Im Blut der Zwerge - Lucian Caligo - E-Book

Im Blut der Zwerge E-Book

Lucian Caligo

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Beschreibung

Die Hochkultur der Zwerge ist untergegangen. Zurück blieben nur erbärmliche Kreaturen, die ihre Seelenpein mit Pilzbier zu betäuben versuchen. Den Sinn für die Wirklichkeit gänzlich verloren, kennen die Zwerge nur einen Schuldigen für den Untergang ihres Reiches, die Menschen! In ihrem Wahn konstruieren sie Tötungsmaschinen und schicken sie gegen ihren Feind. Bei einem Unfall wird der Zwerg Fargil vom Nachschub an Pilzbier abgeschnitten. Zwangsweise ausgenüchtert erkennt er den Verfall seines Volkes, und will ihm zu neuer Größe verhelfen. Aber auch unter den Menschen gibt es jene, die nicht hinnehmen wollen, ständig von den Zwergen bedroht zu werden. Fargil gerät zwischen die Fronten des schwelenden Konflikts. Dabei weiß er nicht, dass es Bestrebungen gibt, die angespannte Situation eskalieren zu lassen. Die Zeichen stehen auf Krieg!

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In Godwana sind die Zwerge nur eine Gefahr von vielen. Die Geisel des hellen Reichs. Kaum einer macht sich die Mühe, das Wesen der Zwerge zu ergründen. Denn was wäre, wenn es für ihren Wahn einen Grund gäbe?

Mehr über die Fortsetzungen und andere Bücher erfährst du auf www.lucian-caligo.de.

Über den Autor:

Lucian Caligo, 1985 in München geboren, gehört zu den neuen aufstrebenden Selfpublishern. Nach seiner Schulzeit stolperte er in eine Bauzeichnerlehre, von der er sich zur Krankenpflege weiterhangelte. Fantastische und vor allem düstere Geschichten zu ersinnen, war in dieser Zeit nicht mehr als eine heimliche Leidenschaft. Erst im November 2014 beschloss er all seine Bedenken, wegen seiner Legasthenie und tausend anderen Gründen, über Bord zu werfen und seine Werke zu veröffentlichen.

Für Raimund, der meinen Büchern besonderen Glanz verleiht

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Epilog

Nachwort

Prolog

Godwana, eine Welt im Krieg. Aus dem Norden fallen die Seefahrervölker auf Plünderfahrten über die Lande her. Im Westen erhebt sich das dunkle Reich, beseelt von grenzenloser Machtgier. Die Welt ist von magischen Strömungen durchsetzt, aus denen unheilvolle Kräfte ihre Macht ziehen. Auf einer abgeschiedenen im Meer gelegenen Insel stemmt sich die hohe Schule der Magie diesen Machenschaften entgegen. Gleichzeitig klaffen in ganz Godwana Sümpfe auf, als würde die Erde im Untergrund verfaulen. Aus ihnen strömen widerwärtige Krieger, die Nekaru, gierend nach Menschenfleisch. Nur im Südosten gibt es ein Königreich, dass sich der Konflikte zum Trotz um Frieden und Eintracht bemüht. Deren Bürger lieben ihren König und wären bereit, ihr Leben einzusetzen, um alle Gegner des Reichs zurückzuschlagen.

Von alledem wusste Fargil nichts. Für ihn und sein Volk gab es nur einen einzigen Feind: Die Menschen! Unfähig einen klaren Gedanken zu fassen gaben die Zwerge den Langen die Schuld am Untergang ihrer Kultur. Nach dem großen Ereignis waren die Zwerge nicht mehr als ein Schatten ihrer einstigen Existenz. All ihr Wissen und ihre Handwerkskunst lagen hinter einem reißenden Dornenbusch aus Schmerz verborgen.

Schaudernd vernahm Fargil die Schreie seines sterbenden Volkes. Hastig und mit zitternden Fingern griff er zur Flasche. Gierig trank er von dem Pilzbier. Die Todesschreie erstarben augenblicklich. Der Alkohol ätzte ihm einige Haarsträhnen aus dem verfilzten Bart. Von schmerzstillender Wärme erfüllt, betrachtete er seine Konstruktion. Drei Räder, zwei vorne eines hinten, mit einem Mechanismus versehen, der Äxte auf jeden niedergehen ließ, der vor die Gerätschaft geriet. Das Heck hatte er mit Steinen beschwert, damit das Mordwerkzeug nicht kippte.

Verschwommen sah Fargil zu dem Wehrhof im Landesinneren hinunter. Friedlich lag dieser im Licht der aufgehenden Sonne, mehrere Kilometer vom Immerberg entfernt. Holzhäuser, mit Palisaden geschützt, umgeben von Feldern, auf denen die verhassten Menschen herum staksten. Jetzt würde Fargil sie an seinem Schmerz teilhaben lassen! Sie mussten dafür büßen, dass sie sein Volk in den Ruin gestürzt hatten. Diese Konstruktion sollte hunderte von ihnen in den Tod reißen. Ein zufriedenes Grinsen legte sich über sein ausgemergeltes Gesicht. Mit einem rülpsenden Lachen löste Fargil den Bremshebel. Doch die Maschine bewegte sich keinen Fingerbreit.

»Du Scheißteil!«, stieß er auf und rammte den nackten Fuß gegen eines der Holzräder. Seine Zehen knirschten, doch die Tötungsapparatur rührte sich nicht von der Stelle.

Wutschnaubend taumelte Fargil um die Maschine herum. Mit aller Kraft stemmte sich der muskulöse Zwerg dagegen. Die Achsen knarzten. Der Widerstand wurde geringer und endlich geriet die Maschine ins Rollen. Fargil lachte erleichtert und sah der Konstruktion nach, die den Hang hinunter rumpelte, wobei sie Sträucher und kleine Bäume platt walzte. Vom Getriebe in Gang gesetzt ruckten die unzähligen mit Klingen bewehrten Arme vor und zurück. Jetzt bekamen diese erbärmlichen Kreaturen, was sie verdienten! Es krachte weithin hörbar, als eines der Räder von der Tötungsmaschine abbrach. Die Achse setzte auf, riss die Maschine herum und der fragile Apparat barst entzwei. Lediglich Trümmer erreichten den Fuß des Immerbergs.

Fargil blinzelte und rieb sich die Augen. Das war nicht wirklich passiert! Skeptisch nahm er die Flasche zur Hand; da stimmte wohl etwas mit dem Pilzbier nicht. Prüfend nahm er noch einen Schluck. Aber nein, mit dem Gebräu war alles in Ordnung. Zorn kochte in ihm hoch, als die Wirklichkeit endlich in sein trübes Bewusstsein sickerte. Seine Maschine lag tatsächlich zerschmettert im Tal. Das konnte nur das Werk der Menschen sein!

»Bastarde!«, schrie Fargil ins Tal hinab. »Ich werde euch von der Welt tilgen!« Wütend stampfte er auf. Der Felsvorsprung gab überraschend nach. Der trunkene Zwerg verlor den letzten Rest seines Gleichgewichts und rutschte den Hang hinunter. Vergeblich suchte er nach Halt. Seine Finger glitten von den scharfkantigen Felsen ab und rissen unzählige Sträucher aus, es half nichts. Der Zwerg brüllte, als er sich mehrfach überschlug. Spitze Steine schlugen ihm von allen Seiten in den Leib. Mit einem finalen Schlag gegen den Kopf wurde es dunkel.

Als Fargil erwachte, sank die Sonne dem Horizont entgegen. Sein Herz pochte wild und seine Hände zitterten. Die aufkommende Angst ging sogleich in Panik über. Seinen schmerzenden Körper spürte Fargil kaum. Hektisch griff er nach seinem Gürtel, doch beim Absturz hatte er die Notration Pilzbier verloren. Er sah sich verzweifelt um, doch die Flasche war nirgends zu sehen. Nur loses Geröll, ausgerissene Sträucher und Holztrümmer einer abenteuerlichen Konstruktion.

»Nein!«, rief Fargil, als vor seinem inneren Auge das Bild einer Stadt aufblitze, die sich vom Immerberg aus bis in den Himmel erstreckte. Hunderte Türme und tausende Häuser auf sieben Ebenen. Die Steine im Mauerwerk griffen perfekt ineinander, zwanzig Meter hohe Statuen säumten die Festungswände, die Helden des Zwergenvolkes. Gebarth, die größte Zwergenstadt, die nicht nur bis in die Wolken wuchs, sondern auch auf siebenhundert Ebenen ins Erdinnere reichte. Fargils Blut war erfüllt von Erinnerungen an ihre Hauptstadt. Er sah sie so klar, als würde er sie jetzt gerade aus der Ferne betrachten. Am wolkenlosen Himmel darüber flammte eine Feuersbrunst auf. Flammen schlugen um die gewaltige Götterfaust, die direkt auf die Stadt niederging. Die entsetzlichen Angstschreie seines Volkes gingen in einem Donnergrollen unter, das sein Gehör zerfetzen wollte. Feuer umhüllte die Stadt, als die Götterfaust einschlug. Der Immerberg explodierte. Felsbrocken prasselten wie Hagel auf die umliegenden Zwergenstädte nieder und schlugen sie zu Trümmern. Magma ergoss sich aus dem Krater des Berges. Sie floss hinab ins Tal, um jene Zwerge zu versengen, die sich vor der Katastrophe hatten retten können. Schreiend sah Fargil sein Volk untergehen. Das Zwergenblut vergaß nichts. Fargil spürte die Pein etlicher nachfolgender Genarationen, denen es nie gelungen war, ihren Verlust und den Schmerz zu überwinden.

Tränen rannen über sein von Qual entstelltes Gesicht.

»Nein! Nein!« Es war unmöglich, diese Pein zu ertragen. Vor seinen Augen gingen ihre Städte in Flammen auf. Die Zwerge rannten um ihr Leben, wurden von Trümmern erschlagen und von Magma verbrannt.

»Eine erbärmliche Kreatur! Stecht sie ab!«, durchbrach eine Stimme die Schreie aus der Vergangenheit.

Durch einen Tränenschleier sah Fargil, wie ein Schatten auf ihn fiel.

»Nein, wartet!«, hielt ihn jemand zurück. »Seht doch, er leidet.«

»Wir auch, unter seinesgleichen.«

»Magister Lestral, ich weiß als Magier liegt es Euch im Blut, Euch überall einzumischen«, erklang die Stimme des Befehlshabers. »In dieser Angelegenheit bitte ich Euch, mir zu vertrauen. Nur ein toter Zwerg ...«

»Gebt mir nur ein paar Stunden! Wenn ich Euch nicht vom Gegenteil überzeugen kann, dann macht mit ihm, was Ihr wollt«, sprach der, den sie Lestral nannten.

In dem Moment ging Fargils Welt erneut in Flammen auf und der Schmerz in seinem Blut überwältigte ihn.

***

Fackelschein flackerte über die vollkommene Wand. Selbst 2297 Jahre nach dem großen Ereignis wies sie keinerlei Fugen auf, und das, obwohl die Wand sicherlich aus zusammengefügten Steinen bestand. Dennoch war sie glatt wie ein Spiegel, nicht einmal Staub hielt sich daran.

»Beeindruckend«, dies musste er den Erbauern zugestehen. Jedoch war er mit seinen Leuten nicht hier heruntergestiegen, um die Kunstfertigkeit der Tiefgeborenen zu bestaunen. Er bedeutete seinen Begleitern mit einer Geste, vorsichtig zu sein.

Achtsam setzten sie ihren Weg fort. Hier konnten überall Fallen lauern. Allerdings hatten die Zwerge ihre Handwerkskunst nach dem großen Ereignis eingebüßt, was bedeutete, dass die Fallen leicht zu entdecken sein mussten. Zumindest für jene, die sich nicht an Pilzbier berauschten. Für die meisten Bewohner Godwanas war dieses Gebräu ohnehin tödlich.

Der Weg führte sie tiefer in den Zwergenstollen. Ein Relief in der Wand zur Rechten kündete von der Ruhmestat eines Helden. Dieser schlachtete, der Darstellung zufolge, im Alleingang hunderte Elfen dahin. Das Wandbild wirkte im Fackelschein, als würde es gleich zum Leben erwachen. Er spuckte aus.

Gestank von Pilzbier stieg ihm entgegen und brannte in seinen Augen. Einer seiner Begleiter würgte laut. »Keine Schwäche, denkt an unser Ziel«, verlangte er von seinem Gefolge. »Hier irgendwo muss es ein Lager geben.«

Er zog den Fuß zurück. Über den Weg vor ihnen spannte sich ein Draht. Jemand hatte versucht ihn mit losem Geröll zu verbergen. Die Wand daneben war aufgebrochen. In der Spalte hatten Zwerge Armbrustbolzen in einen Apparat eingespannt. Selbst im geistzerstörenden Suff waren die Tiefgeborenen noch talentiert. Das konnte ihm nur recht sein. Er wies seine Begleiter auf den Hinterhalt hin und stieg über den Draht hinweg. Als nächstes Hindernis begegnete ihnen ein grob gehauenes Loch, über welches angesägte Bretter lagen. Bei diesem Anblick grinste er breit. »Lächerlich«, kommentierte er und schob sich an der Wand am Loch vorbei. Als er vermeintlich sicheren Grund betrat, klickte es. Instinktiv warf er sich zu Boden. Etwas Schweres streifte seine Schulter und schlug gleich darauf neben ihm in der Wand ein. Keuchend drehte er sich auf den Rücken. Über ihm schwang ein Rammbock.

»Verdammt«, vielleicht waren die Zwerge doch geschickter, als er angenommen hatte. Vermutlich hatten sie eine alte Druckplatte verwendet, denn auch der Verschlag, aus dem der Rammbock geschwungen kam, sah so aus, als stamme er aus einer Zeit vor dem großen Ereignis. Einer seiner Begleiter hatte sich vor dem Todespendel mit einem Sprung nach hinten gerettet. Jetzt stand er mitten auf der Fallgrube. Wenngleich die Bretter brachen, sank er nur eine Handbreit ein. »Nur eine Attrappe, damit man dem Pendel nicht mehr ausweichen kann«, stellte sein Verbündeter fest.

Der Anführer nickte zustimmend und bewegte prüfend seine rechte Schulter. Es war nichts gebrochen, nur geprellt. Stöhnend kam er auf die Beine.

»Ihr da!«, brüllte eine raue Stimme. Eine Alkoholfahne stob den Eindringlingen entgegen, die so mächtig war, dass diese ihre Gesichter angewidert verkniffen. »Sterbt!«

Aus dem Dunkel kam ein Zwerg auf sie zugestürmt und schwang eine krude Axt. Da der Anführer mit einem Angriff gerechnet hatte, kostete es ihn keine Mühe, seine Magie zu sammeln und dem anstürmenden Zwerg einen Stein vor die Füße zu schieben. Der Tiefgeborene stürzte. Dabei glitt ihm die Axt aus der Hand und schlitterte über den Boden.

Ein jeder vermochte Magie zu wirken, auch wenn die Magier dieses Wissen eigentlich geheim hielten. Wenn man wusste wie, bedurfte es nur etwas Übung.

Wie auch seine Begleiter hatte er aus den verschiedenen Magieschulen die Kunst der Gesteinsbeherrschung gewählt. Wenn er sich nicht zu viel zumutete, würde sein Geist der magischen Kraft auch ohne Unterweisungen standhalten.

Der Anführer ließ den Fackelschein über die Axt schweifen. Poröser Stahl, an einen Holzknüppel gebunden. Dies war also von der Waffenschmiedekunst der Zwerge geblieben.

Er kniete sich zu dem Gestürzten hinab, der gerade damit beschäftigt war, zu ertasten, wo sich oben und unten befand.

»Ich suche den König des Stollens«, flüsterte er und zog sich dabei die Kapuze tiefer in die Stirn.

»Ich werde dir nie ...« Der Satz mündete in einem Rülpser, der dem Anführer in der Nase biss und seine Augen zum Tränen brachte.

»Doch wirst du.« Er packte den Zwerg am Hals und presste ihn zu Boden. Vom Gürtel zog er einen Trinkschlauch. Mit den Zähnen entkorkte er diesen und schob ihn dem Zwerg gegen die Lippen. Der Tiefgeborene sträubte sich und zappelte unbeholfen, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Das stinkende Gebräu wurde von seinen Barthaaren aufgesogen. Die Substanz brannte auf dem Handrücken des Anführers. Endlich öffnete der Zwerg den Mund und saugte am Trinkschlauch, wie an den Zitzen seiner Mutter.

»Siehst du, wir sind Freunde«, der Anführer wischte seine Hände an dem dreckigen Stoff des Zwergenhemdes ab. »Jetzt bring uns zu deinem König!«

Der Zwerg erhob sich widerspruchslos und schritt tiefer in den Stollen.

»Na also«, freute sich der Anführer. »Und ihr hattet Zweifel, dass es wirkt«, lächelte er zufrieden.

I.

»Umtriebig sind sie, unsere Brüder, die Magier. In ihrem

Größenwahn verweigern sie sich dem Willen der Götter und

beeinflussen das Schicksal aller. Würden sie nicht den Frevel

begehen nach göttlicher Macht zu streben, so müsste ich annehmen,

dass sie ebenfalls dem Willen Conaras entsprungen sind.«

Aus den Aufzeichnungen von Abt Blaric,

dem Zweiten

Es heißt, Magier täten nie etwas ohne Grund«, überlegte Eduar. Er stand zusammen mit Magister Lestral auf der Veranda seines Wehrhofes. Ein von Palisaden umgebenes Fort, das über zweihundert Menschen eine Heimstadt bot. Dieses Gut war im Grenzland zum Immerberg errichtet worden, um die stetigen Angriffe der Zwerge abzuwehren.

»Das ist richtig«, nickte Lestral. »Zielgerichtetes Handeln gehört zu unserer Mentalität. Es wäre doch Zeitverschwendung, planlos zu agieren.«

»Und wie immer durchschaue ich Euren Plan nicht«, überlegte Eduar. »Außerdem scheint Zeit kein Problem für Euch zu sein, Ihr seht noch immer so aus, wie an jenem Tag, an dem wir uns zum ersten Mal trafen. Das war, als wir Fargil fanden und ist nun fast zwanzig Jahre her.«

»Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen«, stimmte Lestral zu und kraulte sich den weißen Kinnbart.

»Ich vermute, er gehört auch zu Eurem Plan«, schnaubte Eduar. Er mochte den Magier, aber der Gedanke, nur eine Spielfigur in dessen großen Plan zu sein, gefiel ihm nicht.

»Mein Freund«, Lestral legte Eduar die Hand auf die Schulter, »Godwana ist ein zerrissener Flickenteppich. In dieser Metapher übernehme ich die Rolle von Nadel und Garn, bestrebt die Risse zu vernähen.«

»Eure Worte stechen jedenfalls wie eine Nadel«, stimmte Eduar zu. »Wie weit seid Ihr bereit zu gehen, um euer Werk zu verrichten?«

»Bitte, zweifelt niemals an meiner Freundschaft«, Lestral schlug die Augen nieder.

»Das tue ich nicht. Doch wenn sie Fargil hier entdecken, kann ich froh sein, wenn ich nur davongejagt werde. Vor zwei Monaten ist es ihm gelungen, ein Weib seines Volkes zu Verstand zu bringen und vor sieben Tagen haben sie einen weiteren Zwerg aufgegriffen, der völlig geistesabwesend über die Felder geirrt ist. Meine Landsknechte haben ihn nur deshalb nicht umgebracht, weil Fargil zufällig in der Nähe beschäftigt war. Ich schäme mich nicht zu sagen, dass es mir leid tut, dass der Zwerg überlebt hat. Natürlich habe ich gehofft, er käme wie die anderen beim Entzug um, aber Fargil meint, es stände gut um ihn. Eure Saat geht langsam auf.« Die Gewissheit beunruhigte Eduar. Einen Zwerg mit diesem handwerklichen Talent konnte er vor seinen Männern noch vertreten, aber jetzt waren es bereits drei. Es war falsch den Feind bei sich aufzunehmen, das sah jeder so.

Lestral schwieg, wie er es immer tat, wenn er nicht wagte, jemanden in seine geheimen Pläne einzuweihen. Oder aber er wollte nichts Unsinniges sagen; bei ihm wusste man das nie so genau.

»Zu allem Überfluss habe ich das Gefühl, in Eurer Schuld zu stehen«, grämte sich Eduar. »Fargils Konstruktionen haben uns mehr als einmal gerettet. Er hat die Ballisten auf den Wehrtürmen verstärkt und schmiedet ausgezeichnete Waffen und fast undurchdringliche Rüstungen. Ich muss ihn oft bremsen, damit sein Wirken nicht für jeden Reisenden sogleich ersichtlich wird. Zuletzt hat er Bomben, wie er sie nennt, hergestellt. Ich nehme an, Ihr wisst, was das ist. Waffen mit immenser Wirkung, von denen ich nicht weiß, ob und wie ich sie einsetzen soll. Wenn wir ihn damals umgebracht hätten, wären unsere Verluste ... ich wage es mir nicht auszumalen, wie viele Männer und Frauen gestorben wären. Aber dennoch bleibt er ein Feind.«

Eduar gelang nur ein halbherziges Lächeln, als seine Tochter zusammen mit zwei Knechten und einem Ochsenpflug vorbeischritt. Die Arbeit auf den Feldern schien für heute beendet. Anjani winkte fröhlich und rief: »Hallo Magister, schön, dass Ihr uns besucht! Vater, ich komme gleich, wir spannen nur die Ochsen aus und ...« Sie sah an sich hinab. Die grobe Leinenkleidung war von der Feldarbeit verdreckt. »Ich werde mich noch rasch umkleiden.«

»Anjani ist so ein gutes Kind.« Eduars Augen füllten sich mit Tränen. »Sie erinnert mich jeden Tag mehr an ihre Mutter. Möge ihre Seele unter den Göttern aufgegangen sein«, sprach er mit belegter Stimme.

»Habt Ihr es Anjani bereits gesagt?«, fragte Lestral und klopfte Eduar mitfühlend auf die Schulter.

»Wie könnte ich?« Eduar schlug sich die Hand vor den Mund. »Andere Eltern blenden ihre Kinder und ziehen ihnen die Kopfhaut ab, um es zu verbergen. Als ich es erkannte, war ich geneigt das Gleiche zu tun. Nur Euch verdanke ich das Wissen, dass ich ihre Haare kurzhalten muss, um ihr Erbe zu verstecken. So kann sie eine Kindheit haben. Nein, ich brächte es nicht übers Herz, es ihr zu sagen und damit ihr Leben zu zerstören.«

Lestral schwieg eine Weile. Seine meerblauen Augen folgten Anjani, die gerade die Hilfe der Knechte ausschlug und ganz allein die Ochsen ausspannte. »Die Zeit einer nahezu unbeschwerten Kindheit kann ihr keiner nehmen und sie wird sich immer daran erinnern.«

Eduar wischte sich über die Augen. »Sagt Magister, warum seid Ihr wirklich hier?«

»Wegen den Verhandlungen. König Drestus hat einen seiner Söhne ins dunkle Reich geschickt und ich bin neugierig, was er erreicht hat.«

»Ich bin immer wieder erstaunt, wie gut Ihr informiert seid«, wunderte sich Eduar. Es war ihm tatsächlich ein Rätsel. Wäre Prinz Satrus zu Beginn der Diplomatenreise nicht durch diesen Wehrhof geritten, würde Eduar nichts von den Friedensverhandlungen wissen. »Frieden könnten wir gut gebrauchen.« Sein Hof lag am äußersten Ende des Reichs. Vom Immerberg herunter griffen die Zwerge an und im Westen lauerte das dunkle Reich auf dieselbe Gelegenheit. Mit diesem Wehrhof gehörte Eduar einer der am schwersten zu haltenden Posten überhaupt. Dies war wohl auch der Grund, warum Prinz Satrus, der älteste Sohn des Königs, dieses Fürstentum persönlich übernommen hatte. Der Thronfolger sollte lernen, sich in Krisensituationen zu behaupten.

Hufschlag von Pferden erklang. Eine Reiterschar preschte in den Hof. Der königliche Herold voraus und zwei Standartenträger hinterher. Das Banner des Prinzen zeigte zwei Tauben, die sich im Flug umkreisten. Erst in der Mitte des Hofs verlangsamten die Reiter ihren Galopp.

Eduar sah Lestral misstrauisch an. »Ihr habt genau gewusst, dass er heute hier eintreffen würde«, unterstellte er ihm.

Lestral dementierte weder, noch bestätigte er diesen Verdacht. Ein weiser Mann wusste, wann er schwieg.

Der Herold ritt heran. »Gutsherr Eduar«, grüßte er und beugte ehrerbietig sein Haupt. Eduar tat es ihm gleich. Lestral hingegen trat einen Schritt zurück und schien dabei wie ein unbeteiligter Beobachter. Eine Rolle, in welche sich die Magier stets zu flüchten pflegten.

»Mein Herr, Prinz Satrus, bittet um Wasser und Futter für die Pferde«, trug der Herold vor. »Wir haben einen langen Ritt hinter uns.«

»Es wäre mir eine Ehre, wenn er und seine Mannen diesen Abend und die Nacht meine Gäste wären«, entgegnete Eduar. Es war ihm tatsächlich eine Freude. Satrus war ein amüsanter Mann. Auch wenn er sehr von sich überzeugt war, konterkarierte er diese Eigenschaft, indem er sich selbst nicht sonderlich ernst nahm, was eine Seltenheit unter Edelleuten war, die für gewöhnlich fürchteten, Ziel von Spott und Hohn einfacher Leute zu werden.

»Gern überbringe ich dem Prinzen Euer Angebot und erlaube mir bereits, seinen Dank auszusprechen«, der Herold neigte abermals sein Haupt, wendete sein Pferd und ritt durch das Haupttor hinaus, dicht gefolgt von den Standartenträgern.

»Ganz erstaunlich«, kommentierte Lestral und trat heran.

»Was meint Ihr?«, fragte Eduar.

»Ich komme gerade aus dem dunklen Reich, dort werden die Gutsherren nicht als gleichwertig angesehen, vielmehr als Leibeigene.«

Dieses Wort hatte Eduar noch nie gehört. Fragend zog er die Stirn kraus.

»Das ist ein etwas höherer Stand, als der eines Sklaven«, erklärte der Magier.

Was ein Sklave war, wusste Eduar sehr gut. Einmal hatte er einen Sklavenhändler in seinem Hof festgehalten, der aus dem dunklen Reich gekommen war und hier auf gute Geschäfte gehofft hatte. Dass man ihn der Gerichtsbarkeit überstellte, traf ihn völlig unvorbereitet.

Eduar rief Rems, den ältesten seiner vier Söhne, herbei, damit dieser den Knechten und der Küche Bescheid gab. Die Ankunft des Prinzen versetzte den jungen Mann in helle Aufregung.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von ihrem hohen Besuch. Sofort fanden sich etliche Knechte und Mägde ein, um die Neuankömmlinge zu begrüßen.

Der Prinz ließ nicht lange auf sich warten. An der Spitze eines Soldatentrosses ritt er in den Hof. Seine goldene Rüstung erstrahlte in der Nachmittagssonne. Über den Schultern ruhte ein blauer Umhang, sein goldblondes Haar wehte im Wind.

Die beiden Ritter an des Prinzen Seite waren ähnlich prachtvoll gerüstet. Es war kaum zu glauben, dass sie diese Prunkrüstungen auch im Kampf trugen. Gefolgt wurden sie von einem Trupp Soldaten. Sie trugen blankpolierte Rüstungen mit blauen Überwürfen.

Als der Prinz sah, wie viele Menschen sich zusammendrängten, um ihn willkommen zu heißen, breitete er die Arme aus, als wolle er sie alle umarmen. »Seid mir gegrüßt!«, rief er fröhlich. Satrus lenkte sein Pferd neben Eduar und schwang sich aus dem Sattel, wobei er die Zähne zusammenbiss. Ein Knecht eilte herbei, um ihm aus dem Steigbügel zu helfen, ein anderer nahm ihm das Ross ab.

Kaum hatte der Prinz den Boden berührt, gingen alle Anwesenden auf die Knie. Magister Lestral hingegen senkte lediglich sein Haupt. Der Prinz ließ seine rechte Schulter kreisen, wobei er die Stirn krauszog. Huldvoll hob er die linke Hand. »Bitte erhebt euch, ich bin doch nicht mein Vater.«

Kleidung raschelte, als sich die Mägde und Knechte aufrichteten.

»Eduar!«, der Prinz kam mit einem strahlendweißen Grinsen auf den Gutsherren zugeschritten. »Es ist schön, Euch zu sehen.«

»Mein Prinz, es ist mit eine Ehre Euch empfangen zu dürfen«, hielt sich Eduar an die Etikette.

»Nein nein, mir ist es eine Ehre! Wie Ihr wisst, komme ich gerade aus dem dunklen Reich. Dort ist alles so schroff, so roh, so ... widerlich«, plauderte der Prinz. »Hier in Eurem Hof zu sein ist dagegen eine wahre Freude. Es ist alles aufgeräumt und symmetrisch. Das Holz der Häuser gepflegt und glatt. Hieran erkennt man, dass Euch das Leben etwas bedeutet. Nur dieser Schuppen da will nicht recht ins Bild passen.« Er wies auf einen kleinen, unscheinbaren Bau, der zentral in der Mitte des Hofes lag. »Was habt ihr Euch denn dabei gedacht?«

An dem Bauwerk nahmen viele Besucher Anstoß. Im hellen Reich legte man Wert auf Symmetrie und Schönheit. Deshalb lagen sich die zwei baugleichen Gesindehäuser exakt gegenüber. Sie boten Platz genug für jeweils fünfzig Familien, in zwei Stockwerken. Darauf folgten die Stallungen, links für Pferde, rechts für Rinder. Auch diese Gebäude glichen sich äußerlich bis auf das kleinste Detail. Sie befanden sich ebenfalls in genau gleichem Abstand zu den Palisaden. Das Wohnhaus für Eduar und seine Familie bildete den Kopf der Anlage, in der Mitte. Die Werkstätten standen dem Wohnhaus gegenüber, am anderen Ende des Hofs. Den Schuppen hatten sie jedoch über Nacht errichtet, denn damals war der Prinz überraschend zu Besuch gekommen. Deshalb war ihnen keine Zeit für exakte Vermessungen geblieben, sodass der Schuppen einst fern ab der Mitte des Hofs stand. Natürlich hatten sie das Gebäude später erweitert, damit es in die Symmetrie passte. Doch wie es schien, hatte Satrus den Anblick des behelfsmäßigen Bauwerks nicht vergessen. Eduar konnte es ihm nicht verdenken.

»Äh ... Ein Küchenlager«, redete sich der Gutsherr heraus. Dies war nicht einmal gelogen. Er verschwieg allerdings die Bodenklappe, die sich darin befand und direkt in einen alten Zwergenstollen führte. Glücklicherweise lag dieser so tief, dass Fargils Schmiedelärm nicht bis an die Oberfläche drang. Denn der Zwerg war unermüdlich Tag und Nacht bei der Arbeit. »Mein Koch bestand auf ein Lager in der Nähe des Haupthauses, er ist sehr ungeduldig.«

»Na, bei seiner Kochkunst sei ihm dieser Frevel verziehen«, sprach Prinz Satrus großzügig.

»Habt Ihr Euch verletzt?«, fragte Lestral von weiter hinten.

»Was meint Ihr?«, entgegnete Satrus.

Der Magier wies auf die rechte Schulter des Prinzen.

»Oh, ja«, lachte dieser. »Selbst mit dreißig Jahren hat mich der jugendliche Leichtsinn noch nicht verlassen. Ich habe tatsächlich geglaubt, ich könnte ohne Knappen das Pferd in voller Rüstung ersteigen. Streng genommen ist es mir auch gelungen, aber ich bin auf der anderen Seite wieder heruntergefallen«, grinste er verlegen. »Ich habe meinen Herold noch nie so lachen hören«, er funkelte den Mann grimmig an. Der gespielte Zorn des Prinzen hielt sich jedoch nicht lange und mündete in einem strahlenden Lächeln.

»Aber Magister Lestral, Ihr seid sicher nicht hier, um Euch nach meinen Niederlagen zu erkundigen. Ihr interessiert Euch für meine Erfolge, nachdem man Euch kurz vor den Verhandlungen vom Königshof des dunklen Reichs gejagt hat«, wusste der Prinz. »Angeblich hattet ihr eine Liaison mit einer der Herrinnen.« Satrus blinzelte ihm verschmitzt zu.

»Das ist lange her«, tat Lestral ab, wobei sich dennoch ein Hauch von Rosa über dessen Wangen ausbreitete. War es dem Prinzen gelungen, den sonst so unnahbaren Magier in Verlegenheit zu bringen? Zumindest wusste Eduar jetzt, warum Lestral so genau über die Verhandlungen informiert war.

»Eine alte Geschichte. Sie sollte eigentlich verjährt sein«, ließ sich Lestral zu einer Erklärung hinreißen.

»Ihr wisst doch, es gibt nur zwei Dinge, die ewig währen«, sprach der Prinz altklug. »Die Götter und der Groll der dunklen Herrscher.«

»Dieser Spruch ist mir geläufig, wenn er auch nicht richtig ist«, belehrte der Magier. »Ich weiß auch von toten Göttern.«

»Immer ganz der Magister, der alle unterweist«, scherzte der Prinz. »Sagt«, er sah sich suchend um, »wo habt Ihr Euren verdammten Quälgeist gelassen.«

»Ich weiß nicht, wo Chotra steckt«, gestand Lestral.

»Der heckt bestimmt nichts Gutes aus, Ihr solltet besser auf ihn aufpassen«, empfahl der Prinz.

»Ich werde daran denken«, sprach der Magier.

Wenn der verbale Schlagabtausch auch herzlich und freundlich klang, so kam Eduar nicht umhin, die unterschwellige Feindschaft zu spüren. Wenn auch subtil, so versuchten die beiden, sich gegenseitig aus der Reserve zu locken. Woher die Feindseligkeit jedoch rührte, vermochte er sich nicht zu erklären.

II.

Was gemeinhin so lapidar als Pilzbier bezeichnet wird, ist ein

Gebräu aus Felsensporenpilzen. Diese enthalten Halluzinogene,

die Erinnerungen unterdrücken und ab dem ersten Gebrauch

abhängig machen. Umso länger man einen Sud aus

Felsensporenpilzen zu sich nimmt, desto resistenter wird der

Körper und man benötigt bald beträchtliche Mengen, um

Entzugserscheinungen zu vermeiden.

Wer dieses Gebräu zu sich nimmt, wirkt alkoholisiert. Ein

Trugschluss, wie mir scheint,

denn das Brauwerk enthält zu wenig Alkohol.

Aus den Aufzeichnungen Fandonas,

Alchemistin der hohen Schule der Magie

Das Stöhnen und die gelegentlichen Schreie seines Artgenossen wurden von den rhythmischen Schlägen des Schmiedehammers durchbrochen. Fargil hatte keine Kraft sich mit dem Zwerg zu befassen. Wie sollte er ihm auch dabei helfen, den Entzug durchzustehen? Was der Neuling bewältigen musste war nicht weniger als der Schmerz von Jahrtausenden. Der Untergang ihres Volkes beherrschte jedes Blutgedächtnis bis ins letzte. Es gab keine Möglichkeit seinem Bruder zu helfen. Vom Mitgefühl gepeinigt ließ Fargil die Verzweiflung an einem Hufeisen aus.

Wenn man den körperlichen Entzug überstand, folgte die eigentliche Prüfung. Es galt die schmerzhaften Erinnerungen an den Untergang ihres Volkes zu ertragen, die wie Feuer in den Adern brannten. Niemand konnte den Zwerg davor schützen. Auch in Fargil loderte der Schmerz noch immer. Er würde wohl bis zu seinem Lebensende brennen, aber er hatte gelernt, ihn zu ertragen. Als es Fargil einst gelungen war durch das Feuer zu schreiten, wurden ihm alle Erinnerungen aus einer Zeit vor dem großen Ereignis offenbar. Dieses Wissen um den einstigen Ruhm seines Volkes brannte ihm wie ein glühendes Eisen im Herzen. Jene vergangene Herrlichkeit war für immer verloren.

Fargil schob das Eisen in die Esse. Hufeisen zu schmieden unterforderte ihn, aber zumindest konnte er sich durch diese kleinen Dienste dafür bedanken, dass man ihn auf dem Wehrhof duldete.

Im Zwergenblut lagen nicht nur alle Erinnerungen seines Volkes, sondern damit verwoben auch jegliche Handwerkskunst, die seine Ahnen bis zur Vollkommenheit verfeinert hatten.

Mit dem Blasebalg brachte Fargil die Glut zum Erglimmen. Er zog das Eisen hervor und trieb es mit wenigen Hammerschlägen in die endgültige Form. Schmieden fühlte sich natürlich an und erlaubte es Fargil, für einen Moment den Schmerz zu vergessen.

Wasserdampf stob zischend auf, als er das Hufeisen abschreckte. Für heute war die Arbeit getan, nun gab es keine Ausflüchte mehr. Fargil legte den Hammer auf den Amboss und wandte sich der einzigen Tür zu. Hier unten gab es nur zwei Räume, von denen einer eine gut erhaltene Schmiede aus alter Zeit beherbergte. Der andere war ein Lager, das Fargil zu einem Wohnquartier umgebaut hatte. Von der Schmiede ging noch ein weiterer Gang ab, dieser war jedoch verschüttet.

Zögernd trat er durch die Tür in den Wohnraum.

»Wie geht es ihm?«, fragte er Gida. Sie war die erste Zwergin, die nach ihm durch das Feuer des Schmerzes gefunden hatte. Gida kniete neben dem Lager und tupfte dem Zwerg Schweiß von der Stirn. Dieser warf sich auf seiner Lagerstatt hin und her, wobei er mit den Händen wild in die Luft schlug, um eine Gefahr abzuwehren, die außer ihm niemand sah. Ihr neuer Fang war so jung, dass sich lediglich ein wolliger Flaum um sein Kinn gelegt hatte. Dennoch war der Jungzwerg vielversprechend. Sein Herz schien stark und das musste es auch sein, um dieses Martyrium zu ertragen. Deshalb wunderte es Fargil noch heute, dass gerade Gida als Erste überlebt hatte. Für eine Zwergin erschien ihre Statur unglaublich zerbrechlich. Sie hatte ein schmales Gesicht und schmächtige Schultern, ihr Haupthaar war links von einer grässlichen Wunde weggerissen worden, die eine scheußliche Narbe hinterlassen hatte. Seit neuestem trug sie ihr bronzenes Haupthaar zu ungleichen Zöpfen geflochten, die ihr über den Nacken fielen.

»Er wird es schaffen, ganz sicher«, sprach die Zwergin.

»Das habe ich schon oft geglaubt«, grummelte Fargil. Warum er so missmutig war, wusste er selbst nicht zu sagen. Vielleicht wollte er Gida den Schmerz enttäuschter Hoffnung ersparen. Dafür fing er sich einen bösen Blick ein. »Entschuldige, es ist nur ...«

»Ich kann mir nicht vorstellen, was du all die Jahre durchgemacht haben musst«, meinte Gida verständnisvoll. »Aber jetzt bin ich bei dir und du wirst dich dran gewöhnen, dass du diese Bürde nicht mehr alleine zu tragen hast. Und bald sind wir zu dritt.«

Sie hob den Kopf des wimmernden Zwergs und flößte ihm etwas von dem Gerstensaft der Menschen ein.

Fargil lächelte milde. Zwanzig Jahre war er allein gewesen. Tatsächlich betrachtete er die Menschen um ihn herum als Familie. Dennoch war es etwas anderes, ob man jemandem auf Augenhöhe begegnete oder zu ihm aufschauen musste, wenn man mit ihm sprach. Außerdem war er in der Familie nicht mehr als ein unerwünschter Sohn, den man nur so lange duldete, wie er nützlich war.

Ein blauer Schimmer legte sich über sein Sichtfeld. Sogleich erstarb das Grau in Grau des lichtlosen Stollens, Schatten erwuchsen um das Mobiliar. Anders als Menschen benötigten Zwerge kein künstliches Licht. Wenn es aber eine Lichtquelle gab, waren ihre Augen nicht besser als die der Langen.

Gida zog instinktiv die Axt aus ihrem Gürtel.

»Lass die Waffe stecken«, wies Fargil sie an. »Gegen den hilft kein Stahl.«

Wie aus dem Nichts war Chotra erschienen. Der blaue Kobold hockte im hintersten Eck des Raumes auf dem obersten Regalbrett und ließ die Beine herunterbaumeln. Mit großen Augen begutachtete er die drei Zwerge.

»Wie ich sehe hast du eine Freundin«, feixte der Kobold. Seine piepsige Stimme ging Fargil sofort auf die Nerven. »Willst du uns nicht vorstellen?«

»Chotra, das ist Gida«, ergab sich Fargil. Gegen diese Plage gab es kein Mittel. In den ersten Jahren hatte er versucht den Kobold mit Runen abzuwehren. Der aus Magie geborene Quälgeist hatte ihn nur ausgelacht und daran erinnert, dass Fargil trotz aller Handwerkskunst kein Runenschmied war. »Gida, das ist Chotra, die Nervensäge von Magister Lestral.«

»Lestral? Der Lestral, der Magier, der dich gerettet hat?«, fragte Gida überrascht.

»Ja«, grollte Fargil. Er mochte den Magier und genau das war sein Problem. Zwerge hassten alles, was mit Magie zu tun hatte, die man nicht in Stein oder Stahl schlagen konnte. Zauberkraft aus dem Geist heraus zu wirken, erschien ihm so, als wolle man Nägel mit dem Kopf einschlagen. Ein Zwergenschädel hielt das vielleicht aus, aber dennoch lief man Gefahr, sich das Eisen durch die Stirn zu rammen. Dieses Unbehagen rührte aus seinem Blutgedächtnis und stammte aus einer Zeit vor dem großen Ereignis. Ihre Abneigung gegenüber Magie war ein Grund von vielen, warum Zwerge immer mit Elfen in Konflikt geraten waren. Einen Magiewirker zu seinen Freunden zu zählen war für einen Zwerg in etwa so schmerzhaft, wie auf Bier zu verzichten.

»Ich will ihn unbedingt kennenlernen«, freute sich die Zwergin.

»Das glaub ich«, grinste der Kobold. »Nur ist gerade ein denkbar schlechter Zeitpunkt.«

»Warum?«, fragte Gida, wischte die Hände an ihrer ledernen Hose ab und sortierte ihre Zöpfe.

»Der Fürstenprinz Satrus ist soeben eingetroffen. Er kommt von seinen Verhandlungen mit dem dunklen Reich zurück.« Der Kobold nickte wissend. Es bereitete dem kleinen Wicht Freude, mit Informationen zu prahlen die Fargil egaler nicht sein konnten.

»Deshalb ist Lestral also hier, er will seinen Zinken wieder in die große Politik stecken«, seufzte Fargil.

»Zinken«, wiederholte Chotra nachdenklich. »Selber Zinken«, blaffte er den Zwerg an.

Mit einem Schulterzucken tat Fargil Chotras Zorn ab. Einen Disput mit der starrköpfigen Erscheinung würde er ohnehin verlieren. Der Kobold verteidigte seinen Herrn in jeder Beziehung. Die beiden waren ein seltsames Gespann. Lestral war ein bedächtiger, umsichtiger Mann, während Chotra das genaue Gegenteil abbildete. Wenn Lestral einmal in Schwierigkeiten kam, dann war es meist die Schuld des Kobolds. Wie der Magier das aushielt, war Fargil schleierhaft.

»Der Fürstenprinz sollte euch beide ... euch drei besser nicht sehen, deshalb müsst ihr unten bleiben. Ich bin gekommen, um das zu überwachen!«, warf sich der Kobold in die Brust.

»Ich bin sicher, der Magister hat dich lediglich darum gebeten, uns mitzuteilen, dass der Prinz hier ist«, entgegnete Fargil. »Er hat dich ganz bestimmt nicht als Wärter abgestellt.«

Der Kobold zog ertappt die Mundwinkel nach unten. »Aber dennoch bleibe ich hier und passe auf, dass ihr keinen Unfug macht«, versprach Chotra.

»Bist du sicher, dass Lestral dich nicht nur runter geschickt hat, damit du ihn nicht in Schwierigkeiten bringst?«, versetzte Fargil. »Chotra neigt dazu, Autoritäten herauszufordern, indem er sie bestiehlt«, erklärte er Gida.

Die Zwergin grinste. Ihre Schneidezähne hatte Fargil durch eiserne Nachbildungen ersetzt. Auch sein Gebiss besaß Implantate, das Pilzbier hatte etliche Zähne zersetzt.

»Das ist gelogen!«, beschwerte sich der Kobold gekünstelt. »Ich beschenke die hohen Leute.«

»Aber auch nur, wenn du sie damit in Verlegenheit bringen kannst«, wusste Fargil. »Lestral hat erzählt, wie er einem Adligen die Haarlocke der Geliebten seines Sohnes untergeschoben hat. Der Streich hätte beinahe in einem Duell auf Leben und Tod geendet.«

»Ja ha!«, lachte der Kobold. »Das war lustig.«

Gidas Miene verhärtete sich. »So etwas ist nicht lustig.«

Chotras Lachen erstarb augenblicklich. »Wa- ... warum nicht?«

»Jemand hätte sterben können«, schalt ihn die Zwergin. »Ist es dir egal, wenn Menschen unter deinen Streichen leiden?« Gida schien ehrlich wütend.

»Nein, ich ... dass du ... ihr ...«, stammelte der Kobold.

»Oder macht es dir Spaß den Magister in Verlegenheit zu bringen?«, zürnte Gida.

»Also ich ...«, dem Kobold fehlten die Worte. Chotra verschwand im Flackern seines blauen Lichts.

»Ich habe den kleinen Wicht noch nie sprachlos erlebt«, feixte Fargil.

»Man sollte ihm die Ohren langziehen, wenn sie nicht schon so lang wären«, sprach Gida grimmig. Ihre Wut wich dem Mitgefühl, als sie sich dem Zwerg auf der Lagerstatt zuwandte, der sich vor Pein windend in die Laken krallte. Sie tupfte ihm erneut die Stirn ab und summte eine Melodie. Ein Lied aus alten, besseren Zeiten, als die Zwerge noch die Herren dieses Landes waren. Fargil wischte sich über die Augen. Eine Zeit, die für immer verloren war und nie zurückehren würde. Egal welche Hoffnung Lestral auch in Fargil setzte.

III.

»In jungen Jahren gab ich ungezügelt meiner Neugier nach.

Heute bin ich vorsichtiger geworden. Denn jede Frage, die man

stellt, führt unausweichlich zu einer Antwort.

Oft eine bittere Medizin.«

Aus den privaten Aufzeichnungen

von Magister Lestral

Die Speisen wurden abgetragen. Gesättigte Zufriedenheit breitete sich über die lange Tafel aus. Prinz Satrus lehnte sich zurück und klopfte sich auf den flachen Bauch. Wie es seinem Stand entsprach, saß er in einem prachtvoll geschnitzten Thron am Kopfende der Tafel. Dieser Platz war allein den adligen Gästen vorbehalten und blieb ansonsten leer.

»Vorzüglich, guter Eduar«, lobte der Prinz das Mahl und unterdrückte ein Aufstoßen.

Der Gutsherr saß zu seiner Rechten, auf einem Stuhl mit hoher Lehne, der ihn als Höchstgestellten unter den Niederen am Tisch auswies.

»Das ehrt mich, mein Prinz«, sprach Eduar zufrieden. Es bereitete ihm immer Freude, wenn jemand aus dem Königshaus zu Besuch war. Sie brachten Neuigkeiten und trugen zum guten Ruf des Hauses bei. An das Unbehagen, seine Gäste könnten womöglich etwas über den Zwerg erfahren, hatte Eduar sich mittlerweile gewöhnt. Einen Feind zu beherbergen war Verrat. Fargil blieb jedoch eine nützliche Waffe im Kampf gegen seine eigene Art.

»Nein, eure Küche ehrt mich«, widersprach der Prinz. »Sie steht der meinen in nichts nach.« Er beugte sich verschwörerisch zum Gutsherren herüber. »Ganz unter uns beiden, ich darf natürlich nicht zugeben, um wie viel Eure Küche die meine übertrifft«, sprach er so deutlich, dass er am ganzen Tisch zu hören war. »Hier gibt es Ohren, die ein solches Lob schamlos weitertragen.« Er blickte zum Herold hinüber, der am unteren Ende der Tafel zwischen den beiden Rittern saß. »Der Kerl plappert viel. Auch wenn es seine Aufgabe ist, so wäre es besser für ihn, er würde hin und wieder die Klappe halten.«

Der Herold lief rot an und blickte in seinen Weinbecher, als hoffe er, auf dem Grund des Kelchs einen Fluchtweg zu finden.

Prinz Satrus lachte herzlich. »Schon in Ordnung mein Bester, ich mache nur Witze! Der Wein spricht aus mir.«

Lestral saß an der linken Tischseite zwischen den Landsknechten, die den Rang von Gruppenführern innehatten. Der Wehrhof war ähnlich strukturiert wie das Militär, auch wenn die Hauptaufgabe der Knechte darin bestand, die Felder zu bestellen.

Der Prinz fixierte den Magier. »Lestral, Euer beharrliches Schweigen geht mir durch Mark und Bein. Wollt Ihr nicht endlich Eure Frage stellen?«

»Welche sollte das sein, mein Prinz?«, fragte der Magier und lächelte verlegen.

»Welche ...«, Satrus verdrehte die Augen. »Hör sich das einer an. Aber solche Respektlosigkeiten sind wir von euresgleichen ja gewohnt. Ihr haltet mich wohl für dumm?«

Anjani saß zur Rechten ihres Vaters. Neugierig blickte sie zwischen den beiden Kontrahenten hin und her.

»Bitte, ich möchte an meiner Tafel keinen Streit«, ging Eduar dazwischen.

Er hörte einen seiner Söhne an der rechten Tafelseite enttäuscht seufzen. Ihr größter Wunsch war es, einmal die Macht des Magiers zu sehen. Ein Konflikt mit einem Adligen schien ihnen ein guter Anlass dazu.

»Nun denn, wie sind die Friedensverhandlungen gelaufen?«, lenkte Lestral ein und nippte an seinem Wasser.

»Ich wusste, dass Ihr genau im Bilde seid«, versetzte Satrus. »Ihr Magier könnt es nicht lassen, euch in die Geschicke der Reiche einzumischen.«

»Wenn ich das nicht täte, würde ich ein gar sinnloses Dasein fristen, mein Prinz«, erwiderte Lestral trocken.

Satrus verengte die Augen zu Schlitzen. »Na wenn das Eure Schwachstelle ist, sollte ich sie wohl gegen Euch verwenden und Euch aus allen meinen Angelegenheiten heraushalten.«

Eduar kannte keinen Adligen, dem es gefiel, dass die Magier sich unentwegt in ihre Belange einmischten. Vor allem, weil die Zaubersänger mit einem Fingerschnippen ganze Burgen einreißen konnten. Natürlich war es nicht so einfach. Dennoch ging von ihnen eine permanente Bedrohung aus. Deshalb begegnete der Adel den Zaubersängern mit feindseligem Argwohn. Nach Eduars Auffassung waren die Magier jedoch weniger das Problem, sondern vielmehr jene, die Magie unbefugt nutzten.

»Ihr Magier steht im Ruf, nur Fragen zu stellen, auf die ihr die Antwort bereits kennt«, der Prinz lehnte sich selbstgefällig zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Sagt Ihr es mir! Wie verlaufen wohl Friedensverhandlungen mit einem Gegenüber, der nur die Sprache von roher Gewalt spricht?«

Lestral lächelte gewinnend. »Euer Urteil ehrt mich, wenn es meinen Stand auch überhöht. In der Tat stelle ich Fragen, um Neues über die Welt zu erfahren. Jedoch wenn Ihr meine Einschätzung hören wollt ... wie auch immer Ihr verhandelt habt, ihr werdet die Legitimation Eures Vaters benötigen, um den Vertrag zu bekräftigen.«