Ihr werdet immer bei mir sein - Jackie Hance - E-Book

Ihr werdet immer bei mir sein E-Book

Jackie Hance

4,8
6,99 €

Beschreibung

Ein harmloser Ausflug, denkt Jackie Hance, und verabschiedet sich von ihren drei Töchtern. Kurze Zeit später die schreckliche Nachricht: Bei einem Autounfall sind alle Kinder ums Leben gekommen. Für Jackie und ihren Mann Warren bricht die Welt zusammen. Wie sollen sie jemals ohne Emma, Alyson und Katie weiterleben? Woher sollen sie Kraft schöpfen? Schritt für Schritt kämpfen sich Jackie und Warren zurück ins Leben. Und erringen etwas, das sie schon verloren wähnten: die Möglichkeit, Glück zu empfinden.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 468




Jackie Hance

IHR WERDET IMMER BEI MIR SEIN

Wie ich den Tod meiner Kinder überlebte

Aus dem Amerikanischen von Veronika Dünninger

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2013 by Jackie Hance and Janice Kaplan

Titel der amerikanischen Originalausgabe: I’LL SEE YOU AGAIN

All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form. The edition published by arrangement with the original publisher, Gallery Books, a division of Simon & Schuster. Inc., New York.

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2014 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Lisa Bitzer, Landau

Umschlaggestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.de

Titelmotiv: © Masterfile/Royalty-Free und © Jackie Hance

Fotos im Innenteil: Jackie Hance

Datenkonvertierung E-Book:

hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-8387-5874-9

Sie finden uns im Internet unter www.luebbe.deBitte beachten Sie auch: www.lesejury.de

Für die Gemeinschaftliebevoller Freunde und Familienangehöriger,die uns geholfen haben,das Licht im Dunkeln zu finden.

PROLOG

26. Juli 2009

Warren fährt wie ein Besessener zum Polizeirevier in Tarrytown, New York, das Lenkrad seines Acura fest umklammernd. Seine drei kleinen blonden Töchter sollten in diesem Augenblick auf dem Weg nach Hause sein, in einem roten Windstar, den seine Schwester Diane fährt, aber irgendetwas ist passiert. Er ist zu der Stelle an der Straße gefahren, wo er mit seiner Schwester vereinbart hat, dass sie warten solle, aber niemand ist gekommen. Keine Spur, weder von Diane, ihren beiden Kindern noch von seinen drei Mädchen.

Autos lösen sich nicht in Luft auf. Kinder werden nicht vom Erdboden verschluckt.

Das Polizeirevier taucht vor ihm auf. Warren stürzt hinein, gefolgt von seinem Vater, der ihn begleitet. Warren platzt mit seiner Geschichte heraus, aber die Polizisten stoppen seinen Redeschwall. »Jemand hat uns schon informiert«, sagt einer zu ihm. »Vermutlich Ihre Frau.«

Die Beamten erklären, dass sie eine Suche im Umkreis von fünfundzwanzig Meilen durchgeführt hätten, jedoch jede Spur von dem vermissten Wagen fehle. Später wird sich Warren fragen, wie sie das Wrack übersehen konnten.

Kinder werden nicht einfach so vom Erdboden verschluckt.

Nach dem letzten Telefongespräch mit seiner Schwester, als sie sich so krank anhörte, ist Diane nicht mehr ans Handy gegangen. Jetzt schlägt Warren der Polizei vor, es zu orten. Handys haben GPS, und ein Signal zu senden, klappt in Filmen immer. Wenn sie das Handy ausfindig machen können, vielleicht können sie Diane dann finden. Im Hintergrund hört Warren, wie einer der Polizisten einen Notruf von Brad entgegennimmt, einem guten Freund der Familie, der ebenfalls angerufen hat, um die Situation zu melden. Vermisster Wagen. Vermisste Kinder. Riesige Sorgen.

Die Polizei, etwas weniger besorgt als Warren und Brad, fordert ihn sanft dazu auf zu gehen. »Etwa eine Meile die Straße hinunter gibt es ein Diner«, sagt einer der Cops. »Wenn Ihrer Schwester unterwegs schlecht geworden ist, ist sie vielleicht dorthin gefahren, um eine Pause einzulegen.«

Warren und sein Vater fahren zum Diner, aber der Windstar ist nicht auf dem Parkplatz. Während sie ein paar Minuten ziellos umherkurven, macht sich ein Gefühl von Nutzlosigkeit in ihnen breit, und Warren fährt zurück zum Polizeirevier. Als sie vorfahren, kommt ein Polizist herausgelaufen und öffnet die Tür des Streifenwagens.

»Steigen Sie ein«, ruft er Warren zu. »Ich muss Sie zum Krankenhaus fahren.«

Warren spürt, wie das Blut aus seinem Kopf weicht. »Es ist etwas Schlimmes passiert«, sagt er in einer düsteren Vorahnung zu seinem Vater.

Sie erreichen das Krankenhaus, und Warren stürzt hinein, brüllt nach seinen Mädchen – seinen Töchtern, seinem Leben. Niemand hat ihm irgendetwas gesagt.

»WOSINDMEINEKINDER?«, schreit er seine Angst hinaus.

Der dort wartende Polizist führt ihn in einen Nebenraum und erzählt Warren, was passiert ist.

Warren schlägt mit der Faust gegen die Wand. Und wieder. Und wieder. Er würde ein Loch ins Universum schlagen, wenn er könnte, die Zeit anhalten, die Uhr zurückdrehen. Der Polizist beginnt zu schluchzen, völlig verzweifelt. Er zeigt Warren ein Bild seines eigenen Babys, und Warren klopft ihm auf den Rücken, während der Polizist vor Mitgefühl und Angst und Frustration in Tränen ausbricht.

Eine seltsame Ruhe legt sich über Warren. Er will mit irgendjemandem über Organspende reden, will sehen, wie er helfen kann, selbst wenn gerade sein eigenes Leben zusammenbricht. Aber überall herrscht Verwirrung, und die Polizisten sind weg.

Er bittet um einen Raum mit einem Telefon, in dem er allein sein kann. Als Erstes ruft er zu Hause an.

Sein Vater schleppt anstelle eines Mobiltelefons einen Zettel in seiner Brieftasche herum mit den Telefonnummern aller Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen. Er reicht ihn Warren, der jeden Einzelnen anruft. Er will derjenige sein, der es ihnen sagt.

Etwa eine Stunde später kommen drei seiner engsten Freunde zum Krankenhaus. Brad und Rob flankieren Warren und führen ihn nach draußen, wo ihr Freund Doug in einem Wagen wartet, um ihn schnellstens heimzubringen. Während sein Vater zurückbleibt, um bei Dianes Ehemann zu sein, kommt Warrens Clique bereits zusammen, um ihn zu beschützen.

Einhundert Meter weiter treffen die ersten Reporter beim Krankenhaus ein, mit Mikrofonen und Kameras ausgestattet. Es ist eine Riesenstory. Irgendjemand muss etwas zu sagen haben. Aber niemand bemerkt den trauernden Vater, während er das Krankenhaus verlässt.

ERSTERTEIL

2009

1

Ein Sommer sollte erholsam sein – warum ist dieser dann so hektisch?, dachte ich, während ich damit begann, Emmas, Alysons und Katies Sachen für einen Wochenendausflug mit ihrer Tante Diane, ihrem Onkel Danny und deren beiden Kindern zu packen.

Die Mädchen hatten mehr Aktivitäten als je zuvor, und ich schien den ganzen Tag damit zu verbringen, sie irgendwohin zu fahren. Der Campingausflug an diesem Wochenende würde für alle eine friedliche Pause sein, auch wenn mir die Vorstellung nicht behagte, dass Emma, Alyson und Katie – acht, sieben und fünf Jahre alt – ohne mich wegfuhren. Wir waren fast nie getrennt. Aber sie freuten sich darauf, mit ihrer Tante und ihrem Onkel zu dem Campingplatz oben im Norden zu fahren, und ich würde zwei ganze Tage haben, an denen ich niemanden irgendwohin kutschieren musste.

Ich nahm die Seesäcke der Mädchen aus dem Schrank und reihte sie auf dem Bett nebeneinander auf. Auf dem rosafarbenen Seesack stand in blauer Schrift Emma. Auf dem blauen stand in Rosa Alyson. Und auf dem kleinsten, violetten Sack stand in Pink Katie. Einfach niedlich. Genau wie meine Mädchen. Jeder Sack war ein Unikat, und zusammen bildeten die drei eine entzückende Harmonie.

Ich nahm Shorts, T-Shirts und Badeanzüge aus den Kommodenschubladen und stapelte sie auf den Betten, damit die Mädchen ihre Auswahl selbst treffen konnten. Obwohl sie noch klein waren, hatte jede meiner Töchter bereits ein Gefühl für Stil entwickelt und klare Vorstellungen davon, was sie tragen wollte, daher wollte ich nicht einfach für sie entscheiden.

Ein paar Minuten später stürmten meine Töchter plappernd und kichernd ins Zimmer und begannen zu packen. Die Geräusche dreier kleiner Mädchen erzeugen eine ganz besondere Art von Musik, und die Wände unseres Hauses hallten ständig wider von dem süßen Gelächter der Mädchen und dem Gekreische fröhlicher Stimmen. Ich freute mich nicht auf die Stille, die sich über mich legen würde, wenn sie weggefahren waren.

»Wir brauchen Badeanzüge«, sagte Emma. »Vergiss nicht die Badeanzüge, Mommy!«

»Sie liegen auf dem Bett«, sagte ich und zeigte darauf. Emma und Alyson waren bereits gute Schwimmerinnen, und Katie hatte es in diesem Sommer im Ferienlager gelernt. Ich selbst ging selten ins Meer oder in einen Swimmingpool, aber ich war froh, dass meine Töchter mehr Mut besaßen. Im Wasser musste ich mir um sie keine Sorgen machen.

»Du wirst allmählich eine richtig gute Schwimmerin«, sagte ich zu Katie. »Du wirst so viel Spaß an dem See haben.«

»Würdest du mit uns schwimmen gehen, wenn du mitkommen würdest?«, fragte Katie.

»Ich mag eigentlich keine Seen«, gab ich zu. »Sie sind so eklig auf dem Grund.«

»Oh, Mommy, du bist so dumm«, kicherte Alyson.

»Wir werden Badeschuhe anziehen, dann wird sich der See nicht eklig anfühlen«, sagte Emma pragmatisch.

Alyson wandte sich mit ihrem strahlenden Lächeln zu mir um. »Meinst du, der Krebs hätte dich nicht erwischt, wenn du Badeschuhe angehabt hättest?«

Ich lachte. Die Geschichte, wie Mommy von einem Krebs in den großen Zeh gebissen wurde, war Teil der Familienlegende. Als ich in Alysons Alter war und in New Jersey lebte, ging ich eines Tages in der Nähe des Hauses, in dem ich aufwuchs, ins Meer. Auf einmal spürte ich einen stechenden Schmerz an meinen Zehen und rannte schreiend aus dem Wasser. Als ich den Strand erreichte, sah ich, dass die Nägel an meinen beiden großen Zehen nur noch halb vorhanden waren. Ich kam zu dem Schluss, dass ein Krebs sie mir angeknabbert hatte. Und sie wuchsen nie wieder richtig nach.

Meine Angst vor Wasser war also nicht ganz unbegründet.

Jetzt sah mich Emma skeptisch an, während ich die Geschichte wieder einmal erzählte. Sie war alt genug – und hinreichend klug –, um viele Fragen zu stellen. »Wie konnte denn ein einziger Krebs deine beiden Zehennägel abknipsen?«

»Ich weiß nicht, aber so war es«, sagte ich.

»Mommy, in Seen gibt es keine Krebse. Das heißt, dir würde nichts passieren«, versprach Alyson.

Wir begannen, die Seesäcke mit allen Kleidungsstücken zu füllen, die drei kleine Mädchen in zwei Tagen tragen konnten. Ich sah mich im Zimmer um und vergewisserte mich, dass sie nichts Wichtiges vergessen hatten.

»Nimm deinen Bären mit«, sagte ich zu Katie, deren Lieblingsstofftier der selbst gemachte Teddy war, den wir im örtlichen Einkaufszentrum zusammengebastelt hatten. »Und nehmt alle eure Tagebücher mit, damit ihr über das Wochenende schreiben könnt.« Ich hoffte, dass sie mir jedes Detail erzählen konnten, wenn sie zurückkamen.

Während die Mädchen die letzten Dinge in ihre Campingsäcke stopften, eilte ich in die Küche hinunter, um Essenspakete für sie zu packen. Ich hatte Marshmallows gekauft, die sie sich über einem Lagerfeuer grillen könnten, was mir für ein Campingwochenende unerlässlich erschien. Außerdem Honey Nut Cheerios, ihr Lieblingsmüsli, und Erdnussbutter für Emma, die nichts lieber mochte als die fettarme feine Skippy-Erdnussbutter. Es war unmöglich, sie mit einer anderen Marke (oder gar Vollfett) auszutricksen, da sie den Unterschied sofort herausschmeckte. Da ich nicht wusste, was für eine Erdnussbutter meine Schwägerin Diane einpacken würde, entschied ich, lieber auf Nummer sicher zu gehen.

Auf einmal hatte ich ein flaues Gefühl im Magen. Nennen Sie mich sentimental, aber ich würde meine Mädchen übers Wochenende schrecklich vermissen. Natürlich, ich hoffte, sie würden Spaß haben, aber ich konnte es schon jetzt kaum erwarten, dass sie wiederkamen, damit wir unseren hektischen Sommer fortsetzen konnten.

Da die Mädchen wegfuhren, hätte ich mich eigentlich auf ein Wochenende allein mit meinem Mann freuen sollen. Aber meine Töchter waren der einzige Vollzeitjob, in dem ich derzeit arbeitete, und unsere gemeinsame Freude. Die Wochenenden waren im Allgemeinen den Sportveranstaltungen, Theaterproben und Partys der Mädchen gewidmet. Wir unternahmen fast alles zusammen, und die Mädchen füllten jede Minute von uns aus. Die Aussicht auf zwei Tage mit meinem Ehemann ohne die Kinder war für mich nicht aufregend, sondern beunruhigend.

Sie kommen am Sonntag wieder, rief ich mir in Erinnerung. Hör auf, dir Sorgen zu machen.

Warrens Schwester, Diane Schuler, hatte den Ausflug organisiert. Sie plante, mit unseren Töchtern und ihren beiden Kindern, Bryan und Erin, zu einem Campingplatz zu fahren. Ihr Mann, Danny, würde vorausfahren, um alles für ihre Ankunft vorzubereiten. Er und Diane hatten sich ein paar Jahre zuvor ein Wohnmobil gekauft, und im Sommer fuhren sie damit gern zu dem Campingplatz am Hunter Lake in den Catskill Mountains, den sie als Ausgangspunkt für zahlreiche Unternehmungen als ideal erachteten.

Die Mädchen hatten im Jahr zuvor mit Diane und Danny bereits einen ähnlichen Campingausflug unternommen und betrachteten das Wochenende als perfektes Sommervergnügen.

»Soll Mommy nächstes Mal mitkommen?«, hatte ich sie gefragt, als sie von ihrem letzten Ausflug nach Hause gekommen waren.

»Nein«, war Emmas und Alysons entschiedene Antwort. »Das ist unser besonderer Ausflug.«

Nur Katie war zögerlich gewesen. »Gehst du mit Daddy und uns einmal campen?«

»Ich glaube nicht. Dafür habt ihr Tanten und Onkel – um die Dinge zu tun, die eure Eltern nicht mögen.«

Der Onkel der Mädchen, Danny, ging gern jagen, angeln und wandern. Da Warren eher ein Football- und Baseballtyp ist, hatte er nichts dagegen, dass Danny für ein Outdoor-Wochenende mit den Mädchen zuständig war. Warren hatte als Kind mit seiner Familie zur Genüge Campingurlaub gemacht, da es damals das Einzige war, was seine Familie sich leisten konnte. »Der Grund, weshalb ich arbeite, ist, damit ich nie wieder campen gehen muss«, witzelte er manchmal.

Angesichts meiner eigenen Abneigung gegen Käfer und Schwimmen in der freien Natur unterstützte ich diese Einstellung von ganzem Herzen. Aber wir wollten, dass die Mädchen jede mögliche Erfahrung machen konnten, und wenn Diane und Danny sie mit der freien Natur vertraut machen wollten, waren wir voll und ganz dafür. Unsere Töchter hatten die ganze Woche aufgeregt davon geredet, wie sie angeln, schwimmen und rudern gehen würden, daher freute ich mich für sie, insgeheim erleichtert, dass ich selbst nicht teilnehmen musste.

Der Campingausflug würde jedoch auch eine der seltenen Zeiten sein, in denen die Mädchen und ich getrennt waren. Wir hatten immer Spaß zusammen, und egal, ob wir das Abendessen kochten oder Cupcakes backten, durch den Supermarkt stürmten oder neue Kleider kauften, sie hingen immer an meinem Rockzipfel und waren meine ständigen Begleiter. Ich würde sie vermissen, aber sie würden mit Erwachsenen zusammen sein, die sie liebten, an einem Ort, an dem sie schon einmal gewesen waren. Was konnte schon passieren?

Die Vorstellung, dass meine drei Mädchen zwei Tage auf einem Campingplatz verbringen würden, bereitete mir dieselben banalen Sorgen, die sich jede Mom machen würde. Brauchten die Mädchen extrastarkes Mückenspray? Würden sie an einem fremden Ort schlafen können? Wie würden sie mit schleimigem Zeugs auf dem Grund des Sees klarkommen? (Offensichtlich nur meine Sorge, nicht ihre.) Ich rief mir in Erinnerung, dass ein Ausflug in die Catskill Mountains mit fürsorglichen Familienangehörigen nun wirklich keine Trekkingtour in die Wildnis war.

Es hatte nur einen einzigen Haken gegeben, nämlich als Diane am Abend zuvor angerufen hatte, um zu sagen, dass ihr und Warrens Vater nicht mitkommen werde. Mr. Hance, wie wir Erwachsenen ihn bis heute nennen, war bei dem Ausflug im letzten Jahr dabei gewesen, als Emma, Alyson und Katie sich zum ersten Mal mit ihrer Tante, ihrem Onkel und deren Kindern an den Hunter Lake wagten. Fünf Heranwachsende, egal, wie gut erzogen, können in viele Richtungen davonspringen, und ich fühlte mich damals wohler, wenn drei Erwachsene zur Beaufsichtigung dabei waren.

»Ich werde jemand anders bitten, mitzukommen«, hatte Diane am Abend vor dem Ausflug gesagt und mehrere entferntere Familienangehörige aufgezählt, die sie fragen könnte. Kurz darauf, nachdem die Mädchen eingeschlafen waren, rief sie noch einmal an, um mir zu sagen, dass alle, die sie kontaktiert hatte, zu tun hätten. Sie werde die Kinder selbst hinfahren.

Ich verspürte ein irrationales ängstliches Unbehagen.

»Diane hat keinen anderen Erwachsenen im Wagen«, sagte ich zu Warren, nachdem ich aufgelegt hatte. »Vielleicht sollten die Mädchen besser nicht mitfahren.«

»Warum denn nicht? Du fährst ständig fünf Kinder«, erwiderte er.

Er hatte recht. Fahrgemeinschaften waren ein fester Bestandteil des Lebens in unserer kleinen Stadt, und Dianes Kinder oder die Freundinnen der Mädchen zwängten sich oft alle zusammen in unseren Minivan. Ich fuhr oft eine ganze Schar Kinder zum Fußballtraining, zum Turnunterricht oder zu einer Geburtstagsparty, ohne lange zu überlegen. Eine Fahrt in den Norden erschien mir irgendwie anders, aber Warren rief mir in Erinnerung, dass der Campingplatz nicht so weit entfernt war, vielleicht eine Stunde mit dem Auto. Ich sollte mich entspannen. Alles würde gut gehen. Auf Diane könne man sich verlassen.

Während die Mädchen am Freitag darauf warteten, zu ihrem Ausflug aufzubrechen, machten sie im Vorgarten Turnübungen. Emma und Alyson schlugen anmutig Rad, und Katie versuchte es mit ein paar Purzelbäumen. Beim Anblick meiner drei Töchter, die fröhlich zusammen spielten, wurde mir warm ums Herz. Meine Mädchen waren mehr als nur Geschwister, sie waren beste Freundinnen.

Diane schien fröhlich und bereit für das Wochenende, als sie mit ein paar Minuten Verspätung mit ihren beiden Kindern im Schlepptau vor unserem Haus vorfuhr. Da mein Wagen eine dritte Sitzreihe hatte, verfrachteten wir die Kinderschar und die Ausrüstung von ihrem Jeep in meinen roten Ford Windstar. Katie benötigte einen Kindersitz, den wir sicher befestigten. Stets gut organisiert, hatte Diane an jedem Platz Saftpäckchen bereitgestellt und in jeder der beiden Sitzreihen einen DVD-Player mit kleinem Monitor stehen, um die Kinder bei Laune zu halten.

»Jeder geht noch mal aufs Klo«, rief Diane munter. »Wir halten erst wieder an, wenn wir da sind!«

Emma nahm den Platz neben ihrer zweijährigen Cousine Erin ein. Hochgewachsen und schlank, schien und benahm sich Emma älter, als ihre acht Jahre vermuten ließen, und dank ihres aufgeschlossenen, reifen Wesens war sie die ideale Babysitterin im Auto. Sie war begabt in Sport und in der Schule und hatte etwas von meinem Perfektionismus geerbt. Sie strich sich das Haar morgens gern zu einem akkuraten Pferdeschwanz glatt (»Keine Knubbel!«, beharrte sie immer), und ihre Kleider wurden jeden Morgen sorgfältig ausgewählt. Sie zeigte schauspielerisches Talent, und seit sie im Schultheaterstück in diesem Jahr die Rolle der Cinder-Elly spielen durfte, wurde ich das Gefühl nicht los, dass sie vielleicht ihren späteren Beruf gefunden hatte.

Im Wagen sorgte Emma dafür, dass ihre Schwestern ihre eigenen iPods hatten, damit es keinen Streit darüber geben würde, welche Musik gehört wurde.

»Hat jeder sein Kissen?«, fragte sie, während sie sich umsah. Sie war wie immer die gute große Schwester und ältere Cousine, die sicherstellte, dass es alle auf der Fahrt bequem hatten.

Die siebenjährige Alyson schnallte sich mit ihrer üblichen vergnügten Art an. Unbeschwert und fröhlich war sie mit einem Lächeln auf die Welt gekommen, das nie zu verblassen schien. Ihre Lehrerin in der ersten Klasse sagte einmal zu mir, dass Alyson das freundlichste Mädchen weit und breit sei – und das beliebteste. Selbst die Jungen wollten mit ihr befreundet sein, da sie schnell und sicher laufen, springen und am Klettergerüst hochklettern konnte wie kaum eine andere. Alyson konnte jeden – einschließlich ihrer Mutter – mit ihrem freundlichen Lächeln und ihrer großzügigen Wesensart aufheitern. Sie strahlte fast immer in die Welt hinaus, und heute war es nicht anders.

Als das Nesthäkchen in der Familie wurde die fünfjährige Katie manchmal etwas anhänglich, aber dieser Wochenendausflug verunsicherte sie kein bisschen. Nach einer großen Umarmung – sie war eine Expertin für Umarmungen – stieg sie in den Wagen, bereit für das lang ersehnte Abenteuer. Katie sprudelte über vor Liebe, bot freimütig Küsse an und bat oft um welche. Ihre großen Schwestern sagten immer, ich würde sie verhätscheln, aber welches dritte Kind wird nicht ein klein wenig anders behandelt? Da sich Emma und Alyson altersmäßig so nahe standen, hatten sie immer einander. Und während die großen Schwestern zur Schule gingen, blieben sie und ich zu Hause und verbrachten den Tag miteinander.

Warren fuhr in dem Moment vor unserem Haus vor, als Diane eben losfahren wollte. In der Annahme, dass sie nicht mehr da sein würden, wenn er nach Hause kam, hatte er sich bereits von ihnen verabschiedet. Doch durch Dianes Verspätung bekam er eine weitere Gelegenheit.

»Jetzt darf ich mich noch einmal von meinen Mädchen verabschieden«, rief er und lief zu meinem Wagen, um jede von ihnen zu umarmen und zu küssen und sich zu vergewissern, dass alle sicher angeschnallt waren. Wir winkten beide, als sie losfuhren.

Während ich zusah, wie der Wagen die Straße hinunter verschwand, verdrückte ich ein paar Tränen.

»Was ist los?«, fragte Warren.

Ich schüttelte den Kopf, außer Stande, es zu erklären. Ich wollte bei ihnen sein.

Ich ging zurück ins Haus und lenkte mich mit Aufräumen und Putzen ab. Nach nur wenigen Minuten, so schien es, rief Diane an, um zu sagen, dass sie den Campingplatz wohlbehalten erreicht hatten.

»Ihr seid schon da?«, fragte ich erfreut.

»Ich habe doch gesagt, es ist nicht weit.«

Wir plauderten ein bisschen, und ich verspürte eine Welle der Erleichterung darüber, dass das Wochenende reibungslos begonnen hatte. Als wir wussten, dass alles in Ordnung war, beschlossen Warren und ich, uns einen schönen Abend zu machen, und fuhren zu unseren engen Freunden Brad und Melissa Katinas, die in ihrem Garten eine Hummerparty gaben. Wir tanzten unter den Sternen, während sich unsere Freunde köstlich über Warrens Kleidung amüsierten. Aus irgendeinem Grund hatte er entschieden, mich an diesem Abend mit rosa karierten Shorts, einem weißen Gürtel und einem rosafarbenen Button-down-Hemd zu überraschen. Weiße Halbschuhe rundeten sein Outfit ab. Da er wusste, dass ich traurig sein würde, wenn die Mädchen nicht zu Hause waren, hatte er sich allem Anschein nach vorgenommen, mich zum Lachen zu bringen. Es klappte.

An diesem Abend ereignete sich nichts Außergewöhnliches – wir verbrachten einfach eine schöne Zeit mit Freunden. Wenn ich heute manchmal auf diese Party zurückblicke, frage ich mich, ob wir je wieder einen solchen Abend erleben werden. Genau diese Normalität ist das, was ich mir nicht mehr vorstellen kann. Die Schlichtheit eines glücklichen Abends, ungetrübt von Verlust, Leere und Schmerz.

Am Samstagmorgen stand Warren früh auf, während ich noch liegen blieb und mir den Kopf zerbrach. Obwohl ich wusste, wie glücklich ich mich schätzen konnte – meine Mädchen waren zufrieden und wurden geliebt –, wollte ich noch mehr für sie. Wie so viele Mütter überlegte ich ständig, was sie glücklich machen würde. Auch wenn sich mein Leben im Grunde um Ferienlager und Fahrgemeinschaften drehte, genoss ich all die Aufgaben der Mutterschaft. Aber meine Gedanken hörten nie auf, um »Was als Nächstes?« und »Mach ich das richtig?« zu kreisen. Da die Mädchen an diesem Wochenende nicht zu Hause waren und meine Kochkünste oder Ratschläge nicht benötigten, kreisten sie statt um all die kleinen Alltagsprobleme um ihre Zukunft.

Wir lebten in Floral Park auf Long Island, in dem Haus, in dem Warren aufgewachsen war und das von seinem Urgroßvater errichtet worden war. Warren mochte das Gefühl tief verwurzelter Tradition in den eigenen vier Wänden, aber Emma und Alyson teilten sich ein Zimmer, und Katies Zimmer war kaum größer als ein Wandschrank. War es nicht an der Zeit für einen Umzug? Brauchten sie nicht ihre eigenen Zimmer? Und dann kam die Frage nach den Schulen. Mehrere unserer Freunde waren bereits in eine nahe gelegene Stadt gezogen, in der es eine Middle School gab, eine weiterführende Einrichtung für die Zeit nach der Grundschule, die Floral Park nicht hatte. Katie ging noch in den Kindergarten, aber sollten wir nicht langfristiger planen?

Das Telefon klingelte ein paar Mal, aber ich nahm nicht ab. Meine Freundin Jeannine Votruba schrieb mir eine SMS, um zu hören, wie es Warren und mir ergehe, so ganz auf uns allein gestellt. Wir hatten uns vor Jahren im Mütterklub in der Stadt kennengelernt. Mit ihrer geballten Energie und ihrem entschlossenen Auftreten könnte Jeannine vermutlich jedes Unternehmen in Amerika leiten. Aber im Augenblick widmete sie ihre Managerqualitäten hauptsächlich ihren vier kleinen Kindern und ihren vielen Freundinnen, zu denen auch ich gehörte. Ihre Töchter Sydney und Nina standen Emma und Alyson so nah wie Schwestern.

Wir amüsieren uns prächtig, schrieb ich rasch zurück.

Sollte sie sich ruhig jede Menge Spaß, tollen Sex und romantische zweite Flitterwochen vorstellen. Wenn ich ihr gegenüber zugab, dass ich ohne die Mädchen in meiner Nähe Trübsal blies, würde sie prompt rüberkommen und mir sagen, ich solle mich wieder einkriegen. Und sie hätte recht. Ich wusste, dass ich versuchen sollte, diese ungestörte Zeit mit Warren zu genießen.

Du hast ein wundervolles Leben mit drei schönen Kindern, sagte ich mir. Genieß es einfach.

Ich wusste, dass ich gesegnet war. Meine Mädchen waren von Glanz umgeben und schienen vor Freude zu strahlen. Obwohl sie noch jung waren, hatten sie große Herzen und genügend Selbstbewusstsein, um den Benachteiligten zu helfen. Emmas Lehrerin in der dritten Klasse hatte uns einmal erzählt, wie unglaublich freundlich meine Tochter zu einem autistischen Jungen in ihrer Klasse sei. Er reagiere auf Emma besser als auf alle anderen – vermutlich, da sie sich immer die Zeit nahm, mit ihm zu reden und ihm besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Ich war stolz darauf. Meine Töchter zu lieben und Spaß mit ihnen zu haben war wirklich ein Kinderspiel.

Ein paar Tage zuvor hatte mich eine Frau, die ich nicht kannte, in dem Strandklub angesprochen, in den die Mädchen zum Tages-Ferienlager gingen. »Sind Sie Alyson Hance’ Mutter?«, wollte sie wissen.

»Die bin ich.«

»Es freut mich, Sie kennenzulernen.« Sie streckte mir die Hand entgegen. »Sie haben ein solch glückliches Kind. Ich habe mir schon ein paar Mal gedacht, dass Sie ein wirklich wundervoller Mensch sein müssen.«

Diese Worte kamen mir in den Sinn, während ich an jenem Samstagmorgen im Bett lag. Ich lächelte in mein Kissen. Ja, ich hatte glückliche Kinder. Und was könnte wichtiger sein als das? Alle bewunderten Alysons Leichtigkeit. Ihr Lächeln umarmte die ganze Welt. Um sie musste ich mir keine Sorgen machen. Und Katie, obwohl sie erst fünf war, erwartete stets, dass die Welt gut zu ihr war. Bis jetzt war sie nicht enttäuscht worden. Emma war das Energiebündel der Familie – sie war unglaublich unternehmungslustig. Ihre Tage begannen in diesem Sommer um acht Uhr mit einem Ergänzungsprogramm in der Schule, und dann, um halb zehn, fuhr ich meine Töchter zum Ferienlager, wo sie einen ganzen Tag lang schwimmen, Sport treiben und am Strand spielen konnten.

Jeden Tag um vier Uhr, wenn das Ferienlager zu Ende war, fuhren die anderen Mädchen in einer Fahrgemeinschaft nach Hause, und Emma sprang in meinen Wagen, verschlang rasch einen Snack und zog sich um, während ich sie zum Fußballtraining fuhr. Zwei Stunden später rasten wir in eine andere Stadt (wobei sie sich noch einmal umziehen musste), damit sie für ein Stück mit einer Kirchen-Theatergruppe proben konnte. Emma war eines der jüngsten Mitglieder der Schauspieltruppe, und da die Erwachsenen jeden Abend erst nach der Arbeit zur Bühne kommen konnten, dauerten die Proben bis zehn Uhr. Die Inszenierung von Die Schöne und das Biest würde bestimmt wundervoll werden, aber war es das alles wirklich wert?

»Ich bin so müde«, stöhnte Emma eines Morgens, als ich sie um sieben Uhr aus dem Bett holte.

Oh-oh. Worauf hatten wir uns da eingelassen? Ich wollte nicht, dass sie sich Stress und Druck ausgesetzt fühlte.

»Du unternimmst sehr viel.« Zärtlich strich ich ihr über den Kopf. »Vielleicht solltest du etwas kürzer treten. Sollen wir mit dem Ergänzungsprogramm aufhören?«

»Nein!« Sie richtete sich kerzengerade auf. »Dafür wurde ich eigens ausgewählt.«

»Dann mit dem Fußball?«

»Nicht Fußball«, sagte sie. »Ich habe mich für das Team beworben, und ich habe es geschafft. Ich kann damit nicht aufhören.«

»Aber das Ferienlager? Du musst nicht ins Ferienlager.«

»Neeeein! Ich liebe das Ferienlager.«

Na ja, das war’s dann auch schon gewesen. Ich hatte sie gar nicht erst nach dem Theater fragen müssen. Keiner von uns wollte, dass sie das Stück aufgab. Emma war wie verwandelt, sobald sie die Bühne betrat. Ich liebte es, ihr dabei zuzusehen, und konnte mir gut vorstellen, dass sie eines Tages eine begabte Schauspielerin sein würde.

Warren, der an strikte Schlafenszeiten glaubte, war nicht einverstanden damit, dass die Tage und Abende immer länger wurden. Die Mädchen brauchten ihren Schlaf. Oder vielleicht versuchte Warren auch nur zu verhindern, dass seine kleinen Mädchen zu schnell erwachsen wurden. Emma war erst acht – wie viel würde sie um die Ohren haben, wenn sie fünfzehn war?

»Aber Daddy, ich will in dem Theaterstück mitspielen«, sagte Emma, als sie uns eines Abends darüber diskutieren hörte. »Ich weiß, es ist spät, aber ich werde jetzt gleich schlafen gehen. Ich werde nicht jammern.«

Zu viel? Zu wenig? Genau richtig? War Emmas Terminkalender zu voll, oder bekam sie genau die Anregung, die sie brauchte?

Bei dem Gedanken an die Mädchen wollte ich auf einmal ihre Stimmen hören. Ich sah auf die Uhr und rief Diane an. Meine Töchter waren noch zu jung, um ihre eigenen Handys zu haben, daher gab Diane ihr Handy an sie weiter, und wir unterhielten uns kurz über ihre Pläne für den Tag. Boot fahren! Schwimmen! Wandern! Ihre Begeisterung war geradezu durchs Telefon zu hören. Wir gaben uns Abschiedsküsschen durch die Leitung, und für den Rest des Tages lächelte ich, während ich mir vorstellte, wie sie fröhlich auf dem Campingplatz herumtollten.

Als wir uns an jenem Abend wieder sprachen, berichtete Alyson stolz von ihren Schwimm- und Paddelerlebnissen. Dass Emma und sie weit auf den See hinausgeschwommen seien und dann auf die Badeplattform kletterten, wo sie ihre Kopfsprünge und »Po-Bomben«, wie sie sagte, übten.

»Ich bin nicht bis zur Badeplattform geschwommen, Mommy, aber ich bin in den See gegangen«, berichtete Katie, als sie an der Reihe war, mit mir zu reden.

»Das ist ja toll«, lobte ich, während ich über die Freude in ihrer Stimme lächelte. »Und ich verspreche dir, nächstes Jahr wirst du das ganze Stück mit deinen Schwestern hinausschwimmen.«

Auf dem Campingplatz gab es eine kleine Spielhalle für Kinder, und sobald dieses Telefonat beendet wäre, würden sie rübergehen, um ein paar Münzen in die Automaten zu werfen.

»Ich habe Vierteldollarmünzen für euch eingepackt«, erinnerte ich Emma, die noch einmal das Telefon bekam. »Vergiss nicht, sie mit deinen Schwestern zu teilen.«

»Ich weiß, Mom, ich werde sie teilen«, sagte sie. »Und nach der Spielhalle werden wir Marshmallows grillen.«

Um Emma musste ich mir keine Sorgen machen. Sie übernahm immer die Verantwortung, wenn ich nicht da war, und stand ihren Schwestern bei. Ich freute mich erneut darüber, dass die Mädchen mit ihrer Tante und ihrem Onkel Erfahrungen machten, die sie mit Warren und mir nicht gemacht hätten.

Am Sonntagmorgen wachte ich in Hochstimmung auf. Das Ende des Wochenendes nahte. Die Mädchen würden bald zu Hause sein.

So besorgt ich auch gewesen war, dass die Kinder sicher zum Campingplatz kamen, hatte ich mir doch nie Gedanken um ihre Rückfahrt gemacht. Vielleicht ist Sorge eher eine irrationale Reaktion als eine echte Antwort auf die Realität. Als ich sie hatte abfahren sehen, hatte ich mich hilflos gefühlt, da ich sie nicht mehr beschützen konnte. Aber jetzt, wo sie auf dem Weg nach Hause waren, ging ich davon aus, dass ihnen keine Gefahr mehr drohte. Dass meine Schwägerin sie schon bald gesund und munter auf meiner Türschwelle abliefern würde. Vielleicht war das nicht logisch – aber wann war Sorge das überhaupt?

Am späten Vormittag rief Emma in Warrens Büro an, um ihm zu sagen, dass Tante Diane etwas verspätet gestartet war, sie jetzt aber alle im Wagen saßen und auf dem Weg nach Hause waren. Es war typisch Emma, sich Gedanken wegen der Zeit zu machen. Wie ihr Daddy war sie sehr pünktlich und muss sich Sorgen um ihre Theaterprobe gemacht haben. Warren rief mich an, um mir die Nachricht zu überbringen, und ich begann zu überlegen, wie ich den Tag umstrukturieren könnte. Kurz nach Mittag – um 12.08 Uhr, wie die Aufzeichnungen später zeigten – sprach ich mit Diane, um nachzufragen, was los war. Nur ein verspäteter Start, erklärte sie. Kein Problem und kein Grund zur Sorge.

Wir begannen die Art Gespräch, die man unzählige Male mit Freunden oder Familienangehörigen führen könnte. Zwei Moms, die über die Logistik plauderten. Wir redeten darüber, um wie viel Uhr sie zu Hause sein würden, und über Pläne für die kommende Woche. Diane wollte zu Emmas Theaterstück kommen, aber da sie Vollzeit arbeitete, fragte sie, ob sie vielleicht Karten für den nächsten Sonntag bekommen könne. Wir gingen durch, wie viele Tickets sie brauchen würde. Erin, die Kleine, könnte auf ihrem Schoß sitzen, und Danny und der fünfjährige Bryan würden zu Hause bleiben, daher genügte eine Karte.

»Ich werde sehen, dass ich auch zu dieser Vorstellung komme«, versprach ich.

»Wunderbar.«

Ich rief meine Freundin Melissa an, um ihr den geänderten Tagesablauf mitzuteilen. Melissa, eine hübsche Blondine mit einem perfekt eingerichteten Haus, das aussieht, als hätte sie Personal, das es rund um die Uhr putzt, hält alles so tadellos in Ordnung, dass ihr Mann Brad gern scherzt, sie würden in einem Museum leben. Aber sie ist einer der warmherzigsten Menschen, die ich kenne, und sie und Brad, ein erfolgreicher Wall-Street-Typ, zählen zu unseren engsten Freunden. Unsere ältesten Töchter waren damals im selben Alter und hatten denselben Namen, und beide Emmas hatten eine Rolle in dem Sommertheaterstück bekommen.

»Emma wird heute nicht zur Theaterprobe gehen«, erklärte ich Melissa die Situation. »Die Mädchen kommen erst spät nach Hause.«

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Melissa.

»Alles bestens.«

Aber um 12.58 Uhr war nicht mehr alles bestens.

Das Telefon im Haus klingelte, und als ich abnahm, sagte Emma: »Mit Tante Diane stimmt etwas nicht.«

»Was? Was ist los?«, fragte ich.

»Ich weiß nicht«. Emma weinte, und sie klang verängstigt. Ich hörte Alyson im Hintergrund, ebenfalls weinend. Mein Herz begann zu hämmern. Was war da los?

Diane nahm ihr das Telefon ab. »Sie sind nur albern«, sagte sie. »Sie spielen.« Aber ihre Worte klangen lallend, fast wirr. Ich nahm an, dass sie auf dem Weg nach Hause waren und irgendwo am Straßenrand angehalten hatten.

»Geht es euch gut? Wo seid ihr?«, fragte ich immer wieder.

Ich bekam keine Antwort.

»Gib mir noch einmal Emma«, sagte ich.

Diane redete weiter, ihre Sätze klangen verworren, und ich suchte nach meinem Handy, um Warren anzurufen. Mein starker, fähiger Ehemann konnte sich darum kümmern. Er würde mit seiner Schwester reden und die Sache klären. Diane legte eben auf, als Warren zur Tür hereinkam.

»Ich habe eben mit deiner Schwester gesprochen, und sie lallt. Sie … sie klingt betrunken«, sagte ich, während ich immer nervöser wurde.

»Unmöglich!«

»Ich weiß, aber sie klang so seltsam. Vielleicht hat sie einen epileptischen Krampf. Oder einen Schlaganfall?«

Er schnappte sich das Telefon und rief sie sofort zurück. Sie nahm ab, und Warren wusste sofort, was ich meinte – dass irgendetwas nicht stimmte. Sie konnte kein zusammenhängendes Gespräch führen. Verängstigt, wie er war, ging er sofort zur Offensive über. Er würde hinfahren und sie holen.

»Bleib, wo du bist«, hörte ich ihn sagen. »Beweg dich nicht von der Stelle. Hast du verstanden, Diane? Steig nicht wieder in den Wagen. Beweg dich nicht von der Stelle!«

Er bat darum, mit Emma zu sprechen, um herauszufinden, wo genau sie waren. »Sag mir, was für Schilder du an der Straße siehst«, sagte er zu unserer Achtjährigen. »Lies mir alle Wörter vor, die du entziffern kannst.«

Anstatt auszuflippen, fühlte ich mich unerwartet ruhig. Es gab ein Problem, ja – aber Warren würde sich darum kümmern. Diane musste es zu einer Raststätte geschafft haben, was hieß, dass andere Erwachsene da waren, um die Kinder zu beruhigen. Ich stellte sie mir in einem McDonald’s vor, mit vielen Leuten in der Nähe, die Mädchen in sicheren Händen. Irgendjemand half ihnen bestimmt.

Warren hörte zu, während Emma sorgfältig von den Straßenschildern ablas, die Wörter buchstabierend, die sie nicht kannte. Mein gutes Mädchen. Sie weinte nicht mehr und hörte sich gefasst an. Warren vermutete, dass sie an einer Raststätte in der Nähe der Tappan-Zee-Brücke in Tarrytown seien.

»Ich bin schon unterwegs«, sagte er, während er zur Tür stürzte. Er bat seinen Dad, ihn zu begleiten. Wenn Diane nicht fahren konnte, würden sie zwei Leute benötigen, um die Kinder und den Windstar zurück nach Hause zu bringen. Als er das Haus verließ, rief er mir zu: »Ruf die Polizei! Ruf den Rettungsdienst!«

Ich ging die Gespräche, die ich gerade mit Diane und mit Emma geführt hatte, in Gedanken noch einmal durch und kam zu dem Schluss, dass meine Schwägerin einen epileptischen Anfall erlitten haben musste. Das war die einzige logische Erklärung. Mit derlei Krampfanfällen kannte ich mich ein bisschen aus, da Danny vor nicht allzu langer Zeit aus heiterem Himmel einen erlitten hatte. Und eine meiner ältesten Freundinnen aus dem Kindergarten musste regelmäßig mit den Anfällen ihres Mannes, versursacht durch einen Gehirntumor, fertigwerden. Ich hatte von allen Symptomen gehört. Dianes schienen in das Muster zu passen.

Ich wählte den polizeilichen Notruf und platzte mit der Geschichte heraus. Wir brauchten Hilfe. Meine Schwägerin fuhr meine Kinder von einem Campingausflug nach Hause, und irgendetwas schien nicht zu stimmen.

»Ich glaube, ihr ist schlecht oder sie krampft. Ihr Bruder hat auch mit Epilepsie zu tun. Es ist auf jeden Fall ein medizinischer Notfall«, sagte ich.

Ich betonte, dass fünf Kinder im Wagen saßen. Fünf Kinder. Soweit ich wusste, hatte der Wagen an einer Raststätte in Tarrytown gehalten, aber ich konnte nicht sagen, wo genau.

Der Polizist hörte höflich zu, aber er reagierte nur lakonisch. »Sie wissen nicht, wo sie sind?«, fragte er gelangweilt.

»Nein. Nach dem, was meine Tochter gesagt hat, sind sie an einer Raststätte in Tarrytown«, wiederholte ich. Und dann fügte ich sicherheitshalber hinzu: »Sie ist acht Jahre alt.« Ob ich mit Emmas Alter die Gültigkeit ihrer Aussage bekräftigen oder die Dringlichkeit der Situation betonen wollte, weiß ich bis heute nicht.

»Na ja, da müssen Sie die Polizei in Tarrytown anrufen«, sagte der Cop. »Vielleicht kann man Ihnen dort weiterhelfen. Das ist außerhalb unseres Bereichs.« Er nannte mir eine Telefonnummer, unter der ich es versuchen sollte.

Ich legte auf, und auf einmal spürte ich, wie mich mein ruhiges Gefühl verließ, als eine Welle der Hilflosigkeit über mich hereinbrach. In Tarrytown anrufen? Ich musste alle Hilfe mobilisieren, die ich konnte, aber mir wurde bewusst, wie unglaublich meine Geschichte klang. Ratlos rief ich Melissa, Brads Frau, an und erzählte ihr alles, berichtete noch einmal die zusammenhangslosen Details. Brads Bruder war Cop, vielleicht hatte er ein paar Vorschläge. Was sollte ich der Polizei sagen, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen?

»Ich komme sofort vorbei«, sagte Melissa.

»Das ist nicht nötig«, versicherte ich ihr.

Ich versuchte meine Cousine Liz zu erreichen, die in der Nähe von Tarrytown lebte. Vielleicht konnte sie schnell zu dem Wagen gelangen. Aber ich erreichte nur ihren Anrufbeantworter. Also rief ich meine Mutter in New Jersey an und hoffte, dass sie mir sagen könne, wie Liz zu erreichen war.

»Soll ich zu dir kommen?«, fragte meine Mom mit leicht bebender Stimme.

»Nein, Mom, es wird alles gut gehen. Die Mädchen sind an einer Raststätte. Ich bin sicher, es kümmert sich jemand um sie. Dort müssen viele Leute sein. Warren ist in diesem Augenblick auf dem Weg dorthin.«

Ich wählte die Nummer der Polizei in Tarrytown, wurde ein paar Mal weiterverbunden und erzählte meine Geschichte noch einmal jedem, der bereit war, mir zuzuhören. Schließlich wurde ich mit einem Polizisten verbunden, der mich nach meinem Autokennzeichen und meinem Fahrzeugbrief fragte. Ich konnte mich an die Nummer nicht erinnern. Vielleicht war ich doch verunsicherter, als mir bewusst war. Ohne diese Information konnte er mir nicht weiterhelfen, und ich legte entnervt auf.

Melissa tauchte vor meiner Tür auf und trat ins Wohnzimmer. Sie wusste, wie sie ihr Haus tadellos in Ordnung hielt, aber im Augenblick konnte nicht einmal sie dieses Chaos lindern. Nach meinem Anruf bei ihr hatte Brad für mich den Notruf verständigt. Schließlich fuhr die Polizei zu der einzigen großen Raststätte an einem Highway in Tarrytown, fand jedoch nichts, was zu unserer Beschreibung passte.

Melissa wählte Dianes Handynummer. Keine Antwort. Ich wusste nicht, dass Warren es auf ihrer Nummer bereits immer wieder versucht hatte.

»Diane liegt vermutlich in einem Krankenwagen«, sagte ich noch einmal zu Melissa. »Ich nehme an, sie hatte einen epileptischen Anfall.«

Ich konzentrierte mich auf praktische Überlegungen, ging durch, was zu tun war. Mit Emmas Theaterstück und Alysons und Katies Aktivitäten war die vor uns liegende Woche bereits randvoll mit Verpflichtungen ausgefüllt. Aber wenn Diane im Krankenhaus lag, dann würde ich einspringen und mich um Erin und Bryan kümmern. Dafür sind Familien da. Die ganze Sache schien eine kleinere Unannehmlichkeit zu sein, und vielleicht eine gute Geschichte, die man später erzählen konnte.

Was kann ich sonst noch tun?, überlegte ich. Danny war als Letzter mit ihnen zusammen gewesen, daher wusste er vielleicht etwas. Diane und die Kinder hatten vorgehabt, den Campingplatz als Erste zu verlassen, während Danny noch geblieben war, um das Wohnmobil zu packen. Aber jetzt schien alles unklar. Als ich Danny endlich erreichte, klang er benommen. Er war schon vor einer Weile nach Hause gekommen und auf dem Sofa eingeschlafen, bevor er an jenem Abend zur Arbeit musste.

»Diane ist nicht da?«, fragte er schläfrig. »Sie müsste längst zu Hause sein. Ich fahre los und suche sie. Ich weiß, welche Strecke sie nimmt.«

Warren rief mich vom Wagen aus an. Er hatte seinen Freund Doug Hayden kontaktiert, einen Jurist und Richter in der Stadt, der viele Leute kannte. Warren hatte Doug als einen der Ersten angerufen, da er dachte, er könnte ihm vielleicht einen Rat geben. Aber niemand wusste, wohin sie fahren sollten. Diane war nicht an der Raststätte, an der sie sein sollte. An der Warren sie beschworen hatte, zu bleiben.

Inzwischen war auch Melissas Mann Brad zu unserem Haus gekommen. Jeannine, die nicht wusste, was los war, rief von einem Klamottenladen aus an und begann, mir ein Kleid zu beschreiben, das sie eben anprobierte. Anstatt eine Meinung dazu zu äußern, erklärte ich ihr, was los war.

»Ich komme vorbei«, sagte auch sie. »Ich probiere diese Sachen später an.«

»Das ist nicht nötig«, beharrte ich. »Melissa ist hier. Wir kommen schon klar.«

»Zu spät«, sagte sie. »Ich bin schon auf dem Weg zum Parkplatz.«

Was war denn nur los? Es war ein schöner Sonntagnachmittag, und meine Freundinnen unterbrachen ihre Pläne, um bei mir vorbeizukommen. Ich verstand nicht, warum. Diane war vielleicht schlecht geworden, aber ich sagte mir immer wieder, dass alles gut werden würde. Ich gestattete mir nicht, das zu sehen, was andere Leute sahen.

Una, die Ehefrau unseres Freundes Doug, des Juristen und Richters, kam irgendwann zur Tür herein.

»O mein Gott, was tust du denn hier?«, fragte ich, als ich sie sah.

»Doug hat mir von Warrens Anrufen erzählt«, sagte sie. »Ich dachte, ich komme besser vorbei.«

Allmählich wurde ich immer ängstlicher. Jeannine, Melissa, Una – warum kamen diese ganzen Leute vorbei? Bekam ich hier irgendetwas nicht mit? Alle schienen mit ihren Handys zu telefonieren. Melissa versuchte immer wieder, Diane anzurufen. Una sprach mit Doug, um den neuesten Stand der Dinge zu erfahren. In der Zwischenzeit war Warren auf dem Polizeirevier in Tarrytown eingetroffen. Auf seinen Vorschlag hin versuchte die Polizei, Dianes Handy anzuzapfen. Doch dafür brauchten sie Dannys Zustimmung.

Irgendwie kam die Nachricht durch, dass es einen Unfall gegeben hatte. Noch mehr Anrufe, noch mehr Verwirrung. Ich fühlte mich unbehaglich, aber ich brach noch immer nicht in Panik aus. Autounfälle passierten ständig. Die Mädchen würden verängstigt und vermutlich ein bisschen außer sich sein, aber nichts, was wir nicht wieder einrenken konnten.

»Ich weiß, dass Emma sich das Bein gebrochen hat«, sagte ich, während ich hektisch durchs Zimmer lief. »Ich weiß es, ich weiß es einfach.«

Wenn Emma sich das Bein gebrochen hätte, dann wäre das karmisch. Ich bin eine erbärmliche Lügnerin, aber ein paar Wochen zuvor hatte ich eine dramatische Ausrede aus einer Verpflichtung gebraucht, und ich hatte geschwindelt und gesagt, Emma hätte sich das Bein gebrochen. Damals plagten mich Schuldgefühle. Jetzt war ich überzeugt, dass sich das Schicksal an mir rächte. Wenn Emma sich bei diesem Unfall das Bein gebrochen hatte, dann würde es meine Schuld sein.

»Emma hat sich das Bein gebrochen«, stöhnte ich, voller Angst vor ausgleichender Gerechtigkeit. Aber nein, alle würden es gut überstehen. Leichtere Verletzungen. Ein gebrochenes Bein. Damit würden wir schon klarkommen.

Dann überschlugen sich meine Gedanken. »Bitte, Gott, lass niemanden gehirntot sein«, flüsterte ich.

Una tätschelte meine Schulter. »Jackie, denk gar nicht erst dran. Es wird alles gut gehen.«

Aber sie griff zum Telefon und rief eine Krankenschwester, die sie kannte, im Westchester Medical Center an, in der Hoffnung, ein paar Details zu erfahren.

Ich beugte mich zu Una vor, während sie das Telefon hielt, und umklammerte ihren Arm mit beiden Händen. »Sag mir, ist irgendjemand verletzt? Ist irgendjemand gehirntot?«

Sie hatte keine Informationen. »Meine Freundin weiß nichts«, sagte Una. »Bleib ruhig.«

Ich begann, in der Küche auf und ab zu laufen, ins Wohnzimmer, dann in Kreisen durchs Arbeitszimmer. Hin und her, hin und her, wie ein Hund, der seinem eigenen Schwanz nachjagt, drehte ich mich ständig im Kreis und suchte nach etwas, das ich nicht finden konnte.

»Es geht ihnen gut, es geht ihnen gut, es geht ihnen gut«, skandierte ich immer wieder, während ich meine Arme umklammerte und die Hände an ihnen rieb.

Irgendjemand sagte mir, Warren sei auf dem schnellsten Weg zum Krankenhaus, daher würden wir es sehr bald erfahren.

»Es geht ihnen gut, es geht ihnen gut, es geht ihnen gut«, fuhr ich mit meinem Sprechgesang fort. »Ich weiß, dass es ihnen gut geht.«

Dann sah ich Brad an seinem Handy und hörte ihn sagen: »Warren?« Angst und Besorgnis schwangen in Brads Stimme mit, als wäre die Person am anderen Ende, mit der er sprach, hysterisch.

Im Wahnsinn der letzten paar Stunden war die Zeit wie im Flug vergangen. Aber jetzt kam sie knirschend zum Stehen. Mein Blick war auf Brad geheftet, und der ganze Trubel um mich herum schien zum Stillstand zu kommen.

Während er zuhörte, wie Warren versuchte, ihm alles zu berichten, stand Brad aufrecht da, dann ließ er sich gegen die Wand fallen. Ich sah, wie er einmal den Kopf sinken ließ. Zweimal. Dreimal. Die Wand konnte ihn kaum noch halten. Dann legte er das Telefon hin und kam zu mir herüber. Seine Miene war schmerzerfüllt.

»Jackie, sie sind tot«, sagte er.

»Nein«, sagte ich tonlos.

Die Worte drangen nicht zu mir durch. Ich sah nur weiter in sein gequältes Gesicht.

Aber Melissa verstand, was seine Worte bedeuteten. »Brad, sag es nicht!«, brüllte sie. »Sag es nicht!«

»Sie sind alle tot«, wiederholte er. »Jackie, es tut mir so leid …«

Ich weiß nicht, was er sonst noch sagte, denn ich stürzte kreischend aus dem Haus. Schreiend, kreischend, brüllend. Keine Worte, nur Entsetzen. Ich rannte schnell, denn wenn ich vom Haus wegkam, von meinen Freunden, vom Telefon, dann war es vielleicht nicht wahr. Ich stürmte die Straße hinunter, heulend wie ein wildes Tier, und ungezähmte Schreie hallten in dem stillen Nachmittag wider. Nachbarn wurden von meinem entsetzlichen Gebrüll aus ihren Häusern geholt, und Leute riefen mir zu, aber ich rannte einfach weiter und blieb nicht stehen.

Ohne zu überlegen, wohin ich lief, rannte ich zu Salvinas Haus. Als Matriarchin einer großen italienischen Familie hatte Salvina auf Emma, Alyson und Katie aufgepasst, als sie klein waren. In ihren ersten Jahren setzte ich sie oft bei ihr zu Hause ab, manchmal an drei Tagen in der Woche, und sie kümmerte sich um sie wie um ihre eigenen Kinder. Ihr Haus erschien mir immer wie ein magischer Ort, voller Cousinen und Schwestern und unfassbar viel Liebe. Selbst als winzige Babys weinten die Mädchen nie in Salvinas Nähe – sie verfügte über Zaubertränke, um nervöse Mägen zu besänftigen oder Koliken zu beruhigen. Ich sah ihre Kinder aufwachsen und sie meine. Als Salvinas Tochter heiratete, ging Katie als Blumenmädchen zum Altar.

Jetzt öffnete Salvina die Tür. Da Sonntag war, kochte sie einen Braten für das große Familienessen, das sie jede Woche veranstaltete. Der Geruch von Essen, der normalerweise so wohltuend für mich war, schlug mir jetzt auf den Magen, und eine Welle von Übelkeit überkam mich.

»Jackie, was ist los, was ist los?«, fragte sie mit ihrem starken italienischen Akzent. Eine winzige Frau mit kurzen schwarzen Haaren. Sie bat mich herein. Aber statt ihrer Aufforderung zu folgen, umklammerte ich nur ihren Arm.

»Salvina, die Mädchen sind tot. Die Mädchen sind tot«, sagte ich.

»Das ist nicht wahr«, sagte sie gelassen.

»Nein, das stimmt nicht. Das kann nicht sein«, sagte ihr Mann, der jetzt zu uns trat.

Sal, ein anderer Nachbar, der als verdeckter Ermittler arbeitete, war mir gefolgt. Ich ließ mich von Salvina ins Wohnzimmer führen.

»Es ist wahr, Salvina. Es gab einen Autounfall«, sagte Sal. Wenn irgendjemand etwas darüber wusste, dann Sal. Er war nicht nur Cop, sondern auch freiwilliger Feuerwehrmann und Rettungssanitäter.

Aber genau wie ich konnte auch Salvina die Worte nicht verarbeiten. Sie begann zu schreien und stürzte zur Couch, um sich neben mich zu setzen, und hielt mich stöhnend in den Armen. Wir wippten zusammen hin und her, und ich saß, wie es mir schien, stundenlang so da. Ich hörte Jeannine hereinkommen und sagen, wir sollten nach Hause zurückkehren, aber ich wollte nicht gehen.

Vielleicht könnte ich, wenn ich das Sofa in Salvinas Haus nie verließ, meine eigene Welt erschaffen, meine eigene Wahrheit. Brad würde sich irren. Die Mädchen würden zur Tür hereinkommen. Emma würde enttäuscht darüber sein, dass sie ihre Theaterprobe verpasst hatte, aber Alyson würde sie trösten. Sie würden mir erzählen, wie viel Spaß sie beim Campen gehabt hatten, und wir würden uns umarmen und küssen und darüber reden, wie unheimlich es gewesen war, als Tante Diane schlecht geworden war. Salvina würde ihnen köstliche Pasta auftischen, und ich würde ihnen sagen, dass sie sehr tapfer waren und dass wir jetzt alle wieder zusammen seien, was das Einzige war, was wirklich zählte, und genau das, was wir alle wollten. Was ich unbedingt wollte.

2

Ich weiß nicht, wie ich von Salvina zurück nach Hause kam. Scharen von Freunden und Nachbarn hatten sich bereits in und vor unserem Haus versammelt, und einige der Männer waren zum Krankenhaus gefahren, um Warren zu holen. Ich war in unserem Wohnzimmer, als er nach Hause kam, und in dem Augenblick, in dem er mich sah, brach er zusammen. Sein Schmerz war ohnehin schon verheerend, aber vervielfacht durch meinen, wurde er unerträglich. Er schlang die Arme um mich, und wir stürzten beide zu Boden, hilflos taumelnd, während die Trauer wie eine Lokomotive über uns hinwegrollte.

Warren war immer mein Fels in der Brandung gewesen, seine Stabilität eine ideale Ergänzung zu meinen eher emotionalen Reaktionen. Aber jetzt standen wir beide unter Schock. Seine Bemühungen, übermenschliche Stärke zu zeigen, würden vielleicht nicht ausreichen, um mich zu halten.

Als ich irgendwann einen Blick aus dem Fenster warf, sah ich Übertragungswagen und Kamerateams von Nachrichtensendern. »Was ist da los?«, fragte ich.

»Die Reporter versuchen alle, mit dir zu reden«, sagte eine meiner Freundinnen. Aber sie ließ die Rollläden herunter und hielt die Vorhänge geschlossen.

Am nächsten Tag hatte die Polizei unsere Straße abgesperrt, aber Fernsehproduzenten und Nachrichtenreporter kletterten über unseren Rasen und versuchten, ein Interview zu bekommen. Freunde gingen hinaus, um Agenten von Dr. Phil und Oprah und den Sendern der Morgennachrichten zu verscheuchen. Produzenten von einem Dutzend oder mehr Talkshows und lokalen Nachrichtensendern hinterließen Mitteilungen, in denen sie nach mir fragten. Machten sie Witze, oder waren sie einfach nur unglaublich herzlos? Meine Tragödie als Vorspann zu Lindsay Lohan auf Fox News?

Ich erfuhr die Geschichte bruchstückhaft und begriff erst viel später vollständig, was passiert war. In der Zeit unmittelbar nach dem Unfall wusste ich nur, dass Diane die Kinder wieder in den Wagen gesetzt hatte und dann von der Raststätte weggefahren war, an der Warren sie beschworen hatte zu bleiben. Sie ging nicht mehr an ihr Handy und fuhr auf der Hauptstraße nach Norden anstatt nach Süden und dann weiter auf eine Ausfahrt des Taconic State Parkway. Fast zwei Meilen weit fuhr sie auf der falschen Seite des Highways.

Fahrer, die sie sahen, hupten und verständigten den Notruf. Viele berichteten, sie hätte das Lenkrad fest gehalten und einen ruhigen Eindruck gemacht. Selbst wenn sie die Ausfahrt versehentlich genommen hatte, gab es entlang des Highways mehrere Stellen, an denen sie hätte anhalten können. Doch sie tat es nicht.

Nach 1,7 Meilen fuhr sie frontal in einen entgegenkommenden SUV. Diane und ihre Tochter Erin starben. Emma, Alyson und Katie starben. Katie war noch am Leben, als sie ins Krankenhaus kam, aber die Ärzte konnten sie nicht retten. Die drei Männer in dem SUV starben. Nur Bryan, Dianes kleiner Sohn, überlebte, mit zwei schweren Verletzungen und Knochenbrüchen.

Acht Menschen starben. Die Polizei nannte es den schwersten Autounfall im Bezirk seit fünfundsiebzig Jahren.

Die Zeitungen schrieben »Tragödie – falsche Richtung auf dem Taconic« und brachten es auf den Titelseiten. Lokale Fernsehsender konnten gar nicht genug davon bekommen, und die Story verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Internet und bekam landesweite Aufmerksamkeit.

Aber nichts davon konnte mir meine Mädchen wiederbringen.

Meine Töchter waren nicht mehr.

Warren hatte Emma, Alyson oder Katie im Krankenhaus nicht gesehen. Gutherzig, wie er war, ging er zu Bryan, um bei ihm zu sein, da sein Vater, Danny, noch nicht eingetroffen war. So nah standen sich unsere Familien damals. Erst später sollte der gute Wille nur zu einer weiteren Quelle des Schmerzes und der Verwirrung werden.

Irgendwann an diesem Abend schlich ich mich fort von den besorgten Freunden und Nachbarn und ging in das Zimmer, das Emma und Alyson sich teilten. Ich zog mich in ihren Wandschrank zurück und schloss die Tür. Ich konnte die anschwellenden Stimmen unten hören, den Schmerz und die Schluchzer. Aber ich hielt mir die Hände über die Ohren und wippte in der Ecke hin und her. Meine Mädchen, meine Mädchen. In ihrem dunklen Wandschrank konnte ich ihre Luft atmen und ihre Anwesenheit spüren. Freunde kamen hoch, um mich zu holen, sprachen von der anderen Seite der Tür zu mir. Aber warum sollte ich herauskommen? Warum sollte ich je wieder herauskommen?

Ein Psychiater, bei dem ich früher einmal gewesen war, kam am nächsten Tag zu uns nach Hause, ebenso ein anderer Arzt aus der Stadt, und auf einmal hatte ich eine Handvoll Pillen, die ich alle paar Stunden nehmen sollte. Medikamente gegen die Angst und Antidepressiva, Pillen, um schlafen zu können, und andere, um mit der Situation fertigzuwerden. Ich wusste nicht, was ich nahm, und es war mir auch egal. Alles, um den Schmerz zu betäuben, dieses unerträgliche Gefühl von Leere, das auf einmal mein Leben beherrschte, war mir willkommen. Wenn jemand eine Vollnarkose vorgeschlagen hätte, hätte ich mir die Gesichtsmaske fest aufgedrückt und tief eingeatmet.

Unsere Freunde mobilisierten alle Kräfte und trafen alle Vorkehrungen, die sie konnten. Sie bauten am Ende der Auffahrt ein Zelt und Tische mit Kühlboxen auf, um das ganze Essen, das uns vorbeigebracht wurde, zu lagern. Irgendjemand erstellte einen Zeitplan, in den sich Freunde eintrugen, damit rund um die Uhr jemand im Haus war. Die ganze Gemeinde scharte sich um uns, und trotz meines benommenen Zustands von Schock und Schmerz spürte ich, wie die Güte der Menschen um uns herum mich zusammenhielt.

Isabelle und Mark, unsere engen Freunde und Nachbarn, waren im Urlaub, als der Unfall passierte. Sie kehrten früher nach Hause zurück, um bei uns zu sein. Ihre Kinder, Ryan und Kailey, waren im selben Alter wie Emma und Alyson – und sie waren wie zwei Hälften desselben Puzzles. Wir schlossen die Pforte zwischen unseren Gärten nie, da die Kinder ständig hin- und herliefen und beide Familien als ihre eigene ansahen. Ich konnte ebenso gut Kailey wie Katie in meiner Küche antreffen. Und nun flüsterte mir Warren zu, wie schrecklich es für Isabelle und Mark sein müsse, ihren Kindern zu sagen, dass ihre besten Freunde tot waren. Ein entsetzliches Gespräch, das sie führen mussten, sagte er. Er könne sich nicht vorstellen, unseren Mädchen eine solche Neuigkeit beibringen zu müssen.

Tatsächlich hätten wir alles gegeben, was wir besaßen, um noch ein letztes Gespräch mit unseren Töchtern führen zu können. Egal worüber. Aber wir waren zu erschüttert, um einen klaren Gedanken zu fassen. Ich nickte zu Warrens Bemerkung, teilte sein Bedauern, dass unsere Freunde und ihre Kinder einen solchen Schmerz zu erleiden hatten. Ich hatte das Gefühl, dass es irgendwie meine Schuld war.

Die nächsten Tage waren ausgefüllt mit Fragen, die kein Elternteil beantworten müssen sollte – über Särge und Gräber und Ansprachen bei der Beerdigung. Warren übernahm die Führung und kümmerte sich um alle Einzelheiten. Die Wahl des Ortes, an dem die Mädchen zur letzten Ruhe gebettet werden sollten, war ihm sehr wichtig. Ich wusste nicht, wie er das schaffte. Vielleicht half ihm die Beschäftigung dabei, die Lawine der Trauer zu vermeiden, die ihn andernfalls unter sich begraben hätte – und die mich im Augenblick vollkommen außer Gefecht setzte.

Zwei Tage nach dem Unfall kam er mit der Neuigkeit zu mir, dass Father O’Farrell, unser örtlicher Gemeindepriester, uns auf dem Friedhof Holy Rood unterbringen konnte.

»Was? Was heißt das?«, fragte ich unkonzentriert.

»Das ist ein schöner Ort für die Mädchen, Jackie. Du wirst ihn lieben. Es ist ganz in der Nähe von Jeannines Haus.«

»Oh«, sagte ich, noch immer nicht ganz sicher, wovon er redete. »Okay.«

»Das ist eine gute Neuigkeit«, fuhr Warren fort, »denn der Friedhof ist im Grunde vollständig belegt, und es ist eigentlich unmöglich, dort eine Grabstelle zu bekommen. Aber sie haben sich darum gekümmert.«

Noch vor zwei Tagen hatte ich mich damit befasst, auf welche Schulen meine Mädchen gehen sollten. Jetzt kämpfte ich darum, sie auf einem Friedhof unterzukriegen.