Beschreibung

Augsburg, Ende des 16. Jahrhunderts. Nach dem Tod des mächtigen Anton Fugger wird dessen Millionenvermögen gleichmäßig auf alle Nachkommen verteilt. Christoph Fugger, ein Egoist und Frauenfeind, will die Kinder seines Bruders Georg Fugger ins Kloster bringen lassen, um die Zahl der Erben zu dezimieren. Dazu verbündet er sich mit dem Jesuiten Petrus Canisius. Nur Georg Fuggers Tochter Anna ahnt, welch perfides Spiel der Augsburger Domprediger treibt …

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Cover

Titel

Rebecca Abe

Im Labyrinth der Fugger

Historischer Roman

Impressum

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www.gmeiner-verlag.de

© 2011 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 07575/2095-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung des Bildes »Fuggerorum_et_Fuggerarum«,http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fuggerorum_et_Fuggerarum_imagines_-_132r.jpgIllustrationen: Rebecca Abe

ISBN 978-3-8392-3652-9

1.Dom, mit mittelalt. Bronzetür und Gnadenring.

2.Perlachturm, hier bändigt am Michaelitag (29. Sept.) jedes Jahres das „Turamichele“ den Teufel.

3.St. Anna Kirche mit Fuggergrablege.

4.Die „Goldene Schreibstube“ soll sich im Erker des ehem. Fuggerhauses, heute Mettlochgässchen, befunden haben.

5.Rathaus, zu Anna-Fuggers Zeit stand hier noch das alte Rathaus, darunter der Folterkeller (heute ein Restaurant) mit beeindruckendem Gewölbe.

6.Fuggerei, älteste Sozialsiedlung der Welt, 1521 erbaut. Gegen tägliche Gebete für die Fuggerfamilie und einen Gulden Jahresmietzins durften hier arme, ehrbare Bürger leben.

7.Neptunbrunnen, die älteste Brunnenfigur stand einst in Anna-Fuggers Geburtshaus (14.) beim Labyrinth.

8.Fugger-Denkmal

9.Weberhaus, das ehemalige Zunfthaus. Die Fugger kamen 1367 auch als einfache Weber nach Augsburg.

10.Tanzhaus, abgerissen.

11.Damenhof, Renaissance-Innenhof des Fugger-Stadtpalastes (12.)

12.Fugger-Stadtpalast, wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, 1951 ohne die kunstvolle Bemalung von einst, wieder aufgebaut.

13.Schaezlerpalais, im ehemaligen Kapitelsaal des Katherinenklosters sind die sieben Basilikabilder für den „vollkommenen Ablass“ zu besichtigen.

14.Anna Fuggers Geburtshaus, das Grundstück zog sich bis zur Armenhausgasse (ehem. Kleesattlergasse), heute mit Schild „Wohnhaus v. Philipp Eduard Fugger“, sehenswert ist auch die Drehlade im Tor um die Ecke und der Renaissance-Innenhof.

15.St. Ulrich und Afra, kath. und evang. Basilika.

Vorwort

Berichte über Leben und Sterben großer Herren und Frauen, schwere Kriegsnöte, kühne Fahrten nach fernen Weltteilen, Handel und Wandel der löblichen Kaufmannschaft, ergötzlichen Mummenschanz und fröhliche Kurzweil, erschreckliche Gesichte, Wunder, Teufeleien, Goldmacher, Hexen, Zauberer und viele andere merkwürdige Begebenheiten

Motto der Fuggerzeitungen, 1568

»Es ist in summa alles in Abnehmung und erzeigen sich leider alle Sachen mehr zur Böserung als zur Besserung …«

Hans Fugger, 1582

Viele Male war sie dem Tod entkommen. Doch diesmal schien ihre Kraft von Tag zu Tag zu schrumpfen. Fast sehnte sie sich nach dem erlösenden ewigen Schlaf, vorausgesetzt Martin Luther hielt Wort und das Fegefeuer war nur eine katholische Erfindung. Der Schlag des Löffels gegen ihre Zähne weckte sie. Jemand versuchte ihr etwas einzuflößen. Endlich Wasser! Wie eine dürre Schnecke dem ersten Regen, lechzte ihre Zunge der Flüssigkeit entgegen. Ihr Mund füllte sich mit würziger Brühe und Wärme durchströmte sie. Anna öffnete die Augen. Einen Herzschlag lang glaubte sie, wieder im Karzer zu sein, dem engen Loch, in das sie die Nonnen als Halbwüchsige vor vielen Jahren einsperrten, damit sie Gehorsam und Demut lernte. Anstatt sich zu beugen, war dort ihr Denken von der Gier nach Wasser beherrscht gewesen. Damals half ihr die Angst zu verdursten, das Unbegreifbare zu verdrängen, das in ihrer Familie geschah. Der rettende Schluck Suppe ließ in ihr die Hoffnung aufkeimen, es wäre noch nicht alles verloren. Doch die Fäden waren längst gezogen, das Ränkespiel eingeleitet und der Abstieg ihrer Familie nahm seinen Lauf.

Es stach in ihrem Inneren, Anna krümmte sich. Sechsunddreißig und hilflos wie ein Kleinkind, sie hatte nicht mal die Kraft, den Löffel selbst zu halten. Ihre Arme, dünn wie Pinselstiele, lagen nutzlos auf der Bettdecke. Mit Wehmut dachte sie an das Schreibpult im Skriptorium, das ihr Mann ihr eingerichtet hatte. Schon lange hatte sie keinen Pinsel mehr gehalten, auch die Schreibfeder ruhte. Dabei machte sie in letzter Zeit so gute Fortschritte bei der Farbenherstellung, auch wenn ihr von den Dämpfen oft übel war, und ihre Fingerkuppen nie mehr so makellos sein würden wie es einer Gräfin gebührte.

Der Schmerz steigerte sich ins Unerträgliche, Anna keuchte. Barbara hielt sie, tupfte ihr den kalten Schweiß von der Stirn. Wie selbstverständlich hatte die Freundin die Aufgaben einer Zofe übernommen, wich nicht mehr von ihrer Seite, reichte Anna die Leibschüssel, wusch sie und zog frische Laken auf. Konnte sie ihr jemals für alles danken?

Selbst das Schlucken fiel Anna schwer. Hechelnd verlangte sie weiter nach der Brühe, alles in ihrem Inneren schien wie auf einem heißen Stein zu verdunsten.

»Der letzte Löffel, du Tapfere.« Barbara stellte den geleerten Teller beiseite. »Severin hat die Zubereitung der Suppe überwacht. Nach einer Familienrefeptur. Gräfin Anna Fuggerin muff allef effen, wonft wirkt ef nicht.« Sie ahmte das Lispeln des alten Fuggerdieners nach und rang Anna ein Lächeln ab. »Das kräftigt dich, du wirst sehen.«

Seit Anna denken konnte, diente Severin ihrer Familie, von Generation zu Generation weitergereicht wie ein Möbelstück. Soviel sie wusste, hatte er als Stiefelknecht bei ihres Vaters Oheim Anton begonnen, dann war er der Leibdiener ihres verhassten Oheims Christoph gewesen, der empfahl ihn an ihren Vater weiter und nach dessen Tod hatte Severin nun um Anstellung bei ihr gebeten. Als kleines Kind duldete sie ihn neben sich, diesen hageren, baumlangen Mann, der sich wie sie am liebsten in der Küche aufhielt, dem behaglichsten Ort im Fuggeranwesen: Schellebelles Reich. Erst später, als die Küche zum Spiegel des Teufels wurde, fürchtete Anna Severin. Nie hätte sie es für möglich gehalten, dass er sich eines Tages um ihr leibliches Wohl sorgte.

Als der Schmerz verebbte, suchte sie nach den verblassenden Traumbildern. Im Schlaf hatte sie noch in Schellebelles Ziegenköttelaugen gesehen, die Glut des Feuers flackerte darin. Das erdachte Lied ihrer Schwester Virginia war in ihren Ohren erklungen. Sie presste ein paar Töne hervor. Nein, sie würde nicht sterben, noch nicht. Der Geruch nach verbranntem Fleisch stieg ihr in die Nase. Die Suppe, was sonst. Sie sank zusammen.

»An was denkst du, lass mich teilhaben.« Barbara klopfte die Kissen aus und drückte Anna sanft hinein.

Anna ergriff ihre Hand, dachte an ihre eigenen schwarzfleckigen Hände und wie sie sie damals in den bortenverzierten Falten ihres Brokatkleides verborgen hatte. »Ach, eine Erinnerung nur. Als ich vierzehn war, glaubte unsere Köchin, mich würde der Schwarze Tod holen.«

Barbara musterte sie ernst.

»Dabei hatte ich nur Tusche verschüttet. Tusche aus den getrockneten und gemörserten Tintenblasen des Oktopus, die meinen Vater ein Vermögen gekostet hatte.«

Ereignisse, die viele Jahre auseinanderlagen, fügten sich zusammen. Seit Tagen zog ihr ganzes Leben an ihr vorbei, sobald sie die Augen schloss. Die Erinnerungen reihten sich auf, und immer wenn ihre liebe Freundin Barbara sie wachrüttelte und zum Essen zwang, hatten die Gespinste in der Schlafkulisse Zeit, das Bühnenbild zu wechseln.

Sie, Anna Fuggerin, war so unendlich müde, und ein neuer Auftritt stand bevor. Sie würde weiterleben, sie musste leben, sonst wäre alles umsonst gewesen.

Erstes Buch

Adams Rippe

Augsburg und Venedig, 1560–1561

»… warhaffter bericht, wie ein jeßuiter in teufels gestalt, im wellichem er ein evangelisch mensch von irem glauben abzuschröcken vermaint, erstochen worden …«

1. Der Liebesapfel

Obwohl die Augsburger an Spektakel aller Art gewöhnt waren, zwischen Gaukeleien und Hinrichtungen ihre Sinne erfrischten, erzählten sie das Ereignis vom Vorabend der Michaelidult noch Tage weiter. Der Vorfall hatte kaum die Hörmuscheln gekitzelt, da wurde er, gespickt und gewürzt mit Einzelheiten, die nur ein Augenzeuge wissen konnte, weitergereicht.

»Der Leibhaftige ist aus dem Pflaster gefahren!«

Der Auslöser für das Höllengezeter war längst an den Huckergeschäften entlang, unter den Zeltstangen hindurch, zwischen den Säcken der Gewürzhändler, die Pfeffer, Zimt und Galgant feilboten, verschwunden. Kellenbenz hastete mit seiner Tochter auf den Schultern an Karren und Tragkörben vorbei, wich einem gähnenden Windhund aus, der auf einem Wagen stand und Bianka mit seinem weit aufgerissenen Maul fast verschluckte.

In einer engen Seitengasse hielt er inne, setzte das Kind ab und lehnte sich an eine Hauswand. Es stach ihm in Brust und Rücken, seine Beine zitterten. Er sah zurück. Hoffentlich war ihm niemand gefolgt. Als Leute vorbeidrängten, zog er Bianka zu sich heran. An diesem warmen goldenen Herbsttag schlenderten die Augsburger zum Perlachplatz neben dem Rathaus, von wo er gerade weggelaufen war. Sie lachten und schwatzten, konnten vermutlich den Beginn der Dult nicht mehr erwarten. Gierig nach Ablenkung, wollten sie das eine oder andere schon vorab ausfindig machen.

Voller Vorfreude, sein neues Meisterwerk abzuliefern, hatte Kellenbenz nicht bedacht, dass sich bereits am Vorabend die Händler aus aller Welt auf dem Perlachplatz einfanden, um ihre Marktstände vorzubereiten. Eine Stunde vor dem verabredeten Zeitpunkt hatte er sein Werk sorgfältig eingerollt und in einen großen Sack gesteckt. Der prächtige Kopf war sperrig, er presste ihn hinein, verschnürte alles. Mit dem Kind an der Hand, den Sack über der Schulter, würde er nur langsam vorwärts kommen, das hatte er berechnet. Während er einen Schritt machte, trippelte die Kleine drei. Bianka war es gewöhnt, viel zu gehen. Er musste nur darauf achten, dass die Fünfjährige nicht in einen der Bachläufe fiel, die Augsburg durchflossen. Ab und zu hievte er sie aus einem Abfallhaufen, schlug ihr Händchen von einem Wasserrad weg oder hob sie, unter den Arm geklemmt, über einen morschen Steg. Der Sackinhalt stach ihn bei jedem Schritt in den Rücken. Sie mussten am Tanzhaus vorbei, über den Rathausplatz, bis zum Perlachturm. Dann durchs Barfüßertor zum Jakoberviertel hinaus.

Bald war er am Schulterblatt wundgescheuert. Doch wenn er Halt machte und die Last auf die andere Schulter wechselte, würde er das Kind im Gewühl verlieren. Die Hausierer, Kleinhändler und Schausteller am Markt kümmerten sich nicht um das, was niedriger als ihre Verkaufstresen war. Kellenbenz und seine Tochter bogen um den Turm, wollten den Perlachberg hinunter stapfen, am Metzgerhaus mit ihrem Fleischerbetrieb und den Huckerläden vorbei. Schweine quietschten um ihr Leben, Kistler riefen ihren Gehilfen Befehle zu. Die Glocke in dem hohen Turm übertönte alles. Sie läutete, wie jeden Tag, zur vollen Stunde. Doch erst morgen, am Michaelitag, würde das Bogenfenster im hohen Perlachturm wie von selbst aufgehen und das Turamichele gegen das Böse kämpfen. Kellenbenz sah hinauf und wunderte sich, dass schon heute das Fenster offen stand. Der Arm der hölzernen Erzengelsfigur ruckte zum schwarzbemalten Wesen zu seinen Füßen, in der hohlen Hand fehlte aber noch die Lanze. Anscheinend wurde die Mechanik erprobt. Bianka wollte es auch sehen. Sie sprang an Kellenbenz hoch. Er beugte sich zu ihr vor und da geschah es. Der Sack riss mitten durch. Kellenbenz fing das Fell auf, der Kopf aber, mit den langen spitzen Hörnern, klapperte beim fünften Glockenschlag aufs Pflaster, rollte noch ein Stück weiter den Berg hinunter, bis die Hörner beim sechsten Glockenschlag zwischen den Steinen einrasteten. Alle Umstehenden kreischten und stoben auseinander.

»Höllenbrut, Satansglut, der Antichrist!«, schrien sie. Ein Tumult entstand, die Leute schubsten, trampelten sich nieder. Einem Händler kullerten fremdländische Früchte von der Schippe. Hastig wickelte Kellenbenz den Kopf in das schwarze Fell, schob sich das Gehörn unter die Achseln, bedeckte alles, so gut es ging, mit den weiten Ärmeln seiner Tunika. Er wollte zwischen den Karren weitereilen, doch Bianka war verschwunden. Er sah sich um. Ach, hätte er sie doch bei der kranken Nachbarin gelassen. Die Gumpelzhaimerin hustete und man wusste nie, wie sich der Schwarze Tod zeigte. Er wollte nicht, dass Bianka sich ansteckte. Nicht auch noch sie.

Bianka, den Namen hatte seine Frau ausgesucht, bevor sie starb, ein Jahr nachdem sie ihre beiden Söhne verloren hatten. Er wollte die Kleine rufen. Er brüllte wortlos, mit weit aufgerissenem Mund. In dem Gekreische der Wegeilenden gingen seine Laute unter. Zwischen wehenden Frauenkleidern und pelzigen Schauben entdeckte er sie endlich. Sie hockte vor einem Huckergeschäft auf dem Pflaster und kaute an etwas Rotem. Er bückte sich, sah, dass das, was er für einen Apfel gehalten hatte, durch und durch rot war, die dicke Haut und das weiche Innere mit kleinen gelben Kernen. Schnell bedeutete er ihr, auf seine Schultern zu klettern. Sie lachte, ließ das Rote fallen, stieg über seinen Kopf, schmierte Fruchtfleisch in seine lichten Haare und klammerte sich fest.

Nachdem er sich den wunden Rücken lange genug an der Hauswand gekühlt und wieder zu Atem gekommen war, stapften sie weiter. Sie überquerten den Mittleren Graben, vorbei an der Anlegestelle der Stadtfischer, über die Barfüßerbrücke. Bianka jauchzte und hopste auf seinen Schultern. Mit ihren Patschhändchen streifte sie die Ohren der Pferde, die sich vor die Fuhrwerke gespannt durchs Barfüßertor schoben. Seit das Jakoberviertel zu Augsburg gehörte und das Barfüßertor nicht mehr bewacht wurde, bewohnte ein Stadtpfeifer anstelle des Schließers die Kammer über dem Tor. Kellenbenz waren seine Pfeiftöne bis ins Mark gedrungen, während er hier im Gefängnis an der Stadtmauer auf seine Verurteilung gewartet hatte.

Das Abendrot glühte bereits über der Fuggerei, als sie an den gedrungenen Häusern vorbeigingen. Seit knapp vierzig Jahren bestand diese Siedlung von Jakob Fugger, dem Reichen, die er für Arme und unbescholtene Augsburger Tagelöhner geschaffen hatte. Auch Handwerker durften hier ihren Lebensabend verbringen. Der Mietzins betrug einen Monatslohn im Jahr und tägliche Gebete für die Fuggerfamilie. Doch sollte Kellenbenz gebrechlich werden und verarmen, würde er, gezeichnet wie er war, hier kein Häuschen mit Garten bekommen. Er setzte Bianka ab und führte sie an der geschlossenen Mauer der Fuggerei entlang, am Blatternhaus vorbei, dann den Pesthügel hinauf.

Dort oben hatte er sich manchmal nach Feierabend auf einen Stein gesetzt und seinen toten Söhnen vorgesungen. Weder das Umhängen von Krötenaugen noch der beißende Bocksgeruch, zusammen mit den ätzenden Säuren, die die Ausübung seiner Zunft verlangten, verhinderten, dass auch seine Tür mit einem roten Kreuz für die Pest gekennzeichnet worden war. Erst hielten seine Frau und er die Beulen an den Beinen der Buben für Flohstiche. Dann stieg das Fieber, die Haut färbte sich schwarz, die Beulen schwollen an und bedeckten die beiden Kinderleiber wie Lebewesen. Der Totengräber klopfte eines Morgens mit seinem langen Stock an der Haustür und sie mussten die beiden Kleinen zum Fenster hinauswerfen. Von da an haderte Kellenbenz laut mit Gott, fluchte bei jedem Handgriff, wollte so den Schmerz betäuben. Als seine Frau mit Bianka schwanger war, holte ihn das Malefizgericht ab. Am Tag seiner Verurteilung versuchte er den Henker mit einem selbstgefertigten Kragen aus Eichhörnchenpelz zu bestechen.

Hinterher sagten viele, er sei noch gut weggekommen, hätte bei der Bestrafung Arme, Beine und Geschlecht behalten dürfen und sogar das Fegefeuer aufgeschoben. Er erreichte, dass ihm nicht die ganze, sondern nur ein Stück der Zunge abgeschnitten wurde. Die Wunde war kaum verheilt, da starb seine Frau im Kindbett.

Schweigend schlürfte Kellenbenz von da an, mit der neugeborenen Bianka zusammen, seinen Milchbrei. Anfangs dachte er, das Kind hätte etwas von seiner stinkenden Kürschner-Lauge abbekommen, weil es am ganzen Leib gesprenkelt war. Aber die Tupfen ließen sich nicht abwaschen und wuchsen nicht zu Beulen. Biankas Haut wurde vom vielen Rubbeln nur rosiger und leuchtete, wie ihr Haar, flammendrot. Er versorgte das Kind allein. Anstatt einer Amme, hielt er eine Ziege, deren Milch er Bianka einflößte. Auf den Rücken gebunden, schleppte er die Kleine, bevor sie laufen konnte und darüber hinaus, überall mit hin. Viele tuschelten über ihn, warum spielte seine Tochter nicht mit den anderen Kindern in der Gasse und warum suchte sich Kellenbenz keine Frau, die das Mädchen aufzog? Doch sie wussten, dass er ihnen keine Auskunft geben konnte oder wollte. Noch machte er sich keine Gedanken, dass Bianka vielleicht nie sprechen lernen würde. Sie ahmte die Laute von Katzen, Hunden und Ziegen, auch Vögeln, täuschend echt nach. Sie konnte seine Lalltöne deuten, verstand ihn, auch ohne Worte. Die Kleine zischelte, meckerte, zwitscherte und Kellenbenz erriet das Tier, das sie imitierte. Besonders gefiel ihr ein Äffchen, das Spielleute in einen breiten plissierten Kragen gezwungen hatten und auf dem Perlach vorzeigten. Zum vierten Geburtstag schnitzte er ihr deshalb aus dem Zahn eines Keilers ein winziges Äffchen und hängte es ihr an einem Lederband um den Hals. Sogleich ahmte sie die Laute des Äffchens nach und Kellenbenz hopste dazu auf allen vieren herum, bis sie beide lachten, er tief aus der Kehle, Bianka kichernd und glucksend. Irgendwann würde sein kleiner Streuselkuchen auch sprechen lernen wie ein Mensch.

Als ihm der Diener des Patriziers den Auftrag überbrachte, freute er sich über die Abwechslung und den reichlichen Lohn. Er vernachlässigte seine Arbeiten für die Michaelihändler und suchte in den Dörfern vor Augsburg nach einem geeigneten Tier. Er fragte bei Bauern, Tagelöhnern, Soldaten, prüfte umherlaufendes Vieh. Kein Bock schien im gut genug. Schließlich zog ihn in Oberhausen ein beißender Gestank zu einer Krautgärtnerin. Da stand er, mit Hörnern, lang und gedreht, wie die Schaufeln der Wikingerhirsche, auf einem Baumstamm hinter dem Gartenzaun. Die Augen glühten im pechschwarzen Fell und sein Bart reichte dem Bock bis zu den Klauen. Die Krautgärtnerin wollte ihn nicht hergeben. Erst als sie das Kleinkind in dem Tuch auf Kellenbenz’ Rücken entdeckte, erweichte er ihr Herz.

Er arbeitete mit solcher Hingabe an dem Werk, dass die Nachbarn schon eine Dirne vermuteten, die er in seiner Werkstatt liebkoste und in einer Tonne verbarg. Bei der Tötung des Tieres überwachte er den Schinder, entfernte dann selbst die langen Hoden des Bocks, entfleischte und salzte die Unterhaut, was er sonst den Gerbern überließ. In einer mit Sägespänen gefüllten großen Tonne läuterte er das Fell, entzog so dem Haarkleid alles überflüssige Fett. Er kochte den Kopf aus und bezog den weißen Schädel wieder, nachdem er die Gesichtshaut durch Pickeln und Fetten geschmeidig gemacht hatte. Bianka band er ein Tuch vor Nase und Mund. Er musste aufpassen, dass sie in den Dämpfen der ätzenden Laugen nicht erstickte. Er gab ihr viel Milch zu trinken. Milch linderte den Brechreiz. Ihr junger Leib musste sich erst noch an die Kloake gewöhnen, in der sie aufwuchs.

Seine Tochter fürchtete sich nicht vor Wasti, wie er ihn im Stillen nannte. Sie kämmte den langen schwarzen Bocksbart des ausgestopften Kopfes und polierte die gedrehten Hörner. Er erlaubte ihr auch, mit ihren kleinen Fingern die bemalten Wachskugeln in die leeren Augenhöhlen zu drücken.

Sie erreichten den Pesthügel. Hinter den Hagebutten hörte er Gemurmel. Seine Auftraggeber waren bereits da. Hastig zog Kellenbenz seine Tochter unter einen Baum. Hoffentlich hatten sie ihn noch nicht entdeckt. Er stützte sich an die Kiefer, spähte zu ihnen hinüber und schnaufte aus. Der lockige Vollbart des einen Mannes schimmerte golden in der Abendsonne wie die Ketten, die unter seiner dunklen Schaube hervorlugten. Der andere trug einen breitkrempigen schwarzen Hut und einen weiten Umhang. Etwas in ihren Worten hielt Kellenbenz zurück. Er zog Bianka an sich, hockte sich zwischen die Wurzeln der Kiefer und lauschte. Sie redeten von Kindern, so als seien es Ferkel für den Spieß. Der mit dem Pfaffenhut sollte dem Patrizier als Rattenfänger dienen, und dafür wollte ihm der reiche Herr seine Ordensgemeinschaft in Augsburg legitimieren. Plötzlich wusste Kellenbenz, wofür sie Wasti brauchten, der Teufel selbst wollte sich unter dem Gehörn verbergen.

»Die Macht, die Euch Euer Oheim bot, habt Ihr ausgeschlagen. Wozu wollt Ihr nun die Erben auslöschen?«, fragte der Pfaffe den Goldbärtigen. »Auslöschen, ein hässliches Wort. Und das aus Eurem gesalbten Mund, Pater«, erwiderte der Patrizier. »Ich sehe es eher als … sagen wir eine Art Erziehungsmaßnahme. Wie sagt man doch so schön, wer nicht hören will …«

»… muss sterben?«, ergänzte der Geistliche. »Lauft Ihr nicht Gefahr, Euren Bruder, bei dieser Art von Erziehung ganz zu verlieren?«

»Gefahr, Pater …« Der Reiche lachte, was eher wie ein trockener Husten klang. »Gibt es seit der Entdeckung Westindiens noch etwas, das unsereins reizt oder gefährlich werden könnte?«

»Aber …«, der Pater räusperte sich. »Wie wollt Ihr mit der Sünde leben, Graf?«

»Für was haben wir Euch und Eure Ablassbitten? Außerdem meine ich es doch nur gut. Seit Jahrhunderten hat unsere Familie Augsburg in der ganzen Welt berühmt gemacht. Und jetzt sollen ein paar Glaubensabtrünnige mit ihrer Gebärfreudigkeit alles an sich raffen? Es dürfte auch in Eurem Interesse sein, Hochwürden, wenn das Vermögen zusammengehalten wird.«

»Also geht es Euch nur ums Geld?«

Der Graf lachte wieder, brachte die Straußenfeder an seinem Barett zum Zittern. Kellenbenz presste Bianka an sich.

»Aber, bitte, tut es nicht selbst.« Sein Lachen schnitt ab.

Der Pater zupfte mit seinen knochigen, beringten Fingern an seinem Spitzbart. »Mein Novize ist mir bedingungslos ergeben, seit ich ihn der Inquisition entrissen habe. Ein ehemaliger Flagellant. Er geißelt sich immer noch und wird der Versuchung des Fleisches widerstehen.«

»Eine Versuchung ist es, da habt Ihr recht. Wären mir nicht auch die ganz jungen Weiber inzwischen zuwider, würde ich es selbst riskieren.«

»Plagt Euch etwa … die Franzosenkrankheit?« Der Pater wich einen Schritt zurück. »Ihr seid doch nicht infiziert?«

Der Patrizier spielte mit einer der Goldketten und überging die Frage. »Es ist das Beste, wenn Ihr mich da ganz raushaltet. Erledigt es ohne großes Aufsehen. Was ist mit dem Kürschner. Wird er schweigen?«

Diesmal lachte der Geistliche. »Deshalb habe ich ihn ausgesucht. Wo steckt er eigentlich?«

Kellenbenz hätte den verbliebenen Zungenstumpf geopfert, um noch einmal fluchen zu können. Er drückte Bianka zwischen die Wurzeln in eine Mulde, strich über ihren Rotschopf und legte ihr den Finger auf den Mund. Sie wusste, was das bedeutete.

Dann trat er durch die Büsche zu den beiden Männern und übergab den Kindsmördern sein Werk.

2. Die Schnecken

»Ich will, ich will, ich will aber!«, hörte Anna in ihrer Erinnerung auch noch viele Jahre später ihren jüngsten Bruder durch die angelehnte Tür rufen. Wenn sie Barbara nun davon erzählte, war es, als seien die Jahre ihres Lebens im Stapel ihrer Zeichenpapiere zusammengepresst und die Zeit nie vergangen. Am Michaelitag, 1560, hatte alles begonnen. Erst später erfuhr sie, dass bereits am Abend zuvor das Komplott gegen ihre Familie geschmiedet worden war. Am Morgen noch, sie war dreizehneinhalb, flocht sie sich zwei Zöpfe, drehte sie zu Schnecken über den Ohren und steckte sie fest. Damals hatte sie noch hüftlange Haare besessen. Sie war froh, dass die Zofen so eingespannt waren und sie in Ruhe ließen. Sie genoss die Stille, während vor der Tür das ganze Haus in Aufruhr war. Albert kam heulend in die Kammer gerannt und warf sich in ihre Arme. Der Vierjährige trug schon das blaugrüne Wams mit den vielfach gepufften und geschlitzten Ärmeln und stolperte in den hohen Lederstiefeln mehr herein, als dass er lief. Er sah wie die Miniaturausgabe ihres Vaters Georg aus. Anna unterdrückte ein Schmunzeln, schloss ihren Bruder in die Arme.

»Was ist, Albert?«, fragte sie, nahm ihm das schwarze Barett mit der riesigen Straußenfeder ab und streichelte ihm über die dunkelbraunen Locken. Es dauerte eine Weile, bis er sich beruhigte.

»Turamichele sehen«, schluchzte er.

»Wenn wir uns beeilen, können wir es noch anschauen. Es war doch ausgemacht.«

Albert hörte zu heulen auf, schmierte sich Rotz ans Samtwams und blickte zu Anna auf. »Mutter hat’s nicht erlaubt«, schniefte er, seine Schultern bebten wieder, schnell verbarg er sich in Annas Kleid.

»Ich werde Mutter fragen …«, tröstete sie ihn.

»Was willst du mich fragen?« Die Gräfin war über die Schwelle getreten, schritt in der Kammer umher, faltete den herabhängenden Baldachin von Annas Himmelbett in gleichmäßige Abstände. »Hast du Mechthild angekleidet?« Mit dem Zeigefinger prüfte sie die Staubschicht auf der Truhe. »Du weißt, wie nachlässig die Zofen sind, besonders was die Zusammenstellung der Farben betrifft.« Sie rückte das steinerne Tintenfass, die Federkiele und den Silberstift auf Annas Schreibpult gerade, steckte das Rinderhorn für die Tusche in die Vertiefung im Schreibpult und hob den Stapel Büttenpapier auf.

Anna hielt die Luft an. Wie gut, dass sie die bemalten Blätter in dem Stapel verborgen hatte und das oberste Blatt leer war. Gräfin Ursula musterte ihre drittälteste Tochter und ihren jüngsten Sohn vor dem Frisiertisch, so als würde sie die Kinder gerade erst bemerken. Albert drückte sich an Anna.

»Mechthild trägt das violette Mäntelchen und ist bei Sidonia oben, sie wollte noch nach einer Kette …«

»Dann beeil dich, wir sind ohnehin zu spät«, unterbrach sie die Gräfin und legte den Papierstapel ab.

Anna konnte durchatmen. »Wir halten doch noch am Perlach?«, fragte sie.

»Nichts da, ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht und da soll ich mich auch noch unter das Volk mischen?«

»Wenn es Euch recht ist, Mutter, könnten Sidonia, Virginia und ich auf die Kleinen aufpassen. Sie reden das ganze Jahr schon davon, sogar Philipp und Octavian.«

»Ich glaube nicht, dass ein Puppenspiel deine Brüder noch fesselt, wo sie bald die halbe Welt bereisen werden.«

Die Glücklichen, dachte Anna. Mutter wusste genau, wie sie in ihren Wunden herumstochern konnte. Ihre Brüder durften fremde Länder bereisen, Kunstschätze besichtigen und vor allem: lernen. Kavalierstour nannte sich das. Ursula war hinter sie getreten und zupfte an Annas Haaren. Die ausladenden Ärmel ihrer Mutter peitschten ihr ins Gesicht als sie auswich. Mutter und Tochter beäugten sich im Spiegel. Zu Annas Leidwesen sah sie von allen vier Schwestern ihrer Mutter am ähnlichsten.

Die Gräfin packte sie mit beiden Händen, sodass Anna sich nicht mehr entziehen konnte. »Du weißt, wie wichtig das Turnier für deinen Vater ist?« Sie drehte ihr die Schnecken straffer. Anna biss die Zähne zusammen. Jedes Turnier war ihrem Vater am wichtigsten, seine Schaukämpfe und seine alchimistischen Versuche, daneben gab es nicht mehr viel. Immerhin sammelte er auch Bücher und erlaubte ihr, in seiner Bibliothek zu lesen. So erfuhr sie wenigstens, was andere in der Welt erlebt hatten.

Ihre Mutter achtete nicht auf Albert, der immer noch in Annas Schoß kauerte. Sie hob das Perlenhäubchen vom Frisiertisch, steckte es auf Annas Haar fest, störte sich nicht daran, dass ihre Tochter zuckte, als sie ihr in die Kopfhaut stach.

»Nur an Michaeli kommt es aus dem Turm, Mutter«, versuchte es Anna wieder.

»Michaeli, Michaeli, diese Katholiken mit ihren Heiligentagen.« Sie drehte Annas Kopf wie den einer Puppe. »Die Jüngste der Medici trägt ein Perlenkrönchen, hast du das auf dem Münzmedaillon gesehen?«

Anna seufzte. »Das Turamichele im Perlachturm, Mutter, bitte, wir brauchen nur kurz anzuhalten …«

»… und die Beutelschneider verschleppen dann einen von euch«, ergänzte Ursula. »Du bist nicht irgendeine Bauerndirne, die auf dem Markt einem Possenreißer zujubeln kann. Schluss jetzt, ein für alle Mal.« Sie gab Albert einen Klaps auf den Hintern. »Und du, was treibst du dich schon wieder in der Mädchenkammer herum?«

Anna spürte, wie Albert sein Weinen unterdrückte. »Vater ist doch froh, wenn wir nicht alle gleichzeitig vor seinem Auftritt erscheinen, das regt ihn nur unnötig auf.« Anna hatte ihre Trumpfkarte gezogen. Sie wusste, dass sie Georg Fugger besser kannte als ihre Mutter. Obwohl Ursula Fugger-Lichtenstein ihm bereits zwölfmal ein Kind geboren hatte und elf davon lebten. »Ihr, Mutter, könntet zum Fronhof vorausfahren, wir lassen uns mit der Kutsche bis vor den Turm bringen und kommen mit den Kleinen wohlbehalten nach.«

Der Gedanke, einige Augenblicke ohne die ganze Kinderschar zu sein, schien ihre Mutter umzustimmen.

»Also gut, du weißt, zu welcher Tribüne ihr kommen sollt? Und achte auf die Säume, wenn ihr durch die Schlacke watet, damit ihr nicht vor Turnierbeginn schon mit Schlamm bespritzt seid.« Die Gräfin rauschte hinaus, hielt die Schleppe ihres vogelbeerroten Kleides hoch, als wäre der Unrat von draußen in die teppichbelegte Mädchenkammer gestiegen.

3. Die Katze

Die Abendglut verblasste bereits und tauchte den Pestberg, in dem Hunderte Augsburger begraben waren, in Schatten. Kellenbenz breitete sein Werk auf einem Baumstamm aus. Wie das abgezogene Fell des Leibhaftigen lag Wasti da. Die Auftraggeber traten näher.

»Wie viele Kinder hast du, Kürschner?«, fragte der Geistliche. In der Dämmerung verschmolz sein Antlitz unter der Hutkrempe zu einem rabengleichen Umriss, in dem Kellenbenz keine Regung mehr entdecken konnte. Warum fragte der Pater nach seiner Familie? Ahnte er, dass Kellenbenz alles mit angehört hatte? Er zeigte eine Zwei mit den Fingern und stieß mit dem Fuß mehrmals auf den lockeren Boden des Pestberges.

Der Pater verstand. »So, so, der Schwarze Tod hat dir zwei Kinder genommen? Gott sei ihrer Seele gnädig.« Er zog mit der Handkante ein Kreuz über die Erde.

Kellenbenz wollte seinen Lohn und dann schnell zurück. Aber er musste warten, bis die Herren gegangen waren, damit sie Bianka nicht entdeckten.

»Wo ist die Kleine, die im Hof deiner Werkstatt gespielt hat?«, fragte der Pater. Kellenbenz hielt die Luft an. Woher wusste er von Bianka? Ein Diener des Patriziers hatte ihm doch den Auftrag erteilt. Etwas miaute zwischen den Büschen. Kellenbenz riss den Mund auf, stammelte irgendwelche Laute hervor und fuchtelte mit den Armen.

»Den versteht ja kein Mensch, schweig Er«, fuhr ihn der Graf an. »Aber gute Arbeit ist das, zum Fürchten, wirklich. Wollen wir hoffen, dass es seinen Zweck erfüllt.« Er strich über Wastis weiches Fell und warf Kellenbenz einen kleinen Lederbeutel mit Münzen zu.

Kellenbenz verbeugte sich, wollte schon gehen, zwischen den dunklen Büschen Bianka aufklauben und schnell verschwinden.

Wieder miaute es. In der Hand des Geistlichen blitzte etwas auf. Kellenbenz erstarrte.

Aus dem Kuttenärmel hatte der Pater einen Dolch gezogen und schlich zu den Hagebutten.

Der Patrizier lachte auf. »Lasst doch die Katze, Pater. Schade um den schönen Dolch. Zeigt her.« Der Patrizier entwand dem Geistlichen die Stichwaffe und drehte sie in den Händen.

»Ich kann sie nicht leiden, diese huschigen, selbstherrlichen Biester«, knurrte der Pater. Seine Stimme hatte den singenden Klang verloren. »Sie nehmen sich, was sie wollen, und faulenzen den ganzen Tag.«

»Habt Ihr das edle Stück von einem Augsburger Silberschmied oder ist es ein sarazenischer Dolch?«, fragte der Reiche. »Wart Ihr auf einem Kreuzzug, Pater?«

»Das bin ich immer noch, Graf. Gegen den Satan kann man das Kreuz nicht hoch genug halten. Und schmückt sich der nicht mit einer schwarzen Katze …«

»Eine ausgezeichnete Schmiedearbeit, so fühlt es sich an. Beruhigt Euch und seid froh, um die Schätze, die wir den Ungläubigen entreißen können.«

Der Geistliche schüttelte sich angeekelt, nahm dem Graf den Dolch ab und ließ ihn wieder unter seinem Umhang verschwinden. »Lasst uns gehen!«

Kellenbenz zuckte zusammen. Der Diener, von dem er den Auftrag erhalten hatte, löste sich aus dem Schatten der Bäume. Er beachtete Kellenbenz nicht, rollte das Fell mit behandschuhten Händen zusammen, wickelte es samt gehörntem Kopf in eine Decke und trug es voran, den Hügel hinunter.

Kellenbenz setzte sich auf den Baumstamm, wartete bis auch die Herren in der Dunkelheit verschwunden waren. Dann eilte er zu den Hagebutten. Anfangs dachte er, Bianka hätte sich aus Angst nur tiefer zwischen den Büschen versteckt. Er bückte sich, tastete sich vorwärts, irgendwo musste die Mulde sein, wo er sie zurückgelassen hatte. Es war diese Kiefer gewesen oder die andere? Sie war noch nie einfach so fortgelaufen. Er scharrte zwischen den Wurzeln, hatte ihr doch eingeschärft, sich nicht zu rühren. Das Zeichen, Finger am Mund, kannte sie. Wenn Kundschaft kam, musste sie sich still verhalten. Sie hielt dann im Spielen inne wie eine kleine rothaarige Puppe.

Sein Kittel verfing sich in den Dornen. Er zerrte daran bis der Stoff zerriss. »I-a-ka! I-a-ka«, brüllte er. Das K von Bianka konnte sich Kellenbenz noch mit dem Zungenstummel abpressen. Er versuchte Tierlaute nachzumachen. Doch auch ihr Lieblingsspiel lockte sie nirgends hervor. Bald brannte seine Kehle. Schließlich wimmerte er nur mehr, kroch kreuz und quer unter den Büschen durch, bis seine Hände und sein Gesicht zerkratzt waren. Ein Ast knackte. Er verharrte. Raschelte da nicht etwas? Er lauschte angestrengt in die Finsternis. Nichts.

Bianka war verschwunden.

Noch viele Male wandte er sich um, als er den Pesthügel zögernd hinunterstieg. Hockte sie da hinter einem Stein? Er lief zurück. Es war nur eine Katze, die ihn anfauchte und dann wegsprang.

Auf dem Rückweg klopfte er an der Pforte des Blatternhauses, zeigte mit Fingern das Alter des Kindes und die Größe. Die Nonne schüttelte den Kopf, kam mit einem Stück Brot zurück. Er wies es ab, deutete auf seinen Mund, versuchte zu miauen. Sie brachte ihm eine Suppe und schickte ihn fort.

Nach Mitternacht trat er durchs Barfüßertor zurück in die Innenstadt. Vielleicht war Bianka allein nach Hause gelaufen, schlief längst mit offenem Mund, ganz erschöpft auf der Ofenbank, verbarg sich im Ziegenstall oder wartete zwischen den Häuten auf dem Speicher wie so oft beim Versteckspiel.

Doch je mehr Kellenbenz sich seinem Haus am Vorderen Lech näherte, desto schwerer wurden ihm die Beine. Er hatte sich in der Finsternis an brennenden Laternen in Hauseingängen und Fensternischen orientiert, bis er zu seinem Viertel gelangte, wo er auch im Dunkeln jeden Stein und jedes Schlupfloch kannte. Auch wenn reiche Patrizier sich mit Pelzen schmückten und man seine Zunft achtete, hatte man ihn mit seinem Kürschnergewerbe zu den Gerbern, Seifensiedern und Färbern ins Lechviertel abgedrängt. Wie zur Begrüßung drehte sich das Wasserrad kurz. Ein paar Ratten schnellten von einer Schaufel, ließen einen Schwall Wasser in den Lech platschen. Dann sprangen sie vom Kanal über die Gasse und jagten einander. Am liebsten hätte er ihnen das neuerworbene Geldsäckchen hinterhergeworfen.

Er wollte Bianka zurück!

Sie war nicht im Speicher, versteckte sich nicht zwischen den aufgespannten Marder-, Zobel- und Hermelinfellen. Er leuchtete mit einer Laterne den Stall aus, tätschelte der Ziege Liesl den Hals, die im Kauen innehielt. Jeden Heuhalm wendete er, scheuchte Liesl auf, schubste sie von einem Eck in das nächste, so als würde sie Bianka hinter ihrem Kugelbauch verbergen. Er stöberte in seiner Werkstatt, öffnete die Bottiche und rührte darin herum, kippte Laugen aus und zerlegte seine Gerätschaften. Nichts und nirgends fand er eine Spur. Auch in der Stube, auf dem Abtritt und in der Schlafkammer durchkämmte er die staubigen Winkel. Schließlich kauerte er sich auf die Ofenbank, angezogen und ein Bein am Boden, bereit, bei dem kleinsten Geräusch aufzuspringen.

Er beschloss bei Tagesanbruch wieder auf den Pestberg zu gehen und alles noch mal abzusuchen. Irgendwo musste sie sein. Seine Kleine, welche Ängste stand sie gerade aus? Sein Herz krampfte sich zusammen. Sollte er die Nachbarn um Hilfe bitten? Viele Augen sahen mehr. Gemeinsam würden sie ganz Augsburg durchwühlen. Die Vorstellung, dass eine große Gruppe Gerber, Weber, Zimmerer und Goldschmiede wie der Pöbel beim letzten Bauernkrieg durch die Stadt zog, diesmal nicht plündernd, brandschatzend und mordend, sondern nach einem fünfjährigen Kind fragend und suchend, beruhigte sein Herz wieder um einige Schläge.

Doch abgesehen davon, dass er die Nachbarn nicht mit Worten um den Gefallen bitten konnte, wäre auch keiner von ihnen bereit, wegen eines Kindes die Arbeit zu unterbrechen.

»Hier, Kürschner, nimm eines von meinen Bälgern oder auch zwei, wenn du willst«, würden sie sagen. Nachbarn!

Auch vor seiner Ächtung hatte er keine Freunde gehabt, hockte nur ab und zu mit den immergleichen Wirtshauskumpanen zusammen, die im Halbdunkel der Beize kaum Gesichter hatten. Manchmal war er mit dem Gumpelzhaimer heimgetorkelt. Aber der war lange tot, einfach so, eines Abends auf dem Wirtshaustisch zusammengesackt und nicht mehr aufgewacht. Damals hatte Margit noch gelebt und stand der Gumpelzhaimerin von schräg gegenüber in ihrer Trauer bei.

Die Turmuhr von St. Moritz schlug vier Mal. Heute begann die Michaelidult auf dem Perlach. Es würde doppelt schwer sein, Bianka in dem Gewühle zu finden. Kellenbenz drehte sich auf die Seite und wollte die Bundschuhe von den Füßen streifen. Die Nachbarin, die Gumpelzhaimerin! An sie hatte er noch gar nicht gedacht. Er erhob sich wieder. Sicher war Bianka zu ihr gelaufen! Die Witwe war kinderlos und verdiente sich ihr Brot durch Plätten für die Reichen. Wenn Kellenbenz Pelzwerk in der Stadt auslieferte, durfte Bianka manchmal zu ihr. Er raffte sich auf und lief zu ihrem kleinen Haus, das sich zwischen die Gerberhäuser mit ihren ausladenden Speichern zwängte. Er klopfte lange und drückte ein Ohr an die Tür. War da nicht ein Knarzen auf der Treppe? Er bumperte erneut und hoffte, sie würde durchs Fenster spähen und ihn erkennen. Obwohl die Gumpelzhaimerin eine mürrische alte Frau war, schien sie sich über die Besuche seiner Tochter zu freuen. Aber dies war alles tagsüber gewesen, nie nachts. Ihm blieb nichts anderes übrig, als zu miauen. Endlich öffnete sich oben eine Luke.

Er legte den Kopf in den Nacken und wollte in die Dunkelheit zu ihr hinaufrufen: »Kkkeee…bbb…«, war alles was er herausbrachte und »Ia –ka.« Er miaute noch mal laut und hoffte die Gumpelzhaimerin würde Biankas liebstes Spiel kennen. Ein Schwall stinkendes Nass traf ihn. Sie hatte den Nachttopf über ihm ausgeleert.

»Scheißkater, hau ab«, brüllte sie noch, bevor sie das Fenster wieder verriegelte.

Die Fäkalien mischten sich mit seinen stummen Flüchen. Er schleppte sich ins Haus zurück.

4. Das Turamichele

Anna verschwieg ihrer Mutter, dass mit einer Kutsche auf dem Michaelimarkt kein Durchkommen war. Sie steckten dem Kutscher einen Gulden zu, hießen ihn zu warten und stiegen in der Judengasse aus. Ihre ältere Schwester Sidonia und ihre ein Jahr jüngere Schwester Virginia nahmen je ein Geschwisterkind an der Hand. Die Jüngste, die zehn Wochen alte Maria, war bei der Amme zu Hause geblieben. An diesem Tag fielen die Fuggerkinder nicht mal durch ihre vornehme Kleidung auf. Alle Schichten, von zerlumpt, barfuß, halbnackt bis edel gewandet, drängten sich auf dem großen Marktplatz zwischen Rathaus und Metzgerhaus. Zu jeder vollen Stunde sammelten sich die Kinder vor dem Perlachturm.

Wie aus einem Mund, von Glockenschlag zu Glockenschlag lauter werdend, zählten die Augsburger Kinder mit: »Eins, zwei, drei, vier …«, sahen gebannt zum Turamichele hoch, das auf das Wesen, halb Drache, halb Teufel, bei jedem Glockenschlag mit der Lanze einstach.

»… vier, fünf, sechs, sieben, acht …«, riefen die Fuggerkinder und die Kinder der Spielleute.

»… neun …« Beim zehnten Schlag jubelten alle.

Anna sah, dass auch Philipp und Octavian, die sich abseits ihrer Schwestern mit verschränkten Armen aufgestellt hatten, mitbrüllten. Das Turamichele zog sich zurück, die Fensterflügel schlossen sich wieder. Anna nahm die zweijährige Mechthild auf den Arm, Sidonia und Virginia sammelten die anderen Geschwister ein. Sie schoben sich durch das Marktgewühl zur Kutsche zurück. Aus den Buden roch es verlockend nach Gebratenem und Gesottenem, aber auch Honigduft und unbekannte Gerüche mischten sich darunter. Von einer Bühne klingelte ein Schellenbaum. Ein Zahnbrecher rief:

»Wohlher,

wer hat einen bösen Zahn,

denselben ich ihm gleich ausbrechen kann,

auch weiß ich, wie man gebiert die Kinder,

hab Zange und Arznei nicht minder,

Petroleum und Wurmsamen,

Tränke und Tand zum Kramen,

Salben für Flöhe und Läus’,

auch Pulver für Ratten und Mäus’.

Wohlher, wer …«

Heiligenfiguren, Turnierspielzeug und Harnischteile lockten in den Auslagen der Kramläden unter kupfernen Dächern.

Den Kleinen gingen die Augen über und die drei Schwestern hatten Mühe, sie weiterzuzerren. Zu gern hätte auch Anna an den Ständen verharrt, den Bären im Zwinger studiert und die exotischen Vögel in den Volieren bestaunt. Dies alles kannte sie nur aus den Büchern ihres Vaters. Sie versuchte so viel wie möglich einzusaugen, bevor es wieder in den goldenen Käfig ging.

»Schon Mutter, junge Frau?« Eine Alte, die ihr vernarbtes Gesicht in ein Fransentuch hüllte, hielt sie zurück.

War das eine dieser Beutelschneider? Anna suchte nach einem Messer bei der Frau, sah aber nur einen vielfach geflickten Rock. Über die Leute hinweg spähte Anna zu den anderen, entdeckte Sidonias Haube und Virginias Haarschopf. Sie entfernten sich langsam immer weiter. Die Frau strich über Mechthilds Seidenmäntelchen, zog ihr das Händchen unter dem Ärmel hervor. Die Kleine war genauso überrascht wie Anna und ließ es geschehen. Die Alte musterte Mechthilds Handfläche, drehte Annas Hand mit der Fläche nach oben zum Vergleich. Ihr Blick verdüsterte sich.

»Armes Kind, arme Frau«, sagte sie, »Reichtum hin oder her, meidet das Feuer, sonst wird Euch kein langes Leben geschenkt werden.« Anna betrachtete ihre Handfläche, nichts darin sah nach einer züngelnden Flamme aus. Bevor sie etwas erwidern konnte, hatte sich die Alte schon abgewandt und wurde von der Menge verschluckt.

Außer Atem berichtete sie ihren Geschwistern in der Kutsche, was sie erlebt hatten. Mechthild begann zu weinen, verbarg ihre Händchen hinter dem Rücken, als wären die an der Aufregung schuld. Sidonia und Virginia, die Albert und Raymund auf dem Schoß hatten, stöhnten auf.

»Wie viel hat es gekostet?«, fragte Philipp. Der Wagen ruckte an.

»Was?« Anna verstand nicht.

»Die wird euch nicht umsonst die Zukunft aus der Hand gelesen haben?«

»Du meinst, das war eine Seherin?« Anna hatte davon in einem Buch mit maurischen Märchen gelesen, aber dass es das echt gab, konnte sie nicht glauben. »Die kann wirklich in unseren Hände erkennen, was aus uns wird?«

Philipp griff Annas Hand. »Ja, ganz schön kurz deine Lebenslinie.« Er grinste. Anna entzog sich ihm und sein Siegelring schrammte ihr schmerzhaft über die Knöchel. Als ältester Sohn durfte er bereits mit dem Fuggerischen Lilienwappen unterzeichnen. Auch wenn er den großen, schweren Ring am Mittelfinger trug, wo er immer nach vorn rutschte. Überhaupt wirkte der Ring fehl an seinen schwieligen Händen mit den schmutzverkrusteten Fingernägeln, denn am liebsten wühlte ihr ältester Bruder in der Erde und half dem Gärtner.

Die Kutsche stand wieder, Philipp hämmerte an die Wand und rutschte auf seinem engen Platz ungeduldig hin und her. Dabei drückte er die anderen Geschwister zusammen, bis sie aufschrien. »Ob das eine echte Seherin oder eine Betrügerin war, wird sich bald herausstellen. Wie viele Silberlinge wollte die für dein Leben?«, fragte er.

»Nichts«, sagte Anna.

»Du lügst. Wieso sollte die umsonst vorhersagen, die hat bestimmt gesehen, wer wir sind und ist uns gefolgt.« Die Kutsche zuckelte in den verstopften Straßen wieder ein Stück vorwärts.

»Vielleicht hatte sie Angst, wenn sie einer Reichen den Tod voraussagt«, presste Octavian hervor. Er war der dickste der Geschwister und musste sich zusammenquetschen, um überhaupt sitzen zu können.

»Ha, Angst vor Anna, dass ich nicht lache.« Doch Philipp blickte seine ein Jahr jüngere Schwester ernst an und hielt ihrem Blick stand. Sie spürte noch den Druck des Rings und die rauen Finger auf ihrer Hand. Sie waren gleich groß, obwohl Philipp bereits vierzehn war und noch wie ein Junge aussah, was er mit seiner Kleidung und seinem Gehabe zu verdecken suchte. Sogar seine Stimme war noch unverändert hell. Würde Octavian nicht bedingungslos zu seinem Bruder halten, könnte Anna versuchen, den mageren Philipp umzupusten.

»Vaters Oheim hatte doch auch so eine … eine …«, sagte Octavian.

»So eine was?«, fragte Philipp gereizt.

»Oheim Christoph hat davon erzählt, bei der Beerdigung«, ergänzte Octavian.

Philipp drehte sich zu seinem Bruder. Diesmal grinste Anna, bei Oheim Christoph vergaß Philipp alles.

»Das habe ich auch gehört«, mischte sich Sidonia ein. »Er hat von einem Buchhalter erzählt, der krumme Geschäfte in der Faktorei macht und das alles hätte diese Hellseherin in ihrer Kristallkugel gesehen. Auf diese Art überwachte Vaters Oheim Anton seine Arbeiter.«

Philipp pfiff durch die Zähne. »Nicht schlecht. Und wer erbt diese Kristallkugel?«

Sidonia zuckte mit den Schultern.

Zu gern hätte Anna gewusst, was Philipp sich jetzt ausmalte. Sie litt darunter, dass er sich ihr gegenüber immer mehr verschloss. Früher waren sie Vertraute gewesen. Als er noch die Buchstaben verwechselte und Magister Weißfuß ihn schalt, übte Anna heimlich mit ihm, weil sie das Lesen schneller begriffen hatte als er. Und nur an ihrer Hand traute er sich ins Gartenlabyrinth, aus Angst vor Mäusen und anderen Ungeheuern. Tagsüber liebte er den Garten, wühlte in der Erde und sorgte dafür, dass die Labyrinthhecken immer gestutzt wurden und man über die Reihen spähen konnte. Doch seit er von seinem Studium aus der Schweiz zurückgekehrt war, beachtete er sie kaum mehr, verriet ihr auch nicht, was der Professor für Poesie an der Hochschule lehrte. Als Erbfolger begleitete er Vater in die ›Goldene Schreibstube‹ des Stadtpalasts, wo seit Jahrhunderten die Geld- und Handelsgeschäfte der Familie in aller Welt beschlossen wurden. Noch gab es keinen würdigen Nachfolger, wie es die Vorfahren Jakob und Anton gewesen waren. Die Söhne und Neffen, wozu Annas Vater Georg auch gehörte, wollten das Handelsimperium nicht weiter regieren. Sie unterstützten Oheim Marx, der mit Muhme Sibylla im Stadtpalast wohnte und als ältester Sohn des verstorbenen Anton gezwungen worden war, die Geschäfte zu führen. Zugleich übernahm er damit die Verantwortung für die Schulden sämtlicher Herrschaftshäuser, von Spanien bis in die Niederlande. Zu gern hätte Anna auch an den Verhandlungen teilgenommen. Sie schnappte nur gefilterte Gesprächsfetzen beim Essen auf oder hörte dem Getuschel der Diener zu. Mutter ließ die Kleideranordnungen abändern, wenn ein Herrscher zahlungsunfähig geworden war, und folglich war im Hause Fugger fortan verpönt, was an dessen Hof getragen wurde.

»Geholfen hat es Vaters Oheim aber auch nichts«, sagte Octavian aus der Ecke und holte Anna wieder aus ihren Gedanken.

»Warum nicht?«, fragte Virginia.

»Na, weil Anton gestorben ist, oder wen haben sie sonst in die Gruft gelegt?«, fuhr sie Philipp an.

Die restliche Fahrt schwiegen sie, Mechthild schlief auf Annas Schoß ein, schmiegte ihr verschwitztes Köpfchen an ihrem Hals. Die Alte hatte sich bestimmt einen Scherz erlaubt, grübelte Anna. Kein Mensch konnte bestimmen, wann ein anderer zu sterben hatte.

5. Das Seherauge

Nachdem sich Kellenbenz mit fauchenden Flüchen den Gumpelzhaimernachlass abgewischt hatte, zog er eine dunkle Schaube über sein Wams und suchte in der Werkstatt nach dem Strohhut mit der breiten Krempe, den ein Geselle hier vergessen hatte. So verborgen, hoffte er, wegen des Aufstands, den er am Vortag auf dem Perlach erzeugt hatte, nicht gleich wiedererkannt zu werden. Er musste und er würde Bianka finden. Wenn sie nicht auf dem Pestberg eingeschlafen war, saß sie vielleicht bei dieser Huckerin und aß irgendwelche Spezereien, oder sie suchte nach dem Turamichele im Perlachturm. Und wenn er sie nicht fand, würde er jeden fragen. Nur wie? Die Nonne im Blatternhaus, die ihn für einen verwirrten Bettler gehalten hatte, fiel ihm wieder ein. Wie sollte er sich verständlich machen? Er setzte sich auf die Ofenbank und zermarterte sich das Hirn. Wenn er nur seine gotteslästernde Zunge besser im Zaum gehabt hätte, wäre alles anders gekommen. Dann könnte er sich durchfragen, jedem Misstrauen freundlich begegnen. Er wäre kein Geächteter, den man am liebsten aus der Stadt haben wollte. Aber so hätte er den Auftrag mit Wasti nicht bekommen. Seine Verschwiegenheit schien der Grund gewesen zu sein. Sein Blick fiel auf Biankas Holzpuppe, die er ihr geschnitzt hatte. Die Puppe trug ein rotbraunes Pelzstück auf dem Kopf, das Biankas Haarfarbe ähnelte. Das Kleid hatte Bianka aus einem Stoffrest ihres Kittels selbst genäht. Hatte ihr das die Gumpelzhaimerin gezeigt? Kellenbenz stellte die Puppe auf den Tisch, an den Platz, an dem Bianka immer saß und verließ das Haus. Er musste sie auch ohne Worte finden!

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