Im Kernschatten - Antje Wilding - E-Book

Im Kernschatten E-Book

Antje Wilding

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Beschreibung

Das ungewöhnliche Verbrechen an einer jungen Frau im Berlin von heute. Zugleich Einblick in ein Land, das es nicht mehr gibt und das es so nie gab. Außer vielleicht in den Köpfen. "Der Kernschatten ist der düsterste Bereich eines Schattens… Ist die Lichtquelle klein genug oder ausreichend weit entfernt, so gibt es im Inneren des Schattens einen Bereich, in dem die Lichtquelle vollständig verdeckt ist. Dieser Bereich ist der Kernschatten." (Quelle: Wikipedia) Alle Personen und Geschehnisse sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.

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Seitenzahl: 334

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Antje Wilding

Im Kernschatten

Kriminalroman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

27. November

28. November

29. November

30. November

1. Dezember

2. Dezember

4. Dezember

5. Dezember

6. Dezember

Bei uns als eBook erschienen

Impressum neobooks

27. November

Vorsichtig stieg Karin Ferber aus der Straßenbahn. Sie eilte die Straße hinunter und zog den Wohnungsschlüssel aus der Tasche. Sie tastete über den bröckligen Putz an der Wand neben dem Tor und fand den Lichtschalter. Sobald die Glühbirne, die nackt an einem kurzen Kabel hing, den Torweg erleuchtete, zuckte sie zurück. In dem schummrigen Licht sah es so aus, als ob zwischen den Mülltonnen vor ihr jemand auf dem Boden säße. Sie drehte sich mit einem Ruck um und lief fast in die Kneipe an der Ecke.

Obwohl Karin Ferber schon seit fast drei Monaten in dem Haus mit dem dunklen Torweg wohnte, war sie noch nie in dieser Kneipe gewesen. Drinnen roch es nach feuchter Wärme, nach Desinfektion und kaltem Rauch. Die Wände waren gelb und verräuchert. An der Decke hing eine Neonlampe, die an zwei Ketten befestigt war. Der dicke Wirt hinter dem Tresen musterte sie kurz und wandte sich wieder den beiden Männern zu, die an der Theke lehnten und über Fußball sprachen. Die Frau sah auf die Rücken der Männer und holte tief Luft, um aufkommende Hysterie zu unterdrücken.

"Ich glaube, ich habe eine Leiche entdeckt, in unserem Haus, im Durchgang. Es ist in der Nummer 20."

Die beiden Männer drehten sich zu ihr um und starrten sie wortlos an. Der eine, ein großer Dünner mit fettigem Haar und roten Äderchen auf den Wangen musterte sie von oben bis unten.

"Was haben Sie gesagt?"

"Ich glaube, ich habe eine Leiche entdeckt. Im Durchgang, in der Nummer 20."

Die beiden mussten sofort gegangen sein. Später erinnerte sie sich nur noch an eine Fliege, die gegen die dunkle Fensterscheibe flog. Der Wirt stellte eine Tasse Kaffee vor sie hin und rückte das Telefon auf der Theke zurecht.

Nach einer Viertelstunde kamen die beiden zurück. Sie wusste sofort, dass der dritte Mann, dem sie die Tür aufhielten, ein Polizist war. Diese Typen in Jeans und Windjacke kannte sie. Während sie ihm entgegen sah, lief in ihrem Kopf eine Schallplatte: Es ist nie vorbei. Er sah ihr mit diesem ernsten Polizistenblick in die Augen, um ihre Pupillenreaktion zu beobachten.

"Laagemann, Kriminalpolizei. Sie haben die Leiche gefunden?"

"Ich habe nur die Füße gesehen."

"Wohnen Sie in der Nummer 20?"

"Ja, seit elf Wochen."

Er holte einen Ausweis in einer kleinen Plastiktüte aus der Jackentasche und legte ihn vor sie hin.

"Kennen Sie die Frau?"

"Nein." Natürlich war sie es. Irgendwo im Kopf hatte sie es die ganze Zeit lang gewusst. Sie betrachtete das Foto gründlich.

"Nein, ich kenne die Frau nicht." Als sie es endlich wagte, den Kopf zu heben, und dem Polizisten wieder in die Augen zu sehen, war sie entschlossen zu schweigen.

Der Polizist hörte ihr konzentriert zu, als sie ihm berichtete, wie sie nach Hause gekommen war, im Durchgang das Licht angeschaltet und dann die Füße der Leiche entdeckt hatte. Sie war froh, die Wahrheit sagen zu können, Lügen lagen ihr nicht besonders.

"Bitte, kommen Sie morgen früh in unsere Dienststelle", er schob ihr eine Karte über die fleckige Tischplatte zu.

"Wir müssen Ihre Zeugenvernehmung protokollieren. Vielen Dank für Ihre Hilfe." Er erhob sich und wollte sich dem Wirt zuwenden. Aber etwas an der Art, wie sie ihn ansah, hielt ihn zurück.

"Ist da noch etwas, das Sie mir mitteilen möchten?"

"Nein, ich wollte nur fragen, ob die, äh, Frau schon abtransportiert worden ist oder ob sie noch im Durchgang liegt."

"Ehrlich gesagt, bin ich mir da nicht ganz sicher. Ich begleite Sie aber gern in Ihr Haus, wenn Sie das möchten."

"Ja, bitte, wenn es Ihnen nichts ausmacht."

Vor der Tür stand ein Leichenwagen. Zwei schoben gerade den geschlossenen Blechsarg hinein. Philipp Laagemann versuchte, nicht mehr an das verzerrte Gesicht zu denken und auch nicht an das Seidentuch um den Hals der Toten. Es sah sehr teuer aus, und sie hatte es sicher gemocht. Jetzt musste der Pathologe es für die Aservaten sichern. Der rote Bully von der Spurensicherung war so vor den Torweg geparkt, dass die Mülltonnen von seinen Frontscheinwerfern angeleuchtet wurden. Zusätzlich hatte der Polizeifotograf zwei riesige Scheinwerfer aufgestellt. Als Laagemann in den gleißend hellen Torweg einbiegen wollte, spürte er, wie die große Frau neben ihm zögerte.

"Kommen Sie, der weiße VW vor der Tür hat sie abgeholt." Er berührte sie sanft am Oberarm und ging weiter. Als seine Assistentin ihn ansprechen wollte, nickte er ihr kurz zu: gleich. Er schob die stille Frau in den dunklen Hof hinter dem Torweg. Der Hof war nur wenig ausgeleuchtet. Trotzdem sah Philipp Laagemann den gestreuten Weg, der quer über den schmutzig grauen Hof zur Eingangstür des Hinterhauses führte. Es war sehr niedrig, nur zwei Stockwerke. Offensichtlich war es vor dem Krieg höher gewesen, nach oben hin schloss es mit einem Dachprovisorium ab. Der Putz war stellenweise abgeplatzt, die Ziegel darunter waren von der Feuchtigkeit in den Mauern abgerundet. Philipp Laagemann wohnte selbst in einem unsanierten Haus, aber dies hier war schon im Zerfallsstadium. Im Stillen fragte er sich, wieso eine Frau, wie die, die jetzt vor ihm die schwere Haustür aufschob, in so ein Haus eingezogen war. Im Hausflur roch es feucht und modrig. Auch hier war die Beleuchtung eher sparsam. Auf den Treppenabsätzen waren Außentoiletten eingebaut. Die Frau wohnte im zweiten Stock, schweigend schloss sie eine frisch gestrichene hellgrüne Tür auf und schaltete das Licht im Flur ein. Er blieb an der Wohnungstür stehen und blickte sie an. Sie hielt ihren dunkelgrauen Wintermantel mit blaugefrorenen Fingern vor der Brust zusammen und sah zu Boden. Sie sah aus wie höchstens Mitte dreißig, aber etwas sagte ihm, dass sie etwa in seinem Alter war, so um die vierzig. Ihre halblangen Haare waren ebenso schwarz wie seine eigenen.

"Brauchen Sie noch etwas?"

Sie sah auf, schlafen würde sie heute Nacht sicher kaum.

"Nein. Danke, dass Sie mit hochgekommen sind."

"Keine Ursache. Wir sehen uns morgen früh im Präsidium, gegen zehn?"

"Ja, ich werde da sein."

"Gute Nacht“, er wandte sich ab und ging die ausgetretene Treppe hinunter. Als er wieder in den Hof hinaustrat, sah er vor dem hell erleuchteten Hintergrund des Torweges mit den Mülltonnen eine ziemlich große Ratte mit einem langen dünnen Schwanz über den Hof laufen und durch den brüchigen Zaun nach links im dunklen Nachbarhof verschwinden. Er schüttelte sich und ging zu seinen Kollegen. Die Leute von der Spurensicherung schienen fast fertig zu sein. Eigentlich mochte er jetzt nichts fragen, er wollte nach Hause und in Ruhe nachdenken. Vorher musste er jedoch noch mit Katja Stolzenburg, seiner Assistentin sprechen, die im Torweg ungeduldig auf ihn gewartet hatte. Sie war vierunddreißig, untersetzt und eine ehemalige Crossläuferin. Er fühlte sich von rothaarigen Frauen nicht angezogen, aber einige seiner Kollegen ließen deutliches Interesse erkennen. Katja trug trotz der Minusgrade nur eine Jeansjacke, hatte sich aber wenigstens einen Schal umgebunden. Da sie bisher nicht krank gewesen war, hielt er sich mit väterlichen Bemerkungen zurück.

"Was haben wir denn schon über die Dame?"

Irritiert sah sie ihn an und dann auf einen Zettel, den sie in der Hand hielt.

"Das Opfer hieß Ina Berg, war einundzwanzig Jahre alt und Studentin an der Humboldt-Universität. Dem Anschein nach wurde sie von hinten niedergeschlagen und anschließend erwürgt. Ob sie sich gewehrt hat, ist nicht ganz klar, da müssen wir auf den Bericht warten. Die ungefähre Todeszeit lag etwa zwischen zwanzig und zweiundzwanzig Uhr. Genaueres wollte Rieger noch nicht sagen. Er entschuldigt sich übrigens. Er wollte sich noch heute Abend mit der Dame befassen und hat sie gleich in seinen Keller bringen lassen."

Professor Rieger, der Gerichtsmediziner, nahm seine Arbeit sehr genau. Er hatte Rückgrat und ließ sich halbe Berichte oder gar Vermutungen auch nicht unter Drohungen entlocken, solange er noch irgendwelche Zweifel hegte. Das machte ihn leider zum langsamsten Gerichtsmediziner Berlins. Laagemann mochte ihn und arbeitete gut mit ihm zusammen. Er nickte Katja zu und sah auf die Uhr. Es war schon nach Mitternacht.

"Weißt du was, Katja, wir fahren jetzt beide nach Hause und schlafen uns aus. Morgen früh um neun treffen wir uns im Präsidium und besprechen das weitere Vorgehen. Sag bitte auch Kolbe und Barthels Bescheid. Ich kann dich zu Hause absetzen." Sie stiegen in seinen grünen Ford Escort ein. Er startete und lenkte den Kombi sanft aus der Parklücke. Katja saß schweigsam neben ihm. Als er nach rechts in die Niederbarnimstraße einbog, sah er aus den Augenwinkeln, dass sie offensichtlich etwas sagen wollte.

"Sprich es aus."

Sie zuckte zusammen. "Ich habe nur darüber nachgedacht, warum die Frau hingesetzt wurde. Normalerweise hätte man sie doch einfach auf den Boden fallen lassen können. Als ob der Täter ihr nicht noch mehr wehtun wollte. Das ist einfach absurd, oder?"

Laagemann ließ den Wagen vorsichtig vor ihrem Haus ausrollen. Er war nicht sicher, ob hier gestreut war. Er blies in seine frostklammen Hände, das Lenkrad war sehr kalt gewesen. Er fand eher seltsam, dass in dieser vergessenen, halb verfallenen Ecke von Berlin jemand wie die große Frau wohnte. Auf dem Schild an ihrer Tür hatte Ferber gestanden, kein Vorname. Der Gedanke an sie ließ ihn nicht los.

"Ja, vielleicht. Kann aber auch sein, dass sie einfach so an der Wand herunter gerutscht ist. Ich schlage vor, wir unterhalten uns weiter darüber, sobald wir den Obduktionsbericht haben. Wenn du morgen ins Büro kommst, versuch bitte, Verwandte der Toten ausfindig zu machen. Wir müssen sie so schnell wie möglich informieren." Die Besatzung des Funkstreifenwagens, die er nach dem Auffinden der Leiche zu der Adresse aus dem Ausweis geschickt hatte, hatte festgestellt, dass die junge Frau offenbar allein gelebt hatte.

"Gute Nacht." Katja verzog müde das Gesicht. "Ich hoffe, ich träume nicht von diesen Mülltonnen. Danke fürs Bringen."

28. November

Trotz der ungemütlichen Kälte schlenderte er fast durch die Innenstadt. Die Schneeflocken fielen noch nicht so dicht, dass sie seine Sicht behinderten. Sie blieben auf seinem kurz geschorenen Haar liegen. Er lächelte sich in einem Schaufenster zu. So würde er vielleicht einmal aussehen, wenn seine hellen Haare endgültig ergraut waren. Das würde ihn jedenfalls nicht stören. Er trat unter die Rathausarkaden und lief an den vielen kleinen Läden entlang. Sie wechselten häufig den Inhaber, sodass er immer wieder neue Läden entdeckte. Kürzlich hatte neben dem Laden mit den Glückwunschkarten, den er noch aus seinen Anfängen an der Uni kannte, ein Zeitungsladen neu eröffnet. Morgens kaufte er dort jetzt manchmal die „Berliner Zeitung“. Heute betrat er den engen Laden durch eine altmodische Ladentür aus dunklem Holz mit Glasfenster. Im Hintergrund des Ladens bimmelte eine Glocke. Gründlich trat er sich auf dem ausgelegten Wischlappen die Füße ab. Die Ladenbesitzerin kam aus dem Hinterzimmer und lächelte ihm zu.

"Guten Morgen, Herr Professor."

"Guten Morgen." Sein Mund hinter dem blonden Vollbart mit grauen Fäden verzog sich zu einem Lächeln. Obwohl er sich dabei lächerlich fand, fühlte er sich geschmeichelt. Sie hatte ihn wieder erkannt und in der Zwischenzeit herausgefunden, wer er war. Wahrscheinlich kannte sie Leute von der Uni oder war selbst eine ehemalige Studentin. Er nahm sich eine Zeitung aus dem Ständer und bezahlte.

"Was für ein Wetter heute. Man fröstelt bis in die Knochen."

"Da haben Sie recht", sagte er, obwohl er genau dieses Wetter ganz gern mochte. Er zog die Ladentür hinter sich zu und steckte die Zeitung in eine Außentasche seines wattierten Thermoparkas. Das Hauptgebäude der Uni ließ er rechts liegen und wandte sich in Richtung des Brandenburger Tores. Ein paar hundert Meter weiter schüttelte er sich den Schnee vom Kopf und blieb vor einem weißen Bau stehen. Die Universität hatte das Institut vorübergehend in einem leer stehenden Bürohaus untergebracht. Er mochte den Bau mit den gewölbten Glasscheiben in den Fenstern und Türen. Er war erst vor zwei Jahren aufwendig saniert worden. Das goldene Türschloss zum Institut sah zwar antik aus, barg aber ein modernes Schließsystem, zu dem er den Schlüssel hatte. Der Eingangsbereich war mit rotem Marmor ausgelegt und durch Messingschienen in Quadrate unterteilt. Wie meistens, wenn er sich morgens einigermaßen entspannt fühlte, stieg er zu Fuß in die vierte Etage hoch. Er schaltete das Licht ein, die Architekten hatten quadratische Leuchten in die Wände eingelassen, was im Kontrast zu dem halbrunden Treppenhaus erfrischend wirken sollte. Auch hier dominierten Marmor und Messing. Er genoss diesen Anblick und legte seine Hand auf das Treppengeländer. Es war kühl und fühlte sich glatt an. In diesem Gebäude konnte man Leute empfangen. Als er durch die Glastür auf seiner Etage in sein Institut trat, brannte im Korridor noch kein Licht. Auch das genoss er. Er war ein Frühaufsteher und liebte es, allein im Institut zu sein. Er ging den langen Korridor entlang und an den weißen Türen vorbei zu seinem Büro. Überall an den Wänden hingen Fotografien, die er oder seine Mitarbeiter bei Aufenthalten in arabischen Ländern gemacht hatten. In seinem Büro standen die Stühle auf dem Beratungstisch und die Heizung war noch abgedreht. Er hob die Stühle herunter und spannte dabei seine Armmuskeln extra an. Seinen fünfzigsten Geburtstag hatte er schon hinter sich, war aber stolz auf seinen durchtrainierten Körper. Jeden Abend sah er sich zu Hause die Nachrichten im Fernsehen von einem Fahrradtrainer aus an. Das Handballspiel hatte er als zu zeitaufwendig und zu gefährlich aufgegeben, als er Professor geworden war. Nachdem er die Heizung aufgedreht hatte, setzte er sich an seinen Laptop, um die Grammatikvorlesung auszudrucken, die er heute halten wollte. Dabei durchflutete ihn wieder der wärmende Gedanke, dass der Platz, an dem er sich jetzt befand, genau der Platz war, an den er immer hatte gelangen wollen. In diesen unsicheren Zeiten hatte er es geschafft. Während die Blätter seiner Vorlesung sich im Drucker zu einem kleinen Stapel ansammelten, sah er zerstreut das Vorlesungsverzeichnis des Institutes für Asienwissenschaften durch, das ihm jemand auf den Schreibtisch gelegt hatte. Er verglich immer gern die Aktivitäten seines Orient-Institutes mit denen ähnlicher Einrichtungen. Gelegentlich klaute er auch Ideen, aber meistens standen er und seine Leute im Vergleich besser da. Das hatte sich schnell herumgesprochen und in den letzten Jahren zu einem starken Zulauf von Studenten geführt, wenn auch nicht zur Verbesserung der Ausstattung mit Personal. Jetzt war er in der beneidenswerten Situation, dass er sich seine Studenten aussuchen konnte. Inzwischen waren die Unterrichtsräume mit von ihm eingeworbenen „Drittmitteln“ aus Golfstaaten hochmodern ausgestattet. Im letzten Jahr war er mit seinen Studenten sogar an den Golf gefahren. Als er jetzt im Verzeichnis der Konkurrenz die Ankündigung einer Vorlesung „Moderne arabische Prosaliteratur“ las, schnaubte er wütend. Diese Vorlesung wurde seit mehreren Jahren immer wieder angeboten und behandelt wurde Literatur aus dem Jahre 1961. Den Mann, der da seine eigene und die Zeit seiner Studenten verschwendete, könnte er am Institut sinnvoller einsetzen. Er nahm seine Grammatikvorlesung aus dem Drucker und sah sie flüchtig durch. In der Teeküche neben seinem Büro setzte er Wasser auf. Den Wasserkessel müsste er wieder ersetzen lassen, vor lauter Kalkablagerungen sah man den blanken Boden gar nicht mehr. Er machte eine Notiz an der kleinen Tafel, die Frau Westendorf, die Institutssekretärin, zu diesem Zweck neben dem Küchenschrank aufgehängt hatte. Der Kaffee war noch nicht gemahlen. Also zählte er zweiundzwanzig Kaffeebohnen in den Trichter der altmodischen Kaffeemühle und begann zu mahlen. Als er das Kaffeepulver in die kleine Messingkanne schüttete, klingelte das Telefon in seinem Büro. Beim Einrichten der Telefonanlage hatte er sich das Schrillen eines altmodischen Telefons als Klingelton ausgesucht. Dieses Geräusch fand er beruhigender, als die modernen Varianten, die ihn manchmal, wenn er mit den Gedanken weit weg war, fürchterlich erschreckten.

"Orient-Institut Berlin, Blumberg."

"Gott sei Dank, dass du da bist, Hans-Hermann. Hier ist Karin. Gestern wurde bei mir vor dem Haus Ina Berg gefunden. Sie ist tot. Heute Morgen muss ich ins Präsidium, um meine Zeugenaussage zu Protokoll zu geben. Ich habe sie gefunden."

"Du hast sie gefunden?" Seine Knie gaben nach und er setzte sich auf die Kante seines Schreibtisches. Tot. Ihm war übel. Er starrte auf das kleine Holzkamel, das seit vielen Jahren auf seinem Schreibtisch kniete. Es war fein ziseliert aus hellem Sandelholz geschnitzt. Das Holz duftete schon lange nicht mehr. Er liebte diese Skulptur. Bislang hatte er gedacht, dass er jede feine Linie in dem Holz kennen würde. Als er jetzt darauf starrte, entdeckte er neben dem kleinen Höcker einen Fleck, den er noch nie wahrgenommen hatte. Das erfüllte ihn so mit Traurigkeit, dass ihm nach Weinen zumute war.

"Hans-Hermann? Was soll ich denen sagen?"

"Was du sagen sollst? Woher soll ich das wissen, verdammt noch mal? Wieso rufst du mich überhaupt an?" Er hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten und legte den Hörer auf. Als das Telefon erneut klingelte, ging er in die Teeküche und goss heißes Wasser auf das Kaffeepulver. Er fügte eine Messerspitze Kardamom und einen Löffel Zucker hinzu und rührte abwesend um. Plötzlich revoltierte sein Magen, er rannte zur Toilette und erbrach sich. Schweißgebadet wusch er sich ausgiebig Hände und Mund. In der Teeküche goss er den Kaffee durch ein Sieb in seine blaue Tasse mit dem Universitätslogo und setzte sich an den Schreibtisch. Das Telefon war ruhig geworden. Auf dem Bildschirm seines Computers blinkte es, er hatte über Nacht einige E-Mails bekommen und machte sich daran, sie durchzusehen. Er konzentrierte sich und wandte sich anschließend Korrekturen von Hausübersetzungen zu, die für heute auf seiner Pflichtenliste standen. Dabei merkte er, dass er wieder ruhiger wurde. Als etwa zwei Stunden später das Telefon klingelte, sah er auf dem Display, dass Vera anrief. Er griff nach dem Hörer.

"Ja, Schatz?"

"Hans-Hermann? Frau Ferber hat mich angerufen. Sie hätte eine Leiche vor ihrem Haus gefunden. Offenbar jemand, den ihr beide kanntet. Kennst du eine Ina Berg?"

Nur mit Mühe konnte er seinen aufsteigenden Ärger unterdrücken. Er hasste es, wenn jemand versuchte, ihn direkt oder auf Umwegen zu manipulieren. Und Vera war die Letzte, die er dazu benutzt sehen wollte.

"Mach dir keine Sorgen, Vera. Das ist zwar tragisch, hat mit uns aber nichts zu tun. Hörst du? Wir haben damit nichts zu tun. Bis heute Abend Liebes, ich muss arbeiten." Er legte auf und dachte nach. Wenn er damit nichts zu tun hatte, brauchte er sich nicht damit zu befassen. Er schob einen USB-Stick mit einer Hausübersetzung in den Computer und widmete sich seinen Korrekturen.

Laagemann saß im Besprechungsraum der Polizeidirektion und sah nachdenklich auf die gegenüberliegende Brandmauer. Als sich heute Morgen der Radiowecker angeschaltet hatte, hätte er sich am liebsten die Decke über die Ohren gezogen und weiter geschlafen. Im Winter wünschte er sich morgens oft, er hätte sich für einen anderen Beruf entschieden, Schriftsteller vielleicht. Er glättete den Wirbel auf seinem Hinterkopf, den seine Kollegen hinter seinem Rücken die Denkerlocke nannten, und dachte über die Ferber nach. Sie würde am Vormittag ins Präsidium kommen, um ihre Zeugenaussage protokollieren zu lassen. Bei der Dienstbesprechung musste er jemanden auf sie ansetzen. Sein Büro lag im vierten Stock des alten Gebäudes, das immer ein wenig nach Desinfektion roch. Katja kam herein und setzte sich lustlos. Zu dieser frühen Stunde schmeichelte ihr das Licht der Neonlampe nicht besonders. Er selbst sah sicher genauso unausgeschlafen aus. Im Bad hatte er sich nur mit halb geschlossenen Augen rasiert.

"Gute Morgen, Kollegin."

"Guten Morgen, Chef."

Laagemann holte sich eine Flasche Wasser vom Tisch in der Ecke, goss ein Glas voll, das er in langen Zügen austrank. Das Wasser schmeckte etwas abgestanden, dafür war es wenigstens nicht eiskalt.

Nach und nach trudelten auch die anderen ein. Stefan Barthels war ein ruhiger Mittvierziger. Auf viele Kollegen wirkte er zu Beginn langweilig. Aber das täuschte. Manche seiner Bemerkungen trafen so sehr den Kern einer Sache oder die Komik einer Situation, dass sie tagelang im Haus kursierten. Barthels gab sich frei von allen Karriereambitionen, was Laagemann zunächst irritiert hatte. Inzwischen hatte er es akzeptiert. Er schätzte an Barthels, dass dieser unerbittlich alle Ungereimtheiten in den Überlegungen seiner Kollegen kritisierte, wobei Rangordnungen ihm gleichgültig waren. Da niemand Zielscheibe solcher Kritik werden mochte, herrschte auf den Beratungen, an denen er teilnahm, eine konzentrierte Stimmung.

Heute Morgen sah Barthels abgespannt aus und roch nach Zigarettenrauch. Die letzten vier Tage hatte er Urlaub gehabt und war am Vorabend erst spät nach Hause zurückgekehrt. Dagegen wirkte Alexander Kolbe frisch und ausgeschlafen. Er war erst achtundzwanzig Jahre alt und sehr lebhaft. Laagemann versuchte manchmal, sich daran zu erinnern, ob er in dem Alter auch so unbekümmert und frech gewesen war. Kolbe hatte sich bei seinen Kollegen schon manchen Nasenstüber geholt, weil er gelegentlich impulsiv und unüberlegt handelte. Wenn er mit seinen Annahmen richtig lag, dann eher aus Zufall. Er musste wegen seiner Schlampigkeit ständig kontrolliert werden. Das hatte Barthels unauffällig übernommen, dem sich Kolbe angeschlossen hatte. Zusammen wirkten die beiden etwas skurril, denn auch äußerlich waren sie völlig gegensätzlich.

Barthels sah mit seinem gelichtetem dunkelbraunen Mittelscheitel und seinem Junggesellenlook aus, als ob er seine Wochenenden bei Mama an der Modelleisenbahn verbrachte. Was teilweise sogar zutraf. Schon mehrere Kolleginnen hatten es erfolglos unternommen, ihn dazu zu überreden, den obersten Hemdenknopf zu öffnen. Allerdings war Barthels kein Junggeselle, sondern in dritter Ehe verheiratet und Vater von fünf Kindern zwischen einigen Monaten und zwanzig Jahren. Das war Gegenstand vieler Diskussionen, denn alle seine Ehefrauen blieben ihm blind ergeben, selbst wenn er sie wegen einer neuen Beziehung verlassen hatte. Seine Kollegen hatten immer das Gefühl, dass er wesentliche Bestandteile seiner Persönlichkeit vor ihnen verbarg.

Kolbe dagegen hatte blond gefärbtes, kurz geschnittenes und sorgfältig gegeltes Haar. Er schien einen Großteil seines Gehaltes auf Kleidung zu verwenden. Als er zu ihnen kam, schminkte er sich noch. Davon war er inzwischen wieder abgekommen und hatte sich stattdessen eine Freundin zugelegt, die in der Telefonzentrale mit ihrer Piepsstimme für Heiterkeit gesorgt hatte. Allerdings waren alle Gerüchte über Kolbes sexuelle Neigungen verstummt, als sie ihn im Sommer eines Abends abgeholt hatte. Kolbe war seitdem trotz seiner kleinen Eigenheiten als Mann akzeptiert.

An diesem Morgen trug er ein leuchtend blaues T-Shirt unter einer hellen Strickjacke. Wie immer brachte er seine eigene Trinkflasche und sein eigenes Notebook mit. Anfangs hatte es zu einem Aufruhr unter den Kollegen geführt, wenn er in den großen Besprechungen auf die Tastatur hämmerte. Die Vehemenz, die er dabei an den Tag legte, erinnerte an einen hyperaktiven Specht.

Laagemann hatte ihn schließlich gebeten, Protokoll zu schreiben. Alle fanden, dass das ein gutes Arrangement war: So konnten sich die ohnehin überarbeiteten Schreibkräfte in dieser Zeit anderen Texten widmen und der neue Kollege konnte etwas Nützliches für die Allgemeinheit tun. Jetzt setzte Kolbe sich neben Barthels und stellte seinen Laptop vor sich auf den Tisch, schaltete ihn ein und sah die Anwesenden erwartungsvoll an. Katja schob ihren Kollegen einen braunen Umschlag über den Tisch.

"Den hat Krüger vor zehn Minuten vorbeigebracht, ich habe gleich ein paar Kopien gemacht und auch den vorläufigen Bericht und Fotos von der Spurensicherung mitgebracht. Endgültiges von der Gerichtsmedizin und der Kriminaltechnik kommt heute Nachmittag, wenn sie es schaffen, ansonsten morgen früh."

Die Männer grinsten sich verstohlen an. Krüger war ein Mitarbeiter von Professor Rieger, dem Gott der Gerichtsmedizin, und er hatte ein Auge auf Katja geworfen. Bisher hatte die es entweder nicht bemerkt oder sie legte keinen Wert auf die nähere Bekanntschaft mit einem Pathologen. Katja verteilte die Kopien und legte den Stapel mit den Fotos vor Laagemann auf den Tisch. Er sah die Fotos durch und schob sie weiter. Alle vertieften sich in den Bericht.

"Sie ist gestern Abend zwischen viertel und halb acht getötet worden. Sie ist an die Wand gestürzt und wurde anschließend von hinten stranguliert. Sie hat sich kaum gewehrt." Er stutzte.

Unter dem Tuch war eine dicke Angelsehne mit einer Schlinge verborgen. Das Tuch war später darüber drapiert worden. Auf den Fotos war der tiefe Einschnitt als schmaler roter Strich zu erkennen. Ihr Gesicht war angstverzerrt, der Mund stand weit offen. Der Täter musste mindestens 1,70 m groß und relativ kräftig gewesen sein. Das traf auf einen Großteil der Bevölkerung zu. Der vorläufige Bericht von der Spurensicherung brachte auch nur wenig Neues. Kaum Kampfspuren. An der Wand hinter der Toten hatten sich im beschädigten Putz nur Fasern finden lassen, die mit der Jacke der Toten identisch waren, sowie Tierhaare. Laagemann musste an die Ratte denken und schüttelte sich. Er sah seine Mitarbeiter an.

"Wir wissen nur, dass die Tote Ina Berg heißt, in Berlin studiert und aus Potsdam stammt. Sie lebt offensichtlich allein. Wir wissen nicht, wie sie in den Torweg gekommen ist, wen sie dort besuchen wollte und warum sie dort umgebracht wurde. Außerdem haben wir ihre Eltern noch nicht gefunden. Katja, kümmerst du dich darum? Sobald du die Adresse hast, gib mir bitte Bescheid. Einer von ihnen muss die Tote identifizieren. Alexander, du gehst in die Universität und versuchst, Mitstudenten, Freunde oder Bekannte von ihr aufzutreiben. Vielleicht hat sie jemandem erzählt, was sie in der Brückenstraße wollte."

"Was hat sie eigentlich studiert?" Laagemann schob ihm den Studentenausweis zu, den sie mit dem Personalausweis bei der Toten gefunden hatten. "Pädagogik, Englisch und Latein auf Lehramt im dritten Semester. Stefan, kümmere dich um ihre Nachbarn und um ihre Wohnung. Den Durchsuchungsbefehl haben wir schon beantragt. Wir müssen wissen, wer sie war. Vielleicht hat sie Tagebuch geschrieben, Fotosammlung, Handyvideos und –bilder."

Barthels, der sich von dem Studentenausweis gerade die Adresse abschrieb, nickte kurz.

"Ich versuche, in ihren Computer zu gehen und an die E-Mails zu kommen. Vielleicht hat sie auch einen Anrufbeantworter. Das ganze Programm", sagte er.

"Okay, das ist dann geklärt. Ich werde zunächst mit der Ferber sprechen. Das ist die Zeugin, die die Tote gefunden hat und im Hinterhaus wohnt. Sie kommt heute Morgen ins Präsidium, um ihre Zeugenaussage protokollieren zu lassen. Danach fahre ich noch einmal in die Brückenstraße und versuche, die anderen Nachbarn anzutreffen. Katja, wenn du schon nach der Anschrift von Ina Bergs Mutter suchst, kannst du mir gleich heraussuchen, wer die Nachbarn von der Ferber sind und ob wir einen von ihnen im Register haben. Vielleicht kannst du die Nachbarhäuser gleich mit berücksichtigen?"

Sie nickte ergeben. Er wusste, dass Katja lieber vor Ort als im Büro arbeitete. Aber sie war eine begnadete Rechercheurin. "Wir treffen uns heute Abend wieder hier. Unter Umständen müssen wir morgen die Leute in den umliegenden Häusern befragen."

Sie besprachen noch verschiedene Routineabläufe, die bei allen Mordfällen eingeleitet werden mussten. Jeder aus dem Ermittlungsteam übernahm ein oder zwei Routineaufgaben, die automatisch anfielen, zusätzlich. Dann beendete Laagemann die Besprechung.

Als alle gegangen waren, öffnete er das Fenster und starrte in den grauen Himmel. Es sah sehr nach neuem Schnee aus. Er versuchte, das trockene Kratzen in seinem Hals zu ignorieren. Bevor die Ferber kam, musste er unbedingt noch mal runter zur Apotheke im Nebenhaus. Er wollte sich die grüne Flüssigkeit holen, die ihm die Apothekerin im letzten Frühjahr für seinen Hals empfohlen hatte. Eilig holte er seine Jacke und ging im Schreibzimmer vorbei, um der Protokollantin für die Zeugenvernehmung Bescheid zu sagen. Dann rannte er die Treppe herunter, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.

In der großen Eingangstür hätte er fast seinen Chef umgerannt.

"Guten Morgen, Herr Kollege."

Kriminalrat Menke schüttelte den Kopf. "Irgendwann fallen Sie uns einfach um, Herr Laagemann. Was werden wir dann ohne Sie tun?" Er lächelte freundlich. "Wann sehen wir uns zum Briefing?"

Laagemann schluckte, es kratzte wirklich sehr im Hals. Eigentlich hatte er gehofft, heute um das Briefing herumzukommen.

"Ich habe um zehn Uhr eine Zeugin da. Sobald ich mit ihr fertig bin, schau' ich bei Ihnen rein?"

"Gut. Bis dann also." Menke nickte ihm zu und stieg langsam die Treppe hoch. Laagemann sah ihm nach. Er war in den letzten Monaten gealtert.

Als Menke vor zwölf Jahren aus dem Sauerland zu ihnen gekommen war, hatte kaum jemand im Amt ihn mit offenen Armen empfangen. Aber er hatte sich als kompetenter und fairer Chef erwiesen. Das Einzige, was Laagemann und seine Kollegen wirklich an Menke nervte, war der Fakt, dass er alle Aktivitäten innerhalb ihrer Abteilung mit englischen Begriffen unterlegte. Laagemann hatte erst nach einiger Zeit begriffen, dass die Minutes ein Protokoll bezeichneten.

Kurz nach Menkes Ankunft hatte Barthels im Computer eine Wortliste angelegt. Seine Kollegen hatten sie erweitert. Auf diese Weise war ein Glossar für ihre Dienststelle entstanden, das sie gelegentlich auch heute noch ergänzten. Jeder neue Kollege bekam es in die Hand gedrückt.

Menke hatte diese Aktion gelobt, geändert hatte er seinen Sprachgebrauch nicht. Im letzten Jahr schien Menke zunehmend unter Heimweh zu leiden. Als er kam, kannte kaum einer seiner Mitarbeiter das Sauerland vom Hören, geschweige denn vom Sehen. Inzwischen waren sie alle schon einmal auf Urlaub dort gewesen. In den letzten Monaten war das Sauerland jedoch zu Menkes Lieblingsthema geworden. Er näherte sich eben dem Pensionsalter, was seine Mitarbeiter mit gemischten Gefühlen erfüllte. Laagemann schüttelte heftig den Kopf, um diese Gedanken zu vertreiben. Er mochte jetzt nicht daran denken, wie es unter einem neuen Chef werden sollte.

Als er zwanzig Minuten später in seinem Zimmer mit aufgerissenem Mund vor dem Spiegel stand, um seine Mandeln mit dem grünen Halsmittel zu besprühen, das er in der Apotheke erstanden hatte, klopfte es an der Tür. Er drückte auf den Sprühknopf und stellte die Flasche auf die Spiegelkonsole. War das scharf, er musste heftig schlucken, Tränen traten ihm in die Augen.

"Ja, bitte."

"Guten Morgen, ich sollte mich hier einfinden. Ihr Kollege war so freundlich, mich zu Ihnen zu bringen."

Laagemann unterdrückte ein scharfes Wort der Kritik an dem älteren Kollegen, der hinter ihr stand. Die Mitarbeiter vom Empfang hatten strikte Anweisung, niemanden ohne vorherige Rücksprache in die Dienststelle zu lassen.

"Guten Morgen, Frau Ferber." Sie sah ihn besorgt an.

"Geht es Ihnen gut?"

"Oh ja, ich habe nur etwas Scharfes geschluckt".

"Ach so", sie setzte sich auf den Stuhl, den er vor seinem Schreibtisch bereitgestellt hatte.

Der Polizist hatte sich vor das offene Regal neben der Tür gehockt, um dort etwas zu suchen. Während sie auf seinen Rücken starrte, musste sie wieder an die Männer in der Kneipe denken, die für sie die Leiche angesehen und die Polizei geholt hatten. Ihr schien, als wäre das Jahre her. Dabei waren noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden vergangen. Diese Zeit hatte sie erst schlaflos in ihrem Bett zugebracht, an dessen Fußende sich die Umzugskisten stapelten. Schließlich hatte sie sich angezogen und war um sechs Uhr morgens die gepflasterte Straße hinunter zum Automaten gelaufen.

Unten an der alten Eisenbahnbrücke hatte sie sich das erste Mal seit über sechs Jahren wieder eine Schachtel Zigaretten geholt. Nach Hause zurückgekehrt, hatte sie sich mit einem Aschenbecher an das Fenster gesetzt und zwei Zigaretten hintereinander geraucht. Erst wurde ihr schwindelig, dann übel. Der Druck im Magen ließ auch nicht nach, als sie ihn entleert hatte. Entschlossen holte sie die Waschschüssel unter der Spüle in der Küche hervor und füllte sie mit eiskaltem Wasser. Ihre Küche war nicht zu beheizen, daher öffnete sie die Backröhre ihres Gasherdes und stellte sie an. Nach kurzer Zeit füllte sich die Küche mit verbraucht riechender Wärme. Sie zog sich aus und wusch sich mit eiskaltem Wasser. Sie rubbelte sich ab und zog frische Sachen an. Dann schaltete sie den Fernseher in ihrem kleinen Wohnzimmer ein und ließ sich mit einem heißen Milchkaffee und zwei Käsebroten auf dem Sofa nieder. Später putzte sie sich die Zähne ausgiebig. Dabei überlegte sie. Schon im Laufe der Nacht hatte sie den Telefonhörer mehrmals in der Hand gehabt, jetzt hob sie kurz entschlossen ab und wählte eine Nummer.

Sie wusste, dass er ein Frühaufsteher war und meist auch früh ins Institut fuhr. Zuerst hörte sie das Freizeichen, dann nahm er den Hörer ab. Das Gespräch war kurz. Wie immer fertigte er sie unfreundlich ab und war nicht bereit, über Probleme zu sprechen. Schließlich legte er einfach auf.

Sie war so wütend, dass sie am liebsten das Telefon an die Wand geworfen oder laut geschrien hätte. Dann rief sie seine Frau an. Vera Blumberg klang verschlafen. Sie wusste aber, dass Vera ihren Mann anbetete und ihm jeden Morgen ein liebevoll zubereitetes Frühstück ans Bett brachte. Vielleicht hatte sie sich bei dem ungemütlichen Wetter heute wieder ins Bett gelegt, nachdem ihr Mann das Haus verlassen hatte.

"Guten Tag, mein Name ist Ferber. Ich bin eine Kollegin Ihres Mannes und möchte ihn gern sprechen."

"Worum geht es denn?" Die Stimme am anderen Ende klang plötzlich wach. Früher war die Eifersucht von Blumbergs Frau legendär gewesen.

"Möchten Sie vielleicht eine Nachricht für ihn hinterlassen?"

Nein, dachte die Ferber, ich habe ihn schon im Institut angerufen, du blöde Kuh.

Sie holte tief Luft, es klappte tatsächlich.

"Ich habe gestern eine gemeinsame Bekannte von Ihrem Mann und mir tot aufgefunden. Ina Berg. Vielleicht können Sie Ihren Mann erreichen und ihm das mitteilen? Es wäre nett, wenn er mich zurückrufen würde." Sie gab der Frau ihre Telefonnummer.

"Es ist wirklich wichtig. Auf Wiederhören." Vorsichtig legte sie den Hörer wieder auf und schaltete auf Anrufbeantworter um. So einfach kommst du mir nicht davon, mein Lieber. Bevor die Angst wieder in Wellen an ihre Magenwand schwappen konnte, zog sie ihre Jacke an, steckte die Zigaretten in ihre Tasche und verließ die Wohnung.

Fast zwanzig Minuten stand sie fröstelnd an der Straßenbahnhaltestelle und versuchte, an etwas Angenehmes zu denken. Schließlich kam die Bahn. Hinter der Universität stieg sie aus und ging hinüber zum Zeitungsladen, wo sie eine der anspruchsvolleren Zeitschriften kaufte. Als sie schließlich die Unimensa betrat, hatte sie eiskalte Füße. Hierher kam sie schon seit zwanzig Jahren, wenn sie im Stadtzentrum einen billigen Imbiss suchte. Sie holte sich aus der Glasvitrine etwas zu essen und zog sich in eine stille Ecke zurück. Von den Leuten am Nachbartisch ließ sie sich einen Salzstreuer geben und begann ihr zweites Frühstück. Später rauchte sie noch eine Zigarette, kurz nach halb zehn erhob sie sich und machte sich zu Fuß auf den Weg zur S-Bahn. In der Eingangshalle des heruntergekommenen Polizeigebäudes musste sie ihren Ausweis vorzeigen. Ein freundlicher Polizist brachte sie mit einem altertümlichen Fahrstuhl in die vierte Etage hinauf. Vor der Tür trafen sie eine ältere Frau, die sich als die Protokollantin vorstellte. Als sie dem Polizisten von gestern wieder gegenüber stand, weinte er gerade. Zumindest glaubte sie das im ersten Moment und fühlte sich gleichzeitig verwirrt und erleichtert. Der Stuhl, den er ihr anbot, hatte eine fleckige Sitzfläche, sie zögerte eine Sekunde lang und setzte sich schließlich mit einem unbehaglichen Gefühl auf die Flecken. Sie hatte sich endgültig entschieden. Von ihr würde er nichts erfahren. Die Protokollantin setzte sich an den Computer und lächelte ihr freundlich zu.

Laagemann hatte endlich einen neuen Schreibblock gefunden. Wieder einmal nahm er sich vor, sich in Zukunft besser auf Zeugenvernehmungen vorzubereiten. Außerdem wollte er endlich einmal sein Regal aufräumen. Er setzte sich der Ferber gegenüber und sah sie aufmerksam an. Sie sah übernächtigt und sehr blass aus.

"Ich danke Ihnen, dass Sie die Zeit gefunden haben, zu uns zu kommen. Ich würde Sie bitten, meiner Mitarbeiterin Ihre Aussage von gestern Abend zu wiederholen, damit sie das Protokoll erstellen kann. Anschließend würde ich Sie gern noch einmal sprechen."

Er nickte der Protokollantin zu und verließ das Zimmer. Im Großraumbüro traf er nur Katja Stolzenburg an.

"Konntest du die Verwandten ausfindig machen?“

"Der Vater der Toten lebt in Potsdam. Hier sind Adresse und Telefonnummer. Bisher ist dort keiner ans Telefon gegangen. Ihre Mutter ist im Moment offenbar nicht auffindbar. Sie hat sich im Einwohnermeldeamt ohne Angabe einer neuen Adresse abgemeldet."

"Katja, rufst du bitte die Kollegen in Potsdam an und bittest sie, den Vater aufzusuchen? Er muss informiert werden und möglicherweise auch herkommen, um die Tote zu identifizieren. Sie sollen mich sofort anrufen, sobald sie mit ihm gesprochen haben. Und, wart mal, ach so, hast du schon etwas über die Nachbarn von der Ferber herausgefunden?"

Sie schüttelte den Kopf. "Noch nicht, ich fange aber sofort damit an."

"Gut, dann also bis nachher."

Er holte für sich und seine Besucherin Kaffee in Pappbechern aus der Etagenküche und balancierte sie in sein Zimmer. Dort wurde gerade das Protokoll ausgedruckt. Die Ferber las die anderthalb Seiten aufmerksam durch und unterschrieb schließlich. Die Protokollantin warf einen Blick auf den Kaffee.

"Brauchen Sie mich noch?"

"Nein, danke."

"Dann hole ich mir jetzt auch einen Kaffee." Sie ging und schloss die Tür leise hinter sich.

Er stellte einen Pappbecher vor die Ferber auf den Tisch.

"Nehmen Sie Zucker oder Milch?"

"Zucker, bitte." Er bewahrte etwas Würfelzucker für extrem anstrengende Tage im Schreibtisch auf. Fasziniert sah er zu, wie ihre großen Hände mit den langen Fingern das Zuckerstück langsam auswickelten, es auf den Löffel legten und vorsichtig in die Tasse tauchten. Dann rührte sie sorgfältig um und sah ihn fragend an. Er riss sich zusammen und überflog das Protokoll flüchtig. Im Großen und Ganzen hatte sie nichts anderes ausgesagt als gestern Abend.

"Kommen Sie eigentlich jeden Abend um diese Uhrzeit nach Hause?"

"Ja, meist sogar noch später. Ich arbeite an der Volkshochschule, viele Kurse dort beginnen erst am späten Nachmittag."

Er überlegte kurz, ob er die nächste Frage stellen sollte, und entschied sich dafür.

"Sie sind erst vor Kurzem aus Nikolassee nach Mitte gezogen. Darf ich fragen, warum Sie sich Ihre Wohnung in so einer Gegend gesucht haben?"

Sie lächelte. "Natürlich dürfen Sie das. Die Wohnung ist sehr billig."

Er hatte den Eindruck, dass sie eine ganz andere Frage erwartet hatte.

"Kann das Geld denn die Lage auf die Dauer aufwiegen? Oder soll das nur eine vorübergehende Bleibe sein?"