Im Innern der Seifenblase - Mathieu Carrière - E-Book

Im Innern der Seifenblase E-Book

Mathieu Carrière

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Beschreibung

Als der bekannte deutsche Schauspieler Bob Bodenbauer aus dem Koma erwacht, erinnert er sich an nichts. Doch eine wunderschöne Krankenschwester beugt sich über ihn und heißt ihn lächelnd in unserer Wachwelt willkommen. Kurz darauf klingelt das Telefon. Er hebt ab; eine heisere Stimme flüstert: - "Hallo Bob, schön, dass du wieder bei uns bist. Hab gehört, sie werden dir eine Rolle anbieten, Telenovela!" - "Was ist das, Telenovela?", fragt Bob vorsichtig. - "Hey, so'n Emotionsporno, Mann, die Schlampe aus Kreuzberg, was Mexikanisches halt, 'ne Seifenblase!" Bodenbauer bekommt tatsächlich die Rolle, und die Suche nach seiner verlorenen Identität beginnt. Professor Piano, sein behandelnder Arzt, Chef der Psychiatrie und Komatologie an der Charité, sowie Barbarella, die wunderschöne Krankenschwester, helfen ihm dabei. Nun ja, helfen wird der Professor schon, aber nicht ganz uneigennützig: Er benutzt seinen neuen Patienten dazu, um ganz andere, teuflische Pläne zu verwirklichen. Mathieu Carrière hat - nach langer Selbsterfahrung als Film- und Fernsehschauspieler - einen rasanten Schundroman geschrieben, der dem Leser auf vergnügliche Weise und mit einer gehörigen Portion Ironie den ganzen Irrwitz heutiger Fernsehproduktionen beschreibt. Im Innern der Seifenblase erzählt die tragikomische Odyssee von Schauspielerseelen, die in den Fleischwolf des modernen, industriellen Herstellungsprozesses einer Telenovela geraten, und dabei ständig am Rande des Nervenzusammenbruchs agieren.

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MATHIEU CARRIERE

IM INNERN DER SEIFENBLASE

ROMAN

Dieser Text ist eine reine Erfindung. Jede Ähnlichkeit der handelnden Personen mit real existierenden Menschen wäre zufällig. Sollte jemand glauben, sich wiederzuerkennen, kann dies nur ein Irrtum sein.

Allerdings haben in fast fünfzig Arbeitsjahren Erlebnisse und Kollegen aus vielen Ländern mich inspiriert; dafür möchte ich mich herzlich bedanken. Auch den eminenten Neurologen, Psychiatern und Psychoanalytikern Dr. Peter Schmode, Dr. Bern Carrière, Dr. Walter Sick, Dr. Peter Neubauer, Dr. Fausto Brunello, Dr. Hans Roemmelt, Dr. Mara Selvini Palazzoli, Dr. Pierre Marty, Dr. Sigmund Freud bin ich zu großem Dank verpflichtet. Ein Amalgam aus ihnen wurde zu Professor Mirko Piano.

Alle namentlich erwähnten realen Promis sind natürlich sie selbst. Für ihre Erwähnung möchte ich mich in aller Form entschuldigen. Ich hoffe, die noch Lebenden unter ihnen werden mit Nachsicht verstehen, dass es sich bei dem nun folgenden Roman um eine satirische Fabel handelt.

Mathieu Carrière

Venedig, 13.12.2010

Für Elena

VORSPANN:

AUSSEN – POTSDAM, MEDIENPARK – TAG

UNTERTITEL:

9.05 Uhr, 03.09.2010.

Die KAMERA gleitet über Teiche, Lichtungen und sonnendurchflutete, in allen Farben leuchtende Baumkronen bis zum Warschau19-Studio, steigt, schwenkt an der Fassade hoch, fährt über eine Terrasse bis zu einem großen Fenster, bleibt stehen; ZOOM durch die schillernde Scheibe.

CUT auf:

Peter Niesel, der am Schreibtisch seines kleinen Büros sitzt und sich die Hände reibt. Dann schiebt er seinen Stuhl zurück und schlägt das rechte Bein über das linke.

»Klappt doch ganz gut«, denkt er zufrieden und zupft beide Ärmel seines geliebten blasslila Schlabberpullovers zurecht. Als er jedoch sein linkes Bein schwungvoll über das andere hieven will, stößt er mit dem Schienbein gegen die scharfe Kante der mittleren, halboffenen Schublade, die er wieder mal vergessen hat ganz zuzuschieben, nachdem er dort sein Pausenbrot und die BILD-Zeitung verstaut hatte.

»Aua, verdammte Scheiße!«, brüllt er und feuert wütend die Schublade mit dem rechten Fuß zu, als sei sie schuld an dem beißenden Schmerz, der ihm jetzt dicke Tränen in die riesigen Murmeltieraugen treibt. Er wischt das Wasser aus seinem runden Gesicht und erinnert sich an den Artikel auf Seite Vier, den er heute Morgen in der S-Bahn nicht zu Ende lesen konnte, da der Zug am Bahnhof Babelsberg so abrupt zum Stehen gekommen war, dass es ihn fast von der Sitzbank geschleudert hätte. Seufzend zieht er die leicht verbeulte Schublade wieder auf, kramt die vom Butterbrot schon angefettete Zeitung hervor und beginnt, darin zu blättern. Auf Seite Vier steht immer der Promiklatsch, den Peter Niesel als Inspiration für seine Plotarbeit nutzt; denn Peter Niesel ist Drehbuchautor und seit ein paar Wochen sogar Producer. Er entwickelt Konzepte, Rollenprofile, Plots und Handlungsstränge für Fernsehserien.

Auf Seite Vier der BILD-Zeitung steht heute groß und fett über dem Foto eines grauhaarigen, älteren, aber noch recht gut aussehenden Mannes, der sich ans linke Ohrläppchen greift:

KOMAPROFESSOR SCHALTET GERÄTE BEI HIRNTOTEM SCHAUSPIELER AB

Peter Niesel muss trotz seines schmerzenden Schienbeines lächeln.

»Hirntoter Schauspieler«, flüstert er verächtlich, »der reine Pleonasmus.«

Obwohl sein Sarkasmus der ja eigentlich recht traurigen Titelzeile nicht angemessen ist, will er sich ein wenig Häme nicht verkneifen, denn die Erinnerung an diesen grauhaarigen Mann und den Autorenmord, den er vor ein paar Monaten auf Befehl seines letzten Auftraggebers an ihm begangen hat (und dem er seine Beförderung zum Producer verdankt), verschafft ihm endlich mal wieder sekundären Lustgewinn.

»Man gönnt sich ja sonst nichts«, denkt Peter Niesel zufrieden, steckt die linke Hand in die Tasche seiner Jeans und knetet dankbar sein jetzt leicht tumeszierendes Schwänzchen. Denn seit er die Pubertät überstanden hat, nicht mehr das Bett nässt, keine Tiere mehr quälen darf und auch zum Zündeln keine Zeit mehr findet, missbraucht Peter Niesel seine Autorenarbeit, indem er viele Figuren verschwinden, an schweren Krankheiten sterben oder einfach umbringen lässt. Dieses makabre Hobby hat ihm in der Branche den Spitznamen Der Serienkiller eingebrockt. Die über zwanzig Fotos jener Darsteller, denen er schon mit seinem gespitzten Filzstift an die Filmgurgel gegangen ist, hängen im Badezimmer seiner kleinen Wohnung in Kreuzberg.

Er greift nach einer Schere und schneidet sorgfältig die Überschrift und das Foto von Bob Bodenbauer – so heißt der hirntot abgeschaltete Mime – aus der Seite Vier. Dann öffnet er wieder die renitente Schublade und legt den Artikel auf sein Butterbrot. Heute Abend wird er schon das zweite Foto von Bob an die Wand über dem Waschbecken pinnen können, denn der ist jetzt ja endlich wirklich tot und damit gewissermaßen zum zweiten Mal sein Opfer geworden.

Dann übt Peter wieder Händereiben und Beinüberschlagen, denn seine neue Chefin, Christine Knall, die Eigentümerin von C&K, macht das auch dauernd.

Die Protagonistin ist immer blond

War da was? Ein dunkler Fleck im Gras? Irgendwas hat sich verändert. Aber was und warum? Es fühlt sich an wie ein Finger, ein Zeigefinger, der zuckt, sich zusammenzieht, einen Daumen berührt. Welchen Daumen? Jetzt der Mittelfinger: Auch seine Spitze berührt den Daumen.

»Zuck, zuck«, sagt der rechte große Zeh und streift etwas Glattes, dann der linke, auch er bewegt sich wie ein kleines Tier. Tiere, Füße, Hände. Und dann ein stummer Paukenschlag, als sich die Augen öffnen. Was ist passiert?

INNEN – CHARITÉ, KRANKENZIMMER – TAG

UNTERTITEL:

Neun Monate später, 9.51 Uhr.

Die KAMERA fährt langsam aus einer TOTALEN in eine NAHE:

Bob Bodenbauer liegt auf einem schmalen Bett. Er trägt einen grünen Zellstoffkittel, und seine grauweißen Haare breiten sich unter Hals und Schädel aus wie ein aufgeplatztes Strohkissen. In seiner linken Armbeuge steckt eine Kanüle, durch die aus einem Tropf, der an einem Metallgestell über ihm hängt, eine klare Flüssigkeit in seinen abgemagerten Leib fließt.

Als er aus dem Koma erwacht, erinnert er sich an nichts.

Das Erste, was seine Augen sehen, ist ein grau flimmernder Monitor.

›Wie schön das ist‹, denkt er, ›Gudrun … Gernod … Gerhard … Richter? Ja, so heißt was!‹

Das Telefon auf dem Tischchen neben dem Bett klingelt. Er merkt, wie die Finger einer Hand sich aufspreizen, eine Schulter den Arm hebt, ihn am Ellenbogen öffnet und in Richtung Klingelton streckt. Seine Hand greift zu, führt den Hörer zum rechten Ohr. Eine heisere, trockene Stimme flüstert:

»Hallo Bob, du bist wieder bei uns, herzlich willkommen.«

Bob hört eine schwache Stimme in seinem Frontallappen sagen:

»Bist du sicher? Woher weißt du das?«

»Wer hat das gesagt?«, flüstert die schwache Stimme.

»Quellenschutz«, meint die heisere Stimme im rechten Ohr.

Pause.

»Wer bist du?«

»Dein Freund Hannibal.«

Er atmet tief durch, schließt die Augen und versucht, sich zu konzentrieren:

»Okay, du bist Hannibal, und wer bin ich?«

»Mann, du bist der Bob!«

Lange Pause.

»Und … was bedeutet das?«

»Das bedeutet, dass ich und unser Land sich freuen! Außerdem hab ich gehört, dass sie dir ’ne Rolle in einer Telenovela anbieten werden.«

Lange Pause.

»Was ist das – Telenovela?«

»Hey, Die Schlampe aus Kreuzberg, Die strenge, geile Mutter, solche Emotionspornos. Was Mexikanisches halt!«

Bob im atavistischen Reflex:

»… und wie soll ich die Rolle anlegen?«

»So will ich dich hören, du Tier! Hintergründig natürlich!«

Bob hyperventiliert ein wenig:

»Okay, okay. Bitte gib mir noch ein paar Stunden Zeit. Ruf mich später noch mal an, vielleicht hab ich mich bis dann ein bisschen … erholt. Hannibal?«

»Ja?«

»Hat dieser Bob, ich meine, hab ich einen Agenten? Bist du mein Agent?«

»Bob, ich bin der Hannibal von der BILD-Zeitung, dein größter Fan! Ich werd dich auf dem Laufenden halten. Du kannst dich auf mich verlassen.«

Bob legt verwirrt auf und fasst sich verlegen ans rechte Ohrläppchen.

›Er kann sprechen, der Hörer‹, denkt er. Der Schirm vor ihm flimmert immer noch. Interessant, dieses Flimmern.

Dann durchzuckt es ihn wie ein Blitz.

»Ohrläppchen, Ohrläppchen! Bob, natürlich! Das ist Bob Bodenbauer! Das ist es … das ist er … das bin ich!«

Bevor er sich Gedanken darüber machen kann, ob er die Stimmen, Hannibal, das Rollenangebot und sogar das ganze Telefonat halluziniert hat oder nicht, kommt eine dunkelblonde Krankenschwester ins Zimmer. Sie tritt an sein Bett, beugt sich über ihn und lächelt Bob mit ihrem präraphaelitischen Wundermund an.

»Guten Morgen, Bob, der Professor hat mir gesagt, dass du endlich wieder aufgewacht bist. Wie schön!«

Sie nimmt eine Tafel, die am Fußende liegt, und notiert darauf das Datum und die Uhrzeit: Berlin, 03.07.2011, 9.54 Uhr. Dann greift sie nach seinem Handgelenk, sieht auf die Uhr und misst seinen Puls.

»Sehr gut, Bob, sehr stabil.«

Sie reicht ihm eine Tablette und ein Glas Wasser. Er merkt erstaunt, dass seine Hand ganz ohne Willensakt nach Glas und Pille greift und sein Mund brav die Medizin schluckt. Dann wird gierig getrunken.

»Bravo, Bob«, sagt das schöne Mädchen, nimmt ihm das Glas ab und stellt es auf den Tisch neben seinem Bett. Dann setzt sie sich zu ihm und sieht ihn mit ihren großen Rehaugen ruhig an.

»Ich bin übrigens schwanger …«

In Bobs Hirn flimmert es ein bisschen, dann hat er einen Flash: Er erinnert sich, was schwanger bedeutet! Außerdem wird ihm plötzlich auch klar, dass die meisten Fragen, die man stellen will, wie von selbst beantwortet werden. Also wartet er einfach diplomatisch ab, ohne sich oder dieses entzückende Mädchen zu fragen, warum sie ihm das erzählt, und schon spricht es weiter:

»… und zwar von dir. Ich bin mir da ziemlich sicher.«

Sie lächelt wieder ihr unvergleichlich strahlendes Lächeln. Bob, der sich an nichts erinnern kann, dessen Spiegelneuronen aber aktiviert werden, muss auch lächeln.

»Schön … und wie heißt du?«

»Barbarella.«

»Und wie lange war es …, er …, ich weg, Barbarella?«

»Über ein Jahr.«

Kurze Pause. Bob versucht nachzurechnen. Er gibt auf.

»Barbarella, bitte sag mir, was passiert ist.«

Sie nimmt seine rechte Hand, streichelt sie und beginnt zu erzählen.

»Bei deinen letzten Dreharbeiten wurdest du von deiner Filmfrau erstochen, in einen Koffer gepackt, aufs Land gefahren und in einen tiefen Brunnen geworfen. Du hattest dich derart mit deiner Rolle identifiziert, dass du nach Drehschluss in ein Taxi stiegst, hier in die Charité kamst, am Empfang deine Krankenversicherungskarte abgabst, auf ein Zimmer gebracht wurdest und sofort ins Koma fielst.

Nach Monaten vergeblicher Behandlung erklärten die Ärzte dich für klinisch tot. Deutschland trauerte eine Weile, es gab ein paar pikierte und einen sehr netten Nachruf von Hannibal Stein. Und dann vergaß man dich allmählich, erst dein Gesicht, dann deine Hände und ganz zuletzt erst deinen Griff ans Ohrläppchen, durch den du dir Weltruhm erkämpft hattest, zumindest in Deutschland.«

Bob versucht zu verdauen, was er da gehört, aber nicht verstanden hat. An das warme Gefühl im Bauch, als sie eben die Worte Rolle und Dreh sagte, kann er sich aber vage erinnern, also fragt er vorsichtig nach:

»Dieser Bob, der war Schauspieler?«

Barbarella zieht die Schublade des Tischchens neben seinem Bett auf, greift hinein, holt eine alte BILD-Ausgabe heraus und reicht sie ihm. Auf der Titelseite ein Jugendfoto von Bob, der sich ans rechte Ohrläppchen greift, darüber in fetter Balkenschrift:

DEUTSCHLAND BETET FÜR SEINEN BUNTESTEN HUND!

Bob spürt, wie ihm die Augen feucht werden.

›Ja, der Griff ans Ohrläppchen, das bin ich, Bob lebt wieder! Und danke, Hannibal, endlich mal eine gute Kritik‹, denkt er gerührt und versucht, sich wieder auf die Gegenwart zu konzentrieren.

»Aber, Barbarella, wenn ich klinisch tot war, wieso bin ich dann wieder hier? Falls ich denn hier bin, woran ich nicht zweifeln will.«

Sie nimmt ihm die Zeitung aus der Hand, streichelt seine Wange und lächelt wieder:

»Doch Bob, du bist hier und du bist du. Aber dieses Du muss jetzt schlafen, denn dieses Hiersein, dieses Zimmer, deine Hände, die sich wieder bewegen, das ist alles ein bisschen viel für dich. Dein Hirn braucht Ruhe, um wieder auf Nachkomamodus in unserer Wachwelt umzuschalten.«

Warum sein Hirn nach so viel Schlaf Ruhe braucht, versteht er nicht, aber das schöne Mädchen hat sicher recht. Also hält Bob den Mund und weiter ihre Hand, döst ein bisschen und schläft dann ein.

Barbarella schämt sich trotz ihrer Freude, denn sie hat es nicht übers Herz gebracht, ihm sofort zu erzählen, dass auch sie ein großer Fan von ihm ist und sich standhaft geweigert hat, die Geräte abzustellen, die Bob am Leben erhielten. Sie wollte nie an seinen endgültigen Tod glauben, zumindest aber seinen Körper für sich behalten. Ihr Verbündeter war Professor Mirko Piano, Chef der Neurologie, der Psychiatrie, der Psychopharmakologie und der Komatologie hier in der Charité. Mit seinem Einverständnis versteckte sie Bob und seine Maschinen nach dessen offiziellem Ableben in einem Zimmer neben dem Büro des Professors, wo sie ihn, entfernt von den Augen auch der klinikinternen Öffentlichkeit, weiter versorgte. Eines Nachts, nachdem sie seinen Tropf geputzt und nachgefüllt hatte und dann begann, ihm traurig die Fußnägel zu schneiden, bekam er eine Erektion. Nach kurzer sowohl liebevoller als auch professioneller Handarbeit wurden ihr Mut, ihre Zuversicht und ihre Zuneigung unerwartet schnell durch einen ausgiebigen Erguss belohnt. Barbarella zögerte keine Sekunde: Sie wischte hochkonzentriert das auf Laken, Kittel und ihre Finger verspritzte Sperma in die linke Handfläche, griff sich ein leeres Reagenzglas vom Tischchen neben Bobs Bett, füllte es zur Hälfte mit destilliertem Wasser, zur Hälfte mit dem kostbaren Samen, legte einen Daumen obendrauf und schüttelte es, wie einen Gin-Martini. Dann warf sie sich auf den Rücken, streckte die Beine zur Kerze, bis ihre Zehenspitzen fast die Zimmerdecke berührten, riss sich ihren Rock bis unter die Brüste, schob ihr Unterhöschen zu den Knien hoch und goss mit der rechten Hand – der linke Arm stützte ihren Rücken – den Inhalt des Reagenzglases in ihre Vagina, wobei sie heftig mit dem Becken wackelte.

»Wenn es diesmal nicht klappt, bring ich mich um!«, murmelte sie voller Hoffnung. In diesem entscheidenden Moment ging die Tür auf, und Professor Piano betrat das Zimmer.

Weichenstellung

Christine Knall, Mitte dreißig, graue Mandelaugen, kurze, aschblonde Haare, lange, schlanke Beine, ganz in lila Prada-Latex gekleidet, ist Produzentin und 0,1-prozentige Teilhaberin an der chinesischen Holding von Warschau19, einer Filiale des gleichnamigen nordkoreanischen Medienkonglomerats, dem auch ihre Film- und Fernseh-Produktionsfirma C&K gehört. Sie sitzt in ihrem Büro in Potsdam am Schreibtisch und trinkt ihre fünfte Tasse Kaffee. Die ganze Nacht hat sie mit ihrem Chefbuchhalter und zwei Justitiaren die Geldflüsse, Umsätze, Finanzierungspläne und Zahlen ihrer verschiedenen Unternehmen diskutiert. Zähneknirschend wurde ihr dann gegen vier Uhr morgens klar, dass sie bald, heute, sofort Gas geben, neu durchstarten, sich selbst übertreffen musste, wenn sie die drohende Insolvenz vermeiden wollte. Deshalb zündet sie sich jetzt auch eine ihrer leichten Kokainzigaretten an und inhaliert heftig. Als der Rush sie durchfährt wie ein Peitschenhieb, ruft sie nach Hiroshi, ihrem Sekretär. Die Tür fliegt auf und Hiroshi stürzt ins Büro. Der hübsche, zierliche Japaner verbeugt sich vor seiner Chefin, lächelt und stößt sein »Hai, Knallosan!« hervor, als wäre er bereit, sich auf der Stelle für sie mindestens ein Samuraischwert in den Bauch zu rammen. Christine Knall lächelt verzerrt zurück.

»Diktat!« flüstert sie und saugt an ihrer gedopten Zigarette.

Hiroshi zückt seinen Lieblingsbleistift, leckt kurz an dessen Spitze, setzt sich auf seinen Assistentenstuhl und zieht einen Mini-iPod aus der Hosentasche. Hinter ihm an der Wand hängt ein Plakat von Die Schlampe aus Kreuzberg, Christines letztem Hit, und ein Riesenfoto von netten jungen Menschen, die auf den Straßen von Pjöngjang vor einem Plakat, auf dem nette junge Menschen vor einem Palast Fahnen schwenken, Fahnen schwenken.

Christine kreuzt ihre langen Marmorbeine, nickt Hiroshi zu und reibt sich die Hände:

»Los geht’s, Hiroshi, Memo an alle:

Liebe Freunde, lasst uns miteinander eine revolutionäre Telenovela machen. Wir werden das Genre bis zur Weißglut ausreizen, Ausrufezeichen! Lasst uns deshalb gemeinsam überlegen, wie wir in Zukunft unser neues Baby noch kreativer und noch marktgerechter als bisher formatieren können.«

Hiroshi schreibt fiebernd mit. Christine runzelt die Stirn und reibt sich weiter nachdenklich die Hände.

»Wenn ich in Gedanken mit dem Projekt spiele, erscheint es mir nie als abgeschlossenes Ganzes, obwohl sich gerade die Telenovela dadurch von der Soap unterscheidet, dass sie ein Ende hat. Am ehesten hat dieses Ganze noch etwas von einem dunkel fließenden Gewässer. Gesichter, Bewegungen, Rufe, Ausrufezeichen! Ein Sehnen, ein Hoffen, eine Furcht, in der das Furchtbare unausgesprochen bleibt …«

Hiroshi kommt nicht mehr mit.

»Sehr gut, aber bitte nicht so schnell, Christine!«

Sie, langsamer, aber eindringlich:

»Eine Eigentümlichkeit gibt es allerdings. Alle unsere Interieurs sind lila, in unterschiedlichen Nuancen. Fragt mich nicht, warum das so sein muss, ich weiß es nicht. Die gröbste, aber überzeugendste Erklärung ist wohl, dass das Ganze etwas Inwendiges sein soll, weil ich mir seit meiner Kindheit die Innenseite der Seele als Hymen … nein, Hymen schreibst du nicht, als zartes, feuchtes Häutchen in lila Farbtönen vorstelle. Danke. Nein, Danke schreibst du natürlich auch nicht!«

Hiroshi nickt und seufzt: »Ich verehre Sie, Christine!«

Aber Christine ist mit den Gedanken schon ganz woanders:

»Take a number and get in line«, sagt sie vor sich hin und greift zum Telefon. Jetzt sind die Medien dran. Als erste wählt sie die Geheimnummer ihres Vertrauten Hannibal Stein, dem Starreporter der BILD-Zeitung, um ihn zu einem Essen einzuladen, Tête-à-Tête. Sie weiß, dass Hannibal sie mag, obwohl sie weder sechzehn noch Sängerin ist.

Ist Bobs Vergangenheit die Zukunft seiner Gegenwart?

Barbarella hat inzwischen bei der Produktion angerufen, für die Bob seinen letzten TV-Tod gestorben ist, einen Termin bekommen und im Kostümfundus herumgekramt. In einer Ecke findet sie schließlich die Sachen, die nach Drehschluss aus seiner Garderobe entfernt und hier abgestellt wurden: ein paar alte Drehbücher, samt rosa, blauer, grüner und gelber Seiten, mit Notizen und Telefonnummern vollgekritzelte Sudoku-Hefte, Fanpost, ein paar CD-ROMs, einen verstaubten Laptop und einen zusammenklappbaren Tretroller. Barbarella besorgt sich einen großen Pappkarton, packt alles rein, klappt den Roller auf, transportiert die Beute zu ihrem Peugeot, verstaut alles im Kofferraum und fährt in ihre Wohnung am Prenzlauer Berg. Dort schiebt sie die CD-ROMs in ihren Rechner und findet Dateien, die sie sofort als Bobs Tagebücher identifiziert. Sie druckt die Texte aus. Dann eilt sie zurück in die Klinik, bringt die Seiten mit in Bobs Zimmer neben Professor Pianos Büro, setzt sich an sein Bett, hält ihm die Hand und liest ihm in der Hoffnung vor, er könne so ein bisschen Identität wiederfinden.

Bob spürt ihre warme Haut, hat die Augen geschlossen und lauscht ihrer melodischen Stimme.

»Ich sitz am Schreibtisch in der Calle Colonne, blicke über rostrosa Schornsteine auf bleigrauen Zinkdächern und feile an der siebten Fassung des Drehbuchs Vampire Junkies, meinem Monster-Baby. Vlad Tepesh hat sich in die junge Mary verliebt, oder zumindest in den Ambrosiageschmack ihres Blutes. Er versucht vergeblich, seiner Schülerin Vampirbenehmen beizubringen. Sie hat gerade vor ihrem Hotel einen betrunkenen Fußballfan angebissen.

VLAD

(wütend):

Erste Regel, Mary, so nah am Bau keine Beute schlagen!

MARY

(leckt sich die blutigen Lippen):

Und die zweite, Papi? Nicht mit dem Essen spielen?

Bob muss lachen: »Das hab ich geschrieben? Klingt nicht schlecht! Vlad rings a bell. Aber die bleigrauen Dächer? An die kann ich mich nicht erinnern. Wo soll das denn gewesen sein?«

Bevor Barbarella weiterlesen kann, klingelt das Telefon. Bob hebt ab. Eine heisere Stimme flüstert:

»Hallo Bob, würdest du ein Casting für eine Telenovela machen?«

Bob ist verwirrt. Die Stimme kommt ihm bekannt vor. Klar: Hannibal!

»Was ist das noch mal, eine Telenovela?«

»So was Brasilianisches, du Idiot. Sie zahlen das Taxi.«

Bob, im Reflex:

»Super. Von wo wohin?«

»Von der Charité zum Studio und zurück. Hauptrolle. Positiv.«

»Und wann?«

»Bald.«

Bob zögert, dann fragt er verlegen:

»Bist du mein Agent?«

»Ja, du sagst es, der bin ich.«

Bob, immer noch verwirrt, führt den Hörer vors Gesicht, sieht ihn an, legt ihn wieder ans Ohr:

»Okay, okay, entschuldigung; und wie heißt du?«

»David, Mann!«

»Hallo, David Mann!«

»Däivid, wenn ich bitten darf. Schon gut. Übrigens, Bob …«

»Du meinst mich?«

»Du sagst es. Schön, dass wir jetzt wieder Geld verdienen.«

Bob muss lächeln:

»An den Satz kann ich mich erinnern, Hannibal!«

Däivid seufzt:

»Okay, von mir aus auch Hannibal. Ciao.«

Etwas zerstreut legt Bob auf und sieht zu Barbarella, die weiterlesen will, als ein untersetzter, stämmiger Mann mit Dreitagebart ins Zimmer tritt. Er trägt einen weißen Kittel und außerdem auf dem kugelrunden Kopf einen kleinen lustigen Hut, an dem er ständig herumfummelt. Er setzt sich zu Bob aufs Bett.

»Hallo, Bob, ich bin Professor Piano, dein Arzt; ich werde versuchen, dir zu helfen, deine Identität wiederzufinden. Am besten, wir fangen von vorne an. Was ist deine erste Erinnerung?«

Bob lächelt:

»Barbarella.«

Professor Piano lacht kurz laut auf und schiebt dann seinen Hut ein bisschen nach vorne.

»Sehr gut, Bob, aber ich meine, bevor du hier aufgewacht bist.«

Bob denkt lange nach. Dann hat er einen Flash, und es sprudelt geradezu aus ihm heraus:

»Ich glaube, im Schulkindergarten hab ich mal König Drosselbart gespielt. Da durfte ich einen Teddybär retten, den die böse Stiefmutter in einem Eimer ertränken wollte!«

»Ausgezeichnet! Zwar noch nicht Marcel Proust, aber mir genügt’s!«

Professor Piano strahlt und nickt Barbarella zu, die tief bewegt aufsteht und das Zimmer verlässt. Kurz darauf kommt sie mit drei weißbekittelten Ärzten zurück.

Die Neurologen der Charité sind bewegt, bestürzt und verblüfft, als sie jetzt ins Zimmer treten. Noch nie hatten sie einen Patienten, der nach einem Jahr aus dem Schattenreich der klinisch Toten zu ihnen zurückgekommen ist. Sie stellen und setzen sich um sein Bett herum, um Bob zu testen. Ein kleiner, kahler Mann mit noch blasserem Teint als Bob lächelt ihn an und meint vorsichtig:

»Hallo, ich bin Dr. Mangold, und wer sind Sie?«

Bob lächelt zurück, er versteht, das ist eine Schlüsselfrage. Also denkt er eine Weile nach, fasst sich dann ans Ohrläppchen und sagt:

»Bob?«

»Gut«, meint Dr. Mangold und nickt dem dicken Dr. Fenner zu, der sich räuspert und dann leise fragt:

»Bob, was für ein Tag ist heute?«

Bob sieht aus dem Fenster und denkt lange nach.

»Ein schöner Tag. Die Sonne scheint, die Bäume blühen. Ich glaube, es sind Linden.«

»Und wo sind wir?«

»… Hier?«

»Ja hier, wo sind wir hier?«

Bob wirft Barbarella einen dankbaren Blick zu:

»In der Charité?«

Dr. Fenner sieht seine Kollegen an. Die Neurologen nicken mit hochgezogenen Augenbrauen einander zu. Dr. Rohrmauser, eine zierliche Dame mit roten Haaren, lächelt Bob an:

»Sehr gut. Und was sind Sie?«

Bob überlegt ein bisschen: »Schauspieler …?«

Frau Dr. Rohrmauser lässt nicht locker:

»Und was ist das, ein Schauspieler?«

Ein zweiter Blitz durchfährt Bob, er strahlt:

»Ein Schauspieler ist ein Nichts, das täglich an seiner Seele arbeitet!«

Die Neurologen staunen und nicken. Professor Piano kratzt wieder an seinem kleinen lustigen Hut. Auch er lächelt Bob aufmunternd zu.

»Ausgezeichnet, Bob. Würde es dir was ausmachen, wenn wir dich noch ein paar Wochen hierbehalten, um zu sehen, wie das W-Lyssa bei dir anschlägt?«

Bob ist verwirrt und sucht nach etwas.

»Lyssa, … Lyssa?«

»So heißt ein Medikament, dessen Wirkung wir an dir testen werden. Eigentlich ist das ein Parkinsonantagonist, aber eben auch ein Neuropeptidaktivator, also ein Serotoninwiederaufnahmehemmer, der deine körpereigene Opioidproduktion ankurbeln und dir ein gutes Gefühl schenken wird, wann immer du eine sinnvolle Erinnerung findest.«

Bob nickt nachdenklich, obwohl er das Wort sinnvoll nicht ganz verstanden hat. Aber da schnappt es in seinem Hirn, und er erinnert sich plötzlich, wer Lyssa ist: die griechische Göttin des Wahnsinns. Also wechselt er lieber das Thema.

»Bleibt Barbarella auch hier?«

»Natürlich.«

»Klasse!«

Sein Kurzzeitgedächtnis scheint schon wieder gut zu funktionieren, denn er schießt sofort nach:

»Aber ich hab vielleicht bald ein Casting, darf ich da hin?«

Die Ärzte tuscheln kurz miteinander. Schließlich richtet der berühmte Professor, der auch in der Klinik immer seinen kleinen lustigen Hut trägt, wieder das Wort an ihn.

»Also gut, Bob, aber wenn es so weit ist, nimmst du dir ein Taxi, und das soll dann vor dem Studio warten, damit es dich wieder herbringen kann, auch wenn du dich nach dem Casting nicht mehr an die Adresse der Klinik erinnern solltest. Dein Agent weiß Bescheid.«

»Hannibal? Danke, Herr Professor!«

Die Hexenküche der Kreativität

Christine Knall, im blasslila Minirock und in fuchsiafarbenen Prada-Stiefeletten sitzt mit souverän übereinandergeschlagenen Beinen in ihrem Büro und reibt sich die Hände. Sie hat Jule von Reiter, die Geschäftsführerin von Warschau19, eine durchtrainierte, grauhaarige Adlige Ende vierzig, und Peter Niesel, ihren Producer, also den Content-Verantwortlichen der neuen C&K-Telenovela, zur Startkonferenz bestellt.

Christine schätzt Peter Niesel trotz seiner Schlabberpullover sehr. Sie ist auf ihn angewiesen, denn Niesel ist fürs Grobe zuständig und nimmt ihr damit viel Arbeit ab. Die drei für die neue Serie Verantwortlichen, also Jule, Geschäftsführerin des geldgebenden Senders, Christine, Produzentin und Miteigentümerin, sowie Peter, Autorenhirte, sind sehr erregt, denn nächste Woche soll es schon losgehen. Hiroshi sitzt auch dabei und schreibt alles mit.

Christine runzelt die Stirn und reibt sich die Hände:

»Titel?«

Peter Niesel sagt stolz, denn es ist seine Idee:

»Frauen, stärker als ihr Schicksal!«

Jule von Reiter ist sich nicht ganz sicher:

»FSAIS? Wie wär’s mit NINI, Nichts ist nie irrelevant!«

Christine schüttelt den Kopf, runzelt die Stirn, lehnt sich zurück und blickt Peter Niesel tief in die Augen:

»Wie wär’s mit Petra oder Petrus knallen!«

Jule von Reiter, wie aus der Pistole geschossen:

»Genial!«

Peter Niesel wird rot und meint mit Blick auf Jule von Reiter trocken:

»POPK? Vielleicht lieber poppen als knallen, dann ließe sich das Kürzel wirklich gut im Internet verkaufen.«

Christine zieht an ihrer Zigarette:

»Petra oder Petrus poppen! PoPp! Genial, Peter! Ist gekauft! Stars?«

Jule von Reiter leckt sich die Lippen:

»Also ich hätt gerne als Star den Troy Maria Ring, mit dem wollt ich schon immer mal duschen.«

Peter Niesel wird wieder rot:

»Aber das ist ein Mann! Die weibliche Zielgruppe will ein Mädchen als Star!«

Jule grinst und meint lakonisch:

»Auch Tunten sehen fern, vor allem im fernen Osten.«

Christine, schlichtend:

»Nobody is perfect. Aber die Idee ist gut. Der Troy hat vor zwei Jahren doch mal für die Konkurrenz gearbeitet und ist dann verschwunden, das war dieses Plüschtier aus Maya will nur Liebe. Ich will ihn. Sign him!«

Peter Niesel dumpf und Jule von Reiter froh:

»Genial!«

Christine lächelt kurz:

»Danke. Story Line?«

Peter Niesel und Jule von Reiter tauschen einen verstohlenen Blick. Christine sieht es. Läuft da was zwischen den beiden? Zwischen ihrem Peter und Jule? Kann sie sich das zunutze machen? Wird sie hintergangen? Wäre das eine Story für ihren Freund Hannibal? Nein, wahrscheinlich nicht. Peter Niesel räuspert sich:

»Also, wir haben, wie besprochen, auf der einen Seite der Straße die Upscale-Familie Bergmann …«

Christine zündet sich eine neue Kokszigarette an und unterbricht:

»Gut, die Asiaten wollen unbedingt was mit Berg oder Bergmann, die lieben Bergmänner. Habt ihr den alten Ingmar aufgetrieben, da muss man sich um die Rechte kümmern!«

Peter Niesel streichelt ungelenk seinen linken Pulloverärmel:

»Also, das Original ist vor vier Jahren gestorben. Aber sein ältester Sohn lebt irgendwo in Indien und ist völlig durchgeknallt: Er hat unserem Justitiar geschrieben, wohlgemerkt, handschriftlich geschrieben«, er fischt einen Brief aus seiner Aktentasche, »ich zitiere: Dies, mein vorheriges Leben und das meines Vaters, sind nichts wert. Spendet Human Rights Watch einen Euro«, er grinst, »EINEN Euro, und ihr könnt mit meinem und seinem früheren Selbst machen, was ihr wollt. Gezeichnet: NJRK.«

»NJRK? Heißt der nicht Bergmann, wie sein Vater?«

»Unsere Juristen sind dran.«

»Hat er denn unterschrieben?«

»Leider nur mit seinem blutigen Fingerabdruck.«

»Ist das rechtsgültig?«

»Unsere Leute sind dran. Aber wenn es seine DNS ist, natürlich …«

Christine, unter anderem auch Juristin, meint spitzfindig:

»Und wenn wir den Euro überweisen, stehen diese früheren Selbste seines Vaters unserer kreativen Wahrnehmung zur freien Verfügung, solange wir nicht aus dessen Drehbüchern zitieren?«

Peter Niesel ist sich nicht sicher und sieht errötend Jule von Reiter an.

»Ich glaube schon. Als Alleinerbe hat er ja alle Persönlichkeitsrechte an allen seinen Vorfahren«, meint sie selbstgerecht.

Christine reibt sich erregt die Hände:

»Danke, Jule! Okay: Peter?«

Peter Niesel atmet tief durch, ist froh, dass er vor der Konferenz eine Fünfer Diazepam geschluckt und im Badezimmer vor dem Spiegel geübt hat. Er beugt sich jetzt, auch händereibend, vor:

»Also, die Bergmannfamilie besteht aus Yvonne von Bergmann, der Ehefrau und Teilhaberin …«

»Wer soll die spielen?«, unterbricht Christine.

Peter Niesel, leicht irritiert:

»Hera Balsam?«

Christine schlägt sich vor Freude mit ihrer rechten Hand auf ihren linken Oberschenkel:

»Meine dicke Freundin, genial, die ist lustig, muss nur ein bisschen abnehmen. Weiter.«

»… Thomas von Bergmann, dem Ehemann, der Kreativchef und auch Teilhaber der Soap-, sorry: Telenovela-Produktionsfirma Mania und Mania, und ihren beiden Töchtern, Karin und Kurdi.«

»Kurdi?«

»Türkischer Name. Wichtige Zielgruppe.«

»Genial. Aber Ma und Ma wär besser. Weiter.«

»Karin ist die etwas quallige, oberflächliche, aber wunderschöne Blondine, die von allen angehimmelt wird.«

»Gut, so was gibt’s wie Sand am Meer.«

Peter Niesel ist jetzt in Fahrt. Die Chefin hat angebissen.

»Und Kurdi ist die intrigante Babyschlange, die ihren Vater hasst, weil der auch so ’ne profillose Nacktschnecke ist und deswegen besser mit ihrer Schwester Karin auskommt. Kurdi ist paranoid, schlau, hinterhältig und selbstzerstörerisch.«

»Wer spielt sie?«

Peter Niesel und Jule von Reiter tauschen einen verlegenen Blick aus.

»Die Chinesen wollen eine Rumänin«, meint Jule.

»Her damit«, meint Christine großherzig, »Chinesen und Rumänen sind meine liebsten Zielgruppen. Wer spielt die Nacktschnecke?«

Jule von Reiter räuspert sich:

»Ich dachte an Bob Bodenbauer …«

Peter Niesel reißt die Augen auf und lacht böse:

»Bodenbauer? Der kann niemandem mehr auf die Nerven gehen, denn der ist zum Glück tot!«

Jule von Reiter sieht Christine in die Augen und sagt langsam:

»Ich muss Peter leider enttäuschen. Vor einer Woche ist er wieder aus dem Koma aufgewacht. Ein medizinisches Wunder.«

Christine erinnert sich dunkel an ein intimes Essen mit Hannibal Stein, der eindringlich darauf hingewiesen hatte, dass Wunder, neben Kripo, Koks und Klinik Schlüsselworte in der Seite Vier-Redaktion seien und fast in achtzig Prozent seiner Storys für die Titelzeilen verwendet würden. Sie begreift sofort das Potenzial.

»Wunder? Dann haben wir die BILD-Zeitung auf unserer Seite!«

Peter Niesel erstarrt vor Schreck und wird wieder rot.

»Aber … der ist eine unerträgliche Nervensäge! Ein U-Boot …«

Jule von Reiter tätschelt ihm beruhigend das Knie.

»Ich hab gestern mit seinem Agenten telefoniert. Bob Bodenbauer erinnert sich nicht mehr an sein altes Selbst; er lebt höchstens noch in den Filmen, die er früher mal gesehen hat, und glaubt, da hätte er überall mitgespielt. Und wenn der hört, dass er so eine Art Berg oder sogar Bergmann geben soll, dann macht er’s uns auch umsonst. Übermorgen kommt er zum Casting.«

Peter Niesel will etwas sagen, aber Christines Blick belehrt ihn eines Besseren.

»Geniale Idee. Weiter.«

Peter Niesel, inzwischen dunkelrot, versucht sich zu fangen:

»… und neben der Filmproduktion gibt es eine Pension, die gehört der Familie Hoppel.«

»Hop-pel?«

»Ja, um den Klassenunterschied zu bedienen. Also, außer der Pension betreibt die Familie Hoppel auch eine Penny-Markt-Filiale, und Sibylle Hoppel ist die immer leicht alkoholisierte Übermutter …«

Christine lächelt verträumt:

»Hoppel, so hieß mein Kaninchen.«

»… die hat sechs Söhne.«

»Sechs?«

Peter Niesel zuckt mit den Schultern:

»Letzte Woche sind in Ecuador Neunlinge geboren worden …«

»Okay …«

»Also, der jüngste Sohn ist Bruno, Troy Maria Ring, das Plüschtier …«

»Ja, den haben wir ja schon engagiert …«

»… der hat ein Hörgerät, aber auch eine hysterische Fußlähmung, außerdem wird er stottern. Der will unbedingt bei Ma&Ma als Drehbuchautor arbeiten und, wenn Jule darauf besteht, ist er der Held der Serie.«

»Klingt gut.« Christine schließt die Augen und hebt die Hände: »Der behindertste Junge der Welt! Ich sehe ihn vor mir! Weiter! Die Uhr läuft!«

»Dann der Zweitjüngste, das ist Bertram, der ist sehr, sehr doof, eitel und gestört und der will natürlich auch zum Film, als Statist oder sogar als Schauspieler. Und der klaut Bruno immer alle seine Looks und Ideen.«

»So’n deutscher Ben Stiller!«

»Ja, wir werden ihn finden. Dann der Drittjüngste, das ist Bernd, der Supernette, der arbeitet im Penny-Markt …«

»Umbenennen in Cent-Center!«

»… okay, im Cent-Center, und der vögelt immer alle, weil er so nett ist.«

Christine entkreuzt ihre langen, makellosen Marmorbeine und legt den rechten Schenkel über den linken.

»Sehr gut, sehr gut, aber vor dem Vögeln immer ordentlich knutschen, so mit dicken Lippen, sabbern und seufzen! Weiter …«

»… dann ist da noch der Viertjüngste …«

»… also der Drittälteste …«

»Ja, das ist Beat, der ist immer unglücklich verliebt, vor allem in Karin, und der knutscht sehr viel und ist Kameramann bei Ma&Ma.«

»Und die beiden Seniorsöhne?«

»Die sind noch nicht geplottet.«

»Gibt’s einen Vater für die Mischpoke?«

»Nee, noch nich so richtig, der eine ist verschwunden, und zwei der Söhne, die mit den Schlitzaugen, die sind wohl von ihm, wegen der asiatischen Koproduzenten. Die anderen drei sind Zufallstreffer. In der Pension gibt’s nur so ’nen verschlafenen Typen, der Sibylle geheiratet hat, weil er die Pension übernehmen will, und der sie immer mit billigem Fusel abfüllt, obwohl sie eigentlich Weinkennerin ist. Außerdem versucht der hin und wieder, mit den Pensionsgästen zu poppen.«

»Aber der ist doch sicher schon über vierzig!«

Jule von Reiter und Peter Niesel tauschen einen betretenen Blick aus. Jule nickt unmerklich. Peter räuspert sich und meint beiläufig:

»Kein Problem, können wir rausplotten.«

»Ja, ja, also gut«, meint Christine ungeduldig, »und was passiert dann so?«

Peter Niesel räuspert sich wieder.

»Na, so dies und das. Du musst uns halt vertrauen, Christine … oder mal ein Drehbuch lesen«, rutscht ihm heraus, und er legt sofort erschrocken eine Hand vor den Mund. Die Chefin bekommt ihr eisgraues Flimmern in die Augen:

»Vertrauen ist gut, Peter, Kontrolle ist besser. Und zum Drehbuchlesen hab ich nun wirklich keine Zeit!«

»Vertrauen muss aber gegeben werden, bevor es erworben ist!«, meint Peter Niesel errötend und verletzt.

Christine lächelt ihn kalt an.

»Das sagen meine Anwälte auch immer, bevor wir einen Prozess verlieren. Aber gut, ihr habt grünes Licht!«

Casting

Ein rauchender russischer Taxifahrer hat Bob in der Charité abgeholt. Er kennt die Schleichwege. Sie fahren durch blühende Alleen im Süden von Berlin. Bob fragt ihn, ob er was über den Sender wisse, für den er gleich auf die Besetzungscouch muss. Der Fahrer bietet ihm eine Zigarette an, die Bob höflich ablehnt, und meint dann lakonisch:

»Dieser Sam Silber hat Warschau19 vor vier Jahren für hundertfünfzig Millionen Euro erworben und vor einem Jahr für vier Milliarden an die Investorengruppe von Kim Sung Sang verkauft. Die hat seitdem über acht Milliarden Schulden, will den europäischen Vorprogrammmarkt erobern und bis zum Jahresende vierzig Prozent Profit sehen.«

Bob staunt:

»Und die Telenovela soll den Profit bringen? Acht Milliarden?«

»Kann schon sein«, meint der Taxifahrer und zündet sich eine neue Zigarette an.

Bob glaubt sich zu erinnern, dass er im Grunde seines Herzens immer Anarchist und froh war, wenn Kapitalisten sich verspekulierten, ist sich aber nicht sicher und wechselt lieber das Thema. Also liest er dem Taxifahrer das Rollenprofil der Figur vor, für die er jetzt gleich das Casting machen soll:

»Thomas von Bergmann, einundsechzig Jahre alt, ist Geschäftsführer von Ma&Ma. Er ist nett, konfliktscheu und trotz seines fortgeschrittenen Alters noch recht gut beisammen.«

Bob ist baff, wie schon beim ersten Lesen. Ein erwachsener Mann seiner Generation! Bei den Asiaten ist Alter eben noch kein Makel. Und er kann sich inzwischen auch wieder an alle Bergmann-Filme erinnern, in denen er mitgespielt hat, oder nicht?

Der Taxifahrer pfeift leise durch die Zähne:

»Licht am Ende des Tunnels? Vor zehn Jahren fuhr ich mal die Programmchefin eines großen Senders und einen kleinen Kollegen von Ihnen ins Kempinski. Der Kollege bettelte um eine Rolle. Sie meinte nur: Wir besetzen keine Männer über fünfunddreißig, das ist nicht unsere Zielgruppe. Und wer ist die Zielgruppe, fragte ihr sechsunddreißig Jahre alter Kollege, und sie antwortete: Männer zwischen zwei und zwanzig ohne Schulabschluss.«

Bobs mausgroßer Kehlkopf hüpft hoch und runter vor Aufregung. Also zieht er sich im Taxi, trotz der Hitze, doch den schwarzen Rollkragenpulli über, den Barbarella ihm vor seiner Abfahrt aus der Klinik gegen seinen heftigen Protest noch in den Rucksack gesteckt hat.

Nach einer Dreiviertelstunde sind sie am Medienpark und halten vor dem Eingang zum C&K-Gebäude. Bob steigt aus dem Taxi und geht zum Studioeingang. Er ist völlig desorientiert, aber entschlossen, sich nichts anmerken zu lassen. Viele nette junge Asiaten stehen am Empfang. Er grüßt freundlich. Eine nervöse schlanke Kollegin, die für die Rolle von Bobs TV-Gattin vorsprechen soll, sitzt auf einem Sofa. Er stellt den Rucksack ab und sich vor; auch sie grüßt Bob freundlich. Beide überfliegen gemeinsam ihren Text. Dann werden sie von einem netten jungen Asiaten in den Castingraum gebeten, der aussieht wie ein kleines Kino. Junge nette Menschen auch hier. Die schlanke Kollegin wendet sich an einen männlichen Menschen, der hinter einer Videokamera steht und sich elegant verbeugt.

»Wie soll ich’s anlegen?«, fragt sie schüchtern.

»Normal!«

»Danke.«

Bob lächelt den jungen Mann hinter der Kamera an:

»Hallo, ich bin Bob, und wer sind Sie?«

Noch eine Verbeugung, dann:

»Ich bin der Castingregisseur. Chin Sum Dim!«

»… und … wie alt sind Sie?«

»Achtzehn.«

»So jung und schon Regisseur!«

»Ja. Bitte an die Wand stellen, Thomas von Bergmann gibt.«

Bob will gerade seine rechte Hand ausstrecken, als er sich plötzlich erinnert, dass geben in diesem Zusammenhang nicht Hand schütteln, Karte ausspielen oder Almosen verteilen bedeutet, sondern ganz einfach den ersten Satz einer Szene sprechen. Er richtet sich also auf, schlüpft in die Rolle wie in einen maßgeschneiderten Handschuh, sieht seine Partnerin freundlich an und meint verbindlich:

»Wo sind eigentlich die Fotos von unserem Urlaub in Finnland?«

Yvonne von Bergmann

(schnaubt):

Dass du dich daran noch erinnern kannst!

Thomas von Bergmann

(sanft):

Kurdi hatte eine Grippe, und Karin wäre fast vom Pferd

gefallen, wie sollte ich das jemals vergessen.

Yvonne von Bergmann

(schnippisch):

Hab vergessen, wo die Fotos sind. So wie du bei der Arbeit auch dauernd was vergisst. Ich muss übrigens mit dir reden.

Thomas von Bergmann

(freundlich):

Gerne. Aber später. Jetzt kann ich nicht.

Yvonne von Bergmann

(scharf):

Du kannst nie, du Kaulquappe! Und ich weiß auch,

warum nicht: wegen der jungen Blondine!

Thomas von Bergmann

(vage):

Auch wenn’s so wäre, Schatz, von der brauch ich mich wenigstens nicht beschimpfen zu lassen, ciao!

»Sehr gut! Noch mal bitte. Alles etwas umgangssprachlicher«, ruft der junge Regisseur.

Also gibt Bob sich Mühe, seine Sätze noch authentischer zu sprechen, ohne die emphatische Modulation bei Schatz zu vergessen, und fühlt sich, als habe er den Text selbst geschrieben oder gerade eben erfunden. Wahrscheinlich aber ist er einfach nur so putzmunter, weil der Stimmungsaufheller, den der Professor ihm vor seiner Abfahrt als Antipsychotikum-Depressor verpasst hat, sehr gut wirkt. Er verabschiedet sich von der Kollegin und von jedem einzelnen netten Menschen mit Handschlag, vergisst auch seinen Rucksack nicht und steigt wieder zum freundlichen Raucher ins Taxi. Der beginnt durch dichten Verkehr Richtung Charité zu fahren, wo Barbarella und der Professor auf ihn warten.

Vampire Junkies

Barbarella hat ihre Komapatientenrunde in der Charité beendet. Sie sitzt mit Professor Piano in Bobs Zimmer und liest ihm aus dessen Tagebuchaufzeichnungen vor:

»Wir sitzen in der Lobby des Renaissance Hotels und warten auf Stefan, meinen Anwalt. Sabine sieht dauernd auf die Uhr, Otmar kaut an einem Croissant und Colombe tippt auf ihrem Handy herum. In fünfzehn Minuten sind wir im dreizehnten Stock mit dem großen Zampano Walter Wohlberg verabredet. Es geht um die Finanzierung von Vampire Junkies, meinem Monsterbaby-Filmprojekt.«

›Wer sind Colombe und Sabine?‹, überlegt Barbarella misstrauisch. Professor Piano, der seine Lieblingskrankenschwester kennt wie kein anderer, liest ihre Gedanken und meint locker:

»Fall jetzt bloß nicht auf dieses dramaturgische Placebo rein! Und sieh mich nicht so verdutzt an, du weißt genau, was ich meine! Eifersucht!« Barbarella blickt verlegen auf ihren Bauch.

»Ob diese Sucht nun eifersüchtig auf sich selbst, den Partner oder auf das Objekt der Begierde macht, sei dahingestellt. Sucht verstehen wir Ärzte im Allgemeinen ganz einfach als chronische Gier nach Belohnung, egal ob es sich um legale, illegale oder fiktive Stimuli handelt. Das hast du alles nicht nötig. Also nimm dich zusammen!«