Im Dunkel der Angst - Lori Rader-Day - E-Book

Im Dunkel der Angst E-Book

Lori Rader-Day

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Beschreibung

Ein heftiger Schlag. Rotes Blut im Wasser des Sees. Danach nur noch Schwarz. Anna Winger starb nicht an jenem Tag, aber seither lebt sie in Angst. Rastlos zieht sie mit ihrem Sohn von Stadt zu Stadt, scheut den Kontakt zu anderen Menschen. Als Graphologin muss sie ihr Gegenüber nicht sehen, um in ihm lesen zu können, es reicht ein Blick auf dessen Handschrift. Dann verschwindet ein zweijähriger Junge und seine Babysitterin wird ermordet. Die einzige Spur: eine handschriftliche Notiz. Anna wird hinzugezogen, und alles, was sie für immer hinter sich lassen wollte – die Dunkelheit, die Gewalt, der Tod –, drängt unaufhaltsam an die Oberfläche …

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Seitenzahl: 535

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Buch

Ein heftiger Schlag. Rotes Blut im Wasser des Sees. Danach nur noch Schwarz …

Anna Winger starb nicht an jenem Tag, aber seither lebt sie in Angst. Rastlos zieht sie mit ihrem Sohn von Stadt zu Stadt, scheut den Kontakt zu anderen Menschen. Als Graphologin muss sie ihr Gegenüber nicht sehen, um in ihm lesen zu können, es reicht ein Blick auf dessen Handschrift. Dann verschwindet ein zweijähriger Junge, und seine Babysitterin wird ermordet. Die einzige Spur: eine handschriftliche Notiz. Anna wird hinzugezogen, und alles, was sie für immer hinter sich lassen wollte – die Dunkelheit, die Gewalt, den Tod –, drängt unaufhaltsam an die Oberfläche.

Autorin

Lori Rader-Days Spannungsromane wurden in ihrer Heimat USA mit renommierten Preisen ausgezeichnet und von der Presse gefeiert. Mit »Im Dunkel der Angst« liegt erstmals einer ihrer Romane auf Deutsch vor. Lori Rader-Day lebt in Chicago.

Lori Rader-Day

Im Dunkelder Angst

Roman

Deutsch vonAnne Fröhlich

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »The Day I Died« bei William Morrow, New York.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Oktober 2018

Copyright © 2017 der Originalausgabe by Lori Rader-Day

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Published by agreement with William Morrow Paperbacks, an imprint of HarperCollins Publishers, LLC.

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: plainpicture/BY;

Arcangel/Nikolina Petolas

Redaktion: Alexander Groß

An · Herstellung: kw

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-22119-5V002

www.goldmann-verlag.deBesuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Für Amanda Lumpkin und Trisha Tyree Cathey.Und für meine Eltern, Melvin Rader und Paula Dodson, denen ich eine glückliche Kindheit verdanke – auch wenn ich trotzdem Schriftstellerin geworden bin.

Am Tag, an dem ich starb, trug ich die neuen Ruder hinunter zum See. Sie waren schwer, aber ich wollte den Weg nicht doppelt gehen. Die Ruderblätter schleiften über den Boden und hinterließen zwei Spuren im nassen Gras.

Es war Morgen. Die Luft war frisch, aber die Planken des Bootsstegs unten am Ufer waren bereits warm. Ich bemerkte ein einsames Fischerboot draußen auf dem See. Darin saßen zwei Männer, stumm über ihre Angeln gebeugt, die Gesichter dem Wasser zugewandt. Hinter ihnen stieg Nebel auf, sodass man das gegenüberliegende Ufer kaum erkennen konnte.

Dieser Moment. Zu ihm kehre ich zurück.

Später werde ich einen langen Riss in einem der neuen Ruder bemerken, kurz bevor mein Kopf untergeht und der Strom von Blut unter der Wasseroberfläche von meiner Haut aufsteigt wie Rauch. Ich werde zu diesem Moment zurückkehren und denken: Wäre ich nur gleich die Treppe zum Haus hinaufgestiegen. Hätte ich das Haus nur gar nicht erst verlassen.

Hätte ich nur.

TEIL EINS

ERSTES KAPITEL

Als die freiwilligen Sucherinnen mit ein paar Flyern vor meiner Tür standen, hatten ihr Eifer und ihre Anteilnahme schon ein wenig nachgelassen. Ich hatte gerade die Nachrichten gesehen und war das Kind auch schon ein wenig leid. Dennoch konnte ich nicht wegschauen. Der Junge war eigentlich noch ein Baby – und schon den ganzen Tag verschwunden. Er hatte tiefbraune Augen, und seine Haare waren zerzaust wie der Flaum eines Kükens. Zwei Jahre alt. Er war nicht die Straße hinuntergetapst, um den Nachbarshund zu streicheln, und man hatte ihn auch nicht mit einer Handvoll Pennys für Süßigkeiten auf halbem Weg zum Kiosk aufgegriffen. Das hier war ernst. Vermisst.

»Haben Sie diesen kleinen Jungen gesehen?«, fragte eine der Frauen. Die andere gähnte hinter vorgehaltener Hand. Beide trugen Leggings und Sweatshirts mit einem Aufdruck des Sportclubs der Parks Junior Highschool. Die eine hatte zwei geflochtene Zöpfe wie ein kleines Mädchen, und die andere, die Schläfrige, trug ihre Haare mit einem Band zusammengefasst, wahrscheinlich ließ sie eine schlechte Ponyfrisur herauswachsen. Die Straße hinter ihnen war von den Eingangslampen der Nachbarhäuser beleuchtet.

»Ich habe ihn in den Nachrichten gesehen«, sagte ich, nahm einen der angebotenen Flyer und las, was ich schon gehört hatte: Aidan Ransey, Größe, Gewicht. So klein. »Wie lange ist er schon weg?«

»Seit heute Morgen«, antwortete die mit den Zöpfen, aber der anderen gefiel meine Neugier nicht, das merkte ich. Entweder hatte sie schon genug Fragen gehört, oder meine war nicht von der richtigen Sorte. »Aus dem eigenen Bett verschwunden«, sagte die Zopffrau mit stockender Stimme. Wahrscheinlich dachte sie jetzt an andere Kinder, die gerade in ihren Betten schliefen oder darauf warteten, dass ihre Mommys von ihren guten Taten nach Hause kamen. »Ich kann es nicht glauben«, sagte sie kopfschüttelnd.

Die andere Frau warf ihrer Freundin einen scharfen Blick zu. Sie konnte es glauben. »Schauen Sie«, sagte sie zu mir, um zum Punkt zu kommen. »Können Sie einen dieser Flyer in Ihrem …« Sie blickte an mir vorbei auf die Treppe mit dem abgewetzten Läufer und dann in den Hausflur mit der Lampe, die eine neue Glühbirne nötig hatte. Ich wohnte oben, aber keiner meiner Nachbarn hätte sich die Mühe gemacht zu öffnen, wenn jemand an die Eingangstür klopfte. Ehrlich gesagt tat ich das normalerweise auch nicht, aber ich hatte gewusst, dass die Helfer kommen würden. Besser die Tür aufmachen. Besser einen Flyer nehmen. »… in Ihrem Waschkeller aufhängen oder so?«, sagte die Frau schließlich. »Rufen Sie diese Nummer an, wenn Sie etwas hören oder sehen. Okay? Wir müssen weiter.«

»Moment«, sagte die mit den Zöpfen. »Ich kenne Sie vom Abholen nach dem Footballtraining. Sind Sie Joshs Mom? Ich bin Calebs Mom, vom Boosters Club.«

»Joshua«, sagte ich, und meine Zunge fühlte sich schwer an.

»Sie haben noch nie bei der Verpflegung mitgeholfen, glaube ich«, sagte sie. »Und das Pancake-Frühstück steht kurz bevor – hier, ich gebe Ihnen meine Telefonnummer.« Sie faltete einen der Flyer zusammen, Aidans Gesicht wurde in der Mitte geteilt, und zog einen Stift hervor. »Wir zählen wirklich darauf, dass alle Eltern mithelfen.«

Ihre Freundin feixte, als ich den Flyer nahm. »Danke«, sagte ich. Es war das zweite Mal an einem Abend, dass ich um Mithilfe gebeten wurde. Mein freiwilliges Engagement beschränkte sich normalerweise darauf, gelegentlich einen Vierteldollar in einen Spendentopf zu werfen. Aber niemals bei Leuten, die eine Glocke läuteten oder an Straßenkreuzungen herumstanden. Das waren Idioten. »Pancakes«, sagte ich.

»Das ist die beliebteste Spendenaktion für das Team im ganzen Jahr«, sagte Calebs Mom. »Und macht so viel Spaß.«

Die Haarband-Frau und ich wechselten einen Blick. »Toll, ja«, sagte ich. »Ich hoffe, dass man diesen kleinen Jungen bald findet.«

Ein Schatten legte sich auf das Gesicht von Calebs Mom. »Das wird man«, sagte sie. »Sobald man sie gefunden hat, seine …«

»Komm schon, Steph«, sagte ihre Freundin. »Wir müssen mit dieser Straße fertig werden.«

Sie waren schon draußen auf dem Bürgersteig, und die Reflexionsstreifen an ihren Sportschuhen leuchteten, als die Tür neben mir bis zur Sicherheitskette geöffnet wurde. Die Nachbarin, Margaret, spähte kurzsichtig hindurch. »Was hat sie gesagt? Sobald sie wen gefunden haben?«

»Seine Mutter«, antwortete ich.

Margaret drückte ihr Ohr gegen den Türspalt. Sie war nicht schwerhörig. Sie bekam jedes Geräusch mit, das wir oben machten, und teilte uns das mit, indem sie mit einem Besenstiel an ihre Zimmerdecke klopfte. Jetzt machte sie sich an der Sicherheitskette zu schaffen, um die Tür etwas weiter zu öffnen. Unter ihrem Bademantel schauten ihre dünnen Beine hervor. »Woher weißt du das?«

Ich schaute wieder auf den Flyer, auf das Kindergesicht von Aidan Ransey, und reichte ihn ihr, dann betrachtete ich das andere Exemplar, das mit der Telefonnummer und dem Namen der Frau – Stephanie Bux – in runden, fröhlichen Buchstaben. Der Punkt auf dem i war ein großer Kreis, die Vieren in der Telefonnummer waren spitz, abwehrend. Nein – beschützend. Die andere Frau würde sie auf ihrem Weg die Straße hinunter ins Bild setzen, und dann würde es Calebs Mom leidtun, dass sie mir etwas aufgeschrieben hatte, obwohl wir alle wussten, dass ich nicht die Absicht hatte anzurufen.

Ich wandte mich Margaret zu. »Hast du nichts davon gehört?« Ich hielt mir den zusammengefalteten Flyer vors Gesicht. »Anscheinend bin ich eine Art Voodoopriesterin. Ich kann in die Zukunft blicken. Ich seeeeehe … einen kleinen Jungen, braune Augen. Blondes, fast weißblondes Haar. Ich sehe Patschhändchen und eine volle Windel …«

Margaret schnaubte und schloss die Tür.

Ich ließ den Flyer sinken. Nachdem ich einen Moment auf die Straße hinausgeblickt hatte, suchte ich nach dem Lichtschalter und schaltete die Eingangsbeleuchtung ein. Eigentlich hielt ich nichts von Wunschdenken, aber ich ertappte mich immer wieder dabei.

Am nächsten Morgen war der Parks County Spectator in dem Café am Courthouse bis auf wenige Exemplare ausverkauft. Auf einem handgeschriebenen Schild über der Kasse stand: LEIDERKEINWECHSELGELD. Ich bezahlte für eine Zeitung und einen schwachen Tee und blickte zwischen den vorsichtigen, schmalen Buchstaben auf dem Schild und dem vorsichtigen, schmalen Mann hinter dem Tresen hin und her.

Draußen erhob sich das Courthouse über den Platz wie eine Burg. Menschen hasteten über den Rasen und zwischen ein paar imposanten Sandsteinsäulen durch die Tür. Die Glocken der Uhr oben an der Rotunde schlugen. Ich überquerte die Straße, setzte mich auf die niedrige Mauer, die den Rasenplatz vor dem Courthouse einfasste, und wandte all dem Getümmel den Rücken zu.

Das Kinderfoto vom Flyer zierte auch die Titelseite der Zeitung. Ich überflog den Artikel, ging dann die restlichen Fotos und Schlagzeilen durch, blätterte durch die Footballergebnisse der Highschool und die Neuigkeiten von Kleingärtnervereinen, fand Ankündigungen von Spendenaktionen, darunter auch eine Notiz über dieses Pancake-Frühstück. Auf der Rückseite der Zeitung warb ein Möbelgeschäft mit der Unterschrift des Inhabers als Garantie für den günstigsten Preis. Sein kurzer Allerweltsname wurde von einem ausladenden Schnörkel verschönert. Da hatte wohl jemand einen Napoleon-Komplex. Mein Blick blieb an den Preisen hängen. Joshua konnte eine Kommode gebrauchen, aber es war noch zu früh für Möbelstücke, die nicht in den Kofferraum unseres SUV passten.

Keins der Fotos zeigte den County-Sheriff, den Mann, den zu treffen ich gar keine Lust hatte.

Schließlich stand ich auf, schüttete den Tee aus und folgte der emsigen Menge ins Courthouse. In der Lobby, unter einer erhabenen Kuppel aus buntem Glas, befanden sich mehr Menschen in Uniform und mit Dienstausweis um den Hals als Normalbürger. Mit ernsten und wichtigen Gesichtern liefen sie zwischen einem mit Trennwänden abgegrenzten Bereich und dem Hauptraum hin und her. Ich stellte mich in eine lange Schlange vor einer Reihe von Metalldetektoren.

»So viel Aufhebens nur für dieses Kind?«, sagte ein Mann vor mir in der Schlange.

»Wissen Sie, zu wem dieses Kind gehört?«, entgegnete einer der Wachmänner, während er sämtliche Kabel und Stecker aus meiner Laptoptasche nahm und jedes einzelne Teil untersuchte, als hätten wir alle Zeit der Welt. »Hab schon so viele von diesen Ranseys hier durchgehen sehen, dass es mir für mein ganzes Leben reicht.«

»Gut zu wissen, dass das Gesetz sich sogar für so jemanden in Bewegung setzt, wenn es drauf ankommt«, sagte der erste Mann. Dann merkte er, dass ich zuhörte, und eilte davon.

Die Schlange vor dem Aufzug war kurz, aber ich nahm trotzdem die Treppe. Die Stufen waren aus weißem und grauem Marmor und abgenutzt durch Generationen von schlurfenden Füßen. Und zum Glück waren sie leer. Hier musste ich keinen Smalltalk machen.

Ziemlich schnell, gleich nach dem dritten Treppenabsatz, tauchte das Büro des County-Sheriffs von Parks auf, protzig mit goldenen Lettern auf Opakglas.

Ich straffte die Schultern und holte tief Luft. Dann noch einmal. Eine Minute verstrich. Niemand ging hinein oder kam heraus.

Ich konnte Kent sagen, dass ich es nicht machen wollte.

Aber das ging nicht. Nicht wirklich.

Ich öffnete die Tür und blickte in einen großen düsteren Raum voll eng aneinandergereihter Schreibtische, jeder bedeckt von vollgestopften Ordnern und alten Pappbechern. Der Empfangstisch auf der rechten Seite war nicht besetzt. Ein niedriges schwarzes Sofa war wohl für Gäste gedacht, aber es waren keine zu sehen. Keine Gäste, kein Gastgeber, niemand.

Am Empfangstisch klebte eine Haftnotiz. Ich blickte mich um, trat ein und griff danach.

Ein quadratischer Zettel, gelb. Mit dickem schwarzem Filzstift – nein. Ich sah genauer hin. Mit dickem lila Filzstift beschrieben. Gleich wieder da! Die Buchstaben waren rund und schwungvoll.

Am anderen Ende des Raums fiel Licht durch einen Türspalt. Ich klebte die Haftnotiz wieder an ihren Platz und ging darauf zu. Als ich gerade an die Tür klopfen wollte, ertönte drinnen ein lautes Geräusch, und ich fuhr zurück.

»Was wollen Sie?«, sagte eine Männerstimme.

Ich schob die Tür auf. »Ich …«

Ein Mann in brauner Uniform und schwarzer Baseballkappe saß hinter einem unaufgeräumten Schreibtisch, die Ellbogen auf den Knien und die Hände vor dem Gesicht zusammengelegt. Er riss die Augen auf und hob wie ein Verkehrspolizist den Arm, damit ich in der Tür stehen blieb.

»Wir wollen das Gleiche wie du, Russ«, ertönte eine Frauenstimme knisternd aus dem Lautsprecher des Telefons.

»Und das wäre?«, sagte er und wedelte mit der Hand, um mich hinauszuscheuchen. Ich ging ein paar Schritte zurück, behielt ihn aber im Auge. Er war jünger, als ich es erwartet hatte – ungefähr in meinem Alter. Ich hatte ihn mir automatisch so vorgestellt, wie ich Kleinstadtpolizisten aus meiner Kindheit kannte: dick und bleich, mit Bäuchen, die ihnen über den Gürtel hingen. Dieser hier war schlank und hatte muskulöse, gebräunte Arme. Was für ein Jammer. Für gutaussehend hatte ich keine Zeit.

»Die Wahrheit«, sagte die Frau. »Was zur Hölle ist da los?«

»Das weiß ich noch nicht, und ich sehe nicht, wie wir der Wahrheit jemals näherkommen sollen, wenn wir die Dinge jetzt überstürzen«, erklärte er. »Ich wünschte nur, ihr würdet uns ein bisschen mehr Zeit geben« – sein harter Blick wurde besorgt –, »um einige Dinge bestätigen zu können. Zumal ich heute noch nicht mit Erickson gesprochen habe. Du?«

»Wir haben eine Deadline«, sagte sie.

»Du kannst mir nicht erzählen, dass die in den nächsten zwei Stunden liegt«, entgegnete der Sheriff. »Himmelherrgott, die Leute sind noch bei den Nachrichten von gestern, Kay. Wie auch immer, unsere Deadline ist wichtiger als eure, oder ihr druckt zwei …« Sein Blick fiel auf mich. Er nahm den Telefonhörer auf, schwenkte mit seinem Stuhl herum und drehte mir den Rücken zu. »Ich kann dir nicht sagen, was ihr tun sollt. Aber es ist noch nicht an der Zeit für Mutmaßungen. Und todsicher ist es zu früh für Anschuldigungen. Wir wissen noch nicht, was mit ihm passiert ist.«

Ein Schauder lief mir über den Rücken. Nachdem die freiwilligen Helfer gestern Abend gegangen waren, hatte ich noch einmal die Nachrichten gesehen, und die braunen Augen des Kindes hatten mich nicht losgelassen. Auch heute Morgen, als Joshua zur Schule gegangen war, hatte ich den Fernseher eingeschaltet. Die Reporterin eines der Sender von Indianapolis stand mit ihrem Mikrofon vor schmutzigen, heruntergekommenen Reihenhäusern. »Die Bürger von Parks, Indiana, fragen sich heute«, hatte sie gesagt und dabei bedeutungsvoll ihren blonden Bob gesenkt, »wie das passieren konnte – hier?«

Hier – sie sagte das mit der ganzen Verwunderung und Ungläubigkeit, die auch ich nach drei Monaten noch empfand.

Neben der Nachrichtensprecherin blickte eine kräftige, verhärmte Frau mit grauen Haaren, die sich aus einem Knoten lösten, in die Kamera. »Er ist ein guter Junge«, sagte sie. Ihre Stimme klang wie Zement in einem Betonmischer, und sie verzog schmerzvoll das faltige Gesicht. Die Unterzeile auf dem Bildschirm verriet, dass es sich um Aidans Großmutter handelte.

»Mrs Ransey, haben Sie irgendetwas über Aidans Aufenthaltsort gehört?«, fragte die Reporterin.

In Parks gab es keine Wälder zu durchkämmen, keine stehenden Gewässer abzusuchen. In was für Gefahren konnte ein Kind geraten, hier, wo es keine Verstecke gab außer Maisfeldern und flachen Gräben, dafür aber so viele Menschen, die erpicht darauf waren zu helfen? Man hätte ihn schlafend auf einem Haufen Schmutzwäsche oder hinter einer Schranktür finden müssen, innerhalb einer Stunde.

Ich hatte gerade die Fernbedienung in Richtung dieser Szenerie erhoben, als die Großmutter aufschluchzte und nach der Reporterin griff, dann nach der Kamera. Die Welt geriet ins Wanken. »Er sollte zu Hause bei seiner Oma sein«, jammerte sie, und es klang schrecklich und lähmend. Die Kamera stabilisierte sich, und das Bild wurde wieder schärfer. Ich schaltete den Fernseher aus, bevor die blasierte Reporterin den Kopf schütteln und die Geschichte zu einem falschen Schluss bringen konnte.

»Danke, Kay«, sagte der Sheriff gerade. »Ich weiß das zu schätzen. Und ich verspreche: Sobald ich etwas weiß, sage ich es dir, okay?«

Er drehte sich wieder herum, und die Federn seines Bürostuhls protestierten quietschend, als er sich vorbeugte, um den Hörer aufzulegen. Er schien erstaunt, als er merkte, dass ich noch da war. »Kann ich helfen?«

»Ich bin Anna Winger«, sagte ich.

Er zog den Schirm seiner Baseballkappe tiefer. »Die Zentrale wurde in die Lobby verlegt, es gibt ein Hinweisschild. Sie müssen daran vorbeigekommen sein.«

»Nein, ich bin …« Ich suchte fieberhaft nach den richtigen Worten. Der Anfang würde den Ton bestimmen. »Kent Schaffer hat mich gebeten vorbeizukommen.«

Ich ließ dem Sheriff Zeit, um Kents Namen einzuordnen und sich an das Angebot zu erinnern, das Kent ihm zweifellos gemacht hatte, und an die spezielle Dienstleistung, die ich ihm bieten konnte. Als er ungeduldig zur Seite blickte, wusste ich, dass er im Bilde war.

»Sie sind FBI-Agentin?«

»Eine … freie Mitarbeiterin.«

Er schnaubte, schüttelte den Kopf. Aber bevor er irgendetwas sagte, bevor er aufstand, sich vorstellte und mir die Hand schüttelte, bevor er irgendetwas machte, tat er das, was alle taten. Er ließ den Blick prüfend über seine Schreibtischoberfläche wandern und klappte einen Ordner zu. Nahm eine einzelne Seite von einem der unordentlichen Papierstapel und drehte sie um.

Ich ging durch sein Büro, trat ans Fenster und blinzelte in die Sonne. Da unten waren die Leute unterwegs zur Bank, ins Café. Durch das Fenster des Karatestudios konnte ich einige Pokale sehen. Man konnte wirklich meilenweit blicken. Ich hatte gelesen, das Zentrum von Indiana sei einmal ein dichter Wald gewesen, aber das konnte ich mir nicht vorstellen. Auf den Grünflächen vor dem Courthouse stand ein einzelner Baum, dessen Blätter sich langsam bunt färbten.

»Gut, okay, Mrs Winger«, sagte der Sheriff schließlich. Er kam mit ausgestreckter Hand um seinen Tisch herum.

»Miss Winger, bitte. Sheriff Keller, lassen Sie uns Klartext reden.« Ich zog meine Hand zurück. »Ich bin nicht hier, um Ihre Handschrift zu analysieren.«

Er stand aufrecht da und sah mich direkt an. Er war groß, und die Messingteile an seiner Uniform ließen ihn noch größer wirken. Das, was ich an ihm gutaussehend gefunden hatte, verblasste gegenüber seinem kantigen Auftreten. Er war so hart und unerbittlich wie ein Gummiknüppel, und wahrscheinlich dachte er, es gehöre zu seinem Job, den Blick nicht abzuwenden.

»Ich hatte keine Ahnung, dass Schaffer auf diesen Hokuspokus steht«, sagte er.

»Er ist ein international anerkannter Experte«, erklärte ich.

»Ein Experte für Schwachsinn«, entgegnete er. »Und wie sind Sie zur Expertin geworden – für was auch immer?«

»Ausbildung und Übung, Zertifikate – das Übliche eben.«

»Aber was Sie sind, ist nicht das Übliche«, sagte der Sheriff.

Wir musterten einander. »Ich kann gehen«, sagte ich.

»Kent Schaffer wollte, dass Sie mithelfen.« Der Sheriff warf mir einen Blick zu, der keinen Zweifel daran ließ, dass das nicht sein Wunsch war. Er eilte an mir vorbei, fegte einen Stapel Zeitungen und Ordner vom Gästestuhl und wies mit einem Kopfnicken darauf. »Ich bin nicht in der Position, Freiwillige abzuweisen. Da unten haben sämtliche Vertreter der Strafverfolgung von Indiana ihre Zelte aufgeschlagen, und die nehmen alle Mittel in Anspruch, die uns zur Verfügung stehen. Alles bleibt an mir und meiner Sekretärin hängen.«

Ich dachte an die Haftnotiz am Empfangstisch. Gleich wieder da! Ich hätte ihm erzählen können, dass seine Sekretärin eine impulsive Person war, die womöglich unangemessen vertraulich mit Fremden umging. Eine, die vielleicht zu viel oder überhaupt das Falsche sagte. Wahrscheinlich die ungeeignetste Person, wenn es darum ging, mit vertraulichen Informationen zu arbeiten, aber es hatte mich ja niemand nach meiner Einschätzung gefragt. Und umsonst gab ich die nicht ab.

»Wie auch immer«, sagte Keller.

Ich saß auf meinem Stuhl und wartete.

»Wie auch immer. Das ist also Ihr Beruf?«

»Das ist mein Beruf«, antwortete ich.

Ich hörte, dass er mit dem Knie immer wieder gegen die Tischplatte stieß. Wahrscheinlich hatte seine Handschrift unruhige Schlenker.

»Sie können wirklich von diesem – wie soll ich sagen – Service leben? In Parks?«

»Meistens arbeite ich auf Bundesebene oder für große Unternehmen. Keins von ihnen hat hier seinen Hauptsitz.« Ich hörte die Ironie in meiner Stimme, gar nicht so anders als bei der Fernsehreporterin heute Morgen. »Ich mache nicht viel im … lokalen Bereich.«

Er hatte die Ironie ebenfalls bemerkt und reckte das Kinn in meine Richtung. »Ich verstehe. Und was machen Sie dann überwiegend? Genau?«

Ich lehnte mich zurück und schlug die Beine übereinander. Kent gegenüber hatte ich versichert, dass es mir nichts ausmachte, persönlich hinzugehen, aber das tat es doch. Ich hatte täglich mit einflussreichen Leuten zu tun – am Telefon. Über virtuelle, gut geschützte Netzwerke und supersicheren Datentransfer. Gelegentlich über schlichte, anonyme Postsendungen. Die Arbeit für Justiz und Unternehmen war gesichtslos, fand oft ganz ohne Menschen statt. In der Distanz und technisch streng kontrolliert, hatte die Arbeit Würde. Im Büro des Sheriffs war das Streben nach Gerechtigkeit unmittelbar und lief, so wie es aussah, ziemlich chaotisch ab. Papiere, Bücher und Mappen türmten sich auf. Der Geruch von Knast hing in der Luft. Man konnte nicht wissen, wer schon alles auf ebendiesem Stuhl gesessen hatte, um sich für etwas zu verantworten. Ich spürte geradezu das Blut und den Schweiß dieser Leute auf den Armlehnen und zog meine Ellbogen ein. Das Büro war stickig und eng, es erinnerte mich an …

Drückende Luft über einem See in den Northwoods, Blut, das wie Rauch im Wasser aufsteigt …

Keller sah mich mit zusammengekniffenen Augen an.

Ich holte tief Luft. »Ich habe viel Zeit mit Erpresserbriefen, Urkundenfälschung, Ehevereinbarungen und Verträgen verbracht«, sagte ich. »Manchmal arbeite ich für die Personalgewinnung in Unternehmen und für das FBI …«

»Ich hatte gehört, Sie seien eine Spionin«, sagte er.

»Besser als Wahrsagerin«, erwiderte ich und dachte daran, wie ich am Abend zuvor meine Nachbarin aufgezogen hatte. Ich sollte aufhören, Witze über meinen Job zu machen. Das erledigten schon andere. »Die Geschichte mit der Spionin könnte mein Sohn aufgebracht haben.«

»Seine Handschrift haben Sie wohl genau überprüft, was?« Der Sheriff grinste. »Wie heißt er?«

Ich hätte nicht kommen sollen. Kent hätte das nicht von mir verlangen dürfen. Andere Leute engagierten sich. Andere Mütter organisierten Pancake-Frühstücke. Ich war eher die Art Mutter, die auf die Nummernschilder vorbeifahrender Autos achtete.

»Er heißt Joshua«, sagte ich.

»Joshua«, wiederholte er. »Wie alt?«

Es war die Aufgabe eines Sheriffs, Fragen zu stellen, aber ich hasste es, wenn der Name meines Sohnes von einem Fremden ausgesprochen wurde.

»Gerade dreizehn. Ich bin froh, dass Sie noch nicht mit ihm zu tun hatten. Nun«, ich zog ein Notizbuch aus meiner Tasche, »wie kann ich helfen?«

Der Sheriff war unzufrieden, das merkte ich. Aber er öffnete eine Mappe auf seinem Tisch, wobei er darauf achtete, seine Notizen vor mir zu verbergen.

ZWEITES KAPITEL

Aidan Michael Ransey«, begann der Sheriff. »Zwei Jahre alt. Sein Vater hat ihn gestern früh als vermisst gemeldet. Und, wie sollte es anders sein, die Mutter scheint sich irgendwo rumzutreiben. Bis vor ein paar Monaten hat sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Parks gewohnt, und jetzt ist sie nicht erreichbar.«

Ich hörte das Quietschen von Kellers Bürostuhl und blickte von meinen Notizen auf. Er hatte sich weit in seinem Stuhl zurückgelehnt, und man konnte die Wand hinter ihm sehen. Ein Diplom, ein paar Zertifikate mit glänzenden Siegeln, jede Menge Bilderrahmen voller Fotos: Keller vor Wahlplakaten. Keller umringt von Polizisten in Uniform. Keller, wie er Hände schüttelte oder Auszeichnungen verlieh. Auf jedem Foto stand er aufrecht, den Blick auf einen Punkt irgendwo hinter der Kamera gerichtet. Die Leute um ihn herum schüttelten ihm die Hand, legten ihm einen Arm um die Schultern, hängten sich bei ihm ein oder lehnten sich an ihn. Wenn sie gekonnt hätten, wären sie wahrscheinlich auf seinen Rücken gestiegen, um sich von ihm tragen zu lassen.

Er richtete sich wieder auf. »Also ist die Mutter hier natürlich von besonderem Interesse. Das eigene Kind zu entführen ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, einen Sorgerechtsstreit zu umgehen.«

Ich schaute auf meine Notizen. Mutter, mit fahrig gekreuzten t-Strichen. Dann war es also doch nicht zu früh für Anschuldigungen?

»Da ist allerdings eine Ungereimtheit«, fuhr er fort. »Eigentlich sind es zwei, aber eine davon ist eine anonyme Mitteilung, in der jemand damit droht, das Kind mitzunehmen.«

Nun wurde mir endlich klar, wie ich in diese Geschichte geraten war. Kent hatte mir keine Einzelheiten genannt. Es war ganz seine Art, mich meine eigenen Entdeckungen machen zu lassen. Und meine eigenen Fehler.

»Man ist gerade dabei, Abzüge von dieser Mitteilung zu erstellen«, sagte er. »Ich kann Ihnen also nur eine Kopie von …«

»Eine Kopie reicht nicht.«

Ein starrer Blick von Keller. »Wie bitte?«

»Eine Kopie reicht nicht. Ich muss das Original sehen.«

»Nun, die echte Mitteilung werde ichwohl frühestens morgen in die Finger bekommen«, erklärte er und schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte. Entweder er ärgerte sich über meine Frage oder über die Antwort, die er mir geben musste. »Ehrlich gesagt habe ich bisher ja noch nicht mal eine Kopie.«

»Es überrascht mich, dass Kent Ihnen nicht gesagt hat, dass ich das Original brauche.«

»Doch, das hat er«, erwiderte er. »Aber ich wollte …«

Ich spürte, dass es hier ein wenig um seinen Stolz ging. Vielleicht wollte er nicht zugeben, dass er bei dem einzigen echten Kriminalfall, der wahrscheinlich in diesem Jahr über seinen Tisch ging – wenn nicht gar in seiner ganzen Amtszeit –, ein Beweismittel nicht in die Hände bekam. »Sie wollten?«

»Ich wollte Sie mir zuerst einmal ansehen.«

Ich saß stocksteif da, aber im Geist ergriff ich die Flucht, und mein Herz raste. Ich warf einen Blick zur Tür. »Entschuldigen Sie?«

Der Sheriff schlug seine Mappe zu. »Ich wollte sichergehen, dass ich nicht irgendwelchem … Esoterik-Schnickschnack die Türen öffne.«

»Und wie sieht es aus? Passt Ihnen der Esoterik-Anteil?«

»Nun nehmen Sie es doch nicht persönlich …«

»Um es persönlich zu nehmen«, sagte ich, »müsste mich Ihre Meinung deutlich mehr interessieren. Es ist aber nun mal so, dass mich nur das Berufliche interessiert – doch wenn Sie glauben, dass meine Tätigkeit nicht mehr ist als Voodoozauber, weiß ich nicht, was ich für Sie tun sollte.«

»Sie können mir das Gegenteil beweisen.«

»Anscheinend sind Sie sich in den meisten Dingen ziemlich sicher«, sagte ich und warf einen Blick auf die Wand mit den Auszeichnungen. »Was gibt es, das Sie noch nicht wissen?«

Ihm gefiel nicht, wie ich seine Wand betrachtete. »Wo der Junge ist, vor allem.«

»Was, glauben Sie, könnte uns diese Mitteilung über seinen Aufenthaltsort verraten?«

»Das ist Ihr Gebiet. Sagt man. Aber die ganze Sache macht mich nervös.« Er schob seine Kappe hoch und fuhr sich mit der flachen Hand übers Gesicht. Er hatte eine Rasur nötig. »Nicht viele Kinder verschwinden, und fast alle tauchen irgendwann wieder auf, bei einer Spielverabredung, die alle vergessen haben, oder, wenn sie wirklich fort sind, bei dem nicht sorgeberechtigten Elternteil. Das alles ergibt nicht viel Sinn – für mich.«

Ich schaute wieder auf mein Notizbuch.

Er sagte: »Mich beunruhigt, dass die Mitteilung so … unklar in den Details ist. Und auch, was die Forderungen angeht. Es war nicht die Rede von einem Lösegeld.«

Ich nickte. Ohne die Mitteilung mit der Handschriftenprobe irgendeiner Person zu vergleichen, war sie eine große Unbekannte inmitten anderer Unbekannten. Jeder konnte die Nachricht geschrieben haben. Wenn es der Vater gewesen war, wollte er vielleicht seine eigenen Spuren verwischen. Vielleicht war das Kind in Gefahr oder verletzt. Oder tot. Und die Mutter: Ging sie einfach nur nicht ans Telefon, oder lag sie irgendwo im Erdboden verscharrt?

Ich drehte den Kopf. Von meinem Platz aus sah ich durch Kellers Bürofenster ein Stück wunderbar blauen Himmel. Erst vor ein paar Tagen hatte ich gedacht: vielleicht. Vielleicht müsste es gar nicht so schwer sein. Ich erinnerte mich an warme Holzplanken unter meinen Beinen und einen warmen Arm um meine Schultern, an den Sonnenuntergang am See.

»Also gut, ich bin nervös«, sagte der Sheriff. »Ich mache mir Sorgen, dass der Junge tot ist. Dass ihn ein Pädophiler oder … Nun, ich hoffe, dass die Mutter ihn hat. Wissen Sie warum, Miss Winger? Nicht, weil der Fall dann einfacher zu lösen wäre, sondern weil es dann so viel wahrscheinlicher wäre, dass wir Aidan bald wohlbehalten nach Hause bringen.«

Ich verzog keine Miene. Manchmal, wenn es wichtig war, den Mund zu halten, fuhr ich mir mit der Zunge über die Zähne und zählte daran die Staaten ab. Tennessee, Kentucky, Pennsylvania, Ohio. Von einem Backenzahn war irgendwann einmal ein Stück abgebrochen, und ich hatte mir schließlich in Cincinnati eine Krone machen lassen. Ich versuchte immer, mit der Zunge auf diesem Zahn zu landen, wenn Ohio an der Reihe war. Dann Illinois, jetzt Indiana. Ich blickte auf. »Was war die andere Ungereimtheit?«, fragte ich.

»Was meinen Sie?«

»Sie sagten, es gäbe zwei.«

Ich rechnete nicht damit, dass er es mir sagen würde. Keine Schriftprobe, zu wenig Informationen. Und jetzt sein abwehrender Blick anstelle einer Auskunft darüber, womit ich es hier zu tun hatte. Er brauchte mich ja nicht wie eine Fachkollegin zu behandeln, aber ich musste mir auch nicht gefallen lassen, dass er so tat, als wäre ich eine Kuriosität im Zirkus. Ich stand auf und griff nach meiner Handtasche.

»Die andere Ungereimtheit ist die Babysitterin«, sagte er. »Sie war auch verschwunden.« Ich wartete, meine Visitenkarte schon in der Hand. Es war eine hochwertige Karte, schlicht, nur mit meinem Namen und meiner Telefonnummer auf glattem weißem Papier.

War. War verschwunden. Ich setzte mich wieder hin.

»Bis heute Morgen«, fuhr er fort, »als ihre Leiche in einem stillgelegten Toilettenhäuschen im Sugar Creek Park gefunden wurde.«

Auf dem Weg nach Hause machte ich einen Umweg. Es gab absolut keinen Grund, dort hinzufahren, doch als ich den Wegweiser zum Park sah, bog ich ab. Unter dem Blätterdach der Baumkronen atmete ich tief durch. Ich fuhr langsam, aber es waren keine Kinder unterwegs.

Die Straße endete abrupt bei einer Parkfläche und einem verlassenen Spielplatz. Dahinter, umgeben von Bäumen, standen ein würfelförmiger Betonbau und, an diesem Morgen, mehrere Streifenwagen, die Scheinwerfer ausgeschaltet. Zwei Zivilfahrzeuge – ein dunkler SUV und ein Kastenwagen, schwarz, vielleicht die Spurensicherung – standen in der Nähe. Ich parkte ein Stück entfernt, stieg aus und ging zu einer Parkbank auf der Wiese, von der aus ich das Geschehen beobachten konnte.

Die Bäume verloren schon ihre Blätter, und zu dieser Jahreszeit gab es nicht mehr viele Schönwettertage. Warum dieser Ort? Von allen Parks, die man mit einem Kind besuchen konnte, schien dieser hier der am wenigsten geeignete zu sein. Er wirkte so abgelegen und verlassen, vor allem im Vergleich zu dem viel gepflegteren Memorial Park in der Innenstadt, der nur ein paar Blocks vom Haus der Ranseys entfernt lag.

Etwa drei Meter entfernt stand ein älterer Mann in einem abgetragenen Pullover. Er führte einen kleinen weißen Hund an der Leine. »Komm, Trix«, sagte er. »Los, komm schon.«

Er zuckte zusammen, als er mich sah, dann fing er sich wieder und zeigte auf das Treiben beim Toilettenhaus. »Üble Sache da drüben bei den Klos«, sagte er. »Dabei soll dieser Ort hier so sicher sein wie ein Wohnzimmer.«

»Der Park?«

»Die ganze Stadt. Und der Park.«

»Sie verbringen sicher viel Zeit hier«, sagte ich mit einem Blick auf den Hund.

»Bis heute wäre ich nie auf die Idee gekommen, sie irgendwo anders auszuführen«, sagte er. »Hier hingen vielleicht mal ein paar Junkies rum, aber die Hilfssheriffs kommen regelmäßig vorbei. Nach ein paar Bürgerversammlungen, Sie wissen schon. Jetzt kümmern sie sich ganz gut darum, halten alles in Ordnung. Sie haben auch heute Morgen hier patrouilliert, Himmel noch mal, bevor die Leiche gefunden wurde. Und jetzt will meine Frau nicht, dass unsere Tochter die Kinder zu uns bringt, nicht, bevor die Sache geklärt ist.«

Kurz darauf hatte der kleine Hund sein Geschäft erledigt, und der Mann stülpte sich eine Plastiktüte über die zitternde Hand, um den Dreck zu beseitigen.

Als ich aus dem Park herausfuhr, kam mir ein weiterer dunkler SUV entgegen. So sicher wie ein Wohnzimmer. Allerdings hatte ich nur Wohnzimmer kennengelernt, die nicht sicherer waren als jeder andere Ort. Was heißen soll, dass es keine Garantie gibt.

»Joshua«, rief ich an der Tür. »Ich bin wieder da.«

Die kahlen weißen Wände schienen meine Stimme zurückzuwerfen. All dieses Gerede über Vermisste und Tote machte mich ganz verrückt. Ich kam mir dumm vor und spürte gleichzeitig Erleichterung, als ich seinen Rucksack auf dem Esstisch entdeckte. Nicht da, wo er hingehörte, wie immer, aber er war da. Hier.

»Joshua? Bist du zu Hause?« Ich lauschte auf die typischen Geräusche seiner Videospiele, aber wahrscheinlich benutzte er die Kopfhörer, die er zum Geburtstag bekommen hatte. Man bekam dadurch weniger von seinen Spielen mit, was uns davor bewahrte, dass Margaret mit ihrem Besenstiel an die Decke hämmerte oder, noch schlimmer, in Pantoffeln zu uns heraufkam, um herumzuschnüffeln und uns die Meinung zu sagen.

Im Moment zählte für mich nur, dass er da war. Ich hatte gerade den Großteil des Tages damit verbracht, über einen vermissten kleinen Jungen und die Leiche einer Frau zu sprechen. Keller hatte mir einen Blick in diesen abgesperrten Courthouse-Bereich gewährt, in den sich anscheinend die meisten seiner Mitarbeiter und einige andere Mitstreiter der Strafverfolgung zurückgezogen hatten. Niemand hatte mir irgendeine Bescheinigung ausgestellt, um mir meinen nächsten Besuch ein wenig einfacher zu machen. Wieder draußen, war ich erst mal langsam um den Block gelaufen und einmal stehen geblieben, um einen Blick auf die Preise im Fenster eines Immobilienmaklers zu werfen. Günstige Immobilien waren für mich genauso wenig von Interesse wie haarsträubend teure, aber ich las alle Einzelheiten über Farmhäuser und mehrgeschossige Luxuswohnungen, bis der Makler herauskam, um mich anzuquatschen. Nach dem Ausflug in den Park war ich noch zur Highschool gefahren, um das Ende des Footballtrainings abzupassen, hatte den Sportplatz aber leer vorgefunden.

Während des gesamten Heimwegs war ich angespannt gewesen. Aidan Ransey war verschwunden, jeder Junge konnte verschwinden. Vielleicht war ich überdramatisch, aber das war okay. Schon vor Jahren hatte ich beschlossen, dass ich sein konnte, was immer ich wollte.

Ich stellte meine Tasche auf den Tisch. Vor Joshuas Zimmer presste ich das Ohr an die Tür. Das Klackern seiner Daumen auf dem Controller verriet ihn.

In meinem Schlafzimmer tauschte ich Rock und Bluse gegen Trainingshose und T-Shirt. Ich drehte mir die Haare zu einem Knoten und hielt einen Moment inne, um mich in dem Ganzkörperspiegel zu betrachten, den irgendeine ungnädige Seele an der Innenseite des Kleiderschranks angebracht hatte. Die Trainingshose machte meine Hüften, mit denen ich nach dreizehn Jahren Computerarbeit nun dastand, nicht schöner, und mein T-Shirt war langweilig und plump. Die Uniform einer Schreibtisch-Spionin.

Ich zögerte vor Joshuas Tür, dann klopfte ich an. Keine Antwort. Ich klopfte noch einmal. Entweder konnte er mich nicht hören, oder er wollte es nicht.

Als ich schließlich die Tür öffnete, lag er rücklings auf dem Fußboden, den Kopf an seinen roten Sitzsack gelehnt. Sein dichtes braunes Haar, wie immer zu lang, fiel ihm über die langen Wimpern und bewegte sich, wenn er blinzelte. Ich liebte seine Wimpern und natürlich seine Augen, tiefbraun mit Sprenkeln von unzähligen Farben. Ich liebte alles an ihm. Ich liebte sogar sein Profil, die gerade Nase und die hohen Wangenknochen, die an ein anderes Gesicht erinnerten.

In diesem Augenblick schnitt er eine Grimasse wegen irgendetwas, das auf dem Bildschirm vor sich ging. Er rümpfte die Nase, seine Lippen verzogen sich ärgerlich, und er verwandelte sich ganz in seinen Vater. Er schleuderte den Controller auf den Boden, und Enttäuschung machte sein Gesicht wieder zu seinem eigenen. Dann sah er mich an der Tür stehen, und sein finsterer Blick kehrte zurück.

»Gott, Mom, was ist?«, sagte er viel zu laut.

Ich bedeutete ihm, die Kopfhörer abzunehmen. Er zog sie herunter und setzte sich auf. »Ich hab überhaupt keinen Krach gemacht«, sagte er.

»Nein, ich weiß.«

Er strich sich mit dem Handrücken die Haare aus der Stirn, ärgerlich. Auf mich oder auf das Spiel? Ich wusste es nicht.

»Ich wollte nur fragen, wie dein Tag war«, sagte ich.

Er verdrehte die Augen. »Wie mein Tag war?«

Manchmal machte er mich verrückt. Manchmal löste er wilden Zorn in mir aus, und dann wurden mir Dinge beinahe klar, die ich nie verstanden hatte, bis die Wut plötzlich wieder verschwand und einem Gefühl der Leere Platz machte. Diese Leere erklärte auch einiges. Würde ich nicht alles tun, um sie nicht spüren zu müssen? Doch. Das hatte ich bereits.

»Ja«, sagte ich und schluckte alles herunter, was mir auf der Zunge lag. Ich lehnte mich an den Türrahmen und verschränkte die Arme. Ich wünschte, ich hätte meine Arbeitsklamotten anbehalten. Vielleicht hätte ihnen noch der Knastgeruch angehaftet. »Dein Tag. Wir Menschen unterteilen die Zeit in 24-Stunden-Einheiten. Wie war deiner?«

Er zuckte mit den Schultern. »War okay.«

Ich schaute auf den Wecker neben seinem Bett. »Heute Nachmittag war anscheinend kein Footballtraining.«

Er sah mich an, überlegte und entschied sich dann für ein Kopfschütteln. Ich kam nicht darauf zu sprechen, dass ich versucht hatte, ihn abzuholen. Er wollte ein Handy haben, und ich versuchte jeden Hinweis darauf, dass er eins brauchte, zu überspielen.

»Also, ich geh dann mal Abendessen machen, und du erledigst deine Hausaufgaben.«

Joshua seufzte. »Okay.«

»Ich rufe dich in ein paar Minuten, und diesen Kerl da will ich heute Abend nicht mehr sehen«, sagte ich und wies mit einem Kopfnicken auf den Fernsehbildschirm, wo ein muskelbepackter Soldat mitten im Angriff erstarrt war, den Mund weit aufgerissen vor Zorn. Die Kopfhörer kamen nicht nur Margaret zugute.

»Ich habe okay gesagt.«

Ich schloss die Tür. Die nächste 24-Stunden-Einheit, eine weitere Gelegenheit für mich, die Dinge zu vermasseln.

In der Küche öffnete ich den Kühlschrank und starrte hinein, ging seinen Inhalt durch und zugleich noch einmal das Gespräch. Es war aus dem Gleis geraten, aber an welcher Stelle? Schließlich musste ich mir eingestehen, dass es schon in dem Moment gewesen war, als er mich gesehen hatte.

Normale Teenagerprobleme. Wir waren uns immer nah gewesen, aber inzwischen brauchte er mehr Raum. Er wollte mehr Rechte – mehr als die Erlaubnis, allein zur Schule zu gehen, dem Sportclub beizutreten, einen Fernseher und eine Spielkonsole im eigenen Zimmer zu haben, seine Haare wachsen zu lassen. Er wollte sein eigenes Leben.

Es war natürlich, wenn ich mir Gedanken darüber machte, wie weit das gehen würde und wie schnell. Ich machte mir Sorgen. Als er klein war, hatte ich mich vor ungeklärten Fieberschüben gefürchtet oder davor, ihn fallen zu lassen oder ihn nicht gesund zu ernähren. In der Grundschule war er manchmal mit Schrammen oder aufgeschlagenen Knien nach Hause gekommen. Vom Spielen, sagte er dann, aber ich ließ mich nicht täuschen und machte mir Gedanken, dass er sich nicht einfügte.

Meine größte Sorge war immer gewesen, dass er sich niemals sicher fühlen würde. Jetzt hatte ich Angst, dass er sich zu sicher fühlte. Ich hatte ihn so gut beschützt, dass er nicht ahnte, wovor man Angst haben musste. Weil nur ich Bescheid wusste, musste ich die Wächterin sein. Der Bad Guy.

Eine kleine Ironie in meinem Leben.

Aber in letzter Zeit – sein Zurückzucken, wenn ich ihn berühren wollte, der abschätzende Blick, mit dem er mich ansah, wenn er dachte, ich merkte es nicht – in letzter Zeit waren wir wie Fremde. Ich hatte das Gefühl, als wäre der Junge in dieser Wohnung nicht der, den ich großgezogen hatte, das fröhliche, kreative Kind, das man kitzeln konnte, bis es Schluckauf bekam. Der Junge, der er vor noch gar nicht langer Zeit gewesen war.

Türenknallen, sein verschlossenes Zimmer, die ständigen Videospiele, die misstrauischen Blicke – dieser Junge war ein Geisterjunge, eine Spukgestalt, und mein Sohn war verschwunden. Joshua wurde vermisst, genau wie der kleine Junge, nach dem Sheriff Keller suchte. Warum suchte niemand nach Joshua? Wer würde mir meinen Jungen zurückbringen?

Ich machte den Kühlschrank zu und ging aus der Küche, sammelte ein paar Zeitschriften, ein Sweatshirt und ein paar andere herumliegende Gegenstände ein und legte sie auf die nächstbeste freie Fläche. Ich ließ mich auf die Couch fallen und sah mich um. Hier. Eine Zwei-Zimmer-Mietwohnung mit zu dünnen weißen Wänden und ohne Garten oder Balkon. Die einfache Lebensweise, an die wir inzwischen gewöhnt waren. Aber ich hatte schon in schlechteren Wohnungen gewohnt, Unterkünften, die andere Leute nicht akzeptiert hätten und die nach Verfall und Vernachlässigung stanken. Verfall. Vernachlässigung. Das waren klare, präzise Worte für eine Realität, die die meisten Menschen nicht wirklich verstanden.

Tennessee, Kentucky, Pennsylvania, Ohio. Kleinstädte, Großstädte, missglückte Neuanfänge, verlorene Mietkautionen. Mäuse in den Wänden und verstopfte Abflussrohre. Alte Tapeten mit schwarzen Schimmelflecken.

Dann Chicago, wo ich es uns allzu bequem eingerichtet hatte. Nur ein paar Meilen bis zur Grenze von Wisconsin, und ich begann in Erwägung zu ziehen, dass wir uns niederlassen, vielleicht eine Wohnung kaufen könnten. Und dann …

Kleinstädte waren besser. Städte mit Namen, die man vergessen konnte, Apartments mit doppeltem Türschloss. Indiana. Verdreckte Backöfen konnte man putzen. Man konnte Mausefallen aufstellen. Es gab Wichtigeres, als ein Stück vom Kuchen abzubekommen, Wichtigeres, als Wurzeln zu schlagen, aber das konnte mich nicht davon abhalten zu überlegen: Vielleicht war dies der richtige Ort. Nein, das war er nicht, denn es gab nur einen, und zu dem konnten wir nicht zurück.

Ich ging wieder in die Küche und setzte Wasser auf, dann nahm ich die Post vom Tresen und ging zum Wohnzimmerfenster, um sie im schwindenden Tageslicht durchzusehen. Die Häuser auf der anderen Straßenseite lagen so dicht nebeneinander wie die Karten eines Patiencespiels. Menschen, die dort unten ihre Hunde ausführten, blieben stehen, um sich zu unterhalten.

Ich blickte die Straße entlang. Aus dem zweiten Stock konnte man ziemlich weit sehen, eine Vorsichtsmaßnahme. Aber ich würde mich nie an diese Leere gewöhnen. Die ganze Stadt war kahl. Wie lange war es her, seit ich inmitten von Bäumen gewesen war, von Kiefern umgeben wie von einer Schar beschützender Brüder? Die wenigen Bäume in der Umgebung waren dürr, ob wild oder angepflanzt, und hatten genauso wenig Grund, hier zu sein, wie ich.

Ich gab Nudeln in das kochende Wasser und ließ mich auf einen Stuhl am Tisch fallen. Ich war müde. Nicht nur erschöpft von einem Tag, an dem ich für den Sheriff die aufrechte Bürgerin gespielt hatte, sondern anhaltend müde, müde bis in die Knochen. Vom Tisch aus sah ich zu, wie es draußen dunkler wurde, wie die Außenwelt verschwand.

Gleich würde ich zum Fenster gehen und die Jalousien herunterlassen. Auch eine Vorsichtsmaßnahme. Aber spielte das eine Rolle? Vor wem versteckte ich mich noch, hier mitten im Blickfeld, in Indiana? Ich wagte es nicht, diesen Gedanken zu Ende zu denken.

Ich stand auf und griff nach Joshuas Rucksack, um ihn vom Tisch zu ziehen, nahm ihn aber stattdessen an mich.

Der Beratungslehrer hatte gestern angerufen, zweimal. Ich war gestern also sogar dreimal um Mithilfe gebeten worden, ohne es zu wollen – allerdings konnte man wohl nicht von Freiwilligkeit sprechen, wenn es um das eigene Kind ging, das in Schwierigkeiten war.

Die Tür am anderen Ende des Flurs, die von Joshuas Zimmer, war immer noch geschlossen.

Der Reißverschluss des Rucksacks hing an einem Stück Papier fest. Mir gelang es, ihn davon zu lösen, und ich zog das Papier heraus und inspizierte die Buchrücken im Inneren. Literaturunterricht, Unser Land und seine Einwohner, ein zerfleddertes Exemplar von Die Abenteuer des Huckleberry Finn, worüber er schon vor Wochen einen Aufsatz geschrieben hatte. Vielleicht war es ein Test, und er wollte sehen, ob ich es herausnahm. Die Matheaufgabe, natürlich. Ich hatte ihm meine Hilfe angeboten, hatte mir dazu sogar diese neuen, merkwürdigen Rechenwege angeeignet, aber er wollte es lieber allein machen, und zwar schlecht.

Aus einem Packen Blätter zog ich eine Seite der Mathematikarbeit. Der Beweis. Eine wohlverdientes D, ausreichend, mit rotem Kugelschreiber.

Ich versuchte, dem eingedrückten Bauch dieses roten Buchstabens nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Was sollte es, wenn der Lehrer eine Tendenz zur Engstirnigkeit hatte? Es änderte nichts an den Tatsachen.

Ich blätterte noch ein paar Seiten durch, dann wühlte ich tiefer, strich ein paar Blätter glatt, um mir einen Überblick zu verschaffen. Noch mehr Mathe, ein Text. Nur Ziffern und Gedrucktes.

Schließlich fand ich ein Arbeitsblatt ganz unten im Rucksack. Es war unvollständig – eigentlich leer bis auf die große, runde rote Null ganz oben und ein paar spärliche Bleistiftnotizen in einer Ecke. Sein Name, JOSH, in Großbuchstaben.

Ich starrte eine ganze Weile auf den Namen, dann verstaute ich, so gut es ging, alles wieder im Rucksack, schloss ihn und legte ihn zurück auf den Tisch.

Am Herd rührte ich die Nudeln um und wünschte, ich hätte nicht nachgesehen. Seine Handschrift – früher einmal so unbekümmert, so jugendlich und lebendig – gab es nicht mehr. Sein Name, auch wenn er ihn eigenhändig geschrieben hatte, war nicht echt. Er war aus Strichen zusammengesetzt, jeder Buchstabe bewusst platziert und abgesondert, einsam und entblößt. Ich hatte noch nie etwas so Hoffnungsloses gesehen, etwas, das so vollkommen darauf ausgerichtet war, nichts preiszugeben.

Joshua versteckte sich ebenfalls mitten im Blickfeld. Und ich war mir ziemlich sicher, dass er sich vor mir versteckte.

DRITTES KAPITEL

Schließlich kam ein Anruf von Kent.

»Was hast du mir da eingebrockt?«, fragte ich, bevor er auch nur Hallo sagen konnte.

»Du bist der Herausforderung gewachsen«, erklärte er, und ich konnte hören, dass er lächelte. Manchmal dachte ich, ich wäre in Kent verliebt, obwohl ich ihm seit zwölf Jahren nicht mehr persönlich begegnet war. Was das über mich aussagte – nun, es sagte alles. Ich war nur das eine Mal verliebt gewesen, ein Desaster. Ich hatte ein paar Dates gehabt, wenn man das so nennen konnte. Ein verklemmtes Techtelmechtel, und dann dieser Typ, ein Kunde, den ich ein paar Wochen lang in den beigefarbenen Zimmern einer Hotelkette traf. Aber das war nur Sex. Was mir fehlte, war jemand, mit dem ich Hüfte an Hüfte auf der Couch sitzen konnte. Einer, der die unbekümmerten Momente mit mir teilte. Immer wenn mir solche Gedanken kamen, wünschte ich mir, Kent wäre nicht zwanzig Jahre älter als ich und glücklich verheiratet.

»Kent, die Mutter hat den Kleinen«, sagte ich. Ich spürte, wie meine Wange am Mobiltelefon warm wurde. »Richtig? Wir haben die Nanny, oder die Babysitterin – nenn sie, wie du willst –, die von Nachbarn gesehen wurde, als sie am frühen Morgen mit dem Kind wegfuhr. Es gibt Zeugen dafür, dass sie später mit dem Kind im Park war. Und dann, zack, liegt die Frau tot in der kaputten Damentoilette, das Kind ist verschwunden und die Mutter unauffindbar.«

»Die Mutter … na ja, ich hatte das wohl nicht richtig durchdacht.« Wir horchten beide auf den falschen Klang seiner Stimme. »Okay, ich kann jemand anderen schicken. Aber du bist wirklich buchstäblich um die Ecke und könntest der Nation eine Menge Reisekosten ersparen.«

»Ich dachte daran, der Nation dieses Mal das Doppelte in Rechnung zu stellen. Alles, was mich zu sehr an zu Hause erinnert, kostet mindestens das Anderthalbfache.«

Er lachte, aber wir hatten es beide gehört. Zu Hause. Ich wusste nicht, was ich als Nächstes sagen sollte.

Er räusperte sich. »Gibt es noch irgendwas, das du wissen willst?«

Ich glaubte nicht, dass er damit die tote Babysitterin meinte. Manche Dinge wollte man lieber nicht so genau wissen. »Wie ist sie gestorben?«, fragte ich trotzdem.

»Auf schlimme Weise.« Ich konnte hören, dass er bei diesen Worten ein düsteres Gesicht machte – vielleicht war er um mich besorgt. »Mit einem schweren Gegenstand auf den Hinterkopf …«

»Verstanden. Tut mir leid, dass ich gefragt habe. Weißt du, dass Keller so getan hat, als wäre der Zettel mit der Schriftprobe bei ihm, nur damit er sich erst mal ein Bild von mir machen konnte? Und das ist ein Freund von dir?«

»Er macht sich ein bisschen wichtig, ist aber in Ordnung – wirklich ein guter Mann. Gerade hat er sich gemeldet. Er hat den Zettel jetzt und auch ein paar andere Dinge, auf die du einen Blick werfen solltest. Ich könnte natürlich versuchen, jemand anderen zu beauftragen …«

»Ist schon gut«, sagte ich. »Ich habe später einen Termin an Joshuas Schule, aber ich kann jetzt gleich losfahren und es noch vorher hinter mich bringen.« Ich zuckte leicht zusammen, als mir klar wurde, wie sich das anhörte. »Nicht, dass ich deine Aufträge nicht zu schätzen wüsste«, beeilte ich mich hinzuzufügen.

»Ich habe da noch mehr für dich. Personalangelegenheiten.«

»Meine Lieblingsjobs.« In Wirklichkeit mochte ich diese Art von Aufträgen, die mir Kent vermittelte und bei denen es um Einstellungsentscheidungen ging, nicht besonders. Viel besser gefielen mir die kleinen privaten Briefe und Nachrichten, die mir auf meine wenigen, gut platzierten Werbeanzeigen hin aus dem ganzen Land als Schriftproben zugeschickt wurden. Meine Einsamen Herzen. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich niemals wieder Aufträge von Kent oder sonst jemandem angenommen. Aber ein paar aus dem Gefängnis verschickte Liebesbriefe zu analysieren, reichte bei weitem nicht für unseren Lebensunterhalt.

»Dachte ich es mir doch, dass du dich freust. Hast du den Artikel im Wall Street Journal über sogenannte Smartpens gelesen? Das seien die Retter der Schreibkunst, hieß es da. Online veröffentlicht und ohne jede Ironie.«

»Ich gehe fast nie ins Internet«, sagte ich. »Aber ich bin froh, dass jemand die Handschrift rettet, denn sonst wären wir bald aus dem Geschäft.« Ich rechnete mir noch einmal unseren Altersunterschied aus. Er ging in wenigen Jahren in Rente, und was würde ich dann tun? Joshua hatte noch das College vor sich. Das bedeutete jede Menge Formulare, in denen Informationen abgefragt wurden, Sozialversicherung, Telefonnummer. Ein ständiger Wohnsitz wurde verlangt. In ein paar Jahren würden wir eine Stabilität brauchen, die wir jetzt noch nicht hatten.

Kent hatte ich in einem Seminarraum der Universität kennen gelernt. Ich sollte den Raum sauber machen, und er sprach darin gerade als Gastdozent vor Studenten. Ich horchte an der Tür, während ich meinen schlafenden Säugling auf den Armen wiegte. In der letzten Zeit hatte ich Handschriftenkurse am Community Center belegt. Als die Stunde zu Ende war, ließ ich die Studenten und den Professor, der sich mit seinem Besucher unterhielt, an mir vorbeigehen und trug dann Joshua in seiner Babyschale in den Raum. Die Leute ließen immer so viele Kaffeebecher stehen. Auf dem Rednerpult fand ich ein hübsches ledergebundenes Notizbuch, vollgeschrieben in einer geometrischen Handschrift. Ich blätterte es durch, bis der Professor sich von der Tür her räusperte. Kent, sein Besucher, stellte sich vor, während er das schlafende Baby betrachtete. »Was haben Sie festgestellt?«, fragte er, als ich ihm sein Notizbuch reichte. »Bin ich ein Serienmörder?«

Der Professor lachte, wurde aber still, als ich seinem Gastdozenten erklärte, was ich von seiner Schrift dachte: unsicher, anspruchsvoll, nüchtern, ein bisschen zu prozessorientiert.

»Anspruchsvoll?«, hatte Kent mit einem Grinsen gesagt. »Bin ich das wirklich? Ich denke, da könnten Sie recht haben.« Und er hatte mir seine Visitenkarte gereicht.

Jetzt sagte Kent: »Alles okay? Im Ernst, Anna, ich habe nicht daran gedacht …«

Um mich zu beruhigen, hatte ich einmal tief Luft geholt. Wahrscheinlich glaubte er, dass ich immer noch an den Hinterkopf der Babysitterin dachte. Zum Glück hatte ich nicht im Büro des Sheriffs davon erfahren. »Alles in Ordnung«, sagte ich. »Wirklich. Und schick mir so viele Personalangelegenheiten, wie du willst. Oder was auch immer. Ich bin dankbar für alles, was du …«

»Stopp«, sagte er. »Geh heute noch mal zu Keller, das reicht mir als Dank.«

Dank, den ich nie aussprechen durfte. Das erinnerte mich daran, dass wir keine Freunde waren. Einer von uns war der Ertrinkende und der andere der Rettungsring. Im Moment befand ich mich auf festem Boden, und wahrscheinlich hoffte Kent, dass er mich nicht noch einmal würde retten müssen. »Ich fahre gleich hin«, sagte ich. Nicht Liebe, nicht Freundschaft, nicht einmal Dankbarkeit spürte ich. Es war Erleichterung, reine und tiefe Erleichterung, weil ich vielleicht nie wieder so sehr Hilfe brauchen würde, wie ich sie einmal gebraucht hatte.

Kellers Empfangssekretärin saß an ihrem Tisch und hörte auf niedriger Lautstärke den lokalen Radiosender. Als ich die Tür öffnete, stellte sie das Radio aus und lächelte mit einer Anerkennung, die ich für unangebracht hielt. Keller hatte wohl von mir erzählt und große Töne gespuckt. »Hey«, sagte sie gedehnt. »Ich bin Sherry.«

Ich wartete auf die Pointe. Sherry und der Sheriff? Das entsprach einer schlechten Siebzigerjahre-Sitcom, mit Donuts essenden Cops in jeder Folge und Lachkonserven.

Die Frau war genauso hell wie die gelbe Haftnotiz, die sie am Tag zuvor zurückgelassen hatte, blond und mit Pferdeschwanz, und wirkte genauso treuherzig, wie der Kringel über dem i es hatte vermuten lassen. Und noch mehr hatte sie mit der Haftnotiz gemeinsam: Wahrscheinlich war sie genauso beharrlich, und ich spürte, dass sie neugierig war und sich gern einschmeichelte.

Ich hatte keine Geduld mehr, nicht nach dem erneuten Marathon durch die Absperrgitter der Sicherheitskontrolle unten. Meinen Laptop hatte ich diesmal absichtlich nicht mitgebracht, in der Hoffnung, so die Dinge zu beschleunigen. Aber eine Kaugummi kauende Frau in Uniform hatte gründlich alle Gegenstände in meiner Handtasche in Augenschein genommen. Auf ihrem Namensschild stand Deputy Tara Lombardi, sie war kaum älter als Joshua und hatte ein spitzes Gesicht und stachelige Haare. Wer kommt schon freiwillig aus Chicago hierher?, hatte sie spöttisch bemerkt, während sie meinen Führerschein aus Illinois betrachtete.

Jetzt, unter dem allzu vertraulichen Lächeln der Empfangssekretärin, beschlich mich das gleiche Gefühl wie eben, als meine Handtasche so offen auf dem Tisch gelegen und ihr Innenleben preisgegeben hatte. »Der Sheriff hat einen Umschlag für mich hinterlassen«, sagte ich in möglichst professionellem Tonfall.

»Oh, natürlich, ich hole ihn.« Sie stand auf und eilte davon.

Aidans Vermisstenanzeige hing über dem Arbeitsplatz der Frau an der Wand. Das Foto mit dem flaumigen Kopf, das man überall in der Stadt sah. Darunter, kaum zu sehen, hing eine Seite aus einem Ausmalbuch, mit rotem und blauem Stift bekritzelt und ein paar langgezogenen grünen Buchstaben in der Ecke. Mommy stand da, mit ungeübten Strichen und einem plumpen Kreis. Die Handschrift verriet nichts, außer dass das Kind seine Os im Uhrzeigersinn malte.

Sherry kam mit einem großen braunen Briefumschlag zurück. »Ich musste seinen ganzen Schreibtisch durchwühlen, um ihn zu finden«, sagte sie. »Dieser Mann, also wirklich.«

Ich kannte das. Sie erwartete von mir, dass ich ihr zustimmte, die Augen verdrehte oder nickte, um auszudrücken, dass ich das Rätsel Mann ebenfalls nicht verstand. Kein Problem. Ich verstand es wirklich nicht.

»Kann ich mir das irgendwo in Ruhe ansehen?«, fragte ich. »Es dauert nicht lange.«

Sherry schob den Umschlag über den Empfangstisch und sah zu, wie ich ihn an mich nahm. »Dahinten«, sagte sie. »An irgendeinem von den Tischen, die nicht … zu eklig sind. Hier gibt es nur Chaoten.«

Ich wählte den Tisch neben der dunklen Tür zum Büro des Sheriffs. Dieser Mann, hatte Sherry gesagt, als ob es sich lohnte, diesen einen von allen anderen abzuheben. Ich selbst hatte wahrscheinlich noch nie die liebenswerten Fehler irgendeines Mannes belächelt. Es hatte einfach nicht viele Gelegenheiten für Zuneigung gegeben.

Kurz bevor ich mit der Ausbildung in Handschriftenanalyse begonnen hatte, war ich in eine neue – beziehungsweise alte – Wohnung gezogen, in einem dreistöckigen Haus mit hohen Decken. Kentucky. Ich war schon ziemlich schwanger und kam nur langsam die Treppen hinauf, wodurch ich die Aufmerksamkeit des Mannes aus dem obersten Stockwerk auf mich zog. Er schaffte es immer, gerade dann seine Post zu holen, wenn ich nach Hause kam. Schließlich lud er mich zum Essen ein, doch ich konnte mir nicht vorstellen, was er an mir fand. Und für mich waren Männer damals grundsätzlich nicht attraktiv. Aber ich dachte über sein Angebot nach.

Selbst mit dem Kind, das in mir heranwuchs, waren diese Monate in meinem zurückgezogenen Leben die einsamsten. Ich arbeitete als Kellnerin, und manchmal sprangen die anderen Mädchen aus Mitleid für mich ein, damit ich eine Pause machen konnte, aber wir waren keine Freundinnen. Zum ermäßigten Preis belegte ich am Community Center Kurse jeder Art, Kurse, die von pensionierten Buchhaltern oder ehrgeizigen Collegeabsolventen abgehalten wurden. Ich sprach mit kaum jemandem. In dieser Zeit wusste ich nicht, was ich tat. Vor lauter Energie, Freiheit und der Vielzahl von Möglichkeiten drehte ich mich im Kreis, aber auch vor Anspannung. Jeden Abend kämpfte ich gegen den Impuls an, Rays Nummer zu wählen und ihm zu sagen, wo er mich abholen sollte. Ich vermisste ihn – alles. Meine Erinnerungen verblassten, bis mir nicht mehr einfiel, warum ich nicht bei ihm war.

Schließlich lernte ich in dem Kurs eines Bibliothekars und Hobbygraphologen ein wenig über Handschriftenanalyse.

Eine neue Welt eröffnete sich mir. Das Gekrakel des Restaurantchefs war so hektisch wie der Herzschlag eines verängstigten Kaninchens. Die Collegestudentin, die an der Bushaltestelle eine Umfrage machte, schien beim Schreiben zu schrumpfen, weil sie mit so winzigen, unsicheren Buchstaben transkribierte. Die Leute offenbarten sich mir plötzlich auf dem Papier. Sie mochten einen geregelten Alltag haben, zur Arbeit gehen, mit ihren Kindern spielen, ihre Häuser renovieren. Aber auf dem Papier verrieten die meisten, dass sie in Wirklichkeit nicht weit vom reinen Chaos entfernt waren.

Als ich alles Wissen aufgesogen hatte, das der Bibliothekar mir vermitteln konnte, kratzte ich meine Trinkgelder aus dem Restaurant zusammen und bestellte mir ein gebrauchtes Lehrbuch. Das Päckchen kam an, als ich bei der Arbeit war, und der nette Nachbar von oben nahm es mit seiner Unterschrift an und legte es mit einer Mitteilung vor meine Tür. Er wusste nicht, dass er mir damit alles gab, was ich brauchte.

Seine Handschrift war beruhigend und elegant, was ich so nicht kannte und nicht erwartet hatte. Als ich mich an diesem Abend schlafen legte, dachte ich an seine fließenden Buchstaben – zuversichtlich, beständig und hoffnungsvoll.

Danach aber kam er jedes Mal, wenn ich ihn traf, auf das Päckchen zu sprechen und darauf, wie froh er gewesen sei, mir diesen Gefallen zu tun. Dann lächelte er voller Zuneigung. Was ich aber in seinem Gesicht sah, war Inbesitznahme. Er kannte mich nicht, konnte nicht wissen, wie es dazu gekommen war, dass ich diese kostbare Freiheit in meinen Händen hielt. Trotzdem war er schon dabei, sich ein großes Stück davon abzubrechen.

Ich fing an, die Hintertreppe zu benutzen. Als Joshua auf der Welt war, vertrieb sein nächtliches Geschrei die meisten Nachbarn, auch den Mann mit der eleganten Handschrift.

Dieser Mann war vielleicht eine verpasste Gelegenheit, die ich bedauern konnte, wenn ich in der Stimmung dazu war. Aber damals hatte ich nur für den Mann Zeit gehabt, den ich großziehen wollte.

Noch immer hielt ich den Umschlag des Sheriffs in der Hand. Ich öffnete ihn und zog ein einzelnes Blatt Papier und eine Plastikhülle heraus. Ich drehte den Briefumschlag herum und schüttelte ihn. Ein weiteres, kleineres Stück Papier flatterte auf den Tisch.

Dieses nahm ich zuerst. Rosa, liniertes Papier. Es war achtlos von einem Notizblock entfernt worden, wahrscheinlich neben einem Telefon. Zwei Ecken waren abgerissen. Schwarzer Filzstift.

Zuerst der Inhalt:

MILCH, KATZENFUTTER

AIDANSCRACKER

ERDNUSSBUTTER

BANANEN

HAMBURGER

Ich ging die Liste noch einmal durch, dann drehte ich das Papier um und betrachtete die Punkte, an denen der Stift sich durchgedrückt hatte. Schließlich nahm ich mir wieder die Vorderseite vor und untersuchte jede einzelne Zeile. Alles war in Großbuchstaben geschrieben. Steif, jeder Buchstabe wie auf dem Papier gefangen. Für jedes Wort hatte es viel Zeit gebraucht. Der Schreiber hätte einen Meißel benutzen können und ein ähnliches Ergebnis erzielt – nur dass Aidans Cracker eine leichte Schieflage hatte.

Eine ganze Weile blickte ich auf diese beiden Wörter, die so voller Aufmerksamkeit und Fürsorge steckten. So beladen mit der kaum erträglichen Liebe für den Namen des eigenen Kindes.

Dann wandte ich mich dem anderen Stück Papier zu. Es war eine Kopie. Zwar eine Farbkopie, aber eben eine Kopie. Anscheinend dachte Keller, er könnte meine Zeit verschwenden.

Wie der Einkaufszettel schien auch dieses Stück Papier von einem größeren Blatt gerissen worden zu sein, auch hier fehlten zwei Ecken. Wieder rosa. Kleine Herzen in einem etwas dunkleren Farbton an den Rändern. Keine Blockbuchstaben wie auf dem Einkaufszettel. Diese Schrift hier war fein und mädchenhaft, aber ungleichmäßig und hastig. Kugelschreiber, blau. Keine Unterschrift.