Im Dunkeln bist du nie allein - Andrew Hart - E-Book

Im Dunkeln bist du nie allein E-Book

Andrew Hart

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Beschreibung

Es ist so dunkel, dass sie die Hand vor ihren Augen nicht sieht. Vorsichtig betastet Janice ihren Körper, doch sie scheint unverletzt. Aber warum riecht es dann so stark nach Blut? An einem Handgelenk ist sie angekettet. Sie hat das Gefühl, lebendig begraben zu sein. Wie ist sie an diesen Ort gekommen? Wer hat sie niedergeschlagen? Nach und nach kehrt ihre Erinnerung zurück: Janice reiste nach Kreta, um mit fünf Freunden in einer abgelegenen Villa Urlaub zu machen. Nach der anfänglichen Wiedersehensfreude kippte die Stimmung jedoch zusehends. Ein dunkles Geheimnis überschattet die Freundschaft und bedroht nun Janice' Leben. Denn einer ihrer Freunde will ihren Tod …

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Für meine Frau und meinen Sohn,in Erinnerung an einen Strand auf Kreta …

Aus dem Amerikanischen von Karen Gerwig

© Andrew James Hartley 2018Titel der amerikanischen Originalausgabe:»Lies that bind us«, Lake Union Publishing, Seattle 2018© der deutschsprachigen Ausgabe:Piper Verlag GmbH, München 2019This edition is made possible under a license arrangementoriginating with Amazon Publishing, www.apub.com,in collaboration with Agence Hoffman.Redaktion: Friedel WahrenCovergestaltung: zero-media.net, MünchenCovermotiv: powerofforever/Getty Images

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Inhalt

Cover & Impressum

Erster Teil

Ins Labyrinth

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Zweiter Teil

Die Höhle

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Dritter Teil

Tartarus

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Danksagungen

Erster Teil

Ins Labyrinth

… sie wanderten durchs Labyrinth, fanden keinen Ausweg, so endete ihr elendes Leben dort. Oder sie wurden vom Minotaurus getötet, der (wie Euripides sagt)eine Mischgestalt war, für die zwei eigenartige Formenund verschiedene Wesen, Stier und Mensch, verbunden wurden.

Plutarch

Kapitel 1

Als ich die Augen öffne, ist es dunkel. Vollkommene Schwärze. Ich blinzle, aber es ändert sich nichts, und ich überlege kurz, ob ich erblindet bin. Ich hebe die rechte Hand zum Gesicht und glaube zu sehen, wie sich das Grau leicht verdichtet und wieder dunkler wird, als ich die Hand wegnehme.

In meinem Hinterkopf pocht es schmerzhaft, und ich betaste ihn, finde eine Beule an der Schädelbasis, die druckempfindlich ist.

Wo bin ich?

Wie bin ich hierhergekommen?

Was ist mit mir passiert?

Die Fragen drängen sich in der Dunkelheit um mich wie Wesen, nach denen ich die Hand ausstrecken und die ich berühren könnte. Ich finde keine Antwort. Mein Gedächtnis ist leer, die Vergangenheit ist ein Loch oder ein Tunnel, tief und lichtlos, und zeigt mir nichts als das umgekippte Auto, in dem ich mich gerade befinde.

Aber es ist kein Auto. Sobald der Gedanke auftaucht, verschwindet er schon wieder, und ich habe keine Ahnung, wo er herkam. Ich sitze in keinem Auto. Ich bin irgendwo ganz anders.

Ein Zimmer.

Das Wort flattert in meinem Kopf auf, dann lässt es sich nieder und wird etwas Festeres. Ich bin nicht im Freien. Die Luft fühlt sich still und eng an. Ich liege mit dem Rücken auf etwas Weichem … nun, sehr weich ist es nicht. Als ich mich bewege, gibt es leicht unter mir nach. Meine rechte Hand verirrt sich darunter, ertastet die Kante aus plastikartigem Material und dann die harte, körnige Oberfläche aus Stein oder Beton. Ich drehe den Kopf, und die Finsternis wird ein klein wenig gemildert – eine helle, dünne Matratze, die nach Moder und Alter riecht. Ich schnüffele vorsichtig und nehme noch etwas anderes wahr, einen Geruch, den ich beinahe erkenne, aber nicht erkennen will. Irgendwie bemerkte ich ihn schon, als ich erwachte, schob ihn aber in meinem Bewusstsein beiseite. Da war er stärker. Einer plötzlichen Eingebung folgend, hebe ich die rechte Hand wieder zum Gesicht und atme ein.

Da ist es – scharf und leicht metallisch.

Rost vielleicht.

Oder Blut. Viel Blut.

Ich reiße die Hand weg und will mich aufsetzen, werde aber von etwas Hartem an meinem linken Handgelenk zurückgerissen. Mit der Rechten greife ich danach und fühle das kalte Metall dicht unterhalb des linken Handballens. Ich bewege es vorsichtig, prüfend. Verwirrung und Neugier überlagern alle anderen Gefühle, während ich mir zu erklären versuche, wo ich bin und was los ist. Den linken Arm kann ich nur ein paar Zentimeter heben, dann stoße ich auf Widerstand. Ich drehe mich auf die Seite und gleite mit den Fingern der rechten Hand darüber. Das Metall um mein Handgelenk ist rau, die Oberfläche pockennarbig und unregelmäßig, doch der Kern ist stabil, gut einen Zentimeter dick. Wenn es bewegt wird, zieht es ein anderes Gewicht mit, das ein Geräusch verursacht – eine zweckmäßige schwere Kette. Blind und gegen die dumpfe Woge der Furcht ankämpfend, folge ich ihr mit den Fingern, ungefähr ein Dutzend grobe Kettenglieder weit, die sich nach oben und durch einen schweren Ring in der Mauer neben dem Bett ziehen.

Zwar ahne ich nicht, wie ich hier gelandet bin, weiß aber, wo ich bin. In dem beengten, harten Raum höre ich das schale Echo meines Atems. Ich befinde mich in einer Zelle. Nicht in der Zelle einer Polizeiwache, das sagen mir die Dunkelheit und die Handfessel. Ich bin an einem viel schlimmeren Ort. Und nun erreicht die Angst ihren Höhepunkt. Meine Haut fühlt sich an, als wäre sie zu eng, und ich höre mich schreien.

Kapitel 2

Eine Woche zuvor

»Glückwunsch, Janice«, sagte Camille und hielt mir strahlend ihre schmale dunkle Hand hin. »Willkommen im Land der Pauschalgehälter!«

Ich schüttelte ihr die Hand und spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg, während sich ein Lächeln der Freude, des Triumphs und der Erleichterung einen Weg bahnte, als schöbe sich die Sonne hinter einer Wolke hervor.

»Danke«, sagte ich. »Sie werden es nicht bereuen.«

»Ich weiß«, erwiderte Camille mit einem schelmischen Lächeln. »Sonst hätten Sie den Job nicht bekommen.«

Ich lachte, um zu zeigen, dass ich ihren Scherz verstanden hatte, aber meine Stimme klang mir zu laut in den Ohren. Also hörte ich schnell wieder auf und ermahnte mich, ihre Finger loszulassen. Meine Hand fühlte sich feucht an.

»Wissen Sie schon, wie Sie das feiern wollen?«, fragte sie.

»Ja, tatsächlich«, antwortete ich. »Ich verreise.«

»Wie schön für Sie! Irgendetwas Nettes?«

»Griechenland«, sagte ich. »Na ja, Kreta, um genau zu sein.«

»Wow.« Camille wirkte beeindruckter als während meines Bewerbungsgesprächs. »Klingt einfach toll. Vergessen Sie uns nur nicht – Ihr erstes Führungskräftemeeting ist am Fünfundzwanzigsten.«

»Verstanden«, sagte ich lächelnd und hoffte, dass sie die Tränen in meinen Augen nicht sah.

Die Reise war total übertriebener Luxus. Zwar würde ich ohne Boni etwa siebzigtausend Dollar im Jahr verdienen – bedeutend mehr als mit dem Stundensatz, für den ich während der letzten sieben Jahre gearbeitet hatte. Trotzdem hätte ich es mir zweimal überlegt, wenn Melissa und Simon nicht darauf bestanden hätten, die Rechnung für alles außer dem Flug zu übernehmen. Wenn die Beförderung nicht durchgegangen wäre, hätten sie den Flug wahrscheinlich auch noch bezahlt. Ich freute mich aber, ihnen sagen zu können, dass ich ihre Hilfe nicht brauchte.

Simon und Melissa waren stinkreich. Was er machte, wusste ich nicht so genau, irgendwas mit Finanzen, um Wohnungen in London und New York kaufen zu können. Sie war Innenarchitektin. Sicher war sie gut darin, bewegte sich aber auch in den richtigen Kreisen, in denen ein glamouröses und gepflegtes Auftreten genauso viel galt wie die Frage, wie viel Talent sie tatsächlich besaß.

Wahrscheinlich war ich ungerecht.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich die beiden gar nicht gut kannte. Genau das machte ihre Großzügigkeit so bemerkenswert – als sähen sie sich getrieben, ihr Glück zu teilen. Ich hatte sie fünf Jahre zuvor kennengelernt, als ich noch mit Marcus zusammen war und wir Urlaub auf Kreta machten. Seitdem hatte ich sie nur ein- oder zweimal gesehen, beide Male, wenn Simon beruflich in Charlotte war und Melissa ihre Verwandten in Raleigh besuchte. Ihre Verbindung zu North Carolina war eins unserer ersten Gesprächsthemen gewesen, ein willkommener Zufall, der uns bei fürchterlichem Retsina miteinander verband und den Grundstein für die folgende Freundschaft legte. Ich muss zugeben – und ich weiß, wie dumm das klingt –, dass ich selten glücklicher war, aus Carolina zu stammen. Die jetzige Reise war ein Wiedersehen, drei Paare, die noch einmal zusammenkamen, um eine grandiose, alkoholgeschwängerte Woche mit Ende zwanzig wiederaufleben zu lassen.

Das andere Paar, Brad und Kristen, lebte in Atlanta, obwohl sie gebürtige Britin war und eine regelmäßige Rolle in einer Sci-Fi-Serie hatte, die dort gedreht wurde. Brad stammte ursprünglich aus irgendeiner namenlosen Stadt in Missouri. Beruflich hatte er irgendetwas mit Immobilien zu tun, aber ich erinnerte mich nicht mehr an die Einzelheiten. Wie auch Simon und Melissa umgab sie etwas Funkelndes, ein Glamour, der mich in ihren Orbit zog wie einen kleineren Satelliten. Bei der Aussicht auf ein Wiedersehen fühlte ich mich ziemlich aufgedreht. Um bei der Orbitmetapher zu bleiben: Ich spürte schon so etwas wie die griechische Sonne selbst, warm, wohlwollend und belebend. Ich konnte es kaum erwarten.

Das Timing war präzise, wenn auch albern. Der letzte Abend der Reise wäre der 1999te Tag seit unserem Kennenlernen. Die Idee war uns damals gegen Ende unserer gemeinsamen Woche gekommen. Von der Sonne und vom Trinken waren wir in milde Stimmung geraten und genossen diese besondere Kameradschaft, die aus dem Gefühl entstand, unglaubliches Glück zu haben, weil man einander über den Weg gelaufen war. Im Radio war Prince gelaufen, und Kristen erzählte von einer Freundin, die gerade ein Baby bekommen hatte und völlig besessen von den ersten zweitausend Tagen war, wie sie es nannte. Die sollten das Leben eines Kindes entscheidend prägen. Irgendwie hakte sich Melissa, die nie besonderes Interesse an Kindern gezeigt hatte, an der Zahl fest und wurde plötzlich munter.

»Das sollten wir alle tun!«, rief sie mit leuchtenden Augen. »Um unsere Freundschaft zu feiern. Neue Freundschaften werden geboren, nicht wahr? Sie müssen gepflegt und genährt werden.«

»Wie viel hattest du?«, fragte Brad und linste spielerisch in ihr Glas.

»Ich meine es ernst!«, rief sie. »Wir schmieden hier und jetzt einen Pakt, dass wir, wo immer wir sind, was immer wir tun, in zweitausend Tagen wieder zusammenkommen, um alles einfach zu wiederholen.«

»Du spinnst«, sagte Brad. »Ich find’s gut.«

»Warte!«, sagte Simon. »Hört ihr das?« Er neigte den Kopf in Richtung Radio. »Wir sind zwar keine Babys, aber We’re gonna party like it’s 1999!«

Entzückt riss Melissa Mund und Augen auf. »Ich wusste es – aus irgendeinem Grund liebe ich dich.« Sie beugte sich zu ihm hinüber und küsste ihn hörbar.

»Wäre das nicht ungefähr im Oktober oder November?« Marcus zählte die Monate an den Fingern ab.

»Herbstferien«, meinte Simon, als wären wir alle noch auf dem College. »Ideal.«

»Herbstferien!«, sang Melissa. »Machen wir’s?«

»Ich bin dabei«, erklärte Simon.

»Auf jeden Fall!« Das war Brad.

»Neunzehnhundertneunundneunzig«, stimmte Kristen zu.

Dann Marcus. Schließlich ich. Es war ansteckend, vielleicht lächerlich, aber trotzdem ansteckend. In diesem Moment waren wir einfach so glücklich, dass wir alles mit beiden Händen festhalten und das Gefühl haben wollten, den jetzigen Zustand noch einmal auskosten zu können. Egal, wie ungezielt und albern es auch sein mochte.

»Auf uns!« Melissa erhob ihr Glas. »Und auf tausendneunhundertneunundneunzig Tage bis zu einer verdammt geilen Party!«

Ich sah alles noch vor mir, spürte die letzte Wärme der Nachmittagssonne auf meiner Haut, das Gefühl noch größerer Wärme, weil ich mit ihnen zusammen war und eine von ihnen sein konnte. Die Erinnerung brachte mich nach wie vor zum Lächeln.

Es würde so schön werden, sie alle wiederzusehen! Wir waren uns über den Weg gelaufen, ahnungslose Ausländer, die mit Händen und Füßen bestellten, was die Hotelbar zu bieten hatte, weil keiner von uns der Sprache mächtig war. Als ich jetzt darüber nachdachte, hatte diese eine Woche zu den Highlights meines Lebens gehört. Vielleicht war sie das Highlight gewesen. Bisher zumindest. Nun konnte ich mich auf andere tolle Erlebnisse freuen, inklusive einen Urlaub.

Beim Essen an diesem Abend – etwas zum Mitnehmen von Barrington’s, das sagenhaft teuer war und etwas Besseres verdient hatte als das zusammengewürfelte Porzellan, auf dem ich es servierte – hatte Chad von seinem pfannengerührten Zackenbarsch aufgeblickt und gefragt, ob es mir etwas ausmache, allein nach Kreta zu fliegen, und ob es mir unangenehm sei, Marcus wiederzusehen. Ich lachte.

»Ehrlich gesagt habe ich darüber noch gar nicht nachgedacht«, antwortete ich und nahm noch einen Schluck Wein. »Du weißt, dass ich ihn ab und zu noch sehe. Wir sind nach wie vor Freunde. Aber ich vermisse ihn nicht. Nicht auf diese Art.«

»Klingt sehr gesund.« Er widmete sich wieder seinem Fisch. »Gut.«

»Chad Hoskins«, sagte ich neckend, »bist du eifersüchtig?« Dann küsste ich ihn so innig, dass er seinen Wein verschüttete. »Du Dummi!«, sagte ich lachend. »Jetzt bist du ganz nass. Was machen wir denn da?«

Ich flog nicht oft. Der neue Job würde das vielleicht ändern, und mir gefiel die Vorstellung, mit den ernsten Menschen im Anzug am Montagmorgen auf dem Weg nach Tulsa, Newark oder Chicago herumzujetten, meinem Assistenten übers Handy sachliche Anweisungen zu geben und abends um einen Beleg für mein Steak zu bitten, weil ich alles verbuchte. Vielleicht würde das irgendwann langweilig, aber derzeit war Fliegen noch ziemlich exotisch, so eng uns die Fluggesellschaften auch packten und so viel sie uns auch für jeden Zentimeter Beinfreiheit und für jede Tüte Salzbrezeln abpressten. Das Flugzeug von Aegean war schöner als das der American Airlines, in dem ich den Atlantik überquert hatte: sauber, neu und glänzend, mit Platz, um sich auszustrecken. Alle sahen frisch aus und freuten sich offenbar auf den Sprung über das funkelnde Wasser.

Ich dachte an das letzte Mal, als ich in Griechenland gewesen war und das Meeresblau bestaunt hatte, das ich aus Büchern und Prospekten kannte, aber für Tricks mit Filtern oder Photoshop gehalten hatte, und mein Herz vollführte einen vorfreudigen kleinen Satz. Ich dachte an Melissa und die anderen, und mir fiel ein, dass ich nicht wusste, wann sie alle ankamen. Halb hatte ich damit gerechnet, dass Marcus vielleicht im Flieger aus Charlotte saß, und war ein bisschen enttäuscht, als ich ihn nirgends entdeckte. Nur um Gesellschaft zu haben, natürlich. Am Gate in Douglas hatte ich die Augen offen gehalten und war nach dem Essen, als die Bordbeleuchtung gedimmt worden war, ein paarmal die Gänge des Flugzeugs abgegangen, aber er war nicht zu sehen. Eine der überheblichen, kühlen Flugbegleiterinnen hatte mich ostentativ gefragt, ob alles in Ordnung sei, als hätte ich auf dem Weg zur Toilette einen ausgeklügelten terroristischen Anschlag geplant. Also hatte ich behauptet, ich hätte einen Ohrring verloren.

Sie hatte mir nicht geglaubt.

»Ich halte die Augen offen«, hatte sie mit strahlendem Lächeln gesagt und wollte mich offenbar herausfordern, weiter auf dieser Behauptung zu bestehen. Sie hatte irgendeinen Akzent. Kanada vielleicht oder Wisconsin. Ich kehrte an meinen Platz zurück und starrte unverwandt auf die kleine Karte auf dem Bildschirm am Vordersitz, auf dem sich das winzige Flugzeug zentimeterweise übers Meer schob. Vielleicht schlief ich auch eine, höchstens zwei Stunden.

Es war ein langer Flug nach Kreta, mit Zwischenstopps in Rom und Athen. Ich sah das Kolosseum von oben, was aufregend war, und aß am Flughafen in Rom einen Teller Pasta, der überhaupt nicht aufregend war. Der Anschlussflug nach Griechenland hatte Verspätung, und in Athen musste ich mit irrem Blick durch den Flughafen rennen und meinen Rollkoffer wie eine Stadtstreicherin hinter mir herzerren, um den Flug nach Heraklion mit Aegean Airlines noch zu erwischen. Aber kaum hatten wir uns in die Luft erhoben, war der Flug nach Kreta schon fast wieder vorbei. Ich stellte fest, dass das Hochgefühl, die anderen bald wiederzusehen und unsere Freundschaft von vor fünf Jahren neu zu beleben, zu etwas Heißem, Bedrückendem wurde.

Beruhige dich!, ermahnte ich mich. Du bist genauso gut wie alle anderen. Führungskraft …

Ich lächelte still vor mich hin und amüsierte mich ein wenig über die Absurdität meiner eigenen Vorspiegelung. Denn nein … meine kleine Beförderung würde meine unglaublich erfolgreichen und schönen Freunde wohl kaum beeindrucken, sosehr ich mir auch einredete, dass ich mit dem Jetset irgendwie Schritt hielt. Andererseits kommt man manchmal nur damit über die Runden, oder nicht? Indem man kleine Halbwahrheiten einsetzt und die Welt rosarot färbt, bleibt das Leben erst lebenswert.

Ich trat durch die Gepäckausgabe hinaus in die Haupthalle des Flughafens Heraklion und fürchtete insgeheim, dass alle anderen schon weg waren, dass sie mich vergessen hatten und ich das Haus auf eigene Kosten erreichen musste. Das würde vermutlich mehr kosten, als ich mir’s leisten konnte. Was dann? Sollte ich Simon um eine Erstattung bitten, ihm meine Taxiquittung zeigen, als würde ich Spesenanträge bei der Arbeit ausfüllen?

O Gott, dachte ich. Das wäre erniedrigend.

Und das Haus zu finden wäre kein Picknickausflug. Melissa hatte sich geweigert, mir unsere Unterkunft zu verraten. Sie sagte nur, es sei kein Hotel. Ich hatte eine Adresse, mir aber nicht die Mühe gemacht, eine Landkarte zu studieren und abzuschätzen, wie weit es wäre. Nachdem ich schon zwölf Stunden praktisch ohne Schlaf gereist war, hoffte ich, es sei nicht weit, aber Melissas vages Versprechen einer »exklusiven Luxusvilla weitab der Resorts« verhieß nichts Gutes. Meine nervöse Erschöpfung erreichte wieder ein Hoch, und ich spürte, wie mein Puls schneller wurde.

Reiß dich zusammen, Jan!, schalt ich mich, bevor ich dreimal lang und tief durchatmete – einer von Chads Tricks, um meine Nerven zu beruhigen.

Der Gedanke an Chad beruhigte mich genauso wie die Atemübung. Alles wäre einfacher gewesen, wenn er neben mir gesessen hätte. Das hatte ich ihm gesagt, und er hatte so liebe- und rücksichtsvoll gelächelt wie immer. »Du kannst mir alles erzählen, wenn du zurück bist«, hatte er geantwortet. »Mach möglichst viele Fotos!«

Das hatte ich auch vor. Ich wiederholte die Atemübung und fühlte mich besser.

Der Ankunftsbereich – Lounge, die meiner Meinung nach mit Sesseln ausgestattet sein sollte, konnte man ihn nicht nennen – war eine Wand aus aufmerksamen Gesichtern. Männer in eng sitzenden schwarzen Anzügen ohne Krawatte hielten Schilder hoch. Manche waren abwischbare Tafeln, andere Computerausdrucke, die meisten einfach mit Edding geschriebene Großbuchstaben. Ich hörte, wie die Namen von Passagieren gerufen wurden, und suchte die Schilder eilig ab. Blunt, Kastides, Ferguson, Alexandros, Merrimack und viele andere.

Kein Fletcher.

Ich blieb stehen und reckte den Hals, um die Schilder sehen zu können, die in der hinteren Reihe lässig hochgehalten wurden. Eine Frau mit zwei rosafarbenen Rollkoffern stieß mich aus dem Weg und schoss einen wütenden Blick auf mich ab.

»Entschuldigung«, murmelte ich, aber sie ging schon weiter, wurde von einem schlanken, knochigen Mann in den Fünfzigern begrüßt, der ihr flüchtig zunickte und einen der Koffer nahm. Als sie gingen, entstand eine Lücke im Gedränge, und dort stand Simon, gut aussehend und gebräunt, und lächelte mich mit seinem Zahnpastawerbungslächeln und blitzenden blauen Augen an. Er kam mir vor wie Apollo höchstpersönlich.

»Jan«, sagte er und kam auf mich zu. »Ich freue mich, dass du’s geschafft hast.«

Ich streckte die Hand aus, doch er trat auf mich zu, umarmte mich und gab mir ein Küsschen auf die Wange. An seinem Hals stieß ich einen nervösen Seufzer aus und suchte hinter ihm nach Spuren der anderen.

»Nur ich?«, fragte ich und gab mir Mühe, so zu klingen, als sei es mir egal, ob so oder so.

»Marcus und Gretchen sind schon da. Und Melissa natürlich. Kristen und Brad kommen später an. Ich glaube, wir bringen dich erst mal unter. Dann fahren wir vielleicht für den Nachmittag zum Strand beim Minos. Um der guten alten Zeiten willen. Es ist ein ziemliches Stück weg, aber dann kann ich gegen fünf Uhr Kristen und Brad abholen, bevor wir den Abend zu Hause verbringen.«

Das Minos war das Hotel, in dem wir uns alle vor fünf Jahren kennengelernt hatten. Nun ja, nicht alle. Ein Name war mir aufgefallen, und ich starrte ihn an wie ein erschrecktes Vögelchen.

Wer zum Geier war Gretchen?

Und nicht nur Gretchen. Marcus und Gretchen. Als seien sie zusammen. Mir zog sich der Magen zusammen, aber ich sagte nichts.

»Ist das alles?«, fragte Simon mit einem anerkennenden Blick auf mein Gepäck.

»Ja. Es ist schließlich nur eine Woche.«

»Mit leichtem Gepäck reist es sich schnell«, sagte Simon. Er trug ein kurzärmliges Hemd, und seine Arme waren durch viele Stunden im Fitnessstudio muskulös und geädert. Enge Jeans – Designer, nahm ich an, aber nicht protzig oder mit auffälligem Markennamen – und braune Lederslipper ohne Socken. Ein Mann wie er würde nie versehentlich für einen Einheimischen gehalten. Aber er sah aus, als sei er in seinem Element, absolut ungezwungen. Andererseits trat er immer so auf. Wie ich schon sagte, hatte ich keine Ahnung, womit genau er sich beruflich beschäftigte, außer dass er Millionen von Dollars anderer Leute herumschob und sich dabei eine goldene Nase verdiente. Bestimmt sah er auf dem Börsenparkett, in Konferenzräumen, auf Golfplätzen und in exklusiven Cocktailbars genauso aus wie hier und jetzt. In jedem Fall angemessen gekleidet, modisch und mit dieser scheinbaren Unbekümmertheit, die ihn so lässig aussehen ließ. Marcus und ich hatten dafür früher ein Wort gehabt, einen alten italienischen Ausdruck, der mir nicht mehr einfiel. Er bedeutete so viel wie die Fähigkeit, natürlich und spontan zu wirken, während es in Wahrheit eingeübt war und bewusst eingesetzt wurde.

Wenn du ihn von Gretchen losreißen kannst.

Der Name nervte mich. Er klang irgendwie nordisch und deutsch, und das Bild, das in meinem Kopf auftauchte, war das des St.-Pauli-Girls von den Bieretiketten mit der flachsblonden Flechtfrisur und dem Ausschnitt, in dem sich ein Kaninchen hätte verstecken können.

Simon sagte etwas, und ich wandte ihm meine Aufmerksamkeit wieder zu, während er mich durch den Flughafen in Richtung Ausgang zum heißen, grellen Parkplatz führte. Ich beobachtete ihn von hinten und überlegte, ob diese klamottenmäßige Eleganz eigentlich Melissas Werk war. Allerdings konnte ich mir kaum vorstellen, dass sie ihm die Krawatten aussuchte und Fusseln vom Jackett fegte wie eine Hausfrau aus den Fünfzigern.

»Ich wollte wissen, ob du etwas von Rom mitbekommen hast«, wiederholte Simon seine Frage.

»Oh«, antwortete ich. »Nein, es war nur ein kurzer Zwischenstopp. Aber ich habe das Kolosseum aus der Luft gesehen.«

»Ehrlich?«, fragte er und zog eine Grimasse. »Musste das Flugzeug kreisen?«

Ich zögerte.

»Ich glaube nicht. Warum?«

»Der Flughafen liegt in der Nähe der Küste«, bemerkte er. »Man muss ziemlich weit ins Landesinnere, damit man die Stadt sieht, und dann könnte ich mir vorstellen, dass der Flieger eigentlich zu hoch ist …«

»Dann habe ich mich wohl geirrt«, sagte ich eilig. »Ich habe unterwegs viel geschlafen. Vielleicht habe ich geträumt.«

Er lachte kurz auf, aber ich konnte seinen Gesichtsausdruck nicht weiter deuten, während er die Tür aufdrückte. Also beschloss ich, es gut sein zu lassen.

In Heraklion war es überraschend angenehm warm. Ich erinnerte mich noch an die Junihitze meines letzten Besuchs, die wie ein körperlicher Schock gewesen war. Sengende Sonne und Luft, die mir den Atem genommen hatte und unbewegt auf dem schattenlosen Parkplatz lag. Charlotte war heiß, und ich war daran gewöhnt, aber die Luft auf Kreta hatte sich irgendwie dünner angefühlt, und das hieß zwar nur, dass es nicht so schwül war wie zu Hause, aber die Sonne wirkte auch intensiver und gnadenloser – eine Wüstenhitze. Im Flugzeug war mir wieder eingefallen, welchen Sonnenbrand ich mir vor fünf Jahren an diesem Strand geholt hatte. Eine alberne Panikwelle durchschoss mich, obwohl ich mir klarmachte, dass wir jetzt November hatten. Aber das Wetter war herrlich. Über zwanzig Grad, blauer Himmel, eine leichte Brise, vielversprechend und tröstlich, und Simon hatte ja schon gesagt, wir würden zum Strand gehen. Und wenn Simon das sagte, dann war es auch so.

Simon ging auf das größte, schnittigste, glänzendste Auto auf dem Parkplatz zu und brachte es mit dem Schlüssel in seiner Tasche zum Piepsen. Es war ein riesenhaftes Schiff von einem Mercedes-Transporter, schwarz, neu, und es schrie nach Geld. Es hatte getönte Scheiben und sah aus, als sei ab Werk Champagner auf Eis mit eingeplant, ebenso wie Promis, die vor Paparazzi flohen.

»Hübsch«, murmelte ich.

»Nur das Beste für unsere Freunde«, erwiderte Simon.

Mein Herz wurde ein bisschen schwer, aber ich fing mich wieder. Ich war gerade befördert worden. Eine angestellte Führungskraft. Auf dem Weg nach oben in der Welt der Erfolgreichen.

»Das wird eine Superwoche«, bemerkte er, setzte eine Ray-Ban-Fliegerbrille auf und startete den Motor. »Viel zu erzählen. Alte Lieblingsplätze sehen. Weißt du noch, der Typ, der vor dem Minos an einem Stand Pfirsiche verkaufte? Der mit dem räudigen Hund, der Brad auf den Fuß gepinkelt hat? Ich bin heute dort vorbeigefahren und schwöre dir, er war immer noch da. Derselbe Typ. Derselbe Hund!«

Er lachte entzückt.

Ich starrte aus den stark getönten Fenstern, als wir auf die Straße einbogen, und versuchte, mit ihm zu lachen. Aber es war kalt im Wagen, die Klimaanlage war voll aufgedreht. Alte Lieblingsplätze, dachte ich.

Ich hätte nicht herkommen sollen.

Kapitel 3

Ich schreie nicht lange. Die schiere Lautstärke in meinem kleinen Gefängnis erschreckt mich so sehr, dass ich aufhöre, lange bevor es meinen Hals zerfetzen kann. Das Geräusch meines eigenen Grauens betäubt mich. Trotzdem ist mir von meinem Geschrei schwindelig, und das ist genauso furchterregend.

Ich setze mich auf, so gut ich kann. Wegen der Fessel befindet sich mein Arm unnatürlich weit vom Körper entfernt, und ich frage mich, ob die Dunkelheit nachgelassen hat. Eigentlich glaube ich es nicht, denn ich entdecke keine Lichtquelle. Wahrscheinlich haben sich meine Augen an die Düsternis gewöhnt und suggerieren mir, die Schwärze sei weicher geworden und ganz in der Nähe meiner Betonpritsche sähe ich Schemen. Undeutlich erinnere ich mich an den Biologieunterricht, demzufolge die Empfindlichkeit des menschlichen Auges in den ersten Minuten nach Einsetzen der Dunkelheit extrem ansteigt. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass dies ein vorübergehendes Phänomen ist. Meine Nachtsicht wird sicher nicht besser, je länger ich hier sitze. Ich bin nun schon seit mehreren Minuten wach und überzeugt, dass es besser als jetzt nicht wird.

Über so etwas nachzudenken, hat meinen Herzschlag verlangsamt. Ich spüre, wie der Druck auf meiner Brust leichter wird, als hätte ich meinen Motor überdreht und jetzt den Fuß vom Gas genommen. Meine Atmung ist aber immer noch flach und keuchend. Und laut, eher ein Schluchzen als ein Atmen, und die Luft fühlt sich merkwürdig dünn an. In dem Raum riecht es nach Feuchtigkeit, Erde und der ganz leicht chemischen Abgestandenheit von altem Beton. Und über allem liegt der intensive, rostige Geruch nach Blut.

Was ist hier los, verdammt noch mal?

Ich zwinge mich, ruhig zu sitzen, auf alle Geräusche zu horchen, die nicht von mir kommen, und meine Ohren in die Dunkelheit auszustrecken. Dann hole ich Luft und schlucke. »Hallo?«, rufe ich halblaut.

Es kommt keine Antwort, aber ich wiederhole die Frage, diesmal lauter, und nehme das minimale, unmittelbare Echo wahr. Ich versuche es noch einmal, spreche wie ein Toningenieur bei einem Konzert, auf dem Marcus und ich vor Jahren waren.

»One, two. One, two«, sage ich und spucke dabei das T aus, wie es der Roadie seinerzeit getan hat. »One, two. Two. Two. Two.«

Damals hatte mich das belustigt, seine Ernsthaftigkeit, mit der er diese unsinnigen Geräusche machte, bevor er einem unsichtbaren Kollegen hinterm Mischpult das Daumen-hoch-Zeichen gab. Ich hatte nicht so ganz begriffen, was er da tat, aber instinktiv verstand ich es. Er horchte auf die Kontur des Lauts auf dem Weg vom Mikrofon zu den Lautsprechern, auf das Knallen der Konsonanten, und mir wird klar, dass ich dasselbe versuche. Ich ahme Fledermäuse und Delfine nach, lasse Laute zurückprallen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wo was ist. Ich kann nicht wie Tiere die Ergebnisse lesen, aber ich spüre in den Knochen, wie der Laut von den Wänden meiner Zelle widerhallt. Ich sehe sie nicht, aber instinktiv weiß ich, dass der Raum sehr klein ist. Vielleicht nur zehn Quadratmeter. Drei Wände sind zwar hart und flach – Stein oder Beton, wahrscheinlich Letzteres –, aber die vierte Wand ist irgendwie anders. Nicht unbedingt weicher, aber saugfähiger. Eine Tür. Groß und aus Holz. Ich spüre, dass sie da ist, und jetzt bilde ich mir auch ein, dass ich sie fast sehen kann, eine tiefere Schwärze in der Finsternis.

Ich runzle die Stirn, grüble über meine kleine Entdeckung nach, mag nicht zugeben, wie wenig Arbeitsgrundlage ich damit habe. Dem Bett gegenüber gibt es auch noch eine Unregelmäßigkeit in der Wand, in meiner Blickrichtung und fast auf gleicher Höhe mit meinem festen, wenn auch mehr oder weniger nutzlosen Blick. Eine Vertäfelung? Oder ein Schrank? Ich kann die Umrisse nur als dunkles Rechteck ausmachen. Ich strecke mich so weit wie möglich danach aus, ertaste aber nur Luft. Dann schwenke ich die Füße auf den Boden und erschrecke über eine Ungleichheit, denn ich stelle fest, dass ich einen nackten Fuß habe und am anderen noch etwas trage, das sich nach Sandale anfühlt.

Meine Sandale.

Schmale Lederriemen und ein kleiner Ledersteg über dem Fuß, der sich um den Knöchel und dann um den großen Zeh zieht.

Meine Sandale. Ich sehe sie vor meinem inneren Auge, und mit ihr kommen Erinnerungen, die aber knapp außerhalb meiner Reichweite im Schatten verborgen liegen.

Kreta. Ich kam nach Kreta. Um alte Freunde zusehen.

Ich erinnere mich, wie ich packte, zu Hause bunte Kleidung auf dem Bett auslegte, ins Flugzeug stieg, aber danach … Stirnrunzelnd versuche ich zu rekapitulieren. Ich bin Janice Fletcher. Ich lebe in Charlotte und arbeite im Great Deal Store an der Tryon Street im Universitätsviertel. Ich fahre einen weißen Camry, gebraucht gekauft beim Autohaus Town & Country auf dem South Boulevard. Vor meinem inneren Auge sehe ich meine Wohnung. Die verblassenden, handgemalten Ranken an der Badezimmerwand, der Gestank des bissigen Terriers meines Nachbarn, der unter die Gardenien neben der Haustür kackt (der Terrier, nicht der Nachbar). Ich habe Urlaub …

Das Wort klingt trostlos lustig, aber ich unterdrücke den Drang zu lachen, denn ich weiß, es würde sich in ein Schluchzen verwandeln. Vielmehr versuche ich mich an weitere Einzelheiten zu erinnern. Was passierte nach meiner Ankunft? Hatte ich einen Autounfall?

Ich kneife die Augen zu, versuche zu verstehen, warum ich daran als Erstes denke, kann mich aber an nichts von Bedeutung erinnern. Nichts, das mich mit einem Auto oder einem Unfall verbindet. Ich kam, um Simon und Melissa wiederzusehen, Brad, Kristen und Marcus. Dessen bin ich mir sicher.

Marcus …

Habe ich meine Freunde gesehen? Meinem Gefühl nach scheint es so gewesen zu sein, ja, aber es stellen sich keine Einzelheiten ein. Ich greife danach, doch es kostet fast körperliche Anstrengung, den Nebel zu durchdringen und herauszufinden, was danach passierte. Mir ist, als würde ich mich gegen eine schwere Tür in meinem Kopf stemmen.

Sie öffnet sich nicht.

Ich setze beide Füße auf die Betonpritsche mit ihrer dünnen Matratze und erhebe mich auf unsicheren Beinen. Ich kann gerade stehen, ohne meinen linken Arm übermäßig strecken zu müssen. Dann mache ich mit dem rechten Fuß einen langen Schritt, spüre, wie sich die Kette um mein linkes Handgelenk spannt, während ich mich von dem Ring an der Wand wegbeuge. Mit der rechten Hand strecke ich mich aus, recke mich, strenge mich an …

Nichts.

Ich umfasse ungefähr zwei Meter der Zelle, und der Schrank an der Wand – falls es ein Schrank ist – könnte mindestens dreißig Zentimeter tief sein, vielleicht mehr. Wenn meine grobe Echoortungsschätzung stimmt, bleiben aber immer noch sechzig Zentimeter, die ich nicht erreichen kann. Es könnte genauso gut ein Kilometer sein. Ich ziehe an der Fessel, drehe das Handgelenk hin und her, aber der Reif bleibt am Daumengelenk hängen und rutscht nicht weiter. Ich lehne mich von der Wand weg, bis der Schmerz unerträglich wird, dann gebe ich auf.

Mit einem Gefühl viel größerer Erschöpfung, als die Bemühungen verdienen, sinke ich aufs Bett zurück. Noch immer erinnere ich mich nicht, wie ich hier gelandet bin. Gepaart mit meiner flachen, abgehackten Atmung, frage ich mich plötzlich, ob ich unter Drogen gesetzt wurde.

Oder ob man mich überfallen hat.

Ich rieche immer noch das Blut, vor allem an meiner rechten Hand, obwohl sich die Finger beim Aneinanderreiben trocken und körnig anfühlen, keinesfalls glitschig. Ich rieche wieder daran, schrecke vor dem Geruch zurück und taste mich schließlich nach Verletzungen ab. Mein Hinterkopf pocht und ist druckempfindlich, aber nicht nass – eine Beule, keine offene Wunde.

Meine Finger wandern zum Gesicht. Zu den Armen. Dann zu den Beinen. Und mit leisem Schluchzen, das sich den Weg durch meine Kehle bahnt, an den Schenkeln hinauf. Ich trage ein Kleid, knielang, eher weit ausgeschnitten und mit kurzen Ärmeln. Es ist leicht und schlicht. Baumwolle, vermute ich. Es fühlt sich vertraut an.

Mein Kleid. Ich kenne es. Dunkel erinnere ich mich, es angezogen zu haben. Auf Kreta. In einem Hotel? Nein. In einem Haus oder … in Räumen, die wir gemietet hatten. Simon hatte etwas gemietet.

Darunter trage ich einen BH, ebenfalls weich und bequem, und ein Höschen. Alles fühlt sich intakt an. Ich spüre keine Schrammen, keine schmerzenden Stellen außer am Hinterkopf und über dem rechten Auge. Ein Sturz? Ein Schlag? Vielleicht beides.

Aber keine Schnittwunden und keine Anzeichen sexueller Gewalt.

Die Worte stammen aus einer Krimisendung im Fernsehen. Sexuelle Gewalt. Das ist einer dieser Sätze, deren nüchterne Sachlichkeit tausend Arten des Grauens umschreibt.

Ich wurde nicht vergewaltigt – oder zumindest nicht so, dass ich es feststellen könnte, wobei das eine unangenehme Einschränkung ist und die Lücke betont, in der sich meine Erinnerung befinden sollte. Ich schrecke wieder davor zurück, vor diesem schwarzen Loch mit nicht abzuschätzender Tiefe, und klammere mich stattdessen an die Fakten, die ich herleiten kann. Jemand hat mich in diesen Kerker geworfen. Den Grund dafür kenne ich nicht. Wenn mein Peiniger mich hätte umbringen wollen, wäre ich jetzt tot. Aber ich lebe.

Das bedeutet – er wird zurückkommen.

Unruhig rücke ich herum. Mein linker Arm ist jetzt schon müde von dem unnatürlichen Winkel, in dem ich ihn halte, und das Handgelenk ist vom Metall der Handfessel aufgerieben. Ich zerre daran, bis meine Hand protestiert, spüre aber kein Nachgeben der Kette oder des Rings in der Wand. Jemand wird zurückkommen, und ich stecke hier fest. Machtlos.

Und dann ist da noch das Blut, erinnere ich mich. Ja. Ich habe Blut an den Händen, und mein Kleid fühlt sich um die Taille herum irgendwie steif an. Ohne Licht kann ich mich nicht davon überzeugen, aber mein Instinkt sagt mir, dass ich mich irgendwann erinnern werde und sich das getrocknete Blut an den Händen und der Kleidung dann erklären lässt. Die Klumpen, die ich im Haar spüre …

Ich weiß nicht, wie sie da hingekommen sind.

Wieder befühle ich meinen Körper, betaste und prüfe jeden Zentimeter Haut. Ich wurde auf den Kopf geschlagen und muss ein böses blaues Auge davongetragen haben. Aber ich entdecke keine gezackte Wunde, keinen Schnitt und kein Loch, das so heftig geblutet hätte.

Was nur eines bedeuten kann: Das Blut, mit dem ich verkrustet bin, gehört einer anderen Person.

Bei diesem Gedanken stockt mir kurz der Atem. Ich dachte, ich sei … was? Von einem Psychopathen eingesperrt worden? Irgend so etwas. Aber was, wenn das gar nicht stimmt?

Was, wenn ich aus einem anderen Grund gefangen gehalten werde? Wegen einer Tat, die ich begangen habe?

Kapitel 4

Es war eine lange Fahrt. Über eine Stunde bis Rethymno, wo wir beim letzten Mal gewohnt hatten, die Küstenstraße entlang, die manchmal E75 hieß und manchmal nur 90, und dann noch einmal weit ins Landesinnere und in die Berge, in denen die zuvor gerade Straße schmal und kurvig wurde.

»Wohin fahren wir?« Ich gab mir Mühe, nicht erschöpft und beklommen zu klingen. Es war nett von Simon, dass er mich abgeholt hatte, zusätzlich zu den Kosten für die Unterkunft. Ich hatte gefragt, ob ich ihm etwas fürs Benzin geben könne, aber er hatte lächelnd abgewinkt. Anscheinend sprachen wir über so kleine Summen, dass er sie mit dem Kleingeld bezahlen konnte, das er zwischen den Sofakissen fand. Vielleicht war es tatsächlich so.

»Du wirst begeistert sein«, sagte Simon. »Es ist fantastisch. Mitten im Nirgendwo. Aber ja, fantastisch. Ideal für uns.«

Ich rutschte auf meinem Ledersitz herum.

»Uns?«, fragte ich.

»Für uns alle«, präzisierte er und warf mir einen Blick zu, den ich hinter seiner Sonnenbrille nicht deuten konnte. »Das Wiedersehen.«

»Ja, klar«, sagte ich. »Super.«

Ich hatte mein Handgepäck auf dem Schoß und fühlte mich lächerlich und ungemütlich. Der Wagen war riesengroß, und ich hätte es einfach auf den Rücksitz oder in den Kofferraum werfen können. Aber nun war ich angeschnallt und hätte mich aus unerklärlichen Gründen dumm gefühlt, mich umzudrehen und es nach hinten zu befördern. Also behielt ich es auf dem Schoß und hatte die Arme darumgelegt wie um eins jener Rettungskissen unter dem Sitz, über die uns die Flugbegleiter für den Fall einer Landung auf dem Wasser aufgeklärt hatten. Die Formulierung hatte mich auf freudlose Art amüsiert, so als hätte sich der Pilot so etwas vorgenommen.

Weißt du was, Co-Pilot Bob? Ich glaube, wir vergessen die Landebahn heute mal und setzen einfach auf dem Meer auf. Was hältste davon?

Vielleicht diente die Tasche auf meinem Schoß auch als Schild.

Natürlich gab es keinen Anlass, mich vor Simon zu schützen – nicht einmal psychologisch. Er war ein ganz feiner Kerl. Gut aussehend, freundlich, großzügig. Und er geizte nicht mit Komplimenten.

Apollo, der Sonnengott, der goldene Wagenlenker mit seinem Bogen …

Ich atmete noch einmal tief und beruhigend durch und blickte aus dem Fenster auf die felsigen Hänge mit den staubfarbenen Olivenhainen, den baufälligen Bauernhäuschen und den gebleichten, bröckelnden Kirchen. Es war wunderschön. Ich musste endlich über meine dummen, hinderlichen Unzulänglichkeiten hinwegkommen und mein Hiersein genießen.

»Fliegst du nach unserer kleinen Zusammenkunft direkt nach Charlotte zurück?«, fragte Simon, während er müßig beobachtete, wie ein uralter Mann in abgetragener Kleidung, die früher recht elegant gewesen sein mochte und in der ihm sicher wahnsinnig heiß war, seine Ziegen an den Straßenrand scheuchte.

»Ich glaube schon«, antwortete ich. »Ich hatte kurz überlegt, noch die Türkei mitzunehmen, aber ich muss bald wieder beruflich fliegen. Also mal sehen.«

Ich wusste nicht recht, warum ich das sagte. Es kam einfach so heraus. Seine weltläufige Gelassenheit, das Luxusauto … Ich konnte nicht anders.

»Wohin?«

»Was?« Ich ruderte schon zurück.

»Wohin fliegst du beruflich?«

»Vegas«, sagte ich. »Eins unserer Hauptbüros. Nicht so ganz meine Welt, aber …«

»Du kannst doch Spaß haben in Vegas!«, rief Simon. »Dort ist für jeden etwas dabei, oder etwa nicht?«

»Klar«, bestätigte ich. »Wird nach einer Weile aber eher langweilig.«

»Kann ich mir vorstellen«, meinte er. »Wo steigst du immer ab?«

»Oh, ganz verschieden«, sagte ich leichthin. »Die Buchungen macht die Firma.«

»In der Nähe eines Casinos?«

»Klar«, versicherte ich ihm mit theatralischem Augenrollen, als gäbe es nichts Ermüdenderes.

»Welches?«

»Was? Ach, wie heißt es noch mal … das mit der Pyramide.«

»Luxor«, sagte Simon.

»Richtig. Natürlich. Ich würde sogar meinen Kopf vergessen, wenn er nicht festgewachsen wäre.«

»Der Skybeamer ist der Hammer, oder?«

»Ja«, antwortete ich, inzwischen angespannt. »Aber wirklich.«

»Es heißt, er sei schon aus weitester Entfernung zu erkennen.«

»Kann ich mir gut vorstellen«, sagte ich. »Also, erzähl mir von unserer Unterkunft! Das klang ja ziemlich mysteriös.«

Er drehte sich zu mir um und merkte zweifellos, dass ich das Thema wechseln wollte. Allerdings konnte ich seine Miene nicht deuten und wusste nicht, ob sein leichtes Lächeln auf etwas Persönliches hindeutete oder mit dem gerade Besprochenen zu tun hatte.

»Oh, ich will Melissa nicht die Show stehlen!«, sagte er. »Hab noch ein bisschen Geduld.« Einen angespannten Moment lang schwiegen wir, bis er an den Radioreglern herumfingerte und seufzend alle möglichen Sender mit blechernem Europop durchschaltete. Bei unserem letzten Urlaub hatte es am Hotelstrand einen DJ gegeben, einen durchtrainierten Einheimischen mit Sonnenbrille und Piratenkopftuch, der in den Pausen surfte und bei den Mädchen einen coolen Eindruck hinterlassen wollte. Seiner Meinung nach war Melissa das Größte gewesen … nun ja … was immer das griechische Äquivalent zur Erfindung der Bratkartoffel sein mochte. Für ihn schien sie eine Ikone zu sein, ein wandelndes Modell all dessen, was seine amerikanische Surferpose sein sollte. Sie war das Ideal. Simon hatte bei allem mitgespielt, denn wo immer seine Frau auftauchte, stand sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Um zu zeigen, dass er sich nicht bedroht fühlte, hatte er sich mit einem Nicken und einem nachsichtigen Grinsen mit dem Typ angefreundet. Von Stund an spielte der DJ alles, was sie hören wollte, ging sogar auf Jagd nach Tracks, die er gar nicht hatte, nur damit sie für sie aus den Boxen dröhnten. Seinerzeit war Melissa auf einem alternativen Achtzigertrip gewesen, deshalb hatten meine Erinnerungen an Kreta einen Soundtrack von Depeche Mode, Tears for Fears und den B-52s.

»Kein Rock Lobster?«, fragte ich lachend.

»Was?«

»Der Song von B-52«, sagte ich. »Rock Lobster. Den hat Melissa ständig gesungen und …«

Er lächelte noch, aber sein Gesicht wirkte ausdruckslos. Dann runzelte er die Stirn, und das Lächeln wurde breiter.

»Na klar!«, rief er. »Rock Lobster. Yeah! Das hatte ich total vergessen.«

Ich freute mich, dass er sich erinnerte, spürte lächelnd wieder einmal unsere Gemeinsamkeit und fragte mich, wie jemand vergessen konnte, wie sie gewesen war. Wie wir gewesen waren.

Was soll’s, dachte ich. Wir bauen alles neu auf, bis hin zum letzten Bassriff, zum lächerlichsten Triller …

Und wie um die Erinnerung für mich zu ergänzen, war Simon mit seiner Fummelei am iPod fertig, den er in die Anlage des Wagens eingesteckt hatte, und warf mir einen erwartungsvollen Blick zu, während er den Lautstärkeregler hochdrehte. Einen Augenblick später krachten die vertrauten hymnischen Keyboardakkorde los. Die Drums füllten die Lücken, und der Bass setzte ein. 1999 von Prince.

»Yes!«, sagte ich. Es passierte wirklich. Ich hatte es nach Kreta geschafft, und wir würden nicht, wie es in dem Song hieß, in der Zeit weitergleiten, sondern zu dieser herrlichen Woche und den Versprechen zurückkehren, die sie für uns bereithielt. Simon las meinen Blick und nickte nachdrücklich im Takt der Musik.

»1999!«, gellte er.

Zufrieden sah ich aus dem Fenster auf die immer schrofferen Hügel und Schluchten, auf die wir auf meiner ersten Reise kaum einen Blick geworfen hatten. Das war ein Strandurlaub gewesen, schlicht und einfach. Die Tage im und am Wasser, die Nächte in der Bar, ab und zu tanzen, pausenlos trinken. Von der Landschaft und den antiken minoischen Stätten, für die diese ausgedehnte Insel berühmt war, hatten wir nichts mitbekommen. Tatsächlich hatten wir die Hotelanlage kaum verlassen, nur zum Essen und auf dem Rückweg zum Flughafen. Bis auf den letzten Tag.

Die Höhle.

Stirnrunzelnd erinnerte ich mich. Die Höhle war die Ausnahme gewesen, ein Ausflug, der uns keinen Spaß gemacht hatte. Eigentlich hätten wir den Strand nie verlassen dürfen, hätten nie von unseren Drinks aufblicken sollen, unsere Zehen besser im Sand am Rand des Wassers gelassen …

Fünf Jahre später kam mir jener Urlaub gleichzeitig naiv und irgendwie glorreich vor, ein letzter, weinseliger Abschied von unseren Zwanzigern, von unserer Jugend. Keine Ahnung, was uns erwartete, die wir uns inzwischen durch die Dreißiger wurstelten und nun so weit vom Meer entfernten, wie es auf Kreta geografisch überhaupt möglich war. Ich warf Simon einen Seitenblick zu, suchte nach Anzeichen des Alters, nach Krähenfüßen, nach einem grauen Hauch an den Schläfen, konnte aber nichts entdecken. Vielleicht fühlte nur ich mich älter.

Und so viel Spaß es auch gemacht hätte, unseren letzten Besuch durch Drinks am Strand wiederaufleben zu lassen, so musste ich doch zugeben, dass ich diesmal zu etwas anderem bereit war. Was auch immer mein Job war und sein würde, bei Great Deal zu arbeiten erfüllte nicht gerade meine intellektuellen Bedürfnisse. Unvermutet ertappte ich mich bei dem wehmütigen Gedanken an alles, was wir beim letzten Mal verpasst hatten. Wie wäre es wohl, mit Marcus durch die antiken Ruinen zu spazieren und über Geschichte und Mythologie zu sprechen? Mein Hauptfach war zwar Biologie gewesen, aber im Nebenfach hatte ich Englisch studiert und irgendwann über einen Wechsel nachgedacht. Ich interessierte mich nicht besonders für die Politik, die irgendwie alles im Klassenraum inspirierte – oder infizierte. Aber ich liebte Geschichten, die Form, die erfinderische Kühnheit, Figuren, Orte und Ereignisse miteinander zu verstricken und etwas zu erfinden, das sich vollkommen echt anfühlte, jedoch nur im Kopf der Autoren und ihrer Leser existierte. Hätte ich das Talent oder den Willen gehabt, so dachte ich früher einmal, dann wäre ich gern Schriftstellerin geworden – eher Romanautorin als Dichterin, obwohl Theaterautorin vielleicht auch gut gewesen wäre. Ich mochte es, wenn sich Geschichten aneinanderreihten wie Spiegel, wie sie kleine Ausschnitte zurückwarfen, manchmal direkt und geradeheraus, manchmal verschlungen und verrückt. Joyce erwuchs aus Shakespeare, der wiederum aus Ovid und aus allen diesen antiken Erzählungen von Göttinnen und Göttern erwuchs – einige grob zusammengeschustert nur einen Katzensprung von genau dieser Stelle entfernt.

Jason, Medea, das Goldene Vlies … Geschichten über Magie und Wahnsinn, Leidenschaft und göttliches Eingreifen. Die meisten davon hatte ich halb vergessen, bis ich vor einigen Tagen eins der Bücher ausgegraben hatte, die seit mindestens einem Jahr unberührt in meinem Regal standen. Darin hatte ich antike Fabeln gefunden, frisch und vertraut, alt, aber mit scharfem, eindringlichem Unterton. Mit ähnlicher Begeisterung las ich sie noch einmal, mit einem Hunger, den ich nicht ganz erklären konnte.

Es war ein legendäres Land antiker Mythen und Geschichten. Es war das Land von König Minos und vom labyrinthischen Tunnelgewirr unter seinem Palast. Dort lebte ein schreckliches Ungeheuer, halb Mann, halb Stier, dem einmal im Jahr Opfer dargebracht wurden. Der Minotaurus, eingesperrt und lauernd dort unten in der Dunkelheit der Gänge … ein toller Stoff, der nach Gefahr, Heldentum und Fremdheit roch. Einen Moment lang vergaß ich Simon, der unmelodisch vor sich hinsummte, vergaß das unvermeidliche Feiern, um das sich das Wiedersehen drehen würde, vergaß das mutwillige, herrlich alberne Geschwätz, über das wir in den nächsten Tagen lachen würden, und spürte diese alten Geschichten in der Luft wie Weihrauch, süß und wohlriechend.

Ich habe meinen Job hinter mir gelassen, dachte ich, mein gewöhnliches, eintöniges Leben in einer amerikanischen Stadt, und bin zu Medea geworden, einer Frau voller Rätsel und Magie …

Wieder lächelte ich vor mich hin, während ich die Straßenschilder der Dörfer las. Georgioupoli, Fones, Alikampos, Kryonerida. Keiner der Namen sagte mir etwas, und als die Straßen schmaler und die Lücken zwischen der Zivilisation größer wurden, schrumpften auch die Siedlungen, bis sie nur noch dürftige Ansammlungen alter Häuser waren, hinter denen sich ab und zu ein bescheidenes Kloster erhob. Ich fragte mich, worauf ich mich da eingelassen hatte. Das letzte Dorf hieß Empresneros, dann kam nichts mehr, nur noch ein langsamer, kurvenreicher Anstieg in den blassen Bergen, während ich auf meinem Telefon die E-Mails zu checken versuchte.

»Gibt es in dieser Gegend Hotels? Geschäfte? Restaurants?«, fragte ich und schämte mich, dass meine Stimme so verschüchtert klang.

»Nö«, antwortete Simon und schenkte mir ein wölfisches Grinsen. »Ist das nicht toll? Draußen in der Wildnis. Wir fanden, dass wir mit der Hotelszene durch sind und uns etwas Authentischeres suchen sollten. Hier findest du das echte Griechenland. Dein Handy kannst du wegstecken, denn es gibt sowieso keinen Empfang.«

»Alles … klar«, stammelte ich mit schwacher Stimme. »Wow. Super.«

Auf der Straße fuhren keine Autos. Weit und breit waren keine Tankstellen zu sehen, nur diese endlosen, mit Steinschlag übersäten Serpentinen. Auf einer Seite stieg die Landschaft an, auf der anderen fiel sie zum stets gegenwärtigen Meer hin ab.

»Gut, dass wir Herbst haben«, meinte Simon. »Im Winter liegt die Gegend unter Schnee begraben, und die Straßen sind alle geschlossen. Deshalb leben hier oben kaum Menschen. Die Bergkette heißt … ich weiß nicht. Hab den griechischen Namen vergessen, aber er bedeutet Weiße Berge oder so ähnlich. Es ist Kalkstein, glaube ich.«

Wir waren durch die allgegenwärtigen Olivenhaine gefahren, aber hier gab es immer weniger Zeichen von Bewirtschaftung, und das Land war extrem waldreich. Ich glaube, Simon fing mein wachsames Schweigen auf, denn unvermittelt ergriff er wieder das Wort. »Als ich die Schlüssel bekam, fragte ich, ob wir auf Bären oder wilde Eber aufpassen sollen. Offenbar leben hier aber keine. Es gibt eine seltene kretische Wildkatze und eine Steinbockart, und das war’s auch schon. Kein Grund zur Besorgnis.«

»Gut«, sagte ich. Ich war nie der naturverbundene Typ gewesen. Dass Simon einer war, bezweifelte ich ebenfalls. Ebenso sicher war ich, dass auch Melissa eine eingefleischte Städterin war. Wir mochten uns in der Wildnis aufhalten, aber das Haus – oder was immer es war – wies garantiert alle modernen Annehmlichkeiten auf. Wenn Melissa nicht wie aus dem Ei gepellt und geschminkt wie fürs Cover der Cosmo zum Frühstück herunterkam, würde ich mich der seltenen kretischen Wildkatze zum Fraß vorwerfen. Nein, ich würde die seltene kretische Wildkatze fressen.

»Was?«, fragte Simon, der sich halb zu mir umgedreht und mein Lächeln bemerkt hatte.

»Nichts«, wehrte ich ab. »Nur … du weißt schon … ich freue mich auf ein Wiedersehen und eine gemeinsame Zeit mit euch allen.«

So wie ich es ausdrückte, klang es leicht pathetisch, und das war auch beabsichtigt. Er sollte nicht merken, wie aufgeregt ich wirklich war, wie begeistert, dass mir die Aufrechterhaltung der fragilen Verbindung zu ihnen gelungen war. So mussten sich die Untertanen früher in Gegenwart königlicher Hoheiten gefühlt haben. Allerdings handelte es sich in diesem Fall um Freunde. Ich wusste, dass das eigentlich noch jämmerlicher war, und spottete insgeheim über mich, weil ich eine so ergebene Mitläuferin war. Es war die Müdigkeit, redete ich mir ein, die Erschöpfung, die mich schwach und gefühlsduselig machte. Ich hätte im Flugzeug schlafen sollen.