Verlag: CW Niemeyer Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
30 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

E-Reader (w tym Kindle) für EUR 1,- kaufen
Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 450

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Im Jetzt der Vergangenheit - Anke Messerle

SCHULD VERJÄHRT NICHT. Lübeck. Dezember. Der Pharmaunternehmer Hans-Jochen Leipold wird erstochen an der Trave aufgefunden. Das Team der Lübecker Mordkommission rätselt: Was hat sein Tod mit einer Tat zu tun, die über dreißig Jahre zurückliegt und nicht aufgeklärt wurde? Und warum interessiert sich Theresa Johansson für das, was damals geschehen ist? Die Frau, die bereits ins Fadenkreuz der letzten Ermittlungen geraten ist. Je näher Hauptkommissar Lennart Bondevik der Lösung kommt, desto mehr wünscht er sich, er hätte nie in der Vergangenheit gegraben, denn ... es ist seine.

Meinungen über das E-Book Im Jetzt der Vergangenheit - Anke Messerle

E-Book-Leseprobe Im Jetzt der Vergangenheit - Anke Messerle

Anke MesserleIm Jetzt der Vergangenheit

Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de© 2019 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: Carsten RiethmüllerDer Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.comEPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHeISBN 978-3-8271-8358-3

Anke MesserleIm Jetzt der Vergangenheit

Über die AutorinAnke Messerle, 1970 in Remscheid geboren, wuchs im Bergischen Land auf. Ihre Liebe zum Norden entdeckte sie bereits in jungen Jahren während der Schulferien, die sie viele Jahre in Schleswig-Holstein verbrachte. Schon damals fasste sie den Entschluss, eines Tages dort zu leben. Sie studierte Sozialpädagogik und Rechtswissenschaften in den Städten Köln und Bonn und verbrachte einige Zeit in Schaumburg, bevor sie 2009 ihr Vorhaben in die Tat umsetzte und nach Lübeck zog. Anke Messerle arbeitet in der Sozialrechtsberatung einer Reha-Klinik und ist seit über fünfzehn Jahren als freiberufliche Trainerin, Moderatorin und Mediatorin für Unternehmen der freien Wirtschaft tätig. Nach ihrem Debütroman „Das falsche Tabu“ ist nun ihr zweites Buch „Im Jetzt der Vergangenheit“ erschienen.Mehr zur Autorin unter www.ankemesserle.de

1. Teil

Marienkirche / Dienstag, 8. Dezember

Sie glaubte nicht an Gott. Dennoch ging sie in die Kirche. Nicht regelmäßig und auch nicht zum Gottesdienst.

Sie zog es dorthin, wenn sie unruhig war und nachdenken musste. Dann suchte sie die andächtige Stille, die einem Gotteshaus so ganz eigen ist.

Manchmal blieb sie über eine Stunde dort, faltete die Hände und betete. Nicht zu Gott. Wie auch. Sie glaubte ja nicht, dass es ihn gibt. Aber sie sprach das Vaterunser. Das einzige Gebet, das sie kannte. Sie sagte es ganz leise auf, so, dass sie sich selbst kaum hören konnte, und wenn sie damit fertig war, begann sie wieder von vorn. Das tat ihr gut. Es beruhigte sie.

Sie hatte sich für ihr Gebet St. Marien ausgesucht. Die „Mutterkirche norddeutscher Backsteingotik“. Die Basilika, deren Besucher überwältigt waren, wenn sie sie betraten und in das fast vierzig Meter hohe Mittelschiff schauten – in das höchste gemauerte Backsteingewölbe der Welt.

Aber – sie nahm nichts von dem imposanten Bau wahr. Sie hatte den Blick gesenkt und spürte einen stechenden Schmerz in ihrer Brust. Sie hatte Angst.

Was davor geschah / Mittwoch, 2. Dezember

„Ganz schön zugig hier.“ Hauptkommissar Lennart Bondevik schlug den Kragen seiner Jacke hoch und rieb sich die kalten Hände. Er ging auf Ansgar Alhaus zu, der kurz vor ihm in der Hafenstraße auf dem Parkplatz des Fischers angekommen war und mit verschränkten Armen, an sein Auto gelehnt, wartete.

„Das kann man wohl sagen“, gab der Kollege zurück und verriegelte den Wagen.

Lennart Bondevik ließ den Blick über das Gelände des Cafés und Restaurants schweifen, das, direkt an der Trave gelegen, seinen Gästen einen wunderbaren Blick auf den Hafen bot.

„Da drüben“, sagte er und zeigte in Richtung einer Reihe grüner und blauer Müllcontainer, hinter denen mehrere Scheinwerfer hervorragten sowie das Dach eines weißen Zeltes. Das Team der Spurensicherung hatte es zum Schutz vor dem schneidenden Wind aufgebaut, der seit Tagen über die Stadt wehte.

An dem Zelt angekommen, traten Lennart und Alhaus an einen Klapptisch heran, der unter einem Vordach stand.

„Na dann wollen wir mal!“ Lennart fuhr mit dem Finger über mehrere in Plastikfolie verschweißte Einweg­overalls, die vor ihm lagen. „L, XL ...“, murmelte er, bevor er nach einem der papierartigen Schutzanzüge in Größe XXL griff. Er packte ihn aus, zwängte sich mit seiner gefütterten Winterjacke hinein und zog sich gerade die Kapuze über, als er Fiete Jessen, den Leiter des Erkennungsdienstes, von dem Restaurant aus auf sich und Alhaus zukommen sah.

„Kann mir mal einer sagen, was in dieser gottverdammten Stadt los ist?“, maulte der Mann mit der tiefen Stimme und dem aufrechten Gang.

Jessen spielte damit auf die Mordserie an, die kurz zuvor die Hansestadt in Atem gehalten und fünf Menschen das Leben gekostet hatte. Das letzte Opfer war Matthias Riedel gewesen, Vater einer sechsjährigen Tochter, Kriminaloberkommissar und Lennarts Partner. Sie hatten ihn noch nicht einmal beerdigt.

„Moin Jessen“, gab Lennart zurück und schlüpfte in ein Paar hellblaue Schuhüberzieher.

„Mann, Mann, Mann“, schimpfte der Leiter der Spurensicherung weiter. „Was muss in diesem Jahr denn noch alles passieren?“

„Wissen wir, wer der Tote ist?“, fragte Alhaus, während er den Reißverschluss seines Overalls zuzog.

„Das Opfer heißt Hans-Jochen Leipold.“ Jessen hielt Lennart und Alhaus den Zelteingang auf. „Wir haben einen Führerschein und einen Personalausweis gefunden.“

Der Tote lag, inmitten einer Blutlache, mit dem Rücken auf dem Kopfsteinpflaster. Sein dunkles Haar war an den Schläfen leicht ergraut. Neben seinem Kopf lag eine randlose Brille. Ein Glas war zersplittert. Der dunkelbraune Wollmantel, den das Opfer trug, stand offen. Auf dem beige­farbenen Jackett darunter zeichneten sich zwei große, dunkle Flecken ab.

„Den hätte ich Ihnen aber auch ohne Papiere identifizieren können“, meldete sich Thorwald Odebrecht zu Wort, der vor der Leiche kniete. „Leipold ist kein Unbekannter in Lübeck.“ Der beleibte Rechtsmediziner richtete sich schwerfällig auf, rückte seine klobige Hornbrille zurecht und grüßte Lennart und Alhaus, die an den Leichnam herangetreten waren.

Lennart betrachtete das Gesicht des Toten. Er kannte den Mann aus der Presse. „Das ist dieser Pharmaunternehmer, oder?“, fragte er.

Odebrecht nickte. „Dem gehört die Leipold Pharma GmbH.“

Lennart trat noch etwas näher an die Leiche heran.

„Wie Sie sehen, wurde der Mann von vorn erstochen. Er hat noch versucht, das Messer abzuwehren.“ Odebrecht wies auf Leipolds Hände, die durch die Schnittverletzungen blutverschmiert waren. „Vergeblich. Wenn Sie mich fragen, war bereits der erste Stich tödlich. Er ging in den Bauch und hat die Aorta getroffen – so weit lehne ich mich jetzt mal aus dem Fenster, ohne ihn auf dem Tisch gehabt zu haben.“

Lennart sah im Augenwinkel, wie Alhaus sich zu der Leiche herunterbeugte.

„Aber er hat dennoch ein zweites Mal zugestochen“, sagte der Kollege.

„Ganz genau“, erwiderte Odebrecht. „Direkt ins Herz. Er wollte wohl ganz sichergehen.“

Lennart richtete den Blick auf das Messer, dessen Griff aus der Brust des Opfers herausragte, fragte sich, warum der Täter die Tatwaffe am Tatort zurückgelassen hatte, und ging die möglichen Gründe dafür durch. Vielleicht war er überrascht worden, dachte er. Und in seiner Panik hat er den Tatort fluchtartig verlassen. Vielleicht hat er die Tatwaffe aber auch absichtlich nicht mitgenommen – weil er nicht damit aufgegriffen werden wollte, bevor er sie entsorgen konnte. Oder weil er ausschließen wollte, dass ...

„Sieht aus, wie ein Küchenmesser“, holte Alhaus’ Stimme Lennart aus seinen Gedanken.

„Ich würde mal sagen, es ist eins.“ Odebrecht verschränkte die Arme vor seinem Bauch. „Ich denke, es ist eine Art Filetiermesser.“ Der Rechtsmediziner wiegte den Kopf hin und her. „Einschneidige Klinge. Länge ... weiß ich noch nicht. Aber lang genug, dass sie die Aorta treffen konnte, wenn meine Theorie stimmt. Sicher ist, dass das Messer von WMF stammt. Es ist hochwertig – aber Massenware.“

„Können Sie schon etwas zum Todeszeitpunkt sagen?“ Alhaus richtete sich auf.

„Der ist noch nicht lange tot.“ Odebrecht wiegte wieder den Kopf hin und her. „Drei Stunden, würde ich sagen. Plus minus.“

Lennart sah auf seine Armbanduhr. Es war zweiundzwanzig Uhr zehn. Drei Stunden. Gegen sieben, dachte er.

„Und vom Täter keine Spur, nehme ich an.“ Alhaus wandte sich Jessen zu, der hinter ihm stand.

Der Chef des Erkennungsdienstes schüttelte den Kopf.

„Wer hat ihn gefunden?“, wollte Lennart wissen.

„Ein Barkeeper. Er ist draußen. Bei den Leuten vom Rettungsdienst.“

Der junge, vollbärtige Mann saß, in eine graue Decke gehüllt, auf der Rampe eines Krankenwagens. Er hielt einen Pappbecher in der Hand, aus dem es dampfte. Ein Beamter der Schutzpolizei und der Notarzt standen vor ihm. Außerdem ein weiterer Mann in Jeans und einer orangefarbenen Daunenjacke.

„Ich habe ihn da liegen sehen. Das war so furchtbar! Der Anblick! Das Blut!“, stammelte der Barkeeper, nachdem sich Lennart und Alhaus vorgestellt hatten. Als er sich ein wenig beruhigt hatte, berichtete er, dass er die leeren Weinkartons hatte entsorgen wollen und der Papiercontainer, anders als sonst, nicht mit den anderen Containern in einer Reihe gestanden habe, sondern ein Stückchen weiter zurück. „Die Bremsen an den Rädern waren lose“, sagte er, vermutete, dass jemand nach der letzten Leerung vergessen habe, sie festzustellen, und nahm an, dass der Container vom Wind aus der Reihe gedrückt worden sei. Als er hinter ihn getreten war, um ihn an seinen Platz zurückzuschieben, hatte der Barkeeper die Leiche am Boden liegen sehen – keine zwei Meter entfernt.

„Und wer sind Sie?“, fragte Lennart den Mann in der Daunenjacke.

„Mein Name ist Lietz. Ich bin der Inhaber des Fischers. Finn, also Herr Weiden, hat mich sofort hierhergeholt, nachdem er den Toten entdeckt hatte.“ Er legte eine Hand auf die Schulter des jungen Mannes. „Ich habe die Polizei gerufen.“

„Wann war das?“

„Vor knapp einer Stunde, würde ich sagen.“

„Gut. Kümmern Sie sich weiter um die beiden?“, fragte Lennart an Alhaus gewandt und schälte sich aus dem Overall. „Ich rufe in der Direktion an. Sie sollen jemanden zur Wohnung des Opfers schicken, und dann höre ich mich mal in der Bar um.“

***

Normalerweise war im Fischers um diese Zeit kein Platz zu bekommen. Aber nachdem sich wie ein Lauffeuer die Nachricht herumgesprochen hatte, dass keine einhundert Meter entfernt eine Leiche lag, hatten die meisten Gäste das Restaurant verlassen.

Lennart trat an den Tresen heran, hielt erst seinen Ausweis hoch und anschließend sein Smartphone. Er zeigte einer jungen Frau, die damit beschäftig war, Gläser zu polieren, ein Foto von Leipold, das er kurz zuvor am Tatort gemacht hatte. Die Reaktionen, die er darauf erhielt, waren ein angewiderter Gesichtsausdruck und ein Kopfschütteln.

„Kann ich mal sehen?“ Einer der Kellner hatte sich zu ihnen gestellt.

Lennart hielt ihm das Foto hin.

„Der war vorhin hier.“ Der Mann stellte sein Tablett auf die Theke und nahm die leeren Gläser herunter.

„Er war in der Bar?“ Lennart sah die Bedienung aufmerksam an.

„Jep. Aber fragen Sie doch mal Feli. Die hat ihn abkassiert.“

Lennart beobachtete, wie der Mann mit seinen Blicken die Bar absuchte.

„Keine Ahnung, wo die ist“, bemerkte der Kellner dann. „Weg ist sie aber noch nicht, auch wenn wir den Laden hier gleich dichtmachen. Ist nicht gut fürs Geschäft, ’ne Leiche vor der Tür. Wissen Sie?“

„Sicher nicht“, bestätigte Lennart.

„Die ist bestimmt eine rauchen.“ Der Kellner wies in Richtung einer Tür hinter der Bar.

Feli, Felizitas Reimers, stand unter einer gläsernen Überdachung am Hintereingang des Restaurants und zündete sich eine Zigarette an. Sie war klein, schm­al und hatte kurze blonde Haare. An der rechten Augenbraue glänzte ein Piercing und im linken Nasenflügel ein silberner Ring. Lennart schätzte sie auf Anfang zwanzig. Sie trug, wie das gesamte Personal, eine blaue, lange Schürze und eine weiße Bluse, über die sie eine dünne, graue Fleecejacke gezogen hatte, auf deren Brusttasche das gestickte Logo des Fischers zu sehen war.

„Ihr Kollege hat mir gesagt, dass ich Sie hier finde“, sagte Lennart und stellte sich vor. „Er meinte auch, dass Sie mir etwas über diesen Mann sagen können.“ Lennart zeigte der jungen Frau das Foto von Leipolds Leiche.

Sie wandte sich ab, nickte aber. „Der war in der Bar“, sagte sie, zog mehrmals hastig an ihrer Zigarette, blies den Rauch aus und schlang sich die Arme um ihren Oberkörper.

„Allein?“

Felizitas Reimers schüttelte den Kopf. „Der hat da jemanden getroffen“, gab sie zurück und berichtete von einer Frau, die circa eine halbe Stunde vor Leipold ins Fischers gekommen sei. „Sie hat ein Wasser bestellt und immerzu auf die Uhr geschaut. So wie jemand, der auf jemanden wartet. Dann kam der Typ rein. Der Idiot ...!“ Felizitas Reimers zog erneut an der Zigarette und drückte anschließend den Filter in eine mit Sand gefüllte Schale, die am Boden stand.

„Sorry“, nuschelte sie. „Ich meine, über Tote soll man ja nicht schlecht reden.“ Mit zittrigen Händen zündete sie sich eine neue Zigarette an. „Aber der Typ hat telefoniert, als er reinkam, und mich echt heftig angerempelt. Mir ist beinahe das volle Tablett runtergerasselt. Und was macht der? Motzt mich an, ob ich keine Augen im Kopf hätte!“ Sie zeigte mit dem Zeigefinger auf sich. „Ich!? Hallo?!“

„Und dann?“

„Dann ist er auf die Frau zugegangen.“

„Ja? Und ...?“

„Was weiß denn ich? Er hat etwas zu ihr gesagt, mir ein Zeichen gegeben, dass ich kommen soll, der Frau in die Jacke geholfen, bezahlt und dann sind sie gegangen. Das war’s.“

„Das war’s?“ Lennart sah die Frau abwartend an.

„Ja.“

„Haben Sie hören können, was der Mann gesagt hat?“

„Ne. Aber dem hat man angesehen, dass er total genervt war.“

„Genervt?“

„Oder sauer. Oder beides.“

„Und die Frau?“

„Die hat sich rausführen lassen. Sah dabei aber auch nicht glücklich aus.“

„Sondern?“

Felizitas Reimers zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht“, sagte sie. „Halt nicht besonders happy.“

„Aha“, erwiderte Lennart. „Haben Sie die beiden oder einen von beiden schon einmal hier gesehen?“

„Nein. Aber ich arbeite auch erst seit einem Monat in dem Laden.“

„Können Sie mir sagen, wie viel Uhr es war, als die Frau hierhergekommen ist?“

„Kurz nach sechs.“

„Das wissen Sie so genau?“

„Ja. Ich hatte gerade die Tische übernommen. Ich habe diese Woche Spätschicht. Die fängt um sechs an.“

„Und ungefähr eine halbe Stunde später kam der Mann in die Bar, sagen Sie?“

„Ja. Gegen halb sieben.“

„Wie sah die Frau aus?“

„Wie sah sie aus? Hübsch. Lange braune Haare. Sie trug einen Zopf. Weiße Seidenbluse. Jeans, glaube ich.“

„Alter?“

„Keine Ahnung. Älter als ich. Jünger als Sie. Irgendwo dazwischen, würde ich sagen.“

Irgendwo zwischen Anfang zwanzig und Mitte vierzig, dachte Lennart. Super!

„Nachdem die beiden die Bar verlassen haben, ist Ihnen da noch irgendetwas aufgefallen?“, fragte er dann.

Felizitas Reimers machte ein nachdenkliches Gesicht. „Die standen noch einen Moment draußen“, sagte sie. „Aber ich musste mich dann auch wieder um meine Gäste kümmern. Als ich später noch einmal rausgeschaut habe, waren sie weg.“

Donnerstag, 3. Dezember

Es war bereits nach Mitternacht, als Lennart sich von Ansgar Alhaus in strömendem Regen verabschiedete, in seinen rostigen weißen 240er Volvo Kombi stieg und den Tatort verließ. Er wollte auf dem schnellsten Weg nach Hause fahren, heiß duschen und ein paar Stunden schlafen. Aber anstatt über die Hubbrücke auf die Altstadtinsel zu fahren, lenkte er den Wagen in den Brückenweg, fuhr in Richtung Stadtpark und bog wenig später in die Krügerstraße ein. Er hatte die Curtiusstraße noch nicht erreicht, als er auch schon das stumme Blaulicht sah, das in der Dunkelheit aufblitzte und über die Fassaden der ansehnlichen Häuser wanderte, die diesen Teil St. Gertruds zu einer der besten und beliebtesten Wohngegenden der Stadt machten.

Lennart näherte sich langsam einem Streifenwagen, der vor einer der Gründerzeitvillen stand, und erblickte ein weiteres Fahrzeug, von dem er wusste, dass es zu den Kollegen des ZKD gehörte, des Zentralen Kriminaldauerdienstes. Er hielt am Straßenrand an. Der Regen prasselte auf das Dach des Volvos, und die Scheibenwischer mühten sich ab, die Windschutzscheibe von den Wassermassen zu befreien.

Lennart warf einen Blick zur Eingangstür der Villa. Sie stand offen. Der Flur war hell erleuchtet. Er blickte durch die Seitenscheibe die Hauswand empor und sah verschwommen, dass in Theresa Johanssons Wohnung Licht brannte. Ein beklemmendes Gefühl machte sich in Lennart breit.

Er stellte den Motor ab, rannte zum Hauseingang der Villa und eilte die Treppe hinauf. Im ersten Stock angekommen, sah Lennart, dass das Schloss der Wohnungstür und die Zarge beschädigt waren. Die Tür war aufgebrochen worden. Zwei Feuerwehrmänner waren damit beschäftigt, sie notdürftig zu reparieren und ein provisorisches Schloss einzubauen.

Lennart hatte gerade den Flur betreten, als auch schon ein uniformierter Polizist auf ihn zukam. Lennart erinnerte sich nicht, ihn zuvor schon einmal gesehen zu haben. Er hielt dem Mann seinen Ausweis hin, woraufhin der Kollege den Kopf auf die Seite legte und mit der Bewegung in Richtung einer Tür deutete.

Lennart betrat einen großen Raum, in dessen Mitte ein helles, breites Sofa stand.

„Wer hat dich denn gerufen?“ Klaus Behnke, einer der beiden Kollegen des ZKD, stand neben der Couch und sah Lennart erstaunt an.

Lennart kannte den kahlköpfigen Mann seit Jahren – wenn auch nur flüchtig. Er und Behnke begegneten sich immer wieder einmal in der Kantine und wechselten ein paar Worte miteinander. Aber meistens sahen sie sich im Zusammenhang mit der Übergabe eines Tatorts.

„Was ist passiert?“, schoss es aus Lennart heraus. Regen tropfte aus seinen Haaren. Er wischte sich die Augen mit dem Ärmel seiner nassen Jacke frei.

„Eine junge Frau. Theresa Johansson. Die Psychologin, die ihr während der letzten Ermittlungen aus dem Keller von diesem Serienmörder geholt habt. Diesem Professor. Justus Jacobi“, erwiderte Behnke und berichtete, dass alles dafür spräche, dass sie versucht habe, sich das Leben zu nehmen. „Sie hat Tabletten geschluckt. Jede Menge. Der Krankenwagen ist gerade eben mit ihr los.“

„... versucht, sich das Leben zu nehmen?“, wiederholte Lennart bestürzt. „Aber ...“

Was soll das heißen? Sie hat versucht, sich das Leben zu nehmen? Warum hätte Theresa sich umbringen sollen? Sich selbst töten wollen? Sie war doch gerade erst knapp dem Tode entronnen.

„Bondevik, ist alles in Ordnung bei dir?“

Lennart hörte Klaus Behnke wie aus weiter Ferne.

„Du bist weiß wie ’ne Wand.“

„Alles gut“, brachte Lennart mühsam hervor.

„Sicher?“ Behnke sah ihn skeptisch an.

„Sicher. Wer hat sie gefunden?“

„Der Nachbar. Der hat auch die Kollegen des dritten Polizeireviers gerufen. Er war mit Frau Johansson verabredet. Wollte die Waschmaschine für sie anschließen, wie er sagt. Die steht im Flur. Scheint erst geliefert worden zu sein. Jedenfalls ist sie noch verpackt. Hast du vielleicht gesehen. Der Mann hat zur verabredeten Zeit bei ihr geklingelt. Aber die Frau hat ihm nicht geöffnet – obwohl Licht brannte. Er hat es eine Stunde lang immer wieder versucht. Ohne Erfolg. Das ... und die Tatsache, dass er keinen Mucks aus ihrer Wohnung gehört hat, hat ihn beunruhigt.“

„Wird sie durchkommen?“, fragte Lennart. Er zitterte innerlich, während er die Frage stellte – aus Angst vor der Antwort.

„Keine Ahnung! Sie hat die Pillen mit ordentlich viel Wein runtergespült.“

Behnke wies in Richtung eines Tabletts auf dem Boden vor dem Sofa. Eine leere Flasche lag daneben. Eine weitere, fast leer, stand darauf, zusammen mit einem Glas, mit einem Rest Wein darin. Lennarts Blick fiel auf eine dicke, cremefarbene Kerze. Er vermutete, dass sie kurz zuvor ausgepustet worden war. Es roch danach. Dann sah er zwei offenstehende Tablettenpackungen.

„Die leeren Blister hat der Notarzt mitgenommen.“

Lennart kämpfte mit seiner Verzweiflung. „Wo haben sie sie hingebracht?“

„Ins Universitätsklinikum“, antwortet Behnke, während er Lennart von der Seite ansah. „Warum bist du hier?“, fragte er. „Wir haben nichts gefunden, was den Schluss zulässt, dass jemand Frau Johansson töten wollte. Es gibt keinerlei Anzeichen für Fremdeinwirkung. Die Sache ist eindeutig. Die Frau wollte nicht mehr. Siehst du das?“ Der Kollege zeigte auf Unmengen Zettel, die kreuz und quer auf dem Sofa verstreut lagen. „Dazwischen hat sie gelegen. Das sind alles Kopien oder Ausdrucke von irgendetwas, was vor vielen Jahren passiert ist. Ich weiß es nicht – aber vielleicht hat sie das so mitgenommen, dass sie ... Ist nur so ein Gedanke.“

Lennart trat näher an das Sofa heran. Aber noch ehe er sich die Ausdrucke genauer anschauen konnte, sprach der Kollege weiter.

„Vielleicht hat sie aber auch diese ganze Geschichte mit diesem Professor nicht verkraftet. Wundern würde es mich nicht. Ich meine, wie kommt man damit klar, in der Gewalt eines Mörders gewesen zu sein, der einen nach dem anderen ins Jenseits befördert hat?“ Behnke sah Lennart forschend an. „Oder habt ihr irgendeinen Grund anzunehmen, dass hier jemand ...“

Lennart schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte er. „Nein, nein. Ich bin eher ... zufällig hier.“ Lennart wandte sich von Behnke ab. Zufällig, wiederholte er in Gedanken. Was für ein Quatsch!

„Soso!“ Der Kollege zog die Augenbrauen hoch. „Na, wie dem auch sei. So, wie wir die Frau vorgefunden haben ... die leeren Tablettenpackungen, der Wein, diese ganzen Artikel und das Erlebnis in Jacobis Keller ... Das alles spricht dafür, dass wir es hier mit einem Selbstmordversuch zu tun haben. Wie gesagt, es gibt keine Anzeichen für Fremdeinwirkung. Dazu kommt, dass es keinerlei Hinweise auf ein gewaltsames Eindringen in die Wohnung gibt. Die Tür haben die Kollegen aufgetreten. Es gibt auch keinerlei Spuren, die den Schluss zulassen, dass eine zweite Person hier gewesen ist.“

„In der ganzen Wohnung nicht!“, dröhnte es. Jörg Hohscheidt, ein junger, neuer Kollege im ZKD, mit dem Lennart erst ein einziges Mal zu tun gehabt hatte, kam die Treppe herunter, die das Wohnzimmer mit dem darüberliegenden Stockwerk verband. „Hier liegt eindeutig die Absicht einer Selbsttötung vor. Kein Zweifel.“

Lennart nickte niedergeschlagen.

„Und deshalb machen wir hier jetzt auch die Biege!“ Behnke packte einige Sachen zusammen, die er zur Untersuchung der Wohnung benötigt hatte. „Wir schreiben unseren Bericht und geben das Ganze morgen direkt an die Kollegen des K11 weiter. Dann können die den Deckel draufmachen.“

Behnke war schon zur Tür hinaus, drehte sich aber noch einmal um. „Fahr nach Hause, Bondevik. Du holst dir ja noch den Tod.“ Er sah Lennart von oben bis unten an, der noch immer vor dem Sofa stand. Klatschnass.

„Ich bleibe noch einen Moment hier“, entgegnete Len­nart.

„Wenn du meinst!“ Behnke zuckte die Schultern und wandte sich an den Kollegen der Schutzpolizei, dem Lennart im Flur begegnet war. „Sie sichern hier dann später alles ab!“, sagte er und verließ hinter Hohscheidt Theresa Johanssons Wohnung.

Warum hat sie das gemacht?

Lennart zog seine Jacke aus und ließ sich auf einen Stuhl sinken, der schräg vor dem Sofa stand. Er schloss die Augen. Sofort schossen ihm Bilder von Theresa in den Kopf. Theresa, wie sie nackt und gefesselt auf dem Boden in Justus Jacobis Keller kniete. Er sah den Spiegel vor sich, der vor ihr stand, das Hundehalsband um ihren Hals und den Professor, der das Band nach und nach weiter zugezogen hatte.

„Die Feuerwehrmänner sind mit dem Schloss fertig“, hörte Lennart den Kollegen der Schutzpolizei sagen, der in der Tür stand. Wir würden den Laden hier dann ganz gerne dichtmachen.“

Lennart nickte kraftlos. „Gehen Sie ruhig. Ich mache das schon.“

Der Beamte sah aus, als überlege er, ob das den Vorschriften entspräche. Aber dann nickte er ebenfalls. „Na gut. Ziehen Sie die Tür zu und versiegeln ...“

„Sie können sich auf mich verlassen“, unterbrach Lennart den Mann und lächelte ihm zu.

Kurz darauf war Lennart allein. Er ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Die Wohnung wirkte auf ihn, als stecke Theresa Johansson noch mitten im Umzug. Überall standen Pappkartons herum, nicht zusammengebaute Regale und einige wenige, irgendwo im Raum abgestellte Möbelstücke.

Sie lebt seit Monaten hier, dachte er, und hat nicht einmal ausgepackt.

Warum auch? Warum soll man auspacken, wenn man sich das Leben nehmen will?

Lennart wusste, dass das zynisch war, und spürte, wie ihn eine lähmende Trostlosigkeit ergriff. Er legte seinen Kopf in die Hände und schloss erneut für einen Moment die Augen.

Nachdem er eine Weile so dagesessen hatte, stand er auf, ging quer durch das Zimmer und stieg die Treppe ins Obergeschoss hinauf, wo er Theresas Schlafzimmer vermutete. Er drückte einen Schalter, und ein sanftes Licht erhellte einen länglichen Raum mit Schrägen bis zum Dachfirst. Die hintere Giebelseite bestand komplett aus Glas. In eine der Seitenwände waren zwei große, runde Fenster mit gusseisernen Fensterkreuzen eingelassen worden. Hinter einem davon hatte Lennart Theresa vor einigen Tagen von seinem Auto aus beobachtet. Jetzt kam er sich wie ein Stalker vor.

An der gegenüberliegenden Wand lehnte ein Bettgestell aus Metall. Auf dem Parkett lag, auf einem Lattenrost, eine Matratze. Aus offenstehenden Kisten hingen Kleidungsstücke heraus. Andere lagen in Stapeln auf dem Boden verteilt und wieder andere in zwei Wäschekörben, die gleich neben dem Treppenaufgang standen. Wenn heute ihre Waschmaschine angeschlossen werden sollte, dachte Lennart, dann hat sie vermutlich die letzten Wochen ihre Wäsche im Waschsalon gewaschen.

Lennart erblickte eine kleine, dunkelblaue Reisetasche. Er wühlte sich durch die Kartons, Wäschestapel und -körbe und packte einige Sachen für Theresa ein. Dann verließ er das Schlafzimmer, ging in das gegenüberliegende Bad, nahm eine Zahnbürste vom Waschbeckenrand und eine Tube Zahnpasta, verstaute beides ebenfalls in der Tasche und zog ihren Reißverschluss zu.

Wieder unten angekommen, stopfte Lennart die Zettel, die auf dem Sofa lagen, in seine Tasche. Er griff Theresas Handy, das er, halb unter eines der Kissen gerutscht, auf der Couch hatte liegen sehen. Dann ging er in den Flur und ließ das Handy zusammen mit dem Haustürschlüssel, der auf einer Kommode lag, in ihre Handtasche gleiten, die neben der Eingangstür stand. Bepackt mit ihren Sachen, verließ er Theresa Johanssons Wohnung, schloss die Wohnungstür und versiegelte sie.

***

Lennart musste eingenickt sein, denn ihm war der Kaffeebecher aus der Hand geglitten, den er an einem Automaten im Wartebereich der Notaufnahme des Universitätsklinikums gezogen hatte. Die braune Brühe hatte grauenhaft geschmeckt. Aber dennoch hatte Lennart den Kaffee bis auf einen kleinen Rest ausgetrunken, der sich auf dem Boden, neben seinen Füßen, verteilt hatte.

Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Es war fünf Uhr sechsunddreißig. Lennart hatte die ganze Nacht in dem tristen Wartebereich mit den unbequemen Stühlen ausgeharrt und sich die Worte zurechtgelegt, die er sagen wollte, wenn Theresa ansprechbar war und er vor ihr stand.

„Hallo. Schön, dass du bei uns bist.“ So, oder so ähnlich, hatte er beginnen wollen. Aber er mochte auch nicht aufdringlich sein. „Wenn du mich hier nicht haben willst – ich kann auch gehen“, hatte er deshalb fortfahren wollen. Bisher hatte man ihn jedoch nicht zu ihr gelassen.

Lennart nahm seine Tasche von dem Stuhl neben sich, um nach einem Taschentuch zu suchen, mit dem er die kleine Kaffeepfütze aufwischen konnte. Aber was er als Erstes ergriff, waren die Zettel, inmitten derer Theresa auf ihrem Sofa gefunden worden war. Er hatte ganz vergessen, dass er sie eingesteckt hatte, zog sie heraus, blätterte sie durch und ließ sie dann verblüfft sinken.

Was will sie denn damit?

Lennart wusste zwar, dass es um irgendetwas ging, was vor vielen Jahren passiert war. Aber damit hatte er nicht gerechnet. Er hielt eine Reihe Ausdrucke von Zeitungsberichten in Händen. Artikel, in denen darüber berichtet wurde, was vor über dreißig Jahren seiner Freundin Mia angetan worden war.

Verwirrt richtete Lennart sich auf dem Stuhl auf und überflog noch einmal die Überschriften. Theresa Johansson hatte nahezu alles ausgedruckt, was die Lübecker Nachrichten über das, was damals geschehen war, geschrieben hatten.

Darunter Berichte, die in den Tagen unmittelbar nach der Tat erschienen waren:

Dreizehnjährige in Bordell vergewaltigt!

Polizei rätselt:

Wie kam das dreizehnjährige Mädchen in das Bordell?

Außerdem entdeckte Lennart Artikel, die knapp ein Jahr später veröffentlicht worden waren:

Im Bordell vergewaltigtes Mädchen nimmt sich das Leben!

Im Fall der kleinen Mia:

Täter läuft noch immer frei herum.

Dann hatte Lennart Mias Todesanzeige vor sich. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Was will Theresa damit?

„Sind Sie ein Angehöriger von Frau Johansson?“

Lennart zuckte leicht zusammen. Er hatte den Mann in dem weißen Kittel nicht kommen sehen und ihn auch nicht gehört. Dr. J. Garber stand auf dem Schild, das er an seiner Brusttasche trug. Lennart schob die Zettel zusammen und stopfte sie in seine Tasche zurück.

„Nein. Ich ... Ich bin ... Wie geht es Frau Johansson?“

„Wenn Sie kein Angehöriger sind, darf ich Ihnen leider keine Auskunft geben.“

Lennart nickte betrübt. „Ändert es etwas, wenn ich Ihnen sage, dass ich von der Polizei bin?“, versuchte er es.

Aber der Arzt sah ihn nur verdutzt an.

„Ich denke nicht, dass Frau Johansson ein Fall für die Polizei ist. Sie hat sich das Leben nehmen wollen. Das ist nicht schön – aber meines Wissens steht das nicht unter Strafe.“

„Nein. Das tut es nicht.“ Lennart schüttelte den Kopf. „Und es gibt keinen Zweifel daran, dass sie sich ...?“

„Nein. Ich habe sie gründlich untersucht.“ Dr. Garber sah Lennart freundlich an. „Es tut mir leid, Herr ...“

„Bondevik.“

„Herr Bondevik. Ich darf Ihnen nicht mehr sagen. Aber Sie müssen mich verstehen.“ Der Arzt wartete einen Moment, bevor er fortfuhr. „Kennen Sie einen Angehörigen, den wir informieren können?“

Lennart schüttelte wieder den Kopf. „Theresa, also Frau Johansson, und ich, wir kennen uns noch nicht lange. Aber ich werde versuchen, jemanden ausfindig zu machen.“

„Machen Sie das“, erwiderte der Arzt und hielt Lennart die Hand hin.

„Bitte“, sagte Lennart, ergriff die Hand und hielt sie fest. „Sagen Sie mir nur, ob es ihr einigermaßen gut geht.“

Der Arzt sah ihn eindringlich an. „Sie machen sich aufrichtig Sorgen um die Frau“, stellte er fest. „Also gut. Nur so viel: Es ist ein Problem aufgetreten. Wir werden tun, was in unserer Macht steht.“ Eine tiefe Falte hatte sich auf Dr. Garbers Stirn gebildet. „Gehen Sie nach Hause. Sie können hier nichts für sie tun.“

***

Gegen sieben Uhr betrat Lennart den Flur des K1. Er war kurz zu Hause vorbeigefahren, hatte geduscht, frische Kleidung angezogen und sich ein Brot geschmiert. Aber er hatte keinen Bissen herunterbekommen.

Nachdem er sein Büro betreten hatte, legte er seine Tasche, seine Jacke und seinen Schal ab, setzte sich an den Schreibtisch und rieb sich müde die Augen. Er fühlte sich leer und unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

Warum macht sie so etwas?

Lennart spürte Bitterkeit in sich aufsteigen. Ein Gefühl, von dem er wusste, dass es nicht durch das ausgelöst wurde, was Theresa getan hatte, sondern seiner eigenen Hilflosigkeit und Verzweiflung geschuldet war.

Warum macht sie so etwas, fragte er sich wieder. Wir holen sie aus Jacobis Keller heraus, retten ihr das Leben, und dann will sie es einfach so wegwerfen. Warum? Und warum all diese Artikel?

Lennart war noch völlig in seine Gedanken vertieft, als Ansgar Alhaus hereinkam. Alhaus, seit einem halben Jahr in der Mordkommission tätig, trug einen kleinen Karton unter dem Arm. Er enthielt einige wenige persön­liche Dinge, die mit ihm aus dem Büro, das er sich bisher mit dem Ermittler Maximilian Jost geteilt hatte, an seinen neuen Arbeitsplatz umzogen. Benno Faust, der Leiter der Mordkommission, hatte beschlossen, Alhaus an Lennarts Seite zu stellen. Lennart hatte keine Ahnung, was Faust dazu bewogen hatte. Aber er würde sich mit der Entscheidung arrangieren. Ihm blieb nichts anderes übrig.

„Wer hätte das gedacht, was? Wir beide. Hier. In einem Raum.“ Alhaus grinste, wurde kurz darauf aber ernst. „Ich weiß, ich bin kein Ersatz für Ihren Partner. Aber ich fände es schön, wenn wir dennoch irgendwie ...“ Er stellte den Karton auf Matthias Riedels Schreibtisch ab, den jemand tags zuvor leer geräumt haben musste.

Alhaus musterte Lennart. „Hallo? Wo sind Sie denn mit Ihren Gedanken?“, fragte er dann.

„Hm?“, reagierte Lennart zerstreut. „Ja. Ja. Wir zwei. Hier. Zusammen.“

Ansgar Alhaus schüttelte den Kopf. „Kommen Sie. Die Frühbesprechung fängt in zwei Minuten an.“

***

Die Luft im Besprechungsraum war stickig, wie immer. Lennart trat an das Fenster heran, überlegte es zu öffnen, ließ es dann jedoch geschlossen. Es war nass draußen – und noch stockdunkel.

Alhaus lehnte an dem Aktenbord auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes, eine Tasse Kaffee in der Hand.

Nach und nach trudelte der Rest des Teams ein: die Ermittler Kurt Jankowski, Daniel Becker, Franka Dahlberg, Joseph Walther und Maximilian Jost sowie die Sekretärin der Mordkommission, Irmgard Traut.

Als auch Benno Faust den Raum betreten hatte, setzten sie sich um den Block zusammengeschobener Tische herum und trugen zusammen, was sie bisher über den ermordeten Pharmaunternehmer herausgefunden hatten: Hans-Jochen Leipold, zweiundfünfzig Jahre alt, war in Lübeck geboren. Er hatte sein Abitur in der Hansestadt gemacht und anschließend in Amerika ein Wirtschaftsstudium absolviert. Nach dem Studium war Leipold viele Jahre lang für eine der größten und bekanntesten Consultingfirmen der Staaten tätig gewesen, die sich auf die Beratung von Pharmakonzernen spezialisiert hatten, der P&H CC, der Pharma & Healthcare Consulting Company.

„2010 ist er zurück nach Deutschland gekommen“, meldete sich Daniel Becker zu Wort, der Jüngste im Team. „Kurz darauf hat er die H.-J. Leipold Pharma GmbH gegründet, die er als alleinverantwortlicher Geschäftsführer geleitet hat. Das Unternehmen entwickelt und stellt Therapeutika zur Behandlung onkologischer Erkrankungen her.“

„Krebs“, kommentierte Alhaus.

Becker nickte, stand auf und verteilte Kopien eines Exposés, das er von der Website des Pharmaunternehmens heruntergeladen und ausgedruckt hatte. „Die Leipold GmbH beschäftigt rund zweihundertachtzig Mitarbeiter, die überwiegend am Hauptsitz tätig sind, in der Zentrale im Gewerbe- und Industriegebiet Roggenhorst“, sagte er. „Rund neunzig Mitarbeiter arbeiten verstreut auf kleinere Niederlassungen in Schweden, Großbritannien und den USA sowie an zwei Pro­duktionsstätten, denen Logistikzentren angeschlossen sind. Eine Halle steht in Bielany, einem Stadtbezirk im Nordwesten von Warschau, und die andere in der Oberkrain, in Slowenien, in der Nähe der Grenze zu Österreich.“

„Klingt nach einem gesunden Unternehmen“, warf Joseph Walther ein, der mit verschränkten Armen neben seiner Partnerin Franka Dahlberg saß.

Becker setzte sich wieder.

„Leipold hat ein Haus in der Elsässer Straße, mit Grundstück an der Wakenitz“, übernahm Kurt Jankowski, der mit Becker ein Team bildete und zusammen mit seinem Partner in der Nacht den Wohnort des Opfers aufgesucht hatte. „Ganz schön nobel. Jessen hat gestern noch ein Team hingeschickt. Bei dem riesigen Kasten werden die eine ganze Weile brauchen.“ Jankowski ging zu der Kaffeemaschine, die auf dem Aktenbord stand, und goss sich eine Tasse Kaffee ein. „Sieht so aus, als hätte Leipold dort allein gewohnt“, fuhr er fort und schob seine kleine ovale Brille mit dem Zeigefinger hoch. „Jedenfalls haben wir bisher nichts gefunden, was einen anderen Schluss zulässt.“

„Nichts, außer einem ausgetrockneten Lippenstift“, ergänzte Becker.

„Der zusammen mit – ich will keine vorschnellen Schlüsse ziehen – mit einem Doppelbett in seinem Schlafzimmer darauf hinweisen könnte, dass Leipold nicht immer allein gewohnt hat. Aber ob er verheiratet gewesen ist ...“ Jankowski zog die Schultern hoch. „Das wissen wir alles noch nicht.“

„Hmmm“, machte Faust. „Was ist mit der Frau, mit der er sich in der Bar getroffen hat?“

„Wenn er was mit ihr hatte ...“ Jankowski verschränkte die Arme hinter seinem Kopf. „Gewohnt hat sie, wie gesagt, nicht bei ihm.“

„Lennart?“ Faust wandte sich Lennart zu und wartete. „Lennart!“

Lennart sah auf. Er konnte dem Gespräch nur schwer folgen. Immer wieder drifteten seine Gedanken zu Theresa Johansson ab.

„Könntest du bitte den anderen mitteilen, was wir über die Frau wissen, die Leipold getroffen hat?“

Lennart wiederholte, was er von Felizitas Reimers erfahren hatte.

„Hat sie die beiden schon vorher einmal zusammen im Fischers gesehen?“, fragte Faust.

„Nein“, gab Lennart zurück. „Und auch keiner der anderen Angestellten des Restaurants. Nicht zusammen und auch nicht allein.“

„Was sagen die Gäste?“

„Nichts, was uns weiterbringt.“

„Was ist mit Videoüberwachung?“, wollte Faust als Nächs­tes wissen. „Auf dem Parkplatz? Im Restaurant?“

Alhaus schüttelte den Kopf. „Keine.“

„Wäre ja auch zu schön gewesen!“

Dann berichtete Benno Faust, was Thorwald Odebrecht ihm über den bisherigen Stand der Obduktion mitgeteilt habe. „Und – die SpuSi hat Fingerabdrücke auf der Tatwaffe gefunden.“

„Fingerabdrücke?“, wiederholte Alhaus mit einem kritischen Unterton in der Stimme. „Aber die sind ja wohl kaum von unserem Täter? So einfach wird er ...“

„Oder sie ...“, bemerkte Franka Dahlberg.

„Okay. Bleiben wir politisch korrekt. Also: So einfach wird er oder sie es uns doch wohl nicht machen!“

Lennart sah seinen neuen Partner an. Er hatte sich bereits am Fischers gefragt, welche Gründe der Täter gehabt haben könnte, die Tatwaffe am Tatort zurückzulassen. Jetzt überlegte er außerdem, warum er nicht einmal seine Fingerabdrücke beseitigt hatte.

Wenn der Täter keine Handschuhe getragen hat und ihm die Fingerabdrücke tatsächlich zuzuordnen sind, dachte Lennart, dann gibt es dafür nur eine plausible Erklärung. Dann müssen wir davon ausgehen, dass er nicht vorgehabt hatte, die Tatwaffe am Tatort zu lassen. „Sonst hätte er ja gleich neben der Leiche sitzen bleiben können“, murmelte Lennart vor sich hin. Als er bemerkte, dass die Kollegen ihn irritiert ansahen, hob er die Hände. „Schon gut. Ist nix“, sagte er und dachte, dass das alles nur dann irgendeinen Sinn ergäbe, wenn der Täter den Tatort flucht­artig hatte verlassen müssen. Vielleicht hatte ihn jemand überrascht.

„Ob die Fingerabdrücke tatsächlich zu der Person gehören, die Leipold erstochen hat, das wird sich hoffentlich bald herausstellen.“ Faust hatte sich an Alhaus gewandt. „Ein Abgleich mit der Fingerabdruckdatei des LKA hat keinen Treffer ergeben.“

„Was ist mit Leipolds Handy?“, fragte Jankowski.

„Nehmen sich die Kollegen von der Kriminaltechnik heute als Erstes vor.“

„Gut!“, sagte Daniel Becker. „Dann können wir hoffentlich spätestens morgen Nachmittag mit den Ergebnissen rechnen.“

Lennart sah noch im Augenwinkel, wie Faust nickte, bevor seine Gedanken wieder zu Theresa Johansson abschweiften. Er stellte sich vor, wie sie auf der Couch lag, zwischen all den ausgedruckten Zeitungsartikeln. Dann hörte Lennart erneut seinen Namen.

„Lennart, du und Alhaus, ihr fahrt in Leipolds Firma und befragt die Mitarbeiter. Franka und Walther, ihr hört euch in Leipolds Nachbarschaft um. Und Kurt, du und Daniel, ihr bringt in Erfahrung, mit wem Leipold Kontakt hatte. Familie, Freunde und, und, und. Und findet heraus, wer die Frau war, mit der er sich in der Bar getroffen hat.“

***

„Also. Schießen Sie los!“ Ansgar Alhaus lenkte den Passat vom Parkplatz der Polizeidirektion.

„Was meinen Sie?“, stelle Lennart sich dumm. Er wusste genau, worauf Alhaus hinauswollte.

„Na, es ist doch was. Wo sind Sie mit Ihren Gedanken?“

Lennart kam es vor, als hätte er ein Déjà-vu. Fast genauso hatte der Kollege angefangen, nachdem sie Professor Justus Jacobi, dem Leiter der Kinder-Jugendpsychi­atrie am Universitätsklinikum, im Rahmen der letzten Ermittlungen einen Besuch abgestattet hatten. Zu einem Zeitpunkt, an dem sie nicht einmal geahnt hatten, dass sie dem von ihnen gesuchten Serienmörder gegenübersaßen.

Normalerweise hätte Lennart mit seinem Partner Riedel in das Klinikum fahren sollen. Aber Riedel hatte von Faust dienstfrei bekommen, um eine Theateraufführung seiner Tochter, Katharina, besuchen zu können. Und Faust war es auch gewesen, der entschieden hatte, dass Ansgar Alhaus Lennart an Riedels statt begleiten sollte.

Auf dem Weg zu Jacobi waren sie an den ringförmig angelegten Bauten der Kinder- und Jugendpsychiatrie auf dem Gelände des Universitätsklinikums vorbeigefahren. Und für Lennart hatte es sich so angefühlt, als hätten ihn die Erinnerung und der damit einhergehende Schmerz innerlich zerrissen.

Mia war damals dort untergebracht worden, nachdem die physischen Verletzungen der Vergewaltigung einigermaßen verheilt waren. Ein knappes Jahr später war sie aus einem Fenster eines der Gebäude der Kinder- und Jugendpsychiatrie in den Tod gesprungen. Lange, bevor Jacobi dort Leiter geworden war.

Alhaus, nicht nur Kriminalkommissar, sondern auch promovierter Psychologe und Spezialist für Mikroexpressionen, hatte Lennart seinen Kummer angesehen. Einen Tag später war er in Lennarts Büro erschienen, weil er wissen wollte, was ihn auf dem Klinikgelände so beschäftigt, ja ... geradezu gequält hatte. Und Lennart hatte es ihm, zu seinem eigenen Erstaunen, erzählt – sogar, dass Mias Vergewaltigung im Bordell seiner Mutter begangen worden war. Darüber, wie Mia dorthin gekommen war, hatte er jedoch kein Wort verloren.

Lennart hatte es nicht erwartet – aber er hatte eine ehrliche Anteilnahme bei Ansgar Alhaus wahrgenommen. Ein Mitgefühl, das Lennart hatte vermuten lassen, dass der Mann, der vor Arroganz und Zynismus nur so strotzte, noch eine andere Seite haben könnte. Eine Vermutung, die sich, nachdem sie über Riedels Tod informiert worden waren, bestätigt hatte. Ansgar Alhaus hatte sich umgehend angeboten, mit Lennart zusammen zu Alice zu fahren, um ihr die Nachricht zu überbringen. Alice war die Mutter von Matthias Riedels Tochter Katharina – dem Kind, das Riedel so sehr geliebt hatte.

„Theresa Johansson hat versucht, sich das Leben zu nehmen“, sagte Lennart mit dünner Stimme.

Sie standen an einer Kreuzung vor einer roten Ampel, und Lennart sah von der Seite, wie Alhaus den Kopf zu ihm herumriss.

„Sie hat was? Aber ... Wann war das? Wo? Und woher wissen Sie davon?“, sprudelte es aus Alhaus heraus.

„Letzte Nacht. In ihrer Wohnung. Ich war bei ihr zu Hause.“

„Letzte Nacht?“

„Ja.“

„Und was haben Sie letzte Nacht bei Theresa Johansson zu Hause gemacht, wenn ich fragen darf?“ Alhaus legte einen Gang ein, und sie fuhren weiter.

Lennart antwortete nicht.

„Na, geht mich wohl nichts an. Haben Sie sie gefunden?“

Lennart schüttelte den Kopf und berichtete, was ihm Behnke über den Nachbarn erzählt hatte.

„Behnke? ZKD. Klar. Die waren da. Und die haben uns ... die haben Sie angefordert?“

„Nein. Es gibt keine Hinweise auf Fremdeinwirkung.“ Lennart sah die Bäume und Häuser an sich vorbeirauschen. Er atmete tief ein. „Ich, ich war eher zufällig dort“, druckste er herum, genauso, wie er es auch schon Behnke gegenüber getan hatte. Und genau wie an dem Abend in Theresas Wohnung erschien ihm die Erklärung auch jetzt fadenscheinig. Aber sie muss reichen, dachte er.

„Aha“, erwiderte Alhaus. „Zufällig.“

Eine Zeit lang sprach keiner von beiden ein Wort.

„Sie haben gesagt, Theresa Johansson hätte versucht, sich das Leben zu nehmen“, nahm Alhaus das Gespräch wieder auf. „Ich kann also davon ausgehen, dass sie rechtzeitig gefunden wurde?“

„Sie ist in der Uniklinik.“

„Und was sagen die Ärzte?“

„Dass sie nichts sagen dürfen. Aber ... Der Arzt in der Notaufnahme hat angedeutet, dass es nicht gut aussieht. Es soll Komplikationen gegeben haben.“

„Komplikationen?“

„Ja“.

Sie schwiegen erneut.

Dann erreichten sie das Industriegebiet. In der Spenglerstraße bog Alhaus auf den Parkplatz des Pharmaunternehmens und stellte den Wagen auf dem für H.-J. Leipold reservierten Parkplatz ab.

Alhaus sah Lennart einen Moment lang an, während Lennart in seiner Tasche kramte, die Zeitungsberichte herauszog und sie seinem neuen Partner gab.

„Die lagen in ihrer Wohnung“, sagte er.

Alhaus überflog die Überschriften der Artikel. „Sie wusste von Mia?“

„Ja.“

„Haben Sie ihr von ihr erzählt?“

„Ja.“

„Auch das, was im Bordell Ihrer Mutter passiert ist?“

Auch das, dachte Lennart. Und nicht nur das. Anders als Alhaus hatte er Theresa Johansson auch gesagt, wie Mia in das Etablissement und dort in die obere Etage, in der die Prostituierten die Freier bedienten, gekommen war. Und ... wieso man sie ausgerechnet im Zimmer seiner Mutter gefunden hatte. Aber das erwähnte er seinem Kollegen gegenüber nicht. Stattdessen bejahte er lediglich seine Fragen und wies darauf hin, dass Theresa Johansson so gut wie alles, was die Lübecker Nachrichten damals darüber geschrieben hatten, ausgedruckt hatte.

„Sieht ganz danach aus.“ Alhaus blätterte durch die Artikel. „Aber warum?“

„Ich habe keine Ahnung.“

„Sie ist Psychologin.“ Alhaus runzelte die Stirn. „Vielleicht wollte sie besser verstehen, was damals geschehen ist, um auch Sie besser verstehen und Ihnen helfen zu können.“

Helfen können, wiederholte Lennart in Gedanken und suchte nach einem Ausdruck von Belustigung und Ironie in Alhaus’ Gesicht. Aber er fand keinen.

„So machen wir Psychologen das. Wir versetzen uns ... Ach, vergessen Sie’s.“ Alhaus öffnete die Autotür, aber anstatt auszusteigen, drehte er sich noch einmal zu Lennart um.

„Sie hatten in letzter Zeit viel mit Frau Johansson zu tun“, sagte er. „Und auch wenn es mich nichts angeht – aber mein Eindruck ist, dass Sie Frau Johansson mögen. Und ... dass Frau Johansson Sie mag.“

Lennart seufzte innerlich. Was seine Gefühle für Theresa Johansson betraf, musste er Alhaus recht geben. Er kannte sie erst seit zwei Wochen – seit der letzten Ermittlungen. Aber Lennart hatte sich von Anfang an in ihrer Gegenwart wohlgefühlt. Und – er hatte, genau wie Alhaus, den Eindruck gewonnen, dass auch sie ihn mochte. Aber da war er sich mittlerweile nicht mehr so sicher.

Alhaus sah Lennart schweigend an. Auf den ersten Blick so wie jemand, der seinem Gegenüber überlassen möchte, ob es sich öffnet oder nicht – der, auf den zweiten Blick betrachtet, mit seinem Schweigen aber auch genau die Absicht verfolgt, den anderen dazu zu bringen, weiterzureden.

Und Lennart redete. Zwar sprach er nicht darüber, dass er Trost bei Theresa Johansson gesucht hatte, nachdem er vom Tod seines Partners erfahren hatte. Nicht darüber, dass sie an dem Tag den Nachmittag bei ihm miteinander verbracht und sie miteinander geschlafen hatten. Schweigend. Traurig. Und er erwähnte auch nicht, dass sie irgenwann einfach gegangen, ja ... verschwunden war – und mit ihr ein Foto, das sie auf Lennarts Küchentisch gefunden hatte. Es zeigte Mia, Lennart und ihren gemeinsamen Freund Peter. Das Bild war an Peters vierzehntem Geburtstag in der Backstube seines Vaters aufgenommen worden.

Von all dem sagte Lennart nichts. Aber er berichtete Alhaus, dass er immer wieder versucht habe, Kontakt zu Theresa aufzunehmen.

„Seit ich sie das letzte Mal gesehen habe, habe ich sie immer wieder angerufen, ihr auf die Mailbox gesprochen und ihr Nachrichten geschrieben – immer mit der Bitte, sich bei mir zu melden. Aber das hat sie nicht getan. Sie hat alle meine Anrufe und Nachrichten ignoriert. Ich wollte sie an ihrem Arbeitsplatz aufsuchen ... Aber ich habe sie nicht angetroffen.“ Lennart sah Alhaus an während er sprach und am Ende gab er zu, dass er nicht rein zufällig durch ihre Straße gefahren sei. „Ich war jeden Abend dort“, sagte er verlegen. „Anfangs habe ich noch geklingelt. Aber sie hat mir nicht geöffnet, obwohl Licht in ihrer Wohnung brannte. Irgendwann habe ich aufgehört, sie anzurufen und ihr zu schreiben. Und ich habe auch nicht mehr bei ihr geläutet. Aber ich bin weiterhin jeden Abend an ihrem Haus vorbeigefahren.“

„Ah. Okay. Verstehe. Gestern also auch, als sie versucht hat, sich das Leben zu nehmen.“

„Ja.“

„Sie haben gesagt, dass der Nachbar mit ihr verabredet war, um die Waschmaschine anzuschließen“, sagte Alhaus. „Das war dann wohl ihr Glück.“

„Glück? Ob sie das auch so sieht? Ich meine, sie wollte sich umbringen. Sie wollte sterben – und sicher nicht gerettet werden.“

„Das weiß man nicht.“

„Dass sie nicht gerettet werden wollte?“

Alhaus nickte.

„Sie meinen, das war so eine Art Hilferuf?“

„Kann doch sein. Sie wusste, dass der Nachbar vorbeikommen würde.“

„Hmmm“, machte Lennart. „Ja ... aber konnte sie sich auch darauf verlassen, dass er gleich den Notarzt rufen würde, wenn sie nicht aufmacht? Ich weiß nicht.“

Alhaus hielt Lennart die Ausdrucke hin.

In Gedanken versunken nahm Lennart sie entgegen. Sollte sein neuer Partner recht haben?, fragte er sich. Hatte Theresa sich am Ende gar nicht umbringen wollen? Hatte sie sich darauf verlassen, rechtzeitig gefunden zu werden? Es fiel Lennart schwer, das zu glauben. Aber tief in seinem Innersten hoffte er es.

Lennart packte die Zettel zurück in die Tasche. „Wissen Sie, was mich die ganze Zeit beschäftigt – mal abgesehen davon, dass ich nicht verstehe, warum sie das gemacht hat?“

„Na? Spucken Sie es aus.“

„Warum sie all diese Artikel um sich herum ausgebreitet hat, als sie sich das Leben nehmen wollte.“

„Ah. Sie fragen sich, ob die Artikel und der Selbstmordversuch miteinander in Verbindung stehen?“

„Ja. Das tue ich.“

„Sie meinen, dass das, was Ihrer Freundin Mia damals passiert ist, den Wunsch bei Frau Johansson ausgelöst haben könnte, aus dem Leben zu scheiden?“

Lennart quälte dieser Gedanke schon die ganze Zeit.

Seine und Alhaus’ Blicke trafen sich für einen Moment. Dann griff Lennart ohne ein weiteres Wort seine Jacke, die auf der Rückbank lag.

Sie stiegen aus und betraten den Eingangsbereich der H.-J. Leipold Pharma GmbH.

***

Kurze Zeit später stürzte ein hagerer Mann mit wehen­dem weißem Kittel auf Lennart Bondevik und Ansgar Alhaus zu. Er war circa einen Meter siebzig groß, hatte blonde Haare, trug einen Seitenscheitel und einen schmalen Oberlippenbart. Lennart schätzte ihn auf Mitte, Ende vierzig.

„Collister ist mein Name“, sagte der Mann. „Dr. Simon Collister.“ Und ohne abzuwarten, dass sich auch Lennart und Alhaus vorstellten, fügte er hinzu: „Sagen Sie, was ist denn überhaupt los? Frau Kopplin“, Collister nickte in Richtung der Mitarbeiterin am Empfang, „sagte nur, Sie seien von der Kriminalpolizei. Warum wollen Sie jemanden sprechen, der Herrn Leipold vertritt?“

Lennart und Alhaus zeigten dem Mann ihre Ausweise. „Sind wir da bei Ihnen richtig?“

„Nein. Herr Leipold wird durch Herrn Maiwald vertreten. Herr Maiwald ist der Leiter der Finanzen und Prokurist der Firma. Aber ... er hat sich heute freigenommen und kommt erst morgen wieder. Kann ich Ihnen vielleicht weiterhelfen? Ich leite die Abteilung Forschung und Entwicklung hier im Haus.“

Lennart überlegte einen Augenblick und berichtete dann, dass Hans-Jochen Leipold ermordet aufgefunden worden sei.

Simon Collister sah Lennart zunächst ausdruckslos, dann stutzig an. „Was sagen Sie da? Hajo ist ermordet worden? Aber ...“

„Hören Sie, wir müssen Ihnen in Ruhe einige Fragen stellen.“

Collister nickte eifrig. „Ja. Natürlich. Lassen Sie uns in mein Büro gehen.“

Sie durchquerten die Eingangshalle des Unternehmens und standen kurz darauf vor einer schweren Eisentür, an der Collister einen Zahlencode eingab.

„Ich verstehe das nicht. Leipold. Tot!“, sagte der Mann, als die Tür aufsprang und gleich wieder ins Schloss fiel, nachdem sie die dahinterliegende Halle betreten hatten. „Das kann doch nicht sein.“

Collister wirkte erschüttert. Als er jedoch sah, dass Lennart und Alhaus sich umsahen, machte er eine ausladende Geste.

„Das ist ein Teil des Forschungs- und Entwicklungszentrums der Firma“, sagte er. „Das Herzstück, wenn Sie so wollen. Mein Bereich. Erstreckt sich über drei Etagen.“ Für den Bruchteil einer Sekunde huschte ein Lächeln über Collisters Gesicht.

Lennart war es nicht entgangen und auch nicht der Stolz, der in der Stimme des Mannes mitschwang.

Durch die Halle hindurch führte ein schmaler Gang, von dem rechts und links, durch Glaswände unterteilt, Laborbereiche abgingen. Die Mitarbeiter trugen an ihren Arbeitsplätzen Schutzanzüge, Handschuhe, Haar- und Mundschutz sowie Sicherheitsbrillen. Sie schauten durch Mikroskope, beträufelten Objektträger, füllten Flüssig­keiten mit Pipetten in Glasröhrchen oder bedienten technische Apparaturen, die rüttelten, schleuderten oder blinkten.

„Ich nehme an, Sie wissen bereits, was wir hier machen“, sagte Collister.

„Wir wissen, dass Sie Medikamente herstellen, die in der Krebstherapie eingesetzt werden“, gab Alhaus zurück.

Collister blieb stehen und blickte einen Moment lang nachdenklich zu Boden. „Einfach ausgedrückt kann man das so sagen. Ja ...“, meinte er dann. „Sie haben in letzter Zeit doch sicher schon einmal etwas von personalisierter Medizin gehört.“ Collister sah im Weitergehen erst Alhaus, dann Lennart fragend an, wartete aber keine Antwort ab. „Eine individualisierte, auf den erkrankten Menschen zugeschnittene Therapie.“ Dann blieb er wieder stehen.

„Wissen Sie, es gibt keine zwei Patienten, die dieselbe Krankheit haben“, erklärte er. „Sie haben vielleicht ähnliche Symptome und eine Diagnose gestellt bekommen, die den gleichen Namen trägt. Aber jeder Kranke ist auf seine eigene Art krank. Und das hat, natürlich, Einfluss auf den Erfolg einer medikamentösen Behandlung. Bei dem einen Patienten schlägt sie an, bei dem anderen, mit den gleichen Symptomen, bleibt sie wirkungslos. Das ist bedauerlich. Aber ... es ist so. Und leider Gottes ist es auch so, dass besonders bei Arzneimitteln zur Behandlung von Krebs­erkrankungen die Wirkung häufig ausbleibt und eine Verlängerung der Lebenszeit so gut wie nicht nachweisbar ist. Ziel muss es also sein, für jeden Kranken die für ihn maßgeschneiderte Therapie zu finden. Die Grundlage dafür ist eine exakte patientenbezogene, in unserem Fall onkologische Diagnostik. Wir haben den Schwerpunkt auf die Erkennung und Differenzierung von Tumorgewebe mithilfe spezieller Methoden der Immunhistochemie gelegt.“ Collister stockte. „Ich will es nicht zu kompliziert machen. Also ... Wir sorgen dafür, dass tumoreigene Proteine mikroskopisch sichtbar werden. Darüber bekommen wir Informationen über die individuellen Eigenschaften des jeweiligen Tumors und können viel gezielter eine geeignete Therapie für den Patienten auswählen.“ Collister warf den beiden Beamten einen Blick zu – so als wolle er prüfen, ob sie ihn verstünden. „Wir sind eines der wenigen Pharmaunternehmen, die sowohl Diagnostika als auch Therapeutika aus eigener Entwicklung und Produktion anbieten.“ Collister nickte einem der Laboranten zu, der neugierig zu den Besuchern schaute.

„Klingt sehr ... innovativ“, sagte Alhaus.

„Das ist es. Das ist die Therapie der Zukunft. Und wir sind ganz vorn mit dabei!“

„Ich könnte mir vorstellen, dass eine solche individualisierte Behandlung ganz schön kostspielig ist. Und ich frage mich, ob sie der Zwei-Klassen-Medizin nicht Tür und Tor öffnet?“ Alhaus sah Collister an und hob versöhnlich die Hände. „Entschuldigung. Ich will Ihnen nicht zu nahe treten.“

„Ist schon gut“, griff Collister Alhaus’ Bedenken auf. „Das Kostenargument wird gerne von Kritikern angeführt. Dem muss man aber entgegenhalten, dass schneller wirksam behandelte Patienten auch weniger Folgekosten verursachen. Und man muss dazusagen, dass mit personalisierter Medizin nicht die Behandlung eines einzigen Patienten gemeint ist, sondern die einer Gruppe. Deshalb nennt man sie auch stratifizierte Medizin.“

„Stratifizierte Medizin“, wiederholte Alhaus. „Okay. Und wie kam es dazu, dass Sie sich ausgerechnet auf diesen Bereich konzentriert haben?“

„Oh, da muss ich etwas ausholen.“ Collister blieb wieder stehen, ging dann aber weiter und berichtete, dass er Hans-Jochen Leipold vor Jahren in Amerika kennengelernt habe. „Damals habe ich in New Jersey gelebt.“ Collister lächelte. „Ich bin in den Staaten geboren. Meine Mutter war Amerikanerin. Mein Vater Deutscher. Deshalb auch mein Vorname. Simon. Simon kann man sowohl amerikanisch als auch deutsch aussprechen.“ Und weiter erzählte der Chemiker, dass er, bedingt durch den Beruf des Vaters, er war Diplomat gewesen, als Kind viel in der Welt herumgekommen sei. „Als ich sechzehn Jahre alt war, sind wir dann nach Bonn gezogen, wo ich später auch studiert habe. Ich hatte das Glück, zweisprachig aufwachsen zu können, und habe dazu noch die doppelte Staatsbürgerschaft. Aber das ist für Sie sicher gar nicht von Interesse.“

Collister grüßte im Vorübergehen einen jungen Mann, der ihnen entgegenkam. „Nachdem ich promoviert habe, bin ich nach New Jersey, nach Bridgeton, gegangen und habe dort als Biochemiker bei einem der größten Pharmaunternehmen weltweit gearbeitet. T & T, Thompson & Thompson – kennen Sie sicher. Damals dachte ich, mit dem Job das ganz große Los gezogen zu haben.“ Collister zog ein Gesicht und schnaubte leicht. „Die Begeisterung hielt nicht lange an. Mir wurde sehr schnell bewusst, dass die Behandlungsmethode Ein Medikament für alle, ich übertreibe etwas, nicht funktioniert – eine standardisierte Versorgung also wenig effektiv ist und nur der Pharmaindustrie dient. In meiner Firma wollte davon natürlich niemand etwas wissen. Wir waren ja ein Unternehmen, das genau davon lebte, dass eben keine Unterschiede gemacht wurden. Aber wissen Sie ...“, Collister sah die Beamten an. „Es kann ja nie genug sein. Und so hat die Chefetage damals, trotz all der Gewinne, die Idee gehabt, eine Consultingfirma zu beauftragen, die den Rotstift anlegen sollte. Vor allem beim Personal.“ Collister machte eine Pause. „Wie überall“, sagte er dann mit einer Mischung aus Resignation und Spott in der Stimme. „Die Firma heißt ...“

„Lassen Sie mich raten”, sagte Alhaus. „Die Firma heißt Pharma & Healthcare Consulting Company.“

„Das wissen Sie also schon. Dann wissen Sie auch, dass Hajo, also Herr Leipold, für diese Firma gearbeitet hat.“

Alhaus nickte.