Identitti - Mithu M. Sanyal - E-Book

Identitti E-Book

Mithu M. Sanyal

4,0
16,99 €

Beschreibung

„Was für eine gnadenlos witzige Identitätssuche, die nichts und niemanden schont. Man ist nach der Lektüre nicht bloß schlauer – sondern auch garantiert besser gelaunt.“ (Alina Bronsky)

Was für ein Skandal: Prof. Dr. Saraswati ist WEISS! Schlimmer geht es nicht. Denn die Professorin für Postcolonial Studies in Düsseldorf war eben noch die Übergöttin aller Debatten über Identität – und beschrieb sich als Person of Colour. Als würden Sally Rooney, Beyoncé und Frantz Fanon zusammen Sex Education gucken, beginnt damit eine Jagd nach „echter“ Zugehörigkeit. Während das Netz Saraswati hetzt und Demos ihre Entlassung fordern, stellt ihre Studentin Nivedita ihr intimste Fragen. Mithu Sanyal schreibt mit beglückender Selbstironie und befreiendem Wissen. Den Schleudergang dieses Romans verlässt niemand, wie er*sie ihn betrat.

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Seitenzahl: 518

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Über das Buch

»Was für eine gnadenlos witzige Identitätssuche, die nichts und niemanden schont. Man ist nach der Lektüre nicht bloß schlauer — sondern auch garantiert besser gelaunt.« (Alina Bronsky) Was für ein Skandal: Prof. Dr. Saraswati ist WEISS! Schlimmer geht es nicht. Denn die Professorin für Postcolonial Studies in Düsseldorf war eben noch die Übergöttin aller Debatten über Identität — und beschrieb sich als Person of Colour. Als würden Sally Rooney, Beyoncé und Frantz Fanon zusammen Sex Education gucken, beginnt damit eine Jagd nach »echter« Zugehörigkeit. Während das Netz Saraswati hetzt und Demos ihre Entlassung fordern, stellt ihre Studentin Nivedita ihr intimste Fragen. Mithu Sanyal schreibt mit beglückender Selbstironie und befreiendem Wissen. Den Schleudergang dieses Romans verlässt niemand, wie er*sie ihn betrat.

Mithu Sanyal

Identitti

Roman

Carl Hanser Verlag

Für Durga — und Matti

Teil I

Fake Blues

Me and the devil

Identitti

Ein Blog von Mixed-Race Wonder-Woman

Über mich:

Das letzte Mal, dass ich mit dem Teufel sprach, war er nackt, sichtlich sexuell erregt und eine Frau. So viel zu sozialen Gewissheiten: Wenn man sich nicht einmal darauf verlassen kann, dass der Teufel ein Mann ist, kann man direkt jede Form von Identität ablegen wie ein altes T-Shirt! Was ich ja gerne tun würde, wenn ich denn eine hätte, die ich an- geschweige denn ablegen könnte. Genau darum ging es bei diesem wie jedem weiteren Treffen mit meinem Devil, der eine Devi ist: Eine indische Göttin mit zu vielen Armen und einer Kette aus den abgerissenen Köpfen ihrer Feinde. Ja, ich spreche von Kali.

»Alles Dämonen«, sagte sie in demselben wegwerfenden Tonfall, in dem meine Cousine Priti ›alles Männer‹ sagen würde, und rüttelte ihre Kette, dass ihren erledigten Feinden die Zähne klapperten. Und tatsächlich sahen Kalis Dämonenköpfe alle verdächtig nach Männerköpfen aus.

Doch sie war bereits mit anderen Dingen beschäftigt: »Lass uns um die Wette ejakulieren. Wer am weitesten spritzt, hat gewonnen.«

Ich deutete verblüfft auf ihre haarige Vulva. »Wie willst du damit …?«

»Ah! Nicht nur cis Männer können abspritzen«, rief Kali und guckte dabei so triumphierend, dass mir einen Moment lang nicht einmal auffiel, dass sie gerade cis gesagt hatte.

»Und warum auch nicht? Drei Geschlechter hatten wir schon Jahrhunderte, bevor euer Gott auch nur geboren wurde.«

»Aber du bist doch meine Göttin«, erinnerte ich sie.

»Ich dachte, ich wäre dein Teufel?«

»Wo ist da der Unterschied?«

Race & sex. Wann immer Kali und ich redeten, ging es um race & sex. Also — in Ermanglung einer korrekten Übersetzung oder auch nur einer, die nicht sofort in bodenlose Abgründe führt — um mein Verhältnis zu Deutschland und Indien, meinen beiden Nicht-Heimatländern (remember: Mixed-Race Wonder-was-auch-immer), und um … Sex.

Dieser Blog besteht vor allem aus Transkripten unserer Gespräche. Wenn Ihr ihn lange genug lest, werde ich Euch irgendwann verraten, warum ich mich die ganze Zeit mit einer Göttin unterhalte.

Mein Name ist Nivedita Anand. Ihr könnt mich IDENTITTI nennen.

Strange Fruit

1

Der Tag, an dem die Hölle ihre Schlünde öffnete und heulende Furien ausspie, fing an wie ein ganz normaler Tag, wenn ein normaler Tag mit einer Rakete anfängt.

Das ist keine Rakete, das ist ein Satellit, las Nivedita, zumindest interpretierte sie die Whatsapp ihrer Cousine Priti so. Was Priti tatsächlich geschrieben hatte, war: tisNOrukula isssSATELITE!!! und dazu ein Emoji, das aussah wie ein Bund Spargel. Nivedita schaute an den neunzehn Betonetagen des Deutschlandfunks hoch, die prekär auf einem winzigen Sockel balancierten, der sich zum Rest des Funkhauses verhielt wie der Feuerschweif auf grafischen Darstellungen des Rückstoßprinzips zum Flugkörper, und textete zurück: Eindeutig eine Rakete!

An der Spitze des Gebäudes, da, wo sich bei Saturn V die Apollokapsel befunden hatte, formten Eisenstreben einen Pyramidenpfeil in den gleißend grauen Himmel und Nivedita fühlte sich gleichzeitig erhaben und winzig angesichts dieses Betonraumschiffs, über dessen Eingang in blauen Buchstaben stand: Die Nachrichten.

Stell dir vor, du wärst eine Terroristin, die schon mehrere Menschen umgebracht hat, riet ihr die nächste Whatsapp von Priti in einer noch fantasievolleren Ansammlung von Buchstaben, oder dass du eine Terroristin bist, die schon gefaked hat, she’d killed loads of Leute. Dann ist das hier ein Klacks. Und ein paar Sekunden später: A small step for you, a big step for humankind ROFL LMAO.

Die Glastüren glitten lautlos vor Nivedita auf, sie betrat die heiligen Hallen des Deutschlandfunks. Es roch nach Kerzenwachs und Kunstleder wie bei einer Mischung aus Finanzamt und Geheimdienst, falls der Bundesnachrichtendienst so roch, wie James-Bond-Filme aussahen. Durch die Glasscheibe hatte sie nur den Anzug des Pförtners gesehen und erschrak, als er den Kopf hob, weil er nicht älter war als sie. Doch durch sein bisschen schwarze Dienstkleidung gehörte er zu einer anderen Generation und tanzte zu einer anderen inneren Trommel, es sei denn, er zog sein korrektes Jackett aus oder Nivedita ihre Mischung aus radical chic und seriös — was in vollkommener Unkenntnis der Codes bedeutete, dass sie ihre langen schwarzen Haare am Morgen zu einem Gretchenzopf geflochten hatte, der sich seitdem in stummem, aber entschlossenem Protest Strähne für Strähne auflöste. »Ich soll zu meinem Blog interviewt werden«, sagte sie den Satz, den sie die ganze Zugfahrt über auswendig gelernt hatte.

Der Pförtner entgegnete kryptisch: »Wo?«

»Äh … hier …?«

Er sah sie väterlich an. »Nein, was ist der Name der Redaktion?«

Einen Augenblick lang konnte sich Nivedita nicht einmal erinnern, was ihr eigener Name war. Sie fühlte sich wie ein schräg zugezogener Reißverschluss: verhakt und verrutscht. Dann klingelte das nachtblaue Festnetztelefon auf der Theke und rettete sie.

»Nivedita Anand«, sagte sie im selben Moment, in dem er auflegte und verkündete: »Sie werden abgeholt.«

Sie tat, was sie immer tat, wenn sie sich einer Situation nicht gewachsen fühlte, und ging aufs Klo. Nicht weil sie sich nach einem Quadratmeter Privatsphäre sehnte, sondern um in den Spiegel zu schauen und zu kontrollieren, ob sie noch da war. Auf dem Milchglas der Toilettentür stand: »Frau [ahd. Frouwa ›Herrin‹, ›Gebieterin‹], weibl. erwachsener Mensch. Die Wesensdefinition der F. variiert ja nach geograph. Raum, histor. Epoche sowie Gesellschafts- und Kulturtypus.«

»Bist du drin?«, fragte Priti.

»Ja«, raunte Nivedita.

»Warum gehst du dann ans Handy?«

Gespräche mit Priti verliefen immer nach Pritis Regeln, gleich würde ihr bestimmt einfallen, dass sie Wichtigeres zu tun hatte als mit Nivedita zu plaudern, auch wenn sie selbst angerufen hatte. Vor allem dann. Deshalb machte sich Nivedita nicht die Mühe, sich oder irgendetwas zu erklären, sondern sagte nur: »Du solltest das Klo hier sehen, das ist ein Proseminar in Germanistik.«

»That’s the spirit!«, stimmte Priti resolut zu. »Fühl dich superior zu das toilet und dann … wait! … Something’s come up, Niv.« Wenn Priti Nivedita wohlgesonnen war, nannte sie sie Niv, ausgesprochen wie der irische Vorname Niamh, der Nieve ausgesprochen wurde. Priti kam aus Birmingham und mochte das, nicht weil man sich in Birmingham besonders mit irischen Frauennamen ausgekannt hätte, sondern weil sie damit Differenz markieren konnte. Als hätte irgendjemand zu bezweifeln gewagt, dass Priti Anders mit großem O wie Other war! Solange sie Nivedita mit dem Sternenstaub ihrer Anerkennung besprenkelte, fühlte sich Nivedita ebenfalls bemerkenswert und nicht merkwürdig. Nur konnte Pritis Laune jederzeit umschlagen, und in weniger großzügiger Stimmung nannte sie Nivedita Nivea, wie die weiße Hautcreme-Marke, die regelmäßig mit rassistischer Werbung Skandale auslöste.

»Shit!«

»Priti?«

»Gotta go. Rufe dich später zurück!«

Nivedita tippte auf das rote Telefonhörer-Icon und warf einen tiefen Blick in ihre eigenen Augen, der ihr so gut wie nichts verriet. Sie wünschte inständig, sich von außen sehen zu können, so wie andere sie sahen. Doch war sie genau dazu nicht in der Lage. Sie konnte sich noch nicht einmal so sehen, wie sie sich selbst sah. Aber sie konnte ihren Kajal verwischen, um intellektuellere Schatten um die Augen zu bekommen, also tat sie wenigstens das.

Auf der anderen Seite der Milchglastür wartete eine kleine Frau mit einem großen Hund und sagte: »Willkommen bei Deutschlandfunk Nova, ich bin Verena. Kann ich dich Identitti nennen?«

Verena hatte perfekte Grübchen wenn sie lächelte, und Nivedita stellte sich sofort vor, wie es wäre, mit ihr Sex zu haben. Dann stellte sie sich vor, wie es wäre, mit ihrem Hund Sex zu haben, verlor aber umgehend das Interesse und kehrte zur ersten Überlegung zurück. Das Treppenhaus erinnerte sie wie die Toilette an die Uni — Brutalismus meets Parkhaus —, und sie fühlte sich einen Moment lang wie Freida Pinto in Slumdog Millionaire, bis sie in einer spiegelnden Fensterscheibe bemerkte, dass ihr Kajal weniger nach smokey eyes aussah, sondern eher, als hätte sie auf dem Klo geheult.

Im Studio reichte ihr Verena ein absurd großes Paar Kopfhörer. Der Hund legte sich umständlich in eine Ecke und sah sie dabei unverwandt aus melancholischen braunen Augen an, als wolle er sein Mitgefühl für die Gesamtheit der menschlichen Gattung ausdrücken.

»Das ist Mona«, stellte Verena vor und Nivedita berichtigte sich: sie/ihr Mitgefühl.

»Hallo Mona«, sagte sie, woraufhin Mona sofort wieder aufstand und zu ihr kam, um sich stoisch streicheln zu lassen.

Auf dem Pult gab eine Ampel kontraintuitive Signale.

Grünes Licht: Warten.

Rotes Licht: Aufnahme läuft!

Verena zog das Mikrofon näher zu sich heran und begann: »Wo kommst du her? Über diese Frage wird heftig debattiert. Rassismus oder nur Interesse? Was dürfen wir noch sagen? Was dürfen wir um keinen Preis sagen? Und was sagt uns das alles? Im Studio ist die Bloggerin Nivedita Anand, laut dem Missy Magazine eine der PoCs, die wir kennen müssen. Nivedita, bevor du uns alle Fragen beantworten wirst, erklär doch erst einmal die Bezeichnung PoC, ohne die Worte ›People‹ und ›of‹ und ›Colour‹ zu verwenden?«

Nivedita starrte Verena an, als hätte sie gesagt: Kannst du atmen, ohne Luft zu holen? Oder kannst du deine Mutter treffen, ohne sie wegen einer völlig unerheblichen Angelegenheit anzuschreien? Oder kannst du an Indien denken, ohne dass dir von der Leere, die sich sofort in dir ausbreitet, schwindelig wird? Dann hörte sie ihre eigene Stimme antworten: »PoCs, das sind die Menschen, die gefragt werden: Wo kommst du her?«

»Und wo kommst du her, Nivedita?«

Langsam fühlte sich Nivedita von Verena und ihren Grübchen verarscht. Sie wusste, dass die Frage lustig gemeint war. Provokation ergab gutes Radio. Aber sie konnte nicht zurückprovozieren, weshalb sie defensiv erwiderte: »Aus dem Internet. Ich lebe im Internet.«

Doch das schien genau die Antwort zu sein, auf die Verena gewartet hatte: »Unter dem Namen Identitti bloggt Nivedita über Identitätspolitik und …«

»Brüste«, warf Nivedita ein: Wie du mir, so ich dir.

»Mehr über Brüste oder mehr über Identitätspolitik?«, jubelte Verena. Und Niveditas Abwehr schmolz in der Sonne ihrer Begeisterung.

»Nicht nur über Brüste, ich blogge auch über … darf ich im Radio ›Vulva‹ sagen?«

»Lass uns bei Brüsten bleiben.«

»Okay.« Nivedita fragte sich, wie wohl Verenas Brüste aussahen, konzentrierte sich aber sofort wieder auf … ihre eigenen Brüste. »Alles fing damit an, dass ich ein Foto von meinen Brüsten gepostet habe, auf die ich mit Kajal geschrieben hatte: ›Um ihre Loyalität zu zeigen, saugten die Gefolgsleute im keltischen Irland an den Brustwarzen des Königs.‹«

Verena ließ ihre Grübchen aufblitzen wie zwei hochgestreckte Daumen. »Echt?«

»Keine Ahnung. Meine Cousine Priti hatte das in einer Quizshow gehört und ich fand die Idee von sozialem Brustsaugen super. Aber dann kam sofort ein langer Kommentar von irgendeinem Studienrat, dass die Geschichte nur in der Saga …«, Nivedita schaute auf ihren Unterarm, auf den sie die wichtigsten Namen und Daten notiert hatte, »… von Fergus Mac Léite aus dem achten Jahrhundert verbrieft und dort ein Witz gewesen sei, aber ich würde ja eh keinen Spaß verstehen, weil ich Gender studierte. Ich schrieb zurück: Ich studiere gar nicht Gender, sondern Postcolonial Studies! Darauf der Oberlehrer: ›Die einzige andere Quelle ist St. Patrick, der behauptet, er habe sich geweigert, die Brustwarzen des heidnischen Königs zu saugen. St. Patrick über Heiden ist so zuverlässig wie Donald Trump über Muslime. Das sollten Sie mit Ihrem postkolonialen Gender wissen!‹ Bevor ich dagegen einen weiteren Kommentar schreiben konnte, sperrte Facebook meinen Account. Wegen der Brustwarzen! Doch da war das Bild bereits so häufig geteilt worden, dass klar war, dass ich weitermachen musste. Ich nenne meine Einträge zwar Blog, weil das so schön retro klingt wie … CD …… oder Privat-PKW … oder bürgerliche Ehe, aber genau genommen ist meine Webseite einfach nur das Archiv meiner Threads und Rants und Posts und Stories und Kommentare, weil die Leute die anscheinend hintereinander lesen wollen wie eine Geschichte, weil wir eben mehr sind als nur verstreute Kommentare zu Identitätspolitik.«

Nivedita spürte, wie sich ihre Brustwarzen unter ihrem T-Shirt aufrichteten, als wollten sie sagen: Das alles hast du uns zu verdanken, gut was?

»Hervorragend«, stimmte Verena ihnen zu. »Kam so der Name Identitti zustande?«

»Nee, zuerst hieß mein Blog 50 Shades of Beige — wegen meiner Hautfarbe, beige halt.«

»Warum nicht braun?«

»Braun zu sagen, ist rassistisch.«

»Wirklich?«, Verenas Grübchen verschwanden bestürzt.

»Keine Ahnung. Genau darum geht es ja, dass wir keine Sprache für Leute wie uns haben. Schließlich waren wir noch bis vor kurzem verboten.«

»Verboten?«

»Verboten«, bestätigte Nivedita. Wenn sie ganz ehrlich war, war das Referat, das sie an der Uni über die verschiedenen »Rassenmischungs«-Gesetze — oder besser all die Gesetze, die »Rassenmischungen« verboten — gehalten hatte, die wirkliche Geburt ihrer Internetpersona gewesen. So faszinierend Brüste auch waren, nie hätten sie sie zu diesem steten Strom an in Worte geronnener Empörung inspiriert. Trotzdem hatte alles mit Sex begonnen. Legalem Sex, illegalem Sex und Sex, der so undenkbar war, dass er die Köpfe der Gesetzgeber zum Explodieren brachte. »Die Nationalsozialisten waren nicht die einzigen, die versuchten, sogenannte Rassenmischungen zu verhindern. In den USA dürfen Weiße und Nicht-Weiße erst seit …«, wieder schaute Nivedita auf ihren Arm, »… 1967 heiraten, in Südafrika erst seit 1985. Und als meine Mutter hier in Deutschland schwanger war, hat ihr Arzt sie noch gewarnt, dass ›Mischlinge‹ eher zu Depressionen neigen würden. Aber als ich das Simon, meinem …«, sie zögerte kaum, »… Freund, erzählt habe, sagte er dazu nur: ›Du immer mit deinem Identitti.‹ Und irgendwie hat sich dann ›Identitti‹ durchgesetzt.«

Beim Stichwort Setzen sortierte Mona ihre langen Hundebeine auseinander, legte sich jedoch auf einen Wink Verenas wieder hin. »Du schreibst wahlweise unter den Künstlernamen Identitti und Mixed-Race Wonder-Woman. Eine deiner Superkräfte, um die es immer wieder geht, ist, dass du mit Göttern sprechen kannst, zumindest mit einer, nämlich Kali, der hinduistischen Göttin der Zerstörung. Die meisten Beiträge sind Gespräche mit ihr. Warum?«

Genauso gut hätte Verena Nivedita bitten können, in die Tiefen ihrer Seele hinabzutauchen und das Ei mit den letzten Wahrheiten heraufzuholen. Aber selbst wenn das möglich gewesen wäre, hätte es nichts an Niveditas Sprachlosigkeit geändert, schließlich gab es gar kein Ei, sondern höchstens Schale und Flüssigkeit, aus der später einmal eventuell ein Wesen mit Federn werden konnte. Eines der Attribute Kalis waren Federn, doch besaß Kali so viele Attribute, dass Nivedita schon lange aufgegeben hatte, den Überblick zu bewahren. Verena schaute sie erwartungsvoll an. Wie lange bereits? Also sagte Nivedita schnell: »Mit irgendjemandem muss ich über diese Dinge reden. Die meisten Leute haben schlicht keine Ahnung davon. Ich ja auch nicht. Deshalb brauche ich jemanden, der mir all das erklärt.«

Aber Verena war gar nicht wirklich an Kali interessiert, sondern brauchte sie nur als Klettergriff für ihre eigentliche Frage: »Jetzt von Göttin zu Göttin: von Kali zu Saraswati. Allerdings nicht zu Saraswati, der indischen Göttin der Weisheit, sondern zu Saraswati, der Professorin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, bei der du Intercultural Studies und Postkoloniale Theorie studierst.«

Nivedita spürte ihr Herz in ihrem Brustkorb.

»Saraswati, genau.« Charismati Saraswati, wie Priti ihre gemeinsame Professorin immer nannte, doch war Pritis Ironie gespielt, da nicht einmal sie sich Saraswatis Charme und ihrer schieren Intelligenz entziehen konnte.

»Warum eigentlich nur Saraswati, hat sie keinen Nachnamen?«

Nivedita zuckte mit den Achseln, woraufhin der Kopfhörer langsam, aber unaufhaltsam von ihrem Kopf rutschte und nur noch ein Hörer war. »Beyoncé braucht ja auch keinen Nachnamen«, sagte sie und versuchte, den Hörer möglichst geräuschlos wieder hochzuschieben. »Oder … die Queen.«

»Aber beide haben Nachnamen.«

»Richtig, Knowles und … Habsburg?«

»Windsor«, berichtigte Verena.

»Wie auch immer. Saraswati hat bestimmt auch einen Nachnamen, aber sie braucht keinen, weil sie Saraswati ist — und jeder sofort weiß, wer gemeint ist.«

»Das ist richtig!«

Nivedita beobachtete fasziniert, wie Verena ein Blatt hochhob, ohne zu knistern, und davon ablas: »1999 veröffentlichte Saraswati ihr erstes Buch Decolonize your Soul, das sofort zu einem Bestseller wurde und ihr später die Professur in Düsseldorf einbrachte. Doch wird sie nicht nur an der Universität gelesen. Saraswati ist Pop. So sehr Pop, dass sie ihr zweites Buch PopPostKolonialismus nannte. Und wie es sich für Stars gehört, entzünden sich an ihr immer wieder heftige Debatten, vor allem in den sozialen Medien.«

Wieder zuckte Nivedita mit den Achseln, hielt den Kopfhörer diesmal jedoch rechtzeitig fest. »Heutzutage ist man keine ernstzunehmende Intellektuelle, bis man einen Shitstorm bekommen hat.« Und wer Saraswati traf, kam nicht umhin, sie ernst zu nehmen. Niveditas (in Ermanglung einer besseren Bezeichnung) Beziehungspartner Simon sagte immer: Priti hat einen angeborenen Kompass für Macht, deshalb wird ihre innere Nadel unbeirrbar von Saraswati angezogen. Ebenso unbeirrbar, wie Nivedita von Saraswatis Versprechen angezogen wurde, ihre Seele zu retten, Decolonize your Soul. Genau das versuchte Nivedita, seit sie vor drei Jahren begonnen hatte, bei Saraswati zu studieren.

»Beim Phänomen Saraswati geht es aber nicht nur um die normale Aufregung im Netz. Es gibt auch an der Uni regelmäßig Rassismusvorwürfe gegen sie. Und sogar eine gerichtliche Klage bezüglich ihres Umgangs mit weißen Studierenden«, wandte Verena ein.

»Die Leute, die Saraswati Rassismus vorwerfen …« Nivedita liebäugelte damit zu sagen: sollen an ihren eigenen Brustwarzen saugen, entschied sich dann aber für: »… verstehen Saraswati nur nicht. Sie verstehen vor allem nicht, was Weißsein bei Saraswati bedeutet.« In weniger als vierundzwanzig Stunden würde sich Nivedita wünschen, diesen Satz nie gesagt zu haben.

»Genau davon handelt ihr heißdiskutierter Essay White Guilt. Warum niemand weiß sein will«, las Verena von einem weiteren knisterfreien Blatt ab. »Letzten Monat wurde er gleichzeitig im Times Literary Supplement sowie der deutschen und der französischen Ausgabe der Lettre International veröffentlicht. Die TLS bewirbt ihn mit dem Satz: ›Ein essentieller Text in Zeiten, in denen die Bezeichnung ›alte weiße Männer‹ zu einer Beleidigung geworden ist.‹ Will wirklich niemand mehr weiß sein?«

»Also, ich nicht«, log Nivedita, die sich die Hälfte ihres Lebens nach nichts mehr gesehnt hatte — und die andere Hälfte danach, dunkler zu sein, als sie war. Alles, nur nicht dieses hybride Halb-und-halb, das durch alle Raster und Kategorien rutschte und so schwer fassbar war, dass selbst der Farbton nach etwas Flüssigem benannt war: Cognac.

»Warum nicht?«

Wo sollte sie anfangen? »Das liegt an der Geschichte des Begriffs. Bis zum siebzehnten Jahrhundert gab es weiß überhaupt nicht, außer als Beschreibung für Wolken oder …« Auf die Schnelle fiel Nivedita nichts anderes ein als: »Schafe. Dann begann der transatlantische Sklavenhandel, den die Europäer natürlich irgendwie legitimieren mussten, man kann ja nicht einfach irgendwohin gehen und Menschen entführen und verhökern. Also erklärten sie, dass die weiße Rasse überlegen sei. Und dafür mussten sie diese weiße Rasse überhaupt erst einmal erfinden.« Nivedita hatte White Guilt nicht nur gelesen, sie hatte es wie alle Texte Saraswatis wie eine Bibel inhaliert. »Vorher haben sich Europäer nicht als Weiße identifiziert, sondern über den Teil von Europa, aus dem sie kamen, oder über ihre Sprache. Wo bin ich?«

»Weiße Überlegenheit.«

»Genau«, nur dass sie dafür im Seminar das englische Lehnwort verwendeten: White Supremacy. White Supremacy war so etwas wie die Erbsünde in den Postcolonial Studies, das Zentrum des Erdbebens, dessen Erschütterungen noch heute zu spüren waren. »Aus diesen historischen Gründen ist weiß untrennbar mit weißer Vorherrschaft verbunden. Weiß hatte niemals eine andere Bedeutung. Entsprechend können sich weiße Menschen auf ihr Weißsein auch nicht anders beziehen als durch die Brille weißer Herrschaft, es gibt für sie keine spezielle weiße Kultur oder weiße Musik, weil für sie alles weiß ist, wie in einem Schneesturm. Schwarze werden nach wie vor diskriminiert — keine Frage! —, aber gleichzeitig verbinden wir mit Schwarzsein auch Vorstellungen wie Revolution und Subversion und Black Power. Von Weißsein dagegen gibt es keine progressiven Vorstellungen. Daraus schließt Saraswati, dass Weißsein etwas ist, das auch Weiße einschränkt.« Einen Moment lang fühlte sich Nivedita ihrer Professorin so nah, dass sie meinte, Saraswatis unvermeidliche Dupatta um ihre eigenen Schultern zu spüren, und die ziehenden Nervenstränge unter dem Schlüsselbein wegen Saraswatis ständiger Primaballerinapose mit weit geöffneten Schultern und hocherhobenem Kopf. Saraswati hatte einmal gesagt: Du hast die Nackenschmerzen hinten, ich habe sie vorne. Also hob Nivedita ihren Kopf und taxierte Verena prüfend mit gesenkten Augenlidern: »Wie ist das für dich? Spürst du, wie dein Weißsein dich einschränkt?«

Verena warf einen nackten, ungeschützten Blick zurück und Nivedita dachte: So macht Saraswati das also.

2

Auf dem Rückweg zum Kölner Hauptbahnhof überlegte Nivedita, ob sie sich den Moment nur eingebildet hatte. Verena hatte das Gespräch danach zu der ewigen Frage Wo kommst du her? zurückgeführt und Nivedita war in ihre Comedy-Routine geschlüpft — »Ich habe einen Monat lang Gespräche mitgeschrieben, bei denen Leute mich gefragt haben: ›Wo kommst du her?‹ Aus Essen. ›Nein, wo kommst du her her?‹ Aus Essen-Frillendorf. ›Nein, wo kommst du wirklich her her her?‹ Aus dem Bauch meiner Mutter? ›Nein, warum bist du braun?‹« —, aber der Höhepunkt des Interviews war eindeutig Niveditas Regelbruch gewesen, als sie die Rollen umgedreht und Verena die Frage zurückgestellt hatte.

Sobald sie aus dem Bus stieg und die schwüle Luft sie so in die Arme schloss, als würde das angekündigte Gewitter nie kommen, versuchte sie, Simon anzurufen. Sie hatte irgendwo gelesen, Busse wären Faradaysche Käfige, und stellte sich darum immer vor, dass die Handystrahlung in ihnen von der Stahlkarosserie hin- und hergeworfen wurde, bis sie wie Bleistiftgekritzel den ganzen Raum ausfüllte und alle Passagiere hinter einer grauen Wolke aus Statik verschwanden. Wie die beiden Male zuvor ging nur Simons Voicemail dran: »Ich weiß Ihren Anruf zu schätzen. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Signalton, ich werde Sie umgehend zurückrufen.« Nur dass er eben nicht umgehend zurückrief.

Nivedita ging ins Museum Ludwig, um das WLAN zu benutzen, sie mochte fremdes WLAN, das war so demokratisch, und postete auf Instagram und ihrem Blog ein auf der Hinfahrt im Netz gefundenes Foto eines kuscheligen Katzenbabys.

Identitti:

Jedes Mal, wenn du einen rassistischen Gedanken denkst,

tötet Gott ein Kätzchen.

Aber keine Sorge:

Es ist keine deutsche Katze!

Am liebsten hätte sie über das flauschige Katzenköpfchen Maradonas Hand als Hand Gottes montiert, entschied sich dann aber aus Bedenken wegen des Copyrights für Simons Hand. Wie sich bald herausstellen würde, hatte Simon ebenfalls ein Copyright auf Gott.

»Warum bist du nicht drangegangen?«, rief Nivedita, als ihr Regionalexpress in den Düsseldorfer Hauptbahnhof einfuhr.

»Ich gehe doch jetzt dran«, antwortete Simon mit dieser Stimme, die ihr wie immer unter die Haut ging. Seine weiteren Ausführungen wurden vom Schaffner übertönt, der alle erdenkbaren Anschlussmöglichkeiten für alle erdenkbaren Verbindungen aufzählte. Die Türen öffneten sich lautstark, das Gleis war noch lautstärker, und als sie Simon endlich wieder verstehen konnte, sagte er: »Mein Handy war leise gestellt«, als wäre sein Handy ihrer Umgebung überlegen.

»Aber wir waren vor drei Stunden in Köln verabredet!«

»Ich habe meinen Termin bei Campact vorbereitet und die Zeit vergessen.«

Eine Welle von Eifersucht auf Simons Selbstgenügsamkeit schwappte durch Nivedita. Sie übersetzte sich seine Erwiderung mit Ich habe Jura studiert und werde einmal die Menschenrechte retten, das ist wichtiger als dein bisschen Seelenretten, oder kürzer: Ich bin dir wichtiger als du mir.

»Aber ich war im Radio!«, heulte sie auf.

»Aha«, sagte Simon.

Nivedita spürte, wie ihre Verletzung in Gereiztheit umschlug. »Was?«

Nichts.

»WAS?!?«

Ein junger Mann mit einem Einkaufstrolley aus Lastwagenplane schaute forschend zu ihr herüber, doch anscheinend war es in Ordnung, laut zu brüllen, solange man sich dabei eine Hand ans Ohr hielt.

»Ich höre, dass du eine Menge Aufmerksamkeit brauchst«, sagte Simon mit farbloser Stimme.

»Fein, DANN GIB MIR DIESE AUFMERKSAMKEIT DOCH!«

»Wo hast du gelernt, dass Leute besonders nett zu dir sind, wenn du sie anschreist?«

»Dein Lover kommt nicht damit klar, wenn du Erfolg hast«, würde Priti später sagen, das war ihre Standardanalyse von Beziehungskonflikten. Nivedita dagegen war so wund davon, dass ihr Leute ständig sagten, wer sie sei und was sie denke und warum sie gerne Reis esse, dass sie nie dazu in der Lage war, irgendwelche Motivationen bei anderen zu diagnostizieren.

Bitte frag mich, wie es gelaufen ist, dachte sie so laut sie konnte. Aber Simon war damit beschäftigt, Simon zu sein. Ein anderer Anruf klopfte im Handy. Nivedita ignorierte das Piepen an ihrem Ohr und den körperwarmen Nieselregen, der sich wie ein Atemhauch über den telefonfreien Rest ihres Gesichts legte, als sie auf den Bertha-von-Suttner-Platz hinaustrat und ihr Fahrrad aufschloss. Simon schwieg noch immer. Hinter den Wolken räusperte sich ein kleinlauter Donner und schwieg dann einfach ebenfalls.

»Hast du meinen neuesten Post gesehen?«, fragte sie schließlich, um zu irgendeiner Form von Kontakt zurückzukehren. Und machte damit — unglaublich, aber wahr — alles noch viel schlimmer.

Es war die Tageszeit, zu der man das Licht anmacht und der Raum dadurch dunkler wird. Nivedita stieß die Tür ihrer WG auf und rief »Ich bin wieder da« in die leere Wohnung hinein, die ihre Stimme verschluckte wie vorher die schallisolierten Wände des Radiostudios, nur dass hier keine fröhliche Verena mit melancholischem Monahund auf sie wartete. Ein Blick in das Zimmer neben der Küche bestätigte, dass ihre erste Mitbewohnerin nicht zu Hause war. Ein weiterer hinter die Tür mit dem Mandala, dass ihre in jeder Beziehung zweite Mitbewohnerin ebenfalls nicht da war. Nivedita kämpfte sich durch die durchweichten Pappverpackungen und unidentifizierbar beschrifteten Gläser im Kühlschrank, bis sie einen Rest Käse fand, den sie auf einen einsamen Keks rieb, bevor sie merkte, dass sie keinen Hunger hatte. Auf dem Küchentisch begann ihre Tasche zu vibrieren. Sie versuchte, das Handy zu ignorieren, um Simon zu zeigen, dass sie nicht auf seinen Anruf wartete. Da sie ihm jedoch zutraute, einfach aufzulegen und es nicht weiter zu versuchen, ging sie nach erschreckend kurzer Zeit doch dran. Die Stimme am anderen Ende war angemessen zerknirscht. Der Haken war, dass es nicht Simons Stimme war.

»Nivi?«, schluchzte Priti.

»Was ist passiert?«, fragte Nivedita erschrocken.

Priti schnitt ihr das Wort ab: »Nivi?«

»Am Telefon. Was ist los?«

»Nivi?«, sagte Priti zum dritten Mal, und Nivedita beschloss, beim vierten Mal einfach zu schreien. Sie klemmte das Handy zwischen Ohr und Schulter, griff ihre Tasche und ein Glas Wasser und bahnte sich mit dem Ellbogen einen Weg in ihr Zimmer. »Ja, ja, ja. Nivedita hier. Jetzt, wo wir das geklärt hätten …«

Wieder unterbrach sie Priti, doch dieses Mal mit den vier Worten, die bisher noch jedes Krisengespräch eingeleitet hatten. »There was this boy …«

Nur dass Boy nicht wirklich zutreffend war, da Saraswatis Bruder dem Rentenalter näher war als der Pubertät. »Old but gold.«

»Saraswatis was?«, rief Nivedita und verschüttete beinahe das Wasser über die T-Shirts, die sie am Morgen nach dem Anprobieren auf ihr Bett geworfen hatte.

»Bruder — hörst du mir nicht zu?«

»Saraswatis Bruder?«

»Correct.«

»Saraswatis Bruder?«

»Still correct«, sagte Priti und vergaß beinahe zu schluchzen.

»Gold …?«

»You know: im Bett!«

»Nein, weiß ich nicht, ich wusste noch nicht einmal, dass Saraswati einen Bruder hat! Und bestimmt nicht, wie er im Bett ist!«

»Sure, you only want to get into Saraswati’s knickers«, schniefte Priti.

»Sehr lustig, haha. Saraswatis Bruder!?!«

Später würde Nivedita aus Pritis unzusammenhängenden Erzählungen die Geschichte rekonstruieren, die vielleicht, aber auch nur vielleicht, der Realität entsprach. Priti mochte junge Frauen, ältere Männer und trans Menschen jeden Alters, je kontroverser desto sexyer, und Saraswatis Bruder war natürlich … kontroversplusplus. Mit so jemandem, mit ihm, mit diesem Bruder zu schlafen, war wie mit Saraswati zu schlafen und ihr dabei gleichzeitig den blanken Po zu zeigen, denn Saraswati und ihr Bruder hatten Priti zufolge die gesamten letzten dreißig Jahre nicht miteinander gesprochen. Und zwar so sehr nicht miteinander gesprochen, dass Saraswati ihm nicht einmal mitgeteilt hatte, dass sie ihren Namen geändert hatte.

Und —

»… her colour.«

Nivedita hatte gedacht, sie hätte den Tiefpunkt des Tages bereits erreicht und alles könne im schlimmsten Fall nur so bleiben, wie es war. Sie hatte sich geirrt.

»Sie hat WAS geändert!?«

»Na, ihre Hautfarbe.«

3

Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, bis Nivedita unter den T-Shirts ihren Laptop fand. Als das blaue Licht des Bildschirms endlich auf ihre Bettdecke sickerte wie Milch, vertippte sie sich wieder und wieder bei ihrem Passwort (»milk«) und gab dann über die hysterischen Pings der hereindrängenden Nachrichten hinweg Saraswati und weiß mit der Einstellung letzte 24 Stunden ein. Okay. Oh Kali. Okay. VIERUNDACHTZIGTAUSEND Ergebnisse, und jedes davon war wie ein Schlag auf einen anderen neuralgischen Punkt ihres Körpers.

Ihr Magen: Skandal um Postkolonialismus-Star-Professorin (Huffington Post vor drei Stunden)

Ihre Schläfe: Professur unter Vorspiegelung falscher Tatsachen erschlichen (SPIEGEL ONLINE vor einer Stunde)

Ihr Solarplexus: Falscher Guru an Düsseldorfer Universität (taz vor 44 Minuten)

Tausendundeine Fragen stürmten auf Nivedita ein, aber sie hatte nicht genug Atem, um auch nur eine davon zu stellen. Stattdessen hörte sie ihre eigene Stimme, schwebend und hell, als hätte sie Helium inhaliert: »Ich glaube kein Wort.«

»Es gibt auch Bilder«, informierte sie Priti mit vor Tränen dumpfer Stimme, als würde sie gerade in einem nassen Schlammloch versinken.

»Was?«

»Well, Fotos von Saraswati von … vor der Verwandlung.«

Aber Nivedita hatte sie bereits gefunden. Sie klickte wahllos auf das erste Bild und bereute es sofort. Saraswati sah aus, als wäre sie mit Madonna in ihrer Blond-Ambition-Phase gemerged worden: Die Spitzen ihres Bustiers bohrten sich so aggressiv durch ein Jackett, das damals bestimmt noch unter dem Namen »Herrensakko« firmiert hatte, dass Passanten Gefahr liefen, sich daran die Augen auszustechen oder das Herz, der einzige Unterschied war, dass ihre hochgegelten Schlafzimmerlocken nicht platingold waren, sondern aschblond; auf dem nächsten Foto lehnte ein gigantischer Rucksack an ihren weißen Beinen und ihre Beine lehnten am Air-India-Schalter eines deutschen Flughafens (»Das haben sie reinretouchiert. Ich hätte mir Air India damals nie im Leben leisten können«, würde Saraswati ihr später erklären. »Ich bin mit Emirates geflogen.«); das nächste zeigte sie als Siebzehnjährige in einem süddeutschen Wohnzimmer mit Klavier und Couchgarnitur, von der aus ihr ebenfalls jugendlicher Bruder (»Mit DEM hast du geschlafen?«) versuchte, ihre Aufmerksamkeit zu erheischen. Doch Saraswati, oder besser die Frau, die einmal Saraswati werden würde, fixierte einen Punkt jenseits der Kamera, ihre Lippen zu einem Kussmund gerundet, als hätte sie gerade Foucault gesagt.

Coconut Woman

1

Als Nivedita Saraswati das erste Mal traf, war sie dreiundzwanzig und Saraswati ein wenig mehr als doppelt so alt.

Nivedita hatte Saraswatis Seminar im kommentierten Vorlesungsverzeichnis dick umkreist. Nur dass Saraswati dort nichts kommentiert hatte, sondern lediglich schrieb: Kali Studies. Nicht das chemische Element, sondern die Göttin — und darunter ein Bild von Kali. Von Niveditas Kali. Schwarz und nackt, mit herausgestreckter Zunge und einem Rock aus abgerissenen Armen. Von Kali, mit der Nivedita schon immer endlose Gespräche in ihrem Kopf geführt hatte, wenn die Welt keinen Sinn ergab oder wenn die Welt zu viel Sinn ergab. Von Kali, die sie bis in den Schlaf verfolgt hatte, bis in die Erinnerung an Schlaf, bis in ihre frühesten Träume.

Nivedita war noch zu jung gewesen, um selbst lesen zu können, also musste ihr ihre Mutter Rotkäppchen vorgelesen haben. Jedenfalls stand sie mitten im Satz in einem Märchenwald, der verdächtig nach Regenwald aussah (oder hatte ihre Mutter ihr das Dschungelbuch vorgelesen?), und aus dem Dickicht winkte ihr eine dunkle Gestalt mit zweien ihrer Arme, während sie mit den anderen beiden die Äste auseinanderbog. Nivedita erkannte Kali sofort als die Göttin, die überall in der Wohnung ihrer Eltern herumhing und stand und sogar auf dem Armaturenbrett des Familienautos klebte und beim Fahren immer mit ihrem Kopf und den erhobenen Armen wackelte, und stellte die Frage, die ihr, seit sie sie das erste Mal mit dem Finger angestupst hatte, um sie zum Leben zu erwecken, auf dem Herzen brannte: »Warum hast du so viele Arme, Kali?«

Kalis Lächeln ließ ihre lange rote Zunge aus ihrem Mund rollen. »Um dich besser umarmen zu können.«

Kali Studies war wie eine Nachricht aus dieser Welt ihrer Kindheit, als Identitäten der Stoff von Märchen gewesen waren, in denen alles möglich schien und — nur damit es nicht zu harmonisch wurde — eine stets zu Unfug aufgelegte Horde Dschinns alle Normen auf den Kopf stellte und alle Werte remixte. Nivedita, neu von Essen nach Düsseldorf gezogen, neu in ihrer WG, neu im Masterstudiengang Intercultural Studies/Postkoloniale Theorie, begrüßte diesen Splitter Vertrautheit mit der ganzen Inbrunst ihrer Befremdung.

»Kali Studies?«, wiederholte Priti, mit der sie damals vor drei Jahren in nahezu jeder Nacht skypte, weil Priti gerade ebenso neu in London gestrandet war, um am King’s College War Studies zu studieren (in Wirklichkeit war Priti nicht für War Studies angenommen worden und studierte stattdessen Germanistik, aber das fand Nivedita erst heraus, als es bereits zu spät war). »Hier sind alle destined, in den Civil Service zu gehen«, erklärte Priti unverdrossen. »Oder into Government. Während ihr … was kann man mit Kali Studies werden?«

Ein Klopfen an der Tür ersparte Nivedita die Antwort.

»Ja?«

»Ja, ich meine, meinst du, wir sollten da hingehen?«, fragte ihre zweite Mitbewohnerin Charlotte — genannt, wie hätte es auch anders sein können, Lotte — mit glühenden Wangen und bereits mitten im Gespräch, bevor sie richtig hereingekommen war. Lotte war eine dieser Giraffenfrauen, groß mit langen Armen und langem Torso, der fast ohne erkennbare Taille in ihre langen Beine überging, so dass sie stets eher elegant als erotisch wirkte. Und Priti, die Menschen nach ihrem Sexappeal kategorisierte, hielt sich nicht zurück, ihre Einschätzung visuell kundzutun. Nivedita kippte den Bildschirm ihres Laptops, auf dem Priti dazu den Zeigefinger einmal, zweimal, dreimal quer über ihre Kehle zog, möglichst unauffällig aus Lottes Blickfeld, während sich ein Strom von Informationen über sie ergoss: Seminarräume, Uhrzeiten, Wochentage, so dass es eine Weile dauerte, bis sie herausfand, von welchem Seminar Lotte überhaupt sprach. Als dann der magische Name fiel, erwischte er Nivedita unerwartet.

Sie hatte gedacht, dass nur sie sich für Kali interessierte, und ihre Intimität mit der indischen Göttin auf die unbekannte Saraswati übertragen, so dass beide in ihrem Kopf zu einer Person verschmolzen waren und versprochen hatten, Nivedita in ihre Arme zu schließen. Es fühlte sich an, als hätte Lotte sie bei besonders kinky Sexspielen ertappt.

»Nicht Kinky Studies, Kali Studies«, berichtigte Lotte und wusste natürlich bereits alles darüber, zumindest über die Professorin. »Sie ist Kult«, verkündete sie und versuchte, eine dramatische Pause einzulegen, doch die Worte drängten zu heftig aus ihr heraus. »Alle reden von ihr, Nivedita! Ich meine: Alle! Hast du ihren Auftritt bei Maischberger gesehen? Oder war das Markus Lanz? Wahrscheinlich beide. Ich habe nur Angst, dass wir nicht mehr reinkommen.«

Also radelte Nivedita zwei Tage später zusammen mit Lotte zur Uni und wartete in einem brechend vollen Seminarraum auf die Ankunft der sagenhaften Saraswati. Doch die ließ sich Zeit.

Eine Viertelstunde nach der akademischen Viertelstunde stürmte sie schließlich mit wehender Dupatta herein, schleuderte ihre Ledertasche aufs Pult und verharrte einen Atemzug lang mit dem Rücken zu ihnen vor der Tafel, als müsse sie sich erst sammeln, bevor sie sich dem Seminar stellte wie einer Herausforderung. Ihr Haar lag lang und schwarz und schwer auf ihrem Nacken und ließ Niveditas eigenen Nacken bis hinunter zwischen die Schulterblätter prickeln in Erinnerung an das Streicheln der Borsten auf ihrer Haut, wenn Priti ihr die Haare bürstete, ein synästhetisches Ganzkörpererlebnis, das sonst nur Regen auf fließendem Wasser in Nivedita auslöste, oder die Bilder von Amrita Sher-Gil, oder Marihuana.

Saraswati drehte sich perfekt durchchoreografiert um, hob die Brille, die an einer Kette um ihren Hals baumelte, vor die Augen und begutachtete mit gerunzelter Stirn die Reihen von Studierenden: »Okay, erst einmal alle Weißen raus.«

Schweigen, während sich alle fragten, ob sie richtig gehört hatten.

»Los, los, wir haben nicht den ganzen Tag. Packt eure Sachen. Ihr könnt im nächsten Semester wiederkommen. Dieses Seminar ist nur für Students of Colour.«

Es war, als würden sich tektonische Platten verschieben. Berge erhoben sich, wo vorher leere Flächen gewesen waren, die Erde barst auf und etwas brach von Niveditas Kontinent ab und trieb hinaus in die See der möglichen Optionen.

»Ich meine, das stand nicht im Vorlesungsverzeichnis«, protestierte Lotte, und Nivedita bewunderte sie für ihre Hartnäckigkeit, wenn auch nicht für ihre Fähigkeit, Gefahrensituationen einzuschätzen.

Saraswati warf Lotte einen langen Blick zu und sagte amüsiert: »Was ist so schwer an ›raus‹ zu verstehen, dass du es schriftlich brauchst?«

Ohne ein weiteres Wort nahm Lotte ihre Stifte-Rolle von Etsy und ihr Moleskine vom Tisch. Die ersten Studierenden drängten bereits unter Unmutsäußerungen aus der Tür, als ein elfenhaftes Mädchen mit elfenbeinfarbener Haut, wenn der Elefant Kettenraucher gewesen wäre, die Hand hob.

»Ja?«

»Wer zählt alles als Student of Colour. Also, wo ist die Grenze?«, fragte die junge Frau unsicher.

Saraswati klatschte in die Hände: »Exzellente Frage! Wer von euch fühlt sich von dem Begriff angesprochen?«

Ein paar Studierende erhoben sich zögerlich. »Ihr könnt bleiben!«

Lotte stand ebenfalls auf, allerdings mit gepacktem Rucksack. »Kommst du mit oder bleibst du?«, flüsterte sie Nivedita zu. Die Verletzung in Lottes Gesicht schmerzte Nivedita, aber zu gehen hätte sie viel mehr geschmerzt.

»Ich bleibe«, raunte sie zurück und fügte dann nachträglich dazu, um Lotte zu trösten: »Erstmal.«

»Aber du bist doch weiß«, sagte Lotte.

»Nein. Ich bin nicht weiß«, sagte Nivedita zum ersten Mal in ihrem Leben zu einer weißen Person. Sie hatte Priti schon häufig zu erklären versucht, dass sie genauso ein Anrecht auf ihr geteiltes ethnisches Erbe hatte wie Priti, dass sie — Herrgottnochmal, beziehungsweise: Hai Ram! — schließlich Verwandte waren. Aber bisher hatte sie noch nie einer weißen Deutschen die Gemeinsamkeit verweigert. Doch keine Kolonialarmee der Welt hätte sie aus diesem Seminar hinausbekommen.

Bloß konnte sie das alles Lotte nicht sagen, ohne sie noch mehr zu verletzen: Schatz, ich gehöre zu einem Club, zu dem du keinen Zutritt hast. Dabei gehörte Lotte zu zahllosen Clubs, zu denen Nivedita keinen Zutritt hatte. Zum Club derer, die zum Entzücken aller mit mädchenhaft weit aufgerissenen Augen ausrufen konnten … was auch immer Lotte ständig mit mädchenhaft weit aufgerissenen Augen rief. Zum Club derer, die an Weihnachten »nach Hause« fuhren und damit meinten: nach Hannover. Zum Club derer, die sich darüber beschweren konnten, dass zu wenig Frauen in den Serien vorkamen, die sie sich abends zusammen ansahen, ohne sich gleichzeitig darüber zu beschweren, dass in denselben Serien zu wenig Menschen mit mehr Melanin vorkamen.

Dabei stimmte Nivedita Lotte natürlich zu, dass sie gerne mehr weibliche Rollenmodelle gehabt hätte. Deshalb war es so aufregend, dass ein solches Rollenmodell nun so nahe vor ihren Augen hin und her stolzierte, dass sie es hätte berühren können, wenn sie auf die zerkratzte Melaminharzplatte des Tischs geklettert wäre und den Arm ausgestreckt hätte. Wahrscheinlich ging Saraswati in Wirklichkeit überhaupt nicht auf und ab, aber in Niveditas Kopf war sie zu dynamisch, um einfach nur vor ihrem Seminar herumzustehen.

»So!«, sagte Saraswati befriedigt, als sich die Tür hinter den letzten weißen Studierenden geschlossen hatte. »Dann fangen wir mal an. Warum seid ihr geblieben?« Die Stille schwoll in Niveditas Kehle an, bis sie meinte, alle ihre nie ausgesprochenen Worte würden sie zum Bersten bringen. Und während sie noch überlegte, wo sie anfangen sollte, platzte schon die Geschichte von Kali und dem Dschungel aus ihr heraus, allerdings endete sie nicht mit »um dich fester umarmen zu können«, sondern mit »um dir das Herz aus der Brust zu reißen und es durch ein stärkeres, besseres Herz zu ersetzen«.

Saraswati schaute sie ebenso lange an wie zuvor Lotte, und Nivedita überlegte, ob sie ihre Sachen packen und Lotte einfach hinterherlaufen sollte. Dann sagte Saraswati: »Wie heißt du?«

»Nivedita.«

»Komm diese Woche mal in mein Büro, Nivedita.«

Identitti:

Warum ist Kali so cool? Let me count the ways:

Sie ist eine Göttin. Ich meine, wo gibt es die noch? Okay, das ist Blödsinn. Es gibt genug Göttinnen. (Kann es genug Göttinnen geben? Andere Frage, anderer Post!) Aber welche der heute dominanten Weltreligionen hat noch eine Göttin, geschweige denn so viele, dass man sie unmöglich zählen kann?

Sie ist nackt, ohne dabei erotisch zu sein. Okay, das ist auch Blödsinn. Ich finde sie verdammt sexy. In ihrer Urform hatte Kali sogar nicht nur eine Vulva, sondern Hunderte. Move over, Venus! Kali ist eh nicht in einer Züchtig-in-einer-Muschel-stehend-die-Hand-vor-die-Brust-haltend-und-die-Beine-überkreuzend-als-müsse-sie-heftig-aufs-Klo-Form erotisch. Kalis Nacktheit sagt: Ich kann einen Bengalischen Tiger mit bloßen Händen erwürgen, also pass auf, sonst fress ich dich zum Frühstück.

Sie ist dunkel. Also, Schwarz. Manchmal auch dunkelblau oder dunkelbraun, und ich habe sie auch schon mal in dunkelgrün gesehen. Doch vor allem ist sie eines definitiv nicht: weiß!

Sie ist wild und wütend und trinkt das Blut ihrer Widersacher*innen. So will ich meine Göttinnen. Okay, so will ich selbst sein: wild und furchteinflößend und unkalkulierbar, oh ja, und einen Rock aus den abgerissenen Armen meiner Feind*innen hätte ich auch gerne. Okay, okay, am liebsten hätte ich gar keine Feind*innen, weil ich zu furchteinflößend wäre, als dass Leute mir blöd kämen.

Kali liegt beim Sex oben.

»Kali liegt beim Sex oben«, sagte Saraswati. »Warum ist das wichtig? Schließlich kann doch jede Göttin so Sex haben, wie sie will.«

Ich bin hier richtig, dachte Nivedita. Ich bin richtig! Der Gedanke erschreckte sie ebenso sehr, wie er sie erregte.

»Weil es keine private Vorliebe ist, sondern eine politische Entscheidung«, beantwortete Saraswati ihre eigene Frage. »Ihr alle kennt die Geschichte von Schneewittchen und dem Prinzen.« Mit dramatischer Geste richtete sie die Fernbedienung auf den Beamer und die Powerpoint-Präsentation sprang an. Die erste Folie zeigte einen Glassarg, über dem ein Märchenprinz aufragte. Die nächste hatte denselben Bildaufbau, nur dass dieses Mal weiß und leblos der indische Gott Shiva auf dem Boden lag und Kali nicht über, sondern auf ihm stand. Saraswati lächelte ihr Kalilächeln und begann: »Hier seht ihr den toten Shiva. Shiva ist shava, also ein Leichnam, weil er entschieden hat, sich asketisch aus der Welt zurückzuziehen. Und es ist Kali, die Shiva zum Leben erweckt, indem sie ihn … nein, nicht küsst. Sondern? Richtig! Mit ihren anderen Lippen küsst. Daraus ergeben sich einige interessante Fragen zu Consent, darauf werden wir später im Semester zu sprechen kommen. Heute ist für uns vor allem interessant, dass sich Kali weigert, unsichtbar zu sein. Sie zwingt Shiva dazu, sie wahrzunehmen und dadurch auch wieder mit dem Leben um ihn herum mitzufühlen. In diesem Mythos geht es also darum, zu erkennen, dass alle und alles eine Seele hat, die respektiert werden muss. Es geht um Liebe als revolutionären Akt.«

Klick, und der Beamer zeigte Mahatma Gandhi.

Klick: Martin Luther King.

Klick: bell hooks.

Nivedita schrieb mit, als hinge ihr Leben davon ab. Normalerweise malte sie während der Vorlesungen nackte Frauen in ihre Unterlagen und notierte nur hin und wieder einzelne Worte wie social constructivism, brute facts oder ganz neu: critical race theory. Saraswati war die erste Professorin, bei der ihr solche Stichworte zu immer neuen Sätzen anwuchsen, und das, weil die Sätze direkt zu Nivedita sprachen, weil Saraswatis Sätze direkt über Nivedita sprachen.

»Und warum ist Liebe so ein revolutionärer Akt? Weil das das erste ist, was man Menschen beibringt, die man kolonialisieren/unterdrücken/diskriminieren will: Dass sie nicht zu den liebenswerten Subjekten gehören«, sagte Saraswati und schrieb Nivedita. »Das ist so bedeutsam, weil wir nur für liebenswerte Subjekte Empathie empfinden, weshalb wiederum auch nur sie diese Empathie einklagen können. Es ist kein Zufall, dass alle verschiedenen diskriminierten Gruppen und Individuen die Empfindung teilen, dass sie weniger wert sind als andere. Genauer gesagt: dass sie weniger Liebe wert sind. ›Jemanden wie mich kann man nicht lieben‹ ist keine individuelle Aussage und verweist auf kein individuelles Problem, sondern auf ein soziales. Was natürlich zu einem individuellen Problem werden kann. Aber das ist ein anderes Thema. Heute spreche ich mit euch über strukturelle Probleme.«

Das Mädchen mit der senfgelben Brille und dem Wachsdruck-Turban neben Nivedita wurde unruhig und flüsterte: »Ich dachte, es geht um Rassismus.«

Nivedita flüsterte zurück: »Ey, es geht hier um Rassismus.« Und wunderte sich, woher sie die Vehemenz nahm.

»Denn das ist das Perfide an Liebe, respektive an Liebesentzug, als politischer Waffe, dass es nicht um eine ›reale‹ Bedrohung gehen muss, sondern dass die Angst, Liebe zu verlieren/nie zu bekommen/weniger Liebe zu erhalten bereits ausreicht, um Menschen psychisch und sogar physisch zu verkrüppeln.« Saraswati sah ihnen einer nach dem anderen tief in die Augen. Bevor sie weitersprach, vergingen mehrere Minuten, doch niemand bemerkte es, weil sie alle in Gedanken bei ihren eigenen Liebesdefiziten waren. Das Mädchen, das sich eben noch darüber beschwert hatte, dass es hier nicht genug um Rassismus ging, weinte eine scharfe, einsame Träne und machte keine Anstalten, sie zu verstecken.

Während ihrer Beziehung mit Simon würde Nivedita immer wieder die Notizen aus diesem ersten Seminar bei Saraswati heraussuchen und: Shit, shit, shit! denken.

In diesem Moment dachte sie aber nur: Wow, wow, wow!

Nachdem Saraswati mit jeder und jedem Augenkontakt gemacht hatte, griff sie in ihre mit Büchern vollgestopfte Ledertasche und zog ihren Bestseller im selben Moment heraus, in dem sie ihn auf die Kopfwand des Raumes projizierte. »Dekolonisation bedeutet, dass wir nicht nur die Wissenschaft und Politik, nicht nur die Theorie und die Praxis, sondern auch unsere Seelen dekolonisieren müssen«, sagte sie und schrieb Decolonize your Soul an die Tafel. »Wir können nur wertschätzend mit anderen Menschen of Colour umgehen, wenn wir lernen, uns selbst wertzuschätzen. Bevor wir unsere Feinde lieben, sollten wir erst einmal besser mit unseren Freunden umgehen.«

Auf der Unitoilette hatte jemand »breasts not bombs« durch »Viva la Vulvalation« ergänzt. Nivedita machte ein Selfie und überlegte, wie sich in Worte fassen ließ, was gerade geschehen war: Saraswati entdeckt zu haben, fühlt sich an wie eine Party, die nur für uns gegeben wird?

Aber auch ohne ihren Blog, ohne ihr Twitter und Instagram verbreitete sich die Nachricht über Saraswati ruckartig durch jene geheimen Kanäle, die immer dafür sorgten, dass alle relevanten Menschen alle relevanten Informationen erhielten. Innerhalb der nächsten Wochen stießen mehr und mehr Students of Colour aus allen möglichen Studienfächern und sogar von anderen Unis zu ihnen. Saraswati war die einzige Professorin, die einen Nasenring trug. Saraswati war die einzige Professorin, die Saraswati war. Identitätspolitik war groß. Niveditas Verständnis von Identitätspolitik war klein. Und alle hatten eine gute Zeit.

Alles, was Nivedita wusste, war, dass sie plötzlich jemand war. Eine Person mit einer Vergangenheit und daraus resultierend wahrscheinlich auch einer Zukunft. Sie war keine Abwesenheit mehr, kein unbeschriebenes Blatt, wo Kindheit und Jugend in einer deutsch-deutschen Familie sein sollten. Sie war plötzlich Anekdoten und Erinnerungen und Körpergedächtnis, weil ihre Anekdoten und Erinnerungen plötzlich Bedeutung erhielten. Und erst ihr Körpergedächtnis!

Weshalb Nivedita sich daranmachte, möglichst viele neue Körpersensationen zu sammeln. Sprich: Sie schlief zum ersten Mal in ihrem Leben mit Männern of Colour.

Hatten sie sich bis dahin vorsichtig umkreist und dann höflich gemieden, um sich jeweils weißen Sexualpartner*innen zuzuwenden, aus Angst, sich mit ihrer Fremdheit anzustecken — oder herauszufinden, dass sie gar nicht so besonders waren, wie sie stets behandelt wurden —, eröffnete sich ihnen nun ein komplett neues Buffet sexueller Möglichkeiten: Bist du homo, hetero, inter- oder intraracial?

Sex mit anderen PoCs bedeutete für Nivedita, das erste Mal ohne ihren unique selling point zu sein. Das erste Mal nackt. Die Sache kulminierte, als sie sich in Anish verliebte, dessen Eltern beide aus Kerala kamen und nicht wie Niveditas aus West-Bengalen und Polen und von überall her. Sie wartete auf den unvermeidlichen Moment, an dem er sagen würde: »Du bist ja gar keine echte Inderin«.

Stattdessen sagte er: »Ich frage mich manchmal, was meine Eltern sehen, wenn sie mich anschauen. Eine Kartoffel?«

Sie lagen in seinem WG-Zimmer auf der Matratze. Durch das offene Fenster wehte der Geruch von Herbstastern herein, und die entsetzte Stimme seines Mitbewohners, der bei ebenfalls offenem Fenster von seinem Beziehungspartner verlassen wurde. Während die beiden sich ad hominems an den Kopf warfen, presste Anish seinen Körper an Niveditas, als wäre sie das einzige, was ihn vor dem Abgrund, der sein Leben war, bewahren konnte.

Es war ein Aphrodisiakum, dass Anish Sex mit ihr als Beweis dafür ansah, dass er war, wer er dachte, dass er war. Aber bin ich, wer ich denke, dass ich bin?, dachte Nivedita.

2

»You’re a coconut.« Jemand sagte das bei Niveditas erstem Besuch in Birmingham zu ihr, und sie verstand kein Wort. Also, sie verstand jedes Wort, aber sie wusste nicht, was das bedeuten sollte. Sie wusste noch nicht einmal, welches der anderen Kinder es zum ersten Mal ausgesprochen hatte, aber plötzlich sagten es alle: Coconut! Coconut!

Sie war acht und es war Sommer, grell und gelb wie Art Stuff Glitter Lotion, wie Kurkumareis, wie die Duftbleistifte, die sie und ihre dreizehn Monate ältere Cousine Priti anspitzten, bis sie Stummel waren, um ihren synthetischen Duft zu inhalieren. Die Fächer des Spitzspans schwebten in Locken auf das mit Kreide in Himmel und Hölle geteilte Pflaster der Gasse entlang der Hinterhöfe. Auf einem Stapel Paletten, einer Kühltruhe, aus der die Kabel quollen wie Darmschlingen, und einem verbeulten Einkaufswagen saßen und kauerten Kinder, die alle aussahen wie Nivedita.

»Dort sehen die Kinder aus wie du«, hatte ihre Mutter ihr versprochen, während sie die Koffer für den Besuch bei der Tochter von Papas ältester Schwester gepackt hatte. Für diesen Verwandtschaftsgrad gab es eine eigene Bezeichnung, die Nivedita nicht kannte. Sie wusste nur, dass Papas älteste Schwester Didi war. War, nicht hieß. Ihr Name war Purna, und ihre Tochter Leela war … Nivedita konnte noch immer nicht fassen, dass die schöne, hochmütige Frau im flammenfarbenen Sari, die sie am Flughafen abgeholt hatte, ihre Cousine sein sollte, obwohl sie so alt war wie ihre Mutter und selbst eine Tochter etwa in Niveditas Alter hatte: Priti. So viele Namen, so verschlungene Familienbande.

Aunty Leela, die eigentlich cousin Leela war, fuhr ein mini Auto, das wiederum kein Mini war, sondern ein Vauxhall Nova. Sie war Ärztin, aber nicht reich, sondern beim National Health Service angestellt, und wohnte in Birmingham, aber Leela und Priti nannten es Balsall Heath. Oder auch Balti Heath, weil auf ihrer Straße nur indische Familien lebten. Und alle diese Familien hatten Kinder. Es war, als wäre die Welt plötzlich braun geworden.

»Wir fahren nach Hause«, hatte Nivedita in der Schule erzählt. Nicht weil sie Birmingham ernsthaft mit Bombay und erst recht nicht mit Kolkata verwechselt hätte, sondern weil sie auch einmal nach Hause fahren wollte, wie ihre türkischen und polnischen Freundinnen.

Aber auf den Fotos, die ihre Mutter in Birmingham von ihr und Priti und deren kleinem Bruder Aarul machte, sahen sie tatsächlich aus, als wären sie in Indien. Zumindest stellte sich Nivedita Indien so vor, voller Sofas und Wandbehänge, die mit so vielen winzigen runden Spiegelscherben bestickt waren, als wäre der Glitter aus der Bodylotion von großzügigen Händen auf ihnen verteilt worden. Als sie die Bilder das erste Mal auf der Digitalkamera ihrer Mutter betrachtete, spürte sie, wie sich etwas in ihrem Bauch ausdehnte, das sie nicht identifizieren konnte: eine Mischung aus Wärme und etwas Neuem, Unbekanntem, ein nahezu triumphierendes Gefühl von Zugehörigkeit.

Es war, als würde die coconut flüsternde Stimme in der Gasse mit den Paletten und der Kühltruhe dieses Gefühl nehmen und zu einem kleinen, heißen Ball aus Scham zusammenpressen.

»Priti hat mich Kokosnuss genannt«, sagte Nivedita beim Abendessen auf Deutsch. »Was heißt das?«

Ihre Mutter schaute rasch quer über den Esstisch, wo Priti ungerührt ihre Chapatis zerrupfte. In dem blauen Sari, den Leela ihr geschenkt hatte, sah Birgit aus, als hätte die Jungfrau Maria sich versehentlich ins Mahabharata verirrt, und Nivedita bemerkte zum ersten Mal, dass ihre Mutter weiß war. »Nichts, Liebling«, sagte Birgit mit einem hohen, albernen Kichern.

Nivedita dachte eine Weile darüber nach, dann widersprach sie: »Wenn es nichts heißt, würde sie es nicht sagen.«

Wieder das Kichern, das Nivedita spätestens ab der Pubertät zur Weißglut bringen würde, bereit dazu, es ihrer Mutter auszutreiben, koste es, was es wolle. Doch an diesem Ferientag, während sich die Abendsonne sehnsüchtig gegen das Fenster warf, um sich mit dem Safrangelb der Wände zu vereinigen, hatte sich das Lachen ihrer Mutter noch nicht mit Jahren von Konfliktvermeidung und Ausweichen aufgeladen. Es machte Nivedita nur ungeduldig.

»Was heißt Kokosnuss?«, insistierte sie, ihre Stimme nicht lauter, aber durchdringender, und dieses Mal blickte Priti auf.

»Vielleicht, dass Kokosnüsse haarig sind? Und du hast so schöne, lange Haare«, schlugt ihre Mutter nervös vor, und Nivedita war sich sofort ihrer Augenbrauen bewusst, die über der Nasenwurzel zusammenstrebten, als wollten sie die Tatsache unterstreichen, dass sie niemals für die Rolle der Maria/Baby/Elsa in West Side Story/Dirty Dancing/Frozen im Schulmusical ausgewählt werden würde. Das war Mädchen wie ihrer Mitschülerin Lilli vorbehalten, die aussah wie eine jüngere Version von Lotte mit ihren zarten, in steter Überraschung nach oben gewölbten Brauenbogen: Ich? Als Maria/Baby/jede andere weibliche Hauptfigur, die man sich nur denken kann? Wirklich?

Als Nivedita vierzehn Jahre später endlich bei Saraswati studierte, fügte sie ihre Augenbrauen manchmal mit Kajal zu einer Monobraue zusammen, wie Frida Kahlo und #unibrowmovement. Aber später war später, und damals in Aunty Leelas Esszimmer konnte sie sie nur kurz zusammenziehen und Priti finster anstarren, die bösartig zurückblickte. Bösartig, weil Priti mit irgendeiner Rüge ihrer zu freundlichen, zu hektischen, zu laut schlechtes Englisch redenden deutschen Tante rechnete, doch die lächelte nur zu heiter über den Esstisch. Deutsche Frauen waren töricht, beschloss Priti, auch wenn Nivedita das erst später erfuhr. Und leider völlig anders als in Run Lola Run, wo Franka Potente stark und sexy und … potent war. Nur das Gerücht über die deutschen Achselhaare stimmte, sonst nichts, lächerlich.

Nach dem Essen nahm Priti Nivedita zur Seite. »You want to know?«, fragte sie beinahe zärtlich, und von dieser Sekunde bis zu dem Moment, in dem sie die Scherbe in Form eines perfekten Paisley-Fischchens in ihrer Hand hielt, konnte sich Nivedita an nichts erinnern. Nicht wie sie mit Priti das Haus verließ, nicht wie sie zusammen auf die Kühltruhe kletterten, nicht wie die anderen Kinder einen Kreis um sie bildeten. Wann immer sie später versuchte, die Szene zu rekonstruieren, verschwamm das Coconut-Flüstern in einer Sprache, die sie nur halb verstand, mit dem Urteil: Du bist nicht echt, das wie ein Stempel auf Niveditas Leben gedrückt wurde. Wann immer in den folgenden Jahren Menschen enttäuscht waren, dass sie nicht indisch kochen/tempeltanzen/Sitar spielen konnte, hörte Nivedita: Coconut. Das kokosnussigste an ihr war dabei natürlich, dass sie keine einzige der 121 indischen Sprachen sprach (oder der 19.569 indischen Sprachen, je nachdem, welchem Zensus man Glauben schenkte).

Außer Englisch natürlich. Doch Englisch zählte nicht.

Aber auch Hindi zählte nicht, als Niveditas perfekte Mitschülerin Lilli eine Yoga-Ausbildung und mehrere Ashram-Aufenthalte später Hindi perfekt lernte, da niemand jemals Lilli mit ihren hennaroten Haaren und ihrer milchweißen Haut für eine Inderin gehalten hätte. Aber Nivedita eben auch nicht, trotz Haut und Haaren.

Sie war immer davon ausgegangen, dass das an ihrer weißen Mutter lag, die nach Pritis Film-und-Fernseh-Wissen letztlich selbst nur eine minderwertige, unvollständige Version einer typischen deutschen Frau war — bis auf die Haare unter den Achseln, verstand sich —, aber dann brachte Lotte es irgendwann auf den Punkt: »Du gibst dir einfach keine Mühe, indisch zu sein.«

Nivedita war verblüfft über die ungewohnte Weisheit hinter Lottes Worten. Für Leute wie Nivedita war Sein tatsächlich etwas, was man nicht war, sondern tat. In ihrem Fall bedeutete das, das Klischee einer Inderin anzustreben. Doch das Problem mit Klischees war, dass sie sich immer auf die konservativsten Aspekte einer Angelegenheit bezogen, auf eine Sita-Inderinnen-Feminität statt eine Kali-Inder*innen-Queerness. (»Sita, die Ehefrau von Rama, und nicht Sitar, das Musikinstrument«, erklärte Nivedita Lotte. »Rama, die Margarine?«, fragte Lotte. Also versuchte Nivedita, ihr eine Kurzversion des Ramayana zu geben: »Okay, Rama ist ein Gott und Sita ist eine Göttin und wird von Ravana, dem König der Dämonen, entführt. Rama versucht, sie mit Hilfe von Hanuman zu befreien. Hanuman ist auch ein Gott, aber auch noch ein Affe und kann fliegen und Berge um die Welt tragen, so soll ein Gott ja wohl auch sein. Und eben nicht so wie Rama, der Sita erst befreit und sie dann verdächtigt, ihm mit Ravana fremdgegangen zu sein, Victim Blaming deluxe. Und dann verlangt er auch noch von ihr, dass sie durchs Feuer gehen soll, weil sexuelle Abstinenz bekanntlich unentflammbar macht. Und was macht Sita danach, so peinlich? Sie verzeiht diesem Würmchen! Kannst du dir vorstellen, dass Kali jemals so etwas machen würde?« »Berge um die Welt tragen?«, fragte Lotte.)

Lange dachte Nivedita, ihr fehlendes Gefühl von Anrecht auf das Inderinsein läge daran, dass Indien so weit weg war. Irgendwann beschloss sie, dass diese Entfernung mehr mit emotionaler Distanz — sprich: Kolonialismus — zu tun hatte als mit geografischem Abstand. Der erste Junge, in den sie sich verliebte, war wie sie »mixed«, was wahrscheinlich der Grund war, warum sie sich in ihn verliebte. Doch obwohl er sein Französisch erst am Gymnasium gelernt hatte, war er ein stolzer Franzose. Schließlich war Französischsein etwas, das Menschen sich vorstellen konnten, weil sie es aus all den französischen Filmen kannten, in denen viel geraucht und geredet wurde. Und wir haben schließlich alle schon einmal geraucht oder zumindest geredet.

Nachdem Lotte ihr gesagt hatte, wie richtiges Indischsein funktionierte, fischte sich Nivedita ein weißes T-Shirt aus der Tüte für den Altkleidercontainer und schrieb mit Textilfarbe darauf: This is what an Indian looks like! Nur um looks sofort wieder durchzustreichen und durch feels zu ersetzen. Falls Identitäten etwas sind, was man fühlt. Falls Identitäten überhaupt etwas sind.

Das war das Problem: Sobald man anfing, über Identität nachzudenken, fächerte sich die Wirklichkeit in so viele Dimensionen auf, dass es keine richtigen Worte mehr für sie gab. Und dann kam Saraswati und erklärte, dass das egal war und dass es kein präkoloniales Leben im Postkolonialismus gab und es stattdessen darauf ankam, Spaß an der Konstruiertheit von Echt und Jenseits-von-Echt zu haben und sich keinen starren Platz in den Ruinen der verschiedenen Empires zuweisen zu lassen. Feiere, als gäbe es kein Gestern!

3

All das wusste Nivedita noch nicht, als sie auf der Kühltruhe in Balti Heath saß und die Sohlen ihrer Sandalen gegen das weißlackierte Metall klapperten. Der Himmel war einer dieser blauen, blankgescheuerten Himmel. In der Luft lag der Geruch von Benzin und Staub. Die Scherbe war schilfgrün mit gelben Sprenkeln und leicht gebogen, als wäre sie ein echter Fisch, den Nivedita durch das Wasser eines Sees sehen würde, auf dem sich das Sonnenlicht spiegelte. Doch war sie fest und real in ihrer Hand. Fest und scharf an ihrem braunen Arm. Außen braun und innen … »Ich bin von innen nicht weiß, ich bin rot: Look!«

In diesem Moment hatte sie die ungeteilte Aufmerksamkeit der anderen Kinder und, ja, sogar so etwas wie Respekt.

»Und wer ist rot? Indians!« Triumphierend, als wäre es okay, einen Rassismus durch einen anderen zu ersetzen: »I’m an Indian!«

»American Indian«, sagte ein Mädchen mit Dreadlocks verächtlich.

Nivedita wollte widersprechen, doch fehlten ihr die Worte. »Anglo Indian«, fiel ihr schließlich ein, und alle brachen in schallendes Gelächter aus. Der Schnitt begann zu brennen und sie musste dringend pinkeln und noch dringender weinen, als sie plötzlich eine Hand an ihrer Schulter spürte. Jemand klopfte ihr auf den Rücken. Sie hatte nicht gedacht, dass das Kinder außerhalb von Enid-Blyton-Büchern taten. Aber unbestreitbar klopfte ihr einer der älteren und cooleren Jungen auf den Rücken, seine Hand sicher und warm wie eine Liebkosung: »Good for you, coconut!«

Es war dieselbe Stimme, die das Kokosnussgetuschel angefangen hatte.

»Coconuts aren’t nuts. They’re fruit«, verkündete Priti und sprang von der Kühltruhe. Für Nivedita war das der Sprung, mit dem Priti aufhörte, lediglich ihre Cousine zu sein, um als ihre Cousine plus Freundin auf dem Schotterboden zu landen.