Im Auge der Kamera - Orkania - E-Book

Im Auge der Kamera E-Book

Orkania

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Beschreibung

Gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt an den Arbeitsplatz, muss Erich Hermanns feststellen, dass nichts mehr ist wie vorher. Der ruhige Job als Nachtwächter in der Agentur ist auf einmal zu einem Spießrutenlaufen gegen die Angst geworden. Ein Nachtwächter mit Angst im Dunkeln? Oder ist doch mehr dran an den mysteriösen Geschehnissen in der Agentur und den dunklen Alpträumen, die ihn plagen? Erich geht dem Ganzen auf den Grund - und findet mehr heraus, als er je wissen wollte.

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Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Orkania

Im Auge der Kamera

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Woche I

Woche II

Woche III

Woche IV

Freitag der 13.

Epilog

Impressum neobooks

Woche I

Montag

Als Erich Hermans seinen Dienst antrat, dämmerte es bereits. Es war nach zwei Wochen Urlaub der erste Arbeitstag für den Nachtwächter. Bereits seit Jahren arbeitete Erich hier in der bekannten Agentur und sorgte nachts für die Sicherheit des alten Gebäudes. Es war eine schöne Villa, in der die Agentur ihren Hauptsitz hatte, sorgfältig renoviert und hergerichtet. Sogar die Stuckverzierungen und Dachschindeln wurden unter grossem Aufwand erhalten. Das Innere des Gebäudes war wesentlich funktionaler, aber auch hier wurde viel Wert auf ein passendes Ambiente gelegt. Jedesmal, wenn Erich das Haus sah, freute er sich, hier zu arbeiten. Es war sehr viel schöner als ein grosses Warenhaus oder ein Riesendiscounter.

Die Empfangsdame telefonierte angeregt. „Nein, der Herr Werner ist im Urlaub auf Teneriffa. Er kommt erst nächste Woche wieder!“ Sie lachte über irgendetwas und winkte Erich nur halbherzig zu. Schnell trug er sich in das Personalbuch ein und schloss sein kleines Überwachungsbüro auf. Um 8 Uhr am Abend waren die meisten Angestellten schon gegangen. Bei einem Blick ins Verzeichnis sah er, dass sich bereits über die Hälfte ausgetragen hatte. Nur im zweiten Stock schienen noch ein paar Büros an einem Grossauftrag zu arbeiten. Erich legte seinen Gürtel mit der Taschenlampe und der mobilen Telefoneinheit um und fuhr den Computer hoch. Dann rief er in der Sicherheitsfirma an und bestätigte seinen Dienstantritt. Die Empfangsdame würde bis nach 8 Uhr bleiben und beim Verlassen des Gebäudes die Eingangstür absperren. Danach würden die restlichen Angestellten durch die Tiefgarage mit ihrem eigenen Schlüssel hinausfahren oder Erich bitten, die Tür noch einmal zu öffnen. Das kam selten vor, da die meisten vorher das Haus verliessen.

Er hatte nun zwei Stunden Zeit, um Aufnahmen der gestrigen Nacht noch einmal durchzusehen und dann auf einer externen Festplatte abzuspeichern. Früher hatte er die Videobänder in das Archiv im Keller getragen, aber heute benutzte man ja für all das einen PC. Erich hatte extra eine Schulung besucht und war sogar über ein Wochenende zu einem Crash-Kurs nach Hamburg gefahren. Das hatte sich bezahlt gemacht, denn er kam mit dem Programm sehr gut zurecht. Sogar seine Urlaubsfilmchen hatte er zu Hause am heimischen Computer ein wenig bearbeiten können. Er öffnete das Programm und lud die Video- Dateien des gestrigen Tages. Er überflog flüchtig das Protokoll mit den Einträgen seiner Urlaubsvertretung. Alles schien bestens gelaufen zu sein.

Kurz nach Mitternacht machte Erich Pause. Er kontrollierte noch einmal, ob der Computer die Übertragungen der Kameras aufzeichnete und schloss dann hinter sich die Tür ab. Seine Pause machte er am liebsten in der Angestelltenküche, um nicht die ganze Zeit in dem engen Zimmer zu sitzen. Bevor er nach oben ging, benutzte er das kleine WC gegenüber. Dort war ein kleines Fenster, das ein wenig gekippt war. Es war zwar vergittert, aber Erich schloss es dennoch. Er mochte keine Fenster unten offen lassen, wenn er oben am Tisch sass und Kaffee schlürfte.

Erich nahm die Treppe nach oben, er benutzte nie den Fahrstuhl. Natürlich rief er ihn mehrmals während seiner Schicht und kontrollierte die Fahrstuhlkabine, aber er fuhr nicht damit. Obwohl alles einwandfrei funktionierte, hatte er Angst stecken zu bleiben. Er war ja ganz allein im Gebäude. Auch wenn er in der Lage wäre, den Wartungsdienst anzurufen, kämen die ohne Schlüssel nicht ins Gebäude. Man müsste daher auch die Sicherheitsfirma anrufen, für die er arbeitete, oder den Chef der Agentur, der sein Auftraggeber und Ansprechpartner war. Beides wäre ihm einfach zu peinlich. Mal ganz davon abgesehen, dass er vielleicht eine Abmahnung riskierte.

Er stieg die Treppen hinauf und schnaufte ein wenig. Er musste abnehmen. Hoffentlich warteten oben keine Naschereien auf ihn. Denn er würde schweren Herzens verzichten müssen. Im ersten Stock kontrollierte er die Kamera im Treppenhaus und wartete auf das rote Auge. Dann winkte er. Am Ende der Schicht sah er sich immer nochmal die Aufzeichnungen an und dann schmunzelte er jedes Mal über diese kleine Angewohnheit.

Im nächsten Moment erstarrte er. Was war das? Er hatte etwas gehört! Er lauschte einen Moment angestrengt. Das klang doch nach Schritten im Flur, schwere und schnelle Schritte, polternd, taumelnd. War noch jemand im Büro?

Er hatte doch heute bereits zwei Rundgänge gemacht und alle Büros überprüft und auf seinen Kontrollgängen war ihm nichts und niemand aufgefallen. Hatte er ein geöffnetes Fenster übersehen? Oder war jemand über den Balkon engestiegen? Eher unwahrscheinlich.

Langsam zog er die schwere Taschenlampe aus dem Gürtel. Seines Wissens nach war das Haus leer. Erich zögerte nicht lang. Er öffnete die Tür zum Flur. Das Geräusch kam von hinten. Da war tatsächlich jemand, er stöhnte. Erich überlegte kurz, dann ging er mit drei schnellen leisen Schritten den Flur hinunter bis zur Theke. Die Türen zu den Büros auf der rechten Seite waren geschlossen, die Angestellten hatten sich ausgetragen. Hier war niemand mehr.

Erich warf einen schnellen Blick hinter die Theke und drehte sich dann um. Er hatte hier aus dem hinteren Teil des Flures die Geräusche gehört, aber hier war niemand. Der starke Lichtkegel der Taschenlampe erleuchtete die Wände. Nichts.

Erich trat hinter die Theke und schaltete den Hauptlichtschalter für die gesamte Etage an. Sekunden später flammten alle Deckenlampen auf. Nun war es taghell. Erich kontrollierte nacheinander alle Büroräume, den Abstellraum und die Toiletten. Er war sich sicher, etwas gehört zu haben. Langsam schritt er noch einmal den Flur auf und ab. Die schwere Lampe wog er in der Hand.

Sein Blick fiel auf einen gläsernen Rahmen mit einem abstrakten Gemälde rechts von ihm. Es hing ein wenig schief. Er streckte die Hand aus, korrigierte das Bild vorsichtig und lauschte dabei angestrengt. Aber er hörte nichts mehr. Auf dem Weg nach oben in die Küche hatte er ein ungutes Gefühl. Vergeblich versuchte er es abzuschütteln.

Früher hätte er seine Frau angerufen. Sie ging nie vor Mitternacht ins Bett und irgendwann hatten sie sich dieses Ritual angewöhnt. Er rief sie kurz an, um Gute Nacht zu sagen, und sie wünschte ihm Guten Appetit. Beide hatten oft herzlich darüber gelacht. Jetzt nach ihrem Tod waren seine „Mittagspausen“ plötzlich ziemlich lang. Erich liess sich in der Küche auf einen Stuhl sinken. Was war nur mit ihm los? Ein Nachtwächter hatte keine Angst im Dunkeln! Warum war er so angespannt?

Er hatte zwei Wochen Urlaub hinter sich. Mit einem Freund war er zum Angeln an die Mecklenburger Seenplatte gefahren und hatte sich richtig gut erholt. Und jetzt schmerzte sein Nacken vor lauter Anspannung und er sah ständig über die Schulter. Erich atmete tief durch. Seit dem Tod seiner Frau hatte er häufig unter Alpträumen gelitten und war schweissgebadet aufgewacht. Er hatte damals seinen Hausarzt um Rat gefragt und weil er keine Pillen schlucken wollte, hatte der Arzt ihm Atemübungen empfohlen, um sich vor dem Einschlafen besser zu entspannen und nach einem Alptraum wieder zu beruhigen.

Erich begann also mit einer Atemübung. Er spürte, wie sich sein Herzschlag wieder verlangsamte. Die Härchen im Nacken standen ihm auch nicht mehr zu Berge. Sehr gut. Er fuhr sich mit der Hand über das verschwitzte Gesicht. Vielleicht sollte er das Fenster öffnen und ein wenig frische Luft hereinlassen. Mit der kühlen Abendluft und den Atemübungen ging es ihm schnell wieder besser. Wahrscheinlich hatte er eine Maus gehört und jetzt ging seine Phantasie mit ihm durch. Zum Glück waren nur in den Fluren Kameras und nicht in den Büros und Aufenthaltsräumen. Dann konnte ihn niemand beobachten.

Er beschloss, die Pause ausfallen zu lassen und gleich seinen Dienst fortzusetzen. Also rückte er den Stuhl wieder an seinen Platz, schloss das Fenster und ging zurück ins Treppenhaus. Als er im ersten Stock an der Tür vorbeiging, schaute er nicht noch einmal zur Kamera hoch, sondern lief schnell weiter nach unten. Er ging in seinem Überwachungsraum an seinen Platz und kontrollierte alle Monitore, Türen und Fenster sowie die Alarmanlage. Er war allein im Haus. Niemand hatte versucht es zu betreten. Alles war wieder ruhig.

Erich notierte im Protokoll trotzdem den aussergewöhnlichen Kontrollgang und machte einen Vermerk für seinen Chef, den er sorgfältig in den Computer tippte und per Intranet an die Assistentin der beiden Partner schickte. „Geräusche im 1. Stock – keine besonderen Vorkommnisse. Mäuse?“

Während er einen Tee schlürfte, ging er die Aufnahmen der letzten Stunde durch. Sein Herz klopfte immer noch viel zu schnell. Was für eine Aufregung, dabei war doch gar nichts. Und trotzdem, Erich fühlte sich schlecht. Vielleicht brütete er ja etwas aus? Er wollte sich ablenken und starrte geradezu auf den Monitor mit den Aufnahmen des ersten Stocks. Die Bilder schossen im Schnellvorlauf vorüber.

Da sah er etwas! Er griff nach der Maus und klickte mit dem Cursor auf Pause. Die Aufnahme stoppte, war aber natürlich schon längst bei einer anderen Einstellung. Erich drückte auf Rücklauf und sah sich alles noch einmal an. Dann hielt er erneut an und spielte die Aufnahme noch einmal vorwärts ab. Was hatte er gesehen?

Die fünf Kameras zeigten verschiedene Bilder des ersten Stockwerkes. Im Bild war gerade wieder die grosse Theke und dann der Flur zu sehen. Bei der zweiten Einstellung glitt plötzlich ein Flimmern über das Bild und störte kurz die Übertragung. Nach 5 Sekunden tauchte das Treppenhaus vor Erichs Augen auf. Er drückte auf Stopp und klickte ein Bild zurück. Der kürzere Teil des Flures. Noch eine Sekunde zurück. Das Bild änderte sich nicht. Wieder klickte er eine Sekunde zurück. Da war die Störung im Bild. Weisses Rauschen. Erich sah genau hin. Durch das weisse Rauschen hindurch erkannte er den Flur, als ob ein Bild über dem anderen lag. Sein Herz machte einen Sprung.

Da war jemand im Flur!

Erich war aufgesprungen. Er kontrollierte mit einem Blick die Alarmanlage, die jedes Eindringen von aussen registrierte. Doch der Computer zeigte keine geöffneten Türen oder Fenster an. Alles im grünen Bereich. Er hätte einen Alarmton auch nicht überhört- dazu war es zu laut. War das System im Eimer?

Erich sah sich noch einmal das eingefrorene Bild der Kamera an. Unter dem Rauschen erkannte er die Umrisse des Flures und den Schemen einer hochgewachsenen Gestalt. Er klickte noch eine Sekunde zurück. Das Bild zeigte ebenfalls weisses Rauschen und darunter war auch der Flur zu erahnen, aber diesmal war er menschenleer. Erich kratzte sich am Kopf. Wo war der Kerl so schnell hin? In einer Sekunde war er niemals hinter einer der Türen verschwunden.

Er klickte noch weiter zurück, diesmal erhielt er eine störungsfreie Aufnahme des Flures, alles war leer und still. Erich klickte wieder nach vorn. Die Aufnahme war genau 5 Sekunden lang. Nur der dritte Filmausschnitt, das zweite der beiden Bilder mit der flackernden Störung, zeigte einen Schatten. Alle anderen Aufnahmen zeigten den leeren Flur. Er warf einen Blick auf den Timecode. Genau zu der Zeit musste er oben im zweiten Stock gewesen sein. Und vorher hatte er genau dort Geräusche gehört. Aber er hatte den ersten Stock doch kontrolliert?

Erich minimierte die Anzeige, kontrollierte auf den übrigen Monitoren alle Kameras und das Alarmsystem ein weiteres Mal und öffnete dann die Aufnahmen des ersten Stocks von 1 Uhr nachts an. Er sah auf die Uhr, es war Viertel nach 1. Schnell klickte er sich durch zum zweiten Abschnitt des L- förmigen Flurs. Da war nichts. Er spielte die Aufnahme Sekunde für Sekunde ab und hielt beim dritten Bild die Luft an. Wieder der Schemen. Auf dem vorigen Bild und dem nachfolgenden nichts. Theoretisch war Erich allein im Gebäude. Aber praktisch war da eine Gestalt auf einem der Bilder zu erkennen.

Gänsehaut kroch über Erichs Rücken. Er griff zum Telefon und rief die Zentrale der Sicherheitsfirma an. Dort liess er sich mit seinem Vorgesetzten verbinden. Dem schilderte er das Problem, aber der Mann reagierte abweisend. Kurz angebunden erklärte er Erich, dass er ihm zwei weitere Sicherheitsbeamte vorbeischicken würde, um das Gebäude zu kontrollieren und legte auf. Erich wartete fieberhaft eine Viertelstunde lang und kontrollierte genauestens alle Ein- und Ausgänge und das Alarmsystem. Er konnte weder ein Eindringen, noch fremde Menschen oder einen Fehler im Programm entdecken. Alles lief ruhig und ordentlich wie immer. Dann klingelte es an der Tür und Erich ging nach vorn, um die Kollegen hereinzulassen.

Dienstag

Am nächsten Tag ging Erich zwei Stunden früher als sonst zur Arbeit. Der Chef wollte ihn sprechen, nachdem er von dem Vorfall gestern in Kenntnis gesetzt worden war. Er hatte Erich am Vormittag persönlich angerufen. Erich hatte gerade versucht zu schlafen und war während des kurzen Gesprächs entsprechend benommen. Er hatte keinen guten Eindruck am Telefon gemacht, das wusste er. Trotz des Schlafmangels und der Mattigkeit, die ihn quälte, ging er jetzt also besonders aufrecht und hoffte, die frisch geputzten Schuhe und der sauber getrimmte Bart würden den schlechten Eindruck wieder gerade rücken.

Der Chef erwartet ihn in seinem Büro. Es war doppelt so gross wie die anderen Räume und mit edlen Hölzern getäfelt. Schwere Vorhänge verdunkelten die Fenster und die Schreibtischlampe verbreitete eine Insel aus hellschimmerndem Licht. Erich trat näher.

„Erzählen Sie mir mal, was das gestern für ein Vorfall war mit der kaputten Kamera,“ sagte der Chef und klappte den Deckel der Akte zu, in der er bis eben gelesen hatte.

Erich räusperte sich. „Ich habe einen Schatten auf den Bildern erkannt, erst ein Flimmern und dann deutlich eine Gestalt. Und da es sich eindeutig um eine Person handelte und alle übrigen Angestellten das Haus schon verlassen hatten, habe ich Verstärkung gerufen. Es ist nicht das erste Mal gewesen, das in dem Flur hier abends irgendetwas vor sich ging. Einige Zeit zuvor habe ich auch schon verdächtige Geräusche gehört. Aber meine Suche hat nichts ergeben.“

Der Chef legte den linken Zeigefinger über die Lippen und machte ein nachdenkliches Gesicht. „Ich hab die Berichte gelesen. Scheint aber nichts ungewöhnliches gefunden worden zu sein,“ meinte er und setzte sich gerade hin. „Ausserdem hat mir die Sicherheitsfirma einen Bericht geschickt, über den Einsatz gestern und das Videomaterial. Die haben nichts gefunden.“

Erich nickte. „Das stimmt, es war niemand mehr im Gebäude als die Kollegen kamen.“

Der Chef lehnte sich vor. „Aber es ist auch nichts auf den Aufnahmen zu sehen. Da ist keine Person und auch kein Schatten oder was auch immer Sie da gesehen haben wollen.“

Erich sah den Chef verdattert an. „Ich hab das mehrmals geprüft, da war etwas. Ein Bild ist unter dem Rauschen zu sehen und das zeigt den Flur und eine Gestalt.“

Der Chef sah skeptisch aus. „Ich hab mir das Bild angesehen und da ist nichts. Wahrscheinlich ist die Kamera kaputt. Die Sicherheitsfirma schickt heute abend noch einen Techniker vorbei.“

„Ich bin fest davon überzeugt, Schritte gehört und jemanden gesehen zu haben.“ „Tja, die Ergebnisse Ihrer Kollegen sagen etwas anderes. Waren Sie nicht gerade erst im Urlaub? Ich würde sonst sagen, Sie brauchen Ferien.“

Erich schluckte. „Ich bin nicht überarbeitet, wenn Sie das meinen. Ich hab auch keine Angst im Dunkeln. Ich bin jetzt seit vielen Jahren Nachtwächter und ich bin mir sicher, ich habe was gesehen!“

„Und es könnte nicht eventuell etwas anderes gewesen sein? Eine optische Täuschung vielleicht? Ein Reflex auf dem Monitor?“

Erich war verunsichert. „Das kann ich überprüfen,“ sagte er leise.

Der Chef nickte. „Tun Sie das. Vielleicht brauchen Sie ja eine bessere Schreibtischlampe.“ Erich wollte gehen, da rief ihm der Chef hinterher: „Sagen Sie, könnte es nicht einfach eine alte Aufnahme sein, die wegen der Störung nicht richtig überspielt wurde?“

Erich schüttelte den Kopf. „Nein, Chef, das sicher nicht. Ist doch alles digital heutzutage. Da werden keine alten Aufnahmen mehr überspielt. Jede Aufnahme ist eine eigene kleine Datei.“

„Das kann doch nicht wahr sein!“ Marvin fluchte und versetzte dem Monitor einen Klaps.

„Hey!“ Erich schnaufte empört. “Randalieren kannst du zu Hause!”

Erich hatte es nicht gern, wenn Marvin wie jetzt genervt oder gelangweilt vor den Monitoren hing. Es waren insgesamt vier graue, alte Monitore, die in einer Reihe auf dem grossen, ausgemusterten Pult standen. Sie alle zeigten im 5 Sekunden-Takt verschiedene Bereiche der renommierten Agentur.

„Ich verstehe einfach nicht, warum es bei dieser Einstellung ständig flimmert.“ sagte Marvin wie zur Entschuldigung und fuhr fort. „Ich hab das Programm geprüft, die Hardware, sogar die Kabel habe ich ausgetauscht.“

Erich nickte nur und starrte besorgt auf den zweiten der vier Monitore. Er zeigte das erste Stockwerk, den L-förmig geschnittenen Flur mit den Bürotüren auf der rechten Seite aus zwei Blickwinkeln, das Treppenhaus mit Blick auf Treppe und Fahrstuhltüren, und den Bereich im Flur hinter der Theke, in dem sich vier grosse Schreibtische für die Sekretärinnen befanden. Assisstents, dachte Erich. Das heisst ja heutzutage nicht mehr Sekretärin.

„Hast du auch die Kamera mal überprüft?“ schlug der grossgebaute ältere Mann nun vor, obwohl er wusste, dass er den jüngeren Techniker, der sich vor ihm auf dem Drehstuhl fläzte, vermutlich gerade zur Weissglut trieb. Soll er mal glühen, dachte Erich. Er fand den jungen Techniker ein wenig unverschämt.

„Nein, das hab ich doch tatsächlich vergessen!“ Marvins Stimme tropfte vor Ironie.

Erich feixte. Junge, dich kann man aber leicht ärgern. „Hätte doch sein können,“ murmelte er und starrte wieder auf den Monitor.

Die Kamera zeigte gerade wieder die grosse Theke und schaltete dann um auf den Flur. Bei der zweiten Einstellung glitt das Flimmern über das Bild und störte kurz die Übertragung. Nach 5 Sekunden tauchte das Treppenhaus vor Erichs Augen auf. Ein Mann mit Schlips und teuer glänzenden Schuhen eilte gerade die Treppen hinunter. Erich kannte ihn gut, es war einer der wenigen Mitarbeiter, die lieber abends arbeiteten und ihm daher häufig begegneten, wenn er Schicht hatte.

Marvin fixierte den Monitor, als wollte er ihn hypnotisieren. „Wieso flimmert das Bild?“ fragte er und betrachtete erneut das Grossraumbüro mit der Theke. Der längere Flurabschnitt kam ins Bild. Erich sah mit Hilfe des Kameraauges den Gang mit dem gebohnerten Fussboden und den drei grossen Leinwänden an der linken Wand. Rechts befanden sich die Türen zu den Büros. Er konnte am Ende die Theke mit dem blühenden Weihnachtskaktus sehen. Alles lag ruhig und verlassen da. Dann schaltete das Programm um auf die zweite Flurkamera, die den kürzeren Teil des L-förmigen Flurs abdeckte. Jetzt hatte man die Theke am Ende frontal im Blick. Auch hier hing ein grosses Bild rechts an der Wand, es hing schon wieder ein wenig schief. Erich nahm sich vor, das Bild bei seinem Kontrollgang noch einmal gerade zu rücken.

„Ich war ja zwei Wochen im Urlaub,“ setzte er an und als Marvin nichts entgegnete, fuhr er fort: „Die Sicherheitsfirma hat einen Ersatzmann gestellt. Ich kann ihn ja mal anrufen und fragen, ob er das Flimmern auch schon bemerkt hat. Vor meinem Urlaub war da nämlich nichts.“

Marvin nahm den letzten Rest Kaffee aus der Tasse, die Erich ihm hingestellt hatte. „Ich weiss, ich weiss,“ murmelte er und fixierte wieder den Bildschirm.

Dann sprang er plötzlich auf und umrundete das Pult mit den Monitoren. Er begann, an den Kabeln zu ziehen und stöpselte sämtliche Stecker um. Erich sah ihm zu und runzelte die Stirn. Der Mann sollte sich ja angeblich mit Computern so gut auskennen. Aber das sah für Erich doch eher nach Verzweiflung aus.

„Ist das denn wirklich so wichtig? Ist ja nur ein kurzes Flimmern,“ meinte Erich daher und strich sich mit der Hand über den sorgfältig gestutzten Bart.

Marvin antwortete zunächst nicht, sondern kroch langsam hinter den Monitoren hervor und klopfte sich den Staub ab.

„Da hinten muss besser geputzt werden, Computer sind empfindlich gegen Staub,“ sagte er und sah an Erich vorbei.

Erich hasste das. Aber der junge Mann war wohl ein wenig verklemmt. Computer waren seine Welt, mit Leuten konnte er scheinbar nicht so.

„Ich sag es der Putzfrau. Erm, der Reinigungsfachkraft,“ verbesserte sich Erich. Heutzutage hiess es ja Reinigungsfachkraft. Schön neutral und politisch korrekt. Er müsste nachher unbedingt dran denken, eine Notiz für die Putzkolonne zu schreiben. Erich hielt viel auf sein gutes Gedächtnis. In seiner Freizeit beschäftigte er sich am liebsten mit dem neuen Gehirnjogging-Spiel, dass ihm sein Enkel auf seinem Computer installiert hatte. Er war ziemlich gut. Praktisch war es auch, er brauchte zum Beispiel nie eine Einkaufsliste.

„Das mit dem Flimmern muss geklärt werden.“ antwortete Marvin nun doch auf Erichs Frage.

„Der Chef ist da manchmal ein bisschen pingelig.“ brummte Erich.

„Nein, nein. Das könnte wirklich ein Problem werden. Wenn es nur die Kamera ist oder der Monitor, dann ist es eine Kleinigkeit, aber wenn das Programm spinnt, dann kann es zum Absturz kommen. Und gerade das soll ja nicht sein.“ Marvin schaute wieder auf die Monitore.

Er hatte den zweiten Monitor scheinbar mit dem ersten vertauscht, denn auf dem zweiten Monitor konnte Erich nun anstelle des ersten Stocks das Treppenhaus im Erdgeschoss sehen. Der Kamerawinkel zeigte hier zuerst auf die Fahrstuhltüren, danach auf die Eingangstür und die grossen, bis auf den Boden reichenden Frontfenster. Dann wechselte das Bild und der Empfangsbereich tauchte auf dem Monitor auf. Jetzt am Abend war dort alles leer, aber tagsüber sassen dort zwei Empfangsdamen, meist am Telefon. Wieder wechselte das Bild und zeigte jetzt den kleinen Flur, von dem die Türen zu Erichs Überwachungsraum, einem kleinen Wc und einer Abstellkammer abgingen und das Treppenhaus mit Zugang zur Tiefgarage.

„Alles in Ordnung,“ meinte Erich mehr zu sich selbst. Er hatte ganz vergessen, dass er ja nicht das Gebäude überwachen, sondern diesmal auf den Monitor selbst achten sollte. Aber der Monitor hatte nicht geflimmert.

Marvin nickte. „Der Monitor ist einwandfrei. Alt, aber läuft.“

Die beiden Männer sahen sich noch einmal einen kompletten Durchlauf an, fanden aber keinen Fehler und vor allem kein Flimmern. Dann richteten sie ihre Aufmerksamkeit auf den ersten Monitor. Nachdem Marvin alles umgestöpselt hatte, befand sich auf dem ersten Monitor jetzt die Videoüberwachung des ersten Stockwerks. Das Treppenhaus war wieder zu sehen. Es war leer. Erich zählte in Gedanken bis Fünf. Dann kam der längere Flurbereich. Wieder schaltete das Programm um. Der kürzere Flurbereich kam. Das Bild hing immer noch schief an der Wand. Ein Flimmern lief über den Bildschirm und sekundenlang sah man statisches Rauschen. Dann erschien wieder für einen Augenblick der kurze Flurabschnitt auf dem Bildschirm, bevor die Kameraeinstellung wechselte. Jetzt zeigte sie den Bereich hinter der Theke.

„Tja, es liegt also scheinbar doch an der Kamera.“ stöhnte Marvin.

„Die hast du doch schon überprüft.“ erinnerte ihn Erich unnötigerweise.

„Muss ich halt nochmal machen.“ Marvin drehte sich um und verliess das kleine, dunkle Zimmerchen.

Erich folgte ihm und zog die Tür hinter sich zu. Sie gingen nach vorn in den Empfangsbereich und dann ins Treppenhaus. Dort stiegen sie die Stufen hinauf bis in den ersten Stock. Alles sah genauso aus wie auf dem Monitor, bloss waren die Farben jetzt viel kräftiger. Erich warf aus Gewohnheit einen Blick auf die Kamera in der Ecke und stellte fest, dass das rote Blinklicht an war. Die Kamera war in Betrieb. Er grinste in das Kameraauge. Bitte lächeln! Marvin war schon weitergegangen und stand jetzt im Flur.

„Hässliche Bilder.“ meinte er und zeigte auf die Leinwände.

Erich zuckte die Schultern. „Jedem das seine.“ Er las laut: „August Macke. Joah, so schauts auch aus.“

Die beiden Männer gingen weiter und kamen zur Theke, wo der Flur einen Knick machte. Dort hing am anderen Ende die kaputte Kamera in der Ecke. Erich ging zu dem Abstellraum auf der linken Seite des Flurs und holte einen kleinen Tritt.

„Reicht das Leiterchen, oder soll ich die grosse aus dem Keller holen?“ fragte er und hielt Marvin die zusammengeklappte Trittleiter hin.

„Passt schon.“ antwortete der und platzierte sich wartend unter der Kamera.

Muss ich dem gnädigen Herrn jetzt echt die Leiter da aufstellen? dachte Erich und schloss erstmal die Tür des Abstellraums. Verwöhntes Kerlchen.

Er stellte die Leiter hin und sah abwartend zu der Kamera auf. Marvin zog einen Schraubenzieher hervor und kletterte die Leiter hinauf. Mit gekonnten Bewegungen schraubte er das kleine Gerät von der Halterung ab und stöpselte die Kabel aus, die hinter der Halterung in der Wand verschwanden. Prüfend betrachtete er alles eine Weile. Erich nahm sich die Zeit und rückte das Bild an der Wand gerade.

„Ich seh hier einfach keinen Schaden! Muss das Ding mal aufschrauben.“ Marvin kletterte wieder herunter und ging hinüber zu der Theke. Erich liess den Tritt dort, wo er war, und folgte Marvin.

„Kannste mal Licht machen?“ meinte der und schraubte bereits an der Abdeckung des Kameragehäuses herum. Erich ging um die Theke herum und drückte einige Schalter. Die Nachtbeleuchtung ging aus und die Deckenlampen flammten auf.

Marvin betrachtete interessiert das Innere der Kamera. „Sieht alles einwandfrei aus,“ seufzte er und schraubte den Deckel wieder drauf. „Ich hab eine Ersatzkamera unten, die werde ich gleich mal anschliessen. Das gute Stück hier muss ich mir in der Werkstatt mal genauer ansehen.“

Beide stapften wieder nach unten.

„Du musst nicht jedesmal hinter mir herdackeln, ich kann das schon ganz gut allein!“ meinte der Jüngere, als sie wieder im Überwachungsraum waren.

„Lass mal, ich mach nur meinen Job,“ brummte Erich und betrachtete den ersten Monitor, auf dem das Geschehen im ersten Stock jetzt nur drei Bilder zeigte. Zwischen dem zweiten und dem vierten Bild blieb der Monitor jetzt 5 Sekunden lang schwarz. Die übrigen drei Monitore liefen einwandfrei.

Während Marvin die neue Kamera aus der Verpackung nahm und die alte in seiner Tragetasche verstaute, kontrollierte Erich das Gebäude über die anderen Monitore. Marvin ging zur Tür.

„Ich schliesse schnell die neue Kamera an.“ sagte er, während er an Erich vorbeistarrte und verliess den Raum. Erich beobachtete seinen Weg nach oben mit Hilfe der verbliebenen Kameras. Nach einer Weile tauchte auf dem ersten Monitor wieder das dritte Bild auf. Erich konnte eine Nahaufnahme von Marvins Gesicht sehen. Der Junge musste sich mal anständig rasieren, überall Stoppeln. Das Bild wechselte und Erich zählte in Gedanken die Sekunden mit. Dann tauchte Marvins Gesicht wieder auf. Beim dritten Durchgang stieg er vom Tritt herunter und war verschwunden. Wieder wechselte das Bild.

Erich wurde oft gefragt, ob es ihm nicht langweilig würde, die halbe Nacht in einem leeren Bürogebäude vor dem Monitor zu hocken. Aber ihm war es recht. Einmal hatte es einen Einbruchsversuch gegeben, der war aber an den Sicherheitstüren gescheitert. Irgendwelche Junkies, die die grosse Villa gesehen und auf schnelles Geld gehofft hatten. Und bereits an der stahlverstärkten Tür aufgeben mussten.

Erich mochte die stillen Stunden vor seinen Monitoren und die lockeren Kontrollgänge in dem leeren Haus. Die Firma war gross und scheinbar wichtig genug, um einen Wachmann zu beschäftigen, aber klein und überschaubar genug für Erich. Alles was der wollte, waren Ruhe und Ordnung. Der kleine Flur kam wieder ins Bild. Erich starrte gebannt auf den Bildschirm. Es rauschte kurz und das Flimmern tauchte wieder auf. „Scheisse!“

Marvin war fluchend zurück in die Firma gefahren und hatte etwas von kaputten Kabeln und Wand aufstemmen gemurmelt. Er war felsenfest davon überzeugt, dass es nicht das Computerprogramm war, das die Störung verursachte. Erich war ganz unwohl geworden bei dem Gedanken. Er sass wieder vor den Monitoren und behielt das Gebäude im Blick.

Wenn die ganzen Wände nun aufgestemmt werden sollten, nur wegen einem kurzen Flackern? Was ein Aufstand wegen so einer Kleinigkeit. Naja, immerhin funktionierte das System scheinbar und es beschränkte sich wirklich nur auf die eine Kamera. Da konnte man doch auch ein Auge zudrücken? Aber Erich glaubte nicht, dass er um seine Meinung gebeten werden würde, also machte er einfach nur seine Arbeit.

Es ging nun auf Mitternacht zu und wurde Zeit für seine Pause. In der Thermoskanne war noch ein Schluck Kaffee und in der kleinen Personalküche im zweiten Stock könnte er sich ein paar Kekse holen. Eine der Sekretärinnen hatte ihm einen Zettel auf seinen kleinen vollgestellten Schreibtisch gelegt. Anscheinend selbstgebacken. Erich freute sich schon darauf. Das wäre eine nette Abwechslung zu seinem Pausenbrot. Hoffentlich war noch etwas da. Kekse und Kuchen wurden immer sehr schnell gegessen, da musste man sich beeilen. Erich tätschelte sich den Bauch. Ein paar Kekse würde der noch vertragen. Aber eigentlich sollte er ja abspecken.

Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als er eine Gestalt vor der Eingangstür auftauchen sah. Im ersten Moment erschrak er und zuckte zusammen. Dann dachte er sich, dass Marvin sicherlich nur etwas vergessen hätte. Er konnte die Person auf dem Monitor nicht erkennen, also stand er auf und ging in den gut ausgeleuchteten Empfangsbereich.

Vor der Tür stand ein Mann mit einer Schirmmütze. Sein Gesicht war durch das dicke Glas der Eingangstür nicht zu erkennen. Einen Augenblick später klingelte es und Erich hob am Empfangstresen den Hörer der Türsprechanlage ab.

„Ja, bitte?“

Es rauschte leise, dann hörte er eine junge Stimme. „Pizzaservice!“

Erich runzelte die Stirn. Hatte Marvin sich was bestellt und es dann vergessen? „Ich weiss von keiner Bestellung. Für wen ist die Pizza?“ fragte Erich und griff sich das Mitarbeiterverzeichnis aus einer unteren Schublade des Empfangstresens. Er würde die Angaben damit abklären müssen, Vorschrift.

Die jugendliche Stimme antwortete leicht genervt: „ Für einen Herrn Schmidt, Fasanenweg 38.“

Erich grinste und liess das Verzeichnis zurück in die Schublade fallen. „Tut mir leid mein Junge, da bist du hier falsch. Hier ist Fasanenweg 42. Da musst du ein wenig zurück und dann die gekieste Auffahrt hoch. Das gelbe Haus mit den grossen Hecken davor.“

Der junge Mann vor der Tür winkte, Erich konnte es durch die matte Glasscheibe verschwommen erkennen. „Danke schön. Ciao!“ Sein Umriss verschwand.

Erich atmete tief durch. Aus irgendeinem Grund waren seine Nerven angespannt. Als ob etwas nicht in Ordnung wäre und er wüsste nicht was. War doch nur ein verirrter Lieferant, kein Grund zur Sorge. Er ging wieder in seinen Überwachungsraum, protokollierte gewissenhaft das Geschehen an der Tür und kontrollierte dann genauestens alle Monitore. Aber das Unwohlsein blieb.

Kurz nach Mitternacht war Erich hundemüde. Wieder hatten ihn Alpträume gequält, doch diesmal hatte er etwas völlig anderes geträumt als sonst. Für gewöhnlich ging er im Krankenhaus die Flure entlang und suchte seine Frau. Heute Nacht war er ebenfalls Flure entlanggewandert, aber es waren die Flure der Agentur gewesen, die sich scheinbar endlos aneinanderreihten. Erich hatte auch jemanden gesucht, aber nicht gewusst wen. Irgendwann hatte er sich beobachtet gefühlt und einen beklemmenden Druck gespürt, als sässe ihm jemand im Nacken. Er hatte begonnen zum Ausgang zu laufen, aber kam nicht vom Fleck. Und er spürte immer deutlicher, dass jemand da war, der ihm schaden wollte. Dann war er panisch aufgewacht und hatte nach Luft geschnappt.

Die Decke hatte sich eng um seinen Körper gewickelt und er musste sich strampelnd befreien. Danach hatte Erich nicht mehr einschlafen können. Er freute sich jetzt auf seine Pause. Solange er das Gebäude nicht verliess, konnte er machen, was er wollte. Er würde in der Angestelltenküche auf dem bequemen Stuhl ein wenig dösen. Wenn er sich den Wecker seiner Armbanduhr auf fünf Minuten vor 1 stellte, war er rechtzeitig wieder am Arbeitsplatz. Erich schloss sein Büro ab und ging nach oben. Als er im ersten Stock vorbeikam, hörte er nichts. Eine ganze Weile stand er hinter der Tür und lauschte. Aber es war alles ruhig. Er stapfte weiter nach oben und schloss die Tür der Angestelltenküche hinter sich ab. Es war zwar niemand im Gebäude, aber ihm war unwohl dabei, bei einem Nickerchen ertappt zu werden. In diesem Zimmer und in der danebenliegenden Garderobe gab es keine Kamera. Erich machte es sich bequem. Nur eine halbe Stunde dösen.

Er lief wieder durch die Flure der Agentur. Nun wusste er auch, dass er im ersten Stock war, denn er erkannte die Bilder wieder. Hinter ihm war jemand! Er musste weg! Er rannte und rannte, aber seine Glieder waren schwer wie Blei. Er kam nicht vorwärts, nein, er konnte sich überhaupt nicht mehr rühren! Er spürte, dass ihm irgendetwas umschloss, wie ein unsichtbarer Film legte sich etwas über sein Gesicht und es wurde stickig. Er konnte nicht mehr atmen! Was war hier los? Wer war da? Hilfe!

Schnaufend und prustend rappelte Erich sich vom Boden hoch. Er war mitsamt dem Stuhl umgefallen. Er stützte die Hände auf den Oberschenkeln auf und atmete tief ein und aus. Seine Knie zitterten. Morgen würde er noch einmal zum Arzt gehen. Gleich nach der Arbeit versuchen, einen Termin zu bekommen. Atmen! Er bekam so schlecht Luft. Erich streckte sich, griff dann den Stuhl und stellte ihn zurück. Er war immer noch müde und benommen, aber sein Herz raste wie nach einem Marathonlauf und er schnaufte und rang um Luft. Eine Tasse Kaffee, nein! besser einen Tee und dann weitermachen. Die Schicht beenden. Zum Arzt gehen. Der Wecker an seiner Armbanduhr piepte laut. Erich zuckte zusammen, fluchte und stellte das Signal aus. Kurz vor 1. Besser, er kochte sich jetzt schnell den Tee und nahm die Tasse mit nach unten.

Mittwoch

Erich trat seinen Dienst an und überprüfte die Aufnahmen gründlicher als sonst. Die Schreibtischlampe liess er aus und löschte auch das Deckenlicht. Es war aber kein Lichtreflex auf dem Monitor zu sehen. Er mailte das in einem kurzen Bericht dem Chef. Dann ging er jede Sequenz der Aufnahme wieder und wieder durch. Das Rauschen war immer noch da.

Und auf jedem dritten Bild des 5-sekündigen Abschnittes sah er eine Person unter dem Rauschen.

Er würde ja auch glauben, dass es sich um eine alte Aufnahme handelte, die von der neuen überschrieben wurde und durch die Störung nun teilweise sichtbar war. Aber das konnte einfach nicht sein. Die Datei enthielt nur diese eine Aufnahme, nichts anderes.

Es war zum verrückt werden. Wurde er so sehr von seinen Alpträumen gequält, dass er jetzt schon im Wachen träumte? Er hatte den Artztermin heute verschwitzt, und jetzt tat ihm das leid. Er musste unbedingt wieder einmal ruhig schlafen.

Daran wird es liegen, dachte er sich. Dann nehme ich halt mal eine Weile Schlaftabletten. Wenn ich nur mal wieder richtig gut durchgeschlafen habe, dann bin ich wieder fit.

Gegen Dienstschluss liess Erich wie immer das Reinigungspersonal ins Gebäude. Sie kamen in einem weissen Lieferwagen und fuhren direkt zum Tiefgarageneingang. Alles, was Erich tun musste, war das Tor zur Tiefgarage mit dem automatischen Toröffner hinter dem Empfangstresen zu öffnen.