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Im Garten des Teufels E-Book

Luis Fernando Verissimo

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Beschreibung

»Es kann kein Leser gewesen sein, der Ihr Buch nachgestellt hat.« »Und warum nicht?« »Weil das Buch erst nach dem Verbrechen erschienen ist.« Jetzt war es an mir, ihn zu fragen, ob er sich sicher sei. Er war es. »Weil das Buch erst nach dem Verbrechen erschienen ist.« »Im Verlag wird das Buch von vielen Leuten gelesen, bevor es veröffentlicht wird«, ich ließ nicht locker. »Es könnte ein Lektor oder Korrektor gewesen sein. Die sind zu allem fähig. Vielleicht aus Rache für meinen Umgang mit den Pronomen.« Der einbeinige Kriminalschriftsteller Estévão wird durch die Beschuldigungen des Inspektors Macieira nachhaltig verunsichert. Ist der blutrünstige Grieche, Produkt seiner Phantasie und Bösewicht Nr. 1 in seinen fünftklassigen Krimis, Realität geworden? Eine mysteriöse Mordserie lässt keine andere Schlussfolgerung zu. So beschließt Estévão der Realität ein Schnippchen zu schlagen und schickt seinen Helden Conrad in immer wieder neue und ausgefallene Auseinandersetzungen mit dem fiesen Killer. Doch je mehr sich der Schriftsteller darum bemüht, mittels seiner Imaginationskraft die Realität zu beeinflussen, desto mehr verwickelt er sich in Widersprüche, und Inspektor Macieira lässt nicht locker.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 264

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Luis Fernando Veríssimo

Im Garten des Teufels

Copyright der eBook-Ausgabe © 2014 bei Hey Publishing GmbH, München

© Luis Fernando Veríssimo, 1988. By arrangement with Literarische Agentur Mertin Inh. Nicole Witt e. K., Frankfurt am Main, Germany and Agência Riff, Rio de Janeiro, RJ, Brazil

Übersetzt aus dem Portugiesischen von Kurt Scharf.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Covergestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Coverabbildung: FinePic®, München

Autorenfoto: © Sylvio Sirangelo

ISBN: 978-3-95607-071-6

Besuchen Sie uns im Internet:

www.heypublishing.com

www.facebook.com/heypublishing

Im Garten des Teufels

»Es kann kein Leser gewesen sein, der Ihr Buch nachgestellt hat.«

»Und warum nicht?«

»Weil das Buch erst nach dem Verbrechen erschienen ist.«

Jetzt war es an mir, ihn zu fragen, ob er sich sicher sei. Er war es.

»Weil das Buch erst nach dem Verbrechen erschienen ist.«

»Im Verlag wird das Buch von vielen Leuten gelesen, bevor es veröffentlicht wird«, ich ließ nicht locker. »Es könnte ein Lektor oder Korrektor gewesen sein. Die sind zu allem fähig. Vielleicht aus Rache für meinen Umgang mit den Pronomen.«

Der einbeinige Kriminalschriftsteller Estévão wird durch die Beschuldigungen des Inspektors Macieira nachhaltig verunsichert. Ist der blutrünstige Grieche, Produkt seiner Phantasie und Bösewicht Nr. 1 in seinen fünftklassigen Krimis, Realität geworden? Eine mysteriöse Mordserie lässt keine andere Schlussfolgerung zu. So beschließt Estévão der Realität ein Schnippchen zu schlagen und schickt seinen Helden Conrad in immer wieder neue und ausgefallene Auseinandersetzungen mit dem fiesen Killer.

A Faint Cold Fear Thrills Through My Veins

William Shakespeare

Die Hauptpersonen

Wer im Dschungel der brasilianischen Gesellschaft überleben will, muss den wahren Charakter seiner Kontrahenten erkennen können:

Estévão, der fünftklassige Schriftsteller;

Maria, die radioabhängige Haushälterin;

Lilia, die putzunwillige Putzfrau;

Ann, die Sanfte;

Tomás, der Revolutionär;

Conrad, der lernwillige Held, und diverse Kommissare mit cognacähnlichen Namen gehören zu den GUTEN.

Die BÖSEN sind armenische Waffen- und Drogenschieber; Rauschgiftbosse; Vishmaru, der trickreiche Guru; Conrads Vater, der fanatische Katholik, und natürlich der skrupellose Grieche.

Nur Inspektor Macieira steht zwischen GUT und BÖSE.

So sehr du auch aufpasst

der Tod lauert

zwischen den Zeilen

Alcides Buss,

1.

Auf den Namen Ismael höre ich nicht. Ich heiße Estévão oder so ähnlich. Wie alle Menschen bestehe ich zu achtzig Prozent aus Salzwasser, aber ich habe es schon aufgegeben, aus derartigen Tiefen irgendeinen bedeutungsschwangeren Unsinn heraufzuholen. Wie sogar die Wale lebe ich von den kleinen Fischen der Oberfläche, die bedeutungslos, aber nahrhaft sind. Vielleicht haben Sie einmal eins meiner Bücher an einem Kiosk gesehen. Jeder Mann über vierzig legt seine Bedürfnisse ab — außer dem, das ihn am Leben erhält. Bei mir sind es jene schlecht gedruckten Bücher auf Zeitungspapier mit grellem Einband, auf dem bevorzugt einer Frau mit üppigen, nackten Brüsten gerade etwas Schreckliches angetan wird. Ich schreibe jeden Monat ein Buch, unter verschiedenen amerikanischen Pseudonymen, wenngleich mein Held — ich weiß nicht, ob Sie das bemerkt haben - stets Conrad heißt. Conrad James. Herman Conrad. Ein wortkarger ehemaliger Matrose. Ein kleiner Fisch, aber mehr als eine Stadt verdankt ihre Rettung seinem entschlossenen Eingreifen zwischen den Seiten 90 und 95. Ich verfolge ein Schema: der große Fick ungefähr auf Seite 40, das entscheidende Zusammentreffen mit dem Bösewicht und die Auflösung ab Seite 90. Ich überlebe. Das Meer habe ich nie wiedergesehen. Wenn ich es recht bedenke — seit meinem Unfall bin ich nicht mehr aus dem Haus gekommen. Ich habe einen Fuß verloren. Aber davon will ich lieber nicht sprechen. Natürlich gibt es eine Frau, sie heißt Maria, die für mich kocht und mir stets neue Nachrichten über den Untergang ihrer Familie bringt. »Der Urin meiner Mutter sieht ganz schwarz aus«, und das ausgerechnet, wenn ich gerade Kaffee trinke. Dann ist da noch ein Mädchen, das zweimal in der Woche kommt, um meine Wohnung zu putzen, aber immer in meinem Bett landet. Lilia kommt schon seit zwei Jahren, aber sie hat noch kein einziges Buch abgestaubt. Das ist also mein Leben. Exile and cunnilingus. Aber das wollte ich eigentlich gar nicht erzählen.

Das Radio. Den ganzen Tag läuft das Radio.

»Bitte stellen Sie das Radio leiser, Dona Maria!«

Sie hört nicht. Klar, sie kann mich nicht hören, wenn das Radio so laut ist. Es ist ein Programm, das anscheinend überhaupt kein Ende nehmen will. Ein Mann hört sich Geschichten an, die ihm das Publikum erzählt. Geschichten von Elend und Verzweiflung. Von Eltern, die auf der Suche nach ihren verlorenen Kindern sind. Von Elendsquartieren, die in Flammen aufgehen. Von Ehedramen. Amputierten Gliedmaßen. Der Mann, der für das Programm verantwortlich ist, gibt Ratschläge und bittet um Hilfe. Er sagt, Gott werde seine Geschöpfe nicht verlassen. Das Publikum klatscht Beifall. Dona Maria hört mich nicht.

»Bitte stellen Sie das Radio leiser, Dona Maria!«

»Wie heißen Sie? Sagen Sie uns bitte, wie Sie heißen.«

»Gloria.«

»Und wo drückt Sie der Schuh, Dona Gloria.«

»Zarolho macht mir Sorgen, das ist mein Kind.«

»Er ist blind, Sie suchen jemanden, der ihm ein Auge spendet.«

»Nein, das nicht, es ist etwas anderes.«

»Sprechen Sie sich nur aus, Dona Gloria. Achtung, verehrtes Publikum.«

»Er und sein Vater haben ständig Streit. Er raucht Hasch.«

»Zarolho oder der Vater.«

»Zarolho.«

»Ihr Gatte hat Streit mit Zarolho, weil er Haschisch raucht. Habe ich Sie richtig verstanden, Dona Gloria?«

»Mein Mann will Zarolho umbringen. Candó sagt, dass er ihm ein Messer in den Leib rennen will, wenn er zu Hause auftaucht. Zarolho ist auf Abwege geraten, aber er ist doch von unserem Fleisch und Blut.«

»Hört Ihr Gatte unsere Sendung, Dona Gloria?«

»Ja.«

»Und wie heißt er?«

»Candó.«

»Hören Sie mal gut zu, Seu Candó. Ihr Sohn ist schließlich Ihr Sohn. Töten Sie Ihren Sohn nicht, Seu Candó. Vielleicht ist er so geworden, weil es ihm in seiner Kindheit an der nötigen Zuwendung gefehlt hat, nicht wahr, verehrtes Publikum? Versuchen Sie, ihm zu helfen. Ist Zarolho schon vorbestraft, Dona Gloria?«

»Ja.«

»Schicken Sie ihn zu mir, ich werde mit ihm sprechen.«

»Vielen Dank.«

»Stellen Sie das Radio leiser, Dona Maria!«

Das erste Mal habe ich das Meer auf einem Stich gesehen, in einem Buch aus der Bibliothek meines Vaters. Es war ein düsterer Stich, das Meer schwarz und aufgewühlt, darüber große, graue Wolken, ein hilfloses Segelschiff auf einem riesigen Wellenberg, dazu verdammt, in den Abgrund geschleudert zu werden. Ich konnte noch nicht lesen. Später habe ich das Meer wirklich gesehen, oft auch auf bunten Fotos und in Farbfilmen, aber immer, wenn ich an das Meer denke, fällt mir dieser düstere Stich ein, und in meiner Vorstellung riecht es wie ein altes Buch. Das Buch muss hier irgendwo noch sein. Ich habe alle aufgehoben. Ich lebe in einer kleinen Wohnung, mit Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küche in einem lauten, feuchten Mietshaus. Die Bücher liegen stapelweise im Wohnzimmer und im Schlafzimmer herum, bedeckt von Staub und Schimmel. Niemand macht sie sauber. Lilia wirbelt bloß den Staub auf, wenn sie von der Wohnungstür zum Schlafzimmer geht und dann wieder zurück vom Schlafzimmer zur Wohnungstür, und das zweimal in der Woche. Der Schmutz wandert nur weiter. Maria geht überhaupt nicht ins Wohnzimmer. Sie kommt morgens, erzählt die neueste Schreckensnachricht von zu Hause (»Meine Schwester hat jetzt grünen Auswurf«, und damit verdirbt sie mir den Appetit auf mein Joghurt) und geht direkt in die Küche, um das Radio anzustellen. Ich habe auch schon einmal den großen Wissensdurst gespürt, wissen Sie? Das Bedürfnis, der Welt tief ins blutunterlaufene Auge zu schauen und mich selbst zu ergründen, aber das Ergebnis war lediglich, dass ich gewissermaßen literarisch einen über den Durst trank und ein benebeltes Gehirn bekam. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich den Trödel in meinem Schädel scheppern höre, wenn ich den Kopf schüttele. Deswegen vermeide ich es, den Kopf zu schütteln. Ich bewege mich überhaupt wenig. Der Verlag schickt jemanden her, um die Bücher abzuholen, wenn sie fertig sind. Das letzte, das herausgekommen ist, trug den Titel Makabres Ritual. Ein ehemaliger Matrose namens Conrad James kommt in eine Stadt, die von einem Mörder terrorisiert wird, den alle »den Griechen« nennen. Conrad stellt den Griechen, aber zum ersten Mal in einem meiner Bücher stirbt der Bösewicht nicht. Der Grieche flieht. Der Roman lässt offen, ob der Grieche in einem der nächsten Bücher wieder auftaucht.

Ich schrieb gerade an diesem Buch, als es an der Tür klingelte. Das war es, was ich erzählen wollte. Ich war im Begriff, zu dem großen Fick der Seite 40 zu kommen, als es klingelte.

»Dona Maria, es klingelt!«

Dona Maria hörte nicht. Um vom Stuhl aufzustehen, muss ich die Schreibmaschine, die ich auf dem Schoss habe, auf ein Tischchen neben mir stellen, die Krücke nehmen, mich aus dem Stuhl erheben, wobei das Salzwasser in mir gluckert — »Dona Maria, es klingelt!« — und langsam durch das Zimmer humpeln, dabei muss ich aufpassen, dass ich keinen der staubigen Bücherstöße umwerfe …

»Dona Maria, stellen Sie das Radio leiser!«

Es war ein Mann, der sich als Inspektor Macieira vorstellte, »wie der portugiesische Cognac«. Er humpelte auf dem anderen Bein, das hätte mir auffallen sollen. Ich bat ihn, Platz zu nehmen, aber er bestand darauf, dass ich mich zuerst setzte. Dann sagte er:

»Sie sind Stephen Eliot?«

Ich sagte »nun, ja, hm«, aber er fuhr fort, er sei ein eifriger Leser und Bewunderer meiner Bücher. Eine Lüge, denn dieses Pseudonym hatte ich bei meinem letzten Buch zum ersten Mal verwendet. Er sagte, er freue sich sehr, mich kennenzulernen.

»Dann setzen Sie sich doch«, sagte ich, als ob nur meine Bewunderer das Recht hätten, in meinem Hause Platz zu nehmen.

»Entschuldigen Sie bitte die Indiskretion …« begann er und zeigte auf mein Bein.

»Darüber möchte ich nicht sprechen.«

»Entschuldigen Sie. Ich habe auch einen Fuß verloren, aber ich habe mir eine Prothese machen lassen, und jetzt kann ich mich wieder normal bewegen. Meinen Sie nicht …«

»Dona Maria, stellen Sie das Radio leiser!«

Er zuckte zusammen, als er mich so schreien hörte, und nutzte die Unterbrechung vorsichtshalber, um das Thema zu wechseln. Er war ein Mann in meinem Alter, klein, schlank, gut gekleidet und hatte hervorquellende Augen, so als ob der enge Kragen sie aus den Höhlen herausdrückte.

»Wie gesagt«, fuhr er fort, »bin ich ein aufmerksamer Leser Ihrer Bücher.«

»Ich dachte, mich lese niemand«, sagte ich und log ebenfalls. Ich wusste, dass meine Bücher sich einigermaßen verkauften und regelmäßig an allen Kiosken zu haben waren. Schließlich lebte ich davon. Ich fragte, welches ihm am besten gefallen habe. Er zögerte, dann antwortete er:

»Das letzte.«

»Mörderische Wut?« fragte ich, um ihn auf die Probe zu stellen.

»Makabres Ritual.«

Der Hundesohn hatte wirklich etwas von mir gelesen. Er fuhr fort:

»Ich wollte mit Ihnen über dieses Buch sprechen. Ihre Adresse habe ich von Ihrem Verlag.«

»Bitte.«

»Zuerst möchte ich Sie fragen … Woher bekommen Sie eigentlich Ihre Einfälle?«

Ich dachte einen Augenblick daran, meinen Kopf zu schütteln, damit er das Rasseln der losen Teile darin hören könne. Aber dann antwortete ich nur, dass sie meinem Kopf entsprängen. Er machte »hm«, als ob ihm diese Antwort missfiele. Vielleicht hatte er gehofft, dass ich einen Lieferanten hätte. Jemanden, der Schwarzhandel mit Ideen triebe. Absolut vertrauenswürdig. Liefert nur echte Einfälle. Soll ich Sie mit ihm bekannt machen?

»Der Grieche ist eine erfundene Gestalt?«

Ich zögerte. War er das? Er war es.

»Ja.«

»Haben Sie niemanden als Vorbild dafür benutzt? Jemanden, den Sie kennen? Jemanden, von dem Sie gehört haben?«

»Nein.«

»Sind Sie ganz sicher?«

»Warum?«

»Weil es einige, wie soll ich sagen, lieber Senhor Eliot, komische Übereinstimmungen gibt. Entschuldigung, ich meine natürlich nicht komische. Eigentlich eher tragische.«

»Was für Übereinstimmungen?«

»Haben Sie nicht in der Zeitung vom Tode jener Frau im Paradiesgarten gelesen? Vorigen Monat?«

»Ich lese keine Zeitung.«

»Sie ist mit mehreren Messerstichen getötet worden. Das Bett ist ganz mit Blut durchtränkt worden. Wir wissen noch nicht, wer der Mörder ist. Oder die Mörderin. Oder die Mörder.«

»Ja und?«

Ich blickte demonstrativ auf die Schreibmaschine, wo ich Conrad mitten in der Zeile verlassen hatte; er steckte gerade seine von der Sonne und dem Salz vieler Meere gebräunte Hand in Lindas Bluse, seine Finger suchten nach der Brustwarze, die ihm den ganzen Nachmittag lang durch den dünnen Stoff hindurch herausfordernd ins Auge gestochen hatte, und jetzt wollte er endlich zur Sache kommen. Ich habe zu tun, Inspektor!

»Da ist ein Detail, das nicht in der Zeitung stand, weil die Reporter es nicht erfahren haben. Der Mörder — oder die Mörderin oder die Mörder — schrieb mit dem Blut des Opfers etwas an die Wand … und zwar auf Griechisch, Senhor Eliot.«

Er sah mich starr an, offenbar erwartete er eine Reaktion. Er wartete vergebens. Dann fuhr er fort:

»Der Mörder ging genauso vor wie der Mörder in Ihrem Buch. Der Grieche.«

»Und was habe ich damit zu tun?«

»Nun ja, ich …«

»Ich übernehme keine Verantwortung für das, was meine Leser tun!«

»Es kann kein Leser gewesen sein, der Ihr Buch nachgestellt hat.«

»Und warum nicht?«

»Weil das Buch erst nach dem Verbrechen erschienen ist.«

Jetzt war es an mir, ihn zu fragen, ob er sicher sei. Er war es.

»Im Verlag wird das Buch von vielen Leuten gelesen, bevor es veröffentlicht wird«, ich ließ nicht locker. »Es könnte ein Lektor oder ein Korrektor gewesen sein. Die sind zu allem fähig. Vielleicht als Rache für meinen Umgang mit den Pronomen.«

Er lächelte müde. Ich enttäuschte ihn. Ich breitete die Arme aus.

»Dann ist es eben nur ein Zufall.«

»Ja, natürlich ist es nur ein Zufall. Aber, lieber Senhor …«

»Sprechen Sie mich nicht mit ›lieber Senhor‹ an«, sagte ich. Das war eine Warnung.

»Sie müssen doch zugeben, dass ich verpflichtet war, diesem Zufall nachzugehen. Wir von der Polizei glauben nicht an solche Zufälle.«

»Wir Schriftsteller sind auf sie angewiesen.«

»Dass wir beide nur einen Fuß haben, ist zum Beispiel …«

»Darüber möchte ich nicht sprechen.«

»Gewiss, gewiss. Besteht nicht vielleicht die Möglichkeit, lieber Senhor, Verzeihung, dass Sie ein Gespräch mit angehört haben, irgendeine Bemerkung über das Verbrechen und dies unbewusst als Anregung für Ihr Buch benutzt …«

»Wann ist das Verbrechen begangen worden?«

»Vorigen Monat. Am zwölften.«

»Da war das Buch schon beim Verlag.«

Er hob die Hände vor seine Brust und klatschte sich leicht auf die Schenkel, als ob er damit sagen wollte, dass die Angelegenheit damit erledigt sei. Er sah sich um und machte eine Bemerkung über die zu Bergen gestapelten Bücher. Ich sagte, die meisten hätte ich von meinem Vater. Er erwiderte, dass er leider keine Zeit zum Lesen habe.

»Ich lese nur Schund.«

Dann begriff er, was er gesagt hatte.

»Oh! Entschuldigung.«

»Aber ich bitte Sie. Das macht doch nichts.«

»Ich wollte eigentlich nicht Schund sagen. Ich meinte leichte Lektüre, Unterhaltungsliteratur. Sachen, die am Kiosk verkauft werden.«

»Schund, ist schon in Ordnung. Fünftklassige Erzählungen.«

»Nein. Ihre sind wirklich gut.«

»Was soll das? Ich benutze doch verschiedene Pseudonyme. Woher wissen Sie denn da, dass sie alle von mir sind?«

»Das erkennt man am Stil. Und am Helden. Immer ein ehemaliger Matrose.«

»Der Conrad heißt.«

»Das hatte ich gar nicht bemerkt. Warum gerade Conrad?«

»Dona Maria, das Radio!«

»Komisch, verschiedene Autorennamen, aber immer derselbe Held.«

»Und dieselbe Geschichte.«

»Ja, lieber Senhor. Sie sehr … Pardon, Sie schreiben wohl gerade wieder eine.«

»Die Fortsetzung von Makabres Ritual. Ich bin schon in der Mitte.«

»Wirklich? Der Grieche kommt auch wieder vor?«

Lassen Sie mich nachdenken. Es ist schon eine Weile her, dieses erste Mal. Es war bei Einbruch der Dunkelheit. War es im Frühling? Ja, es war Frühling. Ich mag es nicht, in meiner Einsamkeit gestört zu werden, aber in gewisser Weise interessierte mich dieser Mann, mit seinen hervorquellenden Augen, seinen Zufällen und seiner Prothese in dem blasser werdenden Licht, das durch das Fenster hereinfiel. Ich weiß nicht mehr, ob er mir schon damals beim ersten Mal erzählte, dass sein falscher Fuß von einem Ziegenbock stamme. Von einem Bock! Er fragte mich, ob der Grieche in dem neuen Buch auch wieder vorkomme, und ich antwortete ihm ja.

»Und was führt er im Schilde?«

»Nun. Nach der Schlussszene von Makabres Ritual liegt Conrad ein paar Monate im Hospital. Das neue Buch beginnt damit, dass er aus dem Krankenhaus entlassen werden soll. Er bekommt Besuch von einer Frau, sie ist wunderschön und heißt Linda, die Schöne. Sie bringt ihm einen Umschlag mit Geld, zehntausend Dollar, und einer Nachricht. Die Nachricht ist von dem Griechen und lautet nur: »Geben Sie nicht auf«. Als er die Frau fragen will, was das bedeuten soll, stellt er fest, dass sie nicht mehr da ist. Niemand weiß, wer sie ist und woher sie kommt. Er verlässt das Krankenhaus. Er hat große Sehnsucht nach dem Meer. Er benutzt einen Teil der zehntausend Dollar, um Schäden zu bezahlen, die er bei der Jagd nach dem Griechen angerichtet hat.«

»Ich erinnere mich.«

»Er geht zu Inspektor Hennessy, von Interpol, seinem besten Freund, einem älteren Bruder.«

»Natürlich, Hennessy. Wie der Cognac.«

»Er sagt Hennessy, dass er Ferien machen will. Dass er von allem die Nase voll hat. Dass die Gerechtigkeit, wenn ein Ungeheuer wie der Grieche ihr entkommen kann, jeden Wert verloren hat. Er sagt, dass er, als er dem Griechen von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden habe, geradewegs in das blutunterlaufene Auge des Bösen geblickt habe und dass ihm schwindlig geworden sei, weil er gefühlt habe, dass ihn jenes Ungeheuer in einen Abgrund ziehen könnte, und dass er deshalb zurückgewichen sei und zum ersten Mal in seinem Leben nicht auf seine Kraft vertraut habe.«

»Hört sich nicht an wie der alte Conrad.«

»In diesem Buch ist er anders. Er fühlt sich alt und schmutzig, und er sagt, dass er aufs Meer zurückkehren wolle, um wieder zu sich selbst zu finden. Um die Sonne und das Salz auf seiner Haut zu fühlen. Den Geruch von alten Büchern. Das Meer von Odysseus, das Meer von Sindbad und von Nemo …«

»Von Camões.«

»Von wem?«

»Camões, dem portugiesischen Nationaldichter. Die Portugiesen waren große Seefahrer.«

»Aha. Conrad bucht eine Kreuzfahrt auf einem Luxusdampfer. Die Erfahrungen in Makabres Ritual haben ihn tief erschüttert. Die Gestalt des Griechen bringt ihn auf eine unerklärliche Weise durcheinander. Nicht nur, weil es der erste Bösewicht war, dem er nicht vor der Seite 95 seine gerechte Strafe zukommen ließ, der erste, vor dem er zurückgewichen ist. Sondern, weil er gespürt hatte, dass er bei dem Griechen auf etwas Tieferes und Dunkleres gestoßen war, als einen verbrecherischen Hang, etwas Pathologisches oder einfach eine literarische Figur.«

Ich spürte, dass sich der Inspektor unbehaglich fühlte, dass er es offensichtlich nicht wünschte, in solche Tiefen verschleppt zu werden. Er hatte schlichtere Geschichten lieber. Schuld und Sühne. Nichts, was auf der letzten Seite noch offen blieb, unentwirrte Fäden, Zweifel oder gar philosophische Unruhe. Mist. Aber ich hatte seit Jahren nicht mehr soviel mit jemandem gesprochen. Ich berauschte mich am Klang meiner eigenen Stimme. Seit so langer Zeit!

»Verstehen Sie? Diese besonderen Ritualmorde. Ohne Motiv, aber gleichzeitig einem Schema entsprechend, einer schrecklichen Logik gehorchend, einem alten Trieb, der sich immer wieder geltend macht und … und … Verstehen Sie?«

Der Inspektor sah auf die Uhr, bevor er antwortete:

»Ja.«

»Conrad fühlt, dass er alt wird, und zum ersten Mal in seinem Leben denkt er über seine eigenen Motive nach. Er denkt an den Tod. Er, der dem Mord allein in meinen Büchern bereits Hunderte von Malen ins Auge geschaut hat, denkt zum ersten Mal ernsthaft an sein Ende.«

Es wird langsam dunkel. Der Inspektor schlägt ein Bein über das andere. Das falsche. Der Schuh ist kleiner als der des anderen. Ich erinnere mich nicht, ob ich schon wusste, dass es ein Bocksfuß war. An die Einzelheiten erinnere ich mich nicht. Ich gebe das Gespräch, das wir bei jenem ersten Treffen führten, natürlich nicht genau wieder. Viel davon entspringt der Phantasie. Der Inspektor wurde offensichtlich ungeduldig. Aber ich redete weiter.

»Auf demselben Schiff reist ein internationaler Waffenhändler namens Mabrik mit seiner Frau, einer schlanken, blonden Dänin, die, als sie das erste Mal zu Conrad hinübersieht, die Zunge aus streckt wie ein blaurotes Reptil und mit der Zungenspitze die eigene Nasenspitze berührt.«

»Na, so was!« bemerkte der Inspektor, sein Interesse war wieder erwacht.

»Ja, eben«, sagte ich zustimmend. »Immer wenn Conrads Augen denen der Blonden begegnen, macht sie ihn mit demselben Trick auf sich aufmerksam, benutzt die Zunge wie einen Zeigefinger. Auf dem Schiff darf gespielt werden, und Mabrik ist ein leidenschaftlicher Spieler. Er gewinnt und verliert Nacht für Nacht Tausende von Dollars. Die Blondine begleitet ihn nicht in den Spielsaal. Sie bleibt in der Bar, unter Aufsicht von Mabriks Mutter, einer Alten mit Damenbart, die immer schwarz trägt und ständig einnickt. Wenn es eine andere Geschichte wäre, würde Conrad keine Zeit damit verlieren, darüber nachzudenken, welcher Versuchung er zuerst nachgeben soll: Mabrik, dem Todeshändler, ein paar mit menschlichem Leid gewonnene Dollars im Spiel abzunehmen oder die Einladung anzunehmen, die Zunge der Blondine zu kosten, wie sie tief in seinen Schlund hinabgleitet, oder sich wie eine blaurote Schlange um seinen Pfahl windet. Aber Conrad ist nicht mehr derselbe.«

Der Inspektor machte wieder einen gelangweilten Eindruck. Ich dachte in dem Moment sogar, dass er vielleicht gar kein Inspektor sei, dass er sich die ganze Geschichte nur ausgedacht habe, um an mich heranzukommen, in meine Abgeschiedenheit einzudringen und mich wegen des wenig überzeugenden Schlusses von Makabres Ritual zur Rechenschaft zu ziehen. Lediglich ein unzufriedener Leser. Jetzt war er offensichtlich auch ein unzufriedener Zuhörer.

»Conrad war aufs Meer zurückgekehrt, um wieder zu sich selbst zu finden, wie jemand, der zu seinen Quellen zurückkehrt, um sich zu erneuern, aber das Gegenteil war geschehen. Das Meer, die See der Wikinger und der Seeräuber, von Drake und von Sabatinni …«

»Von Vasco da Gama«, warf der Inspektor ein und beugte sich ein wenig vornüber, um auf die Uhr zu sehen, denn es wurde jetzt schnell dunkler.

»Das Meer wirkte dies Mal ganz anders auf Conrad. Als ein weiteres Geheimnis, das nicht mehr die tröstliche Vertrautheit einer Wiege vermittelte. Das Meer war jetzt eine weitere Erscheinungsform jener namenlosen Angst, die er fühlte, jenes bedrückenden Schreckens, den weder er noch der Autor in Worte fassen konnten. Das Meer tröstet ihn nicht mehr, eher verstärkt es noch seinen Schrecken, seinen Eindruck, dass ein böses Geschick hinter allem stehe, hinter den Menschen wie hinter der Natur. Das war es, wovon ich erzählen wollte. Der Grieche hatte mit seinen Ritualmorden jenen Schrecken in Conrads Brust entfesselt. Bei keinem seiner früheren Abenteuer hatte Conrad einem Verbrecher wie dem Griechen gegenübergestanden, und dennoch unterschied sich der Grieche nur dadurch von den anderen Bösewichtern, dass seine Verbrechen keine Untaten waren, die Conrad hätte rächen können, vergängliche Geschwüre, die Conrad hätte ausbrennen können, bevor er zur nächsten Stadt und zum nächsten Abenteuer weiterzog, sondern dass sie in einem anderen Code verschlüsselt waren, einem Palimpsest. Alle Geschichten Conrads waren immer dieselbe Geschichte, und nun entdecken er und der Autor auf einmal, dass ihrer Geschichte eine andere unterlegt war, eine Geschichte, die sich ebenfalls wiederholte wie bei einer Litanei. Die Worte, die der Grieche mit dem Blut seiner Opfer auf Griechisch an die Wand geschrieben hatte, sind wie Fetzen jener anderen Geschichte, die zum Vorschein kommen, Bruchstücke einer Offenbarung. Conrad entdeckt, dass er, ohne es zu ahnen, die ganze Zeit von seinem ersten Abenteuer an einem Ritual teilgenommen hat. Verstehen Sie?«

Der Inspektor erhob sich aus seinem Stuhl. Er war nicht hierher gekommen, um sich so etwas anzuhören. Palimpseste kauft man nicht an Kiosken. Er sagte, dass er leider gehen müsse, dass er sich für meine Freundlichkeit bedanke, aber … Ich hielt ihn zurück.

»Warten Sie einen Augenblick! Es passiert etwas Seltsames. Eines Nachts geht Conrad auf Deck. Vielleicht, weil er einen letzten verzweifelten Versuch unternimmt, sich mit dem Meer und dessen alter Reinheit zu versöhnen. Das Deck ist leer. Und da passiert etwas Seltsames. Das Schiff gerät in eine Zone absoluter Ruhe. Nichts ist zu hören. Weder Wind noch Meeresrauschen noch das dumpfe, mehr geahnte als wahrgenommene, einer übertönten Erzählung gleichende Geräusch der Schiffsmaschinen. Vollkommene Stille.«

Und dann geschah wirklich etwas Seltsames. Der Inspektor und ich schienen ebenfalls in eine Zone absoluter Stille geraten zu sein. Erschrocken sahen wir einander an. Es dauerte eine Weile, bis wir begriffen, dass Dona Maria das Radio ausgestellt hatte. Sie erschien in der Küchentür und erschrak, als sie den Inspektor sah. Sie hatte ihn nicht hereinkommen hören. Noch hatte sie unser Gespräch gehört, bei der Lautstärke des Radios. Es war das erste Mal seit vielen Jahren, dass sie jemanden mit mir zusammen im Zimmer sah. Dann sagte sie in derselben finsteren Art, in der sie alles zu sagen pflegt:

»Ha. Dick und Doof.«

»Wie bitte, Dona Maria!«

»Ich gehe jetzt. Das Abendessen steht im Kühlschrank. Die gebügelten Kleider liegen auf dem Plättbrett.«

»Vielen Dank, Dona Maria.«

Hinter ihr ging der Inspektor hinaus, er blieb einen Moment stehen, drehte sich zu mir um, seine Augen quollen noch stärker hervor, und fragte:

»Ja, und?«

»Was, und?«

»Conrad. Auf dem Deck.«

»Vollkommene Stille. Und dann hört er plötzlich eine Frauenstimme singen. Er blickt über die Reling des Schiffes in der Erwartung, eine Nixe zu sehen, die ihm von einem Wellenrücken aus zuwinkt. Aber das Meer ist eine dichte, graue Fläche, über der ein unwirklicher Schimmer liegt, und Nixen sind nicht zu entdecken. Und dann sieht er auf dem Deck wenige Meter vor sich, ebenfalls über die Reling gebeugt, eine Frau. Sie singt. Es ist Linda. Die Frau, die ihm den Umschlag des Griechen ins Krankenhaus gebracht hat.«

»Noch so ein Zufall.«

»In einer anderen Geschichte wäre es ein Zufall. In dieser nicht.«

»Wie bitte?«

»Schon gut. Aber jetzt weiß Conrad, dass hinter diesem Geschehen noch ein anderes abläuft, ein geheimnisvolles, und er ist sich keineswegs sicher, dass er erfahren möchte, wie es ausgeht. In einer anderen Geschichte würde er keinen Augenblick zögern, sich Linda zu nähern; denn er weiß, dass sie ihn auf die Spur des Griechen führen wird. Aber jetzt zögert er.«

»Das sieht dem alten Conrad gar nicht ähnlich.«

»Es ist nicht der alte Conrad.«

»Darf ich Sie etwas fragen?«

»Bitte.«

»Was hat der Grieche mit dem Blut seiner Opfer auf Griechisch an die Wände geschrieben? Im Buch wird das nicht erklärt.«

»Natürlich nicht. Ich werde niemals verraten, was er geschrieben hat.«

»Wissen Sie es selbst nicht?«

»Dona Maria, stellen Sie das Radio leiser!«

Es herrschte völlige Stille. Er lächelte. Dann wurde er ernst. Vielleicht wollte er sich darüber klarwerden, ob ich nicht nur einbeinig, sondern außerdem verrückt sei. Oder auch nicht. Jedenfalls sagte er:

»Darf ich noch etwas fragen?«

»Bitte.«

»Warum haben Sie mich nicht gefragt, was der wirkliche Mörder im Paradiesgarten mit dem Blut an die Wand geschrieben hat?«

Ich verzog den Mund und zuckte mit den Schultern. Das war die einzige Antwort, die mir einfiel. Dann fragte ich, was der wirkliche Mörder im Paradiesgarten mit dem Blut an die Wand geschrieben habe.

»Es war fast vollständig abgewischt. Nur ein paar Striche waren noch zu sehen und nur, wenn man genau hinsah. Deswegen haben die Reporter sie auch nicht bemerkt.«

»Abgewischt?«

»Eine unbesonnene Putzfrau. Sie war es, die die Leiche gefunden hat. Und sie hatte nichts Besseres zu tun, als alles zu putzen. Aber sie war nicht nur unbesonnen, sondern auch eine schlechte Putzfrau, denn sie hat nur nachlässig geputzt.«

»Es mangelte ihr an Übung.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich kenne sie.«

»Aber ich habe ihren Namen doch gar nicht erwähnt.«

»Heißt sie nicht Lilia?«

Schweigen. Dann sagte er:

»Der Name stand in der Zeitung.«

»Wenn er in der Zeitung stand, habe ich ihn nicht gelesen. Ich lese nie Zeitung.«

»Woher wissen Sie es dann?«

»Ein so schöner Zufall muss sich ereignen.«

Der Inspektor ging langsam und nachdenklich durch das Zimmer; er achtete darauf, nicht an die Bücherstapel zu stoßen. Er fragte, ob er rauchen dürfe, ich sagte »ja«, aber er nahm sich keine Zigarette. Dann setzte er sich wieder hin und sah mich an. Er lächelte, als wollte er sagen: Was sollen wir nur mit Ihnen anfangen? Dann sagte er:

»Zufälle über Zufälle. Ich mag Zufälle nicht.«

»Mir fangen sie auch an zu missfallen.«

»Sagen Sie mal, Stephen.«

»Estévão.«

»Estévão. Begeht der Grieche in diesem neuen Buch wieder so ein ähnliches Verbrechen wie in dem ersten?«

»Ich bin erst ungefähr in der Mitte. Conrad und Linda sind in ihrer Kajüte. Er steckt gerade seine von der Sonne und dem Salz vieler Meere verbrannte Hand in Lindas Bluse.«

»Dann hat er sich also auf dem Deck an sie herangemacht.«

»Ja, klar. In dieser Hinsicht hat sich schon eine Menge zugetragen. Conrad hat sich entschlossen, sein Schicksal herauszufordern, trotz der Vorahnungen. Und eigentlich bin ich ja derjenige, der über sein Schicksal zu befinden hat. Wenn er sein Schicksal nicht herausforderte, ergäbe es kein Buch, und ich bin mit dem Manuskript schon im Rückstand. Conrad und Mabrik haben fünf oder sechs Seiten lang gegeneinander Poker gespielt. Conrad hat Mabrik ausgenommen. Zum Schluss hat Mabrik das einzige gesetzt, was ihm noch übrigblieb, die schlanke, blonde Dänin, aber Conrad hat das als Gentleman zurückgewiesen. Außerdem hatte er die Blondine schon in einem Rettungsboot genossen.«

»Ein Fick über mehrere Seiten?«

»Nein. Der große Fick kommt jetzt erst. Den Fick mit der Blondine habe ich in dem Augenblick beendet, in dem ihre lange Zunge sich wie eine blaurote Schlange um Conrads Pfahl ringelt.«

»Wie geht das Pokerspiel aus?«

»Um den Spieltisch herum stehen einige der wichtigsten Leute aus dem Geschäftsleben, die alle diese Millionärskreuzfahrt mitmachen. Amerikaner, Eigentümer von Fastfood-Restaurantketten, die die Welt wie ein fettiges Netz überziehen. Ruinierte europäische Adlige, die reiche Witwen begleiten, deren Gesichter eine dicke Schicht von Schminke gnädig verdeckt. Arabischen Potentaten, die sogar das Öl im Haar ihrer üppigen Frauen besitzen.

»Korrupte Brasilianer.«

»Kein Brasilianer. Mabrik kann es sich nicht leisten, vor der Internationale des großen Geldes sein Gesicht zu verlieren. Er liefert Waffen jeden Kalibers, gleichgültig wohin und an wen. Man munkelt, dass er sogar Zugang zu chemischen Waffen habe, und er genießt den Ruf absoluter Zuverlässigkeit. Kurz, er ist ein ehrbarer Schurke. Er sucht nach einem ehrenvollen Ausweg, sonst verliert er seinen Kredit. Da macht er folgendes: Er öffnet eine Brieftasche aus marokkanischem Leder, und aus ihrem letzten Fach angelt er eine armenische Banknote hervor, die nur ein schmutziger Streifen Tesafilm noch zusammenhält. Er sagt: ›Dieser Schein ist keinen Pfifferling wert. Nicht einmal Armenien gibt es mehr. Aber es ist mein wertvollster Besitz. Es war der erste Geldschein, den mein Vater Mabul verdient hat, als er den Türken einen Karabiner verkaufte, um ihn gegen sein eigenes Volk zu richten, denn ein Geschäft bedeutete ihm mehr als abstrakte Begriffe wie Menschen oder das Vaterland, und das ist bis heute der Schein, der meinen Weg beleuchtet und mein Handeln bestimmt. Mit diesem Schein bezahle ich meine Schuld. Wenn ich mein Herz auf den Tisch legte, würde es mich nicht mehr schmerzen.‹ Und Conrad ist jetzt in einem Zwiespalt. Wenn er die schmierige Banknote zurückweist, bedeutet das eine Geringschätzung von Mabriks großzügiger Geste und eine Herausforderung aller Umstehenden, die sämtlich Anhänger von Mabuls Moral sind. Den Schein anzunehmen, heißt, sich zum Komplizen von Mabrik und seinen mörderischen Spießgesellen zu machen. Darauf weist Conrad den Geldschein zurück und sagt, dass er nicht mit dem Gefühl leben könne, Mabrik einen solchen Schmerz bereitet zu haben, und fügt hinzu, dass Mabrik ihm einen Gefallen schulde. ›Wie groß soll der Gefallen sein?‹ fragt Mabrik. ›So groß, wie der Wert dieser schmierigen Banknote für Sie ist‹, antwortet Conrad.«

»Scheiße!«

»Danke.«

»Und der Grieche ist in der Geschichte bisher noch nicht aufgetaucht?«

»Noch nicht.«

»Aber er taucht noch auf.«

»Aber sicher.«

»Haben Sie schon etwas Bestimmtes mit ihm vor? Ein Verbrechen?«