Im Blut der Dämonenjäger - Lucian Caligo - E-Book

Im Blut der Dämonenjäger E-Book

Lucian Caligo

2,0

Beschreibung

Dämonenjäger gelten als unmenschlich und brutal. Dennoch sind sie Godwanas einziger Schutz vor einem Feind, den normale Menschen nicht bekämpfen können. Wer als Dämonenjäger geboren wird hat keine Wahl, er muss seine Bestimmung erfüllen oder ist des Todes. So ergeht es auch der jungen Anjani. Weil sie ihre wahre Natur nicht ewig verbergen kann, entschließt sie sich schweren Herzens, ihre Familie zu verlassen und den Kampf aufzunehmen. Als Anjani ihre Ausbildung beginnt, erhebt sich inmitten des Konfliktes zwischen Jägern und Dämonen ein uraltes Übel.

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Seitenzahl: 305

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In Godwana sind Dämonen eine oft unterschätzte Bedrohung. Unsichtbar für die Augen der gewöhnlichen Sterblichen berauschen sie sich an Angst und Hass der Menschen. Um diese Gefahr abzuwenden, wurden die Dämonenjäger erschaffen.

Mehr über die Fortsetzungen und andere Bücher erfährst du auf www.lucian-caligo.de.

Über den Autor:

Lucian Caligo, 1985 in München geboren, gehört zu den neuen aufstrebenden Phantastikautoren. Nach seiner Schulzeit stolperte er in eine Bauzeichnerlehre, von der er sich zur Krankenpflege weiterhangelte. Fantastische und vor allem düstere Geschichten zu ersinnen, war in dieser Zeit nicht mehr als eine heimliche Leidenschaft. Erst im November 2014 beschloss er all seine Bedenken, wegen seiner Legasthenie und tausend anderen Gründen, über Bord zu werfen und seine Werke zu veröffentlichen.

Für alle, die ihre Dämonen kennen und ihnen nicht nachgeben

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Epilog

Nachwort

Prolog

Godwana, eine Welt im Krieg! Die beiden großen Menschenreiche belauern sich argwöhnisch. Überall in den Landen tun sich Sümpfe auf, faulend wie infizierte Wunden. In ihnen hausen die Nekaru, gierend nach Menschenfleisch. An den magischen Strömen Godwanas laben sich dunkle Kräfte, denen sich die Magier entgegenstemmen. Hilflos stehen die Menschen den Dämonen gegenüber, die von ihrem Leiden zehren. Um diese Macht zu bekämpfen, wurden die Dämonenjäger geschaffen. Ihrer Menschlichkeit beraubt führen sie einen erbitterten Kampf gegen jene finsteren Kräfte, die aus einer anderen Welt nach Godwana drängen.

Harius war einer von ihnen. Seine flammend roten Haare trug er zurückgebunden, die enganliegende Kleidung aus gehärtetem Leder schützte ihn vor den Klauen seiner Feinde. Seine pechschwarzen Augen suchten aufmerksam den Kuhstall ab. Er spürte die Präsenz einer dunklen Kreatur, die sich als Unruhe in seiner Herzgegend bemerkbar machte. Ein ablenkendes Gefühl, zumindest für gewöhnliche Menschen. Über die letzten fünfzig Jahre hatte Harius Abstand zu seinen Emotionen gewonnen. Jetzt waren diese für ihn nicht mehr als warnende Instinkte. Nur gelegentlich regte sich etwas Menschlichkeit in ihm, eine alte Schwäche.

Selbst die Kühe spürten es. Sie muhten aufgeregt und drängten sich zusammen, ohne jedoch den Ursprung für ihre Angst zu finden. Auch Harius vermochte nicht zu sagen, wo genau die dämonische Präsenz lauerte. Dämonen verschmolzen mit den Schatten, deshalb zog es den Jäger in den dunkelsten Teil des Stalls. Hier gab es keine Fenster, der Boden war vom Kuhmist sumpfig geworden und es stank nach Dung. Die Ecken des Raumes lagen im Dunkeln. Harius´ Augen waren an die Finsternis gewöhnt, doch die Schwärze der Schatten vermochte auch er nicht zu durchdringen. Die Nackenhaare stellten sich ihm auf, als er ein bedrohliches Raunen vernahm. Normale Menschen hielten die Stimme eines Dämons für ihre eigenen Gedanken, was bereits zu etlichen Konflikten und sogar Kriegen geführt hatte. Nur wer in Magie geschult war, oder Jägerblut besaß, bemerkte den Unterschied. Dem Wispern folgend schritt Harius – die geschwungenen Dolche erhoben – tiefer in die Dunkelheit. Fauchend packte ihn der Dämon hinterrücks an den Schultern und riss ihn zu Boden. Mit angespannten Muskeln nutzte Harius den Schwung, überschlug sich und rammte dem Angreifer seine Stiefelklinge in den Leib. Der Dämon kreischte markerschütternd. Schnell kam Harius wieder auf die Beine und stieß mit dem Dolch zu. Vernichtend getroffen fiel der Dämon in sich zusammen, wie ein Pergament im Feuer, verweht von einem unspürbaren Windhauch. Ungerührt lausche Harius in sich hinein. Mit dem Dämon verlosch auch die innere Unruhe, also war der Eindringling allein gewesen. Den Dreck von seiner Lederbekleidung wischend trat Harius hinaus. Dort hatten sich hunderte Menschen versammelt, vor allem Mägde und Landsknechte. Auf dem Wehrhof gingen sie einer wichtigen Tätigkeit nach: Sie schützten die Inlande vor dem Eindringen der Zwerge, die im Immerberg hockten und die Menschen für den Untergang ihres Volkes verantwortlich machten. Ihren Schmerz kanalisierten sie in Tötungsmaschinen, die sie den Menschen entgegenschickten. Die Wehrhöfe waren die wichtigsten Verteidigungsanlagen vor diesen Angriffen. Insofern fühlte sich Harius den Wehrbauern verbunden, sie bestellten nicht nur das Land, sondern waren ebenfalls Krieger. Nur in einem unterschieden sie sich von den Jägern: Sie hatten eine echte Wahl und sich dennoch für dieses Leben entschieden. Das Schicksal eines Dämonenjägers stand hingegen von Geburt an fest.

Unter den vielen Männern und Frauen gab es auch Paare – Liebe ... ein Gefühl von dem Harius nichts wusste und doch spürte er eine innere Sehnsucht danach. Was die Barden allerorts besangen, klang verlockend. Eine unerschütterliche Verbindung zu einem anderen Menschen durchwirkt von Vertrauen und Verständnis. Eine Beziehung zu einer Frau, die ihn besser kannte als er sich selbst. Harius schüttelte die menschliche Regung ab, als ihm der Gutsherr gegenübertrat. Dieser war ein Mann mittleren Alters mit wettergegerbtem Gesicht und breiten Schultern. Ihm zur Seite stand eine Frau, etwa gleich an Jahren, schlank, fast grazil, sodass selbst der weite Leinenstoff ihres Kleides nicht über ihre Schwangerschaft hinwegzutäuschen vermochte. Sie musste mindestens im achten Monat sein.

»Was war das?«, fragte der Wehrbauer. »Ich meine dieses Kreischen.«

»Dämonen sind für euch Menschen nicht zu sehen, aber im Sterben könnt ihr sie hören«, erklärte Harius. »Der Stall ist jetzt sicher.«

»Habt ... Dank«, sprach der Wehrbauer verunsichert. »Was bin ich Euch für Eure Dienste schuldig?« Er schob sich schützend vor seine Frau, wohl um sie vor den Blicken des Jägers abzuschirmen.

»Eine warme Mahlzeit ist ausreichend. Danach werde ich euch so schnell wie möglich verlassen.« Dämonenjäger waren den meisten Menschen unangenehm. Selbst im hellen Reich begegnete man ihnen über kurz oder lang mit Feindseligkeit. Vielleicht lag es an den Augen, die wie schwarze Löcher wirkten, wodurch Dämonenjäger noch unmenschlicher erschienen.

»Ich kümmere mich um unseren Gast«, sprach der Wehrbauer zu seiner Frau. »Leg du dich hin.«

»Aber ich ...«

»Bitte, Anjara«, bestand der Wehrbauer. Vermutlich ahnte er, dass der Preis für die Hilfe größer war, als Harius zugab. Doch wie bei der Dämonenpräsenz blieb es für den Menschen bei einer Ahnung, nicht mehr.

Der Wehrbauer führte Harius ins Haupthaus, einen mit kunstvollen Schnitzereien verzierter Holzbau. Die Gemeinschaftshalle war prächtig eingerichtet. In der Mitte befand sich eine lange Tafel, die Platz für fünfzig Menschen bot. An dessen Kopfende stand ein Holzthron, dieser war dem hochadeligen Besuch vorbehalten. An den Wänden hingen etwa zwanzig Bilder, welche die Herrscher des hellen Reiches bei ihren Siegen zeigten. Mal saßen sie auf ihrem Thron, manches Mal unterzeichneten sie Verträge, nur selten standen sie über einem niedergestreckten Feind.

»Nehmt Platz«, forderte der Wehrbauer Harius auf.

Der Dämonenjäger setzte sich auf einen Stuhl an der Seite der Tafel. Nur zu deutlich spürte Harius das Unbehagen des Mannes. Eine natürliche Reaktion auf Dämonenjäger. Nur Narren würden seine Anwesenheit nicht als bedrohlich empfinden. Doch der Mann hatte sich gut im Griff. Er sprach kein überflüssiges Wort und seine zitternden Hände verbarg er, indem er sie übereinanderlegte. Gastfreundschaft galt hoch im hellen Reich. Im dunklen Reich hingegen wurde Harius nach getaner Arbeit gelegentlich davongejagt. Zumindest wenn der Auftraggeber im Besitz von genug Sklaven war, um sich den Angriff auf einen Dämonenjäger erlauben zu können. Dennoch hatten sie alle denselben Preis für ihren Schutz zu entrichten. Dämonenjäger standen außerhalb des Gesetzes, was sie im Grunde vogelfrei machte. Offene Aggressionen waren jedoch selten, schließlich schützten die Jäger vor einer Gefahr, die nicht einmal von Magiern bekämpft werden konnte.

Während er wartete, konzentrierte sich Harius auf seine Atmung. Kein Gedanke trübte seine Wachsamkeit. In der kühlen Abendluft knarrte das Holzbauwerk. Es roch nach Politur. Deutlich spürte Harius die Angst des Wehrbauern, die ob der Stille ins Unermessliche stieg.

Als die Tür aufflog und der Koch eine Fleischplatte hereintrug, zuckte der Wehrbauer merklich zusammen. Harius indes hatte die Schritte des Mannes schon von Weitem gehört. Auf ein Nicken des Wehrbauern stellte der Koch die Fleischplatte vor dem Dämonenjäger ab, worauf er fluchtartig den Gemeinschaftssaal verließ.

Ungerührt stillte Harius seinen Hunger. Dabei spürte er unentwegt den Blick des Wehrbauern auf sich ruhen, was ihn nicht sonderlich störte. Auch nicht, dass durch einen Türspalt am Saalende hinter dem Thron neugierige Kinderaugen hindurch spähten, in der Annahme, er würde sie nicht bemerken.

Nachdem Harius gegessen hatte, erhob er sich. »Habt Dank, ich verlasse euch nun.«

»Danke«, entfuhr es dem Wehrbauern mit einem erleichterten Seufzen. »Ich meine, ich hoffe, Ihr seid satt geworden«, entschuldigte er sich.

»Es war mehr als ausreichend«, entgegnete Harius, straffte sich und schritt zur Tür.

Der Wehrbauer eilte herbei, um ihn bis vor die Haustür zu geleiten. Wohl um sicherzugehen, dass der Jäger sich nicht im Haus versteckte. Eine absurde Überlegung, die Harius schmunzeln ließ. Er rief sich und seine Gedanken jedoch gleich wieder zu Ordnung.

»Von hier aus finde ich den Weg«, sagte Harius im Hof angekommen und wies damit den Wehrbauern zurück. Die Nacht hatte den Tag bereits überwältigt.

»Natürlich, und nochmals danke«, sprach der Wehrbauer mit bebender Stimme und deutete eine Verbeugung an.

Ohne ein weiteres Wort wandte sich Harius zum Tor. Dieses wurde bereits geöffnet, als er sich noch fünfzig Schritt davon entfernt befand, so als wollten ihn die Landsknechte so schnell wie möglich loswerden. Mit seiner Annahme täuschte sich Harius jedoch, denn ein Mann in einer meerblauen Robe trat durch das Tor, sein Kopf war kahl und ein ergrauter Bart zierte sein Kinn. Um ihn herum sprang eine kniehohe Gestalt mit durchscheinend blauem Körper. Sogleich griff Harius nach seinen beiden Dolchen. Nicht, weil er den Magier angreifen wollte, sondern um sicherzustellen, dass der Kobold ihm diese nicht entwendete. Chotra, wie der Quälgeist hieß, war weithin dafür bekannt jegliche Autorität herauszufordern. Dämonenjäger waren dabei lohnende Ziele, gerade wenn es darum ging sie auf ihre Kaltblütigkeit zu testen. Sicher spielte der kleine Kerl mit dem Gedanken Harius´ Dolche zu stehlen, nur um zu sehen, ob der Dämonenjäger seine Selbstbeherrschung wahren konnte.

»Magister Lestral«, grüßte der Dämonenjäger den Magier im Vorbeigehen.

»Harius«, erwiderte dieser den Gruß, wobei seine Miene Besorgnis widerspiegelte, was an seiner leicht krausgezogenen Stirn zu erkennen war. »Ihr habt doch nicht ...«

Obwohl Harius wusste, auf was der Magier anspielte, ging er nicht darauf ein. Lestrals Anwesenheit konnte alles verkomplizieren, schließlich war der Kerl dafür berüchtigt seine Nase in jedwede Angelegenheit zu stecken. Gleichzeitig bestimmte Mitgefühl viel zu oft sein Handeln. Ein grundlegender Fehler.

Harius fluchte in sich hinein, als er den Wehrhof hinter sich ließ. Jeder andere Magier würde ihn gewähren lassen, aber wenn Lestral mit dem Wehrbauern befreundet war ...

Dennoch musste er es riskieren. Nach fünfhundert Metern des Weges verdunkelten Wolken den Mond am nachtschwarzen Himmel. Im Schutz der Finsternis machte Harius kehrt. Ungesehen gelangte er an die Palisaden, die er wie ein fliehender Schatten mit seinen Steigeisen überwand. Unbemerkt von den Wächtern huschte er über den Wehrgang hinunter bis zum Haupthaus und fand sofort das gesuchte Schlafzimmer. Durchs Fenster sah er die schwangere Frau in ihrem Bett liegen. Leise wie ein Windhauch zog er sich durch das Fenster ins Schlafgemach. Auf dem Nachttisch neben ihrem Bett stand ein Zinnbecher mit Wasser. Die Frau schlummerte fest. Harius zog seinen Dolch, schnitt sich in die linke Handfläche und stockte ...

Die Frau murmelte im Schlaf vor sich hin. »Eduar, ich bin so glücklich ...«

Eine lang vergessene Emotion rollte über Harius hinweg: Mitgefühl. Wenn er tat, was er vorhatte, würde er das Glück dieser Familie zerstören. So wie es seiner Familie ergangen war. Er wischte sich über die Augen. Nein, er durfte sich nicht erlauben so zu empfinden, als Jäger sollte er schließlich gar nichts fühlen. Wie sagte Nahmahr: »Wir sind keine Menschen, wir sind Waffen.«

Seine Hand zitterte, als Harius zwei Blutstropfen in den Becher der Schwangeren fallen ließ. In diesem Augenblick wurde die Türklinke langsam heruntergedrückt, sie knarrte leise.

Harius fuhr herum und sprang aus dem Fenster.

»Musste das sein?«, fragte eine betrübt klingende Stimme.

Der Jäger drehte sich nicht zu Lestral um. »Ja, und Ihr werdet Euch hier nicht einmischen. Ihr Magier habt uns geschaffen und verlangt nicht weniger als unser Leben von uns, damit wir eure Fehler bereinigen. Also beschwert Euch nicht darüber, dass wir unser Werk tun.«

Der Magier schwieg.

Seltsamerweise spürte Harius Wut in sich aufsteigen. Er rief seine Gefühle zur Ordnung, was dieses Mal nicht so richtig gelingen wollte. »Wir werden kommen und das Kind holen, bis dahin haltet seine Haare kurz, dann wird es nicht gefunden.«

Warum er Lestral dies verriet, wusste er selbst nicht. Offenbar hatte sich das Mitleid tiefer in seinen Geist gefressen, als er angenommen hatte.

Ohne bemerkt zu werden, überwand Harius erneut die Palisaden. Als er den Weg zum Treffpunkt fortsetzte, stritten unterschiedlichste Emotionen in ihm. Mitgefühl mit dem ungeborenen Leben, Hoffnung darauf, dass Lestral doch einschritt, indem er den Wasserbecher ausschüttete, und Zorn darüber, dass er so empfand. Zumindest war es nun nicht mehr seine Verantwortung. Wenn er sich mit Nahmahr traf, übernahm dieser die Führung. Es wurde meistens hässlich, wenn Dämonenjäger ein Kind einforderten. Eltern waren blind für die Gefahr, die solch ein Neugeborenes mit sich brachte. Aber einer Gruppe aus sechs Jägern widersetzte sich kaum einer. Allein hätte es Harius hingegen schwer, der Mutter ihr Kind abzuringen. Noch dazu an einem Hof voller bewaffneter Männer.

»Da bist du ja«, knurrte eine garstige Stimme in Harius´ Kopf. Reflexartig zog er die Dolche, fuhr herum und stieß zu. Kreischend verging die dämonische Präsenz. Erst jetzt spürte Harius, wie sein Mund mit Blut volllief und sich der Lebenssaft aus seiner zerschnittenen Kehle in die Lederrüstung ergoss. Er hatte sich von seinen Gefühlen ablenken lassen. Prüfend betastete Harius die Halswunde, jede Hilfe kam zu spät. Es fühlte sich an wie ein Traum, seltsam unwirklich. Im Sterben erlaubte er den Gedanken, seinem geheimsten Wunsch nachzugehen. Ein Mensch, der ihn verstand, dem er sich anvertrauen konnte, der um seine dunkelsten Geheimnisse wusste und ihn dennoch ... liebte. Harius war tot, noch bevor sich sein Haupt auf die Erde legte.

Er würde nicht kommen, um die neugeborene Dämonenjägerin zu holen. Daran, dass ihre Mutter bei der Geburt starb, trug Harius keine Schuld. Lestral, der in die Erweckung einer neuen Jägerin nicht eingegriffen hatte, versuchte alles, um Anjara zu retten. Doch auch Magie hat ihre Grenzen. Dem Magister blieb nur noch eines zu tun: Das neugeborene Mädchen zu schützen, bevor ihm die übliche Prozedur zuteilwurde. Nach der Rasur des Kopfes wich das Rot ihrer Augenbrauen einem hellen Blond und Farbe kehrte in ihre Augen zurück. Das Mädchen sollte fortan Anjani heißen, in Gedenken an ihre Mutter. Über die nächsten Jahre unternahmen ihr Vater und Lestral alles, um ihre wahre Natur vor ihr zu verbergen. Bis zu ihrem zehnten Lebensjahr rief Anjani nachts oft nach ihrem Vater. Dieser musste ihr versprechen, dass sie absolut sicher war. Dennoch wachte er an ihrem Bett, bis sie einschlief. Als sie älter wurde, lag sie immer noch häufig wach. Aber anstatt ihren Vater zu rufen, kauerte sie allein unter der Bettdecke und lauschte zitternd den Stimmen, die aus den Schatten drangen.

»Wir finden dich!«

***

Sigul wurde von einem seltsamen inneren Drang geweckt. Auf jedes Geräusch achtend, damit seine Frau nicht aufwachte, schlich er sich aus dem Bett. Seine alten Gelenke knirschten dabei verräterisch. So leise er konnte, öffnete er die Schlafzimmertür und tapste durch die Schusterwerkstatt auf die Straße. Erst in der kühlen Morgenluft bemerkte er, dass er nur sein Nachthemd trug. Selbst die Schuhe hatte er vergessen. Dies alles wurde unwichtig, als er hoch zum Schloss der Lichter sah. Dort residierte König Drestus. Auf einer Anhöhe erstrahlte der Prachtbau in der Morgensonne. Die mit Gold verkleideten Mauern machten dem Himmelsgestirn ernsthafte Konkurrenz. Um dieses Schloss drehte sich Siguls Welt. Es war der Mittelpunkt des Reiches, Symbol der Macht und des Friedens. Er bemerkte kaum, wie er sich durch die Stadt auf den Palast zubewegte, sowie eine Motte zum Licht flog.

Auf halber Strecke rief ihn etwas in eine Seitengasse. Es war jener innere Drang, der ihn geweckt hatte. Seine trüben Augen suchten im Dunkeln der Straße vergeblich nach dem Grund seines Hierseins. An einer Hauswand tastete er sich in die Gasse vor. Erst als sich der Schatten um ihn schloss, erkannte er schemenhaft eine Person, die fast gänzlich mit der Finsternis verschmolz. Es musste ein Mann sein, groß, mit breiten Schultern – ein Hüne.

»Du bist doch ein Patriot, oder Sigul?«, fragte dieser mit wohltuender Stimme.

Dieser Mann kannte seinen Namen. Sigul fühlte sich seltsam geehrt, als spräche der Hochadel selbst mit ihm.

»Natürlich Herr«, antwortete er heiser.

»Dann würdest du dich für dein Land opfern?«, fragte der Schatten.

»Natürlich Herr«, beteuerte er. »Doch was hab ich alter Narr meinem Land zu geben?«

»Alles!«

Der Schatten trat vor ihn. Sigul starrte ihm gebannt in die Augen, die farblos im Dunkeln funkelten. Der Mann verschwamm. Kälte ergriff von Siguls Armen und Beinen Besitz. Taubheit breitete sich von Finger- und Zehenspitzen in seinem gesamten Körper aus. Obwohl er spürte, wie das Leben aus ihm wich und die Kälte sein Herz erreichte, fühlte Sigul keine Angst. Alles war gut, solange er seinem Land diente. Ohne Zweifel leistete er seinen Beitrag. Mit einem Lächeln auf den Lippen brach er tot zusammen.

I.

»Niemals dürfen wir vergessen, dass wir es waren. Wir haben die Dämonen und die Engel in unsere Welt gelassen. Wir tragen die Verantwortung, selbst wenn wir eine vermeintliche Lösung gefunden haben. Es bleibt eine Lösung, unter der tausende Menschen leiden.«

Aus den privaten Aufzeichnungen von Magister Lestral

Über den Horizont schob sich ein greller Lichtschein und stach in Anjanis Augen. »Was ist das?«, fragte sie und ließ mit der Rechten die Zügel los, um ihr Sichtfeld abzuschirmen.

»Das ist Gebelheim«, erwiderte ihr Vater tonlos. Seine Schwermut drückte sich deutlich in den hängenden Mundwinkeln aus. Wenn es nur einen anderen Weg gegeben hätte. Anjani wollte ihren Vater, ihre Brüder und den Hof, ihr Heim, nicht verlassen und doch ... Ihre wahre Natur zwang sie dazu, sie konnte sich dem nicht entziehen. Die Erkenntnis als Dämonenjägerin geboren zu sein, traf sie schwer, es bestand jedoch keinen Zweifel daran. Sie kannte nur einen Grund, warum Eltern das Aussehen ihrer Kinder veränderten – und zwar, um sie vor den Dämonen zu verstecken. Diese bösartigen Kreaturen machten unablässig Jagd auf jene Menschen, die zu ihren Widersachern werden konnten. Dazu passten die körperlosen Stimmen, die sie des Nachts häufig heimsuchten. Als Anjani klar wurde, in welcher Gefahr ihre Familie schwebte, hatte sie sich entschieden. Der zögerliche Antrag von Prinz Satrus bot Anjani eine Gelegenheit, ihr Heim zu verlassen. In Gebelheim ergab sich sicherlich eine Möglichkeit, sich unbemerkt davonzuschleichen.

»Prinz Satrus hat also nicht übertrieben, als er meinte, sie sei mit Gold verkleidet«, lenkte sie ihre Aufmerksamkeit auf die Stadt. Heute fiel es ihr besonders schwer, die Maske der Fröhlichkeit aufrecht zu erhalten. Schwermut drückte auf ihr Herz.

»Nein«, stimmte Eduar, ihr Vater, zu.

Gebelheim war die Hauptstadt des Fürstentums Grasland, in dem Prinz Satrus residiert. Er sollte sich hier seine Sporen verdienen, wie Anjanis Vater es ausdrückte. Als Königssohn musste er sich der Erbfolge als würdig erweisen.

Gebelheim befand sich auf einer Anhöhe und war gesäumt von goldenen Stadtmauern, die von etlichen Türmen bewehrt waren. Die Verteidigungsanlage war höher als die meisten Gebäude, lediglich der Palast in der Stadtmitte erhob sich über alles.

»Das ist wunderschön«, schwärmte Anjani unbeholfen, sie wollte ihren Vater auf andere Gedanken bringen. Mit Sicherheit fürchtete er, Anjani könnte von Dämonenjägern entdeckt werden. Jedoch legte sie es genau darauf an. Bei ihrer Familie zu bleiben war einfach zu gefährlich. Eigentlich musste ihm das ebenfalls klar sein. Unzählige Monate hatte Anjani darüber nachgesonnen, hatte jeden Reisenden vorsichtig befragt, ob es einen Jäger gab, der seine wahre Natur auf Dauer unterdrücken konnte. Doch niemand kannte eine Möglichkeit.

»Mhhh«, brummte Eduar missmutig.

Wenn er nur an etwas anderes denken könnte. Eduars Schwermut drückte auf Anjanis Stimmung. Indem sie den Hof verließ, verletzte sie viele Menschen. Außerdem stieß sie Prinz Satrus vor den Kopf, der sich echte Hoffnung auf ihre Hand zu machen schien. Was fand er nur an ihr? Anjani schätzte den Prinzen und seine selbstironische, freundliche Art sehr. Eines Tages, da war sie sicher, würde sie ihn lieben können. Dies waren jedoch die Träumereien eines kleinen Mädchens, die sie nicht zulassen durfte. Sie musste wie eine Erwachsene denken. Aber wie dachten erwachsene Frauen? Für gewöhnlich gerieten sie regelrecht in Verzückung, wenn sie Prinz Satrus sahen. Wahrscheinlich gab es keine Frau, die seinen Heiratsantrag ablehnen würde.

In goldener Rüstung ritt Satrus ihrem Tross voraus, flankiert von seinen Rittern, gefolgt von einem Trupp Soldaten. Danach folgte Anjani mit ihrem Vater. In ihrer Begleitung befanden sich einige Landsknechte, teilweise Männer, die Anjani bereits ihr ganzes Leben lang kannte. Eine Faust aus Eis schloss sich um Anjanis Herz, als sie erneut daran dachte, was sie alles zurückließ. Als sie nach Ablenkung suchte, fiel ihr Blick auf einen Hain am Fuße des Stadthügels. »Und was ist das da?«

»Eine Elfensiedlung«, knurrte Eduar.

Jetzt hatte sie ihn! Ihr Vater hasste Elfen. »Sieht ... nett aus«, goss sie etwas Öl ins Feuer. Alles war besser als die Seelenpein ihres Vaters mitansehen zu müssen.

»Ja, Bäume pflanzen kann dieser Abschaum«, sprach Eduar grimmig.

Gebelheims Stadthügel war steiler als erwartet. Eine schmale Straße schlängelte sich den Berg hinauf. Hier hatten keine zwei Fuhrwerke nebeneinander Platz. Auch ihre Pferde kämpften mit der Steigung. Gerade die Rösser, auf denen die gerüsteten Soldaten saßen, wurden deutlich langsamer. Die Reittiere der leichtgerüsteten Landsknechte kamen besser damit zurecht. Beim Aufstieg ritt Magister Lestral an Anjanis Seite und schenkte ihr ein aufbauendes Lächeln. Ob er etwas ahnte? Es wäre verwunderlich, wenn nicht. Dieser Mann schien Gedanken zu lesen, wie andere Menschen Bücher.

Anjani zuckte zusammen, als sie endlich die Stadttore passierten. Ein tosen kam ihnen entgegen. Es dauerte einen Moment bis sie begriff, dass es die Stadtbewohner waren, die sich versammelt hatten, um ihren Prinzen zu bejubeln. Fahnenschwenkend und den Namen des Thronfolgers intonierend, standen Jung und Alt dichtgedrängt am Straßenrand. Es grenzte an ein Wunder, dass sie mit ihren Pferden ungehindert durch die Massen kamen.

Ein Schauer breitete sich über Anjanis Rücken aus. Es war helllichter Tag und die Menschen freuten sich. Es hätte nicht viel gefehlt und sie würden vor Freude tanzen. Doch unter ihnen spürte Anjani eine unerklärliche Finsternis, wenngleich sie deren Ursprung nicht erkannte.

Aufmerksam suchte sie die Menschenmenge ab. Einige, vor allem junge Frauen, fielen beim Anblick des Prinzen in Ohnmacht. Zumindest das konnte Anjani ganz gut nachempfinden. Der Prinz wirkte wie die Personifizierung aller Träume. Manchmal hatte sie sich vorgestellt, wie es wohl wäre Königin zu sein. Aber anstelle sich endlosen Schwärmereien zu ergeben, wie romantisch dieses Leben sei, dachte Anjani an die Verantwortung, die sie als Herrscherin tragen musste. Bei Conara, das wäre nichts für sie. Ein bitteres Lächeln huschte über Anjanis Gesicht. Egal wie sehr sie sich darüber den Kopf zerbrach, für sie war ein anderes Leben vorbestimmt, ob sie wollte oder nicht.

Unvermittelt kam ihr Tross zum Stehen. Menschen schrien auf. Einige drängten sich fluchtartig in die Häusergassen und stoppten dort, weil ihre Neugierde über die Angst obsiegte. Anjani sah zwischen den Rittern vor ihr hindurch und erblickte einen Mann, der in schwarzes Leder gewandet war. Er allein versperrte dem Prinzen den Weg, ein Frevel sondergleichen. Der Mann hatte flammend rote Haare, einen Backenbart und Augen, die wie Löcher im Schädel wirkten. Rings um ihren Tross herum traten weitere Schwarzträger aus der Menschenmasse hervor. Obwohl es nur vier waren, überkam Anjani das Gefühl in der Falle zu sitzen.

»Was soll das?«, empörte sich Prinz Satrus lauthals.

»Wir fordern, was schon immer unser war und immer sein wird. Blut von unserem Blut!«, entgegnete der Schwarzträger, als rezitiere er eine alte Formel. Irgendetwas stießen diese Worte in Anjani an, wie eine verdrängte Erinnerung.

»Ich befehle Euch beiseitezutreten«, verlangte Prinz Satrus mit aller ihm zu Gebote stehenden Autorität.

»Es geht hier um eine Angelegenheit der Jäger, womit Ihr nichts zu schaffen habt«, erwiderte der Dämonenjäger ungerührt. »Verzeiht also, Durchlaucht«, seine Worte klangen abfällig.

Schattenhaft schritt der Jäger zwischen den Soldaten hindurch. Die Pferde scheuten leicht und tänzelten beiseite. Anjani konnte nicht erkennen, wohin der unheimliche Mann genau sah, aber sie spürte es, als sich ihre Blicke trafen. Für einem Moment versank sie in der Schwärze seiner Augäpfel.

»Bitte, lasst uns ziehen«, flehte ihr Vater.

»Wie man hört seid Ihr ein kluger Mann«, wandte sich der Jäger an ihren Vater. »Unsere Legenden sollten auch an Eure Ohren gedrungen sein. Wir haben keine Wahl.«

»Und wenn du ihm gestattest, sein Schicksal selbst zu wählen?«, meldete sich der Magier zu Wort. »Er ist sich über die Gefahren wohl bewusst.«

Nur zu deutlich spürte Anjani die Spannung zwischen den Männern. Gerade verhandelten sie um ihr Leben! Und von welcher Wahl sprach Lestral? Sie hatte keine! Anjani wollte einschreiten, doch die Stimme versagte ihr. Im Innern fühlte sie eine Regung, als würde in ihrem Herzen etwas erwachen. Etwas, das lange geschlummert hatte.

»Lestral.« Der Jäger lächelte freudlos. »Natürlich musst du dich hier einmischen. Du denkst zu viel mit dem Herzen und nicht mit dem Verstand.«

»Ich versuche, die beiden Kräfte im Gleichgewicht zu halten«, argumentierte Lestral dagegen.

»Hier kann es kein Gleichgewicht geben«, sprach der Jäger bitter. »Entweder kommt unser Blut mit uns, oder sie werden alle einen grausamen Tod sterben, nur weil sie zu schwach sind, um etwas Herzschmerz zu ertragen.«

Erneut traf Anjanis Blick den des Jägers. Sie schauderte. »Hab keine Angst, Kind. Ich sehe es in deinen Augen. Du weißt es bereits und wir haben es wohl Lestral zu verdanken, dass wir dich nicht verstümmelt vorfinden. Gib mir deine Hand.« Er zog den schwarzen Handschuh von seinen Fingern. Diese waren leichenblass und die Nägel so blau, als sei er unterkühlt, der Hitze und der nachtschwarzen Kleidung zum Trotz. Zögernd beugte sich Anjani vom Rücken des Pferdes herab und streckte ihre Hand dem Mann entgegen.

Da sprang ihr Vater vom Pferd, packte den Jäger am Arm und bekam einen Schlag vor die Brust, dessen Wucht ihn in den Straßenstaub warf. Keuchend rang Eduar um Atem.

»Vater!«, rief Anjani, glitt aus dem Sattel und kniete sich besorgt zu ihm hinab.

»Bitte ... nehmt mir nicht ... meine Tochter«, presste Eduar hervor. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt er sich die Brust.

»Nicht wir nehmen Eure Tochter, es ist vielmehr das Leben selbst, das sie dir nehmen wird.« Der Jäger trat vor die beiden. »Anjani, komm jetzt!«, verlangte er im Befehlston. »Mein Name ist Nahmahr und wir werden dich lehren, wie du die Menschen schützen kannst. Ich sehe Stärke in dir und werde dir helfen, sie zu entfalten.«

Die Welt um Anjani verschwamm. Sie sah nur noch diesen Mann. Ihr Vater regte sich neben ihr und versuchte sie aufzuhalten, doch es war bereits zu spät. Anjanis Finger berührten die des Jägers. Nahmahr ergriff ihre Hand. Schmerz befiel ihren Körper, als würden tausende Nadeln durch ihre Haut geschoben. So schnell der Schmerz aufgekommen war, verlosch er wieder. Es blieb lediglich eine zügig verblassende Erinnerung daran.

»Blut von unserem Blut. Du hast deine wahre Familie gefunden«, sprach Nahmahr feierlich. Irgendetwas hatte sich an Anjanis Sichtfeld verändert, sie konnte es jedoch nicht benennen.

Noch einmal wandte sich Anjani zu ihrem Vater um. Sie sah an seinem erschrockenen Ausdruck, dass ihre Wandlung auch Auswirkungen auf ihr Äußeres hatte. Über all die Jahre war sie stark gewesen, jetzt musste sie ein letztes Mal stark für ihren Vater sein. Sie schenkte ihm ein aufbauendes Lächeln. Tatsächlich entspannten sich die Gesichtszüge ihres Vaters.

Die übrigen Schaulustigen stoben auseinander, als die Dämonenjäger auf sie zuschritten. Anjani folgte Nahmahr widerstandslos. Im Schatten einer Gasse wandte sich der Dämonenjäger um. »Sela, Hetan, bleibt zurück und sichert die Gasse. Es darf uns niemand und nichts folgen, nicht einmal der kleine blaue Quälgeist von Lestral.« Zweifellos sprach er vom Kobold des Magiers. Nur wie wollten sie das verhindern?

»Wir treffen uns am Tor.«

Zwei Jäger ließen sich kommentarlos zurückfallen.

»Wir müssen so schnell wie möglich hier weg«, sprach Nahmahr und packte Anjanis Hand.

»Ich laufe euch nicht weg«, versicherte sie und versuchte sich von dem Mann zu lösen. Nahmahr hielt sie jedoch weiterhin fest.

»Solange wir uns hier in der Stadt aufhalten, sind wir in großer Gefahr«, erklärte ein weiterer Jäger mit freundlicher Stimme. Er hatte breite Schultern und überragte Nahmahr um einen halben Kopf.

»Warum?«, fragte Anjani.

»Du bist noch nicht ausgebildet. Das macht uns verwundbar.«

Anjani entschied, nicht zu widersprechen. Die Jäger mussten es am besten wissen.

Ihr Weg führte durch verschlungene Gassen. Die wenigen Menschen auf ihrer Route wichen zurück, als handele es sich bei den Jägern um Dämonen selbst.

»Lanaria«, sprach Nahmahr.

»Nichts«, entgegnete eine Jägerin mit zierlicher Gestalt, deren Gesicht im Schatten ihrer Kapuze verborgen lag. Sie trug diese derart tief in die Stirn gezogen, dass sich Anjani wunderte, wie die Jägerin etwas von ihrem Umfeld erkennen wollte.

»Tor öffnen!«, befahl Nahmahr der Wachmannschaft am Stadttor.

Bei seinem Anblick rutschte den beiden Soldaten das Herz sichtlich in die Hose.

»Macht das Tor auf!«, brüllte ein Rekrut den Wachhabenden auf dem Wehrgang zu.

»Achtung, Südost!«, rief Lanaria.

Der breitschultrige Jäger riss zwei Dolche unter seinem Mantel hervor und trat sogleich an Lanarias Seite. Nahmahr zog Anjani indes weiter in Richtung Tor, wobei er einen Dolch aus der Scheide an seinem Gürtel riss. Da ergriff Anjani eine innere Unruhe, die sich schnell als Panik manifestierte. Flucht! Sie wollte davonrennen, doch der Jäger hielt sie eisern fest.

Der Schatten des Hauses nahe am Tor schien lebendig zu werden und auf Lanaria und den Hünen herabzufallen, wobei er zu einzelnen Rauchschwaden aus purer Dunkelheit zerfloss. Sogleich entbrannte ein Kampf zwischen den Schatten und den beiden Jägern. Der Schnelligkeit dieser Auseinandersetzung konnte Anjani kaum folgen. Aus den dunklen Nebelschwaden stießen lange Klauen hervor, angetan die beiden zu zerfetzen. Gekonnt wichen die Jäger aus und schlugen mit ihren Dolchen zu. Von ihnen getroffene Dunstschwaden lösten sich kreischend auf. Doch es waren unzählige Angreifer. Der Hüne wurde ein paarmal von den Klauen erwischt; nur seiner Rüstung aus gehärtetem Leder war es zu verdanken, dass er keine schweren Verletzungen davontrug. Lanaria hingegen wich den Angriffen so schnell und präzise aus, als könne sie trotz Kapuze in alle Richtungen sehen.

Ein langgezogenes Kreischen erklang hinter Anjani. Sie zuckte erschrocken zusammen und fuhr herum. Nahmahr hielt seinen Dolch ausgestreckt, um dessen silberne Klinge verlosch in diesem Moment eine der Nebelschwaden. Doch weitere Fetzen aus Dunkelheit stoben aus dem Schatten des Torbogens auf sie zu. Im selben Moment trafen Hetan und Sela bei ihnen ein, und fielen den dämonischen Angreifern in den Rücken. Überall erklang das markerschütternde Kreischen, doch urplötzlich war alles vorbei.

Sie waren angegriffen worden, von was oder von wem begriff Anjani nicht. Es mussten Dämonen gewesen sein, aber so hatte sie sich diese nicht vorgestellt.

Als Nahmahr sie durch das offenstehende Tor aus der Stadt zog, sah sie die kreidebleiche Stadtwache. Ein Mann übergab sich, kraftlos an die Stadtmauer gestützt. Der andere Soldat schien in Schockstarre gefallen zu sein.

»Was ist mit ihnen?«, fragte Anjani, als sie im Laufschritt den Weg hinuntergezogen wurde.

»Menschen können Dämonen nicht sehen, sie spüren sie nur«, eröffnete Hetan. Seine Kapuze war ihm im Kampf vom Kopf gerutscht, er trug die roten Haare streng nach hinten gebunden. Zu Anjanis erstaunen war er kaum älter als sie. »Dämonen laben sich an menschlicher Angst und stacheln sie deshalb an.«

»Ungenau«, versetzte seine Begleiterin, Nahmahr hatte sie Sela genannt. »Sie nähren sich an negativen Gefühlen und beziehen ihre Kraft daraus. Je mächtiger und zahlreicher sie sind, umso stärker ist ihre Wirkung auf Menschen.«

»Das waren schwache Dämonen, die nur durch ihre Masse gefährlich sind. Der echte Angriff steht uns noch bevor«, wusste der breitschultrige Jäger.

»Du Optimist«, stichelte Hetan.

»Hört mit dem Geschnatter auf, konzentriert euch«, ging Sela dazwischen.

Sogleich verstummten die beiden. Anjani fürchtete, dass mit dieser Jägerin nicht gut Kirschenessen war.

Von den Jägern ging eine Wachsamkeit aus, wie Anjani sie bisher nur bei Lestral empfunden hatte. Im Gegensatz zum Magier war deren Konzentration jedoch kalt wie Stahl. Lestral verströmte eine gewisse Wärme, welche die Jäger vermissen ließen.

II.

»Wir sind keine Menschen, wir sind Waffen.«

Nahmahr, Ältester unter den Dämonenjägern

Über dem knisternden Feuer brutzelte eine Rehkeule. Dieses Tier hatten die Jäger quasi im Vorbeigehen erlegt, als sie durch den Wald gestreift waren. Für einen Moment erlaubte Nahmahr, sich am Duft des gebratenen Fleisches zu erfreuen. Gleichzeitig behielt er die Neue im Blick.

»Ist es nicht gefährlich hier im Wald zu lagern? Ich meine, die Stadt war doch auch gefährlich und hier ist es überall dunkel«, bemerkte Anjani zweifelnd. Sie saß neben Lanaria am Lagerfeuer, die Knie bis unters Kinn angezogen und die Arme darum geschlungen.

»In der Stadt gibt es viele Menschen, deshalb tummeln sich dort viele Dämonen. Du weißt ja jetzt, wie sie sich ernähren«, sprach der hünenhafte Keros. Er war ein gutmütiger Kerl – ein unvorteilhafter Charakterzug, denn zu nachsichtig mit den Neulingen umzuspringen, schwächte die Gruppe. Nahmahr hatte versucht ihm klarzumachen, wie sehr ihn Mitgefühl und Verständnis für die Menschen verweichlichte. Doch Keros wollte nicht hören.

»Hier im Wald dagegen finden sie kaum Nahrung und deshalb können sich hier nur manifestgewordene Dämonen herumtreiben und diese sind so stark, dass wir sie schon von weitem spüren«, meinte der Hüne sanft. »Und Lanaria ist, was das angeht, noch viel sensibler.«

»Sie spüren ... wie?«, fragte Anjani.

Das Mädchen stellte die richtigen Fragen, urteilte Nahmahr. Sie wirkte auch kaum traurig über den Verlust ihrer Familie, ganz so, als habe sie sich innerlich schon lange darauf vorbereitet.

Da hob Lanaria leicht den Kopf. Die anderen bemerkten es nicht. Sie nickte Nahmahr zu und er wusste ihre Geste sofort zu deuten.

»Sela, übernimm die Führung. Ich bin bis zum Morgengrauen zurück«, wies er seine Unteranführerin an. Ohne ein weiteres Wort stapfte er in den Wald.

»Wo will er denn hin?«, hörte er Anjani fragen.

»Keine Ahnung, aber das macht er oft«, entgegnete Hetan noch, dann waren sie außer Hörweite. Er kam fünfzig Schritte weit, da breitete sich eine altbekannte Unruhe in Nahmahrs Brust aus. Über die Jahrhunderte hinweg hatte er sich von den meisten Gefühlen gelöst. Die aufkommende Angst erschien ihm wie ein Windhauch; spürbar, jedoch hatte sie nicht das geringste mit ihm zu tun. Je weiter er durch den Wald stapfte, desto mehr brandete der Wind im Inneren auf, bis dieser zu einem Sturm anschwoll. Ein jüngerer Jäger hätte sich von den aufwallenden Emotionen ablenken lassen. Nahmahrs Geist hingegen blieb klar und unbeeindruckt. Seine Hände waren ruhig, als er seine zwei Dolche zog und sie zu einer Defensivhaltung erhob. Vorsichtig setzte er seinen Weg durchs Dickicht des Waldes fort.

Nach geraumer Zeit betrat er eine Lichtung, auf der nur ein einzelner Baum mit dichtem Laub wuchs. Dieser warf einen undurchdringlichen Schatten auf die umliegende Wiese.

Nahmahr straffte sich und schritt näher heran. Der Orkan in seinem Inneren zeigte genau auf den Baum. Angst, Panik und Hass vermengten sich zu einem tödlichen Gefühlschaos. Nahmahr jedoch nahm es nur wie ein Unwetter aus einer sicheren Höhle wahr. So erkannte er auch einzelne Feinheiten in dem Sturm, der über ihn hinweg rollte. Eine Signatur, fast wie eine persönliche Handschrift, oder ein Profil. Die Empfindung war rein und unverfälscht, also war sein Kontakt allein gekommen.

»Du hast lange auf dich warten lassen«, wisperte eine Stimme purer Bösartigkeit.

Mit seinen geübten Augen sah Nahmahr einen finsteren Schattenriss im Dunkel des Baumes. Nur den mächtigeren Dämonen gelang es, einen gänzlich festen Körper zu erschaffen.

»Wieso senkst du nicht deine Waffen? Wir wissen beide, dass sie dir nichts nutzen«, sprach der Dämon und schritt auf Nahmahr zu, wobei er einen Abstand von zehn Metern einhielt. Näher waren sie sich seit ihrer ersten Begegnung nicht mehr gekommen. Der Kampf hatte drei Tage gedauert. Verwundet und geschwächt hatten sie sich voneinander zurückgezogen. Keiner vermochte den anderen zu besiegen. Seit rund dreihundert Jahren trafen sie sich regelmäßig. Nicht als Freunde, sondern als erbitterte Gegner. Allerdings einte sie die Feindschaft gegenüber einer dritten Macht.

»Was hast du für mich?«, fragte Nahmahr tonlos und senkte seine Waffen.

»Kommst immer gleich zur Sache, ohne jegliche Freundlichkeit zur Begrüßung. Der Adel von euch Kreaturen benötigt meist Stunden der Höflichkeiten, bis sie darüber sprechen, worüber sie tatsächlich reden wollen.«

Die Faszination dieses Dämons für die Menschen war Nahmahr nach wie vor ein Rätsel. Vielleicht studierten sie ihre Beute. Ein erfolgreicher Jäger muss jedenfalls wissen, wie sich das Reh verhält.

»Ich bin kein Mensch«, entgegnete Nahmahr. »Also?«

»Nein, du bist eine Schande für meinesgleichen«, stimmte der Dämon zu. »Unsere gemeinsamen Feinde rotten sich vier Kilometer östlich von Kargerstadt zusammen, es sind zehn.« Der Dämon schritt rückwärts in den Schatten zurück und verschwand. Mit einem Mal verloschen die tosenden Gefühle in Nahmahr.