Ihre Wahrheit - Claudia Overbeck - E-Book

Ihre Wahrheit E-Book

Claudia Overbeck

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Beschreibung

Seit einundzwanzig Jahren steht Alex am Abgrund. Er leidet unter Schlafstörungen und einer panischen Angst vor Vögeln. Dass er sich auch noch um seine alkoholkranke Mutter kümmern muss, macht seine Zukunft nicht heller. Sicherheit gibt ihm seine Schwester Melanie. Als sie sich in Sascha verliebt und dieser ihre Liebe nicht erwidert, fühlt sie sich verraten. Ihre krankhafte Vorstellung einer Liebe, die nicht existiert, fördert immer mehr die bösen Seiten ihres wahnhaften Charakters zu Tage. Alex weiß nicht, ob er zu seiner Schwester halten oder sie von ihrem falschen Weg abbringen soll. Durch sein Zögern droht Melanies perfider Rachefeldzug zu eskalieren. Er muss sie aufhalten, denn jetzt sind Menschenleben in Gefahr. Kann er seine Ängste besiegen, um diejenigen zu retten, die er liebt?

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Seitenzahl: 486

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Hinweis zu sensiblen Inhalten und Triggern

Informationsbedürftige finden im Anhang eine Auflistung zu Gewaltdarstellungen in diesem Buch.

Ihre Wahrheit

Psychothriller

Claudia Overbeck

Mittwoch, 1. Juli

Sie ballten sich zusammen, bildeten einen wachsenden Knäuel, der ihn langsam zu ersticken drohte. Sein Körper bäumte sich auf bei dem Versuch, die verklumpten Federn herauszuwürgen, sie loszuwerden, auszuspucken. Panisch stocherte Alex mit den Fingern in seiner Mundhöhle, aber der Federball ließ sich nicht fassen, versperrte zunehmend die Luftröhre und vergrößerte sich noch. Die spitzen Federkiele stachen in seine Wangen, die Zunge, das Zahnfleisch. Er schmeckte Blut, wollte schreien, aber außer einem Röcheln war nichts zu hören.

Nach Luft ringend presste er die Hände an den Hals und ließ sich aus dem Bett fallen. Er rappelte sich auf und taumelte zum Badezimmer.

In dem kurzen Flur wirbelten Daunen wie Ascheregen durch die Luft und legten sich auf seine Haut. Er schlug um sich, stolperte zum Waschbecken und drehte den Wasserhahn auf. Im Vorbeugen fiel sein Blick in den Spiegel: Aufgerissene Augen voller Panik starrten ihn an, starrten auf seinen weit geöffneten leeren Mund.

Plötzlich das Geräusch fließenden Wassers. Sein Blick fiel auf seine Hände, die er mit ineinander verschlungenen Fingern unter den Wasserhahn hielt. Viel zu lange schon, sie waren inzwischen eiskalt. Langsam zog Alex sie zurück und drehte den Hahn zu. Während er die Hände trocknete, ließ er den Blick gesenkt. Wie viel Zeit war vergangen, seit ihn der Traum geweckt hatte?

Sein Hals fühlte sich rau an, als hätten die Federn die letzte Feuchtigkeit aufgesogen und nur staubtrockene Haut zurückgelassen. Die Federn … Natürlich war ihm klar, dass sie nie da gewesen waren, aber es hatte sich so real angefühlt, so, wie es sich jedes Mal anfühlte, wenn er diesen Traum hatte.

Mit einer trägen Bewegung hängte Alex das Handtuch an den Haken und wandte sich zur Tür.

Das Wasser aus dem Hahn in der Küche schmeckte abgestanden, er schüttete es in den Ausguss und holte sich frisches im Badezimmer. Gierig trank er zwei Gläser und wagte es erneut, in den Spiegel zu schauen. Ihn fröstelte. Verdammt, er sah aus, als hätte er eine Woche durchgefeiert. Alex beugte sich vor und schaufelte sich mehrere Handvoll Wasser ins Gesicht.

Auch nicht besser, stellte er nach einem weiteren Blick in den Spiegel fest. Es hatte keinen Sinn, an seinem Aussehen herumzubasteln, er wusste, was ihm fehlte: Schlaf. Aber das war nichts Neues, der fehlte ihm immer. Und mittlerweile war es offensichtlich, dass er nie genug bekommen würde.

Alex schlich zum Zimmer seiner Mutter und lauschte an der Tür, die einen Spalt offenstand. Er klopfte – viel zu zaghaft, falls sie schlafen sollte – und drückte die Tür auf, nachdem er keine Antwort erhalten hatte. Der Lichtschein vom Flur fiel auf die rote Überdecke.

Wo war sie? Warum war sie wieder ohne eine Nachricht gegangen, obwohl das anders vereinbart war? Wie sollte er auf seine Mutter aufpassen, wenn sie sich nie an Absprachen hielt?

Alex durchsuchte jeden Raum nach einer Notiz, aber nichts – Helena war vermutlich noch einmal losgegangen und hatte ihn nicht wecken wollen. Vielleicht war sie auch der Meinung gewesen, dass sie wieder da sein würde, bevor er aufwachte.

Wie lange hatte er überhaupt geschlafen? Ein Blick zur Küchenuhr bestätigte seine Vermutung: Viel mehr als zwei Stunden waren es nicht gewesen. Jetzt hatte es keinen Sinn mehr, sich wieder hinzulegen. Selbst wenn es ihm gelingen sollte, die Angst vor dem Ersticken zu verdrängen, so lauerte im Schlaf einfach zu viel Unwägbares. Es gab etwas unter der Oberfläche, das ihn bedrohte und ihm Schmerzen zufügen, wenn nicht sogar ihn töten wollte.

Alex strich durch die Wohnung, ließ in jedem Zimmer das Licht brennen. Es gab nichts zu tun für ihn. Die Küche war aufgeräumt und sauber, das Wohnzimmer in perfektem Zustand. Er setzte sich auf sein Bett und starrte auf den Teppichboden. Abwechselnd krümmte er die Zehen seiner nackten Füße und streckte sie wieder. Krümmen, strecken. Schwer senkten sich seine Augenlider, aber er zwang sie auf. Nichts wäre schlimmer, als schlafend von seiner Mutter überrascht zu werden. Doch, von ihr und einem Mann geweckt zu werden, von zwei wankenden kichernden Gestalten, die sich mit vereinten Kräften am Türrahmen festhielten und zusammenhangloses Zeug redeten.

Endlich hörte er ein Geräusch an der Wohnungstür, ein Kratzen am Schloss. Jemand rüttelte am Türgriff.

Er stand sofort auf. Besser, er öffnete ihr, bevor sie anfing, im Hausflur herumzuschreien. Die Hand schon nach der Klinke ausgestreckt, zuckte Alex heftig zusammen, als die Klingel schrillte. Sein Herz schlug wie das eines aufgescheuchten Rehs und wollte sich nicht mehr beruhigen. Hastig riss er die Tür auf.

»Ich kann meinen Schlüssel nicht finden, Schatz. Habe ich dich geweckt?« Helena schob sich an ihm vorbei und er roch deutlich, dass sie in der Kneipe gewesen war. Rauch und Alkohol, darüber viel zu viel ihres billigen Parfüms. Immerhin war sie allein. »Ich weiß, dass es spät geworden ist. Du musst nicht gleich wieder meckern.«

Seufzend schloss er die Tür. »Warum hast du mir keinen Zettel hingelegt, Mama?«

Helena war inzwischen in die Küche gerauscht und Alex folgte ihr. »Bababa … Ach Gott, ich war doch nur ganz kurz weg. Nun sei doch nicht immer so mütterlich.« Sie stand mit dem Rücken zu ihm vor der geöffneten Kühlschranktür und hantierte herum. Schließlich drehte sie sich um, in der Hand ein Glas Cola, sicher mit Schuss. Während sie in großen Schlucken trank, musterten ihre braunen Augen eingehend ihren Sohn. Sie senkte das Glas und lächelte. »Weißt du, dass du verdammt hübsch bist, mein Schatz? Du bist genauso niedlich wie dein Vater.«

Das hörte er nicht zum ersten Mal. Zu beweisen war die Behauptung nicht, da er seinen Vater nicht kannte. Niemand kannte ihn. Alex wusste nichts weiter, als dass er schön und jung und einsam gewesen war. Wo und wie Helena ihn kennengelernt hatte – die Geschichten variierten, nur sein fabelhaftes Aussehen blieb. Ein Märchenprinz, der einmal von seinem fliegenden Teppich gestiegen war und eine liebeshungrige Frau geschwängert hatte.

Helena stellte ihr Glas auf den Tisch und war mit wenigen Schritten bei ihm. Sie streckte sich, schlang die Arme um Alex’ Hals und sah begeistert zu ihm auf. »Du hast seine Augen, seinen wunderbaren schlanken Körper, sein welliges Haar.«

Sanft schob er sie zurück. »Ich weiß, Mama.«

»Sicher wird man noch etwas finden, das ihr gemeinsam habt.« Sie zwinkerte ihm zu, löste sich von ihm und legte den Kopf schief. »Ach, wenn ich nur an Juan denke, werde ich ganz kribbelig. Du kannst dir nicht vorstellen, wie froh er war, hier in diesem kalten Land jemanden gefunden zu haben, der ihm Wärme gab. Wenn auch nur für kurze Zeit. Er musste ja zurück in seine Heimat. Du weißt ja, er war Student und …« Sie betrachtete ihr leeres Glas auf dem Küchentisch. »Javez war so schön«, murmelte sie. Gedankenverloren schob sie die gespreizten Finger in ihr Haar und massierte ihre Kopfhaut. »Ich würde schrecklich gerne ein Bad nehmen. Und eine Kleinigkeit essen. Lässt du mir Wasser ein?«

Alex schaute zur Uhr. Helena darauf hinzuweisen, dass es bereits nach Mitternacht war, würde sie sicher nicht von ihrem Wunsch abbringen. »Aber danach musst du schlafen gehen, okay?«

Während Helena in der Küche herumkramte, ließ Alex Badewasser ein. Er griff nach der Flasche mit Pflegeschaum und schaute zu, wie aus den rosafarbenen Schlieren, die sich träge im Wasser verteilten, üppiger weißer Schaum entstand.

»Alex, Liebling, ich mache mir nur ganz kurz den Fernseher an. Bin gleich soweit.«

Das Rauschen des einfließenden Wassers wirkte hypnotisch auf ihn. Alex’ Hand fuhr durchs Wasser, zog gerade und leicht gebogene Linien durch den Schaum. Verträumt beobachtete er, wie sich die Einschnitte wieder schlossen und die glitzernden Hügel unversehrt dalagen wie frisch gefallener Schnee.

Er hob den Kopf. Hatte Helena schon wieder vergessen, dass sie noch baden wollte?

Im Wohnzimmer lief der Fernseher, aber seine Mutter war nicht zu sehen.

Als Alex die Küche betrat, musste er sich im ersten Moment am Türrahmen festhalten, da ihm die Beine zu versagen drohten. Überall war Blut! Sein Blick flitzte panisch durch die Küche. »Mama, ist was passiert?«

Mit wild klopfendem Herzen trat er vor. Hatte Helena sich geschnitten? Aber dann hätte sie doch geschrien? Nein, die Spritzer an den Wänden und auf dem Fußboden mussten etwas anderes sein. »Mama?« Vorsichtig berührte er einen der Flecken und roch am Finger.

»Ach herrje, das tut mir leid. Ich habe einen Granatapfel gegessen.« Helena erschien an der Tür. »Die sollen doch so gesund sein, aber keiner erzählt einem, dass es ein Kunststück ist, diese Massen an Kernen aus der Hülle zu pulen.« Sie steuerte in nicht ganz gerader Linie auf die Handtücher zu, die neben der Heizung an einem Haken hingen und zerrte daran.

»Nein, lass. Geh in die Wanne, ich mach das eben sauber.«

Sie nahm sein Gesicht zwischen ihre heißen Hände, klebrig vom Granatapfelsaft, und drückte seine Wangen. »Du bist so ein Süßer. Danke.«

»Und sei vorsichtig, wenn du ins Wasser steigst. Nicht ausrutschen.«

»Natürlich.« Sie tätschelte seine Wange und verließ dann schnell die Küche.

Alex hörte eine Tür schlagen. Er ließ Wasser in die Spüle laufen, griff nach einem frischen Schwammtuch und wischte die Fliesen ab. Wie gut, dass er das Desaster noch rechtzeitig gesehen hatte. Die weißen Fugen zwischen den Kacheln hätten die rote Farbe sonst aufgesaugt und nie wieder hergegeben.

Nach einer halben Stunde war er mit seiner Arbeit zufrieden. Er wischte das Spülbecken trocken und hängte das Tuch über den Wasserhahn.

Ob Helena schon fertig war? Leise klopfte er an die Badezimmertür. »Mama?«

Schweigen. Auch auf lauteres Klopfen und weitere Nachfragen erhielt er keine Antwort. Er knabberte an der Unterlippe. Auch wenn es peinlich werden könnte, er musste einfach nachsehen, ob sie eingeschlafen war. Besser sich blamieren, als sie ertrunken zu finden. Immerhin war sie nicht mehr nüchtern gewesen. Entschlossen öffnete er die Tür.

Die Wanne war leer.

»Mama?«

In ihrem Bett lag sie auch nicht, der Fernseher war aus, das Sofa frei.

»Nein!« Schnell ging er zu seinem Zimmer und riss die Tür auf. Nicht das erste Mal lag Helena voll bekleidet und laut schnarchend auf seinem Bett. »Mama, nein.« Er ließ den Kopf hängen und schloss leise die Tür.

Der Schaum war zusammengefallen und obwohl niemand gebadet hatte, wirkte das Wasser schmutzig. Alex zog den Stöpsel und beobachtete, wie es langsam durch den Abfluss verschwand. Er wischte die Wanne trocken und legte das Handtuch zurück in das kleine Regal.

Okay, dann würde er sich eben heute Nacht auf das Sofa legen. War sowieso egal, er konnte eh nicht schlafen. Den Fernseher wollte er nicht anschalten, auf ein Buch konnte er sich schon lange nicht mehr konzentrieren. Und die Wohnung verlassen, um in den Straßen herumzulaufen, traute er sich nicht, wenn seine Mutter betrunken allein zu Hause war.

Er legte sich auf das schmale Sofa, suchte lange nach einer einigermaßen bequemen Position. Schließlich lag er mit angezogenen Beinen auf der Seite, den Kopf auf die Lehne gelegt, in eine dünne Decke gehüllt, und schaute zum Fenster.

In sechs Nächten war endlich wieder Vollmond. Konstant nahm der Mond zu, streute sein beruhigendes Licht in die unbarmherzige Finsternis. Wie oft hatte Alex schon wach gelegen und ihn nicht aus den Augen gelassen? Unendlich viele schlaflose Nächte, in denen er Trost aus dem kühlen blauen Schimmer, dem kalten Licht gezogen hatte, das er so liebte. Und dann wurde der Mond Nacht für Nacht wieder schmaler, zog sich zurück, bis er nicht mehr zu sehen war und die Dunkelheit siegte. Sie eroberte ihr verloren gegangenes Gebiet zurück, verbündete sich mit der Angst und ließ Alex oftmals zitternd und weinend auf der Decke liegen.

Angestrengt lauschte er nach dem Kratzen spitzer Krallen auf dem Teppich oder den Möbeln, konnte aber außer dem Ticken der Wanduhr und dem Rauschen in seinen Ohren nichts hören.

Alles war gut. Er war allein im Raum. Helena schlief tief und fest, sie war in Sicherheit. Es drohte keine Gefahr.

Donnerstag, 2. Juli

Vogelgezwitscher drang an sein Ohr. So früh schon? Warum konnten die Tiere mit ihrem Lärm nicht noch ein wenig warten?

Alex ließ die Augen geschlossen und drehte dem hellen Viereck des Fensters den Rücken zu. Jetzt vernahm er auch andere Geräusche: Vereinzelt anfahrende oder vorbeiziehende Autos, das Klingeln eines Fahrrads und beinahe im gleichen Moment eine wütende Stimme, der eine ebenso empörte antwortete.

Draußen erwachte der Tag.

Als hätte ihn ein Stromschlag getroffen, warf er die Decke von sich und rappelte sich auf. Wie spät war es? Warum hatte der Wecker nicht geklingelt? Sein gehetzter Blick fiel auf die Wanduhr: bereits Viertel vor sechs! In einer halben Stunde fuhr der Bus. Helena musste den Wecker in seinem Zimmer überhört haben, sie hätte ihn doch sonst sicher nicht so lange schlafen lassen.

Stolpernd erreichte Alex die Tür. Mit Abscheu befreite er sich von der Decke, die sich um seine Füße gewickelt hatte wie ein vielarmiger Krake, der ihn in die Untiefen der See ziehen wollte.

Zum Essen fehlte ihm der Appetit, aber wenn er nichts für seine Mutter herrichtete, würde ihr Frühstück nur aus irgendeinem alkoholischen Getränk bestehen. Sie sorgte einfach schlecht für sich. Alex öffnete den Kühlschrank, nahm Butter und Aufschnitt heraus und stellte beides auf den Tisch. Frühstücksbrett, Messer, Brot. Er setzte Kaffee auf und eilte dann zu seinem Zimmer. Vorsichtig öffnete er die Tür, hörte erleichtert das tiefe Atmen Helenas und schlich zu seinem Schrank. Wenige Minuten später stand er schon in der Wanne und zog den Duschvorhang zu.

Das Wasser rieselte über seinen müden Körper. Er wusch sein Haar, während seine Gedanken unaufhörlich um die Frage kreisten, ob er die Kaffeemaschine überhaupt angestellt hatte.

Schwungvoll wurde die Badezimmertür geöffnet. Alex drehte sich um, verlor beinahe den Halt und kehrte seiner Mutter den Rücken zu. Sein Herz hämmerte in der Brust.

»Guten Morgen!«, trällerte Helena.

Sie anzufauchen, dass sie sofort das Bad verlassen solle, unterließ er. Endlos würde sie diskutieren. Da ist nichts, was ich nicht schon hundertmal gesehen habe. Das kenne ich alles. Du siehst auch nicht anders aus als jeder andere Mann. Als ob es darum ginge.

»Mama«, rief er, »du musst heute allein frühstücken, ich bin spät dran.« Alex spülte das Haar aus und während er noch an ihre neugierigen Blicke in seinem Rücken dachte, fiel ihm ein, dass er das Handtuch nicht über die Halterung gehängt hatte. Er wagte nicht, sich umzudrehen. Sicher war sie auf Toilette. Erst als er die Tür zuschlagen hörte, drehte er das Wasser aus und schaute sich um. Sie war weg.

Er stieg aus der Wanne und griff hastig nach dem Handtuch. In Rekordgeschwindigkeit war er abgetrocknet.

Fertig angezogen, das lange Haar noch feucht, ging er in die Küche. Helena stand rauchend am geöffneten Fenster, einen Becher Kaffee in der Hand. Ihre schwarz gefärbten Haare standen in alle Richtungen, sie schien eine unruhige Nacht gehabt zu haben. Langsam drehte sie sich um. Müde Augen, von verwischter Maskara umrahmt, musterten ihn träge. Helena hatte ihren Bademantel nur nachlässig geschlossen, eine Seite hing tiefer als die andere.

Warm stieg Zärtlichkeit für sie in ihm auf. Er liebte es, wenn sie morgens im ersten Licht des Tages stand und aussah wie eine Frau, die schon zu viel gesehen hatte. Sie wirkte weich und verwundbar und er bildete sich ein, dass ihr Leben sie ermüdet hatte und nicht der Alkohol. »Ich muss los, Mama«, sagte er sanft.

Helena leckte ihre trockenen Lippen. »Gehst du noch etwas einkaufen?«

Alex trat in die Küche und musterte die Liste, die am Kalender hing. »Das mache ich morgen, okay?«

»Morgen haben wir doch nur wenig Zeit.«

Richtig, das hatte er vergessen. Er zupfte den Zettel unter der Büroklammer hervor und nickte. »Okay, ich bringe alles mit.« Sein Blick fiel auf den gedeckten Tisch. »Und das Essen nicht vergessen, Mama.«

Sie lächelte. »Und was sich reimt ist gut.«

Mit zwei Schritten war er bei ihr, beugte sich hinunter und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. »Bis nachher.«

Alex fuhr lieber mit dem Bus, als zu Fuß zu gehen. Er musste dadurch zwar schon um kurz nach sechs aus dem Haus und war auch zwanzig Minuten zu früh an seinem Arbeitsplatz, aber es war einfach sicherer. Im Bus saß er am Fenster, konnte rausschauen und sah die Stadt vorbeiziehen. Wenn er keinen Fensterplatz fand, dann betrachtete er den Nacken des Vordermannes oder die eigenen Hände. Selbst ein Gegenüber, dessen Blick er ausweichen musste, oder fremde Leute, die sich beim Abbremsen und Anfahren des Busses gegen ihn drückten, waren erträglich, wenn er dafür nicht auf Vögel achten musste.

Lange blieb der Platz neben ihm nicht frei. Alex hielt den Blick aus dem Fenster gerichtet. Einige der Mitfahrenden pflegten ihre unfreiwillige Bekanntschaft und unterhielten sich leise miteinander, aber er mochte das nicht. Was sollte er auch sagen? Über das Wetter zu sprechen war albern und andere Themen, die man mit einem Fremden erörtern konnte, fielen ihm beim besten Willen nicht ein.

Der Bus nahm die letzte Kurve zur Haltestelle in der Nähe des Krankenhauses und Alex atmete erleichtert durch.

Seit zwei Wochen hatte er den Job in der Poststelle. Keine anspruchsvolle Tätigkeit, keine volle Stundenzahl, wahrscheinlich würde die befristete Stelle noch nicht einmal verlängert werden, wenn das Jahr vorbei war, aber natürlich hatte Alex zugegriffen, als Onkel Franz ihm davon erzählt hatte. Im Großen und Ganzen war die Arbeit angenehm. Nicht anspruchsvoll, sondern die Art von Beschäftigung, die ihm ermöglichte, Luft zu holen und sich über einiges klar zu werden. Wie lange auch immer das dauern würde.

Alex saß im Postbüro und ordnete die Berichte, die er vom Zentralen Ärztlichen Schreibdienst geholt hatte, in die Fächer der Medizinischen Abteilungen. Er hatte kaum geschlafen, selbst die wenigen Stunden nicht an einem Stück, und konnte sich nur schlecht konzentrieren.

Hinter ihm ertönte Günther Bergmanns ätzende Stimme. »Schönen guten Tag.«

Alex ließ den Blick gesenkt und griff nach den letzten Mappen. Wenn er diese Stimme hörte, wurde ihm übel. Sie war genauso unangenehm wie der ganze Mann. Aus unerfindlichem Grund hatte Bergmann es sich zur Aufgabe gemacht, ihn ständig zu provozieren. Alex wollte nicht aufgeben, nicht jetzt schon diesen Job verlieren. Onkel Franz hatte sich sehr für ihn eingesetzt. Er würde enttäuscht sein. Wieder einmal.

»Na, willst du denn gar nicht nett sein zu mir?«

»Hallo.«

»Hallo? Mehr nicht? Nicht einmal einen Blick aus deinen dunklen Äuglein bekomme ich geschenkt?«

Alex schob die letzte Mappe an ihren Platz.

Als er sich an Bergmann vorbei aus dem kleinen Raum schieben wollte, versperrte der ihm grinsend den Weg. »Aber Hase, wo willst du denn hin?«

»In die Kantine.«

»Ist nicht wahr! Du willst heute gar nicht allein in einer Ecke sitzen?« Bergmann rieb den Rücken am Türrahmen wie ein Bär sein juckendes Fell an einem Baumstamm.

Warum antwortete er diesem Kerl überhaupt? Als würde es ihn etwas angehen, was Alex in der Mittagspause vorhatte.

Bergmann bewegte sich keinen Zentimeter. Alex konnte nicht an ihm vorbei, ohne ihn zu berühren oder gar aus dem Weg schieben zu müssen. Niemals würde er das über sich bringen. Langsam hob er den Blick, hielt aber Bergmanns stechenden Augen nicht lange stand.

»Guten Appetit, Hase.« Endlich trat er betont langsam zur Seite.

***

Nach Dienstschluss verließ Alex das Krankenhaus durch einen Nebenausgang und stieß fast mit seiner Mutter zusammen. »Was machst du hier?« Bevor sie antworten konnte, nahm er sie am Arm und zog sie nach einem schnellen Blick in den wolkenlosen Himmel in Richtung Bushaltestelle. »Du musst mich nicht abholen, das weißt du doch.«

»Ja, ja, natürlich weiß ich das.«

Sie wollte ihn umschlingen, ihn mit ihren weichen Armen an sich drücken, aber er wich ihr aus, abgestoßen von der Alkoholfahne, die sie umwehte wie ein Kleidungsstück. Nicht immer gelang es ihm, darüber hinwegzusehen, dass seine Mutter schon am Nachmittag mehr getrunken hatte als er in einem Jahr. Hoffentlich hatte sie nicht gemerkt, dass er vor ihr zurückgezuckt war. Manchmal war sie sehr empfindlich und suhlte sich stundenlang in Selbstmitleid, wenn sie das Gefühl hatte, dass er sich vor ihr ekelte.

Während sie warteten, musterte Alex seine Mutter. Sie starrte die Straße entlang, als könnte sie den Bus mit Willenskraft herbeizaubern. »Was ist denn los? Ist etwas passiert?«, fragte er leise.

Mit weit geöffneten Augen schaute sie ihn an. »Auf der Arbeit soll ich dich doch nicht anrufen. Da dachte ich, ich komme persönlich vorbei. War das auch wieder nicht richtig?« Sie drückte sich fest an seine Seite, die Hände um seinen Oberarm geklammert.

Alex’ Blick flitzte zu den Fenstern des hohen, geklinkerten Gebäudes hinauf, in dem die Verwaltung des Krankenhauses untergebracht war. Hoffentlich stand jetzt nicht gerade einer der Mitarbeiter am Fenster und goss die Blumen.

»Ich wollte dich an morgen erinnern. Onkel Franz hat Geburtstag.« Helena wartete keine Antwort ab, sondern redete nach einem kurzen Luftholen weiter. »Nein, Alexander, Onkel Franz wird siebzig und du kannst nicht bei jeder Familienfeier fehlen. Kriegst du frei? Soll ich mit deinem Chef sprechen?«

Das fehlt noch, dachte Alex. »Nein, nein, ich habe frei. Natürlich.«

»Oh, wie schön.« Helena streckte die Hand aus, um ihm über den Kopf zu streichen, aber er wich reflexhaft aus. Spielerisch glitten ihre Finger durch sein langes Haar, das ihm vor der Schulter hing. »Ach Junge …«, murmelte sie.

Sofort hatte Alex ein schlechtes Gewissen. »Du weißt, dass ich es nicht mag, wenn du an mir herumfummelst. Das mochte ich noch nie.«

»Doch, doch, früher kamst du oft zu mir, wenn ich auf dem Sofa saß. Du warst ganz kuschelig, ein süßer kleiner Schmusekater.« Sie wickelte eine Haarsträhne um den Finger. »Wer weiß, vielleicht bist du das ja immer noch. Du erzählst mir ja nichts.«

Alex betrachtete ihre dicken Finger, den absplitternden Nagellack, die billigen Ringe mit den bunten Glassteinen. Auf dem weichen Handrücken entdeckte er Altersflecken, was ihn mild stimmte. Vorsichtig entzog er Helena sein Haar, fasste es zusammen und ließ es hinter die Schultern fallen. »Was soll ich denn schon erzählen.«

»Ja, du genießt und schweigst.« Sie kicherte. »Aber da ist doch jemand, das weiß ich. Und ich habe nicht vergessen, dass man in deinem Alter die Finger nicht voneinander lassen kann.«

Ein älteres Ehepaar gesellte sich zu ihnen. Die Frau schob ihren Mann betont unauffällig ein paar Schritte weiter, als sie Helenas Fahne roch.

»Ich hätte mich auch fürchterlich geärgert, wenn du nicht mitkommen würdest. Immerhin hat Onkel Franz dich immer sehr unterstützt. Diesen Job …«

»Ich weiß.«

»Ach, das wird ein netter Tag. Onkel Franz fährt immer richtig auf. Wir dürfen auf keinen Fall vergessen, Melanie abzuholen.«

Alex spürte den Blick seiner Mutter prüfend auf sich ruhen und verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. Natürlich musste seine Schwester dabei sein! Er hatte lange nichts von ihr gehört und freute sich darauf, sie zu sehen. Auf Helenas Geburtstagsfeier Ende Februar hatte Melanie ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass ihr seine Besuche auf die Nerven gingen. Schon lange hatte er bereut, ihrem Wunsch entsprechend darauf zu warten, dass sie sich bei ihm melden würde. Das tat sie einfach nicht.

»Sie gehört doch auch zu uns.« Helenas Blick ließ ihn nicht los. Sie knetete den speckig glänzenden Griff ihrer Handtasche und wartete auf eine Antwort.

»Ja.« Wie kam seine Mutter nur auf den Gedanken, dass er Melanie nicht dabeihaben wollte? Er liebte seine Schwester. Alex’ Blick glitt zu dem älteren Paar und die beiden wandten schnell die Köpfe ab. Sie schienen ihn und Helena beobachtet zu haben, wahrscheinlich hörten sie auch aufmerksam zu.

»Warum sagst du denn nichts?« Helena äugte wieder die Straße entlang. Dann drehte sie sich ganz zu ihm um, stand direkt vor ihm und schlug die feucht glänzenden Augen zu ihm auf. »Habe ich keine Antwort verdient?« Ihre Stimme glitt in den weinerlichen Ton, den sie manchmal ihm gegenüber anschlug.

Alex bewegte den Kopf, bemühte sich, die verspannten Schultern zu lockern. »Tut mir leid, ich war in Gedanken.« Gespräche mit seiner Mutter strengten ihn an: Er ertappte sich zum wiederholten Mal dabei, dass er ihr nicht zuhören, dem unaufhörlich dahin plätschernden Strom von Worten nicht folgen konnte. Er hob die Hand und massierte leicht seinen Nacken.

»… ist kilometerweit gelaufen, um dir die Äpfel zu holen, die du gerne haben wolltest?«

»Was?« Helenas Gedankensprünge irritierten ihn immer wieder. Sein Blick huschte zu den beiden anderen Wartenden, die angestrengt auf den Fußboden schauten. Wovon redete seine Mutter, was wollte sie ihm sagen?

»Hast du mir nicht zugehört?« Ihre Stimme wurde quengelig. »Ich habe so viel für dich getan. Liebst du mich denn gar nicht?«

Einige Meter weiter, auf der anderen Straßenseite, stand ein kleines Mädchen an der Hand seiner Mutter und hämmerte auf den Schalter der Ampel ein. Sie warf ihm einen triumphierenden Blick zu. Die Frau beugte sich ein wenig hinab, machte es auf etwas aufmerksam und Alex folgte ihren Blicken: Zwei kleine Vögel hüpften auf dem Straßenpflaster. Ein Kälteschauer lief ihm über den Rücken. Sein Herz schlug schneller, obwohl er den Blick sofort auf die Straße vor sich richtete. Er konzentrierte sich auf seine Atmung, zählte langsam jeden einzelnen Atemzug. Das Blut rauschte ihm in den Ohren.

Helena setzte sich auf die Wartebank und legte ihre Handtasche darauf ab. Sie ließ den Metallverschluss aufschnappen, zog einen kleinen Taschenspiegel heraus und kontrollierte ihr Make-up. Ein paar Mal tupfte sie mit dem kleinen Finger an die Wimpern und zwinkerte sich zu. Schließlich zog sie den dick aufgetragenen Lippenstift nach.

Alex konzentrierte sich auf ihren Anblick, damit er nicht mehr zu den Vögeln sehen musste.

Helena lächelte sich im Spiegel an. Ihre Zähne sahen durch den roten Lippenstift noch gelber aus als sonst. Sie stöberte in ihrer Handtasche und verteilte nach und nach den gesamten Inhalt auf der Bank.

»Pack deine Tasche wieder ein, Mama.«

»Aber warum denn?«

»Der Bus kommt gleich.«

Das kleine Mädchen war mittlerweile mit ihrer Mutter an der Haltestelle angelangt. Ungeniert sah sie zu, wie Helena in ihrer Handtasche herumkramte. »Was suchst du denn?«

Helena hob den Kopf und lächelte das Kind breit an. Sie stand auf, schwankte auf ihren hohen Absätzen und Alex sprang vor, um sie vor dem Stürzen zu bewahren.

»Pass auf!«, kreischte sie und wie aus dem Nichts schoss ein Fahrradfahrer an Alex vorbei. Bremsen quietschten. Fahrer und Rad schlidderten über die Gehwegplatten.

»Du musst ihm helfen, Alexander.« Helena zupfte an seinem T-Shirt.

»Das weiß ich«, zischte er ihr zu. »Bleib du bitte da stehen.«

Der Radfahrer ignorierte Alex’ ausgestreckte Hand und rappelte sich auf. Ein Schwall von Schimpfwörtern ergoss sich über Alex. Und Helena hörte natürlich nicht auf ihn: Sie trat vor und gab dem Mann sofort mit keifender Stimme Kontra. Die beiden beschimpften sich wie zwei Bierkutscher.

Alex stand bewegungsunfähig daneben und betrachtete das Fahrrad, an dem kein erkennbarer Schaden zu sehen war. Mühsam hob er den Kopf, begegnete den neugierigen Blicken der Anderen. Sein Blick saugte sich an dem Radfahrer fest, der vor Helena stand und mit den Bewegungen eines Roboters seine herausgespienen Worte unterstrich. Worte, die Alex nicht erreichten. Er schaute zu seiner Mutter, sah ihren Mund sich öffnen und schließen, sah ihre Hände die Luft aufwirbeln. Er drehte den Kopf, versuchte, den Blick des Mannes zu fangen, seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Der hatte endlich genug von Helenas Tiraden und wandte sich ihm wütend zu. »Hast du keine Augen im Kopf?«

»Ist doch nichts passiert«, murmelte Alex. Er ging zwei kleine Schritte rückwärts.

»So? Meinst du? Woher willst du das wissen? Ich schreibe mir jedenfalls deine Adresse auf. Vielleicht entwickelt sich ein Trauma oder so was.« Er hob sein Fahrrad an, schob es vor und zurück, betrachtete es von allen Seiten. »Ich könnte auch gleich die Polizei holen!«

Alex nickte mechanisch. Er hatte einen trockenen Mund und die Worte blieben ihm im Hals stecken.

»He, guter Mann«, mischte sich Helena wieder ein, »wie wäre es, wenn Sie auf den Schreck erst mal einen Kaffee trinken und was ordentliches Essen?« Sie wedelte mit einem Zwanzig-Euro-Schein vor seiner Nase herum.

Alex zog den Kopf ein, aber Helena schien die richtige Sprache zu sprechen. Vielleicht war der Mann auch einfach nur von dem ganzen Geschimpfe erschöpft. Er glotzte Helena an, verzog langsam den Mund zu einem schiefen Grinsen und nahm ihr den Schein aus der Hand. »Das ist mal eine Idee.« Er warf Alex einen bösen Blick zu. »Na, junger Mann, dann sei mal in Zukunft etwas aufmerksamer. Und freue dich, dass du so eine vernünftige Mutter hast.«

Helena nickte.

Alex konnte sich erst bewegen, als der Radfahrer sich ein Stück entfernt hatte. Sein Herz klopfte schmerzhaft an die Rippen. »Nichts passiert«, sagte er leise, mehr um sich zu beruhigen als an jemand Bestimmtes gerichtet. Die an ihm haftenden Blicke ignorierte er und schaute jetzt seinerseits die Straße entlang. Warum kam der verdammte Bus so spät?

»Melanie hat auch bald Geburtstag«, redete Helena munter weiter. »Und sie wird schon dreißig.«

Alex riss seine Gedanken von dem Radfahrer los. »Sie wird neunundzwanzig. Und wir haben gerade erst Juli. Ihr Geburtstag ist erst in einem Vierteljahr.« Als ob er das vergessen würde. Hoffentlich ließ Melanie ihn nicht wieder vor der Tür stehen wie letztes Jahr.

»Meine Güte, ihr seid Geschwister. Kannst du deine Familienaversation nicht mal begraben?«

»Meine was?«

»Familien… deine Abneigung?«

Er presste die Zähne aufeinander. Die grell leuchtende Signalfarbe der Ampel brannte ihm in den Augen.

Endlich kam der Bus in Sicht. Die Mutter nahm ihre Tochter fest an die Hand, diese blieb aber dem spannenden Geschehen zugewandt. Jetzt würde sicher nicht einmal ein ganzer Schwarm Vögel die Aufmerksamkeit des Kindes von dem lustigen Pärchen ablenken können.

»Alexander?«

Er spürte Helenas bohrenden Blick, sah aus dem Augenwinkel ihre zuckende Hand und konnte eine unwillkürliche Ausweichbewegung nicht unterdrücken. »Hast du Melanie schon gesagt, dass wir sie abholen?«, fragte er rasch, um sein Verhalten zu überspielen.

»Alexander … ach, mit dir kann man mal wieder nichts anfangen.« Helena drehte sich weg und marschierte davon.

»He, Mama, bleib stehen. Der Bus kommt. Warte!« Alex ging zwei schnelle Schritte in ihre Richtung, um den Ärmel ihrer Bluse zu erwischen und sie festzuhalten. Sein Puls raste.

»Nein, nein.« Sie lachte, drehte sich um die eigene Achse und war damit außer Reichweite. »Fahr du mal. Ich komm später nach.« Mit ihrer kleinen dicken Hand durch die Luft wedelnd, steuerte sie zielstrebig auf ein Tabakwarengeschäft zu.

Du hast doch schon genug, schoss es ihm durch den Kopf, lass es sein.

Helenas hochtoupierte Vogelnestfrisur wurde vom Wind in eine gefährliche Schräglage gebracht, als sie die Straße überquerte.

Der Bus hielt und versperrte ihm die Sicht auf seine Mutter. Er ließ die anderen vor und stieg als Letzter ein. Helena war nicht mehr zu sehen.

***

Endlich in der Wohnung ließ Alex seine Jacke gleich hinter der Tür fallen und schleuderte die Schuhe von den Füßen. Sofort bereute er seine Unbeherrschtheit und hob die Jacke wieder auf. Gewissenhaft hängte er sie an den Haken und stellte die Schuhe an ihren Platz. Das Lämpchen des Anrufbeantworters auf dem Sideboard leuchtete, aber er hatte keine Lust, die Aufnahme abzuhören.

In der Küche trank er einen Schluck Wasser und öffnete den Kühlschrank. Nein, keinen Appetit. Er ging ins Wohnzimmer und tigerte zwischen Tür und Fenster hin und her. Schließlich nahm er doch das Telefon und drückte die Abfragetaste.

Sonjas Stimme erklang. »Hallo, Alex. Kannst du dich bitte mal melden?« Ihr gereizter Tonfall wechselte zu der Kleinmädchenstimme für zärtliche Momente. »Ich habe schon soo lange nichts mehr von dir gehört. Mindestens einen Tag. Ruf mich doch mal an.« Kurzes Schweigen. »Wollten wir nicht zu deinem Onkel?« Und wieder ein Schweigen. »Gut, bis dann.«

Alex ließ sich auf das Sofa fallen und legte die Hände vors Gesicht, atmete tief durch. Sonja wollte unbedingt ein Mitglied seiner Familie werden, dabei kannten sie sich noch gar nicht lange. Wie dumm von ihm, Onkel Franz’ Geburtstag zu erwähnen. Jetzt saß er in der Falle. Dabei würde Sonja sich wahrscheinlich gut schlagen bei der Feier. Niemand würde gemein zu ihr sein. Im Gegenteil, sie würde mit Mitleidsbekundungen überhäuft werden, immerhin war sie die Freundin eines Volltrottels. Nein, um sie müsste er sich wirklich keine Sorgen machen. Doch wie sollte er ihr nur klar machen, dass er ohne sie fahren würde?

Ruhelos nahm er die Wanderung wieder auf. Sein Blick fiel auf das Telefon und erneut spürte er ein schlechtes Gewissen. Bisher hatten sie sich gut verstanden. Er wollte Sonja nicht wehtun, nicht kaltherzig erscheinen oder desinteressiert. Er wollte sie nur einfach nicht zu der Feier mitnehmen, weil er … weil er sich nicht sicher war.

Was würde sie sagen, wenn er ihr erklärte, was er von ihrer Freundschaft erwartete? Liebe Sonja, ich brauche einen Menschen, der in der Nacht bei mir ist. Der da ist, wenn ich im Dunkeln aufwache. Irgendeinen Menschen. Mehr nicht.

Alex ging in die Küche und setzte Wasser auf. Umständlich fummelte er einen Beutel Beruhigungstee aus der Schachtel.

Der Preis für die Sicherheit, die ihre Gegenwart ihm bieten würde, wären unzählige Fragen – Warum sind wir nie bei dir? Wann lerne ich deine Mutter kennen? Warum unternehmen wir nichts gemeinsam? Oder reden einfach mal? – und die Tatsache, dass er irgendwann mit ihr schlafen musste.

Der Wasserkocher schaltete sich aus und Alex goss Tee auf. Er zog am Faden des Teebeutels und ließ ihn Kreise ziehen, wechselte ab und zu die Richtung. Mit gesenkten Lidern betrachtete er die rötlichen Schlieren, die dem Beutel durch das Wasser folgten.

Er war ein dreckiger Feigling. Warum rief er Sonja nicht an? Warum sagte er ihr nicht, dass der Gedanke an aufgezwungene Zweisamkeit mit stundenlangen Spaziergängen und endlosem Gerede ihm nicht gefiel?

Sein Blick wanderte zur Küchenuhr. Erst kurz vor siebzehn Uhr. Alex ließ den tropfenden Beutel in die Spüle fallen und ging mit dem Becher ins Wohnzimmer, setzte sich aufs Sofa. Vorsichtig nahm er einen Schluck des unangenehm schmeckenden Gebräus und schloss die Augen. Er war unsagbar müde und trotzdem hatte er wenig Hoffnung, diese Nacht mehr als ein paar Stunden schlafen zu können. Sonja könnte ihm helfen, ihr warmer Körper neben seinem. Ach, so verlockend war die Aussicht auch nicht. Ein andermal ja, aber nicht mehr heute.

Während er mit Todesverachtung den scheußlichen Tee trank, fiel sein Blick auf die Visitenkarte des Taxiunternehmens. Hatte seine Mutter für die Fahrt zu Onkel Franz einen Wagen bestellt? Und hatte sie Melanie davon in Kenntnis gesetzt, dass sie sie mitnehmen wollten?

Er griff zum Telefon, legte es aber gleich wieder zur Seite. Um diese Zeit arbeitete seine Schwester noch. Leider hatte er die Telefonnummer der Bäckerei nicht, in der sie beschäftigt war.

Er könnte einfach durch den Park und an den Wiesen am Fluss entlanglaufen und seine Schwester persönlich aufsuchen, um sie an die Feier zu erinnern. Langsam ging er zum Fenster und musterte aus sicherer Entfernung die Bäume in der Straße.

Doch, Alex, du schaffst das. Wie lange war es her, dass er Laufen gegangen war? Vier Wochen? Nein, deutlich länger. Unentschlossen ging er in sein Zimmer, suchte die Trainingssachen heraus und setzte sich dann auf sein Bett.

»Stell dich nicht so an«, flüsterte er, »es ist noch nicht Abend. Was soll schon passieren? Sie sind noch nicht zu Hause und erzählen sich, was sie am Tag erlebt haben.« Er zwang sich, die Trainingshose anzuziehen. »Sie werden mich überhaupt nicht beachten. Sie haben noch keine Zeit.« Widerwillig wechselte er das Shirt und zog die Laufschuhe an.

Alex lief die Straße entlang und bog in den Park ab. Der feste Kiesweg knirschte unter seinen Schuhen.

Unter den Bäumen fühlte er sich sofort bedroht. Über ihm hüpfte, wuselte, raschelte es in den Kronen. Tausend winzige schwarze Augen beobachteten ihn, kleine spitzkrallige Füße umklammerten die Zweige und … Federn lösten sich aus den Gefiedern, schwebten zu Boden. Jedes Mal, wenn er diesen Teil der Strecke hinter sich bringen musste, wurde er schneller. Zu schnell. Seine Atmung kam aus dem Rhythmus, sein Herz schlug unregelmäßig, er hatte Angst zu stolpern. Einmal, nur einmal hatte er versucht, unter den Bäumen sein Tempo zum Gehen zu drosseln. Das würde er nie wieder machen. Er wäre beinahe erstickt an der Gewissheit, dass sie sich dort oben versammelten, um sich im nächsten Moment auf ihn zu stürzen. Ihm war schlecht geworden und die Beine so schwach, dass er sich nur mit letzter Kraft ins Freie hatte schleppen können. So nahe war er selten daran gewesen, ihnen zum Opfer zu fallen.

Endlich schlug er den Weg von den Bäumen in Richtung Fluss ein über die offene Grünfläche, die sich bis zum Ufer erstreckte. Das Zwitschern der Vögel blieb zurück.

Sein Blick glitt über das beruhigende Grün der offenen Fläche und den silbrig-grau schimmernden Fluss. Die kleinen Gehölzgruppen zwischen Weg und Ufer waren weniger beängstigend. Er richtete einfach den Blick starr auf den Weg zu seinen Füßen, hin und wieder kontrollierte er kurz, ob die Rasenflächen frei waren.

Seine Gedanken gingen auf Wanderschaft und kreisten um den nächsten Tag. Onkel Franz’ Geburtstag. Alex sah im Geiste den kleinen spitzbäuchigen Mann vor sich, der ihn als Einziger der Verwandtschaft nicht wie einen Verrückten behandelte. Im Gegenteil, er hatte ihn immer unterstützt, ihm sogar vor zwei Wochen den Job im Krankenhaus vermittelt.

Alex rief sich die Gesichter der anderen Verwandten vor Augen. Paula, Paula würde da sein. Er spürte ihren Geierblick, den sie nicht abwandte, wenn er sie ansah: Misstrauisch und taxierend. Kein Wunder, sagte dieser Blick, kein Wunder bei den Kindern, dass Helena säuft und sich gehen lässt.

Ob Paula ahnte, dass Helena jedes Wochenende in schmierigen Kneipen auf Männerfang ging? Dass sie diese zerfledderten und zerrupften Kerle, die von einem Tag zum anderen lebten, ohne Perspektive, ohne den Wunsch, etwas zu ändern an ihrem trostlosen Leben, mit in die Wohnung nahm? Seine Mutter stolperte lachend und lärmend mit ihnen den Flur entlang, sie kniffen und drückten an der wohlig quietschenden Helena herum, und beide verschwanden unverzüglich im Schlafzimmer. Und dann? Zogen sie sich aus. Nackt waren sie und … betasteten sich … und …

Alex’ Magen zog sich leicht zusammen. Meine Güte, warum denke ich an so was?

Auf der Rasenfläche entdeckte er ein Grüppchen Stare. Oder waren es Amseln? Nein, die trieben sich eher einzeln herum, das dort mussten Stare sein. Die Vögel flogen auf und ließen sich ein Stück entfernt nieder.

Dichter am Weg.

Zu dicht.

Er lief langsamer, sein Herz schlug planlos.

Ein Hund scheuchte den Schwarm kurz wieder auf. Jetzt belagerten sie den Weg von beiden Seiten. Alex blieb stehen. Unmöglich konnte er zwischen ihnen hindurch laufen, wenn sie wie Straßenräuber nur darauf warteten, ihn zu überfallen.

Sein Blick folgte dem Hund, der sich schnell entfernte. Ob er ihn zurückrufen konnte? Würde er kommen? Wenn nicht, hätte er sie auf sich aufmerksam gemacht. Alex, du bist verrückt. Das sind nur Vögel.

Erneut schaute er zu den Staren. Sein Hals wurde eng und er bekam schlecht Luft.

Zurücklaufen?

Wo ist der Hund?

Am Ende des Weges tauchte ein Jogger auf. Alex beobachtete ihn voller Spannung. Würde er sie aufscheuchen? Würde er ihm dadurch den Weg freimachen? Viel zu langsam näherte der Mann sich den Vögeln.

Die Hände auf den Oberschenkeln abgestützt, atmete Alex langsam und konzentriert. Er ließ den Läufer nicht aus den Augen.

Komm, mach schon.

Der Mann schwenkte nach links ab und lief quer über die Wiese zu den Bäumen. Alex legte eine Hand auf die Brust und fühlte das wilde Gepolter seines Herzens. Hatte der Mann denn keine Angst, dass die Vögel ihn angreifen würden? Die Stare umflatterten ihn, bevor sie weiterzogen. Allein der Anblick der wirbelnden Flügel schnürte Alex’ Hals noch enger zu. Er hustete würgend, blieb in der Haltung stehen und wartete, bis sich sein Atem wieder normalisiert hatte.

Misstrauisch blickte er sich um – es drohte keine Gefahr mehr – und setzte seinen Weg fort, immer den freien Himmel im Blick, um rechtzeitig reagieren zu können, falls sie zurückkommen würden.

***

Das nervige Piepsen des Timers ertönte und Melanie ging zum Backofen. Ihr machte die Hitze nichts aus, sie hatte keine Angst, sich einen Fingernagel abzubrechen wie die Püppchen, die sich hinter dem Tresen drängelten. Mit einem schmatzenden Geräusch öffnete sich die Glastür und entließ einen Schwall dampfender Hitze. Sie zog die wattierten Handschuhe über und nahm das erste heiße Blech mit den Feierabendbrötchen aus dem Ofen. Mit einem lauten Quietschen schob sie es zum Abkühlen in den Wagen. Die genervten Blicke ihrer Kolleginnen nahm sie grinsend zur Kenntnis und wandte sich dem nächsten Tablett zu. Spatzenhirne.

»Ein Lächeln? Du hast heute ja richtig gute Laune.«

Melanie warf Carola einen kurzen Blick zu. Sie war es nicht wert, eine Antwort zu erhalten. Blond, hübsch, freundlich, dämlich. Das zweite Tablett landete scheppernd auf der Ablage und Melanie zog sich die Handschuhe aus. Abräumen konnte das jemand Anderes.

Mit einem Käsebrötchen und einem Becher Tee in den Händen ging sie in den Aufenthaltsraum, ohne sich bei ihren Kolleginnen abzumelden. Sie hielt ihre Pausen immer ein, egal wie voll es vorne im Laden war. Da sie zur Kaffeezeit auf die Gesellschaft ihrer Kolleginnen verzichtete, aß sie stattdessen noch kurz vor Feierabend ein Brötchen. Immer.

Schnaufend klemmte sie sich auf die Bank an den kleinen Tisch und stellte den Teller und den Becher Tee vor sich ab. Sie zog die nackten Füße aus den Schuhen und stellte sie auf die kühlen Fliesen, während sie ihr Brötchen in zwei Hälften riss. Kauend lehnte sie sich an die Rückenlehne und schloss einen Moment die Augen. Während ihr Kiefer sich monoton bewegte, dachte sie an Sascha.

Sie besaß ihn noch, den kleinen gelben Zettel, der eines Abends an ihrer Tür geklebt hatte: »Hallo, Nachbarin! Wenn du Lust hast, komm doch heute Abend auf ein Glas Wein oder Sekt vorbei. Dein neuer Nachbar.«

Melanie schob die Füße vor, um eine kühle Stelle zu finden und patschte einen einfachen Rhythmus auf die Fliesen. Die letzten Krümel des Brötchens stippte sie mit dem angefeuchteten Finger auf und stellte ihren Teebecher auf den leeren Teller.

Wie ein Tiger im Käfig war sie in ihrer Wohnung umhergerannt. Normalerweise ignorierte sie die Kontaktversuche ihrer Mitmenschen, aber in diesem Fall konnte sie sich nicht zu einem klaren Nein durchringen. Unbegreiflich.

Gesehen hatte sie ihn schon ein paar Mal. Es war nicht zu überhören, dass ein neuer Mieter in die Wohnung neben ihr eingezogen war. Einen halben Tag lang liefen Männer die Treppen hinauf und hinunter, schleppten Möbel und Kartons, während Melanie hinter ihrer Wohnungstür stand und durch den Spion sah. Ein hübscher blonder Mann lief zwischen den Möbelpackern herum und hielt sie bei Laune. Sascha …

Wie konnte es sein, dass er sie verunsicherte, bevor sie überhaupt mit ihm gesprochen hatte? Wie hatte er es geschafft, dass sie auf seine Einladung einging und noch am gleichen Abend vor seiner Tür stand, sich den Kopf zermarternd, wie sie ihn begrüßen sollte und ob er bemerken würde, dass sie vor Aufregung schwitzte?

Schon wurde die Tür schwungvoll geöffnet und Sascha streckte ihr die Hand entgegen. Vorsichtig hatte sie danach gegriffen und seinen festen Händedruck über sich ergehen lassen, ohne ihn zu erwidern.

Carolas Stimme riss Melanie aus ihren Gedanken. »Kannst du mal eben kommen? Der Cappuccino läuft nicht.«

Huch, ich bin eine Frau. Ich kann doch nichts von Technik wissen, ich armes Hühnchen. Melanies linker Mundwinkel hob sich leicht. Dabei waren Maschinen wirklich einfach zu verstehen. Ein paar schnelle Handgriffe und es lief wieder wie am Schnürchen. Wenn nur Menschen auch so einfach auf Spur zu bringen wären.

Melanie trank ihren Tee. Keine ihrer Kolleginnen rechnete damit, dass sie ihre Pause abkürzen würde. Sie warteten geduldig.

Schließlich nahm sie das Geschirr mit in die Teeküche, stellte es ab und ging zum Vollautomaten. Keine zwei Minuten und die Maschine lief wieder problemlos. Sie wischte mit dem Ärmel einen Wasserfleck vom schwarz-glänzenden Metall. Carolas Danke beachtete sie nicht.

Melanies Blick fiel auf die mit einem bronzefarbenen Spiegel verkleidete Wand hinter den Kaffeemaschinen. Ihre Kolleginnen glotzten ständig hinein, als wäre dort mehr zu sehen als ihr eigenes belangloses Äußeres. Diese Hühner waren nicht fähig, hinter die Fassade zu schauen. Sie sahen nur Nebensächliches. Sogar Sascha war es gelungen, sich nicht von einem Trugbild, einer Maskierung täuschen zu lassen – und er war ein Mann! Bereits an ihrem ersten Abend hatte er sich in sie verliebt. Nicht in ihr Aussehen, sondern in ihre Zurückhaltung, ihre geheimnisvolle Unnahbarkeit. In den Tiefen ihrer klaren Augen hatte er ein wenig von der Größe ihrer Seele sehen, nein, ahnen können.

Hinter Melanie ertönte die Türglocke. Sie drehte sich nicht um.

»Guten Tag! Was kann ich für Sie tun?«

An Carolas Tonlage konnte sie erkennen, dass ein Mann hereingekommen war. Sie musterte ihre Kolleginnen aus dem Augenwinkel. Beide hatten den Blick in Richtung des Unbekannten gerichtet. Melanie schüttelte leicht den Kopf. Meine Güte, der musste wirklich gut aussehen. Gleich würde ihnen der Unterkiefer herunterfallen.

»Danke, nichts. Ich möchte nur kurz mit Melanie sprechen.«

Melanie versteifte sich, als sie seine Stimme hörte. Sie verzog den Mund, unterdrückte die aufkommende Übelkeit, und zog die Schultern hoch.

»Melanie«, flötete Carola.

Widerwillig drehte sie sich um. Sie brachte kein Wort heraus. Kein »Was willst du hier?«, kein »Hau ab!«, obwohl ihr genau das auf der Zunge lag. Sie starrte ihren Bruder Alexander an.

»Hallo, Melanie.«

Er strahlte. Stand da und strahlte in seiner widerwärtigen Schönheit, von der er nichts zu bemerken schien. Er trug eine graue Trainingshose und ein verwaschenes T-Shirt, auf dem sich Schweißflecken abzeichneten. Seine dunklen langen Haare waren ebenfalls verschwitzt – und trotzdem schien er für ihre Kolleginnen der Inbegriff der Vollkommenheit zu sein, wie sie mit einem schnellen Seitenblick feststellen konnte. Nicht einmal die Narbe an der Oberlippe, die seinen perfekten Mund entstellte, störte diese dummen Hühner. Melanie kniff die Augen ein wenig zusammen und fixierte ihn weiterhin.

Sein Lächeln erlosch langsam und wich einem unsicheren Blick. Jetzt grübelte er sicher, womit er sie verärgert haben könnte.

Melanie zog die Nase hoch. »Was willst du?«

»Denkst du daran, dass wir morgen bei Onkel Franz eingeladen sind? Und hat Mama … Helena dir gesagt, dass wir dich abholen?«

Sie nickte und drehte sich um.

»Um zwei. Wir teilen uns ein Taxi.«

»Ja, ist gut«, zischte Melanie und ging zu den Toiletten.

***

Auf dem Weg nach Hause fiel Melanie bei einem zufälligen Blick in ein Schaufenster auf, wie verspannt sie wirkte. Sie bewegte ihre hochgezogenen Schultern und ließ sie dann bewusst hängen.

Wie lange hatte sie jetzt die Visage ihres Bruders nicht ertragen müssen? Tage, eher Wochen. Die schöne Zeit war vorbei. Freitag musste sie Stunden in seiner Gesellschaft verbringen.

Natürlich hatte sie mit dem Gedanken gespielt, Onkel Franz’ Einladung einfach auszuschlagen, aber da war auch noch Helena. Wenn ihre Mutter der Meinung war, dass Melanie einsam zu Hause sitzen würde und unbedingt Unterhaltung brauchte, dann konnte man sie so gut wie gar nicht davon abbringen. Es war immer noch besser, sie zu der Feier zu begleiten, als dass sie in der Bäckerei auftauchen würde, um unter großem Getöse ein peinliches Geschenk für den alten Mann zu präsentieren. Und zu betteln. Man könnte meinen, Helena hatte den Großteil ihres Verstandes in Alkohol ertränkt, wenn sie denn jemals viel gehabt hätte. Sie hatte überhaupt keine Hemmungen und respektierte die Gefühle anderer Menschen einfach nicht. Sie war nur ein primitives Wesen, das unkontrolliert seinen Impulsen folgte.

Ein Wurm, nein, ein Einzeller. Fressen, verdauen, fortpflanzen …

Verdammt, wieder hatte sie unbewusst ihre Muskulatur verspannt. Melanie straffte sich, nahm die Schultern zurück und hob den Kopf.

Entgegenkommende wichen ihr aus. Sie war es schon lange nicht mehr, die den Weg freigab. Ihr Körper schob die Luft wie eine Bugwelle vor sich her, die die Menschen zur Seite drängte. Manche schauten sie kurz erstaunt an, als würden sie auf hoher See einem gigantischen Tanker begegnen, ließen den Blick aber gleich wieder weitergleiten.

Eine ältere Dame, die die Beine ihres Hündchens aus seiner Leine befreite, stand Melanie im Weg. Sie blieb stehen und gab ein zischendes Geräusch von sich. Die Frau hob den Blick, lächelte. Beinahe sofort veränderte sich ihr Gesichtsausdruck jedoch. Sie beugte sich schnell wieder zu ihrem kleinen Mischling, und während sie hektisch an der Leine zog, murmelte sie eine Entschuldigung.

So sollte Frau Maszowski aussehen, ängstlich und um Verzeihung bittend, dachte Melanie, aber diese alte Ziege hat ja keinen Anstand.

Sie ging weiter, mit schnurgeraden Schritten, ohne dass die Arme mitschwangen. Jeder Meter brachte sie näher an ihr Zuhause. Näher zu Sascha. Entschieden wischte sie die Gedanken an ihren Bruder zur Seite, die sich immer wieder vordrängen wollten, und konzentrierte sich auf das, was vor ihr lag: Ein Abend mit ihm.

Wie gut sie mittlerweile seine Wohnung kannte. Alle Räume. Bis auf den einen, den sie noch nie betreten hatte. Und nicht so bald betreten würde. Damals, am ersten Abend, hatte er ihr alle Zimmer gezeigt, aber in diesen Raum hatte sie nur einen mehr als flüchtigen Blick geworfen. Sie wusste schließlich, was sich gehörte.

In ihrer großen Umhängetasche knisterte eine Papiertüte. Sascha würde sich sicher wieder sehr freuen, dass sie an ihn gedacht und ihm vier seiner Lieblingsbrötchen zurückgelegt hatte.

Energisch schob sie die Tür zu ihrem Wohnhaus auf und tappte die Treppe in den ersten Stock hinauf. Sie ging an ihrer Wohnungstür vorbei und blieb vor der Nachbarwohnung stehen. Liebevoll strich ihr Finger über das Namensschild: Sascha Köhler. Sie läutete.

Lauschte, konnte aber keine Schritte in seiner Wohnung vernehmen.

Sie klingelte erneut.

Wieder nichts.

Sascha war doch zuhause? An einem Donnerstag war er bisher immer da gewesen, schließlich musste er früh los zur Uni. Oder waren im Moment Semesterferien und er nutzte es aus, am Freitagmorgen lange schlafen zu können?

Melanie klingelte ein drittes Mal vergeblich. Seufzend beugte sie sich vor und stellte die Tüte mit den Backwaren neben Saschas Fußmatte an den Türrahmen.

Aus einem Schritt Abstand betrachtete sie ihr Geschenk. Nein, so könnten die Brötchen beim Öffnen umfallen und Sascha würde sie vielleicht zur Seite treten.

Sie stellte die Tüte an die andere Seite der Tür. Besser, deutlich besser.

Sicherheitshalber läutete sie noch einmal, bevor sie dann entmutigt in ihre Wohnung ging.

Kaum aus den Schuhen geschlüpft, hatte sie auch schon das Telefon in der Hand. Natürlich musste sie mit dem Anrufbeantworter vorliebnehmen. »Hallo, Sascha. Hier spricht Melanie. Ich habe dir Brötchen vor die Tür gestellt. Guck gleich mal raus, wenn du diese Nachricht hörst. Ich möchte nicht, dass jemand anderes sich bedient.« Sie versuchte ein amüsiertes Lachen, dass sich jedoch eher wie ein Bellen anhörte.

Zwei Minuten nach ihrem Anruf fiel Melanie ein, dass sie Sascha gar nicht gesagt hatte, dass es sich in der Tüte um seine Lieblingsbrötchen handelte. Sie griff zum Hörer, wählte seine Nummer und erschrak, als er sich meldete.

»Hallo?«

»Hallo, Sascha. Hier spricht Melanie.«

Sascha lachte. »Mellie! Machst du dir Sorgen um die Brötchen? Die hab ich schon hier vor mir auf dem Tisch liegen. Ich war gerade unter der Dusche, als du geklingelt hast. Komm doch eben rüber auf einen Tee. Ich lass die Tür auf.«

Lächelnd betrachtete Melanie den Hörer, aus dem nur noch ein Tuten ertönte. Sie hatte es gewusst: Sascha verging vor Sehnsucht nach ihr, er wollte sie nach einem langen einsamen Tag endlich sehen.

***

Melanie bewegte einen Finger nach dem anderen, ließ ihren Blick durch Saschas Küche gleiten. Vier verschiedene Stühle standen um einen zerkratzten Tisch, Geschirr und Besteck waren zusammengewürfelt und unvollständig, es war nie aufgeräumt, nie abgewaschen und nach Geschirrhandtüchern oder so etwas Exotischem wie Topflappen musste man lange suchen. Die Küche hätte abstoßend wirken müssen. Ungemütlich. Sie tat es aber nicht. Bei Helena hatte ein ähnliches Durcheinander geherrscht, aber dort schmierig, dreckig, schlampig gewirkt. Wie konnte sie sich in einer Küche, die der ihrer Mutter damals glich, wohlfühlen? Wo lag der Unterschied?

Ihr Finger wanderte über die Tischplatte, über die Kerbe, die Sascha dort versehentlich mit einem Messer hineingehauen hatte, als er einen Kürbis zerteilte.

Er kam herein, das Telefon am Ohr, und suchte in den Schubladen, schaute hinter die Schranktüren. »Ja … klar …« Er lachte. »Idiot! Klar kannst du Lisa mitbringen. Das ist doch diese … genau!« Wieder lachte er, immer noch auf der Suche nach irgendetwas. Sein Blick streifte Melanie, die am Tisch saß, vor der mit Fotografien gepflasterten Wand, und sich nicht bewegte. »Nee … Mellie ist hier und wir wollen …« Er verzog den Mund, als hätte ihn jemand getreten.

Melanie fing seinen verunsicherten Blick auf. Er konnte nicht ehrlich sein zu seinen Freunden, weil er seinen Gefühlen noch nicht traute. Er sah Melanie an seinem Tisch sitzen und begriff nicht, was sie und ihn bereits miteinander verband. Er konnte noch nicht verstehen, geschweige denn daran glauben, dass zwischen ihnen eine Liebe entstanden war, für die er sich nicht rechtfertigen musste.

Melanie lehnte sich zurück, senkte die Lider und lauschte auf das Brummen des Kühlschrankes, das leise Quaken des Radios, die Geräusche, die sich durch das gekippte Fenster hereinschlichen: Regen an der Fensterscheibe, Autoreifen auf der nassen Straße, das Gemecker eines Passanten, der von einem Fahrzeug bespritzt worden war. Von draußen drang ein frischer Windhauch in den Raum. Bald würde er den Geruch nach abgestandenem Bier und kaltem Zigarettenrauch besiegt haben, der vom gestrigen Abend in der Küche hing.

Sascha räusperte sich und sie schaute zu ihm. Er hielt eine Tasse mit Rentiermotiv hoch und hob fragend die Augenbrauen. Auf ihr kurzes Nicken stellte er die Tasse grinsend auf die Arbeitsplatte. »Ja, okay, treffen wir uns erst mal im … jaha.« Er legte auf und wandte sich Melanie zu. »Das war Gerdi.«

Wie sie diese Abkürzungen hasste. Sicher hatten seine Eltern ihr Kind nicht Gerdi genannt. Es gab nur einen Namen, dessen Verniedlichung sie mittlerweile ertragen konnte: Ihren. Und zu ihrer Verwunderung gefiel es ihr sogar. Mellie … Sascha war allerdings der Einzige, der sich das erlauben durfte.

Er bemerkte ihren missbilligenden Blick und sagte mit Grabesstimme: »Gerhard.« Er kniff in ihre Wange und zwinkerte ihr zu, ignorierte, dass sie ihren Kopf abwandte. Melanie schob demonstrativ das Frühstücksgeschirr zur Seite und Sascha nahm es sofort vom Tisch. »Ich brauche eine Frau, hm?« Er lachte.

Wie Recht er hatte. Seine Lebhaftigkeit, seine Sorglosigkeit hatte sie von Anbeginn ihrer Freundschaft anziehend gefunden, doch jetzt wünschte sie sich manchmal mehr Ernsthaftigkeit und weniger Leichtsinn. Ach, im Grunde wartete sie sehnsüchtig darauf, dass er ihr mitteilen würde, er hätte nachgedacht, hätte sein Gewissen, sein Inneres, sein Herz ausgelotet und … wäre auf Mellie gestoßen. Nur Mellie, nichts anderes.

Ihr umherstreifender Blick machte kurz halt an der Brötchentüte, die neben einem Häufchen Krümel liegend darauf wartete, in den Müll gebracht zu werden. Wie die leer gegessene Dose Ananas. Und in dem kleinen Kochtopf hinten auf dem Herd stand ein Rest Tomatensoße. Von den leeren Bierflaschen und den überfüllten Aschenbechern ganz zu schweigen.

Sascha folgte ihrem Blick. »Ich bin eben ein Junge. Aufräumen ist bei mir nicht genetisch fixiert. Da kann ich nichts machen.« Er knüllte die Papiertüte zusammen und stopfte sie in den Mülleimer, dessen Deckel kaum zuging, und drehte sich dann mit Schwung um. »Ach komm, jetzt mache ich Tee und du erzählst mir von deinem Tag. Was war heute los?« Er klappte die Tür des Hängeschrankes zu, die offen stand, seit Melanie die Küche betreten hatte. Wahrscheinlich stand sie seit Tagen offen. Sascha nahm eine Tasse aus der Spüle, warf einen Blick hinein und murmelte »Geht noch«, bevor er sie kurz unter laufendem Wasser ausspülte.

Melanie beobachtete ihn auf seinem Weg durch die Küche. Der Anblick seines Körpers und seiner Bewegungen ließ sie Wärme und Zuneigung empfinden. Er lief hin und her, setzte Wasser auf, suchte im Küchenschrank nach den Teebeuteln, fragte sie, welche Sorte sie trinken wolle – alles nur, um sich nicht an den Tisch setzen zu müssen. Alles nur, um nicht seinem Schicksal in die Augen blicken zu müssen.

Ihre Gedanken schweiften ab. Sie hörte ihm nicht mehr zu, starrte an die Decke, betrachtete eine bewegungslose Spinne, die zu ihr zurückzustarren schien.

»… und dann kam natürlich raus, dass das einer seiner blöden Scherze war. Mal ehrlich, manchmal kann der Kerl einem auf den Keks gehen.«

Melanie verzog leicht den Mund und nickte abwesend, immer noch die Spinne im Blick.

»Na, du kennst ihn ja«, fuhr Sascha fort und seine Stimme verriet, wie sehr er seinen Freund mochte.

Melanie senkte den Kopf, betrachtete den Mülleimer, malte sich aus, wie sie ihn mit ihrem Blick zu einem kleinen Blechklumpen zerknüllte. »Ich kenne ihn nicht.« Sie mühte sich vergeblich, ihrer Stimme einen freundlichen Klang zu geben. Oder wenigstens einen interessierten.

»Mann, Mellie, ich sag das ja dauernd, komm doch einfach mal mit. Ihr würdet euch gut verstehen. Ihr habt beide so einen trockenen Humor.« Sascha drehte sich zum Wasserkocher um, der mit einem durchdringenden Pfeifen auf sich aufmerksam machte.

Humor? Melanie verzog den Mund zu einem verächtlichen Lächeln. Humor hatte mit Leichtigkeit zu tun, mit Vergnüglichkeit, Wohlwollen, einer gewissen – wenn auch undurchsichtigen – Zuneigung zum Anderen. Dergleichen konnte sie beim besten Willen nicht aufbringen. Nicht für andere, nur für ihn. Sie musterte Saschas Rücken, sein zwischen den Schulterblättern leicht verschwitztes T-Shirt. Möchtest du wissen, was mir Vergnügen bereitet? Sie lachte geräuschlos. Ich fürchte, das würde dich erschrecken.

Sascha stellte den Becher Tee vor sie auf den Tisch und setzte sich endlich.

Sie legte die Finger einer Hand über das grinsende Rentier und versenkte den Blick im dampfenden Tee. Er will mich loswerden, überlegte sie. Ich verunsichere ihn. Ich passe noch nicht in sein Leben, zu seinen Freunden, diesen aufgeblasenen Studenten, diesen Beinahe-Akademikern. Ihm ist wichtiger, dass ihn die Anderen mögen. Er denkt, dass er auf meine Gegenwart leicht verzichten kann. Er weiß es einfach noch nicht besser.

Melanie bemerkte das Schweigen, das im Raum hing. Langsam hob sie den Kopf. Sascha saß mit aufgestützten Ellenbogen vor ihr und lächelte. Beinahe hätte sie nach seiner Hand gegriffen und ihm gesagt, dass sie ihm seine Unsicherheit verzeihen würde, dass sie es gemeinsam mit der ganzen Welt aufnehmen könnten – wenn er sich ihr endlich offenbaren würde. Aber das wäre nicht akzeptabel. Er war der Mann, er musste diesen Schritt in ihre gemeinsame Zukunft von sich aus tun.

»Also? Kommst du mit? Wenn nicht heute Abend, dann am Wochenende?«

»Wohin wollt ihr?«

»Heute ziehen wir ein bisschen um die Häuser, aber ich glaube, wir werden sehr schnell bei Gerdi landen und zocken.« Sascha legte die Hand auf ihre klammen Finger. »Komm, Mellie, du kannst dich dann ja absetzen. Nur eine halbe Stunde.«

Sie zog die Hand weg. Sascha hatte einmal ihre Hände zwischen seinen gewärmt, ihre vorsichtig angebrachten Einwände gegen diese Vertrautheit einfach weggelacht. Sie bekam eine Gänsehaut, wenn sie an das Gefühl dachte, das seine warmen, sanft drückenden Finger ausgelöst hatten. Dass er trotz dieser Nähe, seiner mehr als deutlich gezeigten Zuneigung, immer noch Abstand wahrte, fühlte sich wie Verrat an.

»Warum kommst du nie mit?«