Im Auftrag des Feindes - Günter Hein - E-Book

Im Auftrag des Feindes E-Book

Günter Hein

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Beschreibung

Freiheit. Das ist das, was sich der DDR-Bürger Bernd Hartmann für sein Leben wünscht. Als er den Österreicher Siegfried Heine kennenlernt, hat dieser die Lösung parat: Spionage für den Westen. Anfangs läuft auch alles glatt und Bernd verdient eine Menge Westmark. Doch die Staatssicherheit schläft nicht und ist bereits auf der Suche nach dem feindlichen Element. Ohne es zu ahnen, zieht sich die Schlinge um seinen Hals immer enger zu....

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Seitenzahl: 337

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Günter Hein

Im Auftrag des Feindes

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Kapitel 83

Danksagung

Anmerkungen des Autors:

Impressum neobooks

Kapitel 1

Ende der Siebziger Jahre tobt der kalte Krieg zwischen Ost und West. Die Nato unter der Führung der Vereinigten Staaten von Amerika, und der Warschauer Pakt unter der Führung der Sowjetunion liefern sich im geteilten Deutschland einen Spionagekrieg. Am eisernen Vorhang versuchen CIA, KGB und die Staatssicherheit der DDR, mit allen Mitteln Informationen der jeweiligen Gegenseite zu stehlen und gegen sie zu verwenden.

Aber es gibt auch Nebenschauplätze, wo der Osten mit dem Säbel rasselt und der Westen das unterdrückte Land unterstützt…………

Sonnenschein fiel durch die verschmutzten Fenster im dritten Stockwerk des Auswärtigen Amtes in Ost-Berlin. Der einsetzende Frühling erhellte die trist in grau gehaltene Umgebung des Regierungsviertels der DDR.

»Ich komme gleich nach«, rief Reintraut Otto ihren Kollegen hinterher, die sich auf den Weg in die Kantine gemacht haben, um ihre Mittagspause anzutreten.

Nervös wischte sie sich die feuchten Hände an ihrem modischen Karo Rock ab. Mit gesenktem Kopf beobachtete sie, wie sich das Büro langsam leerte. Als die letzten Kollegen gegangen waren, stand sie eilig auf, um einen Blick auf die umliegenden Arbeitsplätze zu werfen. Nachdem sie sich versichert hatte, dass sie alleine war, ging sie zu ihrem Platz zurück und öffnete ihre Handtasche, die neben ihrem Schreibtisch stand. Sie wühlte aufgeregt in ihr herum, bis sie die kleine Kamera gefunden hatte. Hastig rannte sie zum Schreibtisch ihrs Vorgesetzten, öffnete eine Schublage und nahm einige Dokumente heraus, um sie auf dem Tisch zu platzieren. Sie schaltete seine Schreibtischlampe an, nahm die Kamera und fing an, Blatt für Blatt ab zu fotografieren.

Nachdem sie fertig war, legte sie die Blätter wieder ordentlich zusammen und steckte sie zurück in die Schublade. Dann schaltete sie die Lampe wieder aus und ging zu ihrem Platz. Die Kamera verstaute sie wieder in ihrer Handtasche.

Danach schaute sie noch einmal in den kleinen Handspiegel, den sie immer dabei hatte, und prüfte kurz ihr Makeup und ihre Frisur. Zufrieden legte sie den Spiegel zurück in die Handtasche und machte sich auf den Weg in die Kantine.

Ihr Vorgesetzter bemerkte das verspätete Eintreffen seiner Mitarbeiterin, ließ sich aber nichts anmerken. Verstohlen sah er zur Uhr und merkte sich die Zeit, die sie zu spät kam.

Nicht weit vom Regierungsbezirk entfernt rieb sich Bernd Hartmann fröhlich singend seine Hände mit Handwaschpaste ein, um den von seiner Arbeit als Kfz-Mechaniker angefallenen Film aus Öl und Schmiere zu entfernen. Er freute sich auf seinen wohlverdienten Feierabend mit seiner Frau Dagmar.

»Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass du singst, hätte er dir eine Stimme gegeben.« Sein Kollege Winfried Laatz trat ans Waschbecken und grinste Hartmann an.

»Und? Hast du schon mit dem Alten gesprochen?«

»Gleich, Laatzi, gleich. Ich will wenigstens saubere Griffel haben, wenn ich ihm aus Dankbarkeit die Hand schüttele.« Hartmann grinste und trocknete sich die Hände an einem alten verwaschenen Handtuch ab. Anschließend hängte er den schmutzigen Lappen seinem Kollegen über die Schulter.

»Na dann viel Glück. Seine Laune ist ja heute ganz gut.«

Hartmann legte seine Hand auf die Schulter von Laatz und verließ den Waschraum, um sich im Umkleideraum saubere Kleidung anzuziehen. Im Grunde sah er keine Schwierigkeiten, seinen geplanten Urlaub genehmigt zu bekommen. Er wollte mit Dagmar nach Ungarn an den Plattensee, um dort zu campen. Mit seinen Schwiegereltern hatten sie bereits abgemacht, dass sie den Trabant 600 für zwei Wochen bekommen würden. Das erleichterte vieles, denn Reisen in den Westen waren strikt untersagt, und als einzige Urlaubsmöglichkeiten im Ausland boten sich Bulgarien, Rumänien, Polen, die Tschechoslowakei und eben Ungarn an.

Wer ins Ausland reisen durfte, entschieden der Betrieb, das Jugendreisebüro oder die FDJ. Voll gepackt zogen im Sommer ganze Trabi-Karawanen an den Balaton, um Sonne satt und Westwaren zu genießen. Auch der ungarische Wein erfreute sich großer Beliebtheit bei den Urlaubern. Hartmann genoss jährlich das Wohlwollen seines Betriebes, mit dem er auch diesmal rechnete. Zögerlich klopfte er an die Tür des Meisterbüros.

»Herein!«, dröhnte eine knorrige Stimme von drinnen.

Hartmann betrat das Büro und schloss die Tür. Sein Meister saß an seinem Schreibtisch und blätterte in irgendwelchen Unterlagen. Hartmann räusperte sich, worauf sein Meister zu ihm aufsah.

»Na, Hartmann, was gibt es?«, fragte er freundlich.

»Es ist wegen des Sommerurlaubs.«

»Ach ja. Sie hatten ja Urlaub für den Sommer beantragt. Balaton war das, wenn ich mich recht erinnere.«

Er kratzte sich am Kopf, als müsste er lange überlegen. Dann lachte er.

»Keine Bange, Hartmann. Das geht in Ordnung. Sie können Ihren wohlverdienten Urlaub dort planen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Feierabend. Und grüßen Sie Ihre Frau Gemahlin.«

»Vielen Dank, ich werde die Grüße ausrichten. Bis morgen und schönen Feierabend«, sagte Hartmann sichtlich erleichtert. Fast wäre er auf den Spaß hereingefallen.

Hartmann verließ das Büro und ging nach draußen, wo sein Fahrzeug stand. Der Meister grinste. Die Genehmigung für Hartmann hatte er wie in jedem Jahr von ganz oben bekommen. Hartmann war vorher von der Staatssicherheit überprüft und der geplante Urlaub als unbedenklich genehmigt worden. Dadurch dass er parteilos war, stellte er nicht gerade einen Paradebürger der DDR dar. Aber mit seinem Fleiß und seiner Kollegialität machte Hartmann alles wett.

Hartmann trat an seine Schwalbe und löste das Schloss. Er freute sich schon darauf, Dagmar die freudige Botschaft zu überbringen. Er hatte seine Frau während eines FDJ- Zeltlagers kennen gelernt. Abends, während sie sich alle um ein Lagerfeuer sammelten und die Gruppe gemeinsam Lieder zu Gitarrenklängen sang, saß sie plötzlich neben ihm. Sie fror sichtlich, weshalb sie immer näher an Hartmann heranrückte. Irgendwann an dem Abend trafen sich ihre Augen. Und blieben aneinander kleben. Sie lächelten sich an, und Dagmar kroch wortlos in seine warmen Arme. An ihn angelehnt und gewärmt saß sie mit ihm den Rest des Abends am Feuer, und sie sangen. Als es vorüber war und die Jugendlichen in die Zelte sollten, standen sie auf und sahen sich an.

»Danke.«

»Bitte«, stammelte Hartmann und suchte verzweifelt nach Worten.

Dagmar grinste ihn verschmitzt an und sagte: »Ich heiße Dagmar, nur für den Fall, dass du fragen wolltest. Wie heißt du?«

Hartmann errötete leicht. Es war zu seinem Glück dunkel, so dass Dagmar seine Verlegenheit nicht sehen konnte. »Ich bin der Bernd«, stammelte er.

»Ich freue mich, Bernd. Dann schlaf mal schön.« Sie sah ihn keck an und verschwand in der Dunkelheit. In dieser Nacht brachte Bernd kein Auge zu.

Als Dagmar sich am nächsten Morgen zu ihm an den Frühstückstisch setzte, war es um ihn geschehen. Sie hatte sich die langen rötlichen Haare zu einem Seitenzopf gebunden und trug einen roten Hosenanzug mit Latz. Darunter ein weißes Shirt. Ihre Sommersprossen und ihre vollen gleichmäßigen Lippen betonten ihr süßes Lächeln. Sie platzierte das Frühstücksbrett mit Brot, Butter, Marmelade und Tee und setzte sich.

Bernd sah sie nur wortlos an.

Sie sortierte ihr Frühstück auf dem Tablett. Tee rechts hinten, Teller und Besteck vor sich. Links hinten die Butter und die Marmelade. Zufrieden faltete sie die Hände, schaute zu Bernd auf und lächelte. »Morgen. Bist also immer so gesprächig. Dass du sprechen kannst, weiß ich ja von gestern Abend.«

Bernd musste lachen. Das Eis war endgültig gebrochen.

Dagmar lachte ebenfalls.

»Doch, doch. Ich kann sprechen. Wo kommst du her? Ich bin aus Berlin.«

Sie zog die Augenbrauen kurz hoch. Dann legte sie den Kopf schief und lächelte verschmitzt. »Brieselang. Langweilig. Keine so süßen Jungs wie in Berlin.« Sie sah ihn herausfordernd an.

»So was wie dich habe ich aber in Berlin auch noch nicht gesehen. Heute ist Naturkunde auf dem Programm. Wenn du Lust hast…« Hartmann war selbst erstaunt über seinen Mut.

»Wäre ich sonst hier? Ich könnte ja auch den Tag mit den langweiligen Ziegen verplempern, mit denen ich gekommen bin.«

So verbrachten sie schließlich die restliche Zeit im Ferienlager gemeinsam. Am letzten Abend küssten sie sich das erste Mal und versprachen, sich wieder zu sehen.

Hartmann musste grinsen, als er sich daran erinnerte. Er startete die Schwalbe und machte sich auf den Heimweg.

Kapitel 2

In der Bödickerstraße im Stadtteil Friedrichshain stand Aiden Carter mit tief ins Gesicht gezogener Schiebermütze in einem Hauseingang und wartete. Unauffällig gekleidet sah er aus wie jeder andere Bürger der DDR auch. Die Sachen hatte er im Centrum Warenhaus am Alexanderplatz gekauft. Seine alte Bekleidung hatte er in eine Plastiktüte eingewickelt und in einen Müllcontainer entsorgt. Er schaute auf seine Armbanduhr. 18:15 Uhr. Bald musste sie kommen. Wieder fuhr ein Fahrzeug an ihm vorbei. Er senkte seinen Blick, um nicht erkannt zu werden. Als er wieder aufblickte, sah er sie kommen. Mit elegantem Schritt ging sie zielstrebig auf das erste Haus mit den Balkonen zu, ihr Zuhause. Carter wartete, bis sie im Haus verschwunden war, und ging dann langsam los. Den Blick gesenkt erreichte er das Haus und drückte den vierten Klingelknopf von oben, auf dem der Name Otto stand. Dann drückte er die Tür auf und ging ins Treppenhaus. Es roch muffig. In Zweierschritten nahm er die Stufen nach oben. Sie hatte die Tür angelehnt. Sie wusste, dass er heute kam. Carter schaute sich im Treppenhaus noch einmal um und betrat die kleine 2-Zimmer Wohnung. Sie stand im Türrahmen zu ihrem Schlafzimmer und trug nur ein dünnes Negligee.

Carter nahm die Schiebermütze ab, zog seine Jacke aus und hängte beides an einen Garderobenhaken. Dann ging er grinsend auf sie zu. »Du bist einfach atemberaubend, weißt du das, mein Trautchen?« Sie legte den Arm um seinen Hals und zog ihn ganz dicht heran. Er konnte das Parfüm riechen konnte, was Sie aufgelegt hatte.

»Gefall ich dir?«, hauchte sie in sein rechtes Ohr. Sanft streichelte er über ihren nackten Hintern.

»Natürlich«, entgegnete er ihr, bevor er sie küsste und bestimmt ins Schlafzimmer schob.

Nachdem sie sich geliebt hatten, saßen sie beide rauchend auf dem Bett. Sie griff in ihre Nachttischschublade und holte die kleine Kamera hervor.

»Hier ist deine Belohnung«, strahlte sie. Carter nahm die Kamera und wog sie in der Hand.

»So leicht und doch so gewichtig. Gab es Probleme?«

Sie schüttelte den Kopf. »Keine. Ein Kinderspiel. In der Mittagspause gehen alle in die Kantine. Ich bin länger am Platz geblieben, um die Fotos zu machen, während alle beim Essen waren.«

Carter nickte zufrieden. »Gut. Du musst dennoch vorsichtig sein.«

Sie winkte ab, drückte ihre Zigarette in den Aschenbecher und legte ihren Kopf auf seine behaarte Brust. »Bin ich doch. Mach dir keine Sorgen.« Er streichelte ihren nackten Rücken.

Urplötzlich zog er die Decke zur Seite und stand auf.

»Ich muss los. Das Material muss so schnell wie möglich in den Westen.«

Reintraut rollte sich auf den Bauch und sah ihm zu, wie er sich anzog.

»Wann sehe ich dich wieder? Ich habe keine Lust, immer so lange auf dich zu warten.«

Er sah auf und blickte ihr fest in die Augen.

»Bald.« Dann beugte er sich hinunter und gab ihr einen sanften Kuss. »Bald.

Carter verließ das Haus und schlenderte die Straße entlang. Er bemerkte nicht, dass er verfolgt wurde. Er folgte der Straße bis zur Stralauer Allee und bog rechts auf die Eisenbrücke Richtung Treptower Park. Ein Mann kam ihm entgegen und rempelte ihn an.

»Entschuldigung. Keine Absicht«, sagte der Passant und ging weiter.

Die Kamera hatte den Besitzer gewechselt.

Der Verfolger hatte in ausreichendem Abstand die Übergabe bemerkt und gab über ein Funkgerät die Information weiter. Er nahm die Verfolgung des Remplers auf, während Carter der Eisenstraße weiter folgte.

»Nicht festsetzen. Es ist sowieso nur falsches Material auf dem Film zu sehen. Verfolge ihn bis zu seinem Ziel.«

»In Ordnung«, erwiderte der Verfolger. Der Mann ging bis zur Warschauer Straße und stieg dort in ein Taxi.

»Mann ist im Taxi. Stoppe Verfolgung.«

»Gesehen. Wir übernehmen.«

Am Checkpoint Charlie hielt das Taxi. Der Mann stieg aus und ging durch die Kontrolle in den Westen.

»Ist mit dem Paket im Westen. Kümmern uns nun um die Frau. Treffpunkt zur Besprechung in der Zentrale. Ende.«

»Was ist mit dem anderen Mann?«

»Der dürfte auch schon auf dem Weg nach drüben sein. Laufen lassen. Die Frau ist der Schlüssel.«

»In Ordnung. Bin auf dem Weg in die Zentrale. Ende.«

Kapitel 3

Am Geländer des Spreekanals nahe dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten in Berlin-Mitte genoss Aiden Carter die warme Frühlingssonne. Den Kopf leicht gesenkt, nahm er eine Schachtel F6 Zigaretten aus seiner Jackentasche und zündete sich ein Stäbchen an. Sein Blick fiel auf das Gebäude. Die moderne Stahlbetonkonstruktion mit seinem pompösen Haupteingang direkt am Spreeufer war Bestandteil des Ostberliner Regierungsbereiches am Marx-Engels-Platz. Daneben stand die Friedrichswerdersche Kirche und das Zeughaus Unter den Linden.

Vor der Tür parkte ein Kastenwagen der Marke Barkas mit laufendem Motor. Carter kannte die Barkas B1000 Fahrzeuge. Sie boten Platz für acht Personen. Zwei auf den vorderen Sitzplätzen, jeweils drei in den hinteren zwei Reihen. Die Fahrerkabine war durch ein Sicherheitsglas von der restlichen Kabine getrennt. Bei den Fahrzeugen im Fuhrpark der Staatssicherheit waren zudem innen die Türgriffe abmontiert, so dass der Wagen nur von außen geöffnet werden konnte.

Carter zog tief an seiner Zigarette und schaute sich unauffällig um. Wieder fiel sein Blick auf den Eingang des Gebäudes, aus dem jetzt ein großer Mann trat. Er trug einen langen Wollmantel und einen Hut. Die Tür aufhaltend schaute er nach links und rechts. Dann blickte er zurück ins Gebäude und nickte. Anscheinend ein Zeichen. Einen Augenblick später kamen ein Mann und eine Frau aus dem Gebäude. Dem Anschein nach wurde die Frau eher geführt, als dass sie freiwillig ging. Carter erkannte sie erst auf den zweiten Blick. Die Männer steuerten sie auf den Kastenwagen zu und drückten die sich hilfesuchend umsehende Frau in den hinteren Teil des Fahrzeugs. Ein Mann setzte sich neben sie, während der Andere die Tür schloss und sich anschließend auf den Beifahrersitz Platz nahm. Der Wagen setzte sich in Bewegung und entfernte sich schnell.

Carter schnippte seine Zigarette in den Fluss und ging in entgegengesetzter Richtung davon. Er musste Kontakt zu seinen Vorgesetzten bei der CIA aufnehmen. Reintraut Otto war soeben von Mitarbeitern der Staatssicherheit verhaftet worden.

Kapitel 4

Die Hitze in Washington war für Anfang Mai fast unerträglich. CIA-Direktor Ross Miller hoffte, dass die Klimaanlage lief, als er das Oval Office im Weißen Haus betrat. Der Präsident hatte seinen Stab zusammen gerufen. Neben dem Berater des Präsidenten waren der Verteidigungsminister, der Stabschef, der oberste General der NATO und der Chef der NSA anwesend. Wie immer wusste Miller nicht, worum es ging. Den Anruf für das Treffen hatte er vor zwei Tagen erhalten. Miller nickte jedem Einzelnen zu, bevor er sich setzte. Der Präsident stand auf und erhob das Wort.

»Guten Morgen, meine Herren. Ich habe sie zusammenkommen lassen, weil es in Europa schon wieder ein Problem gibt. Eine wichtige Agentin in Ost-Berlin ist enttarnt worden. Das ist nun der vierte Fall in kürzester Zeit. Meine Frage lautet: Wie zum Teufel kann es sein, dass unsere Leute ständig auffliegen?«

Die Frage des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Joel Graham, lies Miller leicht zusammenzucken.

»Ich treffe mich nächste Woche mit dem sowjetischen Staatschef und kann nur hoffen, dass es keine unangenehmen Fragen gibt.«

Miller räusperte sich. »Mister President, irgendwo ist ein Loch. Die da drüben wussten von Anfang an Bescheid. Anders kann ich mir das nicht erklären. Unser Kontaktmann, der die Verantwortung für die Betreuung hatte, ist sich sicher, alles korrekt abgeschätzt zu haben. Er hat keinerlei Risiko gesehen, zumal die Informationen, die die Dame zu sammeln hatte, jeden Tag über ihren Schreibtisch liefen.«

»Trotzdem ist sie verraten worden. Wir sitzen hier und können für die Frau nichts machen, weder rausholen noch sonst irgendetwas. Und peinlich ist das für uns auch. Die lachen sich kaputt im Osten, während ihre Spione hier und in den Westsektoren Berlins schalten und walten können, wie sie wollen.«

Präsident Graham beugte sich leicht in Richtung Miller. »Ich will, dass das komplett neu organisiert wird. Wir brauchen dringend die Informationen, was in Ost-Berlin vor sich geht. Wie wir aus ihren Berichten wissen, planen die Sowjets in Afghanistan irgendetwas. Ich erwarte Ergebnisse.«

»Wir werden tun, was in unserer Macht steht, Mister President. Unsere Männer in Kabul, Prag, Moskau und Warschau sind intensiv am Arbeiten. Und für Ost-Berlin finden wir eine Lösung.«

»Ich hoffe es für sie, Miller. Ich hoffe es. Wir können uns solche Pleiten nicht erlauben. Was planen Sie zu tun?«

»Ich werde einen meiner besten Männer nach Europa schicken, um die Angelegenheit persönlich in die Hand zu nehmen. Ich glaube, unser Hauptproblem ist, dass wir zu wenig Personal drüben haben.«

Präsident Graham rieb sich das Kinn.

»Ich hoffe, das funktioniert diesmal. Der Mann soll alles, was bisher dort läuft, in Frage stellen. Gibt es sonst irgendwelche Neuigkeiten?«

Graham sah in die Runde. Miller meldete sich noch einmal zu Wort.

»Die Pakete für Afghanistan sind soweit vorbereitet. Falls die Sowjets aktiv werden, ist dafür gesorgt, dass die Mudschahidin sich wehren können. Auch Pakistan und Saudi-Arabien beteiligen sich an der Unterstützung. Im Stillen hoffen wir natürlich, dass die Sowjets die Füße still halten.«

Der Präsident nickte zustimmend.

»Das hoffen wir alle.«

Dann erhob er sich. Alle Teilnehmer der Besprechung folgten seinem Beispiel.

»Na dann, meine Herren. An die Arbeit.«

Der Dienstsitz der CIA befindet sich seit den 1950er Jahren in Langley, Virginia, einem Vorort nordwestlich von Washington D.C., im sogenannten Langley Research Center. Der Komplex hat keine offizielle Adresse, die dorthin führenden Straßen sind namenlos. Es gibt auch keinerlei Angaben zu der offiziellen Mitarbeiterzahl. Manche schätzen jedoch, dass es sich um 20.000 Menschen handelt, die auf dem circa einen Quadratkilometer großen Gelände arbeiten.

Das Gebäude selbst war ein 180.000m² großer Klotz voll Glas, Beton und modernster Technik. Die CIA galt als der mächtigste Geheimdienst der Welt, gefolgt vom russischen KGB und dem israelischen Mossad.

Mark Madsen las noch einmal den Bericht, den er gerade geschrieben hatte. Zufrieden stand er auf und ging zum Fotokopierer. 5-fache Ausfertigung. Immer dasselbe Spiel.

Er sah auf die Uhr. Noch 10 Minuten bis zur Besprechung mit dem DCI, dem Direktor. Er spürte eine gewisse Anspannung. Das Gespräch konnte alles bedeuten. Eine Beförderung, eine neue Aufgabe. Madsen hatte keinen blassen Schimmer, was ihn erwartete. Er zündete sich eine Zigarette an und verfluchte sich dafür. Schon lange wollte er damit aufhören, hatte es aber bis heute nicht geschafft. Er atmete gierig den Rauch ein und legte sich seine Unterlagen zurecht, die er gleich zu der Besprechung mitnehmen wollte.

Mark Madsen war 37 Jahre alt und ledig. Mit einer Größe von 1,87 m und seinen stahlblauen Augen war er eine imposante Erscheinung. Er war kräftig, hatte aber keinen Gramm Fett am Körper, weil er regelmäßig Sport trieb. Von seiner letzten Freundin hatte er sich vor einigen Tagen getrennt. Sie sahen beide keinen Sinn mehr in der Beziehung, weil Madsen zu viel und zu lange arbeitete. Als Einzelkind aufgewachsen, hatte er noch eine starke Bindung zu seinen Eltern, die in Detroit lebten. Sein Vater, John Madsen, war in der Automobilbranche als Verkäufer tätig, und seine Mutter Meredith verdiente durch einen Job als Reinigungskraft ein wenig dazu. Beide sind über die ganzen Jahre hinaus bescheiden geblieben und haben diese Werte ihrem einzigen Kind vermittelt.

Madsen hatte die High School besucht und war in dieser Zeit ein leidenschaftlicher Eishockeyspieler, was ihm bei den Schulkameraden Beliebtheit und eine gehörige Portion Respekt einbrachte. Seine Körpergröße tat ihr Übriges. Nach der High School ging er direkt zum Militär, wo er sich freiwillig meldete. Nach seiner militärischen Ausbildung wurde er Mitglied der Special Forces, wo er Beobachtern der CIA auffiel. Nach seinem Wechsel in die Agency vor 13 Jahren arbeitete Madsen an einigen geheimen Operationen mit. Dank seiner Fähigkeiten, Menschen zu leiten und seiner rasanten Auffassungsgabe wurde er schnell Führungsoffizier. Seine Arbeit brachte ihn unter anderem nach Santiago de Chile, Luanda in Angola und Rom in Italien. Er sprach fließend Deutsch, Russisch, Spanisch, Farsi und Italienisch.

Er stand in dem Ruf, in brenzligen Situationen immer für eine Überraschung gut zu sein.

Madsen klopfte an die Tür seines Vorgesetzten.

»Herein«, rief CIA-Direktor Ross Miller.

Madsen trat ein. Miller stand auf und ging um den Schreibtisch, um seinen Gast die Hand zu schütteln.

»Hallo Madsen, kommen Sie. Setzen Sie sich. Kaffee?«

Madsen nickte, während er sich vor dem imposanten Schreibtisch Platz nahm. Der Direktor stellte Madsen und sich eine Tasse Kaffee bereit und setzte sich ebenfalls. Madsen sah eine Akte mit dem ihm wohlbekannten Aufdruck ´Top Secret´ auf dem Schreibtisch liegen. Beide tranken einen Schluck Kaffee, bevor Miller das Wort ergriff.

»Ich habe Sie zu diesem Gespräch gebeten, weil ich einen wichtigen Job für Sie habe. Ganz ehrlich gesagt, traue ich diese Aufgabe keinem anderen Agenten zu. Sie haben Erfahrung, sind zielstrebig und arbeiten sehr Ergebnisorientiert. Alle bisherigen Aufgaben haben Sie zu unserer vollsten Zufriedenheit erledigt. Es gibt einen kleinen Haken an der neuen Aufgabe: Sie sind wahrscheinlich für mehrere Jahre in Europa stationiert. Hätten Sie ein Problem damit?«

Mark Madsen musste nur kurz überlegen. Eigentlich passte das alles gut ins momentane Bild, was sein Leben anging. Er wohnte in einer von der CIA zur Verfügung gestellten Wohnung in einem Vorort von Washington, die er problemlos aufgeben konnte, und fühlte sich trotz seines Alters noch zu jung, um seine Zelte an einem festen Ort aufzuschlagen.

»Kein Problem, Sir. Ich bin ungebunden.«

Er trank einen Schluck und wartete gespannt auf die weiteren Informationen, die folgen sollten.

»Ausgezeichnet. Dann nehmen Sie bitte diese Akte und lesen sich alles genau durch.«

Der Direktor schob ihm das Papier zu.

»Es geht nach Deutschland. Genauer gesagt Berlin. Wir haben dort das Problem, dass wir aktuell keinen Agenten dort haben. Es fließen keine Informationen mehr. Die letzte Agentin, die uns mit Fakten versorgt hat, saß im Auswärtigen Amt und wurde am 25.April von der Staatssicherheit verhaftet. Keiner weiß, was mit ihr ist und was dort geschieht. Der Präsident will, dass die dortige Situation sich ändert und alles komplett neu organisiert wird. Wir brauchen dringend Informationen, was in Ost-Berlin vor sich geht. Die Sowjets planen in Afghanistan irgendetwas, im schlimmsten Fall eine Invasion.«

»Wir scheinen dort wirklich kein Glück zu haben. Ich erinnere mich grob an den Fall, wo der Tunnel unter der Friedrichstraße aufgeflogen ist. Das war schon mächtig peinlich für uns, zumal Chruschtschow das damals richtig ausgeschlachtet hat.«

»Richtig. Das Problem zieht sich wie ein roter Faden durch die letzten 20 Jahre. Und Sie sollen das ändern. Sie sind ein fähiger Mann, was Sie in Ihren letzten Auslandseinsätzen mehrfach bewiesen haben. Ich baue auf Sie. Lesen Sie die Akte, analysieren Sie die Situation und bauen Sie die Strukturen dort neu auf. Wir arbeiten hier derweil an Ihrer Legende, damit Sie sowohl im Westteil als auch im Ostteil der Stadt keine Probleme haben. Sie bekommen feste Partner, die Sie unterstützen, wo sie können. Ich bin davon überzeugt, dass Sie genau der richtige Mann dafür sind.«

Miller sah Madsen prüfend an.

»Was meinen Sie? Wie lange brauchen Sie für Ihre erste Analyse?«

Madsen warf einen prüfenden Blick auf die Akte.

»Ich mache mich gleich an die Arbeit. Ich denke, ich brauche eine Woche.«

»Gut, dann treffen wir uns in einer Woche wieder hier.«

Der Direktor stand auf und kam um den Schreibtisch, um Madsen zur Tür zu geleiten. Madsen erhob sich ebenfalls, nahm die Akte und ging mit dem Direktor zur Tür.

»Wie gesagt, ich bin fest davon überzeugt, dass Sie einiges bewegen können. Ich freue mich schon auf das nächste Gespräch.«

Die Männer schüttelten sich die Hände, und Madsen verließ das Büro. Miller ging an seinen Schreibtisch und nahm den Hörer vom Telefon. Er wählte eine Nummer. Die Gegenstelle hob ab.

»Miller hier. Die Aktion läuft an. Ich brauche eine Auflistung aller für uns in Europa tätigen Agenten sowie deren Standorte und aktuellen Aufgaben. Und bestellen Sie bitte den Leiter unserer Vertretung aus West-Berlin nach Langley. Ich will den Mann nächste Woche hier haben.«

Miller legte auf und setzte sich an den Tisch. Er sah auf das Bild seiner Familie und seufzte. Hoffentlich artet das nicht in einen neuen Krieg aus, dachte er. Diese verdammten Sowjets.

Madsen hatte die Akte einige Tage studiert. Er steckte sich eine Zigarette an und zog nachdenklich an der Kippe. Die Situation in Berlin war in der Vergangenheit wirklich nicht gut. Agenten wurden überhastet angeworben und unorganisiert losgeschickt. Keine Spur vom Agenteneinmaleins. Er wunderte sich überhaupt nicht, dass das immer wieder schief ging. In seinen Augen wurde sogar leichtfertig mit Menschenleben gespielt. Das würde er auf jeden Fall ändern. Die Anwerbung sollte in Zukunft mit einer guten Schulung einhergehen, ein Spezialist den Kandidaten aussuchen. Ein weiterer CIA-Mann sollte als Agentenführer regelmäßige Kontakte herstellen. Auch die Übermittlung der Nachrichten musste umorganisiert werden. Es war in der Tat eine Menge Arbeit, die ihn erwartete. Aber Madsen hatte bereits einen Plan ausgearbeitet, den er dem Direktor vorstellen wollte.

In der darauffolgenden Woche herrschte im Büro des CIA-Direktors Aufbruchsstimmung.

Madsen hatte umfangreich seinen Plan präsentiert. Miller nickte zufrieden. Aber auch er hatte einige Überraschungen für Madsen parat.

»Ich habe hier folgende Kontakte für Sie, die genau in Ihr Konzept passen. Zum einen unsere Vertreter in Berlin, West wie Ost. Sie werden als Vermittler zwischen beiden Vertretungen arbeiten, so dass Sie, wenn es notwendig werden sollte, fast unproblematisch in den Staaten hin- und herreisen können.«

Miller schob ihm zwei Akten über den Tisch. Madsen schaute kurz hinein, um festzustellen, dass es sich um die Personenbeschreibungen der beiden Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik handelte. Madsen musste anerkennend nicken.

»Noch etwas. Ich habe bereits ein Treffen mit Siegfried Heine arrangiert, der Ihnen bei der Anwerbung behilflich sein soll. Ich nehme an, Sie kennen ihn?«

»Ja, ich hatte in Italien mit ihm zu tun. Mehrfach, er hatte einen guten Eindruck hinterlassen. Ich sehe, Sie nehmen nur die am besten ausgebildeten Leute für diese Aufgabe.«

Miller fühlte sich ein wenig geschmeichelt.

»Heine wird Ihnen helfen, einen Agenten anzuwerben und auch auszubilden. Sie sollen ja möglichst nicht in Erscheinung treten. Sozusagen im Hintergrund die Strippen ziehen. Dann ist da noch vom US-Hauptquartier im Berliner Stadtteil Zehlendorf in der Clayallee der U.S. Commander Major General Thomas D. Phillips. Phillips kann Ihnen mit seinen guten Kontakten helfen. Passen Sie allerdings auf, dass er Ihnen nicht das Heft aus der Hand nimmt. Er hat gerne die Kontrolle über alles. Er ist informiert und wird Ihnen jederzeit zur Verfügung stehen.«

Madsen nickte anerkennend. Die Sache musste echt brennen, wenn schon der Direktor persönlich zuarbeitete. Miller trank einen Schluck Kaffee. Als er die Tasse absetzte, sah er Madsen gespannt an.

»Ihr Flug ist bereits gebucht. Sie sind bereits in der nächsten Woche in Europa. Ich hoffe, dass macht Ihnen nichts aus. Aber die Dringlichkeit der Angelegenheit…..«

Madsen winkte lächelnd ab. Er war bereit, diese Aufgabe so schnell wie möglich anzutreten. Sie reizte ihn sehr.

»Schon in Ordnung. Ich habe sowieso nichts weiter vor«, war seine ehrliche Antwort.

Kapitel 5

Siegfried Heine rührte in seinem Kaffee und schaute immer wieder zur Uhr. Wo bleibt er nur, dachte er und schaute sich besorgt um. Draußen begann es zu regnen. Viele Menschen spannten ihre Schirme auf, um sich vor dem warmen Frühsommerregen zu schützen. Es war zurzeit viel los in Wien. Die Urlaubszeit brach an und brachte regelrechte Besucherströme in die Stadt. Wohin man auch sah, es wimmelte von fotografierenden Touristen. Die Museen waren so voll, dass sich Schlangen an den Kassen bildeten. Die Wiener Kutschfahrer machten das Geschäft Ihres Lebens. Die Luftballonverkäufer am Prater ließen die Herzen der Kinder höher schlagen. Mit dem einsetzenden Regen strömten die Menschen nun über die Franzensbrücke über dem Donaukanal in Richtung Innenstadt.

Heine genoss es, in den kleinen Cafés seiner Heimatstadt die Touristen zu beobachten. Menschen verschiedenster Couleur in jedem Alter waren hier zur Sommerzeit vertreten. Touristen aus den USA, Studenten aus ganz Europa. Alles trifft sich in Wien, stellte er stolz fest. Während er seine Tasse Kaffee austrank, betrat ein hochgewachsener Mann das Café. Heine erkannte ihn. Er sieht müde aus. Bestimmt der Jetlag, dachte Heine. Er hob die Hand und winkte den Mann zu seinem Tisch.

Mark Madsen war in der Tat müde. Nach intensiven Vorbereitungen war er gestern Abend in Wien gelandet. Nach einem ausgedehnten Abendessen hatte er versucht, früh zu schlafen, fand aber keine Ruhe und lief lange Zeit rauchend im Hotelzimmer auf und ab. Madsen wollte noch am heutigen Tag nach West-Berlin fliegen, um dort noch ein wenig auszuruhen, bevor er mit aller Kraft seiner neuen Aufgabe nachging.

Er schaute sich kurz um, entdeckte Heine und ging zielstrebig auf den Tisch zu. Heine stand auf und reichte Madsen die Hand.

»Hallo Mark, schön dass du da bist.« Madsen ergriff die Hand und lächelte den Österreicher an.

»Hallo Siegfried, ich hoffe, ich habe dich nicht zu lange warten lassen. Es ist ganz schön was los in der Stadt.«

Die Männer setzen sich.

»Ja, der Sommer steht vor der Tür. Die Urlaubszeit bricht an, und ich glaube nicht, dass es in den nächsten Monaten anders wird. Ich genieße es, die vielen Menschen zu beobachten. Aber reden wir von dir. Ich freue mich wirklich sehr, dich zu sehen. Ist hier alles in Ordnung? Hotel? Restaurants? Wenn du Hilfe brauchst, sag es mir einfach.«

Madsen winkte ab.

»Alles bestens. Wirklich. Ich fliege sowieso heute noch nach Berlin.«

Der Kellner kam und nahm ihre Bestellung auf. Heine orderte einen weiteren Kaffee, während der US-Amerikaner einen Cappuccino wählte. Als der Kellner sich entfernte, kam Madsen zur Sache.

»Unsere Leute sind sehr unruhig. Nicht nur, dass bei den Sowjets irgendetwas vor sich geht, auch unsere Agenten in der DDR fliegen neuerdings reihenweise auf. Deswegen bin ich hier. Du hast die Aufgabe, einen neuen Agenten, möglichst in der Nähe von Berlin wohnend, zu rekrutieren. Tarne das Ganze als Urlaub. Reise nach Ungarn oder Bulgarien. Finde jemanden, bilde ihn ordentlich aus und dann informiere uns. Den Rest machen wir wieder. Du hast in der Vergangenheit schon mehrfach deinen guten Instinkt bewiesen, wenn es um das Anwerben geht. Die Kosten trägt wie immer die Firma.«

»Was geht denn in der UdSSR vor? Kannst du mir Näheres sagen?«

Madsen trank einen Schluck und nickte.

»Unsere Leute in Moskau erzählen von enormen Truppenbewegungen. Die offizielle Verlautbarung deutet auf Manöver-Vorbereitung. Allerdings ist es im Nachbarstaat Afghanistan momentan auch sehr unruhig. Unsere Analytiker sehen einen Zusammenhang. Bislang haben sich die Sowjets zurückgehalten, obwohl der afghanische Regierungschef ihnen dauernd in den Ohren liegt und Unterstützung anfordert. Seit der Ermordung Mohammed Daoud Khans und seiner Familie gleicht Afghanistan einem Pulverfass. Die CIA unterstützt seit Jahren die Revolution, um die Demokratie und westliche Denkweise durchzusetzen. Mit einer vermeintlichen Einflussnahme der Sowjets wäre unsere jahrelange Arbeit zerstört. Deswegen brauchen wir so viele Informationen wie möglich. Wo bewegt der Russe etwas, werden Truppen verlegt? Das ist die große Frage. Unsere Analytiker übernehmen dann den Rest.«

»Was hat der Neue für Aufgaben?«

»Er soll lediglich beobachten. Er soll hier und da mal einen Blick auf die sowjetischen Stützpunkte werfen und melden, was auffällig ist. Eventuelle Truppenbewegungen, Mannschaftstärken, Fahrzeuge zählen und so weiter. Wir wissen beide, wie stark die sowjetischen Truppen an der deutsch-deutschen Grenze vertreten sind. Aber im Grunde genommen steckt hinter den Aufgaben nichts Wildes, völlig ungefährlich. Der Mann begibt sich also keinesfalls in Lebensgefahr oder bekommt irgendwelche Mordaufträge. Dafür haben wir Spezialisten. Das Ganze läuft unter dem Codenamen Heinz Friedrich.«

Heine nickte.

»Da sehe ich kein Problem, etwas Passendes zu finden. Ich melde mich bei dir, sobald ich zurück bin.«

Die Männer tranken ihren Kaffee aus. Als Heine zahlen wollte, winkte der Amerikaner ab.

»Geht auf Kosten der Firma.«

Er stand auf und schüttelte Heine die Hand.

»Viel Glück, Siegfried. Wir brauchen dringend Leute in Ost-Berlin, also versuche alles in deiner Macht Stehende, um neue Agenten auszubilden. Und vergiss bitte nicht, dass die Sache unserem Präsidenten sehr am Herzen liegt.«

Heine nickte.

»Keine Bange. Du sollst einen gut ausgebildeten Mann bekommen. Und danach suche ich weitere Kandidaten.«

Madsen drehte sich um und ging zur Theke, bezahlte und verließ anschließend das Cafe. Heine wartete einen Moment und ging dann ebenfalls.

Vor der Tür sog er die warme Frühlingsluft ein. Es wird Sommer, dachte er. Herrlich.

Kapitel 6

Nachdem er eine Nacht in einem Hotel verbracht und sich richtig ausgeschlafen hatte, checkte er aus und rief sich ein Taxi, dass ihn zur US-Vertretung in der Clayallee bringen sollte. Er war in der Vertretung offiziell als Vermittler für die neu eröffnete amerikanische Botschaft in Ost-Berlin angemeldet. Die reguläre US-Botschaft befand sich in Bonn, der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Die neue Botschaft befand sich in der Neustädtischen Kirchstrasse, direkt in Berlin-Mitte. Sie durfte sich wegen des 4-Mächte-Status Berlins nur Botschaft bei der DDR nennen. Durch die Tarnung als Botschaftsmitarbeiter konnte Madsen zwischen den Staaten reisen, ohne auffällig zu wirken. Als Madsen das Taxi bezahlt hatte und ausgestiegen war, sah er sich erst einmal um. Dann betrat er das Botschaftsgelände. Madsen zeigte am Eingang seinen Ausweis und ließ sich beim offiziellen Vertreter der Vereinigten Staaten vom Amerika in West-Berlin, Jonathan Brinks, anmelden. Eine Sekretärin des Vertreters holte ihn am Eingang ab und stellte sich als Darlene vor. Madsen fand sie sehr attraktiv. Zusammen stiegen sie in den Fahrstuhl, der im dritten Stockwerk hielt. Die Sekretärin führte ihn in das Büro des Vertreters. Madsen stellte seinen Koffer ab und ging auf den Schreibtisch zu. Jonathan Brinks war ein kräftig beleibter Mann, der allerdings einen sehr flinken Eindruck machte. Er kam erstaunlich schnell um den Schreibtisch herum, um Madsen die Hand zu schütteln.

»Herzlich willkommen in Berlin. Bitte setzen Sie sich.«

Die Sekretärin schüttete beiden Männer Kaffee aus einer Kanne ein und zog sich zurück. Dabei nahm sie den Koffer von Madsen mit.

»Wir haben Ihr Büro und Ihre Wohnung fertig. Ich hoffe, Sie werden sich wohlfühlen bei uns. Sind Sie mit der aktuellen politischen Situation vertraut?«

»Ich hatte ein intensives Briefing, bevor ich über Wien hierher kam.«

»Wunderbar. Dann brauche ich nicht lange reden und Sie können sich in die Arbeit stürzen.«

Brinks nahm einen Schluck Kaffee aus der mit der US-Flagge verzierten Tasse und fuhr fort.

»Offiziell treten Sie als Vermittler zwischen den Botschaften in West- und Ost-Berlin auf. Entsprechende Papiere liegen in Ihrem Schreibtisch. Sie haben dadurch unbegrenzten Zugang in den Ost-Sektor der Stadt. Der Botschafter drüben heißt Seymour Wallace, ein angesehener Diplomat, der schon in Botschaften in Prag und Moskau gearbeitet hat. Sie sollten sich als erstes mit ihm treffen. Wenn Sie wünschen, lasse ich einen Termin für Sie vereinbaren.«

»Sehr gerne«, erwiderte Madsen. »So kann ich mir die Örtlichkeiten direkt anschauen. Vielleicht kann er eine kleine Rundfahrt durch Ost-Berlin organisieren. In West-Berlin war ich schon einmal, ich denke, dass ich mich hier zurecht finde.«

»Mal sehen, was sich machen lässt. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit Ihrer neuen Aufgabe. Meine Sekretärin wird Ihnen nun alles zeigen.«

Die Männer standen auf. Wie auf Kommando kam die Sekretärin herein.

»Darlene, bitte zeigen Sie Mister Madsen alles, was er hier kennen muss.« Brinks reichte Madsen die Hand.

»Wenn Sie Probleme haben, melden Sie sich einfach. Ich habe Order, Ihnen zu helfen, wo ich kann.«

Madsen nahm die Hand und bedankte sich.

»Es ist gut zu wissen, dass man Unterstützung hat.«

Darlene führte ihn in sein neues Büro, welches abgeschlossen war. Sie überreichte ihm die Schlüssel, nachdem sie aufgesperrt hatte. Madsen pfiff erstaunt durch die Zähne. Ein Personal-Computer von IBM thronte massiv auf dem im rechten Winkel angeordneten Schreibtisch. Eine dicke Akte mit dem Vermerk `Top Secret` lag auf dem Tisch. Von Notizzetteln bis hin zu Heftklammern und einem Telefon war alles vorhanden, was ein modernes Arbeitszimmer haben musste.

»In der Akte finden Sie alles über die Mitarbeiter hier und in der DDR. Für den Zugriff auf die Datenbanken können Sie Ihr bisheriges Passwort benutzen. Sie sind über eine sichere Leitung direkt mit Langley verbunden. Das gilt auch für das Telefon. Zudem gibt es einen abhörsicheren Raum im Keller für Konferenzen für bis zu 10 Personen, der Ihnen bei Bedarf zur Verfügung steht.«

Sie zeigte nach draußen auf den Flur.

»Dort drüben finden Sie eine kleine Bar mit Kaffee und kalten Getränken, die rund um die Uhr geöffnet ist. Im Erdgeschoss gibt es eine kleine Kantine, wo täglich zwei Mahlzeiten zur Auswahl stehen. Im Keller haben wir Ihnen ein kleines Zwei-Zimmer-Appartement eingerichtet. Der Schlüssel ist mit dem Schlüssel für Ihr Büro identisch. Es ist die Zimmernummer 34. Ihr Koffer ist bereits dort.«

Sie lächelte. Madsen nickte anerkennend.

»Tja, herzlich willkommen und viel Spaß im neuen Job. Wenn Sie Fragen haben, wissen sie, wo Sie mich finden. Eine Telefonliste liegt in der Schreibtischschublade. Ich heiße Kennedy mit Nachnamen.«

Darlene sah ihn lächelnd an und verschwand. Madsen schloss die Bürotür und hängte seine Jacke an einen Kleiderhaken hinter der Tür.

Nach einer kurzen Inspektion der Schreibtischschubladen und der routinemäßigen Suche nach Wanzen holte er sich einen Kaffee und begann, die Akte zu durchstöbern.

Später betrat er seine kleine Wohnung im ersten Stockwerk. Klein war noch untertrieben in dem Fall. Es gab einen Miniraum, in welchem ein Sessel, ein Tisch sowie ein Fernsehgerät standen. Das Schlafzimmer war etwas größer. Es war sogar Platz für einen geräumigen Kleiderschrank. Das Bett sah sehr bequem aus und hatte mindestens 1,40 Meter Breite. Sein Koffer war schon leer oben auf dem Schrank platziert. Madsen öffnete die linke Schranktür und pfiff durch die Zähne. Die Hemden und Sakkos sowie seine Lederjacke waren ordentlich auf Kleiderbügel gehängt worden. Er öffnete die rechte Hälfte des Schrankes und nickte anerkennend. Darlene war anscheinend ein Engel. Hosen, Pullover, Unterwäsche sowie seine Schuhe waren ordentlich im Schrank eingeräumt und zwar zweckmäßig. Oben die Pullover, in der Mitte die Hosen und dann folgten die Unterwäsche und die Schuhe. Madsen schloss die Schranktüren und ging zum Badezimmer. Es war ebenfalls nicht sehr geräumig. Ein Waschbecken, eine Toilette und eine Dusche. In einem kleinen Spiegelschrank über dem Waschbecken waren seine Toilettenartikel eingeräumt. Madsen drehte sich einmal um sich selbst.

»Mehr passt auch nicht hier rein«, murmelte er. Es klopfte an der Tür. Madsen öffnete und erblickte Darlene.

»Ich wollte mich nur kurz erkundigen, ob alles in Ordnung ist?«, fragte sie lächelnd.

Madsen lächelte zurück.

»Alles wunderbar. Vielen Dank für das Einräumen meiner Kleidung.«

Darlene sah verlegen nach unten.

»Ich hoffe, Sie nehmen mir diesen kleinen Eingriff in Ihre Privatsphäre nicht übel. Es ist halt mein Job, dafür zu sorgen, dass alles bestens ist.«

»Nein, natürlich nicht. Ist schon ok. Sieht jedenfalls sehr ordentlich aus bei mir. Mal sehen, wie lange ich diesen Zustand aufrechterhalten kann.«

Madsen grinste schelmisch und fuhr dann fort.

»Darf ich mich vielleicht mit einem Essen revanchieren? Ich kenne mich ja noch nicht so aus und würde gerne mal etwas typisch Deutsches essen.«

Darlene strahlte.

»Sehr gerne. An welche Zeit dachten Sie?«

Madsen sah auf seine Uhr.

»Gleich? Ich habe schrecklichen Hunger.«

Darlene sah nicht nur phantastisch aus, sie war auch noch ein sehr angenehmer Gesprächspartner. Madsen erfuhr, dass sie in Deutschland hängen geblieben war, obwohl ihr hier stationierter Vater mitsamt der restlichen Familie längst wieder in die USA zurückgekehrt war.

»Die Liebe«, erklärte Darlene verlegen, als sie seinen fragenden Blick bemerkte. »Ich hatte gedacht, er wäre es. Der Mann fürs Leben. Aber ich habe gemerkt, dass ich mich getäuscht hatte. Es gab noch andere Frauen neben mir. Seitdem bin ich alleine und immer noch hier in Berlin. Mir gefällt es hier. Die Menschen sind auf ihre Art etwas Besonderes. Und es gibt nichts Schöneres im Sommer, als an einen der vielen Seen hier in der Umgebung baden zu gehen. Und was ist mit Ihnen, Mark? Was hat Sie bewegt, hierher zu kommen? So ganz alleine.«

Sie lächelte ihn fragend an. Mark stellte fest, dass er sich in ihrer Gegenwart sehr wohl fühlte. Er trank einen Schluck von dem deutschen Bier und lächelte zurück, darauf bedacht, seine makellose Zahnreihe zu zeigen.