Im Auftrag des Yeti - Jim Butcher - E-Book
Beschreibung

Der Chicagoer Magier Harry Dresden ist seltsame Klienten mit langen Haaren und ungewöhnlich langen Beinen gewohnt. Doch als sich herausstellt, dass der Körper seines neuesten Klienten über und über mit Haaren bedeckt ist, und seine Beine zu einer Gesamtkörpergröße von 2,70 m beitragen, muss sogar der angesehene Detektiv feststellen, dass er hier Neuland betritt. Schultern-stark-wie-drei-Flüsse ist einer vom legendären Waldvolk, ein nordamerikanischer Yeti, und er hat ein Problem, das nur Harry lösen kann. Sein Sohn Irwin ist das Kind einer übernatürlichen Kreatur und eines Menschen. Er ist ein guter Junge, aber die außergewöhnliche Stärke seiner magischen Aura sorgt dafür, dass er Ärger geradezu anzieht ... In "Im Auftrag des Yeti" finden sich drei auf deutsch bisher noch unveröffentlichte Novellen aus dem Harry Dresden-Universum, die den Magier an unterschiedlichen Punkten seiner Karriere und von Irwins Leben zeigen. In "Y wie Yeti" wird der junge Irwin zum Mobbing-Opfer zweier Brüder, die mehr sind als sie scheinen – und die, wie er, über einen mystischen Paten verfügen. Als Irwin zum ersten Mal krank wird, wird Harry in "Eine haarige Angelegenheit" zu einer schicken privaten High School gerufen. Und es ist nicht nur ein einfacher Fall von Grippe ... Schließlich wird Irwin erwachsen – und hat als Erstsemester auf dem College in "Ein Yeti auf dem Campus" typische Probleme eines Erwachsenen – oder hätte sie, wenn "typische Probleme" Vampire einschließen würden. "Y wie Yeti" spielt zwischen Wolfsjagd und Grabesruh. "Eine haarige Angelegenheit" spielt ungefähr zur Zeit von Erlkönig und "Ein Yeti auf dem Campus" spielt zwischen Verrat und Wandel.

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Seitenzahl:169

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Autor: Jim Butcher

Deutsch von: Oliver Hoffmann

Lektorat: Dominik Heinrici

Korrektorat: Kathrin Dodenhoeft

Layout und Satz: Oliver Graute

Umschlagillustration: Chris McGrath

© Jim Butcher 2015. Alle Rechte vorbehalten.

© der deutschen Übersetzung Feder&Schwert 2018

E-Book-Ausgabe

ISBN 978-3-86762-306-3

Originaltitel: Working for Bigfoot

ISBN der Printausgabe: 978-3-86762-305-6

Im Auftrag des Yeti ist ein Produkt von Feder&Schwert unter Lizenz von Jim Butcher 2015. Alle Copyrights mit Ausnahme dessen an der deutschen Übersetzung liegen bei Jim Butcher.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck außer zu Rezensionszwecken nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die in diesem Buch beschriebenen Charaktere und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zwischen den Charakteren und lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.

Die Erwähnung von oder Bezugnahme auf Firmen oder Produkte auf den folgenden Seiten stellt keine Verletzung des Copyrights dar.

www.feder-und-schwert.com

Weitere Titel von Jim Butcher bei Feder & Schwert:

Die dunklen Fälle des Harry Dresden

Band 1: Sturmnacht

Band 2: Wolfsjagd

Band 3: Grabesruh

Band 4: Feenzorn

Band 5: Silberlinge

Band 6: Bluthunger

Band 7: Erlkönig

Band 8: Schuldig

Band 9: Weiße Nächte

Band 10: Kleine Gefallen

Band 11: Verrat

Band 12: Wandel

Band 13: Geistergeschichten

Band 14: Eiskalt

Band 15: Blendwerk

Anthologie: Nebenjobs

Anthologie: Im Auftrag des Yeti

Y wie Yeti

- Spielt zwischen Wolfsjagd und Grabesruh-

Wenn Menschen sich an den einzigen Magier im Branchenbuch von Chicago wenden, sind sie entweder verzweifelt oder ziemlich klug. Selten beides.

Die Klugen kommen zu mir, weil sie wissen, dass ich ihnen helfen kann – die Verzweifelten, weil ihnen niemand anders einfällt, der ihnen helfen könnte. Gespräche mit klugen Klienten sind kurz und angenehm. Jemand hat einen Verlobungsring verloren, der ein Familienerbstück war, und hat gehört, ich könne verlorene Dinge wiederfinden. Solche Leute nehmen meine Dienste in Anspruch (am liebsten ist es mir, wenn sie bar zahlen), ich erledige die Angelegenheit, und alle sind glücklich.

Verzweifelte Klienten hingegen ziehen manchmal lächerlichen Unsinn aller Art ab. Sie belügen mich, was die Klemme angeht, in der sie stecken, oder versuchen, mir einen Scheck anzudrehen, der so ungedeckt ist wie eine jungfräuliche Stute. Gelegentlich verlangen sie auch, dass ich meine Kräfte unter Beweis stelle, indem ich ihnen sage, worin ihr Problem besteht, ehe sie mir auch nur die Hand gegeben haben – dann ist das Problem meist, dass sie Idioten sind.

Aber mein aktueller Klient wollte etwas anderes. Er wollte sich im Wald mit mir treffen.

Das ließ nicht gerade hoffen, dass er einer von den Klugen war.

Da es in Chicago nicht viele Wälder gab, musste ich bis in die nördliche Hälfte Wisconsins hinauffahren, um ein paar ordentliche Bäume zu finden. Das dauerte etwa sechs Stunden, denn mein Auto war zwar tapfer und unerschrocken, aber auch ein VW-Käfer, der ungefähr aus dem Sommer der Liebe stammte. Bis ich also vor Ort eingetroffen und zwei, drei Kilometer in die Wälder gewandert war, um den verabredeten Treffpunkt zu erreichen, wurde es langsam dunkel.

Normalerweise war ich kein Trottel. Ich hatte mir in meiner Karriere als professioneller Magier schon so manchen Feind gemacht. Als ich mich also hinsetzte, um auf den Klienten zu warten, tat ich es mit meinem Stab in der einen und meinem Sprengstock in der anderen Hand sowie einem .38er-Revolver in der Tasche meines schwarzen Lederstaubmantels. Kraft meines Willens schuf ich einen kleinen Krater im Boden, wobei ich die Energie mit meinem Stab lenkte, und entzündete darin ein Lagerfeuerchen.

Dann zog ich mich aus dem Lichtkreis des Lagerfeuers zurück, suchte mir einen bequemen Platz im Schatten und wartete, wer da wohl auftauchen mochte.

Geduld ist die wichtigste Eigenschaft eines Privatdetektivs. Man muss viel mit Leuten reden, die keine Ahnung haben, bis man jemanden findet, der etwas weiß. Man muss auch viel herumsitzen und warten, bis jemand etwas tut, um den Betreffenden dann auf frischer Tat zu ertappen. Man muss viele nutzlose Informationen durchgehen, bis man eine wirklich wertvolle findet. Ungeduldige Privatdetektive schließen Fälle selten erfolgreich ab und bleiben nicht lange im Geschäft. Als also eine Stunde verging, ohne dass etwas passierte, machte ich mir noch keine allzu großen Sorgen.

Nach zwei Stunden jedoch bekam ich Wadenkrämpfe und leichte Kopfschmerzen, und offenbar hatten die Moskitos beschlossen, in etwa drei Metern Entfernung eine Konferenz abzuhalten, denn ich war völlig zerstochen. Dieser Klient ging mir ziemlich schnell ziemlich heftig auf die Nerven, zumal er noch absolut nichts bezahlt hatte.

Das Feuer war fast heruntergebrannt, und deshalb hätte ich die Kreatur fast nicht aus dem Wald treten und sich daneben niederkauern sehen.

Das Vieh war riesig. Ich meine, es reichte nicht, einfach zu sagen, dass es zwei Meter siebzig groß war. Es war größtenteils humanoid, aber massiger gebaut als ein Mensch und von zahllosen Schichten sehniger Muskeln bedeckt, die man selbst durch das dunkelbraune Haar oder Fell sehen konnte, das seinen gesamten Körper bedeckte. Es hatte einen Überaugenwulst wie eine Gebirgsspalte, und darunter glitzerten dunkle Augen, in denen sich das rotorange Licht des Feuers spiegelte.

Ich regte mich nicht. Kein bisschen. Wenn mir dieses Ding wehtun wollte, würde ich größte Probleme haben, es daran zu hindern, selbst mit Magie, und wenn ich Pech hatte, würde etwas von dieser Körpermasse meinen .38er etwa so tödlich finden wie eine Auspreispistole.

Dann wandte es mir den Kopf und einen Teil seines Oberkörpers zu und sagte mit einem starken, lieblichen indianischen Akzent: „Haben Sie’s dann? Ich möchte ja nicht unhöflich sein und Sie nicht stressen, Magier, aber wir haben noch einiges zu erledigen.“

Mir blieb der Mund offenstehen. Wortwörtlich.

Mit zuckenden, schmerzenden Muskeln erhob ich mich langsam. Es ist nicht leicht, einen Krampf loszuwerden, während man angespannt dasteht und bereit ist, jeden Augenblick die Flucht zu ergreifen, aber ich versuchte es.

„Sie sind …“, sagte ich. „Sie sind ein …“

„Bigfoot“, sagte er. „Sasquatch. Yowie. Yeti. Da gibt es allerhand Bezeichnungen. Ja.“

„Aber Sie … Sie haben mich angerufen?“ Ich war ziemlich baff. „Ähm … von einem Münztelefon aus?“

Sofort versuchte ich mir vorzustellen, wie er sich alle Mühe gab, mit diesen riesigen Fingern die kleinen Zifferntasten zu drücken. Nein, natürlich hatte er das nicht getan.

„Nein“, sagte er und wies mit einem riesigen, haarigen Arm gen Norden. „Die Typen im Reservat helfen uns manchmal beim Telefonieren. Das sind gute Leute.“

Ich schüttelte mich und holte tief Luft. Um Himmels willen, ich war Magier. Ich hatte ständig mit übernatürlichen Wesen zu tun. Eine einzige kleine unerwartete Begegnung hätte mich nicht so mitnehmen sollen. Ich ersetzte mein Nervenflattern und mein Unbehagen durch eisernes Profitum – oder zumindest durch vorgetäuschte Gelassenheit.

Dann verließ ich mein Versteck und trat ans Feuer. Ich setzte mich dem Yeti gegenüber und registrierte dabei, dass nur noch unangenehm wenig fehlte, bis ich in der Reichweite seiner langen Arme gesessen hätte. „Ähm … willkommen. Ich bin Harry Dresden.“

Der Yeti nickte und sah mich erwartungsvoll an. Nach einem kurzen Moment sagte er in dem Tonfall, in dem man auch Kindern auf die Sprünge half: „Das ist Ihr Feuer.“

Ich blinzelte. Die Gebote der Gastfreundschaft hatten bei übernatürlichen Wesen überall auf der Welt einen hohen Stellenwert – und da dies mein Lagerfeuer war, war ich de facto der Gastgeber und der Yeti mein Gast. „Ja. Ich bin gleich wieder da“, antwortete ich.

Dann eilte ich zurück zu meinem Auto und holte zwei Dosen warme Cola und eine halbe Röhre Pringles mit Salz und Essig. Ich öffnete beide Dosen und reichte dem Yeti eine davon. Dann öffnete ich die Pringles, teilte sie in zwei Häufchen auf und ließ ihn einen aussuchen.

Der Yeti nahm sie und nippte fast grazil an der Cola, wobei er die für ihn winzige Dose wesentlich geschickter handhabte, als ich je für möglich gehalten hätte. Mit den Chips ging er weniger vorsichtig um. Er schob sie alle auf einmal in den Mund und kaute enthusiastisch darauf herum. Ich tat es ihm gleich. Dabei krümelte ich meinen Mantel total voll.

Der Yeti nickte mir zu. „He, haben Sie eine Kippe?“

„Nein“, sagte ich. „Tut mir leid. Ich rauche nicht.“

„Vielleicht beim nächsten Mal“, sagte er. „So. Sie haben mir Ihren Namen genannt, aber Sie kennen meinen noch nicht. Man nennt mich Schultern-stark-wie-drei-Flüsse vom Waldvolk der Drei Sterne. Ich habe ein Problem mit meinem Sohn.“

„Was für ein Problem?“, fragte ich.

„Das kann Ihnen seine Mutter besser erklären“, sagte Flussschultern.

„Seine Mutter?“ Ich sah mich um. „Ist sie auch hier?“

„Nein“, sagte er. „Sie lebt in Chicago.“

Ich blinzelte. „Seine Mutter …“

„Ein Mensch“, sagte Flussschultern. „Es ist, was es ist, sagt die Liebe, verstehen Sie?“

Da kapierte ich. „Oh. Er ist ein Halbblut.“

Das ergab schon mehr Sinn. Viele übernatürliche Spezies konnten sich mit Menschen fortpflanzen und taten es auch. Die daraus resultierenden Kinder, die halbmenschlich, übernatürlich waren, nannte man Halbblute. Halbblute machten sehr unterschiedliche Erfahrungen im Leben, je nachdem, von wem sie abstammten, aber sie hatten es selten leicht.

Flussschultern nickte. „Verzeihen Sie meine Ahnungslosigkeit in diesen Dingen. Ihre Gesellschaft ist nicht gerade … eine meiner Kernkompetenzen.“

Irre, nicht wahr? Ein Yeti, der von „Kernkompetenzen“ sprach.

Ich schüttelte leicht den Kopf. „Warum haben Sie mich herbestellt, wenn Sie mir nichts sagen können? Das hätten Sie mir alles auch am Telefon erzählen können.“

„Weil ich Ihnen sagen wollte, dass ich davon ausgehe, dass es sich um ein Problem übernatürlichen Ursprungs handelt, und zwar aus gutem Grund. Außerdem habe ich Ihnen Ihren Vorschuss mitgebracht.“ Er kramte in einer Wildledertasche herum, die er vor der Brust hängen hatte. Sie war mir bisher in dem dichten Fell gar nicht aufgefallen. Dann brachte er die Hand wieder zum Vorschein und warf mir etwas zu.

Ich fing es instinktiv und hätte beinahe aufgeschrien, als es gegen meine Hand prallte. Es hatte die Größe eines Golfballs und war außerordentlich schwer. Ich hielt es ins Licht des Feuers und stieß einen überraschten Pfiff aus.

Gold. Ich hatte einen reinen Goldklumpen in der Hand. Er musste … naja … verdammt viel wert sein.

„Lange bevor die Europäer übers Meer kamen, kannten wir alle guten Fundstellen“, sagte Flussschultern ruhig. „Nach getaner Arbeit bekommen Sie einen weiteren, der genauso groß ist.“

„Was ist, wenn ich Ihren Fall nicht übernehme?“, fragte ich ihn.

Er zuckte die Achseln. „Dann versuche ich, jemand anderen zu finden. Aber es heißt, Sie wären vertrauenswürdig. Ich hätte lieber Sie.“

Ich betrachtete Flussschultern eine Weile. Er versuchte nicht, mich einzuschüchtern. Das hielt ich ihm zugute, denn es wäre ihm nicht schwergefallen. Tatsächlich fiel mir auf, dass er sich alle Mühe gab, es um jeden Preis zu vermeiden.

„Er ist Ihr Sohn. Warum helfen Sie ihm nicht selbst?“, fragte ich.

Er zeigte auf sich selbst und lächelte leise. „Ich würde in Chicago wahrscheinlich ein bisschen auffallen.“

Ich nickte schnaubend. „Wahrscheinlich schon.“

„Also, Magier“, fragte Flussschultern. „Werden Sie meinem Sohn helfen?“

Ich steckte den Goldklumpen ein und sagte: „Einer genügt. Ja. Werde ich.“

***

Am nächsten Tag traf ich die Mutter des Jungen in einem Café im Norden der Stadt.

Dr. Helena Pounder war eine beeindruckende Frau. Sie war etwa einen Meter neunzig groß und sah aus, als könnte sie schwerere Gewichte stemmen als ich. Hübsch war sie eigentlich nicht, aber ihr kantiges, offenes Gesicht wirkt ehrlich, und ihre Augen funkelten frühlingsgrün.

Als ich eintrat, erhob sie sich und schüttelte mir zur Begrüßung die Hand. Ihre Hände waren eine seltsame Mischung aus weicher Haut und Schwielen – wie auch immer sie ihren Lebensunterhalt verdiente, sie tat es mit Werkzeugen.

„Fluss sagte, er habe Sie engagiert“, sagte Dr. Pounder. Sie bedeutete mir, Platz zu nehmen und setzte sich mir gegenüber.

„Ja“, sagte ich. „Er kann ziemlich überzeugend sein.“

Pounder kicherte betrübt, und ihre Augen schimmerten. „Ja, das kann er wohl.“

„Hören Sie“, sagte ich. „Es geht mich eigentlich nichts an, aber …“

„Aber wie kam es, dass ich mich mit einem Yeti eingelassen habe?“, fragte sie.

Ich zuckte die Achseln und versuchte, unschuldig dreinzuschauen.

„Ich war bei einer Ausgrabung in Ontario – ich bin Archäologin – und blieb im Herbst etwas zu lang. Ich wurde eingeschneit, und es stürmte über einen Monat lang ununterbrochen. Die Rettungsmannschaften kamen nicht zu mir durch, und ich konnte nicht einmal per Funk Bescheid geben, dass ich mich noch an der Ausgrabungsstätte befand.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich war krank und hatte nichts zu essen. Ich wäre verhungert, wenn mir nicht jemand nachts Hasen und Fische vor die Tür gelegt hätte.“

Ich lächelte. „Flussschultern?“

Sie nickte. „Ich hielt dann nachts Wache. Eines Nachts legte sich der Sturm genau im richtigen Augenblick, und ich sah ihn.“ Sie zuckte die Achseln. „Wir unterhielten uns. Dann kam es, wie es kommen musste.“

„Sie beide sind also nicht verheiratet, oder …?“

„Spielt das eine Rolle?“, fragte sie.

Ich spreizte entschuldigend die Finger. „Er hat mich bezahlt. Sie nicht. Es könnte Einfluss auf meinen Entscheidungsprozess haben.“

„Sie sind wenigstens ehrlich“, sagte Pounder. Sie musterte mich einen Augenblick lang und nickte dann. Es wirkte irgendwie zustimmend. „Wir sind nicht verheiratet. Aber mir rennen die Verehrer auch nicht gerade die Tür ein – und ich habe sowieso nie den Nutzen darin gesehen zu heiraten. Fluss und ich sind zufrieden damit, wie die Dinge liegen.“

„Gut für Sie“, sagte ich. „Erzählen Sie mir von Ihrem Sohn.“

Sie fasste in eine Umhängetasche, die an ihrer Rückenlehne hing, und gab mir ein 12,5 x 17,5 cm großes Foto eines Jungen von vielleicht acht oder neun Jahren. Er war auch nicht hübsch, aber seine Züge waren auf kindliche Weise anziehend, und sein Grinsen war so echt und so warm wie der Sonnenschein.

„Er heißt Irwin“, sagte Pounder und lächelte das Bild an. „Mein Engel.“

Selbst knallharte Supermütter, die aussahen wie Rausschmeißerinnen, hatten wohl ein weiches Herz, wenn es um ihre Kinder ging. Ich nickte. „Wo liegt das Problem?“

„Anfang des Jahres“, sagte sie, „ging es los. Er kam mit Verletzungen nach Hause. Nichts Schlimmes – Abschürfungen, blaue Flecken und Kratzer. Aber ich vermute, die Verletzungen waren wahrscheinlich schlimmer, ehe der Junge nach Hause kam. Irwin heilt sehr schnell und war noch nie krank: buchstäblich noch nie, keinen einzigen Tag.“

„Sie vermuten, jemand misshandelt ihn“, sagte ich. „Was sagt er dazu?“

„Er erzählte mir Ausflüchte“, sagte Pounder. „Sie waren offensichtlich erfunden, aber der Junge ist mindestens so stur wie sein Vater und wollte mir nicht verraten, wo oder wie er sich verletzt hatte.“

„Ah“, sagte ich.

Sie runzelte die Stirn. „Ah?“

„Es ist ein anderes Kind.“

Pounder blinzelte. „Wie …“

„Ich habe Ihnen und Ihrem Mann gegenüber den Vorteil, selbst einmal ein Junge auf einer Grundschule gewesen zu sein“, sagte ich. „Wenn er Ihnen oder den Lehrern gegenüber petzt, kriegt er wahrscheinlich Ärger mit seinen Klassenkameraden. Außerdem ist er dann nicht mehr cool. Sondern eine Petze, ein Tratschmaul, ein Paria.“

Stirnrunzelnd lehnte sich Pounder in ihrem Stuhl zurück. „Ich bin … nicht gerade ein Ausbund an Sozialkompetenz. So hatte ich das noch gar nicht gesehen.“

Ich zuckte die Achseln. „Andererseits sind Sie auch eindeutig nicht der Typ, der nur händeringend herumsitzt.“

Pounder schnaubte und warf mir ein kurzes, echtes Lächeln zu.

„Also“, fuhr ich fort, „was haben Sie unternommen, als das mit den Verletzungen losging?“

„Ich begleitete ihn zur Schule und holte ihn unmittelbar hinterher wieder ab. So läuft das jetzt seit zwei Monaten – und in der Zeit hat er keine weiteren Verletzungen erlitten. Aber ich muss morgen früh zu einer Konferenz, und …“

„Sie wollen, dass jemand ein Auge auf ihn hat.“

„Auch, ja“, sagte sie. „Aber Sie sollen auch herausfinden, wer ihm wehgetan hat.“

Ich hob eine Braue. „Wie soll ich das anstellen?“

„Fluss’ Finanzberater hat seine Verbindungen für uns spielen lassen. Man erwartet Sie morgen früh in der Schule, wo Sie eine Stelle als Hausmeister antreten werden.“

Ich blinzelte. „Moment mal. Der Yeti hat einen Finanzberater? Wen denn? Nessie?“

„Seien Sie nicht kindisch“, sagte sie. „Die menschlichen Stämme dienen dem Waldvolk als Schnittstelle. Fluss’ Leute revanchieren sich mit finanzieller, medizinischer und erzieherischer Hilfe. Das läuft ganz gut.“

Vor meinem geistigen Auge sah ich Flussschultern vor einer Klasse musizierender Kinder stehen, in den riesigen Händen einen Taktstock, der in seinen Pranken wirkte wie ein Streichholz.

Manchmal war mein Kopf wie eine magische Tafel. Ich schüttelte ihn ein wenig, und das Bild verschwand.

„Na gut“, sagte ich. „Aber es könnte schwierig werden, Ihnen etwas juristisch Verwertbares zu beschaffen.“

Pounders Augen schienen einen grünstichigen Goldton anzunehmen, und ihre Stimme wurde leise und sehr hart. „Gerichte interessieren mich nicht“, sagte sie. „Mir geht es nur um meinen Sohn.“

Ach du Schande.

Irwin der Yeti hatte eine ganz vortreffliche Bärenmutter. Wenn sich herausstellte, dass ich richtiglag und er Schwierigkeiten mit einem anderen Kind hatte, konnte das problematisch werden. Wenn es um ihre Kinder ging, reagierten Menschen manchmal überzogen. Möglicherweise würde ich für Dr. Pounder die Wahrheit ein wenig schönen müssen.

Es konnte einfach nie einfach sein, oder?

***

Die Schule hieß Madison Academy und war eine private Grund- und Realschule im Norden der Stadt. Welche Beziehungen Fluss auch immer hatte spielen lassen, es hatte sich gelohnt. Ich lief am nächsten Morgen dort auf und begab mich zur Verwaltung, wo man mich mit der Begeisterung eines Klosters voller Diabetiker, das endlich seine Insulinlieferung bekommt, in Empfang nahm. Der Raumpfleger der Schule war plötzlich zu einem Urlaub in Hawaii aufgebrochen, und man brauchte eine Urlaubsvertretung.

Also trug ich wenig später einen Overall mit zu kurzen Ärmeln, zu kurzen Beinen und zu engem Schritt, auf dessen linke Brusttasche der Name „Norm“ gestickt war. Man brachte mich in mein Büro, einen schrankgroßen Raum mit winzigem Schreibtisch und mehreren Regalen voller handelsüblicher Putzmittel.

Es hätte schlimmer kommen können. Da hätte „Freddie“ stehen können.

Also begann ich, Räume zu pflegen. Ein Kind übergab sich, ein anderes duellierte sich im Kunstsaal mit einem Freund unter Verwendung von Farbtuben. Das Büro informierte mich über eine alte Gegensprechanlage, deren Kabel durch alle Flure verliefen und die in meinem Schrank einen Lautsprecher hatte, wenn man eine spezielle Aufgabe für mich hatte, aber um zehn hatte ich das von den Kindern geschaffene Chaos im Griff und kümmerte mich um das normale menschliche Chaos, indem ich Mülleimer leerte, Klassenzimmer und Korridore fegte und ganz allgemein saubermachte. Während ich von Klassenzimmer zu Klassenzimmer ging, um Papierkörbe zu leeren, sah ich mich nach Irwin dem Yeti um.

Um die Mittagszeit entdeckte ich ihn, als ich zur gleichen Zeit wie die Kinder an einem für Personal und Lehrkräfte reservierten Tisch in der Ecke der Cafeteria aß.

Irwin der Yeti war einer der größten Jungs, die ich sah, und er war noch nicht einmal in der Pubertät. Er bestand nur aus Haut und Knochen – und noch etwas fiel mir sofort an ihm auf. Er war ein Einzelgänger.

Er wirkte nicht unfreundlich oder so, zeigte aber durch sein ganzes Verhalten, dass er nicht war wie die anderen Kinder; nicht arrogant, einfach anders. Sein Gesichtsausdruck war geistesabwesend, und mit den Gedanken war er eindeutig ganz woanders. Auf seinem Tablett befanden sich ein XL-Mittagessen und ein Taschenbuch, und er war auf dem Weg zum Kopfende eines der Tische der Cafeteria. Er setzte sich, schlug das Buch mit einer Hand auf und aß lesend mit der anderen.

Der Ärger schien vorprogrammiert. Eine Gruppe von fünf oder sechs Jungs saß am anderen Ende des Tisches, und sie steckten die Köpfe zusammen, flüsterten und warfen Irwin insgeheim Blicke zu.

Ich zuckte zusammen. Ich wusste, worauf das hinauslief. Ich kannte das gut, nur war früher ich der mit dem Buch und dem Tablett voller Essen gewesen.

Zwei der Jungs erhoben sich. Sie sahen einander so ähnlich, dass ich sie für zweieiige Zwillinge oder zumindest Brüder, die vom Alter her nicht weit auseinander waren, hielt. Beide hatten wirres, sandfarbenes Haar, ein langes, schmales Gesicht und ein spitzes Kinn. Sie mochten ein oder zwei Jahre älter sein als Irwin, waren aber beide kleiner als der schlaksige Junge.

Sie teilten sich auf und bewegten sich leisen Schrittes auf beiden Seiten des Tisches auf Irwin zu. Ich zog die Schultern hoch und beobachtete sie aus dem Augenwinkel. Was auch immer sie vorhatten, sie wollten ihn nicht töten, nicht hier vor der halben Schule, und vielleicht konnte ich ja etwas über die beiden lernen, wenn ich sie in Aktion sah.