Im Reich der Löwin - Silvia Stolzenburg - E-Book

Im Reich der Löwin E-Book

Stolzenburg, Silvia

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Beschreibung

Nach langjähriger Geiselhaft in Deutschland und Österreich kehrt Richard Löwenherz im Jahr 1194 nach England zurück. Doch eine Verschwörung überschattet seine Rückkehr. Nachdem die Verräter besiegt sind, bricht er nach Frankreich auf, um seinem Erzfeind, König Philipp II., widerrechtlich angeeignete Herrschaftsgebiete abzuringen. An der Seite des ungestümen englischen Königs kämpfen nicht nur Robin of Loxley - alias Robin Hood - und Harold of Huntingdon, sondern auch Richards Halbbruder, der junge Roland Plantagenet, begleitet als Knappe den Zug des Löwen. Inmitten all der Kriegswirren hat er nicht nur mit dem feurigen Temperament des Königs und seiner eigenen illegitimen Herkunft zu kämpfen. Er verliebt sich noch dazu heftig in die willensstarke Jeanne de Maine, die Tochter eines abtrünnigen französischen Adeligen. Während Roland an der Seite des englischen Königs viele Abenteuer und Kämpfe zu bestehen hat, rückt die Dame seines Herzens in scheinbar unerreichbare Ferne … Mit ihrem spannungsgeladenen Zweiteiler (Band 1: "Schwerter und Rosen") setzt Silvia Stolzenburg einem der einst mächtigsten Herrscher Europas ein Denkmal: Richard Löwenherz.

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Seitenzahl: 638

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Silvia Stolzenburg

Im Reich der Löwin

Roman

Frankreich 1194

Vorbemerkung der Autorin

Der vorliegende Roman schließt nahtlos an den ersten Teil des Zweiteilers mit dem Titel Schwerter und Rosen an. Für ein größtmögliches Lesevergnügen ist es daher sinnvoll, mit Band 1 zu beginnen.

Auch für mich

Liste der agierenden Personen

(historisch belegte Personen in Kursivschrift)

Richard Löwenherz: 1189 zum König von England gekrönt

Blondel: Richards Liebhaber und Barde

Aliénor von Aquitanien: Richards Mutter

John Lackland: Richards jüngerer Bruder

Waleran: John Lacklands Page

Berengaria von Navarra: Richards spanische Braut

Ralph de Beaufort: Berengarias Liebhaber, ein französischer Ritter

Roland Plantagenet: Richards unehelicher Halbbruder, Sohn Henrys II. und Alys’ von Frankreich

Henry Plantagenet: Rolands Bruder

Geoffrey Plantagenet: Richards unehelicher Halbbruder und Erzbischof von York

Johanna Plantagenet: Richards Schwester

Otto von Braunschweig: Richards Neffe, Sohn Heinrichs des Löwen und Mathilde Plantagenets

Wilhelm von Braunschweig: Ottos Bruder

Hubert Walter: Erzbischof von Canterbury und Regierungsoberhaupt Englands

William Marshal: Earl of Pembroke, ein berühmter Ritter der englischen Krone

Humphrey Marshal: Williams Sohn

Hugh of Lincoln: Bischof von Lincoln

Herbert of Salisbury: Bischof von Salisbury

William FitzOsbern: Englischer Steuerbeamter und Händler

Richard of Devizes: Englischer Chronist

Mercadier: Normannischer Söldnerführer

Harold of Leicester: Earl von Huntingdon und Leicester

Guillaume of Huntingdon: Harolds jüngerer Halbbruder

Catherine of Leicester : Harolds Gemahlin

Robin of Loxley: Harold of Leicesters leichtlebiger Freund, alias Robin Hood

Lady Marian: Robins Gemahlin

Philipp II. von Frankreich: König von Frankreich, Richards Gegenspieler

Alys von Frankreich: Philipps Schwester, Rolands und Henrys Mutter

Wilhelm von Ponthieu: Alys’ jugendlicher Gemahl

Guy de Maine: Graf von Maine

Isabel de Maine: Gräfin von Maine

Jeanne de Maine: Tochter des Grafen und der Gräfin von Maine

Arnauld de Touraine: Jeannes Gemahl

Balduin IX.: Graf von Flandern

Raimund VI.: Graf von Toulouse

Walter von Rouen: Bischof von Rouen

Papst Colestin III.

Konstanze von der Bretagne:Herzogin der Bretagne, Witwe von Richards verstorbenem Bruder Geoffrey

Arthur von der Bretagne:Konstanzes Sohn, Richards Neffe

Ranulf of Chester:Konstanzes zweiter Gemahl

Heinrich VI.:Kaiser des Heiligen Römischen Reiches

Prolog

England im Jahr 1194. Nachdem der englische König, Richard Löwenherz, aus der Geiselhaft in Österreich und Deutschland entlassen worden ist, setzt er nach England über, um mit einer erneuten Krönung seinen Machtanspruch zu festigen. Ein immenses Lösegeld an den Herzog von Österreich und Kaiser Heinrich VI. wechselt die Besitzer. Der Österreicher hatte den gefangenen Löwenherz zuvor für eine beachtliche Summe an den römisch-deutschen Kaiser verkauft. Geiseln werden gestellt, um die Zahlung der Restsumme zu garantieren – darunter Richards Neffe, der Welfe Otto von Braunschweig. In England angekommen, rottet Richard den Widerstand der Anhänger seines Bruders John Lackland aus, der während der Gefangenschaft des englischen Königs eine Verschwörung gegen ihn angezettelt hatte. Er setzt Hubert Walter als obersten Justiziar der Regierung ein und macht sich selbst mit einer riesigen Streitmacht auf den Weg nach Frankreich. Es gilt, seinem Rivalen, Philipp von Frankreich, die Gebiete wieder abzujagen, welche dieser ihm unrechtmäßig entrissen hat. Da auch John Lackland aufs französische Festland geflohen ist, lassen sich mit dem Zug nach Frankreich scheinbar zwei Probleme auf einmal lösen.

Sobald Richard Löwenherz Frankreich erreicht hat, kommt es zu einer wilden Hetzjagd kreuz und quer durch das Land, bei der die einfachen Soldaten schon bald den Überblick verlieren. Städte, Burgen und Dörfer werden zu bloßen Namen auf der Landkarte. Es wird belagert, geplündert, gemordet und gebrandschatzt – stets mit dem Bestreben, dem Feind den größtmöglichen Schaden zuzufügen. Einer tut sich beim Abschlachten besonders hervor: der Söldnerführer Mercadier, dessen Grausamkeit in die Geschichte eingeht. Mehr als einmal geschieht es allerdings, dass Freunde zu Feinden werden und umgekehrt. Allianzen werden geschmiedet, nur um wieder gebrochen zu werden. Die Verbündeten wechseln die Seiten wie normale Menschen das Hemd. Letztendlich gibt den Ausschlag, welcher Kriegspartner mehr zu bieten hat.

Als wäre all das nicht genug, sorgt auch die Frage nach der englischen Thronfolge schon bald für Probleme. Nicht nur Richards abtrünniger Bruder, John Lackland, sondern auch seine Neffen Arthur (der Sohn seines ältesten Bruders) und Otto von Braunschweig (Sohn seiner Schwester und von Heinrich dem Löwen) können ein Anrecht auf den englischen Königstitel geltend machen. Zudem brodelt es auch bald schon in England, kaum ist Richard Löwenherz außer Landes, da sowohl die Bürger der Hauptstadt als auch der Klerus mit der Machtfülle des Justiziars, Hubert Walter, unzufrieden sind. Zwar unternimmt die Mutter des englischen Königs, Aliénor von Aquitanien, alles in ihrer Macht Stehende, um die Fäden im Hintergrund in der Hand zu halten und zusammenzuführen. Aber das will ihr nicht immer gelingen. Alles in allem eine vertrackte Situation, die ausweglos scheint und in der Einzelschicksale zur Unwichtigkeit verblassen.

Teil 1: März 1194 – Juli 1194

Frankreich, eine Festung an der Mayenne, März 1194

»Du wirst tun, was man dir sagt!« Mit einem erschrockenen Aufschrei flog Jeanne de Maines feingliedrige Hand zu der Stelle auf ihrer Wange, an der sich bereits ein rotes Mal abzuzeichnen begann. Ihre weit aufgerissenen, leuchtend grünen Augen starrten ihren Vater – der beinahe schuldbewusst den eben noch erhobenen Arm sinken ließ – ungläubig an. Keuchend holte sie Luft. Während ihre vor Empörung leicht geschürzten Lippen sich langsam schlossen, wanderte ihr Blick von dem heftig atmenden Grafen de Maine zu seiner verängstigt in den Hintergrund des Gemaches zurückgewichenen, wenig reizvollen Gemahlin, die hastig die nur dünn bewimperten Lider senkte. Durch die kleinen Fensterschlitze fiel das Licht der schwachen Märzsonne auf den von Steinquadern symmetrisch unterteilten Boden, wo es Unebenheiten und Scharten plastisch hervorhob. Das heitere Trällern einer Drossel drang an das Ohr des erstarrten Mädchens. Doch als der zierliche Vogel – von einer schimpfenden Elster verscheucht – die Schwingen spreizte und seinen Platz auf dem Ast einer Birke verließ, fiel die Lähmung von Jeanne ab und sie wandte sich an die auf eine der Sitztruhen gesunkene Frauengestalt.

»Mutter«, flehte sie tonlos und trat auf die Gräfin zu. Diese wirkte selbst in dem kostbaren, tiefrot gefärbten Bliaud, das trotz der Kälte im Inneren des normannischen Donjons die Schultern freiließ, grau und unscheinbar. Der altmodische Wimpel – eine eng gebundene Haube – ließ die spitzen Züge der bleichen Frau noch schärfer erscheinen. Ein Eindruck, der unterstrichen wurde, als sie in dem fruchtlosen Versuch, vor ihrer Tochter zurückzuweichen, die Schultern einzog und die Hände auf die erschlaffte Brust presste. »Das könnt Ihr mir nicht antun!« Jeannes Stimme hatte einen verzweifelten Unterton angenommen. »Er ist uralt!« Allein der Gedanke daran, den ungepflegten, meist betrunkenen Grafen, dessen strähniges Haar nach altem Tran stank, in ihre Nähe zu lassen, verursachte dem vierzehnjährigen Mädchen würgende Übelkeit. Zwar hatte sie den Herrn über die Grafschaft Touraine, die an das Gebiet ihres Vaters angrenzte, erst zwei Mal zu Gesicht bekommen. Aber der Eindruck, den sie bei diesen Begegnungen von dem ungeschliffenen französischen Adeligen gewonnen hatte, reichte aus, um ihr die Galle in die Kehle steigen zu lassen. »Bitte!« Ohne auf das wütende Einatmen ihres Vaters zu achten, ergriff sie den von einem weiten Ärmel bedeckten Oberarm der schmalen Gestalt und schüttelte diesen leicht.

»Ich kann nichts dagegen tun, mein Kind«, seufzte die Angesprochene nach einem langen, schwer im Raum lastenden Augenblick der Stille schließlich. »Dein Vater sieht darin die einzige Möglichkeit, unser Gebiet vor den Übergriffen des englischen Königs zu schützen.« Verwirrt zog Jeanne die rotbraunen Brauen zusammen. »Aber er ist doch gerade erst aus der Haft in Deutschland entlassen worden.« Obschon es für eine Frau eigentlich nicht schicklich war, hatte Jeanne schon früh reges Interesse an Politik und Diplomatie gezeigt; was ihr bisher sanfter und verständnisvoller Vater auch ohne Einwände toleriert und ihr sogar einen weitgereisten Lehrer ins Haus geholt hatte. Doch dieser Zustand schien sich beinahe über Nacht geändert zu haben. »Das hat dich nicht zu interessieren!«, fauchte er und zog sie mit hartem Griff von seiner Gemahlin fort. »Unser oberster Lehnsherr ist Philipp von Frankreich!« Sein von feinen, roten Äderchen durchzogenes Gesicht nahm einen unnachgiebigen Zug an, als er mit dem Zeigefinger auf eine Miniatur des französischen Königs einstach. Diese zeigte Philipp von Frankreich in schmeichelhafter Überzeichnung dabei, wie er an der Seite seines Erzfeindes, Richard Löwenherz, die von den Mauren besetzte Stadt Akkon in Palästina zurückeroberte. Dass Philipp keine zwei Wochen später – im August des Jahres 1191 – erbost durch Richards eigenwillige Auffassung von Beuteteilung noch vor dem Ende des Kreuzzuges den Heimweg angetreten hatte, um Löwenherz widerrechtlich dessen Besitzungen in Frankreich streitig zu machen, schien Jeannes Vater immer wieder zu vergessen. »Und nachdem die Touraine und die gesamte östliche Normandie inzwischen unter Philipps Herrschaft stehen«, fuhr er mit hochrotem Kopf fort, »werde ich, verdammt noch mal, dafür sorgen, dass ich unsere Grenzen sichere!« Er schnaubte verächtlich. »Und glaube ja nicht, dass Löwenherz auch nur einen unnötigen Augenblick verstreichen lässt, um das ihm Entrissene zurückzuerobern!«

 Jeanne schluckte mühsam. Ihr war klar, was das bedeutete. Die Gefahr des Gebietsverlustes wog so schwer, dass ein Vater keine Rücksicht auf die Interessen seiner Tochter nehmen konnte. Resigniert senkte sie den Kopf und starrte wortlos auf den mit Goldfäden durchwirkten Saum ihres Rockes, in dem sich ein paar einzelne Strohhalme verfangen hatten. »Lass uns allein«, brummte der untersetzte Graf de Maine mit einem erbosten Ausdruck auf den Zügen und wies auf die Doppeltür, die in das Treppenhaus des stark befestigten Wohnturms hinausführte. Während Verzweiflung, Zorn und bleierne Furcht ihr Schwindel bereiteten, sank Jeanne in einen Knicks, murmelte eine Verabschiedung und ließ mit hämmerndem Herzen das Schloss hinter sich einrasten. Den Tränen nahe, raffte sie den haselnussfarbenen Stoff ihres züchtig geschnittenen Bliauds und eilte die ausgetretenen Stufen hinauf. Oben angekommen stieß sie mit zitternden Händen die Tür zu ihrer Kammer auf, verharrte einige Herzschläge lang reglos im Raum und warf sich schließlich schluchzend auf ihr Bett. Erst langsam drang die volle Bedeutung der Worte in ihr Bewusstsein vor. Die Kälte, die sich von ihrer Magengegend aus in ihrem gesamten Körper ausbreitete, nahm ihr mit jedem Atemzug mehr und mehr die Luft. Mit einem Wimmern schlug sie die Hände vor die Augen und ergab sich dem übermächtigen Gefühl, das ihre Glieder mit bleierner Schwere erfüllte. Der Weinkrampf, der ihren zierlichen Körper schüttelte, wurde immer heftiger. Und schon bald entflohen die rotbraunen, von einem breiten Seidenschapel zusammengehaltenen Locken dem Band und ergossen sich über die Laken, die von den Tränen des jungen Mädchens langsam und unaufhaltsam durchnässt wurden.

Lange Zeit später, als die Sonne bereits den Weg hinter den Horizont suchte und die Fackeln entlang der Festungsmauer entzündet wurden, stemmte sie mit einem letzten Seufzer die Hände in die Kissen, um sich mit schmerzendem Kopf in eine sitzende Stellung zu schieben. Während sie die Beine an den Körper zog und einige feuchte Strähnen aus der Stirn schob, starrte sie blicklos durch den schmalen Fensterschlitz an der gegenüberliegenden Wand und ließ die Gedanken schweifen. Was hatte sie getan, dass ihr Vater sie derart strafen wollte?, fragte sie sich verbittert und ignorierte das ärgerliche Knurren ihres Magens, das sie darauf hinwies, dass sie seit Stunden nichts gegessen hatte. Und warum musste es ausgerechnet dieser alte Bock sein, dessen aufdringliche Blicke in jeder Frau das unwiderstehliche Gefühl auslösen mussten, ein Bad zu nehmen!? Bei der Vorstellung, sich von dem Grafen die Hand küssen zu lassen, überlief Jeanne ein heftiger Schauer des Ekels. Gab es nicht genug junge Männer, an die ihr Vater sie verschachern konnte?, durchfuhr es sie wütend, während sie das Tüchlein, mit dem sie sich die Tränen aus den Augen gewischt hatte, zu einem Ball zusammenknüllte, um es mit einem leisen Laut der Empörung in eine Ecke der Kammer zu pfeffern. Während sich ihre eng geschnürte Brust heftig hob und senkte, grub sie die gespreizten Finger in ihre widerspenstigen Locken und rieb sich die schmerzende Kopfhaut. Sie würde nicht einfach kampflos aufgeben! Mit neuem Mut schwang sie die Beine über den Rand der Matratze, straffte die Schultern und trat auf den winzigen Spiegel zu, welcher den einzigen Luxus in ihrem Gemach darstellte. Sorgfältig flocht sie das seinem Band entflohene Haar zu einem lockeren Zopf, zupfte an den Schnürungen ihres Bliauds und warf ein Tuch über die kastanienfarbene Flut.

Sie wollte sich gerade auf den Weg in die Halle machen, um ihren Vater anzuflehen, sein Vorhaben zu überdenken, als ein schüchternes Klopfen an ihrer Tür sie herumwirbeln ließ. »Wer ist da?«, fragte sie misstrauisch, da es in der Vergangenheit mehr als einmal vorgekommen war, dass sich einer der raubeinigen Wachmänner in den ersten Stock der Festung verirrt hatte. »Ich bin es.« Obwohl die Stimme durch das dicke Holz gedämpft wurde, benötigte Jeanne keine zwei Wimpernschläge, um auf die Tür zuzueilen, den schweren Riegel zurückzuschieben und die Gestalt davor einzulassen. »Mutter!«, rief sie erstaunt aus, verstummte jedoch augenblicklich, als die Gräfin sich nach einem verstohlenen Blick den Korridor entlang mit dem Rücken gegen das Holz presste und schwer atmend den Schleier hob. »Mein Gott!«, hauchte Jeanne, als sie die Platzwunde unter dem bereits in allen Farben schillernden Auge ihrer Mutter erblickte. »Wer ...?« Mit einer ungeduldigen Handbewegung schnitt die Gräfin ihr das Wort ab und fuhr sich über die bleiche Stirn. »Dein Vater«, stellte sie bitter fest, griff nach Jeannes Hand und zog sie an eines der kleinen Fenster, um den Blick ihrer Tochter den ausgestreckten Arm entlang auf die den Donjon umgebende Ringmauer zu lenken. »Er lässt Wachen aufstellen.« Ihre Stimme hatte einen heiseren Unterton angenommen. »Ich habe den Fehler gemacht, ihn umstimmen zu wollen, nachdem du fort warst«, murmelte sie und ließ sich von Jeanne auf einen der beiden Schemel zuführen, welche vor der erkalteten Feuerstelle standen. »Aber in dieser Angelegenheit bin ich vollkommen machtlos.«

Mechanisch wanderte ihre Linke zu der Schwellung ihres Jochbeines, um diese vorsichtig zu betasten. Ihre für gewöhnlich klaren, hellgrauen Augen füllten sich mit Tränen, als sie die Stelle nahe ihrer Nase erreichte, von der sich ein dünner Blutfaden bis hin zu der schmalen Oberlippe zog, wo er sich in den Falten um ihren Mund vervielfachte. »Wie kann er nur so unnachgiebig sein?«, flüsterte Jeanne, die neben der seufzenden Isabel de Maine in die Knie gegangen war, um eine der vom Winter rissigen Hände in die ihre zu nehmen und an die Lippen zu führen. »Empfindet er denn gar nichts für uns?« Schon öfter hatte sie sich gefragt, wie sie jemals hatte annehmen können, dass der Graf de Maine ihre Mutter einem Befehl des Herzens folgend zur Frau genommen hatte. Sie seufzte leise und schalt sich eine Närrin, die sich von Minneliedern in die Irre führen ließ. Schließlich ließen sich aus dem Umgang der beiden Eheleute miteinander allenfalls Gleichgültigkeit und kühle Höflichkeit ablesen. Schon als Kind waren Jeanne die Blicke nicht entgangen, mit denen ihr Vater die meist blutjungen Dienstmägde bedachte, deren üppige, volle Rundungen der nicht vorhandenen Weiblichkeit ihrer Mutter zu spotten schienen. Doch bisher war er gegenüber der in sich gekehrten, zurückhaltenden Isabel, die ihm in abgöttischer Liebe ergeben war, noch niemals handgreiflich geworden. Resigniert schüttelte die Gräfin den Kopf. »Für mich empfindet er schon lange nichts mehr«, gestand sie mit bebender Stimme. »Und obwohl ich weiß, wie viel du ihm bedeutest«, setzte sie hinzu, als Jeanne ihr ins Wort fallen wollte, »scheint die Bedrohung durch den englischen König sein Herz verhärtet zu haben.«

England, York, 15. März 1194

Versonnen die Stirn runzelnd blickte der fünfzehnjährige Roland Plantagenet seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Henry an, dessen Blick neugierig auf ihm lag. »Natürlich bin ich auch aufgeregt«, gestand er widerstrebend ein, während er mit geschickten Handgriffen den Sattelgurt seines Wallachs festzurrte und die sorgsam in Öltuch eingeschlagenen, frisch gefischten Forellen mit einer Schnur um den Sattelknauf schlang. Sein bereits sonnengebräuntes Gesicht war vom Herumtollen der letzten Stunde gerötet. Nachdem die beiden Knaben sich die Beine im schnell fließenden, eiskalten Wasser des kleinen Bächleins gekühlt hatten, hatten sie schließlich beschlossen, den Fang in der Küche des bischöflichen Palastes abzuliefern und die letzten Vorbereitungen für ihren bevorstehenden Aufbruch zu treffen. Gleich nach Sonnenaufgang des nächsten Tages würden sie von ihrer Mutter, Alys von Frankreich, Abschied nehmen, um ihren Halbbruder Geoffrey, den Erzbischof von York, nach Nottingham zu begleiten. Dort hatte eine gewaltige Armee bereits mit der Belagerung der letzten Festungen begonnen, die noch dem verräterischen Prinz John die Treue hielten.

Vor zwei Tagen war ihr gemeinsamer Halbbruder, König Richard Löwenherz, der Held des Dritten Kreuzzuges, nach über einjähriger deutscher Gefangenschaft in Sandwich eingetroffen. Nach nur wenigen kurzen Zwischenstopps an den Schreinen einiger Heiliger hatte er sich unverzüglich auf den Weg in den Norden gemacht, um seine Herrschaft über England wiederherzustellen. »Aber ich kann es kaum erwarten, in Richards Dienste zu treten«, vollendete er den angefangenen Satz. Henry grinste. »Man sagt, er habe genauso ein furchtbares Temperament wie du«, scherzte er und versetzte dem älteren Bruder einen leichten Schlag in die Rippen, den dieser mit einem schiefen Lächeln quittierte. »Wenn das stimmt, dann möchte ich nicht mit dir tauschen.« Roland hob spöttisch die Mundwinkel. »Dein vergötterter Robin of Loxley soll aber auch nicht zu verachten sein«, zog er den Jüngeren auf, dessen Gespräche sich seit Monaten um nichts anderes als den berüchtigten Gesetzlosen drehten, der in aller Munde als Robin Hood geführt wurde. Ununterbrochen war der schmächtige Knabe seiner Mutter und Geoffrey auf den Nerv gefallen, bis diese ihm schließlich gestattet hatten, seinen Bruder Roland auf dem Weg ins Lager des Königs zu begleiten. Dort sollte Loxley, dessen Bemühungen die schnelle Aufbringung des Lösegeldes für den König zu verdanken war, das offizielle Pardon für seine Vergehen als Robin Hood erhalten. Seit der Gefangennahme des englischen Königs durch den Herzog Leopold von Österreich hatte Roland der Freilassung entgegengefiebert, um endlich als Knappe am Hof aufgenommen zu werden. Und schon bald waren seine Ungeduld und sein Eifer auf den jüngeren Bruder übergesprungen. Auch er grinste Henry an. »Als Beschützer der Armen und Mittellosen soll Robin of Loxley so allerhand Unheil in Sherwood Forest angerichtet haben«, setzte er feixend hinzu.

»Ach!«, winkte Henry verächtlich ab, bevor er sich in den Sattel seines Halbponys schwang und diesem die zottelige Mähne streichelte. »Robin of Loxley ist ein wahrer Edelmann«, schwärmte er und wischte sich mit dem Handrücken eine Strähne des kupferfarbenen Haares aus der Stirn. »Und es wird mir eine Ehre sein, ihm als Page zu dienen.« Nur mühsam ein mitleidiges Schmunzeln unterdrückend musterte Roland die feinen Züge des Knaben, der den Blick bereits halb von ihm abgewandt hatte, um den Horizont zu betrachten. Mit dem rotblonden Schopf und den unverschämt blauen Augen glich er seinem Vater mehr als die anderen Bastarde Henrys II. – des Mannes, der Rolands Mutter zur Empörung Frankreichs zu seiner Konkubine gemacht hatte. Ohne Zögern hatte der impulsive Haudegen die für seinen Sohn, Richard Löwenherz, bestimmte und an seinen Hof geschickte Braut geschwängert. Hätte sich nicht Geoffrey of York, einer der ältesten illegitimen Söhne Henrys II., der jungen Frau angenommen, wäre Rolands Kindheit sicherlich weniger friedlich verlaufen. So hingegen waren er und Henry am bischöflichen Hof in der nordenglischen Stadt York aufgewachsen, wo die schützende Hand ihres mächtigen Halbbruders sie vor den Anfeindungen und Übergriffen machthungriger Neider bewahrt hatte. Außer dem Aussehen der Plantagenets hatte der nach seinem Vater benannte Henry zudem dessen künstlerische Begabung geerbt. Wohingegen Roland, der mit den schwarzen Haaren und blaugrauen Augen eher seiner Mutter nachschlug, lediglich das unselige Temperament des aquitanischen Geschlechtes mit in die Wiege gelegt bekommen hatte. Als er sich mit einer eleganten Bewegung ebenfalls auf den Rücken seines Reittieres zog und es an die Seite seines Bruders lenkte, verstärkte sich der Entschluss, den er bereits vor einigen Tagen gefasst hatte. Er würde auf Henry aufpassen! Wenn sich die Begeisterung des Jüngeren als genauso vergänglich erwies, wie so oft in der Vergangenheit, dann bestand die Gefahr, dass er sich schon bald entweder langweilen oder unbeliebt machen würde. Nicht viele erwachsene Männer konnten das empfindsame Gemüt des Jungen ohne Spott akzeptieren und den messerscharfen Verstand unter der feinen Schale erkennen.

»Los!« Mit der flachen Hand versetzte Roland dem Pony des Bruders einen leichten Schlag auf die Hinterhand und galoppierte an. Wie immer, seit er seinen Falben das erste Mal bestiegen hatte, erstaunten ihn die Kraft und Geschmeidigkeit des gedrungenen Wallachs. Und er hatte alle Hände voll zu tun, dafür zu sorgen, dass die donnernden Hufe des Tieres den schlammigen Weg nicht verließen. Die Frühlingssonne hatte bereits so viel Kraft, dass Roland das Prickeln eines beginnenden Sonnenbrandes auf dem Nasenrücken spürte, das trotz energischen Nasekräuselns nicht nachlassen wollte. Überall um die jungen Reiter herum erstrahlten Bäume, Wiesen und Büsche in farbiger Blütenpracht. Und obgleich der Winter in diesem Jahr strenger gewesen war als die Jahre zuvor, bahnte sich das Leben unaufhaltsam seinen Weg. Aufgeschreckt vom Lärm der galoppierenden Pferde huschte ein Jungfuchs über den Pfad, um sich im Dickicht des angrenzenden Waldes zu verbergen und mit einem leisen Jaulen seine Geschwister zu warnen. Roland würde die sanften Hügel der Gegend um York vermissen! Als zweitwichtigste Stadt Englands und als Zentrum des Wollhandels war die alte Wikingersiedlung inzwischen zu einer mächtigen, von einer über vier Meilen langen Stadtmauer umgebenen Metropole angewachsen. Nicht nur die Reichen zogen Nutzen aus der blühenden Wirtschaftslage. Mit einem übermütigen Ausruf duckte sich der Knabe über den Hals seines Reittiers und trieb es zu einer halsbrecherischen Jagd über eine aufgeweichte Wiese an, hinter deren Eingrenzung das westliche Stadttor aufragte. Als die beiden Brüder nach nur wenigen Minuten scharfen Rittes das Kopfsteinpflaster der Straßen Yorks unter den Hufen spürten, schoben sich die ersten drohenden Vorboten eines Regenschauers vor die stechende Sonne und verdunkelten die ohnehin nicht besonders lichtdurchfluteten Gässchen des Marktviertels. Links und rechts von ihnen ragten die mächtigen Lager der wohlhabenden Tuchhändler auf. Die Knaben umrundeten eine scheinbar nicht enden wollende Anzahl von Häuserecken, bis sich plötzlich ein weiter Platz vor ihnen öffnete und den Blick auf das imposante Münster freigab. Im Schatten des prachtvollen Holzbaus zeichneten sich die zackigen Umrisse des bischöflichen Wohnsitzes ab. Während Roland seinen schweißnassen Wallach absattelte und trocken rieb, dachte er wehmütig daran, dass sie an diesem Abend zum letzten Mal in der prunkvollen Halle des Palastes speisen würden.

Nachdem die Tiere versorgt und Sättel und Zaumzeuge in der Sattelkammer verstaut waren, dirigierte Roland den jüngeren Bruder über den von Adeligen und Kirchenmännern bevölkerten Hof, um sich vor dem Abschiedsmahl die Hände zu waschen und ein feineres Gewand anzulegen. Bei dem Gedanken an die scheltenden Worte seiner Mutter – sollte er in dem schmutzverkrusteten Surkot, das er bei Ausritten zu tragen pflegte, bei Tisch erscheinen – huschte ein flegelhafter Ausdruck über sein Gesicht. »Du solltest besser deine Stiefel putzen«, ermahnte er Henry. Dieser hatte wie immer die Schritte verlangsamt, als sie die Tür der kleinen Privatkapelle passierten, um die geschnitzten Figuren zu bestaunen, die sich in einem Gewirr aus Leibern und Gliedmaßen in einem höllischen Inferno wanden. »Ja, ja«, murmelte Henry und ließ bewundernd die Fingerkuppen über einen besonders plastisch gearbeiteten Dämon gleiten, dessen Fangzähne sich in den Oberkörper eines nackten Mannes bohrten. »Geh du schon vor«, schlug er vor. »Ich komme dann nach.« Kopfschüttelnd ließ Roland den Knaben mit seinen Betrachtungen allein, eilte unter Verneigungen und artigen Begrüßungen über den Hof und erklomm die Stufen in den zweiten Stock, wo er sich eine beengte Eckkammer mit seinem Bruder teilte. Mit vor Vorfreude hämmerndem Herzen riss er sich die verschwitzten Kleider vom Körper, tauchte die Hände in eine halb volle Schale und säuberte sich gerade so gründlich, dass er vor den Augen seiner Mutter bestehen würde.

Wenn sie doch nur schon auf dem Weg nach Nottingham wären!, dachte er ungeduldig und fuhr sich mit drei Fingern durch die Haare, um den wilden, pechschwarzen Schopf zu bändigen. Und wenn Richard Löwenherz ihn doch nur schon als Knappen in seine Dienste aufgenommen hätte! Leise brummend warf er sich die vom Erzbischof geforderte Kopfbedeckung über und schnürte seine Schuhe, die er in weiser Voraussicht bereits am Vortag auf Hochglanz poliert hatte. Mit einem letzten Blick auf die beiden kleinen Truhen, die Henrys und seine Habe enthielten, stieß er die Tür auf und machte sich auf den Weg in die Halle, um an dem zu Ehren des abwesenden Königs gegebenen Bankett teilzunehmen. Als er die Tür durchschritt, schlug ihm bereits das Stimmengewirr der Gäste entgegen, die sich aufgeregt über den bevorstehenden Feldzug gegen John Lacklands Anhänger unterhielten. Der Bruder des Königs hatte Richard nach dessen Gefangennahme für tot erklären lassen und dann kurzerhand die Macht über England an sich gerissen. Kaum war die Nachricht von der Freilassung des englischen Löwen über den Kanal geschwappt, war er jedoch in aller Hast in die Normandie geflohen, wo er sich wie ein feiges Waschweib vor dem Zorn des Königs verbarg. »Gott wird ihm nicht helfen können, wenn Richard ihn in die Hände bekommt«, munkelte ein graubärtiger Adeliger grimmig, als Roland mit einem respektvollen Nicken an ihm vorbei auf den Tisch zusteuerte, an dem seine Mutter mit einer blonden Dame in ein Gespräch vertieft war. »Er wird ihn zerfetzen wie ein hilfloses Lamm!« Das waren die letzten Worte, die Roland vernahm, bevor sich Alys von Frankreich ihm mit einer hochgezogenen Braue zuwandte und vorwurfsvoll fragte: »Wo ist dein Bruder?« Als Roland sich aus der Verneigung erhoben hatte, ließ er sich auf den Stuhl neben ihr sinken und trank einige Augenblicke die ungewohnten Eindrücke, die sich seinem Auge von diesem Standpunkt aus darboten. Für gewöhnlich teilten Henry und er sich die Plätze mit den Pagen, Knappen und jungen Kirchenmännern. Doch am heutigen Abend war es Ihnen aufgrund des feierlichen Abschieds gestattet, an der erhöht stehenden Tafel des Erzbischofs zu speisen.

»Er wollte sich nur noch die Hände waschen«, log Roland, ohne rot zu werden, während er mit einer Mischung aus Wehmut und Stolz die Erscheinung seiner schönen Mutter in sich aufsog. Trotz ihrer vierunddreißig Jahre zeigte ihr dunkelbraunes Haar noch keinerlei Spuren von Grau. Und auch die von dichten Wimpern beschatteten Augen strahlten noch in einem samtigen Braun, das den Betrachter über die wenigen, winzigen Falten an ihrer Schläfe hinwegblicken ließ. Ob er sie jemals wiedersehen würde?, durchzuckte es den Knaben. Aber bevor er den beängstigenden Gedanken weiter verfolgen konnte, drückte sich Henry – eine Entschuldigung nuschelnd – auf den Platz neben ihm, während der dünne Ton einer Glocke die Ankunft des Erzbischofs Geoffrey of York verkündete. Nachdem die Anwesenden wieder Platz genommen hatten, hielt dieser eine kurze, seinen König preisende Rede und eröffnete das Bankett. Kurz darauf wandte er sich mit einem schiefen Lächeln an Roland, der bescheiden die Lider senkte. »Ich weiß, dass du es nicht hören willst«, brummte der Erzbischof, während er sich mit dem Handrücken über den Mund wischte. Kauend betrachtete er seinen Halbbruder einige Atemzüge lang. »Aber du solltest dich vor Richard in Acht nehmen«, warnte er mit einem Seitenblick auf Alys von Frankreich, der die Sorge um ihre Sprösslinge deutlich ins Gesicht geschrieben stand. »Gib ihm niemals Grund, zornig zu werden«, fuhr Geoffrey undeutlich fort – ein fettes Stück Hühnerbein zwischen den makellosen Zahnreihen. »Denn dann wird er unberechenbar.«

Bemüht, die Bedrückung, die ihm diese wiederholten Warnungen und Ermahnungen bereiteten, nicht zu zeigen, nickte Roland schweigend und schob ebenfalls einen Bissen des köstlichen Bratens in den Mund. Hoffentlich gelang es ihm, das eigene Temperament zu zügeln, dachte er bang und spülte das würzige Stückchen Fleisch mit einem Schluck Met hinunter. Denn ebenso wie Richard Löwenherz gelang es auch ihm nicht immer, seinen Zorn im Zaum zu halten und nur das zu tun, was in Anbetracht der Lage klug und umsichtig war. Er spürte einen Stein im Magen, als er an die vielen Züchtigungen zurückdachte, die er als halbwüchsiger Knabe vom bischöflichen Waffenmeister hatte einstecken müssen. Denn auch dieser hatte es nicht geschätzt, wenn man ihm widersprach. Mit einem gezwungenen Lächeln überspielte er die Bangigkeit. »Und denkt daran, immer höflich und zuvorkommend zu sein«, fiel Rolands Mutter in die Predigt mit ein. Mit einem innerlichen Stöhnen senkte der Knabe den Kopf tiefer über den Teller und warf seinem Bruder, der es ihm nachtat, einen verschwörerischen Blick durch den schützenden Vorhang seines schwarzen Haares zu.

Nordfrankreich, eine stark befestigte Burg an der Küste, März 1194

Ein stürmischer Ostwind, der von der aufgewühlten See her ins Land fegte, zerzauste den nur von einer dünnen Coiffe bedeckten Schopf John Lacklands, dessen weiches Kinn kaum wahrnehmbar bebte. Mit einer Mischung aus Versonnenheit, Wehmut und brodelnder Unzufriedenheit beobachtete er den trunkenen Flug der aufgebracht schimpfenden Seevögel, die von den immer heftiger werdenden Böen wild hin und her getrieben wurden. Beinahe eine halbe Stunde lang stand er bereits so da und allmählich wurde der junge Mann an seiner Seite nervös. Auch wenn er es sich nicht eingestehen wollte, übertrug sich die Furcht des Prinzen auf Guillaume of Huntingdon, der seit der Flucht Johns aus England nicht von dessen Seite gewichen war. Während Richard Löwenherz und Guillaumes älterer Bruder, Harold of Huntingdon, auf dem Kreuzzug ins Heilige Land gewesen waren, hatten sowohl Lackland als auch Guillaume alles daran gesetzt, sich deren Gebiete anzueignen und den Ruf der Abwesenden zu verderben. Wie enttäuscht und verbittert war Guillaume gewesen, als Harold als Held und frisch gebackener Earl of Leicester von dem Zug nach Palästina zurückgekehrt war und seine Hoffnungen auf den Titel eines Earls mit einem kurzen, aber heftigen Gefecht gegen Guillaumes Häuflein abtrünniger Ritter zunichtegemacht hatte. Wie sehr er den Älteren hasste! Eine steile Falte grub sich zwischen seine feinen Brauen. Umsonst schien alles, was er auf sich genommen hatte, um den Traum seiner Mutter – Harolds Stiefmutter – zu erfüllen. Denn trotz der kalten Berechnung, mit der er ihren Vater bei einem Jagdausritt in eine Schlucht getrieben hatte, wo sich der alte Mann beim Sturz vom Pferd den Hals brach, war der damals so verlockend einfach klingende Plan weitgehend gescheitert.

»Warum will mir nichts gelingen?!« So unvermittelt riss ihn die anklagende Stimme des Prinzen aus den mürrischen Gedanken, dass er zusammenfuhr und sich nur mühsam ein schreckhaftes Blinzeln verkniff. Seine ungewöhnlich roten Lippen verzogen sich zu einem schmeichelnden Lächeln, während die dunklen Augen des erst sechzehnjährigen Junkers versuchten, die Stimmung seines Herrn zu erkunden. Das bartlose Gesicht mit den beinahe mädchenhaften Zügen wirkte trotz der grausamen Linien um den vollen Mund hübsch. Als er leicht die Brauen in die Höhe zog, verlieh ihm dies das Aussehen eines verdutzten Kindes. »Mylord«, hub er an und legte schüchtern die Linke auf die ihm zugewandte Schulter Johns. »Es ist noch nicht alles verloren.« Hätte er mehr vom Blut der Plantagenets in sich gehabt, wäre Lackland bei dieser realitätsverachtenden Bemerkung aufgebraust. Doch da er nur wenig Ähnlichkeit mit seinem jähzornigen Bruder Richard Löwenherz hatte, zuckte er lediglich resigniert die Achseln und wandte Guillaume das ebenfalls bartlose Gesicht zu. In den blaugrünen Augen schwammen Tränen der Wut. »Wenn Philipp von Frankreich dem deutschen Kaiser doch nur ein wenig mehr angeboten hätte!« Seine Stimme erstarb, und er fuhr sich missmutig über das glatt rasierte Kinn. Vergeblich hatte er dem französischen König einen Lehnseid für sämtliche Ländereien auf dem Festland geleistet, die Übergabe des normannischen Gebiets Vexin zugesichert und eine Heirat mit dessen Schwester Alys, die sich in der Obhut Geoffrey of Yorks befand, in Aussicht gestellt. Vergeblich hatte er mit walisischen und flämischen Söldnern einen Invasionsversuch in England unternommen, nur um an seiner Mutter, Aliénor von Aquitanien, und dem mächtigen Lord Chancellor zu scheitern, da beide eine Machtübernahme durch den Prinzen kategorisch ablehnten.

»Wäre uns nicht dieser verfluchte Robin Hood in die Quere gekommen, dann hätte England das Lösegeld niemals so schnell zusammenbekommen«, erboste er sich mit einem Schnauben. »Und der deutsche Kaiser hätte Philipps Angebot früher oder später annehmen und ihm Löwenherz ausliefern müssen!« Wie praktisch es gewesen wäre, wenn der französische König ihm die Mühe abgenommen und Richard unschädlich gemacht hätte! Dann hätten Lackland und seine Verbündeten unter dem Deckmantel des Gehorsams das Ruder an sich reißen und Löwenherz in aller Stille entmachten können. Seine Bedeutung als Geisel wäre früher oder später so weit zur Unbedeutsamkeit verblasst, dass nicht einmal mehr Philipp von Frankreich sich darum gekümmert hätte, was mit dem königlichen Gefangenen geschah. Dann wäre der Zeitpunkt reif gewesen, eine Handvoll der Prinz John treu ergebenen Söldner auszusenden und die erbliche Belastung, die Richard für ihn darstellte, ohne viel Aufhebens aus der Welt zu schaffen! Erneut starrte er einige Momente lang schweigend auf die tosende See, deren Wellenkämme sich donnernd an der Steilküste unter ihnen brachen, bevor er mit einem unverständlichen Fluch auf den Lippen auf dem Absatz kehrtmachte und den Zinnen den Rücken zuwandte. Eine eisige Bö fuhr dem beklommenen Guillaume in den Nacken, und er fröstelte. Mit zitternden Fingern zog er den schweren Umhang enger um die Schultern und folgte dem leise vor sich hin schimpfenden John ins Innere des auf eine angenehme Temperatur aufgeheizten Gemäuers, über dessen Zinnen das Banner des Prinzen im Sturm flatterte. Vor zehn Tagen war Richard Löwenherz in England gelandet, wo nur noch drei Festungen John die Treue hielten. Was würde geschehen, wenn diese fielen? Wenn er an die Folgen dachte, die für ihn und Lackland daraus entstehen konnten, lief ihm ein Schauer der Furcht über den Rücken.

England, Leicester, 23. März 1194

Ermattet ließ sich Harold of Leicester in die strohgestopften Kissen fallen und wartete darauf, dass sich sein hämmernder Herzschlag beruhigte. Leise lachend kuschelte sich seine junge Gemahlin Catherine an seine Schulter und schlang mit einem Funkeln in den Augen die Arme um ihn. Ihre durch die Schwangerschaft schwerer gewordenen Brüste ruhten warm und weich an seiner Seite. Und als sie eine ihrer dunkelblonden Locken ergriff und begann, ihn damit am Hals zu kitzeln, drehte er sich mit einem breiten Grinsen um und wälzte sich gespielt ungestüm auf sie. Ihr köstlicher Schmollmund, der ihn vom ersten Augenblick an verzaubert hatte, öffnete sich zu einem schelmischen Lächeln und gab den Blick frei auf zwei Reihen kleiner, makellos weißer Zähne. »Du denkst doch nicht etwa, dass ich dich so leicht davonkommen lasse?«, neckte sie und küsste ihn sanft auf den energischen Mund. Während die Zungen der beiden Liebenden einen beinahe trunkenen Tanz vollführten, stahl sich ihre Hand an seiner Seite hinab und legte sich heiß auf eine seiner Hinterbacken. Dann fuhr sie die Vertiefung an seiner Flanke entlang, ließ die Fingerspitzen über seinen Lendenbereich gleiten und schob sie zwischen ihre beiden Körper, um seine bereits wieder zum Leben erwachte Männlichkeit fest zu umschließen.

»Oh, Catherine«, murmelte Harold, der sich ein wenig zur Seite rollte, um sie zu liebkosen. »Ich liebe dich so sehr!« Langsam, beinahe genüsslich wanderte er mit der Linken weiter nach unten und fand, wonach er gesucht hatte. Als Catherine den Kopf zurücklegte, grub er sanft die Zähne in ihre Kehle, zupfte mit den Lippen an der zarten Haut und setzte den Weg fort bis hin zu ihrer Brust, die er mit der Zunge umfuhr, bis sie ihre Lust nicht mehr zügeln konnte und ihn voller Ungeduld in sich hinein dirigierte. Während die Morgendämmerung die ersten Schatten auf die Wände ihres Gemaches zeichnete, gaben sie sich ein weiteres Mal dem Liebesspiel hin, bis Harold schließlich mit einem bedauernden Seufzen die Laken zurückschlug und die nackten Füße auf den Boden setzte. »Ich wünschte, du müsstest nicht schon wieder fort«, stellte Catherine niedergedrückt fest, schlang die dünne Decke um sich und trat auf eine der beiden Waschschüsseln zu, die eine gewissenhafte Bedienstete am vergangenen Abend mit duftendem Rosenwasser gefüllt hatte. »Ich kann mich gar nicht an den Gedanken gewöhnen, länger als nur ein paar Tage von dir getrennt zu sein.« Ihre meergrünen Augen glänzten feucht im Licht der Kerze, die Harold an der immer noch leise glimmenden Glut im Kamin entzündet hatte. Vor beinahe drei Jahren war sie im Gefolge Berengaria von Navarras, der spanischen Gemahlin von Richard Löwenherz, in Messina zu dem Kreuzfahrerheer gestoßen, dem auch Harold of Huntingdon angehört hatte. Seither hatte das Paar den ungewöhnlichen Luxus genossen, trotz des Krieges die meiste Zeit Seite an Seite verbringen zu können. »Es wird nicht lange dauern«, versuchte Harold, sie zu trösten. »Nottingham Castle ist keine zwei Tagesritte von hier entfernt. Und wenn die Besatzung der Garnison Richard in voller Rüstung zu Gesicht bekommt, wird sie sicherlich kampflos die Waffen strecken und sich ergeben.« Wenigstens war das die Annahme der königlichen Truppen, die derzeit auf Huntingdon weilten.

Ohne Unterlass war der erst vor Kurzem aus der Geiselhaft in Deutschland freigekaufte englische König mit einer stetig anwachsenden Streitmacht zu Harold nach Huntingdon geeilt, um seinen jüngsten Earl um Männer und Waffen zu bitten. Natürlich hatte Harold seinem Lehnsherrn die gewünschte Unterstützung mit freudiger Begeisterung zugesichert. Keine vierundzwanzig Stunden später war der Tross, mitsamt Richards Mutter, Aliénor von Aquitanien, und Harolds Gemahlin nach Leicester aufgebrochen. Von dort aus würde sich die Streitmacht in wenigen Stunden auf den Weg nach Norden machen. Harolds knapp einjährige Zwillinge, die nach der Königinmutter benannte Aliénor und deren Bruder William, befanden sich in Obhut ihrer Amme. Der König selbst hatte die Nacht in einem geräumigen Gemach im Westflügel der mächtigen Festung verbracht, wo auch die rüstige alte Herzogin von Aquitanien Unterkunft gefunden hatte. »Manchmal erscheint es mir immer noch unwirklich, dass du Earl of Huntingdon und Leicester bist«, murmelte Catherine, während sie ihr Haar geschickt unter einem blendend weißen Gebende verstaute. Durch die Gebendenadel, die sie – um die Hände frei zu haben – zwischen die Lippen geklemmt hatte, klangen die Worte undeutlich. Dies veranlasste Harold dazu, mit einem Grinsen die Stirn zu runzeln und lauschend die Hand hinter eines seiner Ohren zu legen. »Wie bitte, Lady Catherine?«, flachste er, duckte sich jedoch rasch, als sie ihn mit der Decke bewarf, die inzwischen einer fein gewobenen Cotte und einem lapislazuliblauen Bliaud gewichen war. »Du bist ein Flegel«, schimpfte sie, schlang jedoch sofort darauf die Arme um ihn, in dem Wunsch, ihrem Gatten vor Verlassen der Schlafkammer einen letzten, leidenschaftlichen Kuss zu geben. Wie sehr sie ihn vermissen würde! Denn keinen Augenblick hatte sie sich seit der Rückkehr des Königs über die Tatsache hinwegtäuschen lassen, dass ein Feldzug gegen Philipp von Frankreich unmittelbar bevorstand.

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Während sich die jungen Liebenden dem scherzenden Geplänkel hingaben, ließ der Barde Blondel in einem der großzügigen Gemächer im ersten Stock der Ringburg mit einem beinahe seligen Lächeln auf den Lippen die Laute sinken. Voller Leidenschaft blickte er Richard Löwenherz, der zu seinen Füßen kniend dem Vortrag gefolgt war, in die Augen, die wie gebannt auf dem schlanken Sänger ruhten. »Das ist eines der wundervollsten Sirventes, das ich jemals gesungen habe«, lobte er den königlichen Dichter des Rügeliedes, welches die schleppende Beschaffung des Lösegeldes für den gefangenen Löwen zum Thema hatte. »Besonders diese Strophe gefällt mir.« Behutsam zupften die langen Finger an den Saiten des perfekt gestimmten Instrumentes, ehe erneut der helle Tenor erklang:

»Sie wissen es sehr wohl, die Männer von Anjou und aus der Touraine, die Edelleute, die jetzt in Ruhe und Wohlstand leben, dass ich fern von ihnen bin – als Gefangener und in den Händen einer fremden Macht. Sie könnten mir helfen, doch sie sehen keinen Vorteil darin. Sie strotzen vor Waffen, und ich bin hier gefangen.«

Die süß-schwermütige Melodie des Stückes, die wie zähflüssiger Honig über ihm zusammenschwappte, rief dem knienden Richard erneut die Verbitterung und das Heimweh in Erinnerung, die ihm auf den Burgen Dürnstein und Trifels beinahe den Verstand geraubt hatten. Blicklos starrte er durch das kleine, kostbar verglaste Fenster im Rücken seines Liebhabers in die hereinbrechende Dämmerung hinaus, wo die feurigen Finger Auroras der Landschaft das Grau stahlen und ihr die Farben zurückgaben. Halb wahnsinnig hatte ihn die Untätigkeit Papst Colestins III. gemacht, der dem Verbrechen, einen unantastbaren Kreuzfahrer zu inhaftieren, tatenlos zugesehen hatte. Als sich die Bilder seines Gefängnisses zurück in sein Bewusstsein drängten, legte sich die kalte Hand der Ohnmacht erneut mit solcher Kraft um sein Herz, dass er unbewusst den rotblonden Schopf schüttelte, um sie loszuwerden. Mit abgrundtiefem Hass hatte ihn der Verrat seines treulosen Bruders erfüllt, der dem Erzfeind der Plantagenets – Philipp von Frankreich – weitreichende Gebiete in der Normandie sowie Gisors, die normannische Schlüsselfestung von Vexin, abgetreten hatte. Grimmig biss Löwenherz die Zähne aufeinander, als er sich ausmalte, wie er John dafür bezahlen lassen würde. Durch seine Intrigen und Ränkespiele hatte dieser indirekt dazu beigetragen, dass Richard die größte Demütigung seines Lebens über sich hatte ergehen lassen müssen – den erzwungenen Lehenseid gegenüber Kaiser Heinrich VI., der den englischen König zu einem Vasallen der deutschen Krone degradiert hatte!

Trotz der beruhigenden Anwesenheit seines treuen Liebhabers Blondel und dessen Bemühungen spürte er, wie erneut lodernder Zorn und ein beinahe unstillbarer Rachedurst in ihm aufstiegen. »Lass es gut sein!«, befahl er unwirsch, als der Barde zu einer neuen Strophe ansetzen wollte, und kam federnd auf die langen Beine. Das Surkot mit dem Wappen der Plantagenets spannte sich über der Brust des hünenhaften Kriegers, als er die mächtigen Schultern straffte und den achtlos über einen Schemel geworfenen Umhang aufhob, um ihn mit einer Spange unterhalb des linken Schlüsselbeines zu verschließen. Mürrisch gürtete er das kostbare Schwert, das ihm im Kampf gegen die Sarazenen wertvolle Dienste geleistet hatte, und machte Anstalten, das Schlafgemach zu verlassen. Als er den verletzten Ausdruck auf dem Gesicht des sanftmütigen Sängers bemerkte, wich sein Unwille jedoch augenblicklich zerknirschtem Selbsttadel, und er beugte sich zu dem Sitzenden hinab, um ihm liebevoll in die braunen Augen zu blicken. »Entschuldige«, bat er reumütig. »Du kannst nichts dafür. Ich kann es nur kaum erwarten, diese Verräterbrut endlich mit gleicher Münze zu entlohnen!« Die Hand des jungen Mannes legte sich leicht auf seine schwielige Kriegerpranke. »Gib auf dich acht«, warnte er, nachdem er behutsam das zerbrechliche Instrument zur Seite gelegt hatte. »Ich möchte dich nicht noch einmal verlieren.«

England, Nottingham Castle, 27. März 1194

Dem markerschütternden Fauchen, mit dem das Griechische Feuer die Mauerbalken des Außenwerkes der belagerten Festung weiter und weiter auffraß, folgte das dumpfe Geräusch aufprallender Trebuchetgeschosse, die inzwischen sowohl Tortürme als auch die Wehrmauern der Oberburg in ein Trümmerfeld verwandelt hatten. Die rußgeschwärzten Ruinen der inneren und äußeren Vorburg glotzten drohend in den von Rauch verschleierten Himmel, und das Surren der Armbrustbolzen lag wie das Brausen eines starken Windes über den gebrüllten Befehlen und den Schmerzensschreien der Verwundeten. Sobald die Pavesen – die mannshohen Holzschilde der Schützen – so mit Pfeilen gespickt waren, dass sie instabil zu werden drohten, bahnten sich todesmutige Knappen den Weg durch den Geschosshagel, um den Männern Ersatz zu reichen. Hie und da wagte ein leichtsinniges Häuflein Eingeschlossener einen verzweifelten Ausfall, nur um wenige Augenblicke darauf enthauptet oder durchbohrt zu Boden zu sinken. Lediglich der innerste Verteidigungsring der Burg, der den Bergfried und den Palas schützte, war noch weitgehend unversehrt und trotzte dem Ansturm der Belagerungsarmee.

»Geoffrey, du fängst an, mir auf die Nerven zu fallen!«, zischte Richard Löwenherz und warf seinem Halbbruder einen säuerlichen Blick zu, während er hastig einige Bissen kalten Bratens und zwei Tage alten Brotes zwischen die Zähne schob. Zwar hatte er sich an einem der langen, aufgebockten Tische niedergelassen, doch ließ seine ungeduldige Miene keinen Zweifel daran, dass er darauf brannte, sich so schnell wie möglich wieder ins Kampfgetümmel zu stürzen. »Erst dieser unnötige Streit mit Hubert, und jetzt das!«, knurrte er, trank einen Schluck Ale und wischte sich mit dem Ärmel seines Surkots den Mund. »Was soll ich mit ihm?« Sein Blick wanderte zu Roland, der mit gesenktem Kopf zwischen seinen beiden Halbbrüdern stand, und blieb missfällig an ihm haften. »Ich habe bereits einen Knappen«, brummte er, sprang auf und trat auf den Knaben zu. »Wieso sollte ich dich in meine Dienste nehmen?«, fragte er schroff, und Roland hatte Mühe, die in ihm aufsteigende Wut zu unterdrücken. Mit einem kampfeslustigen Funkeln in den blaugrauen Augen hob er den Kopf und starrte den hünenhaften König an, der ihn um mehr als eine Haupteslänge überragte. »Weil Ihr wisst, dass es das Richtige wäre«, versetzte er, hätte sich jedoch am liebsten augenblicklich die Zunge abgebissen, als er den dunklen Wolkenschatten des Jähzorns über Richards Züge huschen sah.

So blitzschnell, dass der Junge der Bewegung kaum folgen konnte, trat der König direkt vor ihn, packte ihn am Kragen und hob ihn mühelos hoch. Als Rolands Gesicht auf gleicher Höhe mit dem seinen war, starrte er ihm mehrere dröhnende Herzschläge lang in die Augen, bevor er ihn unvermittelt von sich stieß und anfing, brüllend zu lachen. »Ich nehme alles zurück, Geoffrey«, sagte er an den Bischof von York gewandt – ohne weiter auf Roland zu achten, der sich aufrappelte und die schmerzende Rückseite rieb. »Der Bursche hat Mut, das gefällt mir!« Mit einem letzten, kopfschüttelnden Blick auf den Knaben drosch er Geoffrey auf die Schulter und führte ihn in sein Zelt, um einige Unstimmigkeiten zu klären, während er Brustpanzer und Helm anlegte. Kaum hatte sich der Eingang hinter den beiden Männern geschlossen, ließ der Knabe die angehaltene Luft aus den Lungen entweichen und schalt sich einen Dummkopf. Was hatte ihn nur dazu bewogen, seinen gefährlich aufbrausenden Halbbruder so zu provozieren?, fragte er sich und wischte den Schweiß, der sich klebrig über seine Poren gelegt hatte, von der Stirn. Zwar fegte eine kühle Brise aus dem Norden über die blühende Landschaft der Grafschaft Yorkshire, doch die hoch am Himmel stehende Sonne schien an diesem Tag ihr Bestes zu geben. Während er noch überlegte, ob er auf Geoffrey oder Richard warten und ihre Befehle entgegennehmen sollte, tauchten die beiden wieder auf und stürmten heftig diskutierend – mit verbissenen Gesichtern – an ihm vorbei, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen.

Nicht sicher, was von ihm erwartet wurde, zuckte Roland die Achseln, ließ sich auf einer der harten Bänke nieder und beobachtete das langsam verebbende Schlachtgetümmel aus sicherer Entfernung – stets bemüht, den Blick nicht zu den direkt vor den Toren aufgehängten, am Vortag gefangen genommenen Sergeanten abschweifen zu lassen. Wie die schlaffen Strohpuppen, welche die Ritter in ihren Übungskämpfen benutzten, baumelten die verstümmelten Kadaver der Verräter an den starken Hanfseilen im Wind. Es schien, als wollten sie der hin und her wogenden Schlacht, die um sie herum tobte, einen eigenwilligen Rhythmus verleihen. Schaudernd wandte Roland der grausigen Szene den Rücken und schlenderte in Richtung Waldrand davon. Keine Meile vor der Festung begann das undurchdringliche Dickicht des Sherwood Forest, über dessen lindgrünen Wipfeln einzelne Bussarde und Falken kreischend ihre Kreise zogen. Hie und da wurde das noch schüchterne Laubdach der Eichen und Buchen von den hoch aufragenden Wipfeln uralter Kiefern durchbrochen, in denen sich wahre Heerscharen von bedrohlich großen Saatkrähen versammelt hatten. Einige hundert Schritt von seinem eigenen Standpunkt entfernt erspähte er den rotblonden Schopf seines Bruders, der vor Robin of Loxleys Unterkunft ein Feuer entfachte. Ob der Empfang des Jüngeren ebenso unfreundlich verlaufen war wie sein eigener?, schoss es dem jungen Mann durch den Kopf. Doch bevor er die Schritte gen Osten lenken konnte, um den am Boden Knienden zu befragen, ließ ihn ein ohrenbetäubendes Donnern in seinem Rücken erschrocken herumwirbeln. In einer Lawine aus Staub und Schutt brach soeben der von dem unablässigen Geschosshagel zerstörte Befestigungsturm des Haupttores in sich zusammen. Und sobald sich der Schmutz gelegt hatte, stürmten die Männer des Königs in einer neuen Welle auf die immer schwächer werdenden Verteidigungsanlagen zu. Nicht gewillt, die Kapitulation der Verräter zu verpassen, eilte Roland ins Lager zurück, wo er sich – als der Kampf sich zu seiner maßlosen Enttäuschung erneut in die Länge zog – damit beschäftigte, die von den Zinnen stürzenden Männer zu zählen und die Wappen der Kämpfer ihren Herren zuzuordnen.

Im Verlauf des langen Tages trafen auch der Bischof von Durham und die siegreichen Belagerer von Tickhill Castle, das wie Nottingham eine der letzten Bastionen John Lacklands gewesen war, mit ihren Geiseln ein, um die Armee vor den Toren der Festung zu verstärken. Der Widerstand der Eingeschlossenen schien darauf zu fußen, dass sie die Rückkehr von Richard Löwenherz für ein geschickt gestreutes Gerücht hielten. Als sie jedoch der gewaltigen Übermacht gewahr wurden, schickten sie nach kurzer Beratung zwei Männer ins Lager der Angreifer. Diese sollten sich offenbar davon überzeugen, dass es wirklich der König war, welcher die Streitmacht anführte. Während Richard in aller Gemütsruhe das von seinen Jägern erlegte Wildbret zum Abendessen genoss, lagen die beiden abgesandten Ritter, Roger de Montbegon und William de Wenneval, vor ihm und der neben ihm thronenden Aliénor von Aquitanien auf den Knien und harrten gebannt einer Antwort. Mit blumigen Worten versicherten sie, dass die übrigen Verteidiger Nottingham Castles königstreue Männer waren und sich ihm auf Gnade und Ungnade ausliefern würden, sobald sie Kunde erhielten, dass es sich bei ihrem Bedränger tatsächlich um Löwenherz und nicht um einen der Feinde Lacklands handelte. »Viele Neider wollten Eurem Bruder die Macht entreißen, die er für Euch verteidigte«, verdrehte der von einer tiefen Schnittwunde entstellte William de Wenneval die Tatsachen. »Hätten wir gewusst, dass Ihr die Belagerer anführt.« Seine Stimme erstarb unter dem vernichtenden Blick des Königs. »Und?«, fragte Richard schließlich provozierend, nachdem er den letzten Bissen mit einem Schluck Burgunder hinuntergespült und sich die öligen Hände unter einer der löwenköpfigen Aquamanilen gesäubert hatte. »Bin ich es, oder bin ich es nicht?« Seine tiefe Stimme triefte vor Hohn. »Was denkt Ihr, meine Herren?«

»Mylord«, begann der graubärtige Montbegon mit einer flehenden Geste, wobei seine Stimme kaum wahrnehmbar zitterte. »Mein Herz schmerzt vor Freude, dass Ihr endlich wieder unter uns weilt, um unser leidgeplagtes Land von seinen Qualen zu erlösen!« Erneut senkte er das kahle Haupt, während er um Fassung rang. »Unser Leben liegt in Eurer Hand.« Die Versuchung unterdrückend, an den beiden ein Exempel zu statuieren, erhob sich Richard betont langsam und trat mit einem verächtlichen Ausdruck auf den Zügen vor die beiden Knienden. »Geht zurück in die Festung und teilt Euren Männern mit, dass Begnadigung durch ein Lösegeld zu erwirken ist.« Denn in dem Augenblick, in dem die Verteidiger zu den Waffen gegriffen hatten, hatten sie sich des Hochverrats schuldig gemacht. Selbst wenn die Männer tatsächlich angenommen hatten, die Festung gegen Feinde John Lacklands, den sie für den zukünftigen Herrscher Englands hielten, zu verteidigen, änderte das nichts an dieser Tatsache. Das einzige Argument, das für sie sprach, war ihre Unwissenheit. Sobald die beiden Ritter aufgesessen und in Richtung Burggraben davongaloppiert waren, wandte sich der englische König wieder dem durch ihre Ankunft unterbrochenen Gespräch mit Hubert Walter, dem neuen Erzbischof von Canterbury, und seinem Halbbruder Geoffrey, dem Erzbischof von York, zu. »Hör zu, Geoffrey«, setzte er die Unterhaltung fort, als sei in der Zwischenzeit nichts geschehen. »Ich will, dass dieser alberne Streit zwischen Euch endlich beigelegt wird.« Als der Getadelte etwas einwerfen wollte, hob er gebieterisch die Hand und fuhr ihm schroff über den Mund. »Es steht nicht zur Debatte, welche Diözese wichtiger ist!« Seine Brauen schoben sich drohend zusammen. Am liebsten hätte er die Köpfe der beiden Streithähne wie die zweier Knaben zusammengeschlagen. Wie konnte sich Geoffrey nur so darüber aufregen, dass Hubert Walter mit Pomp und Gloria – ein juwelenbesetztes Kruzifix vor sich hertragend – vor Nottingham Castle eingetroffen war, während er selbst als Krieger erschienen war? Manchmal benahmen sich die beiden wirklich wie unreife Bengel! »Ich werde Geoffrey die 3 000 Silbermark leihen, die er benötigt, um das Amt des Sheriffs von Yorkshire zu kaufen«, ließ er die sich kampfeslustig anfunkelnden Bischöfe mit einem boshaften Ausdruck in den grauen Augen wissen. »Und damit ist die Sache ein für alle Mal erledigt!« Roland, der sich seit ihrer Ankunft am bischöflichen Hof vor fünf Jahren immer ein wenig vor dem stets querulierenden älteren Bruder gescheut hatte, unterdrückte nur mit äußerster Willenskraft ein flegelhaftes Grinsen. Er ließ den gesenkten Blick vorsichtig von Geoffreys leuchtenden Augen zu dem sich kaum merkbar vorschiebenden Unterkiefer des Erzbischofs von Canterbury wandern. Ehe er jedoch in die Verlegenheit kam, das in ihm aufsteigende Glucksen schlucken zu müssen, spürte er unvermittelt Richards schwere Pranke auf seiner Schulter. »Komm, Junge!«, befahl der König kurz angebunden und wies mit dem Kopf auf die im Gänsemarsch aus der Festung marschierenden Männer. »Du darfst das Lösegeld zählen!«

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Der folgende Tag schien den Triumph des rechtmäßigen Herrschers über die Insel mit einem in allen Farben leuchtenden Sonnenaufgang bekunden zu wollen. Das Lager der siegreichen Angreifer schlummerte friedlich unter einer leichten Dunstglocke sich auflösenden Morgennebels. Hätte nicht ein markerschütternder Laut die Stille in regelmäßigen Abständen durchbrochen, hätte man glauben können, es handle sich lediglich um eine Jagdgesellschaft, die in dem wildreichen Wald Zerstreuung suchte. Doch mit jedem Hieb der dreisträngigen Peitsche, die pfeifend die kühle Luft durchschnitt, wurde das furchterregende Geschrei des Sheriffs von Nottingham schriller. Dem Gebot der Ritterlichkeit folgend hatte Richard Löwenherz den adeligen Gefangenen gestattet, sich ihre Freiheit durch Entrichtung eines nicht zu verachtenden Lösegeldes zu erkaufen, wohingegen die Rebellen niedrigen Standes ohne viel Federlesens an den hastig zusammengezimmerten Galgen aufgehängt worden waren. Nur zwei Ausnahmen hatte er befohlen: Robert of Brito, der Bruder des Mannes, der sich geweigert hatte, für Richards Befreiung in Geiselhaft zu gehen, würde im Kerker von Nottingham Castle elendig verhungern; während der Sheriff von Nottingham, der gemeinsam mit Prinz John zahllose Gräueltaten an der unschuldigen Bevölkerung begangen hatte, von den Männern des Königs zu Tode geprügelt werden sollte. Der entblößte Rücken des Gemarterten glich bereits einem blutigen Brei, und an mehreren Stellen konnte man die helle Wölbung seiner Rippen erahnen. Als sich die dicken Lederknoten am Ende der Geißel erneut in sein Fleisch gruben, verlor der Gemarterte die Kontrolle über seine Blase und farbloser Urin rann an seinen nackten, von tiefen Wunden übersäten Beinen hinab, bevor er in dem von Blut und Tau feuchten Boden versickerte.

Mit einem Schaudern wandte sich Harold of Leicester seinem Freund Robin of Loxley zu, der sich soeben in den Sattel eines feurigen Rapphengstes schwang und Anstalten machte, der Jagdgruppe des Königs zu folgen, die im rosigen Licht der Morgendämmerung auf dem Weg in den dichten Wald war. Anders als der Freund bevorzugte Harold Stuten, und das ruhige, lohfarbene Tier, dessen Ohren leicht hin und her spielten, gab in der Hinterhand nach, als er es mit einem sanften Druck der Hacke zum Antraben bewegte. »Findest du nicht, dass du ein wenig hart zu dem Bengel warst?«, fragte er Robin, der dem jungen Henry Plantagenet einen letzten finsteren Blick nachschickte, als dieser mit gesenktem Haupt – sein Halbpony am Zügel hinter sich herziehend – kehrtmachte und ins Lager zurückschlich. »Ach was!«, winkte der lockenköpfige Robin ab, während ein Feixen die Grübchen in seinen Wangen vertiefte. »Besser er gewöhnt sich diese übersteigerte Heldenverehrung so schnell wie möglich ab!« Harold nickte. Vermutlich war es wirklich besser für den Jungen, wenn er seinen Dienstherrn als Robin of Loxley, einen Ritter des Königs, ansah und nicht als den legendären Robin Hood, der mit seinen Mannen den Sherwood Forest unsicher gemacht hatte. Da Robins älterer Bruder im Kampf gegen die Schergen Johns den Tod gefunden hatte, war Robin inzwischen Herr über die Dörfer im Umkreis des alten Rittergutes und somit ein unmittelbarer Vasall der Krone. Am Vortag, als Richard Löwenherz vor Nottingham Castle eingetroffen war, hatte er den Ritterschlag und das offizielle Pardon für die Gesetzesübertretungen erhalten, die er als Anführer der Bande begangen hatte.

»Ich kann es kaum erwarten, gegen John und Philipp zu ziehen«, vertraute er Harold an, der fröstelnd den Mantel enger um die Schultern zog, als die Gruppe in den Schatten des Waldrandes eintauchte. Das Weiß der letzten Schneehaufen wetteiferte mit der blendenden Blütenpracht der Bäume und einem Teppich aus Anemonen, Märzenbechern und Schneeglöckchen. Während die Reiter der aufgeregt bellenden Meute folgten, sog Harold gierig den würzigen Duft des Waldes ein. Überall brach sich das neue Leben Bahn, und obwohl immer noch der Geruch der Fäulnis über dem dunklen Waldboden lag, ließ die süße Note der Blumen erahnen, dass die Tage des Winters gezählt waren. Ungeachtet der Schönheit trampelten die Hufe der Jagdrösser das neue Grün nieder, als die Männer durch das dürre Unterholz brachen, um das von den Hunden aufgeschreckte Rotwild einzukreisen. »Dieser verdammte Franzose muss endlich in die Schranken gewiesen werden!«, setzte Robin nach einer kurzen Pause, in der er die Armbrust spannte, heftig hinzu. Keine hundert Fuß vor dem ersten Reiter glotzte ihnen ein prächtiger Zwölfender mit bebenden Flanken entgegen. Und bevor sich das Tier entscheiden konnte, ob es fliehen oder zum Angriff übergehen sollte, sank es von Dutzenden von Pfeilen und Bolzen durchbohrt zu Boden. Zufrieden senkte Robin die Waffe und wandte sich zu Harold um, der nach einem versonnenen Blick auf das erlegte Tier langsam nickte. »Ja«, gab er nachdenklich zurück. »Wenn Löwenherz die verlorenen Gebiete nicht bald zurückerobert, dann ist sein Einfluss auf dem Festland Geschichte.«

Frankreich, eine Festung an der Mayenne, Ende März 1194

Die von Hunderten von Kerzen erleuchtete Halle des trutzigen Donjons des Grafen de Maine war erfüllt vom Gelächter und Geplapper der geladenen Gäste, welche sich in kleinen Grüppchen unterhielten oder über die köstlichen Speisen hermachten, die der stolze Hausherr hatte auffahren lassen. Die speziell zu diesem Anlass aufgezogenen Wandteppiche erstrahlten in funkelnder Farbpracht und ließen die herausgeputzten Damen, die achtlos genug waren, sich in ihrer direkten Nähe aufzuhalten, blass und langweilig erscheinen. Überall warfen Prunkwaffen und Silberleuchter das Licht zurück und verliehen dem riesigen Raum einen beinahe überirdischen Glanz. Dieser Eindruck des Erhabenen wurde durch ein mächtiges Kruzifix unterstrichen, das von der schwindelerregenden Gewölbedecke herabhing. Ohne unnötig viel Zeit verstreichen zu lassen, hatte Jeannes Vater am Tag nach der Auseinandersetzung mit seiner Tochter ein Aufgebot zu dem benachbarten Arnauld de Touraine gesandt, um ihn von der Tatsache in Kenntnis zu setzen, dass die gehorsame junge Frau das Angebot des Grafen dankbar und demütig annahm und sich glücklich schätzen würde, am folgenden Sonntag Verlobung mit ihm zu feiern. Die Antwort darauf war unverzüglich eingetroffen – zusammen mit einem kostbaren Brautgeschenk für die Auserwählte. »Nimm es nicht so schwer, Kind«, hatte ihr vor Zufriedenheit strahlender Vater dem jungen Mädchen geraten. »Er wird ohnehin kaum zuhause sein, jetzt wo ein Krieg unmittelbar bevorsteht.«

Noch immer fiel es Jeanne schwer, ihn für den Verrat, den er in ihren Augen an ihr begangen hatte, nicht zu hassen. Und als sie an diesem Abend in ihrem kostbarsten, mit Goldfäden bestickten Gewand die gewundene Treppe in die Halle hinabschritt, um ihrem zukünftigen Gemahl offiziell zugeführt zu werden, schluckte sie nur mit Mühe die Tränen der Wut und der Ohnmacht, die ihr die Kehle zuschnüren wollten. Kaum hatte der Herr über die Touraine die gute Neuigkeit vernommen, hatte er einen rundwangigen Mönch aus einem nahen Kloster zu seinem zukünftigen Schwiegervater geschickt, damit dieser eine in ihrer Kostbarkeit kaum zu übertreffende Miniatur der jungen Dame anfertigen konnte, die bereits die Halle seiner Festung zierte. Mit Grauen dachte Jeanne an die vielen Stunden des Stillsitzens zurück, in denen der unbedarfte Geistliche sie mit seinem inhaltslosen Gewäsch über die Institution der Ehe an den Rand der Verzweiflung gebracht hatte, während sie nur mit Mühe dem Drang widerstanden hatte, sich an den unmöglichsten Stellen zu kratzen. Wie um die Erinnerung loszuwerden, strich sie sich mit den Fingerspitzen über die sorgsam gebogenen Wimpern und konzentrierte sich darauf, nicht auf den Saum des viel zu schweren, mit unzähligen Ziersteinen bestickten Gewandes zu treten. Kaum eine Woche war vergangen, seit ihr Vater ihr mit seiner Ankündigung die Unschuld geraubt und ihre kindlichen Träume zerstört hatte!, dachte sie müde und reckte möglichst unauffällig die Schultern, um den ziehenden Schmerz zu vertreiben, der sie immer noch an die Sitzungen mit dem Maler erinnerte. Irgendwie würde sie diesen Abend hinter sich bringen! Mechanisch erwiderte sie den Gruß einer Bekannten, während sie mit täuschender Leichtfüßigkeit Stufe um Stufe hinab auf ihr Schicksal zuschritt.

»Ah, meine Liebe«, überfiel sie der bereits angeheiterte Arnauld überschwänglich, kaum hatte sie den Absatz erreicht. »Da seid ihr ja!« Trotz des prunkvollen Surkots, mit dem er über seinen alles andere als flachen Bauch hinwegzutäuschen versuchte, und der perlenbestickten Coiffe auf seinem großen Kopf verrieten sowohl das fettige graublonde Haar als auch die aufgequollenen Züge, dass er genau dreimal so alt war wie seine vierzehnjährige Braut. »Lasst uns tanzen.« Ohne eine Antwort des Mädchens abzuwarten, grabschte er ihre schlanke Taille und schob sie auf die Tanzfläche zu, auf der bereits mehrere Paare einen Branle du Chandelier