Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Moral, Entrüstung, Scheinheiligkeit, verpackt in menschliche Schwächen, die sich hinter einer makellosen Maske verbergen. Die Maske - ein Segen, kein Fluch. Wer möchte nicht gerne über den Gartenzaun schauen, um die verborgenen Gesichter der Moral zu enttarnen? Und dabei als Voyeur unentdeckt bleiben. Vielleicht ist man ja selbst einer von den Maskenträgern, erhebt seinen individuellen Maßstab zum allgemeingültigen, wie z. B. der Student, der das Diplomzeugnis einer Studentin fälscht, die wiederum illegale Methoden benutzt hat. Gekonnt zeigt die Autorin an literarischen Fallbeispielen die unterschiedlichen Facetten der Moral. Vom klassischen Beispiel eines Mannes, der mit der Frau seines besten Freundes fremdgeht, bis hin zum sogenannten "Herrn Saubermann". Gezielt hat die Autorin die Kurzgeschichte als literarische Gattung gewählt. Ganz im Sinne der potentiellen Leser. Sie sind neugierig, haben aber in unserer Schnelllebigkeit und permanenten Erreichbarkeit keine Zeit, sich in einen Roman zu vertiefen. Sensationell ist der soghafte Fluss jeder Geschichte trotz prägnanter Kürze. Mit wenigen Worten zeichnet die Autorin Psychogramme, bereitet Entwicklungen subtil vor. Sie gibt 15 Protagonisten eine Stimme, die Einblicke in die Motivation ihres Handelns geben, wie die Frau mit narzistischen Persönlichkeitsmerkmalen oder die Person, destruktiv durch ihren krankhaften Kaufrausch. Der Autorin gelingt es in außerordentlicher Weise, dass der Leser dem Ende jeder Geschichte entgegenfiebert, sich fallen lässt in überraschende Wendungen oder in Fassaden, an denen der Protagonist selbst kollabiert, z. B. der Banker, der an seinen ausbeuterischen Praktiken zusammenbricht.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 79
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Brigitte Griehl
Im Bann von Moral
Impressum
Texte: © 2019 Brigitte GriehlUmschlag:© Copyright by PixabayVerlag: Brigitte Griehl
Jageplatz 37
58300 Wetter
Druck: epubli ein Service der neopubli GmbH, Berlin
ISBN 978-3-****-***-*
Printed in Germany
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Moralische Entrüstung ist der
Heiligenschein der
Scheinheiligen
Helmut Qualtinger,
----Der Totenschein----
Bevor sie die Unterlagen mitnahmen, war bei Laura Solbach alles immer im gleichen Trott gelaufen.
Sie hatte als Pflegekraft in diversen privaten Haushalten gearbeitet. Stets bemüht um das Wohlergehen der Hilfsbedürftigen. Sie war bei allen beliebt, ihre Fürsorge geschätzt.
Sie hatte sich um ihren strukturierten Tagesablauf gekümmert. Nichts hatte im Haushalt gefehlt.
Jede Ausgabe hatte sie in einem Haushaltsbuch aufgelistet.
Penibel genau.
Blauäugig hatten sie ihr eine Generalvollmacht ausgestellt, und alsehemalige Bankkauffrau hatte sie mühelos verdeckte Transaktionen auf den Konten durchführen können.Mit den Überweisungen war sie monatlich auf etwa 10.000 Euro gekommen. Über fünf Jahre. Eine stattliche Summe.
An ihrem freien Tag, um 11 Uhr vormittags, kamen sie. Herr Ludewig von der Staatsanwaltschaft. Begleitet von seinem Assessor.
Laura Solbachs kantiges Kinn bebte.
Zittrig fuhr sie mit ihrer schweißigen Hand durch ihre blonden langen Haare.
Sie durchsuchten ihre Wohnung, packten alle Bankunterlagen ein.
Die Verschlüsse ihrer Aktentaschen schnappten zu.
Eine vorläufige Festnahme war nicht erforderlich, da die Behörden keine begründete Fluchtgefahr sahen.
Sie konnte einen festen Wohnsitz vorweisen.
Einen Arbeitsplatz.
Hatte keine Auslandskontakte.
Ihre Konten waren eingefroren.
Aber ihr Barvermögen blieb unentdeckt.
Zu einem Gerichtsverfahren würde es in Kürze kommen.
Um sich dem zu entziehen, musste sie sich frühzeitig absetzen.
Thailand war ihr Ziel.
Ein internationaler Haftbefehl wurde ausgeschrieben.
Schon bald ging bei den deutschen Behörden ein Totenschein ein, beglaubigt durch die Botschaft in Bangkok, mit Stempel und Unterschrift.
Laura Solbach war bei der Fütterung von Krokodilen über die Brüstung gestürzt.
Der Totenschein, abgeheftet in „erledigte Fälle“.
Der Glaube an amtliche Dokumente, unerschütterlich.
Akte geschlossen.
Staatsanwalt Ludewig stößt die Tür auf zu einem stark frequentierten Restaurant. Ein Spezialitätenrestaurant in Bangkoks bester Lage. Sein braungebranntes Gesicht strahlt, jede einzelne pomadisierte Haarsträhne sitzt. Er trägt einen perfekt sitzenden beigen Safarianzug, ein rosafarbenes Hemd mit einer mitternachtsblauen Seidenkrawatte.
Auf der Suche nach einem freien Tisch erregt eine Frau sei-
ne Aufmerksamkeit. Die Frau am Fenstertisch. Sie hat zwar dunkle Haare zu einem Bubikopf geschnitten. Aber das kan-
tige Kinn in dem schmalen langen Gesicht macht ihn stutzig.
Zielstrebig steuert er auf sie zu, beugt sich zu ihr hinunter und mustert sie mit raubtierartigem Blick. „Das Tote so gut
aussehen, wusste ich gar nicht.“
Sie hat das Gefühl, als würde sich der Fußboden neigen und sie würde samt Stuhl und Tisch langsam auf die andere Seite des Raumes rutschen. Wie konnte das passieren? Ich war mir so sicher untertauchen zu können. In der Anonymität der Millionenstadt. Tausende Kilometer von Deutschland entfernt.
„Reiß dich zusammen!“, mahnt ihre innere Stimme. „Du hast schon viel schwierigere Situationen gemeistert.“
„Verlassen Sie sofort meinen Tisch!“ Grell klingt ihre Stimme.
„Sie sind ja eine wahre Verwandlungskünstlerin!“ Um seinen Mund zuckt ein verächtliches Lächeln.
„Ich weiß gar nicht, wovon sie sprechen!“
„Frau Solbach, wie heißen Sie denn heute?“
Sie lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück und schlägt die Beine übereinander. „Sie müssen mich verwechseln!“
Die Situation auf der Khao San Road in Bangkok spult sich vor ihren Augen ab. Ein Paradies von gefälschten Markenartikeln. Mit fröhlichem Singsang winkt sie ein Verkäufer zu sich und innerhalb von wenigen Minuten stellt er ihr einen Totenschein aus und einen Pass.
Gute Arbeit für wenig Geld.
Laura Solbach ist tot.
Maria Geese ist geboren.
„Ihre Straftat ist noch nicht verjährt!“
Seine Drohung gleitet an ihr ab und sie rutscht auf dem Stuhl wieder nach vorne.
Jetzt ist sie seinen Augen ganz nah.
„Ich wiederhole mich. Sie irren sich in mir. Ich leite hier die renommierte Seniorenresidenz ‚Freedom‘. Für Senioren aus Europa, für ihren humanen Lebensabend“, erwidert sie mit einer Fröhlichkeit, die ihr selbst falsch in den Ohren klingt.
In dem Augenblick, als sie ihre Visitenkarte auf den Tisch schiebt, vibriert sein Handy. Hektisch zieht er es aus seiner Sakkotasche, es gleitet ihm aus der Hand, kurz bevor es auf den Boden schlägt, fängt er es auf. Ein rascher Blick auf das Display und er nimmt das Gespräch an. „Ich komme sofort!“ Er nickt ihr flüchtig zu. „Wir sehen uns wieder!“ Seine weißen Lackschuhe klackern auf den Fliesen, als er federnden Schrittes das Lokal verlässt.
Maria Geese muss sich zwingen, nicht schallend zu jubilieren.
Sie greift eine Zeitung vom Zeitungsständer, will sich dem
Leitartikel „Baby commercial“ widmen. Aber ihre Augen fliegen unkonzentriert über die Zeilen, während sie ihrer inneren Stimme lauscht, die in einer Endlosschleife jubiliert: „Du hast die Bewährungsprobe bravourös gemeistert!“
Beschwingt erhebt sie sich und als sie den Stuhl zurück-
schrammt, tritt sie auf etwas Befremdliches. Ihr Blick fällt auf eine schwarze Brieftasche, kaum erkennbar auf den dunklen Bodenfliesen. Sie stutzt, bückt sich und nimmt sie in die Hand. Dabei rutschen drei Fotos heraus. Auf jedem Foto Herr Ludewig mit einem Baby auf dem Arm.
Sie dreht die Bilder herum:
Sydney, Übergabe, 8.000 Dollar bar erhalten
Tokio, Übergabe, 11.000 Dollar überwiesen, Stichwort DD
Bangkok, Übergabe, 5.000 Dollar überwiesen, Stichwort 09.
Maria Geese läuft ein Schauder über den Rücken. Vor ihrem geistigen Auge sieht sie die jungen Mütter, gezeichnet durch die Strapazen der Geburt. Hört die ersten Schreie der Babys. Sieht die fremden Hände, die den Müttern ihre Kinder entreißen.
Fieberhaft streift sie ihre Schuhe ab und hastet mit ausladenden Schritten auf den Bürgersteig. Rucksacktouristen mit hoch aufgetürmtem Gepäck, gekrönt von Schlafsack und Isomatte versperren ihr die Sicht. Kurz vor der abbiegenden Seitenstraße entdeckt sie ihn. „Sie haben etwas verloren!“
Außer Atem überreicht sie ihm seine Brieftasche.
Er steckt sie in seine Sakkotasche.
Kommentarlos.
Sie fixiert ihn mit stechendem Blick.
Sein linkes Auge zuckt.
Dann fächert sie genussvoll die Fotos auf und hält sie hoch wie eine Trophäe.
„Mit dir habe ich nun überhaupt nicht gerechnet“, begrüßt Kay seinen alten Schulfreund mit vorwurfsvoller Stimme.
„Ich hatte das Bedürfnis, dich mal wieder zu sehen“, erwidert Maximilian, „ nach so langer Zeit.“
„Lass uns die Vergangenheit begraben“, wirft Kay mit scharfen Worten ein.
Kurz ringt er mit sich, bis er mit versöhnenderer Stimme hinzufügt: „Aber da du den Weg zu mir gefunden hast, nimm bitte Platz.“
„Ich habe mich nicht bei dir gemeldet. Ich hatte Sorge, etwas
falsch zu machen.“ Bedächtig formuliert Maximilian seine Worte. Er will Kay nicht verletzen.
Auf der Suche nach einem Foto von Kays verstorbener Frau lässt er seinen Blick schweifen. „Ich möchte nicht ständig an Jutta erinnert werden“, bemerkt Kai, als hätte er seine Gedanken gelesen.
Während er die Kölnische Rundschau sorgfältig zusammenlegt, erklärt er. „Lange hatte ich mich in mein Schneckenhaus zurückgezogen, um den Verlust psychisch zu verarbeiten.“ Er sucht Maximilians Blickkontakt. „Aber mittlerweile ist mein Alltag intensiv ausgefüllt. Philosophie-Studium, Italienisch als Senior an der Uni hier in Köln. Aktives Mit-
glied im Kulturausschuss. Studiosusreisen.“ Ostentativ klopft er mit der Hand auf eine Ansammlung von Büchern, gestapelt auf der Armlehne seines Lesesessels. „Sieht so jemand aus, der Langeweile hat?“
Maximilian seufzt.
„Gabriele und du in eurem kleinen Kokon“, lacht Kay, „das Bild hat sich in mein Gedächtnis eingemeißelt. Alles habt ihr zusammen gemacht. Sogar euer Out-Fit, farblich perfekt aufeinander abgestimmt. Mal in Grün, mal in Blau. Aber ist nicht Beige eure Lieblingsfarbe?“
Maximilian quält sich ein Lächeln ab. „Ich kann schlecht
damit umgehen.“ „Mit der Farbwahl oder mit dem Kokon?“, schmunzelt Kay.
„Gabriele ist ständig unterwegs. Hat eine Stelle als Kosmetikvertreterin angenommen. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass sie sich von dem Lockangebot bezirzen ließ: ‚Sie können leicht und unabhängig nebenbei Geld verdienen. Arbeiten Sie wann, wo und wie Sie möchten‘.“ Er starrt auf irgendeinen Punkt an der Wand. „Wenn es nicht so traurig wäre, könnte ich lachen.“ Sein Gesicht ist unbewegt, aber seine Augen verraten, wie schwer es ihm fällt, den Schein innerer Gelassenheit zu wahren.
„Ihre Arbeitsstelle, unantastbar, eine heilige Kuh. Als ich protestierte, ich würde genug Geld nach Hause bringen, war sie empört. ‚Ich will mein eigenes Geld verdienen. Nicht den ganzen Tag den Haushalt machen und auf dich warten!´. So aufgebracht habe ich sie noch nie erlebt.“ Stöhnend atmet Maximilian aus. „Und dann sagte sie, nein, sie schrie fast ‚basta‘. Das Wort hätte sie früher niemals in den Mund genommen. Basta.“
Kay geht in die Küche, kommt mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern zurück, und während er die Gläser füllt, murmelt Maximilian: „Anfangs war Gabriele schon da, als ich nach dem Büro nach Hause kam. Aber im Laufe der Zeit wurde es immer später.“
„Bist du neidisch?“
„Immer war sie für die Familie da. Es kommt sogar vor, dass sie über Nacht wegbleibt.“ Seine Stimme, fast ein Flüstern. „Ach, Maximilian, sie ist nicht nur eine attraktive Frau, sondern auch eine kluge. Sie wird ihre Gründe haben.“
Maximilian ballt die Hand zur Faust. „Oft dauern Ihre Beratungen bis weit in die Abendstunden hinein. Dann muss sie sich ein Hotelzimmer nehmen.“ Er lacht holpernd. „Wie lächerlich. Soll sie sich doch die Zeit besser einteilen.“
„Das ist für dich ein Problem?“
Resigniert zuckt Maximilian mit den Schultern. „Immer öfter geschieht das.“
