beau. Er hatte eine lange Nase, schmale, leicht eingefallene Wangen und einen dünnen, beinahe grausamen Mund – ein eher herber Typ, wären da nicht seine Augen gewesen. Stahlgrau und tief liegend, geschützt von dicken, schwarzen Brauen und langen, geraden Wimpern, blitzend vor verstecktem Humor.

Er nahm ihren Lebenslauf zur Hand und überflog ihn, während er über den hochflorigen Teppich zu einem bequemen Ledersessel schlenderte.

Sein Gang war lässig und geschmeidig, dennoch nahm sie eine gewisse Rastlosigkeit an ihm wahr. Eine aufgestaute Energie, die sie an ein Raubtier im Käfig erinnerte.

»Sie haben für Liddell International gearbeitet?«

»Zwei Jahre lang.«

Er nickte nachdenklich. »Warum haben Sie gekündigt?«

»Es war an der Zeit«, erklärte sie.

»Wie Sie sicher wissen, ist Liddell International eine meiner Firmen.«

»Aber Sie haben mich nicht eingestellt.«

Seufzend ließ er sich auf die Sessellehne sinken, ohne den Blick von ihr zu wenden. »Was ist passiert? Liddell ist eine großartige Firma.«

Es gab keinen Grund zu lügen. Er würde es ohnehin herausfinden. »Mein Vorgesetzter und ich hatten eine … Meinungsverschiedenheit.«

»Worüber?«

Sie verzog die Lippen zu einem zynischen Grinsen. »Über persönliche Rechte.«

»Und das heißt?«

»Das heißt, dass er mir nachgestellt hat«, gab sie ärgerlich zurück. »Wir machten Überstunden, es war schon spät, er unternahm einen Annäherungsversuch, auf den ich nicht einging. Das war das Ende meiner Karriere bei Liddell.« Natürlich war das nicht alles gewesen, doch sie fand, es gehe Donovan nichts an, dass Brian Liddell junior erwartet hatte, dass sie mit ihm ins Bett stieg.

»Das ist sexuelle Belästigung«, stellte Hale fest.

»Ich weiß.«

»Sie könnten ihn verklagen.«

Valerie holte tief Luft, dann flüsterte sie: »Ich habe beschlossen, das Ganze zu vergessen. Außerdem fehlt mir die Zeit für eine gerichtliche Auseinandersetzung. Schließlich muss ich meinen Lebensunterhalt verdienen.«

Hale versuchte, das Mitgefühl zu unterdrücken, das ihn überkam. Ihm war der Schmerz nicht entgangen, der in ihren braunen Augen aufflackerte. Was immer bei Liddell passiert war, war mehr gewesen als nur ein simpler Annäherungsversuch. Ihre Hände zitterten leicht, und sie steckte sie rasch in die Taschen ihres Jacketts.

»Möchten Sie etwas trinken?« Er stand auf und trat an die Kredenz.

»Nein, danke.«

»Sind Sie sicher?«

»Ich denke, ich warte damit bis nach dem Gespräch.« Sie schien über eine gewisse innere Stärke zu verfügen, denn obwohl sie blass geworden war, schaute sie ihm direkt ins Gesicht, ruhig, gefasst.

»Hat Paul Ihnen schon Näheres über den Job erzählt?«, fragte Hale und öffnete die Jalousietür, hinter der er die Spirituosen aufbewahrte. Kristallgläser und diverse Flaschen funkelten im Licht der Lampen vor dem eingebauten Barspiegel.

»So weit ist er nicht gekommen. Um ehrlich zu sein, war er ziemlich vage, die Details betreffend«, sagte sie. »Er hat mir lediglich mitgeteilt, dass die Stelle Ihrer persönlichen Assistentin frei geworden sei, weshalb Sie ein Vorstellungsgespräch mit mir führen möchten.«

Hales Augenbrauen schossen in die Höhe. Er griff nach einer offenen Flasche Brandy und einem Glas. »So kann man es auch ausdrücken.«

»Dann drücken Sie es anders aus.«

Er drehte sich nicht um, stattdessen suchte er ihren Blick im Spiegel seines Barschranks. »Was ich brauche, Ms. Pryce, ist eine Frau, die sich während der nächsten zwei Wochen als meine Verlobte ausgibt.«

»Als Ihre Verlobte?«, wiederholte sie ungläubig.

Er sah, wie sie nach Luft schnappte. Ein Schatten der Enttäuschung verdunkelte ihre Augen, und sie wurde tatsächlich rot.

»Aber ich dachte …«

»Paul hätte aufrichtig zu Ihnen sein sollen.«

»Das wäre sicher von Vorteil gewesen!«, erwiderte sie schnippisch. Ihre Wangen brannten jetzt. »Was soll das?«

»Es handelt sich um ein simples Geschäftsangebot«, erklärte er, amüsiert über ihre Empörung.

»Das mir ganz und gar nicht gefällt.«

»Hören Sie mir doch erst einmal zu«, schlug er vor, kehrte zu seinem Schreibtisch zurück und lehnte sich mit der Hüfte dagegen. »Ich versuche, William Stowells Firma, Stowell Investments, aufzukaufen. Er und ich haben vor, am kommenden Wochenende auf seiner Yacht einen Vertrag auszuarbeiten. Wir wollen bis an die Küste von Kanada hinauffahren. Leider ist seine Tochter Regina auch mit an Bord, und William ist anscheinend der Ansicht, ich sollte ihr einen Antrag machen. Regina ebenfalls.« Seine Mundwinkel sackten herab. »Ich nicht.«

»Warum sagen Sie das den beiden nicht einfach?«

Hale lächelte schief. »Das habe ich schon getan. Öfter, als ich zählen kann. Sie glaubt mir nicht oder will es einfach nicht wahrhaben. Ihr Vater genauso wenig.«

»Und Sie erwarten von mir, dass ich Ihnen das abnehme?«

»Es ist die Wahrheit.« Er trank einen großen Schluck Brandy und musterte Valerie eindringlich, dann stellte er sein leeres Glas auf dem Schreibtisch ab.

»Das ist doch verrückt.«

»In der Tat. Zumindest ein bisschen«, pflichtete er ihr achselzuckend bei. »Doch warum sollte ich so etwas erfinden?«

Gute Frage.

»Außerdem weiß ich die Gesellschaft einer schönen Frau zu schätzen«, fügte er mit blitzenden Augen hinzu.

»Ach ja?« Verärgert legte sie sich den Riemen ihrer Handtasche über die Schulter. Warum war sie bloß so wütend?

»Sie können den Job haben, wenn Sie möchten.«

»Auf keinen Fall.«

»Es könnte interessant werden.«

Meinte er das ernst? »Was ich brauche, Mr. Donovan, ist einen richtigen Job. Nicht irgendeine absurde Rolle als Ihre Geliebte. Ich habe nicht die UCLA besucht, um mich dafür bezahlen zu lassen, dass ich zwei Wochen lang um Sie herumscharwenzle. Ich denke, Sie sollten sich nach jemand anderem umschauen.«

»Das ist nicht so einfach.«

»Ach, wirklich nicht? Hören Sie doch auf! Ich bin mir sicher, dass es jede Menge Frauen gibt, die liebend gern auf einer Kreuzfahrt mit Ihnen Braut und Bräutigam spielen. Nur leider gehöre ich nicht dazu.«

»Ich würde Sie gut entlohnen.«

»Und ich glaube, Sie haben mich nicht verstanden, Mr. Donovan. Ich bin nicht interessiert.« Sie machte auf dem Absatz kehrt, marschierte zur Tür hinaus und fegte in einer Wolke der Empörung an Madge vorbei. Wie hatte sie nur so dumm sein können? Assistentin des Firmenchefs! Ha! Es war eben nicht alles Gold, was glänzte.

Wutschäumend drückte sie auf den Aufzugknopf und wartete ungeduldig. Aus dem Augenwinkel sah sie Hale Donovan auf sie zukommen, das Kinn vorgereckt, die Kiefer aufeinandergepresst.

»Wollen Sie mich nicht aussprechen lassen?«, fragte er.

»Nein.«

»Wir haben noch nicht einmal über Geld geredet.«

»Das ist auch nicht nötig.«

Die Aufzugglocke läutete leise, die Türen glitten auseinander. Dankbar betrat Valerie die Kabine.

Doch Hale folgte ihr und blockierte die Türen mit der Schulter. »Geben Sie mir fünf Minuten. Ich wette, ich kann Sie überzeugen.«

Der Mann hatte Nerven, das musste man ihm lassen! Mit zusammengekniffenen Augen zischte sie: »Ich bin nicht käuflich.«

»Jeder ist käuflich«, widersprach er.

Sie ignorierte ihn und drückte den Knopf fürs Erdgeschoss. Der Aufzug blieb stehen.

»Denken Sie darüber nach«, schlug er vor.

»O ja, das mache ich«, versicherte sie ihm und blickte ihm direkt in das arrogante Gesicht. »Und dann werde ich darüber lachen.«

Noch bevor er sich bremsen konnte, streckte er die Hand aus und berührte sie am Oberarm. »Ich rufe Sie an.«

»Die Mühe können Sie sich sparen.«

Hinter ihm erschien Madge. Ihr besorgter Blick huschte zwischen Hale und Valerie hin und her. »Paul ist am Apparat. Er möchte wissen, wie Sie sich entschieden haben. Da wäre noch eine weitere Bewerberin –«

»Wir brauchen keine weitere Bewerberin«, erklärte Hale ruhig, die Augen auf Valerie geheftet.

Für den Bruchteil einer Sekunde schlossen sich seine stahlharten Finger um ihren Arm. Fast wäre ihr das Herz stehen geblieben.

»Sagen Sie Paul, ich habe die Richtige gefunden.«

[home]

Kapitel zwei

Wer war Valerie Pryce?

Hale stand vor der Glaswand hinter seinem Schreibtisch und blickte auf den Verkehr und die Fußgänger hinab, die zwanzig Stockwerke unter ihm über den Union Square wuselten.

Die hausinterne Sprechanlage summte, und Madges leise, effiziente Stimme ertönte. »Paul auf Leitung zwei.«

»Ich nehme an.« Hale nahm den Hörer von der Gabel. »Donovan.«

»Bei mir sitzen noch einige Damen, mit denen Sie sich vielleicht unterhalten möchten«, sagte Paul. Er klang erschöpft.

»Kein Interesse.«

»Aber –«

»Hat Madge sich nicht deutlich genug ausgedrückt? Ich will Valerie Pryce.« Hale tigerte von einem Ende seines Büros zum anderen, die Telefonschnur bis zum Zerreißen gedehnt, dann ging er zu seinem Schreibtisch und setzte sich.

»Haben Sie sie engagiert?«, fragte Hastings leicht erstaunt.

»Nicht wirklich«, erwiderte Hale ungeduldig. »Sie hat keinen Vertrag unterzeichnet, aber ich denke, das ist nur eine Frage der Zeit.« Er warf einen nervösen Blick auf die Uhr.

»Dann ist sie einverstanden?«

»Auch nicht wirklich –«

»Ich dachte, Sie wollten noch heute jemand Geeigneten einstellen.«

»Das ist richtig, und das werde ich auch tun«, bestätigte Hale zähneknirschend. Er wusste, dass er stur war und ziemlich unrealistisch zugleich. Die Frau wollte den Job schlicht und einfach nicht haben. Trotzdem konnte er sie nicht vergessen. Seine Intuition, die sich all die Jahre über immer wieder als zuverlässig erwiesen hatte, sagte ihm, dass Valerie Pryce genau die richtige Frau für dieses Unterfangen war. Die Herausforderung in ihren faszinierenden haselnussbraunen Augen, ihr majestätisches Auftreten und ihr respektloser, leicht sarkastischer Humor verliehen ihr genau die richtige Mischung aus Charme und Klasse.

Pauls Stimme riss ihn aus seinen Überlegungen. »Nun, sollte sie sich nicht dazu bereit erklären, habe ich noch vier Frauen von einer Agentur hier, der Jewell Woods Agency. Jede von ihnen –«

»Sie scheinen mir nicht zuzuhören, Paul«, unterbrach ihn Hale und studierte noch einmal Valeries Lebenslauf. Was war es nur, das ihn an ihr so faszinierte? »Meine Verlobte für die nächsten zwei Wochen wird Valerie Pryce sein.«

»Dann sollten Sie ihr das mal besser klarmachen«, schlug Paul mehr als nur leicht zynisch vor.

»Das mache ich. Ich bin bereits unterwegs.«

»Sie wird nicht zustimmen.«

»Ich werde sie schon überreden.«

»Und wie?«

»Ach kommen Sie, Hastings. Geld regiert die Welt.« Hale griff nach seiner Lederjacke und warf sie sich über die Schulter. »Rufen Sie Kendrick von der Rechtsabteilung an und teilen Sie ihm mit, was ich vorhabe. Er soll einen Vertrag für zwei Wochen aufsetzen – für die Stelle als persönliche Assistentin – und einen Blankoscheck ausstellen.«

»Ich an Ihrer Stelle …«

Hale wartete ab, was nun folgen würde, die Finger fest um den Hörer geschlossen. Paul seufzte empört auf.

»Ich an Ihrer Stelle würde Klartext mit William Stowell reden und diese alberne Verlobungssache vergessen.«

»Das habe ich versucht«, erinnerte ihn Hale, der schon Sodbrennen bekam, wenn er nur an sein letztes Treffen mit dem Besitzer von Stowell Investments dachte. Es käme dem Alten mehr als gelegen, Hale seinen Schwiegersohn nennen zu dürfen.

Offenbar wollte Regina genau das Gleiche, aber sie verfolgte ihren eigenen Plan, um Hale in die Falle zu locken.

Nach sechs Stunden anstrengender Geschäftsverhandlungen und mehreren Drinks mit Stowell hatte Hale seine Hotelzimmertür aufgesperrt und eine nackte Regina vorgefunden, die sich verlockend auf der zartrosa Seidenbettdecke rekelte. Eine Flasche Champagner stand eisgekühlt in einem Kübel neben dem Kopfende. Regina hatte ihm ein kokettes Lächeln zugeworfen, während er sich schwer gegen den Türrahmen lehnte.

»Ich habe auf dich gewartet«, hatte sie in einem plumpen Verführungsversuch gehaucht.

»Wie bist du hier reingekommen?«

Sie lächelte wieder. Grübchen bildeten sich in ihren Wangen, als sie leicht schmollend die Lippen schürzte. »Der Angestellte am Empfang hat nicht allzu viele Fragen gestellt.«

»Ich denke, du solltest jetzt gehen«, murmelte Hale, dem ihre Anwesenheit so gar nicht passte. Er war müde und sehnte sich nach einer heißen Dusche und einem warmen Bett – ohne Stowells Tochter.

»Noch nicht«, flüsterte sie.

»Sofort.«

»Wir könnten so viel Spaß haben –«

»Dein Vater würde mich umbringen, und ich mag mir gar nicht vorstellen, was er mit dir tun würde«, behauptete er, auch wenn der Alte vermutlich alles andere als entrüstet wäre.

»Was Daddy nicht weiß, macht ihn nicht heiß«, sagte sie und grub die Zähne in die Unterlippe.

»Vergiss es, Regina. Ich bin nicht interessiert.«

»Warum nicht?«, fragte sie klagend, die Seidenbettdecke bis zum Kinn hochgezogen. Ihre Wangen röteten sich ob dieser Zurückweisung.

Hale stöhnte bei der unangenehmen Erinnerung auf. Obwohl er wusste, dass nicht William hinter Reginas Avancen steckte, hätte er diese Szene am liebsten für immer aus seiner Erinnerung verbannt. Ihm war klar, dass er unmöglich die nächsten beiden Wochen gemeinsam mit ihr auf einer Yacht verbringen konnte – es sei denn, er wäre tabu, zum Beispiel weil er in Kürze heiraten würde.

Paul am anderen Ende der Leitung räusperte sich. »Sind Sie sich da ganz sicher?«

»Absolut. Schicken Sie die Models nach Hause und sagen Sie Kendrick, er soll die Unterlagen vorbereiten.«

 

 

 

Valerie klopfte an die Tür der kleinen Wohnung ihrer Mutter, dann sperrte sie auf. »Mom?«, fragte sie leise, als sie eintrat. Die Jalousien waren herabgelassen, die Luft stickig und abgestanden.

Als sie die Tür hinter sich schloss, vernahm sie Schritte.

»Sie ruht sich gerade aus«, flüsterte Belinda und nickte Richtung Schlafzimmer.

»Geht es ihr gut?«

»Jeden Tag ein bisschen besser«, erklärte Belinda, eine stämmige Frau mit schwarzen, zu einem festen Knoten zurückgebundenen Haaren. Die private Pflegekraft war ein Geschenk Gottes. Seit dem Unfall, bei dem der kleine Wagen ihrer Mutter von einem vorüberrasenden Auto erfasst worden war, hatte Belinda, die auch für das nahe gelegene Klinikum arbeitete, hier nach dem Rechten gesehen und Valerie bei der Pflege von Anna Pryce unterstützt.

»Ihre Mutter ist eine starke Frau.«

Valerie lächelte. »Das musste sie immer schon sein.«

»Ich glaube, sie ist aufgewacht.«

»Gut.« Valerie ging den kleinen Flur entlang und öffnete die Schlafzimmertür.

Anna, dünn und blass, blickte ihr aus dem Bett entgegen. Das einzige Licht im Zimmer war das Flackern des Fernsehers. Auf dem Fußende des alten Doppelbetts lag ein handgestrickter Überwurf, Zeitschriften und Bücher bedeckten jede freie Fläche auf der Kommode und dem Nachttisch, sofern sie nicht in das überquellende Bücherregal gestopft waren.

Valerie musste lächeln, als sie die Darsteller der Seifenoper erkannte, die ihre Mutter am liebsten schaute – ebenjene Seifenoper, in der Valerie einst eine kleine Rolle gespielt hatte: Goldener Treibsand.

»Da bist du ja«, murmelte ihre Mutter und richtete sich mühevoll auf.

»Ich dachte, ich schaue mal schnell vorbei.«

»Wie ist das Bewerbungsgespräch gelaufen?«

Valerie winkte ab. »Nicht gut. Ich schaue mich lieber weiter um.«

Anna strich sich eine verirrte braune Haarsträhne hinters Ohr und musterte ihre Tochter fragend. »Du hast dein Herz an Donovan Enterprises gehängt.«

»Es gibt andere Firmen.«

»Aber du hast immer behauptet, Hale Donovans Geschäftspolitik würde dir gefallen.«

Valerie rümpfte die Nase. »Ich habe meine Meinung geändert. Außerdem war die ausgeschriebene Stelle gar nicht zu besetzen.«

»Aber du hast doch die Annonce gesehen …«, wandte ihre Mutter ein und deutete auf den Stapel Zeitungen neben dem Bett.

»Sie hatten schon jemanden gefunden. Egal. Ich bin noch bei einigen anderen Firmen eingeladen.«

»Nun, wenn du mich fragst: Wer immer bei Donovan Enterprises für die Einstellung von Personal verantwortlich ist, hat einen großen Fehler gemacht, dich abzulehnen!«

»Ich werd’s ihm ausrichten, wenn ich ihn das nächste Mal sehe«, erwiderte Valerie mit einem grimmigen Lächeln. Es gab viele Dinge, die sie Mr. Donovan gern an den Kopf werfen würde, aber natürlich würde sie niemals die Gelegenheit dazu bekommen. Was vermutlich ein Segen war.

»Würdest du Belinda bitten, uns einen Kaffee zu machen?«, fragte ihre Mutter. »Und mach die Jalousien auf – das Zimmer ist ja finster wie eine Gruft!«

Grinsend öffnete Valerie die Jalousien. »Ich mache den Kaffee. Belinda muss ins Krankenhaus.«

Ihre Mutter warf ihr einen verschwörerischen Blick zu. »Dann nimm den richtigen. Ich verabscheue das dünne, koffeinfreie Zeug!«

»Aber der Arzt –«

»– hat keine Ahnung von Kaffee.« Anna Pryce grinste ebenfalls. »Und beeile dich! Ich glaube, Lance hat vor, Meredith umzubringen.« Sie deutete auf zwei Schauspieler, die schon lange bei Goldener Treibsand dabei waren.

»Damit wird er niemals durchkommen«, sagte Valerie, die das Schlafzimmer in Richtung Küche verließ, über die Schulter.

»Oh, das glaubst auch nur du!«, rief ihre Mutter ihr nach und lachte.

Belinda folgte Valerie, die sich sogleich an der Kaffeemaschine zu schaffen machte, in die Küche. »Es geht ihr heute viel besser.«

»Den Eindruck habe ich auch.«

»Allerdings habe ich ihr die hier nicht gezeigt.« Belinda griff in ihre Tasche und zog mehrere Briefumschläge heraus.

»Sagen Sie nichts – die Rechnungen«, vermutete Valerie.

»Nur sechs.«

Valeries Magen schnürte sich zusammen. Nicht nur sechs – weitere sechs.

Belinda biss sich auf die Lippe. »Ich möchte Sie damit nicht belasten, aber –«

Valerie winkte ab und zwang sich zu einem munteren Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte. »Keine Sorge, ich kümmere mich darum.« Sie nahm Belinda die Rechnungen aus der Hand, steckte sie in ihre Handtasche und wartete, während der Kaffee durchlief.

»Wie war das Bewerbungsgespräch?«

»Ein voller Erfolg«, murmelte Valerie sarkastisch und schenkte zwei Tassen heißen Kaffee ein. »Aber ich habe den Job trotzdem nicht bekommen.« Sie sah die Furchen, die sich auf Belindas Stirn bildeten, und fügte hinzu: »Nun, ich hätte einen Job bekommen können, allerdings nicht den, den ich haben wollte.« Zähneknirschend dachte sie an Hale Donovans impertinentes Angebot. »Aber keine Sorge, es gibt jede Menge andere Stellen. Ich werde mit Sicherheit noch diese Woche etwas Passendes finden.«

»Bestimmt.« Belinda nahm ihren marineblauen Lieblingspulli von einem Haken neben der Tür. »Ich muss los. Bis morgen!«

Sie winkte Valerie zu, die die beiden dampfenden Kaffeetassen ins Schlafzimmer hinübertrug.

Ja, Valerie wusste, dass ihr die Zeit ausging, auch wenn sie sich alle Mühe gab, die mahnende Stimme in ihrem Hinterkopf zum Schweigen zu bringen. Würdest du auch nur ein Fünkchen Verstand besitzen, hättest du Hale Donovan zumindest ausreden lassen.

»Vergiss es«, knurrte sie.

»Was soll ich vergessen?«, fragte ihre Mutter.

»Ach, nichts. Und jetzt sag schon – was ist passiert?« Sie reichte ihrer Mutter eine Tasse und tat so, als würde sie sich für die Handlung der Seifenoper interessieren. »Lance würde Meredith doch niemals umbringen.«

»Aha, und warum nicht?«

»Weil ich gerade erst gelesen habe, dass die Schauspielerin ihren Vertrag verlängert hat.«

Ihre Mutter verdrehte die Augen. »Du kannst einem wirklich den Spaß verderben, weißt du das?« Aber sie kicherte dabei und schnitt eine Grimasse, dann kostete sie vorsichtig ihren Kaffee.

»Vielleicht bringt Meredith ja Lance um«, schlug Valerie vor.

»Das sollte sie besser tun«, pflichtete ihre Mutter ihr bei. »So wie er sie behandelt …«