Im Himmel wurde ich heil - Steven R. Musick - E-Book

Im Himmel wurde ich heil E-Book

Steven R. Musick

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Beschreibung

Steven Musick ist 19 Jahre alt, als er ein Nahtod-Erlebnis hat: Nach einer allergischen Reaktion ist er ins Koma gefallen. Fünf Wochen rechnen seine Ärzte nicht damit, dass er noch einmal ins Leben zurückkehrt. Was vorausging: Steven ist ohne sein Wissen bei der US-Marine mit einem Schweinegrippe-Virus infiziert worden. Was heute verboten ist, bringt den jungen, sportlichen und überaus intelligenten Rekruten in eine lebensbedrohliche Situation. In den fünf Wochen seines Komas ist Steven Musick bei Jesus im Himmel. Jesus spricht lange mit ihm. Musick erlebt seine unbegreifliche, tiefe Liebe und einen Frieden, wie es ihn in dieser Welt nicht gibt. Zehn Jahre kann er nicht über seine Erfahrungen im Koma sprechen, weil sie so unglaublich intensiv und anders waren als alles, was er in seinem irdischen Leben kannte. Hier schildert er die intensive Begegnung mit Jesus und seine Erfahrungen der inneren und äußeren Heilung. Musick hat erlebt, dass Jesus uns so nahe ist wie nur irgendjemand. Dass er jederzeit handeln und auf Gebete und Schritte im Glauben reagieren will. Musick wirbt deshalb leidenschaftlich dafür, dass wir hier und jetzt mit Jesus rechnen und uns durch nichts entmutigen lassen. Steven Musick lebte schon vor seiner Nahtod-Erfahrung in einer besonderen Wachheit für Gottes Wirken. Seitdem kann er immer wieder für Menschen beten, die krank oder in Not sind. Manchmal erfährt er im Traum, dass jemand ein bestimmtes Problem hat. Im Glauben kommt es meist nicht auf große Taten an, sondern auf kleine Schritte, betont er.

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STEVEN R. MUSICK

MIT PAUL J. PASTOR

Im Himmelwurde ich heil

Wie ein Nahtod-Erlebnismein ganzes Leben veränderte

Die englischsprachige Originalausgabe erschien unter dem Titel„Life after Heaven – How my time in heaven can transformyour life on earth“ bei Waterbrook, New York.

Alle Rechte vorbehalten.

This translation published by arrangement with WaterBrook Press,an imprint of the Crown Publishing Group,a division of Penguin Random House LLC. WaterBrook®and its deer colophon are registered trademarksof Penguin Random House LLC.

Copyright © by Steven R. Musick 2017

Bestimmte Namen in diesem Bericht wurden geändert,um die Persönlichkeitsrechte der betreffenden Personen zu schützen.Rückschlussmöglichkeiten auf reale Personensind damit zufällig und nicht beabsichtigt.

Deutsch von Dr. Friedemann Lux

© der deutschen Ausgabe Brunnen Verlag Gießen 2018Umschlagfoto: ShutterstockUmschlaggestaltung: Daniela SprengerSatz: DTP BrunnenISBN Buch 978-3-7655-0986-5ISBN E-Book 978-3-7655-7506-8

Inhalt

Wie dieses Buch entstand

Einleitung

Teil IVon der Erde zum Himmel

Kapitel 1Nur nicht auffallen

Kapitel 2Rekrut

Kapitel 3Die Spritze

Kapitel 4Das große Erlebnis

Teil IIZwischenzeit

Kapitel 5Ich komme zurück

Kapitel 6Mein innerer Kampf

Kapitel 7„Himmelskugeln“

Kapitel 8Die große Wiederholung

Kapitel 9Noch mehr Himmel auf Erden

Teil IIIVom Himmel zur Erde

Kapitel 10Die Einladung

Kapitel 11Die intensive Nähe Gottes kann jeder erleben – auch Sie

Kapitel 12Gott ist uns näher, als Sie vielleicht denken

Kapitel 13„Himmelskugeln“ überraschen uns

Kapitel 14„Himmelskugeln“ sind Gelegenheiten für Gottes Liebe

Nachwort

Dank

Die beiden wichtigsten Tage in deinem Leben sind der, an dem du geboren wurdest, und der, an dem du herausfindest, warum.Mark Twain

Dieses Buch ist einer Löwin von Frau gewidmet. Ich lernte sie 1975 kennen. Wir heirateten 1978. Sie ist der einzige Grund dafür, dass ich heute noch lebe. Elaine ließ sich mit einem intelligenten Typen ein, der beim Thema Beziehungen ein Zwerg war. Aber gemeinsam bauten wir ein tiefes und reiches Leben. Elaine J. Musick ist eine Weltklasse-Lady. Für mich ist sie ein in menschliche Haut gekleideter Engel, den Gott mir schickte, um mich zu retten und vollständig zu machen. Sie ist, mit einem Wort, eine Gabe Gottes. Dieses Buch ist mein Geschenk an sie; Elaine ist auf jeder Seite anwesend.

Wie dieses Buch entstand

Ich hatte mich in einem nahe gelegenen Kloster zum Schreiben zurückgezogen, als mein Telefon klingelte. Es war ein guter Freund, der seit Kurzem in einem Verlag arbeitete. „Ich habe da was, was dich interessieren könnte“, sagte er. „Hör mir zu und leg nicht auf. Es ist eine Geschichte über jemanden, der im Himmel war und zurückgekommen ist.“

Hätte ich Andrew nicht so gut gekannt, ich hätte gelacht und das Gespräch beendet. Andrew wusste gut, was ich von den Büchern von „Himmelstouristen“ hielt, wie ich sie nannte. Ich glaube zwar, dass viele von ihnen auf realen Erfahrungen beruhen, aber ich finde die Art, wie diese Geschichten erzählt werden, zu reißerisch, zu einseitig auf das Thema „Was nach dem Tod kommt“ konzentriert und auch (Entschuldigung) ziemlich kitschig. Ich war also skeptisch.

Aber ich kannte Andrew und vertraute ihm und so sagte ich: „Schieß los.“

„Also, ich finde, du solltest dich mal mit Steve unterhalten“, fuhr er fort. „Er hat … so ein gewisses Etwas.“

Ich ließ mich breitschlagen, und zwei stundenlange Telefongespräche später (mit diesem Steven Musick) musste ich Andrew recht geben. Dieser Steven hatte in der Tat ein gewisses Etwas, etwas Echtes, Ehrliches, Tiefes. Der Mann war freundlich und auf eine stille Art anziehend. Ich fand nicht nur, dass seine Nahtod-Geschichte echt war und dass man sie drucken konnte. Steven hatte darüber hinaus auch eine Leidenschaft, die ich in den bisherigen Geschichten von Christen, die den Himmel besucht hatten, nirgends gefunden hatte: Ihm war das Diesseits wichtig, die irdische Welt, in der wir jetzt leben. Er wollte seine Erfahrungen mit Jesus im Himmel für unser irdisches Leben mit Jesus übersetzen. Ein paar Wochen später wusste ich: Jawohl, ich wollte Steven helfen, seine Geschichte zu erzählen und unter die Leute zu bringen.

Stevens Geschichte ist kein Fall von Vertröstung auf das Jenseits, nach dem Motto „Das Schönste kommt noch – warte, bis du stirbst“, sondern in dieser Geschichte, die vom Leben, vom Tod und vom erneuten Leben eines Mannes handelt, drückt sich eine meiner tiefsten geistlichen Überzeugungen aus: Gottes Wirken in dieser Welt ist viel mehr, als dass er die Menschen irgendwann in den Himmel holt. In einer geheimen Fülle lässt er den Himmel auf die Erde herabkommen. „Der Himmel ist uns viel näher, als man uns beigebracht hat“, sagt Steven immer wieder, ob in Vorträgen oder im persönlichen Gespräch. Die Geschichte, die Sie gleich lesen werden, illustriert diese Wahrheit wie keine andere, die ich je gehört habe.

Was mich in unseren Gesprächen über Stevens großes Erlebnis am meisten beeindruckte, war das schier überwältigende Gefühl: Als er von dem weißen Tunnel erzählte und von dem, was danach kam, schilderte er nicht nur eine Geschichte, sondern eine Erinnerung. Was er da sagte, war wirklich passiert! Und es hatte sein Leben komplett verändert.

Während der Arbeit an diesem Buch habe ich Steven als Freund kennen und schätzen gelernt. Wir saßen nicht nur viele Stunden lang mit Notizbüchern und Rekordern zusammen; in den Pausen beteten, aßen und lachten wir zusammen, wanderten zu Wasserfällen im schönen Oregon und kurvten im Auto durch die Landschaft. Wir tauschten Geschichten über unsere Familien, unsere Arbeit und Hobbys aus. Wir stärkten uns mit Hamburgern und Burritos. Wir fachsimpelten über das Angeln. Steven lernte meine Frau und meine Kinder kennen und aß mit uns Spaghetti. Er ist ein unkomplizierter Mann, mit dem man gut auskommt. Aber immer wieder musste ich an Andrews Worte denken: „Er hat … so ein gewisses Etwas.“

Ja, das stimmt. Und ich glaube, dieses „gewisse Etwas“ an Steven ist der Himmel – der Himmel nicht als „irgendwo da oben“, sondern als etwas, das ganz nah ist. Näher, als wir immer gedacht hatten. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Steven irgendwann einmal selbst kennenlernen und dies spüren können.

Ich war lange skeptisch. Als wir uns über meine Mitarbeit an diesem Buch einigten, wusste ich erst nicht so recht, ob ich wirklich meinen Namen auf der Titelseite haben wollte. Nun, das hat sich geändert. Heute bin ich stolz darauf, an dem, was Steven zu sagen hat, beteiligt zu sein.

Die Zusammenarbeit mit ihm hat mir die Augen dafür geöffnet, dass sein Bericht über das Andere Land es wert ist, dass viele ihn lesen – auch Sie. Doch da ist noch mehr. Ich habe auch ganz persönlich erlebt, was für eine Macht in dem Wissen um die wunderbare Nähe des Himmelreiches liegt. Ich weiß: Ich darf hoffen. Hoffen – nicht nur auf Gottes Gegenwart nach dem Tod, sondern schon hier und jetzt. Ich darf Hoffnung haben für dieses Leben. Stevens erstaunliche Geschichte hat mir diese Hoffnung greifbarer gemacht als je zuvor in meinem Leben.

Es ist mein Gebet, dass sie auch Ihnen diese Hoffnung bringt.

Paul J. Pastor

Einleitung

Mein Leben auf der Erde ist durch ein Erlebnis im Himmel beeinflusst worden. Die Jahre meines Lebens sind ganz entscheidend durch meine Nahtod-Erfahrung geprägt worden.

Es fällt mir heute noch schwer, über das gewaltige Erlebnis zu sprechen, das ich in diesem Buch schildere. Ich brauchte zehn Jahre, bis ich meiner Frau davon erzählen konnte, und weitere fünfundzwanzig, bis ich öffentlich darüber reden konnte. Das liegt zum Teil daran, dass das Reden über dieses Erlebnis in mir eine tiefe, unbeschreibliche Sehnsucht danach berührt, wieder zurückzugehen. Nichts, absolut nichts in dieser Welt kann man mit der Freude vergleichen, die man dort erlebt. Wer sie einmal erfahren hat, möchte nicht mehr hier auf dieser Erde sein; er will mit jeder Faser zurückgehen. Und diese Sehnsucht ist so stark und so unbeschreiblich, dass man fast ein schlechtes Gewissen bekommt, weil man am liebsten nicht mehr hier sein möchte, hier bei seiner Familie. Aber ich weiß: Noch ist es nicht so weit. Aber er wird kommen, der Tag, an dem ich zurückgehen werde.

Seit meinem Himmelserlebnis habe ich keinerlei Probleme mehr mit meinem christlichen Glauben. Ich erlebe jede Menge anderer Kämpfe, aber die bange Frage, ob ich wirklich erlöst bin, gehört nicht dazu. Als ich aus dem Lichttunnel hinaus in die Gegenwart von Jesus geworfen wurde – wie Sie hier lesen werden –, wurde mein Glaube zum Schauen. Dieses Erlebnis hat mir eine tiefe Gewissheit gegeben. Ich weiß, wie es sein wird, wenn ich wieder dorthin gehe. Ich habe den Himmel gesehen. Ich habe es am eigenen Leib erfahren, dass Jesus meine Heimat ist. Ich brauche nicht zu glauben, ich muss mich nur erinnern. Es ist alles unverändert echt, wirklich, taufrisch. Und ich weiß: Eines Tages werde ich dorthin zurückkehren, für immer.

Aber sosehr ich mich auf die Rückkehr in das Andere Land freue – ich spüre auch eine tiefe, leidenschaftliche Berufung, bis dahin ganz hier auf dieser Erde zu sein. Sosehr ich mich danach sehne zurückzukehren – ich möchte Gottes Gegenwart und sein Wirken hier und jetzt erleben, dort, wo wir leben und arbeiten und weinen und spielen und einen Vorgeschmack von Gottes Gegenwart und dem Himmel bekommen. Ich möchte, dass mein Leben eine Art Vorschau auf die kommenden Freuden ist. Ich möchte, dass die Menschen um mich herum ein Stückchen Himmel erleben, eine Ahnung davon bekommen, wie Jesus ist und wie der Vater ist.

Ich weiß, dass es nicht möglich ist, dieses perfekte Land auf dieser unvollkommenen Erde nachzubilden. Aber ich finde, wir sollten es versuchen, denn ich weiß: Dieses Andere Land ist das, wozu wir erschaffen sind und was wir alle wollen. Alle. Zum Teil ist Gottes Reich schon hier und jetzt sichtbar, auch wenn wir auf die ganze Fülle dieser Freude noch warten müssen. Sie und ich, wir können es für Augenblicke sehen und willkommen heißen, das Himmelreich, über das Jesus so oft predigte, als er über diese Erde ging.

Wir können es schon jetzt spüren. Wir können es schon jetzt schmecken, auch wenn es nur ein Vorgeschmack ist. „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“ (Matthäus 6,10).

Ich glaube, dass wir das bekommen sollen.

Und ich glaube, dass wir es auch bekommen können.

Um einen Vorgeschmack auf das Reich Gottes zu bekommen, müssen Sie nicht ein Erlebnis haben, wie ich es hatte. Sie und ich können dieses Reich hier und jetzt spüren und erkennen. Wir können sogar lernen, solche Augenblicke vorauszuahnen. Ich glaube, dass mein Tod etwas sein kann, wofür es sich zu leben lohnt. Ich möchte damit nicht anmaßend klingen, aber ich glaube, dafür bin ich hier. Das ist der Grund, warum ich nicht dort bleiben konnte: dass ich Ihnen davon erzählen soll.

Schauen Sie, dies ist mehr als eine Geschichte über das Leben nach dem Tod.

Dies ist eine Geschichte über das Leben nach dem Himmel.

TEIL I

VON DER ERDE ZUM HIMMEL

1

Nur nicht auffallen

Ich stehe mit meinem blauen Subaru-Kombi an einer sechsspurigen Kreuzung vor der Ampel, nicht weit von zu Hause. Durch die Windschutzscheibe sehe ich eine milchigrote Sommersonne über den Bergen von Colorado untergehen. Der Himmel ist dunstig.

Links von mir, auf der Linksabbiegerspur, hält ein weißer Möbelwagen an, rechts von mir, auf der Rechtsabbiegerspur, ein ebenfalls weißer Lieferwagen. Wir warten darauf, dass die Ampel grün wird.

Die beiden Wagen nehmen mir jede Sicht nach rechts und links. Jetzt zeigt die Ampel Grün, aber die weißen Lkws rühren sich nicht von der Stelle. Ob die Fahrer gerade telefonieren? Ich trete aufs Gaspedal.

Ich fahre auf die Kreuzung – direkt vor einen grünweißen Müllwagen, der bei Rot weitergerast ist. Der Koloss kracht von links in mein Auto, zerschneidet es förmlich. Splitterndes Glas, ich spüre, wie meine Knochen brechen. Dann bin ich tot.

Dann wache ich auf. Es war nur ein Traum. Es ist eine warme Nacht im Juni 2011. Das Schlafzimmer ist dunkel, mein Herz rast. Die Luft fühlt sich schwer an, als ob ein unsichtbares Bleigewicht auf mir lastet. Elaine, meine Frau, schreckt hoch; sie spürt, dass gerade etwas passiert ist. „Was war das?!“

Noch ganz benommen erzähle ich ihr den Traum. Wir beten zusammen, ernst und inständig. Wir liegen in dem dunklen Zimmer auf unserem Bett und spüren es beide ganz deutlich: Dieser Traum bedeutet etwas; da hatte gerade Gott geredet.

Die nächsten drei Wochen bitten wir Gott jeden Tag, uns zu zeigen, was der Traum bedeutete. Herr, was sollen wir tun? Wir haben Angst und zermartern uns den Kopf, aber die Antwort will nicht auftauchen. Die Tage gehen ihren normalen Gang und unser Leben geht weiter.

Am Ende der drei Wochen bin ich mit dem Auto unterwegs und halte an einer sechsspurigen Kreuzung an. Über den Bergen von Colorado geht eine blasse Abendsonne unter. Die Ampel zeigt Rot – wie Blut oder wie Feuer. Links von mir hält ein weißer Möbelwagen an, rechts ein weißer Lieferwagen. Sie nehmen mir die seitliche Sicht.

Diese Szene kenne ich doch? Mein Gehirn beginnt zu rattern. Jetzt begreife ich.

Die Ampel schaltet von Blutrot auf Grün. Die beiden Lkws rühren sich nicht von der Stelle. Ich auch nicht. Ich beginne, die Sekunden zu zählen. Eins. Nichts. Zwei. Nichts. Drei. Nichts. Vier … Von links kommt das grünweiße Müllauto angeschossen. Dass es Rot hat, stört den Fahrer nicht. Er rast über die Kreuzung, dann ist er weg. Die beiden weißen Lkws fahren an.

Ich gebe Gas und fahre über die Kreuzung. Dahinter ist eine Haltebucht und ich fahre hinein. Ich zittere, mir dreht sich der Magen um. Tief in meinem Herzen höre ich, wie Gott zu mir sagt: Ich kann dich jederzeit zurück nach Hause holen. Ich möchte, dass du endlich deine Geschichte erzählst.

Ich atme ein und aus, ein und aus, tief und lang. Der Sauerstoff macht mich ruhiger. Seit Jahren (warum, werden Sie bald erfahren) hatte ich mich gefragt, warum ich noch lebte, und die Gespräche mit meiner Frau und meinen besten Freunden drehten sich schon eine Weile immer wieder um dasselbe Thema: „Ich glaube, Gott will, dass du deine Geschichte erzählst.“

Als ich dort in meinem Auto saß und mein Adrenalinspiegel langsam wieder nach unten sank, wusste ich: Sie hatten recht.

Denver, Colorado. Die Stadt in den Bergen. Luft, Sonne und eine Landschaft wie in den Alpen. Hier wurde ich 1956, auf dem Höhepunkt des Baby-Booms, geboren, als Sohn einer alteingesessenen Familie.

Mein Vater arbeitete mal hier, mal dort, dazwischen war er oft lange arbeitslos. Er schien einfach nicht zurechtzukommen in seiner Arbeitswelt. Meine Mutter machte das dadurch wett, dass sie ständig beschäftigt war und meist keine Zeit hatte. Meine Eltern waren da – aber nicht für mich.

Ich war der jüngere von zwei Söhnen, mein Bruder war zwei Jahre älter als ich. In den Zeiten, als unser Vater Arbeit hatte, wuchsen wir als Schlüsselkinder auf. Mein Bruder nutzte es gründlich aus, dass meine Eltern körperlich und seelisch so oft fort waren, und quälte und plagte mich mit Wonne. Er genoss es, mich windelweich zu prügeln, einfach weil er der Stärkere war. Als Junge hatte ich öfters Allergien, die mit Spritzen behandelt wurden. Wenn ich vom Arzt zurückkam, wartete mein Bruder die passende Gelegenheit ab. Dann boxte er mich, so fest er konnte, auf die Einstichstelle, worauf diese furchtbar anschwoll. (Als mein Bruder erwachsen war, stellte man fest, dass er manisch-depressiv war. Diese Diagnose half mir endlich, die traumatische Beziehung zwischen uns als Kinder zu verstehen und ihm zu vergeben.)

Mein Bruder war kräftig und schnell und ein exzellenter Sportler. Dies machte ihn, vielleicht neben seinen manischen Phasen, zu jemandem, den die anderen bewunderten. Wenn er einen Raum betrat, war er sofort der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: wie ein Football-Star, der durch den Flur seiner Highschool stolziert. Sobald er durch die Tür kam, sahen die anderen nur noch ihn.

Aber mit seinen ernsten Verhaltensstörungen war er für meine Eltern ein ziemliches Problem. Meine Mutter wusste nicht, wie sie ihm begegnen sollte, und mein Vater hob beschwichtigend die Hände und versuchte sich wenig überzeugend als Friedensstifter.

Weil ich keine sportlichen Begabungen hatte, stand ich ständig im Schatten meines Bruders. Aber ich war ein guter Schüler, und so fand ich meine Identität darin, das Superhirn zu sein. Was mir jedoch ehrlich gesagt nicht die gleiche Anerkennung unter den Mitschülern brachte wie Hochleistungen beim Fußball oder Turnen.

Kurz und gut: In meinen Kindheits- und Schuljahren war ich eine graue Maus. Das Leben war so, wie es halt war, und ich lernte es, mich durchzuschlagen.

Ich bin nicht nachtragend. Heute habe ich keine Probleme mehr mit meinem Bruder. Auch nicht mit meinen Eltern. Sie sind inzwischen beide im Himmel, und in späteren Jahren durften wir erfahren, wie unsere Beziehung heil wurde. Trotz all der Schläge und Nichtbeachtung, die ich als Kind erfahren hatte, hatten wir ein echtes Familienleben. Ich habe nie an der Liebe und Fürsorge meiner Eltern gezweifelt. Mit einem Sohn, der sie so brauchte wie mein Bruder, waren sie schlicht überfordert. Was ich an ihrer Stelle gemacht hätte, weiß ich nicht.

Was ich bei meinen Eltern emotional vermisste, glichen sie auf der geistlichen Seite aus. Von meinem ersten Atemzug an wirkte Gott in meinem Leben. Wir gehörten zur Episkopalkirche (dem amerikanischen Zweig der Anglikanischen Kirche) und unsere Mitgliedschaft bestand nicht nur auf dem Papier. Mit sieben Jahren nahm ich Jesus Christus als meinen Erlöser und Herrn an, obwohl ich heute sagen muss, dass ich damals noch nicht begriff, was das alles bedeutete. Ich nahm am Katechismusunterricht teil, war eine Zeit lang Ministrant und liebte die Gottesdienste. Als unser Gemeindepfarrer für den Ostergottesdienst einen Ministranten brauchte, fiel seine Wahl auf mich. Das war ein echtes Erfolgserlebnis. Hier fühlte ich mich geborgen, hier wurde ich gesehen, hier war ich endlich anerkannt.

Mit die wichtigste Erinnerung aus meiner Kindheit ist die Zeit, als meine Mutter wegen einer größeren Operation im Krankenhaus war und mein Vater wieder einmal keine Arbeit hatte. Eines Abends kam unser Pfarrer uns besuchen. „Chuck“, sagte er zu meinem Vater, „wir haben seit drei Monaten keinen Zehnten mehr von dir bekommen. So kenne ich dich gar nicht. Ich mache mir Sorgen. Ist alles okay bei euch?“

Der Pfarrer wusste es nicht, aber mein Vater hatte uns gerade das Schulmittagessen für den nächsten Tag gerichtet – mit den letzten Lebensmitteln, die wir noch im Haus hatten. Er erklärte unserem Pfarrer, dass wir gerade kein Geld hatten, wegen Mutters Krankheit und seiner Arbeitslosigkeit.

„Ah, so ist das also“, sagte er, Mitgefühl in der Stimme. Die beiden beteten und der Pfarrer ging. Mein Vater saß mit dem Kopf in den Händen am Küchentisch und weinte. Am nächsten Morgen gingen mein Bruder und ich zur Schule, mit dem bisschen, was unser Vater uns für die Mittagspause mitgegeben hatte. Wir hatten nichts mehr im Haus.

Als ich am Nachmittag aus der Schule kam, war die Vorratskammer voll, ebenso der Kühlschrank. Voller Begeisterung tauchte ich ein Plätzchen nach dem anderen in kalte Milch und aß und aß.

Später erfuhr ich, dass diese Herrlichkeiten aus der Kasse des Pfarrers für besondere Notfälle stammten. Die Gemeinde fing an, uns mit den nötigen Lebensmitteln zu versorgen; falls es nicht reichte, sollten wir uns melden. Das war eine wichtige Phase in meinem Leben. Zum ersten Mal war mir bewusst, dass das, was wir im Sonntagsgottesdienst machten, ja etwas mit dem Rest der Woche zu tun hatte. Der Glaube und das Leben gehörten zusammen! So sollte das also sein im Reich Gottes: Der Sonntag war wichtig, aber er war nicht das Einzige. Dass die Musicks am Freitag genug zu essen hatten, war unseren Brüdern und Schwestern im Glauben genauso wichtig wie der Gottesdienst am Sonntag. Wir gehörten zu einer großen Familie.

Nach und nach wuchsen die Wurzeln meines Glaubens. Allerdings habe ich heute den Eindruck, dass ich den Glauben damals vor allem mit Bibelkenntnis gleichsetzte. Ich wusste einiges über Gott, aber ich kannte ihn nicht wirklich persönlich. Mein Vater las uns zum Schlafengehen immer aus der Bibel vor. Er, der so freundlich, sanft und aufmerksam war, wenn mein Bruder nicht dabei war, schenkte mir mit diesen Abendstunden seelische Oasen, wo ich mit ihm allein sein konnte. Das waren die Augenblicke, in denen ich mich am meisten geliebt und angenommen fühlte. Ich liebte diese biblischen Geschichten. Josef, Daniel, David, Jesus – das waren Helden, die mich beeindruckten. So wollte ich auch werden; ich wollte auch solche Wunder erleben, auch eine Hauptperson in einer großen Geschichte sein.

Ich glaubte, ziemlich gut zu wissen, wer Jesus war. Da ich regelmäßig in der Bibel las, wusste ich, dass Jesus voller Liebe war. Er war auch mutig und sehr aktiv, er hatte eine hohe Berufung und er liebte Kinder. Ich wusste, dass er das genaue Ebenbild Gottes, des Vaters, war. All das wusste ich, aber eine echte Beziehung zu Jesus bzw. zu Gott hatte ich eigentlich nicht. Mein Glaube hatte wenig mit meinem Leben zu tun. Gott war irgendwo da oben, weit weg. Ich konnte mir genauso wenig vorstellen, dass man eine Beziehung zu ihm haben konnte, wie dass man eine zu George Washington oder Karl dem Großen haben konnte. Ich hatte nicht den Eindruck, dass ich, Steven R. Musick, Gott persönlich wichtig war oder dass er eine Beziehung zu mir haben wollte. Er war eine Realität und er liebte mich, aber er war weit weg. Wie konnte ich ihm wichtig sein? Was für einen Grund hatte er, überhaupt Notiz von mir zu nehmen? Ich kannte ihn, nun ja, ein bisschen. Aber kannte er mich?

Und ein Christ zu sein, das hieß doch wohl, dass man zur Kirche ging und ein anständiger Mensch war. Man musste gewisse Regeln befolgen, und im Einhalten von Regeln war ich immer gut gewesen. Wenn man das und das tat und jenes ließ, gehörte man zur Familie Gottes. Dachte ich.

Der Himmel war für mich eine Realität, aber ebenfalls weit weg. Mit meinem Hier und Jetzt, mit meinem Alltag hatte er nichts zu tun. Mein Glaube war eine Art Unfallversicherung oder Fahrkarte in den Himmel. Ich wusste, wo ich hinkommen würde, wenn ich starb, aber ich dachte nicht groß darüber nach, und warum auch? Die Erde und der Himmel – das waren völlig unterschiedliche Orte. Der Himmel, das war dort, wo man hinkam, wenn das Leben zu Ende war.

Als wir auf die Highschool gingen und größer wurden, schlug mein Bruder mich nicht mehr so viel, aber die seelischen Narben blieben. Ein Teil des Problems war, dass ich praktisch kein Gefühl von Identität besaß, kein Selbstwertgefühl. Wenn ich beachtet wurde, hatte mir das meistens die nächsten Prügel von meinem Bruder gebracht, und so war ich ein Chamäleon geworden, das sich bemühte, ja nicht aufzufallen. Es fiel mir leicht, mich ruhig zu verhalten. Wenn mein Bruder im Rampenlicht stehen wollte, hatte ich nichts dagegen. Wie bei meinem Vater, so wurde auch bei mir die Passivität zur Überlebensstrategie. Ich versuchte eben, nicht beachtet zu werden, und im Großen und Ganzen funktionierte das. Aber es hatte seinen Preis: Es machte mich zu einem Beziehungszwerg, der sich schwertat, Freundschaften zu schließen oder eine Beziehung zu Gleichaltrigen zu haben. Die ganze Pubertät hindurch fühlte ich mich von niemandem anerkannt und angenommen.

Aber es gab eine wunderbare Ausnahme. Wir wohnten damals in der Nähe meiner Großeltern väterlicherseits, die mich liebten und annahmen und mir das Gefühl gaben, beachtet zu sein. Sie wohnten nah genug, dass ich mit dem Fahrrad zu ihnen fahren konnte. Ich war der Jüngste ihrer dreizehn Enkel, aber sie nahmen mich voll ernst und kümmerten sich um mich. Mein Opa George war eine der wichtigsten Personen in meinem Leben. Sein Haus wurde für mich ein Zufluchtsort, wo ich viele, viele Stunden mit Opa verbrachte, einfach so. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt. Im Haus meiner Großeltern durfte ich jemand sein.

Ich mochte die stille, freundliche Art meines Opas – wie er Vogelfutter auf die Fensterbank streute, ein Tagebuch führte oder in ein Zimmer ging, das er seine „Höhle“ nannte und wo er aus der Stille neue Kraft schöpfte. Hier war ein Mann, der fleißig und geschickt, gütig und großzügig war und mit den Gaben, die Gott ihm so reichlich gegeben hatte, für die Seinen sorgte. Er war Architekt, aber auch ein Finanzgenie. Einmal sagte er mir: „Der Wert des Geldes besteht ausschließlich in dem, was man mit ihm für die Mitmenschen tun kann.“ Diesen Glauben hat er sein Leben lang ausgelebt und er wirkte so auch noch darüber hinaus durch das Vermächtnis und die Werte, die er den Menschen hinterließ.

Bis zum Sommer vor dem letzten Jahr in der Highschool fiel ich nirgends auf, vor allem, wenn ich neben meinem athletischen älteren Bruder stand. Doch in diesem Jahr machte ich einen Satz auf fast 1,80 Meter. Fast über Nacht wurde ich ein Mann, und ein kräftiger und gesunder dazu. Als ich mein Abschlussjahr an der Highschool begann, erkannten mich manche nicht wieder, die mich seit Jahren kannten, weil mein Aussehen sich so verändert hatte. Da ich schon genügend Punkte für meinen Schulabschluss beisammen hatte, überredete ich die Schulleitung, mich schon jetzt zu entlassen, damit ich anfangen konnte zu arbeiten. Zwei Wochen später war es so weit.

In den nächsten Monaten verdiente ich mir als Laufbursche für eine Firma in der Innenstadt genügend Geld, um ein Jahr am College zu studieren. Ich wusste nicht, woher ich das Geld für die übrigen Studienjahre bekommen würde, aber das würde ich dann schon sehen. Von Studiendarlehen hielt ich nicht viel, und von Stipendien hatte ich noch nie gehört. Ich würde halt nach dem Jahr weitersehen.

Und so begann ich im Herbst 1974 mein Studium an der Universität von Colorado. Ich musste den kleinen Umzug in das Studentenheim selbst organisieren, da meine Eltern wieder einmal alle Hände voll mit meinem Bruder zu tun hatten. Wie so viele Collegestudenten im ersten Jahr ließ ich meinen Glauben zu Hause, als ich diese neue Phase meines Lebens begann. Zwar rebellierte ich nicht gegen Gott, aber irgendwie war er mir nicht mehr so wichtig.

Jetzt zahlte es sich endlich aus, dass ich ein Superhirn war. Bei der Aufnahmeprüfung erreichte ich 35 von möglichen 36 Punkten, womit ich die ersten beiden Jahre meines Studiums glatt überspringen konnte – all die Grundkurse in Physik, Chemie, naturwissenschaftlichem Grundwissen usw.

Bis auf das Finanzielle hatte ich mein weiteres Leben perfekt geplant. Ich wollte Kinderarzt werden, in einer Kleinstadt irgendwo auf dem Land. Eine Familie gründen wollte ich nicht. Ich würde Junggeselle bleiben und mit meiner Arbeit verheiratet sein.

Dachte ich. Bis ich Elaine kennenlernte.

Mitten in meinem ersten Studienjahr war sie auf einmal da und bezog ein Zimmer am Ende meines Flurs im Studentenheim. Sie wollte Physiotherapeutin werden und stand auf Kriegsfuß mit dem Fach Chemie. Sie brauchte Nachhilfe.

Als ich sie sah, wurde ich prompt ein Experte in Chemie.

Elaine war absolut auf ihr Ziel konzentriert und fest entschlossen, sich durch nichts ablenken zu lassen. Doch schon bald schlichen sich unkonventionelle Methoden in unsere Nachhilfestunden ein. Etwa, dass wir zusammen ins Kino oder auf eine Party gingen. Wenn unser Studium ein Fliesenboden war, dann war die aufkeimende Romanze zwischen uns der Fugenkitt zwischen den Fliesen – scheinbar grau und unscheinbar, aber sie hielt unsere Beziehung zusammen. Richtig fest sogar. Es war meine bis dahin längste Beziehung, aber gut, das wäre damals jede Beziehung gewesen, die länger als eine Woche dauerte.

Wenn wir ins Freizeitzentrum auf dem Campus gingen, nahm Elaine Kurs auf das Schwimmbad und ich auf die Basketballplätze. Ich weiß noch, wie ich an einem Samstag früher Schluss machte und mich auf die Zuschauertribüne setzte, um Elaine beim Schwimmen zuzuschauen. Als sie aus dem Becken stieg, sah sie mich und winkte mir lächelnd zu. Ich starrte sie an und winkte verlegen zurück.

„Ist was?“, fragte sie.

„Äh … nein, nichts“, erwiderte ich. Was nicht ganz stimmte. Aber was hätte ich sonst sagen sollen? „Du siehst fantastisch aus“? „Du stiehlst mir mein Herz“? Oder vielleicht gleich: „Ich will nicht mehr mein Examen machen und danach mit meinem Beruf verheiratet sein, ich will dich heiraten!“