Ickwaleiser - Hans Menzel - E-Book

Ickwaleiser E-Book

Hans Menzel

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Beschreibung

Zurückschauen, was einem einfällt. Ein Erzähler gibt wieder, was Hans Menzel eingefallen ist, ein Gedächtnisprotokoll. Ein Blick auf Hans, von Hans, er ist Betrachter und Erzähler, betrachtet und erzählt den Alltag, der um ihn passierte. Gedanken und Empfindungen erwachen zu neuem Leben. Nicht nur der Alltag in den legendären MusicLand Studios in München, bei Aufnahmen mit den Rolling Stones, Led Zeppelin, Deep Purple und Marius Müller-Westernhagen, auch der Alltag zuhause, mit Freunden, mit Autos, auf Reisen und vor allem der Alltag im Kopf von Hans, sind Inhalt der 29 Episoden unter dem Titel ICKWALEISER, die in der analogen Zeit von 1974 bis zum Beginn der Digitalisierung 1996 erlebt wurden.

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Seitenzahl: 463

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Plan C (1988)

Am Montag kam Niemand (1974)

Hi, it’s Mick (1974)

Überzeugungserlebnis(1989)

Mini Cooper, Maxi Schuh (1974)

Elektromechaniker (Hochfrequenz) (1974)

Im Wind ernsthaft arbeiten (1989)

Respekt und Einmessung (1974)

Am Schädelknochen sägen (1974)

Baff, Buff, Abrissbirne (1975)

Vom Türkentor zum Palais des Sports (1975)

Verschwimmen im Hinterhof (1975)

Kraft und ausgefranste Stellen (1990)

Moosröschengesicht (1976)

In The Ghetto (1976)

Nächtliche Lehrstunde (1976)

Gedankenvoller Gang (1977)

Präzision und Negligé (1978)

Ein Ton (1991)

Mit Kunstkopf nach L.A. (1979)

Demo-Studio in Gauting (1979)

Vom Aubergine bis Mexiko (1980)

Mit dem Sonnenuntergang nach L.A. (1980)

Homebrew und Dogge (1981)

Neunzehnhundertdreiundneunzig (1993)

Geiler is‘ schon (1983)

Erfolg, frontal zwischen den Augen (1984)

Feuer und Tränen (1986)

Neue Ufer (1996)

PLAN C (1988)

Der Blick auf die gewundenen, verkrusteten und doch so kunstvoll einfach gewachsenen Bäume und Äste, in der besonderen Lage am Hochufer der nördlichen Isar, im Garten der Oberföhringer Straße einhundertneunundsechzig, veranlasste Hans, während er dem »Flagship artist for the pioneering new age label Windham Hill«, George Winston, träumerisch zuhörte, den gewaltigen Schmelzwasserausfluss des Isar-Loisach-Gletschers der Würmeiszeit, der »Ur-Isar«, zu spüren. Diese genau bestimmte Verteilung der Energie ließ ihn nachdenken, um Erlebtes zu reflektieren und zu relativieren:

»Das Wasser bewegt sich, doch die Kraft spürt man woanders. Was ist die Ursache, wo der Impuls. Wen trifft man, wenn man ausholt zum Wurf? Was wird von der Bewegung verändert? Ist alles nur ein abstraktes Geflecht?«

»Und trotzdem weine ich«, stellte er fest und musste sich poetisch an zwei Ereignisse erinnern:

»Ein Geräusch hat mich erreicht, doch nicht die Energie. Das Geräusch, das wie ein Sack Kartoffeln klang. Warum höre ich nachts um halb drei im ersten Stockwerk des Arabellahauses, draußen einen Sack Kartoffeln aufschlagen? Es war ein Körper, der auf dem Vordach aufschlug. War es die genau bestimmte Verteilung der Energie? Die unverbrauchte Energie, die aus diesem Menschen wich und die Energie, die ich in demselben Moment, nachts um halb drei, im ersten Stockwerk des Arabellahauses und den drei vorangegangenen Monaten, in nächtelangen Sitzungen, in die Erstellung einer Open Access Software zur Bilanzierung des Studios und somit zur Erwirkung eines Kredites, über eine viertel Million Mark, verbraucht habe?«

»Ein Blitz hat mich erreicht, doch nicht der Impuls, der ihn gezündet hat. Der Blitz, der aussah wie ein Feuerwerkskörper. Warum sollte im Restaurant, das dem Büro der MusicLand Studios im ersten Stockwerk des Arabellahauses, gegenüberliegt, auch nachts um halb drei, ein Feuerwerk losgehen? Ein Feuer hat sich in der Küche entzündet. Verbrennt das Feuer der Erpressung den Glauben an das Gute im Menschen und die Hoffnung, dass der Glaube uns hilft, oder hält der Blitz mich nur davon ab, jemals wieder dorthin zum Essen zu gehen? Sind meine positiven Gedanken schlecht, wenn sie durch negative Erfahrungen, Sturm und falsche Reaktionen in ein anderes Licht gerückt werden? Denkt mein Gegenüber schlecht, wenn es anders denkt als ich? Ist anders immer Blitz und Donner?«

Er ist durch diese Gedanken seiner eigenen Situation ausgewichen, war er feige? Aber er konnte nicht ganz ausweichen. Er dachte, das Wasser ist jetzt ruhig, bewegt sich nicht. Doch rauschte er mit einem gewaltigen Sog an allem vorbei, was er hätte sehen sollen, es aber nicht mehr erkannte, nur als Phantomschmerz spürte. In seinem Umfeld war es ruhig, doch kam man ihm näher – was nie geschah – sah man die tiefen Täler und Schluchten, die er durchschritt, wozu andere nicht bereit waren. Andere, die Andere, seine Freundin, wandte sich, fast unmerklich für ihn, von ihm ab. Die Cockerspanielhündin hielt sie zusammen. Warum lagen die Erwartungen hinter dem großen Gebirge? War er auf der Flucht und traute sich deshalb nicht aus den Tälern. Er war doch offiziell geschieden. Aus Scham, aber tief im Herzen, weil er es so sehnlich wollte, verschlang er den Abitur-Lehrgang von AKAD im Heimstudium. Das geht, es funktioniert, jetzt, da die nächtelangen Sessions im Studio nicht mehr stattfanden, Plan A – MusicLand wird digital – und Plan B – es geht weiter, wie bisher – verworfen wurden, jetzt da die Bewerbungen, neben den praktischen, autodidaktischen Berufserfahrungen, noch Platz ließen für theoretische Abschlüsse wie technischer Betriebswirt, von dem er schon zwei Semester geschafft hat. Nein, er wollte nicht mehr runter, in den Arabellahaus Keller, der Plan C sah das nicht vor. Plan C sah vor, zu kündigen. Mackie ging nach New York, Westernhagen nahm seine Platten in London auf, die einheimische Unterhaltungsbranche hatte ihre Stammbelegschaft, und nun saß Hans, an dem fast sonnigen Mittwochnachmittag im April, zwanzig Jahre und neun Tage nach der Ermordung Martin Luther Kings, in der Kreillerstraße, in München, schräg gegenüber dem Arco Studio, mit Peter Kirsten, dem Inhaber. »Ich habe den unterschriebenen Vertrag dabei, so, wie Sie es wollten, zahl den ganzen Monat, Sie fangen gleich an, sonst heißt es: rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln«. Er unterzeichnete, wurde selbst zur Belegschaft und fing gleich an, bis vier Uhr früh, das Dolby Rauschunterdrückungssystem einzumessen.

Der eine Sonnenstrahl, in dem die Staubkörnchen der letzten dreiundvierzig Jahre, verwirbelnd leuchteten, wie winzige Sternengaswolken, und zusammen mit dem modernden Geruch eines Landhaus-Dachbodens, Hans in seine niederbayerische Kindheit zurückversetzte, traf mitten in das Zentrum einer dicken Spinnwebe, auf der sich der Staub sammelte und wie eine Galaxy wirkte, mit einer fetten Spinne, die auf ihre Opfer lauerte. Hans wich erschrocken zurück, sodass er mit seinem rechten Fuß an eine Matratze stieß, deren unteres, rechtes Eck über das klobige, naturbelassene Brett ragte, das über die massiven Dachstuhlbalken gelegt war, kaum zwei Füße breit, kein Geländer, alles wackelte. Die Matratze hatte eine alte Bauverschalung als Unterlage, stabil genug für zwei Menschen, und bevor Hans den Gedanken zu Ende dachte, sah er die Bilder vor sich, die sich beim Anblick einer fleckigen Matratze ergeben, während Karl Rickert, der Studiowart, den Raum an der nördlichen Stirnseite öffnete und rief: »doh geh her, doh sama«. Wie ein Erker ragte dieser Raum nach innen, einem Baumhaus gleich, am Balkengerüst des Dachstuhls, über dem Saalbau des ehemaligen Kinos, im Osten von München. Darin befand sich ein Archiv von Masterbändern, hauptsächlich des Global Musikverlages. Hans warf noch mal einen Blick in den Dachstuhl und konnte es kaum fassen: »Ganz schön abenteuerlich hier« bemerkte er und bekam ein überzeugend, Spannendes: »dös konnst glaum«, als Antwort von Karl.

»That’s amazing, you see that?«. Mit ausgelassenem, überzeugendem Lachen, Hans hatte sofort ein Kind vor Augen, das eben den Kasperl hinter dem Vorhang entdeckt hat, schüttelte Mal Luker Hans an der Schulter, und deutete gleichzeitig mit seinem Kinn in Richtung Cockpit: »I’ll never see this in my life again I guess«, er riss seinen Mund auf und schob hinterher: »Ich flipp‘ aus, du«, schüttelte den Kopf, währenddessen Hans sich nun drehte, so, dass auch er zwischen den beiden Pilotensesseln ins Cockpit der Cessna Citation blickte und zunächst nur zwei Steuergabeln sich selbstständig bewegen sah, ganz kleine, ruckartige Bewegungen, beide, synchron, schnell hintereinander. »Autopilot, ganz sicher« antwortete Hans und drehte sich wieder zu Mal, der nun, fast wie hinter vorgehaltener Hand zu ihm sprach: »The girls, look at the girls man«. »the girls«.

Als sich am fünften August, frühmorgens, um sieben, – was für eine Zeit, für Mal Luker – und für Hans, nicht aber für Herrn Lütkers von der Firma EMT, die den Service für Solid State Logic, der Mischpultfirma, in Deutschland hatte, und auch nicht für Freddy Koenen, der Senior Tonmeister des Arco Studios, der um diese Zeit mit seinem Dackel schon Gassi ging – die vier auserwählten Herren zum Abflug nach Begbroke bei Oxford in England und Werksabnahme des Solid State Logic G-Series SSL-4000 Mischpultes einfanden, sahen sie hinter der Transitschranke zwei uniformierte »Girls« und waren alle zusammen überzeugt, dass es sich dabei nur um das Flugpersonal der Privatmaschine der Firma Solid State Logic handeln konnte, was Mal, der Australier und Cheftonmeister im Arco Studio war, dazu veranlasste, »Anybody flying to Solid State Logic there?«, hinter die Schranke zu rufen, worauf sich die »Girls« sofort zu uns drehten, mächtig winkten und: »Arco Studios?«, fragend zurück riefen. Nach der Legitimationskontrolle wurden die Herren von den Damen, im Namen der Firma Solid State Logic begrüßt, englischaustralische Insider Jokes ausgetauscht und mit einem Shuttle zu der Privatmaschine gebracht. »Oh, oh«, dachte sich Hans, er war sich nicht sicher, ob sein Entschluss, sofort der Einladung zuzustimmen, richtig war. Doch, er sprang über seinen Schatten, denn er wusste, es wird nichts passieren, hoffte aber innigst, keine Turbulenzen zu erleben. Außerdem hatte er, mit eindeutigen, nicht abzuweisenden Argumenten, dafür gesorgt, dass für eine dreiviertel Million Mark ein neues Mischpult im Arco Studio eingebaut wird. Nun war es fertig montiert und die Firma klotzte mit der Einladung, für drei Tage und drei Personen, Herr Lütkers organisierte sich durch die deutsche Werksvertretung, die Werksabnahme durchzuführen. Ein Foto vor der Maschine, mit Flugpersonal, dann waren sie schnell weg, einsteigen, die Leiter hoch, vier Passagiere, die Maschine war halb leer. Na gut, da waren noch ein paar Kisten und Kartons. Die Herren hatten sich gerade zurechtgefunden, jeder hatte quasi einen Fensterplatz, die Turbinen begannen aufzuheulen, da schlossen sich die Türen, es wurde ruhiger, die Lüftung begann zu surren, alle Herren starrten nach vorn, was war da los, wo war der Pilot? Ein »Girl« drehte sich um, entschuldigte sich für die vielen Kisten und Kartons an Bord, es seien Ersatzteile und Geräte, die dringend auch transportiert werden müssen, sie sei der Captain –, da heulte die zweite Turbine auf, sodass der Name unterging, und das sei Copilotin Katie Gordon, die die Maschine zum Start vorbereitet. Sie erklärte noch Notausgänge und Sauerstoffflaschen, wies darauf hin, dringend ihren Anweisungen zu folgen, und dass später, wenn die Flughöhe erreicht sei, die Chance auf einen Drink bestehe, dann wünschte sie den Herren, die sich nun total verdutzt anschauten, und sich selber, einen guten Flug. Die Maschine drehte sich, es wackelte und fühlte sich ein bisschen so an, als ob zuhause der total bequeme Fernsehsessel plötzlich über das Rollfeld geschoben wird. Zwischen Cockpit und Passagierraum gab es keine Trennung, da war zwar ein Vorhang, doch es herrschte eine eher familiäre Stimmung, Funkgeräusche waren leise zu hören, beleuchtete Schalter und Buttons blinkten in verschiedenen Farben und wurden gedrückt, die Maschine wurde schneller und schneller, der Fernsehsessel kippte nach hinten, alles war ruhig, erstaunlich ruhig, mit so einer kleinen Maschine. München von oben verschwand in einer Dunstglocke, Wolkenschwaden streiften das Fenster. Hans drehte sich nun um, suchte Augenkontakt zu den Anderen. Freddy Koenen, ganz bleich, deutete mit Handgesten an, »OK«, will aber nicht sprechen und blickte nach vorn, auf die Rückseiten der beiden riesigen Pilotensessel. Das Flugzeug nahm allmählich eine waagrechte Lage ein und man hörte leise, sehr dezente Musik, wie in einem Aufzug. Mal und Hans begannen über die technischen Details des neuen Mischpultes zu fachsimpeln. Plötzlich spürte Hans, wie er an der Schulter gerüttelt wird: »That’s amazing, you see that?« Blitzschnell kam Hans, beim Anblick des lachenden Mal, der Kasperl in den Sinn und keine Katastrophensituation. »Was hat er denn?«, dachte er sich, blickte nach vorn, sah die sich selbstständig bewegenden Steuergabeln und dachte sofort an Autopilot, das muss Mal doch kennen und warum flippt er jetzt aus? »Irgendwas mit den Girls?« Hans stand auf und blickte über die Pilotensessel, so, dass es Mal fast peinlich wurde, doch da sah Hans die einzigartige Situation und musste Mal recht geben: »Das sehen wir so schnell nicht wieder, da hast du Recht«. Doch nun wurden auch die beiden Pilotinnen aufmerksam, sie unterhielten sich offensichtlich intensiv, als gleichzeitig die Copilotin mit einem Nagellack ihre Fingernägel auffrischte und Frau Captain mit der Feile ebenfalls die Zeit für Maniküre nutzte, während der Autopilot die Maschine steuerte. Die Kapitänin drehte sich um: »You’re allright boys?«, lachte sie die höchst amüsierten Herren an, »ready for a drink?«.

»Wie machen die DAS denn?«, schoss es Hans im Frühstücksraum durch den Kopf. Alle sieben Gläser, wie frisch gezapft. Dunkelbraune Brühe mit einem frisch wirkenden Schaumhäubchen, genau so, wie sie es gestern Abend, spät abends, sehr spät abends, zu spät für den englischen Schankkellner im historischen Hotel mit den historischen, kleinen Zimmerchen, den drolligen, historischen Waschbecken und den, für Deutsche so gewöhnungsbedürftigen, zwei Wasserhähnen – kalt und warm, schön separat – verlassen haben, nachdem ihnen der nette, verständnisvolle englische Schankkellner: »Last order please! Last order«, zugerufen hatte, nicht auf weitere Diskussionen reagierte, sondern einfach eine Batterie, zwanzig sicherlich, Gläser mit Guinness Extra Stout gezapft und schön aufgereiht auf dem Tresen stehen ließ und mit: »Gentlemen, a fun evening« im historischen Hintergemäuer verschwand. Und nun, am nächsten Morgen, trank Hans, zum ersten Male vor dem Frühstück, ein Guinness: »Nur um zu testen, ob es auch so frisch schmeckt, wie es aussieht«, sagte er sich selber und im Hinterkopf addierte sein schlechtes Gewissen einen Punkt in der Sammlung der Geschehnisse, die ein schlechtes Gewissen bereiten. Es schmeckte genau wie gestern Abend: würzig, süßlich, ein ganz leichter bitterer Nachgeschmack, aber gut. Alle Herren erschienen zum englischen Frühstück, das der nette, verständnisvolle englische Schankkellner ohne mit der Wimper zu zucken, servierte. Und als Hans ironisch bemerkte: »habt ihr das frisch gezapfte Guinness gesehen!«, bekam er »nein«, zur Antwort, er drehte sich um, da war der Tresen leer, nur Mal Luker hatte noch den cremigen Schaumrest über der Lippe und antwortete Hans: »What do you mean?«, worauf Hans sich mit dem Handrücken über seinen Mund wischte und erwiderte: »Nice place here, ins’nt it?«. Mit diesem kleinen Erlebnis war das Eis zwischen Mal und Hans gebrochen, denn sie hatten eine gemeinsame Augenhöhe gefunden: Mal wusste, Hans hat es faustdick hinter den Ohren und er kann sich auf ihn verlassen, Hans wusste, Mal ist doch ein Rock’n Roller. Am Samstagnachmittag nach dem Frühstück, wurde Blenheim Palace besichtigt und um 15 Uhr startete die Cessna Citation wieder zum Rückflug nach München.

Alle Schwierigkeiten wurden beseitigt: Ein Fenster vergrößert, Türen ausgehängt, der Zaun abgebaut. Englische Flüche prasselten während einer Stunde im Minutentakt über Hans und die Arco Studio Belegschaft hinweg und es kostete viel Schweiß, aber nicht einen Kratzer. Das Solid State Logic Mischpult war in München angekommen, aus dem LKW entladen, um drei unmögliche Ecken manövriert und stand nun im Regieraum Eins. Und nun so was: Es stand am falschen Platz. Anderthalb Meter daneben. Der Winkel stimmte auch nicht. Den Koloss, mit zwölf Beinen und den elektrischen Verbindungen, die bereits angebracht waren, mal eben zu verschieben, ist: »Impossible – fu...!« fluchte der Engländer weiter und holte gerade zu einem weiteren Versuch aus, das Mischpult mit lautstarken Flüchen in die richtige Position zu bewegen, als ein unscheinbarer, beziehungsweise durchaus kompakt gebauter, aber in der Erscheinungsweise unscheinbarer Mann, mit rotem Blaumann »Rote Radler« als Aufschrift, erschien und: »Was ist denn hier los« brüllte, denn sein Motto im Transportgeschäft war »nichts ist unmöglich, höchstens unbezahlbar«. Er konnte es sich nicht verkneifen, erst mal dem inzwischen rot angelaufenen englischen Kollegen ein: »First looky looky, dann schraubi, schraubi« an den Kopf zu schmeißen, um im gleichen Atemzug, denn er merkte, dass der Kollege kurz vor dem Platzen war: »Please wait, wait, slowly, slowly«, mit erhobenen Händen, nachzuschicken. »Ich habe eine Idee«. Er schaute nun Hans eindringlich an: »Idea, me, ich«. Er schaute den Engländer an: »Das ist ein ganz alter Trick, den hab‘ ich von meinem Vater gelernt«. Er hob den Zeigefinger: »Wait, please wait, from my father«. Nun wandte er sich Hans zu und fragte: »Ihr habt doch eine Kantine?«, Hans überlegte nicht lange: »Ja«. »Please wait«, er schaute wieder zum Engländer, der noch immer zu kochen schien, und der vor allem seinen Abreisetermin im Hinterkopf hatte, der mit jedem, unnötig gesagtem Wort, Flüche ausgenommen, zu schwanken begann. »Let‘s go to Kantine«, sagte er nun zu Hans, »Wait, please wait« zum Engländer, der nun fast verängstigt ausatmete und begann den Kopf zu schütteln. Hans ging mit dem »Roten Radler« zur Kantine, wo Frau Pfeiffer zugange war. Mit lauten Worten und »Hallo« und »wie geht’s«, sie kannten sich offensichtlich, verschwand dieser in der Küche, um sofort wieder triumphierend zu erscheinen. »Da werdet ihr schauen«, triumphierte er nun zu Hans, »die passen, genau richtig«. Er hielt mehrere Kartoffeln in den Händen und ein großes Küchenmesser. »Da werdet ihr schauen«, wiederholte er sich, »wenn alles klappt«, setzte er nach, »sollte aber klappen«, triumphierte er wieder. Im Regieraum angekommen, wo die SSL-Techniker eine lautstarke Diskussion angefangen hatten und die Werkzeugtaschen bereit lagen, um das Mischpult wieder zu zerlegen, befahl der »Rote Radler« nun lautstark. »Stop, Stop, looky, looky«, er fuchtelte mit den Händen: »Wait, wait«. Nun schob er alle Leute zur Seite, legte sich auf den Steinboden, auf dem das Mischpult stand, und er zirkelte dessen Beine ab, zog das Küchenmesser hervor, ebenfalls die Kartoffeln und begann große Scheiben davon abzuschneiden. Jetzt platzierte er an den Mischpultbeinen jeweils ein Stück Kartoffel und erklärte dem Engländer, der inzwischen seine linke Hand vor den Mund genommen hatte und ziemlich ruhig geworden war, mit eindeutigen Handbewegungen: »Up, Up, you understand, Up, Up«, was soviel bedeutete wie: »hochheben, das Mischpult anheben«. Ohne zu zögern schauten sich die Engländer an, verteilten sich an dem Mischpult, gestikulierten sich zu: »Be careful, slowly, watch me« und hoben das Mischpult an, der »Rote Radler« schob jeweils eine Kartoffelscheibe unter das Mischpultbein, bis das gesamte Monster auf Kartoffeln gelagert war. Und jetzt kam der Hammer. Alle schauten, was passiert jetzt. Der »Rote Radler« gab Befehle: »You here, you here and you here«. Dann schoben sie das Mischpult, das knapp eine Tonne wog und über sieben Meter lang war, fast ohne Anstrengung, an exakt die Stelle, die dafür vorbestimmt war, damit der Tonmeister am richtigen Punkt des Pultes und des Regieraumes sitzen konnte. »Wow, Good Man«, der Engländer freute sich, alle freuten sich, der »Rote Radler« strahlte. Eine so ehrliche Freude sah Hans lange Zeit nicht mehr.

Einst freute man sich, wenn die Künstler überhaupt erschienen.

AM MONTAG KAM NIEMAND (1974)

Am 18. Februar 1974, ein Montag, kam niemand. Das Büro der MusicLand Studios befand sich im ersten Stock des vorgelagerten, zweigeschossigen Ergänzungsbaus des Arabella-Hochhauses, dessen 23 Stockwerke hoch in den nordöstlichen Himmel Münchens ragten, und dessen Schwimmbad im obersten Stock in 75 Meter Höhe bei Nebel vollkommen eingehüllt war. Blickte man von dort oben nach Osten, ragten fünf quadratische Hochhäuser aus dem ehemaligen Lehmabbaugebiet, das zwischenzeitlich als Schafweide diente und nach Süden hin in einer Kiesgrube mündete. Bei Föhn sah man die Berge, den Wendelstein, die Kampenwand und vor dem dunstigen Voralpenland die Flugzeuge auf dem Riemer Flughafen starten und landen.

Montags war das Büro normal besetzt, doch es gab keine Nachricht. Die modernste Telefonanlage sorgte dafür, dass die Leitung frei war. In einem Nebenraum stand das Telex, Lochstreifen hingen aufgerollt an einem Haken an dem Holztisch, der mit der integrierten Fußablage aussah wie eine Nähmaschine. In einem kleinen Glasschälchen lagen Büroklammern, normale, kleine aus Kupfer und große mit welliger Nadel aus verzinktem Draht, die Abrisskanten der aufgerollten Lochstreifen, gekennzeichnet durch ein spitzes Dreieck in Laufrichtung zeigend, waren oben angeordnet.

Die Rolling Stones hatten das Studio gebucht, aber es kam niemand. Frau Helga Dickmann, knapp über dreißig, resolut, Typ Chefsekretärin, eine gewisse Seriosität und gleichzeitige Offenheit ausstrahlend, saß an der Schreibmaschine. Ihre Teddyjacke aus Webpelz, mit Strick und Leder kombiniert, mit einem Maxi-Rock von Heinz Oestergaard zeigte, dass die Zeit der jugendlich verspielten Minikleider für sie vorbei war. Sie drehte den Kugelschreiber in der Hand »Staedtler Stick 430F DIN 16554-2«, eine ganze Kiste davon stand im Regal, neben den Stapeln von bedruckten DinA4 2-fach Durchschreib-Formularen »Studio Report« und einfachen, weißen Blättern mit 16 viereckigen Kästchen, in zwei Achterreihen untereinander angeordnet und davon vier auf dem Blatt mit der Aufschrift »Track-Sheet«. War da eine Ratlosigkeit zu spüren, kein Klingeln des Telefons, kein Tickern des Telexes, kein Schnarren der Türklingel?

»Noch nix gehört von den Buben?«

Die Stimme klang zurückhaltend, mit verstecktem, höhnischem Witz, in dem ein Teil der 68er Bewegung mitschwang und der die Überzeugung beinhaltete, Spießertum, Establishment, Blasmusik und Pünktlichkeit sind nicht erstrebenswert, aber ebenso bestimmt fragend, kein Vorwurf, dass man hätte mal nachfragen sollen, war er doch pünktlich, wie in Deutschland üblich, zur Arbeit erschienen und bereit, mit den neuesten, teuersten, kompliziertesten, Gerätschaften eines Tonstudios, die es bisher nur in Amerika und in England gab, loszulegen. Modernste Technik war das Markenzeichen der MusicLand Studios.

Mackie, Anfang dreißig, lange Haare, eine kleine runde Nickelbrille, schmaler Mund, längliches Gesicht, lässig, nicht glatt rasiert, gut aussehend, stand an das Regal gelehnt, enge Jeans, blaues Baumwollhemd, er sah irgendwie bekannt aus und wurde von Helga gemustert.

»Nichts« antwortete sie.

»Ich ruf mal im Hilton an«. Niemand war beunruhigt. Wenn man ROLLING STONES sagte, schwang für Menschen im Alter zwischen sechzehn und vierzig in den Siebzigern der westlichen Hemisphäre Ehrfurcht, Begeisterung oder Abscheu, kaum Gleichgültigkeit mit, sind sie doch außer den Beatles die größten Musikheroes der Rock-Musikwelt.

»Ich glaube, das wird noch dauern, Ian hat sich auch noch nicht gemeldet? Dann fahre ich mal heim, sagt mir Bescheid, wenn sich etwas tut!«. Damit verabschiedete sich Mackie und verschwand in dem nördlichen Seitenaufzug, der ihn geradewegs in das zweite Kellergeschoss zur Tiefgarage brachte, wo sein Mercedes 230 SL wartete.

Hans, der mit Mackie zuvor in das Büro kam, die ganze Zeit neben ihm stand und nickend zustimmte, hatte auch schulterlange Haare, sah mit seinen 21 Jahren gar nicht mehr so jugendlich aus, die Jeans hatten deutliche Gebrauchsspuren und sein Blick verriet etwas Müdigkeit, sagte: »ich gehe ins Studio und halte die Stellung«. »Wenn ich Pause mach, stell ich Dir das Telefon runter, bitte ran gehen – okay?«, erwiderte Helga. Hans hasste das. Er musste also immer in Reichweite des Telefons sein und sich dann mit vollem Studiospruch auf Englisch melden. Manchmal, nein fast immer, wurde am anderen Ende so undeutlich gesprochen, dass er große Mühe hatte, es zu verstehen. »Die machen das mit Absicht«, dachte er dann, dabei hatte er schon einen großen Wortschatz an englischem Musiker Slang und englischen Spezialausdrücken, vor allem das Equipment betreffend. Umso mehr spitzte er die Ohren, immer genau zu verstehen, was wohl gemeint war. Er wusste auch gleich, ob ein Roadie, ein Manager oder gar ein Künstler, ein Frontman oder ein einfacher musician das »Hi, it’s …« oder das »Hello, could I …?« in den Hörer hauchte, schrie, lallte oder sprach. »Sorry, I’m just the Tape Op. Could you please call again later? Mrs. Dickmann our Studio Manager is out for lunch.« »Oh, okay, what was your name again?« »My name is Hans«, »Oh, Hääns, okay, bye then«. Nicht immer lief es so harmlos ab, denn meistens waren die internationalen Kunden sehr zickig und noch hatte das Telefon nicht geklingelt. »Klar,« sagte Hans zu Helga Dickmann, so, wie er oft dazu neigte eher mehr zu tun, als weniger und ging ebenfalls zum Aufzug an der nördlichen Seite, der ihn geradewegs in das erste Kellergeschoss brachte.

Der Aufzug hielt und mit dem Öffnen der Tür wehte ihm eine mächtige Wolke Essensgeruch von den Müllcontainern am Ende des langen Kellerganges ins Gesicht. Nach 20 Metern, am nördlichen Ende des Gebäudes, war an der Stirnseite eine, nach hinten versetzte, große, doppelte Eisentür, links davor eine Tür, rot, die zur Kantine der MusicLand Studios führte.

Man war in einer andern Welt. Alles war knallig rot, grün und orange. Dabei befand man sich noch nicht im eigentlichen Studio, sondern im Treppenhaus, im ersten Keller des vorgelagerten, zweigeschossigen Ergänzungsbaus des Arabella-Hochhauses. Hier gab es auch die Treppe zum separaten Haupteingang. Stand man draußen vor dem Arabellahaus, gab es allerdings keinen Hinweis, wie man zum Studio gelangen kann, und das hatte seine Gründe. Durch eine zweite, doppelte Eisentür gelangte man in den eigentlichen Studiotrakt, zuerst in den Aufenthaltsraum. Nut- und Feder-Holzverkleidung, mit einfachen Stühlen und Bänken vermittelte eine leichte Bierstüberl Stimmung, die nicht so recht zu den knalligen Farben passte. Lange ERCO Stromschienen beherrschen die Decke, mit im Schnellverschlussverfahren angebrachten und um 360 Grad horizontal und 90 Grad vertikal schwenkbaren Fassungen, in denen Unmengen von bunten 150 Watt Strahlern eingeschraubt waren und in einer bestimmten Ordnung die Wände, Tische und Stühle anstrahlten.

Sein erster Blick galt immer den Strahlern, defekte Lampen wurden sofort ausgewechselt, hinterließen sie doch für Hans eine unschöne dunkle Stelle, in der ausgewogenen, szenografischen Dimension der Beleuchtung des Kellerraumes, die skurril wirkte mit den farbigen Schrank- und Eisentüren, den Plattencovern an den Wänden und den Holzpaneelen.

Über eine akustische Schleuse gelangte man in den Aufnahme- und Regiebereich. Die Schleuse hatte innen eine Art Lattenrostverkleidung, durch die in den Zwischenräumen ein grüner Sackstoff zu sehen war, der den akustischen Unterbau abdeckte. Man bemerkte sofort, dass sich die Akustik änderte, sobald die schwere Schleusentür mit einem satten, durch ein leises Zischen begleiteten Sauggeräusch, das in einem Nichts endete, zufiel. Dieses akustische Nichts hörte aber nicht auf, es war ab jetzt da und bestimmte maßgeblich diese besondere Studioatmosphäre. Man meint, dann ein gewisses Rauschen oder Säuseln wahrzunehmen, doch in Wirklichkeit ist es nichts, außer den eigenen Geräuschen im Kopf, der von dieser Geräuschlosigkeit überrascht, die Empfindlichkeit der akustischen Wahrnehmung erhöht, bis er bei diesen Eigengeräuschen angelangt ist. Gleichzeitig spürt man ein angenehmes Raumklima, die Ausgewogenheit von Temperatur und Luftfeuchtigkeit verleiht dem Körper unbewusst ein Wohlgefühl. Hans mochte die Studioatmosphäre sehr, sie war für ihn der Stallgeruch, nach dem er sich so sehnte, als er den elektrischen Strom, die organisierte Form von Schallereignissen und die Kombination aus beiden, begriffen hatte.

Die linke Tür der akustischen Schleuse führte zum Regieraum. Bevor man die schwere Tür öffnete, sah man in der Mitte durch eine schmale, von oben bis unten gezogene Schallschutzscheibe, bereits den Bereich zwischen Mischpult und Regiefenster, in dem sich meistens, während Aufnahmen stattfanden, Beteiligte aufhielten. In den Regieraum eingetreten, ragte, direkt rechts von einem, ein riesiger Kasten empor, der an einen Kleiderschrank aus der Biedermeierzeit erinnerte, jedoch ohne Schnörkel, mit einfachen, massiven und sehr wuchtig wirkenden Holzwänden und einer schwarzen Stofffront, an der man erkannte, dass es sich nicht um einen Kleiderschrank handeln konnte, denn es waren keine Türen, sondern, ein über die ganze Fläche von einem Meter fünfzig mal zwei Meter fünfzig, gespannter Spezialstoff. Der zweite Blick landete, vorbei an einem in der Mitte des Regieraumes nach oben hin schräg verlaufenden Fenster, bei dem zweiten riesigen Kasten, der, wie man nun sah, schräg stand und zu einem bestimmten Punkt hin verlaufend, ausgerichtet war. Als normaler Bürger der Bundesrepublik Deutschland kam man nie und nimmer auf die Idee, dass diese Schränke zur Beschallung eines Raumes von fünfundzwanzig Quadratmetern gedacht waren. Dafür waren die CADAC Custom A Series mit je 11 Lautsprechern bestückt und lieferten über aktive 4-Weg-Frequenzweichen 650 Watt nominal pro Box, wenn sie mit entsprechenden Verstärkern angesteuert wurden. In der Mitte einer jeden Box thronten oben und unten je ein 17 Zoll Basslautsprecher, in der Mitte ein Mitteltonhorn und mittig an den Rändern je vier Mittelhochtöner und Hochton-Kalotten. Ging man an den Schränken vorbei, konnte man zwar keinen Ton hören, spürte aber, wie bei einem offenen Fenster, dass jederzeit eine Sturmbö hereinwehen und das Kaffeeservice vom Tisch fegen könnte. Im hinteren, auf Sand gelagerten und um 50 Zentimeter erhöhtem Teil des Regieraumes, befand sich das Mischpult. Die schwarzen Metallplatten mit der weißen Beschriftung der unzähligen Bedienelemente, waren in eine u-förmige, komplett aus Tischlerplatten verleimte und verschraubte Arbeitskonsole eingelassen. Wenn man davorstand, erhob sich das hintere Ende schräg nach oben und mündete in einem Aufsatz, in dem rundherum Anzeigeinstrumente waren. Die Arbeitskonsole war ganz in Rot gehalten und hatte in den seitlichen U-Teilen je eine Schublade, in der rechten war eine Patchbay, also ein Steckfeld eingelassen, in der linken lagen Kabel, Adapter und sonstige Zubehörteile.

Der zweite Blick von Hans galt der Antistatik-Spraydose, die immer griffbereit auf der Ablage an der Rückwand stand, dort, wo auch die antimagnetische Spezialschere, das dazugehörige Klebeband und in einer Plastikbox die für die verschiedenen Bandlaufgeschwindigkeiten unterschiedlich farbigen, Vorlauf- und Abspannbänder waren. Rotweiß für 38,1 Zentimeter pro Sekunde, die gebräuchliche Bandlaufgeschwindigkeit im Tonstudiobetrieb, blauweiß für 19 Zentimeter pro Sekunde, die Geschwindigkeit für den semiprofessionellen Heimtonbandbetrieb und gelb für Zwischenräume und Abspann. Daneben stand eine Konstruktion aus einem runden Holzteller mit 12 cm Durchmesser und einem 30 cm langen Holzstiel, auf dem die sogenannten Bobbies oder AEG-Kerne, zur Aufnahme der freitragenden Tonbandwicklungen, wie sie nur in Deutschland in Gebrauch waren, und von den Engländern als »Pancakes« bezeichnet und sehr gefürchtet waren, gestapelt wurden. Hans nahm die Dose, schüttelte sie kräftig und besprühte in genau gezirkelten Bahnen geduldig den braunen Teppichboden, der mit Kupferbändern geerdet war, um statische Aufladungen zu vermeiden – was jedoch nicht so recht funktionierte. Erst nachdem die gesamte freie Fläche besprüht war, ging er zu einer der Studer A 80 Tonbandmaschinen, berührte mit einer blitzartigen Bewegung das gebürstete Aluminiumgehäuse, um sicherzugehen, dass es keine statische Aufladung mehr gab, und drehte an der rechten Seite den Einschaltknopf. Der im Durchmesser 3,5 Zentimeter große Drehknopf, ebenfalls aus Aluminium, mit geriffelter, senkrechter Grifffläche, die den Fingern einen sicheren Griff gab, bot einen erheblichen Widerstand, bis er dann zuerst in die Stellung 7,5 und nach einem weiteren Druck, fast geräuschlos, in die Stellung 15 rastete. Die Maschine fuhr hoch, ein Geräusch mit einer sich schnell verändernden Frequenz, das von Hans nicht hörbar, aber während er den Einschaltknopf noch berührte, spürbar wahrgenommen wurde; die Lichter der Laufwerktasten und VU-Meter gingen an, der Motor erreichte seine Sollgeschwindigkeit und Relais klickten ganz leise und sicher, ein kaum wahrnehmbares Rauschen, das sich der Stille des Regieraumes anpasste, blieb übrig. Da war er wieder, der Stallgeruch, das Gefühl, das Empfinden, sogar der Geschmack, ja, der Geschmack nach Elektro und Technik, nach Funktionieren und neuen Geräten, eine Wärme und ein Knistern, es macht Spaß, wenn alles stimmt, auch wenn lange daran gearbeitet werden muss; jede einzelne Spur einmessen, Pegel, Frequenzgang, erst Wiedergabe, dann Aufnahme, Pegel, Vormagnetisierung, Pegel, Frequenzgang, die Zeiger bleiben genau auf dem Strich stehen, kein Parallaxefehler, bei mir nicht!

Die Präzision fiel Hans gar nicht so leicht, er hatte sich die Erkenntnis, dass ein Funktionieren komplexer Vorgänge präzise Arbeit voraussetzt, schwer erarbeitet. Während der Schulzeit, beim Ziehen eines geraden Striches kam er bereits ins Grübeln, wie gerade denn der Strich überhaupt sei. Wenn er erst einmal anfing die Bestandteile des Striches, des Untergrundes, auf dem sich der Strich befand und die Beschaffenheit der Hilfsmittel zu analysieren, kam er nicht zu einem befriedigenden Ergebnis, sondern zu immer mehr Fragen, die alle beantwortet werden wollten. Er konnte sie nicht beantworten und war angetan von der Idee, bei der Firma Grundig eine Ausbildung als Elektromechaniker (Hochfrequenz) zu beginnen, als dies erstmalig in der Volksschule angeboten wurde. Die Eltern waren froh, verbanden sich damit doch Bildung und Geldverdienen, denn sie waren der Überzeugung, dass eine weiterführende Schule ohne zusätzliches Einkommen nicht zu realisieren war. Die Präzision zeigte sich bereits in den ersten Tagen der Lehre, als der Omnibus, der die Arbeiter in der Früh abholte und in das Werk nach Landau an der Isar brachte, präzise um Viertel nach sechs abfuhr. Hans schaffte es »oft« – ziemlich präzise.

Ziemlich präzise empfand er auch den Zeitpunkt, als er 1972 Martin Harrison traf. Ein Engländer, wie er im Buche stand, mit Hühnerbrust, linkshändig und ein Drummer. Er spielte gern Billard, war aber kein typischer, langhaariger, pöbelnder Rockmusiker, sondern eher spießig, nett, ruhig, ein Typus, den Hans mochte; Platzhirsche, die erst mal mit breiter Brust und einem alles übertönenden und meist auch hässlichem Röhren auftraten, alle Blicke auf sich zogen, den Anderen noch nebenbei gegen die Schienbeine traten, waren ihm suspekt und unangenehm, nein, Martin war leise, hielt seine Zigarette in der linken Hand, hatte seinen »Cup of Tea« neben sich auf dem Boden stehen, auf dem er mit angewinkelten Beinen hockte, alle hockten mit angewinkelten Beinen auf dem Boden, auf dem außer einer Schaumgummimatratze, einem Umzugskarton mit Tischdeckchen, nur noch eine Stereoanlage, ein Koffer und zwei Taschen standen, und alle unterhielten sich, wie jeden Abend, wenn man sich bei Hans – bei ihm lief meistens Zappa – im Zimmer traf, und Hans sagte deshalb: »sure« zu Martin, nachdem er nebenbei fragte: »could I stay just for a couple of days at your room, it’s actually just for sleep?«.

Martin war über Freunde, die alle Musiker waren, in die Münchner Münzstraße 7 gekommen, so wie Hans ein halbes Jahr zuvor auch. Hans spielte Bassgitarre, hatte gerade in Berlin, im Theater des Westens ein Engagement im Musical »Hair« hinter sich und verbrachte manchen Abend im Club »Münze 7«, wo er Musiker, die er aus Berlin kannte, traf. Eine Berliner Musiker-Clique, die im Keller der Münzstraße 7 einen Übungsraum hatte und im fünften Stock des Hauses das Dachgeschoss mietete, als Abi Ofarim auszog. Hans war auch nur geduldeter Gast in dieser Musikerkommune, zahlte aber für das Zimmer und hatte also keine Scheu, den liebenswürdigen Engländer, der so schöne Geschichten aus der Münchener Tonstudioszene erzählte, aufzunehmen. Hans jobbte zu der Zeit bei der Süddeutschen Energiegesellschaft, stand um halb sechs auf, erwischte die S-Bahn präzise um Fünf Uhr Fünfundfünfzig am Marienplatz und stieg eine halbe Stunde später bei der Endstation in Hohenbrunn aus, um als Hilfsmonteur den Rest des Tages auf Freileitungsmasten und Hausdächern zu verbringen. Die Rettung kam, als Martin zirka zwei Wochen nach seinem Einzug, bei der abendlichen Plauderei Hans mitteilte: »In den MusicLand Studios, wo ich gerade Aufnahmen mache, suchen sie einen Typen, der löten kann und was mit Musik zu tun hat, ich habe denen von dir erzählt, du kannst morgen mal hingehen, melde dich bei Pete Bellotte«. Am nächsten Tag, es war der 1. November 1973, ging Hans in die MusicLand Studios.

Schon ein knappes Jahr später wurden die Geschichten Realität.

HI, IT’S MICK (1974)

»Hi, it’s Mick«, tönte es aus der Gegensprechanlage, nachdem es heftig gedingdongt hatte und Hans den Hörer abhob. »It’s Mick«, schoss es Hans durch den Kopf, sein Herz fing sofort an kräftig zu schlagen, und er merkte, wie eine Hitzewelle sich langsam über seinen Rücken und die Schultern nach oben bis in den Hals bewegte, wo er den Puls kräftig in den Schlagadern spürte. »It’s Mick«, ja, es war die Stimme, die er kannte, die ihm so vertraut war, weil sie mit ihren unverkennbaren Obertönen, während langer Nächte, beim Formulieren seiner Vorstellungen und Erkenntnisse, in Fleisch und Blut übergegangen war. Natürlich wurde Hans nervös und dachte gleichzeitig »das kann doch nicht sein, dass ›Mick Jagger‹ alleine, einfach so, ohne Ankündigung, ohne Manager und Personal, an der Eingangstür der Musicland Studios klingelt«. »Hi, it’s Mick, verdammt«, dachte Hans und sagte: »Okay«, drückte den Türöffner, Mensch, warum tut er denn nicht, manchmal klemmte der Drücker etwas, jetzt, er hörte das Klack-Geräusch der eisernen Eingangstür, oben an der Treppe und tatsächlich, flink tapsende Trippelschritte kamen die Treppe runter. Es kann nur ein Roadie sein. Natürlich ein Roadie, Rockstars schicken immer erst ihre Roadies voraus, ein Roadie, der schon mal die Situation checkt und bekannt gibt, wann die Herrschaften sich einfinden werden. Ich bin doch nur der Tape Op, niemand wird es mir zutrauen und von mir erwarten, dass ich den Hero der Rockmusik, den Superstar von mehreren Kontinenten, hier alleine, einfach so, erstmalig in einem deutschen Musikstudio, begrüße. Hans ging ganz automatisch, so wie er das immer tat, wenn jemand das Studio zum ersten Mal aufsuchte, eilig aus dem Regieraum, die schweren Akustiktüren waren noch geöffnet, rechts rum in den Aufenthaltsraum, wo auch schon ein verhalltes »Hello« durch die Eisentür, die ebenfalls offen stand, zusammen mit dieser Gestalt hereinwehte.

»Hi, I’m Mick«, lachend streckte er ihm die Hand entgegen. Er war so klein – also von der Statur her – und doch so wahnsinnig gewaltig. »Hi, I’m Mick«, ja jetzt hörte er die Stimme ganz genau, sie war es, er war es – ja, tatsächlich.

Hans spürte, wie er anfing zu zittern. Der kann doch nicht einfach so hier hereinspazieren, was denkt der sich denn, was soll ich denn machen, das hat doch niemand gelernt, wie man einem Hero entgegentritt. Einem Schuldirektor, ja, Hans hatte keinen Respekt vor einem Schuldirektor, obwohl, die traten so arrogant und von oben her auf, dass man im ersten Augenblick eingeschüchtert war. Und jetzt, ein Superstar, eine verinnerlichte Stimme, ein Gehirn, das das von sich gab, wovon man selber träumte, eine Erscheinung, die so lebte, wie man von sich selbst glaubte, es nie zu erreichen. Ein Mensch, der unerreichbar schien, zumindest bis vor kurzem.

Als Hans erfuhr, dass die Rolling Stones die MusicLand Studios gebucht haben, war es für ihn nicht sicher, ob dies denn auch der Realität entspricht. Nun stand er vor Mick Jagger und drückte seine Hand.

Da war keine Arroganz zu spüren, kein »von oben herab«. Hans hatte Respekt, er sah ihn an und spürte eine gewaltige Selbstsicherheit und Überzeugung von diesem Menschen ausgehen. Er sah einen Menschen, in Jeans, mit Turnschuhen, Lederjacke und struppigem Haar.

»Hi, I’m Hans«.

»Hi Häns, nobody here yet?«

»No, not yet«.

Das war schon mal ein guter Anfang aber Hans merkte, dass seine Stimme etwas zitterte und er tief Luft holen musste, bevor er die nächsten Worte fasste. Durch das intensive Einatmen und die trockene Luft – ja die Luft war zu trocken, die Luftbefeuchtung noch nicht optimal, »habe ich heute schon die Antistatik-Spray-Aktion gemacht«, schoss es durch seinen Kopf, und die angespannte Situation verkrampfte sein Zwerchfell so, dass die Vorbereitung die nächsten Worte auszusprechen, gestört wurde und der für deutsche Sprache ausgelegte Sprachapparat bei dem nun auszusprechenden Namen ins Stottern geriet: »Ian Stewart called«, – bei dem »St-iiuuart«, als das Zwerchfell ihn hinderte, die englischen Worte fließend auszusprechen, spürte er außerdem, wie eine erneute Hitzewelle vom gleichen Zentrum ausgehend, schnell durch den Körper schoss und an den Ohren das Blut schier zum Kochen brachte. »Oh, Ian, yes, when was that?«, »About an hour ago«. Mick schaute Hans an und schien nichts von dem zu bemerken. Vielleicht war der Raum auch zu dunkel, Gott sei Dank war der Raum so dunkel. Micks Stimme war eindringlich, er hatte erst zwölf Worte gesprochen – dieser Slang – der breitgezogene Klang der Worte – deutlich schlampig ausgesprochen. Dabei wusste Hans gar nicht so recht, wie korrekt oder schlampig die Worte ausgesprochen waren, beim Hören der Songs, vor zehn Jahren, verstand er die meisten Worte nicht, es war der Klang, die Worthülse und die hineininterpretierte Aussage, der Mut und die Kraft und die Geschicklichkeit, den Augenblick zustande kommen zu lassen, der seine Gefühle mit denen des Mick Jagger und der Musik drumherum synchronisierte. Beim Anhören der Musik zuhause, im »Dritten Zimmer«, dem Jugendzimmer, das er sich mit seinem Bruder teilen musste, der nebenbei auf leeren Waschmitteltrommeln trommelte, die Worte verstanden sie beide nicht, doch die Aktion, der Klang, die Phrasierung der Stimme und die Neuartigkeit, das Unverständnis der Erwachsenen, das sprach deutliche Worte, die ein tiefes Verständnis, ein Zusammengehörigkeitsgefühl und Sympathie tief im Inneren verwurzelte. Natürlich, es war die Stimme von Mick Jagger, nach zwölf Worten so eindeutig, als stünde er vor einem. »Mensch, da steht er ja wirklich, jetzt musst du was tun«, dachte sich Hans, doch da fragte Mick, ganz einfach und natürlich, als hätte er mit Hans in den letzten drei Monaten täglich zusammengearbeitet: »What did he say then?«. Und Hans wiederholte genau die Worte von Ian Stewart: »Did somebody show up?« und er berichtete weiter: »and then he said he will call back later or tomorrow«. Mick hatte alles verstanden und meinte: »Okay, may I have a quick look at the Studio?«.

Vor diesem Moment hatte sich Hans vom Augenblick an, da ihm klar war, dass er nun mit dem Weltstar alleine sein wird, regelrecht gefürchtet. So, wie man manche Situationen vorausahnt, bevor man überhaupt begriffen hat, dass sie entstehen können, im Grunde aber gleichzeitig hofft, dass sie natürlich nicht entstehen werden, es einem aber dann doch schlagartig klar wird, dass diese Situation bereits eingetreten ist. Der Charakter, das Wissen, die Klugheit und der Mut, alles wird jetzt gleichzeitig von einem gefordert, um die Situation zu meistern. Er antwortete diesem Menschen mit dem Ruf eines legendären Rock-Chaoten, der Sympathien mit dem Teufel pflegt und vor nichts zurückschreckt, aber jetzt mit seinem netten, positiven Gesichtsausdruck nur ausdrückt: »Ich will ja nur mal das Studio sehen«, mit großem Mut und einem ebenso freundlichen Gesichtsausdruck: »Oh yes, please, come along«.

Im Aufnahmeraum drehte sich Mick einmal um die eigene Achse, Hans setzte gerade an etwas zu sagen, wobei er während des Vorgangs des Luftholens den genauen Wortlaut des Satzes, den er sagen wollte, noch nicht kannte, als es aus Micks Mund, - und das passierte dreimal so schnell wie der gesamte Sprechvorbereitungsvorgang von Hans, - schoss: »And that’s the control room«, Mick zeigte mit einer Geste zu dem großen, angewinkelten Fenster. Diese vier Worte und die Geste, sagten Hans nicht nur, dass er um Meilen hinter den Gedanken Micks hereilte, sondern drückten auch aus, dass die Begutachtung des Aufnahmeraums beendet war, dabei zeigte der Gesichtsausdruck von Mick nicht etwa irgendein Unbehagen oder Kritik an, die gesamte Mimik strahlte positiv und ermunterte Hans zu der Annahme, dass nun das Herzstück des Studios, der Regieraum oder »the control room« in Augenschein genommen werden soll. »Yes«, blieb von Hans‘ Sprechvorbereitungsvorgang übrig, »You want to have a look?«. »Sure«, sagte Mick ganz bestimmt. Hans kam nicht dazu, die dimmbare Beleuchtung des Studios auch nur anzusprechen, denn die Besichtigung des control rooms verlief rasch und eilig.

Durchaus mit dem Eindruck, die Atmosphäre der Location positiv aufgenommen zu haben, und mit den Worten »Okay, thanks, this way?«, wobei er auf die rote Eisentür zeigte, dabei genau einschätzte, wie schwer das Ding wohl zu öffnen ist und deshalb wartete, bis Hans ihn überholte, der mit einem gekonnten Kniehüftschwung, von unten herauf die Tür ganz einfach und leicht aufschwang, schwebte Mick hinaus, tippelte die Treppe hinauf, und Hans hörte die etwas weniger schwere, weil nur halb so breite Eingangstür ins Schloss fallen. Hans atmete tief durch und überlegte, was er gerade machen wollte, als er so abrupt unterbrochen wurde, ach ja, er war in der Werkstatt und dachte an seine Zeit als »Lehrling« bei Grundig: Elektromechaniker (Hochfrequenz).

Dieser Beruf entsprach lange Zeit seiner Überzeugung.

ÜBERZEUGUNGSERLEBNIS (1989)

Die Worte klangen lange nach, es war nur ein Schema, eine Färbung, ein Farbstich, ein starkes Überlagern der Gedanken, ein Polarisieren der Kraft, der kleinsten Kraft, die doch den Impuls ausschlaggebend lenkt. Er hörte nicht mehr die einzelnen Worte, spürte nicht mehr den Atem, der sie formte, ein Knick durchbrach das Vertrauen, welches Zuneigung ermöglicht. Er nahm erst diesen Atem wahr, nicht die Worte, den Atem, der die Woge aufschaukelt, bis sich die Härchen aufstellen und Verlangen den Impuls antreibt, doch dann prallte die Woge an die Mauer der Abwehr, die diese Worte aufbauten. Spürte er eine laute Erhöhung der seelischen Spannkraft bei seiner Freundin? Das will man nicht wahrhaben. Erst, wenn man beim tiefen Durchatmen diese Hemmung spürt, wird die Episode zum Überzeugungserlebnis, zeigt sich die Überlagerung der Gedanken und der starke Farbstich, die Färbung, und es taucht das Schema auf, geformt von diesen Worten, deren Klang man durch Vermutungswissen, nicht mehr aus der Welt schaffen kann.

Als Hans am einundzwanzigsten Februar, – angelockt von einem lebhaften Bedürfnis, Neues zu entdecken, nichts Weltbewegendes, nichts Bestimmtes, sich einfach, ohne Ziel, so, wie er es schon seit seiner Jugend, in bestimmten Abständen, vielleicht bei besonderen Stimmungen tat, sich durch die Straßen einer Stadt zu bewegen, jetzt in München, die Gegend, in der er vor Jahren wohnte, das Türkentor, noch immer mit den alten Kriegsverletzungen, die Bücherläden mit den vollen Kisten vor den Schaufenstern, fast jedes Buch wollte er haben, vielleicht nur lesen, würde er es überhaupt verstehen? - an einem Schaufenster stehen blieb, tat er endlich, was er schon lange wollte, ganz intuitiv kaufte er: »K. R. Popper, Objektive Erkenntnis«, er wollte es einfach haben. War es für ihn geschrieben? Würde er es verstehen? Beim Durchblättern sah er Verweise, Klammern, hochgestellte Zahlen, Verweise, Formeln, »Kübelmodell und Scheinwerfermodell«, ist das ernst gemeint? Er verband die Gedanken, die schemenhaften Worte, die unzureichende Kenntnis seiner Erfahrungen und sah nun die geschriebenen Ausdrücke: »Wissenserlebnisse, Glaubenserlebnisse und Überzeugungserlebnisse«, sah Umrisse und nicht zu deutende Analogien seiner Eindrücke, mit Erlebtem, Gefühltem und Erwartungen, die Hoffnung und Angst erzeugten. Da hatte er einen Strohhalm, den er, zuhause, in der Oberföhringer Straße angekommen, beiseite legte, nicht weglegte, beiseite, er wusste nicht, wie er anzuwenden war, doch dass die Welt, auch seine, schwer zu deuten war.

Fortan kreisten Planeten um Gefühle und Eindrücke, sie hatten Verweise, hochgestellte Zahlen, Klammern und Formeln aufgedruckt, deren Deutung Hans hintenanstellte und im nächsten Moment, wenn er doch mal eine fragwürdige Handlung näher betrachtete, in bodenlose Verzweiflung versank und bestürzt an sich zweifelte. Hatte er das wirklich getan, seiner Freundin nachspioniert. Hat das Wissen beide Vorzeichen, und das Gewissen unterliegt? Ist die Macht neutral und tut immer, was sie will? Ist so das Leben entstanden? Es muss leben. Das ganze Umfeld sah in solchen Momenten nach Kampf aus. Die gewundenen, verkrusteten und doch so kunstvoll gewachsenen Bäume am Hochufer der nördlichen Isar, im Garten der Oberföhringer Straße, waren ein Schlachtfeld der Natur. Die abgebrochenen Äste, die am Boden vermoderten, der Kadaver einer Ratte, der am Spazierweg zum Biergarten Sankt Emmeramsmühle von Maden zersetzt wird, die zerbrochene Bierflasche neben dem Abfallkorb, deren Splitter von Gewalt zeugen, die nicht nach harmonischem Umtrunk entstand, der Umtrunk am Abend, den Hans mit sich allein begeht, der ebenfalls nicht harmonisch verläuft, weil er selber das Gewissen täuscht, verleumdet, belügt und ausblendet, bis diese Worte fallen, die lange nachklingen, deren Bedeutung als farbstichiges Schema die Gedanken überlagert und die Kraft polarisiert, bis er wie betäubt einschläft.

Die Digitalisierung ist im Arco Studio mit 32 Aufnahmespuren und 450 Kilogramm zu Siebzigtausend Deutsche Mark, also pro Spur 14 Kilo und 2.187 Mark, eingezogen. Hätte man die Spuren einzeln transportieren können, wäre das ein Vorteil gewesen. Für Produktionen in den verschiedenen Studios musste die Digital-Maschine jeweils in den zuständigen Regieraum bewegt werden. Studio Eins, an der Ostseite des Gebäudes, im Erdgeschoss, Studio Zwei, an der Westseite des Studios, im ehemaligen Projektorraum des Kinos der Fünfzigerjahre, im ersten Obergeschoss. Zu erreichen über eine Treppe, wie in einem Einfamilienhaus: eng, mit Kurve und wackligem Geländer. Bewerkstelligen ließ sich das mithilfe der »Roten Radler«, wenn sie Zeit hatten und nur an Werktagen, zur normalen Geschäftszeit.

Der Rotring Rapidograph-Tuschefüller, von dem Hans seit seiner Studiokonstruktions- und Bauleiterzeit fast alle Größen in verschiedenen Farben greifbar hat, hielt in unterschiedlichen Schriftstärken und farblicher Einteilung, durch seine feine Strichführung, sauber und anschaulich abgesetzt, das Datum, die Kategorien, die Bezeichnungen und Werte sowie die geschätzten Kosten und Notizen zu Lieferanten fest. Die Einschränkung der Effektivität, wegen des Mangels an »Human Resources«, ganz nach Erkenntnissen aus den Semestern »Technischer Betriebswirt«, sollte effektvoll, überzeugend und vor allem nachweislich der Geschäftsführung unterbreitet werden. Zwei Alternativen wurden beschrieben, die bestehende Situation – Transport der Digitalmaschine in das jeweils gebuchte Studio durch Personal – zu verbessern. Version A sah einen zentralen Maschinenraum vor, in dem die Digitalmaschine stationär stand, und mittels Fernbedienung zu den Regieräumen der Studios Eins und Zwei, gesteuert werden konnte. Version B sah die Anschaffung eines Gabelstaplers vor, der die Maschine außerhalb des Gebäudes zu den Regieräumen transportierte. Kriterien bei Version A waren: Räumlichkeiten, idealerweise in der Mitte der beiden Studios, komplette Neuverkabelung zu beiden Studios, Einhaltung der maximalen Kabellänge für die Fernbedienung. Bei Version B waren die Kriterien: bauliche Maßnahmen für Türen zur Außenwand in beiden Studios, extreme Hubhöhe bei Studio Zwei, Anschaffungskosten Gabelstapler. Die Vorteile der ständigen Verfügbarkeit überwogen bei beiden Alternativen, bei Version A noch etwas mehr, musste bei Version B doch immer ein Gabelstaplerfahrer zur Verfügung stehen, doch der Studiowart Karl sah ein weiteres Spielzeug auf sich zukommen und räumte Bedenken dieser Art aus. Die Schwierigkeit, einen geeigneten Raum zwischen den beiden Studios zu finden, aber letztendlich die limitierte Kabellänge, um die Fernbedienung zu betreiben, ließen die Entscheidung auf Version B fallen, und die Maurer rissen kurz danach Löcher in die Außenwände, Karl entrümpelte den Schuppen und schuf eine Garage für den zweieinhalb Tonnen schweren Hubmaststapler, der nach einem Umbau die Sonderhubhöhe von knappen sechs Metern erreichte und dies sodann mehrmals die Woche beweisen musste. Von den hohen Kosten für den Gabelstapler abgesehen, war diese simple Lösung eine sehr gute Alternative, denn man konnte die vorhandene Infrastruktur einfach so weiterverwenden, und man hatte, außer den Öffnungen an den Außenwänden, keinen zusätzlichen Aufwand. Sogar mehrmals täglich wurden die Studios von nun an, mit unterschiedlichen Produktionen, vermietet. Hans fühlte sich wohl in dieser Situation, war es doch ein Gefühl von Stimmigkeit und Eleganz, nicht im Sinne von Wohlstand und Glanz, sondern von ineinandergreifenden Vorgängen, die sich vermischten und ein neues Produkt hervorbrachten, das so vorher noch nicht existierte. Eine dieselgetriebene Hubmaschine ermöglicht die Digitalisierung von Hackbrettmusik. Wie gut, dass betriebswirtschaftliche Interessen allein nicht die bestimmenden Kräfte waren, und dass die unterschiedlichen Schriftstärken und farblichen Einteilungen sowie die feine, sauber und anschaulich abgesetzte Strichführung der geschätzten Kosten, so überzeugend dargestellt und vorgetragen wurden. Ja, ganz sachte und fast nebenbei, sauber und eindeutig. Alle waren glücklich, auch die Kunden. Sie kamen extra eine halbe Stunde früher, um das Schauspiel miterleben zu dürfen.

Als Hans und seine Freundin ihr Wochenende, wie des Öfteren, trotz angespannter häuslicher Stimmung, aber als entspannender Ruhepol zwischen den Arbeitstagen, bei ihren Eltern in Weiden verbrachten, erschien es ungewohnt, dass ein geschäftlicher Anruf bis zu ihm durchdrang. Doch war die Telefonnummer in Weiden auf der Notfallliste von Karl Rickert und wurde eigentlich nie gebraucht. Doch er wurde gerufen, nicht von Karl, sondern von seiner Frau. »Herr Menzel, wir sind morgen nicht zuhause, der Karl kann nicht ins Studio kommen, das geht leider nicht anders, und der Franz Kriechbaum hat auch keine Zeit. Das tut uns leid, bloß, dass Sie Bescheid wissen«. Hans dachte nicht weiter über die Gründe dieser Absage nach und auch nicht, warum sich das nicht hätte früher regeln lassen. Na gut, es war Wochenende und morgen war immerhin Sonntag. Doch Karl war eingeteilt als Gabelstaplerfahrer und es begann eine wichtige Produktion, die Maschine musste für die Produktion bereitgestellt werden, das heißt, abbauen, transportieren, aufbauen und überprüfen. An dem Sonntag war in Weiden, in gut bürgerlicher Manier, zur Mittagszeit, mit den Eltern seiner Freundin ein Tisch in einem gut bürgerlichen Restaurant bestellt. Noch bevor er den Hörer aufgelegt hatte, streifte ein Blick von Hans den seiner Freundin, die eben die Luft anhielt, die sie mit geschlossenem Mund durch die Nase einsog, und noch bevor die Muskeln beider Körper bereit waren, den jeweiligen Sprechapparat anzuweisen, zu sagen, was gesagt werden musste, hatte Hans den gesamten Vorgang, so, wie er morgen am Sonntag ablaufen wird, als »Angriff, ist der beste Verteidigungs-Plan« Impuls, auf den Stimmbändern liegen – und war schneller: »Notfall, Karl und Franz fallen morgen aus, die Maschine muss transportiert werden. Ich fahr morgen früh um sechs Uhr los und bin um halb zwölf wieder da«. Seine Freundin kehrte ihren Blick nach innen, als würde sie dadurch eine Vollbremsung ihrer bereitstehenden Wortsalve durchführen, und konterte entschärft: »Um halb zwölf müssen wir los, das weißt du schon«.

Er öffnete die Augen, drei Minuten bevor der Wecker klingelte, wie meistens, wenn er wichtige Termine hatte, dann krähte ein Hahn, im Nordosten von Weiden um halb sechs, vorsichtshalber wollte er etwas früher los, der Vater seiner Freundin war schon wach, verstand nichts: »Guten Morgen, bin um halb zwölf wieder da«, verdutzt schaute er Hans nach. Der hellblaue XJ6 4.2, ein betagtes Modell, das er aber einem vergleichbaren, vielleicht weniger fragilen, Mittelstandsmodell vorzog, röchelte vom Hof. Die Autobahnstrecke fuhr er vor fünf Jahren, mit dem Musicland Firmenwagen, einem Mercedes 280 TE, gut in zwei Stunden, und ein Drittel davon mit circa zweihundert Stundenkilometern, das schaffte dieser Wagen nicht. Nur zu gut erinnerte er sich an die Bemerkung des Werkstattleiters, als er ihn, nach einer »Spazierfahrt« seiner Freundin, tropfend und stotternd, zur Reparatur brachte: »Den haben Sie sicherlich Vollgas gefahren, das mag der gar nicht«. Wobei ihm das vollkommen klar war, er würde so einen Engländer niemals Vollgas fahren, auch nicht als Neuwagen! Und als er diese Gedanken eben noch durch einen Blick auf den Tacho: »Hundertsechzig, das geht doch« absichern wollte, ruckelte und stotterte der Wagen plötzlich so, dass Hans leicht nach vorn gerissen wurde, noch mal und noch mal. Er ging vom Gas, doch da leuchteten die roten Lämpchen »Ignition« und »Battery« auf, »verdammt«, dachte er. Das Auto war auf der Überholspur, schoss eben noch an einem VW Käfer vorbei, Hans wollte nach rechts einscheren, »was ist bloß los, die Lenkung!« Er dachte im ersten Bruchteil der Sekunde, die Lenkung ist blockiert, wollte abbremsen, ganz vorsichtig, soweit hatte er sich unter Kontrolle, keine Panik, merkte aber auch hier diese Blockade, wie auf Stein, er trat wie auf einen Stein, keine Reaktion, der Wahnsinn, Blick auf den Tacho, der bewegte sich wohl nach unten, aber was war das, der Drehzahlmesser zeigte null, bei hundertfünfzig Sachen in der Stunde. Und in dem nächsten Bruchteil der Sekunde schoss es ihm durch die Glieder: »Der Motor ist aus«. Ein Gefühl, das er bisher noch nicht kannte. Er spürte auch den Blutdruck steigen, eine Hitzewelle stieg über seinen Hals zum Kopf. Das war anders, als den Atem von Mick Jagger zu spüren. Spitzer, brennender, gemeiner, jetzt kalt, eisig kalt. Ich muss nach rechts, mit Kraft, mit viel Kraft – und bei hundertfünfzig kann man nicht einfach rumreißen, ging auch gar nicht, man muss es aber probieren, verdammt – und gleichzeitig bremsen, mit aller Kraft – mein Gott, die Servounterstützung funktioniert ohne Motor natürlich nicht. Wo ist der Warnblinker? Ok, gut getroffen, es blinkt. Die Autobahn ist um diese Zeit am Sonntag fast leer, die einskommasieben Tonnen rollten auf der rechten Fahrspur, unter Aufbringung höchster Anstrengung, langsam aus und es gelang Hans, auf dem Standstreifen anzuhalten. Der Warnblinker klickte, die roten Lämpchen leuchteten. Es war nichts zu sehen. Es war nichts zu riechen. Das war ein gutes Zeichen. Kein verdächtiger Geruch, das heißt, kein kapitaler Schaden, Hoffnung flammte bei Hans auf. Erst mal durchatmen, einmal ums Auto gehen, nichts, keinerlei Anzeichen von Schäden. Motorhaube auf, hier muss doch etwas riechen, rauchen oder dampfen. Auf den Boden gelegt, wo tropft es. Nichts, keinerlei Anzeichen eines Schadens. Der Blick auf die Uhr ließ den Puls wieder steigen und Bedenken, was Falsches zu tun, verschwinden. Also, Schlüssel umgedreht, alles normal. Ignition, stottern, aus. Zweiter Versuch. Ignition, Motor springt an, läuft. Alle Anzeigen ok. Blick auf die Tankanzeige, fast voll. Schade, das hätte ein Grund sein können, dann hätte er aber das Warnlämpchen gesehen. Und Gott sei Dank, er kann wohl weiterfahren. Wählhebel auf »D«. Langsam losfahren, auf dem Standstreifen, mit Warnblinker. Er fährt. Jetzt mal Gas geben, siehe da, er fährt, ganz normal. Warnblinker aus, auf die Fahrbahn, fünfzehn Minuten verloren. Aber er war ja früher losgefahren.

Der Geruch von frischem Kaffee war unwiderstehlich, doch Hans rechnete sich aus, dass dieses kurze Vergnügen ihn den letzten Puffer kosten würde, sollte irgendetwas klemmen bei der nun beginnenden Aktion. Verflucht, er wusste nicht, wo Karl die Schlüssel aufbewahrt, wie konnte er das vergessen. Als er mit einem hektischen Ausdruck und fragendem Luftholen am Kantinentresen vorbei ging und zur Pächterin schaute, sagte diese, ohne nachdenken zu müssen: »Der Karl hat alle Schlüssel im Keller, in seinem Schrank« und reichte gleichzeitig einen kleinen Vorhängeschlossschlüssel zu Hans, der ihn, etwas nachdenklich, aber gleichzeitig verschmitzt und freundlich, entgegennahm. »Siehe da, die wissen alle Bescheid«, dachte er sich, lenkte aber seine Konzentration auf die nächsten Vorgänge: Schuppen öffnen, Gabelstapler starten, an der richtigen Stelle platzieren, Digitalmaschine im Studio Zwei abbauen, zur Tür befördern, Studio Eins vorbereiten, Tür öffnen, Transport mit dem Gabelstapler, Digitalmaschine im Studio Eins absetzen, Gabelstapler parken, Digitalmaschine im Studio Eins anschließen, Funktionsüberprüfung, alle Transportmaßnahmen aufräumen, Büro absperren, Verabschiedung, Abfahrt Richtung Weiden. Hans nahm nur schemenhaft wahr, dass sich der Parkplatz vor dem Studio füllte, die ersten Musiker und Beteiligten der Produktion trafen ein. Er hatte den Transport noch nicht oft selbst ausgeführt, doch zigmal den Karl beobachtet, gesehen, bei welchen Tätigkeiten er fluchte – die