Im Schatten der Erde - Veronika Schenk - E-Book

Im Schatten der Erde E-Book

Veronika Schenk

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Beschreibung

Was, wenn wir es nicht schaffen, den Klimawandel in den Griff zu bekommen und Klimawandelleugner erneut eine starke Lobby erhalten, wenn Journalisten und Wissenschaftler Bashing zur Methode wird, sich die Politik weiterhin um die eigene Achse dreht und der Zeitpunkt für eine internationale Klimawende verpasst wurde? Die Arktis ist 2035 zur Freibeuterzone um die letzten fossilen Ressourcen geworden. Rebecca Lund, die als Journalistik-Studentin in London von einem Jahrtausend-Hochwasser überrascht wird, lässt das Thema nicht mehr los. In einer Rückschau stellt sie sich 2048 ihrer Familiengeschichte, der streitbaren Rolle ihres Vaters als internationaler Sicherheitsexperte und ihrer Jugendliebe zu Jakob Kellermann, mit dem sie einst als Umweltaktivistin tätig war. Inzwischen hat der Wettlauf um neue Methoden, das Klima in den Griff zu kriegen, längst begonnen.

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Seitenzahl: 567

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Das Buch

Was, wenn wir es nicht schaffen, den Klimawandel in den Griff zu bekommen und Klimawandelleugner erneut eine starke Lobby erhalten, wenn Journalisten und Wissenschaftler Bashing zur Methode wird, sich die Politik weiterhin um die eigene Achse dreht und der Zeitpunkt für eine internationale Klimawende verpasst wurde? Die Arktis ist 2035 zur Freibeuterzone um die letzten fossilen Ressourcen geworden. Rebecca Lund, die als Journalistik Studentin in London von einem Jahrtausend-Hochwasser überrascht wird, lässt das Thema nicht mehr los. In einer Rückschau stellt sie sich 2048 ihrer Familiengeschichte, der streitbaren Rolle ihres Vaters als internationaler Sicherheitsexperte und ihrer Jugendliebe zu Jakob Kellermann, mit dem sie einst als Umweltaktivistin tätig war. Inzwischen hat der Wettlauf um neue Methoden, das Klima in den Griff zu kriegen, längst begonnen.

Veronika Schenk ist Journalistin und Werbetexterin. 1959 in Kassel geboren und aufgewachsen, führte sie ihr Studium nach Marburg an der Lahn, wo sie an der Philipps-Universität Germanistik, Politik, Kunstgeschichte und Philosophie studierte. Nach dem Referendariat absolvierte sie ihre zweite Ausbildung als Journalistin und PR-Beraterin in Bonn und Frankfurt und machte sich 1991 selbstständig. Seit 1986 lebt sie in ihrer Wahlheimat Köln.

Selbstausdruck und Komposition der Worte markieren ihren künstlerischen Weg. Der Stimme folgen als Schauspielerin, in der freien Bewegung des Körpers im Raum, als Schriftstellerin in Romanen, Gedichten und Aphorismen. Schreiben ist für sie eine Art der Zusammenkunft, die einer Liebe gleicht, ein innerer Ort, der Welt ist. Aus diesen Begegnungen entstehen bevorzugt Romane. Zuletzt erschien im Secession Verlag für Literatur der Roman »Die Wandlung«.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1: Amsterdam, September 2050

Kapitel 2: Oslo 2048

Kapitel 3: Insel im indonesischen Archipel, Januar 2019

Kapitel 4: Jakob

Kapitel 5: Rebecca und Jakob

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11: Nordpolarmeer 2035

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16: Washington D.C., Frühjahr 2048

Kapitel 17: Amsterdam 2049

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Nachwort

Danksagung

PROLOG

Ich sehe meinen Sohn von Ferne, spüre, dass er feststeckt, dass er auf seinem Weg auf einem anderen Kontinent die Verbindung verloren hat.

Wir können nicht in die Zukunft blicken. Er hatte vor einiger Zeit danach gefragt, wie so viele, die zu meinem Haus kamen, und das war meine Antwort. Ob er es verstanden hat? Manchmal verstehen die Menschen die einfachsten Aussagen nicht, sie wollen etwas anderes hören.

Vielleicht ist es einer der größten Antriebsfaktoren der Menschheit, dieser Tatsache entgegenwirken zu wollen, sich der Wissenschaft zu verpflichten und damit einem höheren Ziel zu verschreiben, der Menschheit zu dienen und ihre Erkenntnismöglichkeiten zu erweitern. Und Wayan hat viel dafür getan. Die einen forschen, erzielen Ergebnisse und pachten die Objektivität im Zeichen der Messbarkeit. Die anderen aus desselben Antriebs Ursprung glauben, befragen Propheten und Hellseher und pachten die Wahrheit im Namen eines Höheren: Allah, Gott. Womöglich wird immer wieder, zu jedem Zeitpunkt der Geschichte in dem präzisen Abwägen dessen, was möglich und unmöglich ist, der Weisheit letzter Schluss liegen. Denn wer vermag wohl im Spiel der Kräfte, die richtige Karte zu ziehen? Bevor wir gehen und diese Erde verlassen, sind wir alle den gleichen Weg gegangen, wir haben ihm nur unterschiedliche Namen gegeben.

Ibu Luh, Indonesien im Jahr 2040

1

Amsterdam, September 2050

In ihrem Haus, ein Reihenbau mit Aussicht auf eine Gracht, wusch sie ihre alten Vorhänge. Wie es bei Beziehungen, die abrupt auseinandergehen, üblich ist, waren sie als das, was er zurückgelassen hatte, in ihren Besitz übergegangen. Obwohl sie nie so darüber geredet hatten. Jetzt, Jahre später, tauchte diese Wunde wieder auf, als könnte sie mühelos jegliche Zeitläufe überwinden, als wäre es ihre eigentliche Bestimmung. Mit einem Handgriff fischte sie einen Spezial-Wäscheweißer aus dem Korb mit den Waschmitteln heraus, ein Pulver in einer kleinen Tüte, in der Hoffnung, dass es den Gilb aus den Vorhängen waschen würde. Ein Gilb, der sich über die Jahre tief in das Gewebe gefressen hatte. Sie befolgte präzise die Anweisungen auf der Papiertüte und weichte den gelblich matten Stoff in einem Bottich mit lauwarmem Wasser ein. So stand es auf der Packung. Darüber streute sie gleichmäßig das Pulver, beobachtete, wie es langsam in dem im Wasser treibenden Stoff versank. Sie traute der Anleitung nicht und ging hinauf zu ihrer Küche, um heißes Wasser nachzukochen. Während sie die Stufen eine nach der anderen erklomm, trat ihr Schweiß aus den Poren. In der Abgeschiedenheit des Waschkellers hatte sie die Hitze vergessen, welche die Stadt fest im Griff hatte. Mit dem dampfenden Wasser balancierte sie die schmale Treppe zurück und fühlte sich mit jedem Schritt wohler, der sie hinabführte. Sie goss jetzt das kochend heiße Wasser auf die Vorhänge, fügte den letzten Rest des Pulvers hinzu, spürte den Wasserdampf auf ihrem Gesicht, der sich mit dem Schweiß und ihren Tränen vermischte und langsam in den Trog tropfte. In der Stille des Kellers rührte sie in dem trüben Wasser, versank mit dem Pulver, stieg tiefer, stieg unendlich weit, vergaß für einen Moment, dass sie ihr Haus räumen musste, dass sie aussortieren und Kisten zu packen hatte, dass Joe draußen auf sie wartete. Eine seltsame Ausdehnung der Zeit ergriff sie, als könnten sie von hier aus noch mal neu starten, als gäbe es eine Chance, etwas rückgängig zu machen, zu revidieren, nein, so hatten wir es nicht gewollt. Wir fangen noch einmal an. Ein stummer Klagelaut, der ihren Körper unmerklich verließ, als die Schritte der Passanten durch das Oberlicht des Kellers an ihr Ohr drangen. Füße, die zum Stehen kamen und wieder auseinandertrieben. Sie lauschte, hörte das Stimmengewirr, verstand nur Satzfetzen, über das Wetter, das Chaos in den Straßen, über die schnellsten und besten Fluchtwege aus der Stadt, während sich über ihrem Kopf die Straßen füllten. Menschen, Koffer, Taschen, Rucksäcke, Fahrräder, voll beladene Taxis, Privatwagen bis unters Dach bepackt, die sich im Schritttempo, Stoßstange an Stoßstange aneinanderhefteten, ein endloser in der Hitze glitzernder Wurm, ekstatisch, wuchernd, an den Enden ohne Kontrolle, der sich stadtauswärts bewegte.

Hilfsorganisationen sprangen der Polizei bei, sie regelten den Verkehr, halfen Häuser zu räumen, kümmerten sich um verloren gegangene Menschen, Kinder und Alte, bildeten Sammelpunkte für Hilfesuchende. Die Stadt stülpte ihr Inneres nach außen. Jeder, der physisch dazu in der Lage war, machte mit, packte an, wo es nötig war. Etwas zusammen zu tun, half für den Moment, man schaffte etwas, unterstützte sich gegenseitig, und es schien, als könnten die Amsterdamer etwas bewirken, gar retten. Ein Aufbäumen zog mit ihnen durch die Straßen. Es war nicht das erste Hochwasser und nicht die erste Hitzewelle, wenn auch das Ausmaß die Dimensionen der vorhergehenden überstieg und Amsterdam womöglich aufgegeben werden musste. Der Anstieg des Meeresspiegels in Verbindung mit einer Sturmflut drückte das Wasser über den Nordseekanal und das IJsselmeer in die Kanäle und überspülte die vorgelagerten Dünen und Deiche – das ausgeklügelte System von Pumpen und Schleusen, auf das sich die Amsterdamer bislang verlassen konnten, schaffte es zunächst nicht, den Wasserstand rechtzeitig auszugleichen.

Sie goss das letzte heiße Wasser in den Trog, sie müssen kochen, all die Jahre, die sie nicht an ihn gedacht hatte, es war ihr egal, wie klein sie schrumpfen würden. Sie sollten so weiß werden wie die Schneeabende, die sie in der Dunkelheit des skandinavischen Winters verlebt hatten. Weiß war der Schnee, weiß die Vorhänge, die ihnen Geborgenheit spendeten, während sie Bücher lasen, Musik hörten, über das Leben lachten und sich liebten, jeden Tag, jede Nacht, ohne Anfang und Ende. Sie waren eins geworden, eine Kontur zweier Seelen, die sich selbst formte. Diesen Satz hatte sie vor Jahren aufgeschrieben, jetzt, als sie hier steht und wäscht, ihre, seine Vorhänge, spürt sie ihre Lippen, die die Worte formen, ohne einen Laut, die in ihr sitzen, in einer Nische, vergessen, deutlich, im Rühren an die Oberfläche treiben. Ist es so, wenn das Denken aufhört? Wenn die Ränder weich werden, wenn die Erinnerung mit der Vergangenheit verschmilzt, das Leben nur ein Leben ist und die Zukunft den Sinnen entweicht, nie greifbar war, nie gestaltbar war. Sie beobachtet, sieht die Menschen, die sich stündlich verändern, die Stadt, die in der Hitze zu bersten droht, die nicht genügend vorbereitet ist, die mit den Hochwasserständen nicht mehr klarkommt. Die Holzbalken der Häuser sind mit Wasser getränkt. Sie biegen sich vor Nässe. Ein unbestimmtes Raunen treibt durch die Stadt, vor allem nachts, wenn es überhandnimmt. Das Wasser der Grachten steigt konstant, die Hausboote sind die einzigen sicheren Orte. Wir könnten durch die Kanäle spazieren fahren. Du und ich. Irgendetwas hielt sie, zu bleiben, bei dem Bottich, bei den Vorhängen und bei ihm. Vielleicht warst du anwesend, schautest mir zu hinter der Welt, rührtest mit mir in dem Wasser, warst jetzt da, neben mir, einen Platz, den du in diesem Leben nicht einnehmen konntest, ein gefühltes formloses Inneres, das mir seine Zeitlosigkeit schenkte.

Das Klopfen am Kellerfenster riss sie in den Moment zurück, sie drängte ihren Körper dicht an die Wand, die von dem steigenden Grundwasserspiegel feucht und porös war. Der modrige Geruch des Mauerwerks stieg ihr in die Nase. Jemand versuchte in das Dunkel des Kellerraumes zu spähen. Sie war froh, dass es Gitter vor den Fenstern gab. Sie vermutete Polizeitrupps. Sie zogen durch die Viertel und kontrollierten, ob alle Hausbewohner die Keller verlassen hatten. Die plötzliche Hitze hatte vor allem ältere Leute dahingerafft, sie suchten nach ihren Leichen, um sie abzutransportieren. Es konnten aber auch Plünderer sein, die das Haus ausspionierten.

Ihr Nachbar Jan van Stropel hatte ihr erzählt, dass man die Leichen in die große Markthalle abtransportierte. Die Toten würden dort einfach in die Kühlhäuser geschoben. Dass die Notvorräte bereits aufgebraucht waren, wussten nur die Wenigsten. Als sie ihr Haus aufschloss, kam er gerade zurück aus einem der Kältezimmer im städtischen Krankenhaus. Seine Pumpe mache nicht so gut mit bei der Hitze, er lachte unfreiwillig und pochte mit der Faust auf seine Brust, als könne er damit sein Herz bei Laune halten. Rebecca mochte van Stropel, er war ein gutmütiger älterer Herr, der als Messtechniker in einer der großen Fernsehanstalten gearbeitet hatte und machte sich in den Abendstunden durch die Lautstärke seines Fernsehgerätes bemerkbar. Offenbar hatte er unzählige Unterhaltungssendungen aufgezeichnet, vor allem solche, die er persönlich betreut hatte. Er sprach über sie, als sei er der Regisseur gewesen, kannte alle Prominenten und Laiendarsteller dieser, wie man sie damals nannte, Realityformate. Ganze Generationen wuchsen in dieser Art der televisionierten Selbstbespiegelung auf, unendlich vervielfacht durch die Internetmedien, die sich alle irgendwo glichen – und vorgaben, die Wirklichkeit abzubilden.

Als es erneut an das Kellerfenster hämmerte, erkannte Rebecca das vertraute Gesicht von Joe, beeilte sich nach oben zu kommen und stopfte neben einem Rucksack zwei Taschen voll, gerade so viel, wie sie selbst tragen konnte. Den Rest ihrer Habseligkeiten, die halb gepackten Kisten, das Haus überließ sie sich selbst. Sie schaute zurück, sah, wie van Stropel aufrecht am Fenster des Nachbarhauses stand, zu ihr hinunterschaute, winkte ihm zu, flüchtig, als gälte es kein Aufhebens zu machen, und doch wissend ihn nie wiederzusehen, empfand sie eine plötzliche Zuneigung für ihn. Er hatte sich entschieden zu bleiben, ihn bekäme keiner mehr weg, er fühle sich zu alt und wo solle er auch hin. Würde er untergehen mit der Stadt und wie viele mit ihm? Rebecca fielen keine passenden Zahlen dazu ein noch wollte sie die Bilder wirklich sehen. Ihr Sender ließ seit Stunden das Testbild laufen. Gab es ihn überhaupt noch? Das Land versank stündlich mehr im Chaos. Hatte van Stropel die richtige Entscheidung getroffen, oder ergab er sich nur in das Unvermeidliche, nutzte die einmalige Gelegenheit mit allen, die blieben, in einem Boot zu sitzen, mühelos herauszutreiben aus den eigenen vier Wänden, sich bereitwillig zur Verfügung zu stellen für die letzte Fahrt?

2

Oslo 2048

Rebecca starrte auf den blinkenden Cursor, er stand dort seit geraumer Zeit und bewegte sich nicht vom Fleck. Routiniert ließ sie den diktierten Entwurf in das Dokument fließen, sie beobachtete wie Buchstabenfolgen, kurze, lange und verwinkelte Sätze hineindrängten, sich an den Absätzen vorbeischlängelten, Wurmfortsätze, die den Cursor von seiner trägen Position schubsten, weiterjagten, bis er stolperte und erneut zum Stillstand kam. Mechanisch wiederholte sie den Vorgang, als stamme der Text nicht von ihr und sie wäre nur der Wärter, der das ungestüme Getier in die Arena ließ. Ihr Kopf war voller Bilder. Korrekturen gehörten nicht zu ihren Lieblingsaufgaben. Mit einem inneren Murren begab sie sich daran, löschte, was für den Beitrag unwichtig war, bürstete die Sätze durch, reduzierte, verkürzte, um sie für einen der Sprachroboter geschmeidig zu machen. Ihr liebster war Dante, die anderen hießen Anna, Vincent und Serena und waren einigen mehr und weniger bekannten Autoren, die eine passable Sprechstimme hatten, abgekauft worden, für eine gute Summe. Mehrere Module sorgten dafür, die akustischen Signale fein abzustimmen und die Stimme auf jeden x-beliebigen Text zu übertragen. Fiel ein Modul aus, wegen technischer Komplikationen, was in letzter Zeit des Öfteren vorkam, da wieder mal ein neues Programm ausprobiert wurde, klang die Stimme unecht, ein wenig hölzern. Eine eigene Klangfarbe mischte sich bei, die sie von den menschlichen Stimmen unterschied, und machte sie, wie Rebecca fand, ihrer technischen Herkunft gemäß authentischer. Sie empfand sogar Mitleid für sie, wo sollte das hinführen?

Die Zeit in Oslo dehnte sich endlos. Sie hoffte, die Dreharbeiten für ihren Fernsehbeitrag über den Niedergang der europäischen Königshäuser in Kürze abzuschließen. Bevor sie zurück nach Amsterdam flog, wollte sie den Text grob fertig haben, der sie tagsüber am Leben hielt, während sie nachts in einen beunruhigenden Nebel aus Erinnerungen abdriftete.

In der Redaktionssitzung hatte sie mehr oder weniger abgenickt, als das Thema zur Sprache kam. Jetzt ärgerte sie sich, warum sie nicht vehementer widersprochen, sich eine plötzlich aufziehende Grippe angedichtet hatte. Dass sie im Umfeld des königlichen Hofes groß geworden war, sprach für ihre Milieukenntnis. Der Redakteur gab ihr daher den Vorzug vor jüngeren Kollegen, die sich weit mehr für das Thema begeisterten und sich in der royalen Berichterstattung einen Namen machen wollten.

Sie hatte zu bedenken gegeben, dass es ihre Heimatstadt sei, hatte Befangenheit heraufbeschworen, an einen Ort zu fahren, wo sie auf alte Bekannte stoßen würde, solche, die ihr nicht ganz geheuer waren, die sie vielleicht nicht ernst nehmen würden, weil sie als Kinder miteinander gespielt hatten. Nun sollte sie ihnen Fragen stellen über die Hintergründe eines zerstrittenen Königshauses, die Skandale von Drogen und Gewalt zu vertuschen versuchte und hinter einer brüchigen Fassade Lügen verbreitete. Es waren keine wirklich guten Argumente, um nicht zu fahren. Das wusste sie selbst. Der Redakteur erklärte ihre Einwände mit einem Schulterzucken für nichtig, und sie hatte, um sich eine weitere Blöße zu ersparen, in der Redaktionssitzung nichts weiter dazu gesagt. Sie brauchte das Geld, in der letzten Zeit hatte sie viele Themen nicht durchgekriegt.

Rebecca wollte nie Journalistin werden. Es lag auf ihrem Weg, von einem Ort zum nächsten getrieben zu werden. Sie begriff es als Chance, sich neu zu verpflanzen, ihre Heimat, die für sie nur vorübergehend ein solcher Ort gewesen war, zu verlassen. Sie erhoffte sich Wahrheit und wollte Freiheit. Sie bekam beides, zu unterschiedlichen Zeiten und auf verschlungenen Pfaden. Seit Jahren schrieb sie sich über Ozeane, recherchierte, fotografierte, stellte unbequeme Fragen, kombinierte Fakten, fügte zusammen und zog Schlüsse. Sie veröffentlichte Bilderserien, Artikel und Filme. Sie ließ sie hinter sich, wie sie Länder, Wüsten und Steppen hinter sich gelassen hatte. Horizonte, die sie einst magisch angezogen hatten, die in Worte gefasst in Ablagen und im Netz vor sich hindümpelten, nie wieder zum Vorschein kommen würden. Sie war müde. In Amsterdam machte sie Rast, sie kaufte ein kleines Haus und richtete sich ein, peu à peu. Sie hatte verlernt, wie das geht und tastete sich vor, kaufte eine alte Ledercouch vom Flohmarkt mit dicken Nieten, etwas protzig und auch erhaben, eine antike wackelige Stehlampe, einen soliden Holztisch zum Arbeiten, Nachdenken, Sortieren, Essen, einen alten abgeschrammten Eames Stuhl. Sie hatte das schon einmal getan, damals mit Jakob, diesmal tat sie es nur für sich selbst. Mit jedem Möbelstück richtete sie ihr neues Leben ein, die Fundstücke schoben sich in ihr Haus, Gefährten aus anderen Zeiten, anderen Leben, fremden Häusern, geliebten Menschen, so hielt sie Abstand von sich selbst, ihrem eigenen Leben und setzte sich immer öfter in diese Zwischenräume, eine, die ankommt, eine, die sesshaft wird – ein absurdes Vorhaben, dachte sie anfangs, bis es sich anfüllte, das Unbekannte, das sich zwischen ihr und der Welt zeigte.

»Wir verbinden uns über Bilder und Worte«, sagte sie zu Jakob.

»Nabelschnur der Entwurzelten«, erwiderte er in seiner lakonischen Art, traf mit Leichtigkeit ins Schwarze, traf sie dort, wo ein dumpfer Schmerz sich loslöste und ihren Kopf in Watte tauchte.

»Wir leben und arbeiten wie andere Menschen auch, aber wir setzen uns ständig neu zusammen«, zitierte Rebecca damals ihren Professor, schob ihn vor wie einen Schutzschild gegen Jakobs Treffsicherheit, die sie wütend machte, »ist dagegen etwas einzuwenden?«

Du entzogst dich, warst trainiert darin, dein Gefühl auszuschließen, dich zu vergraben, wenn wir heftiger diskutierten und am Ende doch Streit hatten. Die Diskussionen endeten darin, dass du auf der Couch schliefst und ich unser gemeinsames Bett für mich hatte. Wir lebten eine kurze Ehe, die es nie gab, eine Liebe, die nur bis an die Grenzen unserer Herzen reichte, die unsere Leidenschaft entzündete und uns verband, aber die nicht trug, nicht weit genug.

In der Leichtfüßigkeit, sich abzuwenden, einen anderen Weg zu nehmen, lag auch eine Kaltblütigkeit, so sah sie es heute, als sie noch mal zurückblickte. Jakob hätte es wohl als notwendigen Schritt bezeichnet. Vielleicht hätte er ihr erklären wollen, wie wichtig es nicht für ihn, sondern für sie sei, weil er mehr sehen konnte oder selbst gefangen war?

Jetzt erschien es ihr, als wäre die ganze Geschichte nur noch ein misslungenes Bild, das ein Maler überstreichen und neu zu zeichnen hätte. Schicht um Schicht. Überlagern, durchbrechen, neue Formen finden.

Doch angesichts der Versatzstücke, die anfallsartig aus dem Schatten ihrer Vergangenheit traten und ein hartnäckiges Eigenleben führten, war sie sich nicht ganz sicher, ob sie diese Zeit gut überstehen würde. Sie glaubte, ihre Erinnerung an die Täler einer anderen abgründigen Zeit hinter sich gelassen zu haben, all ihre Fragen, die keine wirkliche Antwort kannten. Sie sah sich mit einer inneren Eruption konfrontiert, die das heimatliche Terrain in ihr auslöste und begann diese Geschichte aufzuschreiben. Es war ein Reflex, eine Gegenwehr. Sie wollte den Bildern, die aus dunkel ruhenden Schichten empordrängten, etwas entgegensetzen, nutzte ihr journalistisches Handwerkszeug, trug Fakten zusammen und begann sich Notizen zu machen – als Jakob in ihre Stadt kam, sie sich das erste Mal begegneten, aus den Augen verloren und dann unter ganz anderen Umständen wiedertrafen. Dennoch konnte das, was sie an Material sammelte, nur lückenhaft bleiben und lediglich ein ungefähres Bild zeichnen, von dem, was geschah.

Je weiter sie zurückblickte auf jene Tage ihrer Kindheit und alles, was danach kam, desto mehr begriff sie, und das in einem weit größeren Ausmaß, als ihr lieb gewesen wäre.

3

Insel im indonesischen Archipel, Januar 2019

Wenn ich damals den Mut gehabt hätte, in Indonesien zu bleiben, wenn ich den Regungen meiner kindlichen Seele gefolgt wäre und meine Eltern in der Lage gewesen wären, diese innere Bewegung als Ruf zu verstehen, der mein Leben in andere Bahnen hätte lenken können, dann wäre unsere Geschichte keine Geschichte, sondern nur eine Möglichkeit unter vielen, die im Unterholz der Entwürfe verblieben wäre, ohne je ins Licht zu treten, ohne eine wahrnehmbare Form anzunehmen.

Der Wind trug eine zittrige Gaze-Wand vom Wasser aufs Land, wirbelte feuchte Luft umher, die in Spiralen aufwärts trieb, und langsam, während sich die Zeit auszudehnen schien, die Luft gen Boden trieb. Ibu Luh sah von ihrer offenen Küche, wie sich die Bewohner im Tempel in der Dorfmitte nach und nach versammelten. Der Regen tropfte in diesen Tagen in unsere Seelen und hinterließ eine Spur, die uns unbekannt war, eine Frequenz der Natur, deren Zeichen wir erst viel später zu deuten imstande waren. Es war das erste Mal, dass der Regen länger als gewöhnlich andauerte, ein Ende war nicht abzusehen. Luh war beunruhigt, was, wenn die Ernte zerstört würde? Es ginge wieder vorbei, wie andere Naturphänomene auch, sagten viele im Dorf. Sie beteten zu den Göttern und hofften, dass das Schicksal gnädig sein würde.

Luh sah Nengah und ihrer neuen Freundin vom Haus aus zu und kniete nieder neben dem Hausaltar, ihr war unwohl bei dem Gedanken, dass sie sich mit dieser Fremden einließ. Sie konnte sich nicht mal ihren Namen merken. Abends würde sie sich den Missmut ihres Mannes anhören müssen, und die Nachbarn redeten mal wieder hinter ihrem Rücken. Doch der Regen überlagerte ihre Bedenken wie das Grau der Wolken, das in diesen Tagen das tiefe Blau vertrieben hatte und den Himmel eigenmächtig ausfüllte.

Nengah rollte die weißen Kniestrümpfe, die ihr Rebecca an diesem Tag schenkte, wie einen Fremdkörper über ihre schmalen Waden und zog sie so lang, bis sie auch die Oberschenkel bedeckten. Die feuchte Luft tastete sich vorwärts auf ihre freien Hautstellen. Gänsehaut bildete sich auf den blanken, hellbraunen Unterarmen ihrer Freundin und sogar in ihrem Gesicht. Sie sah ihre Freundin gebannt an, sah in ihre mandelförmigen Augen, Nengah war anders als ihre Freundinnen in Norwegen, sie strahlte von innen und Rebecca sah dieses Licht auch im Außen, sie bewegte sich, als hinge sie an goldenen Fäden, Rebecca saugte die Szenerie in sich auf.

Nengah lief plötzlich auf die Seitengasse hinaus, zog Rebecca mit sich, riss sie aus dem Moment, der gerade begonnen hatte sich auszudehnen, sie begann sich zu bewegen, schloss die Augen und spürte die Regentropfen, die wie Perlen über ihr Gesicht liefen. Rebecca tauchte erneut in den Zustand der Beobachtung ein und fühlte sich trotzdem mit ihr verbunden, Nengahs Arme bewegten sich in Wellen auf und nieder, sie wuchsen wie Schlangen aus ihrem Körper und führten ein seltsames Eigenleben. Daran baumelten ihre Hände, die sich geschmeidig in alle Richtungen bewegten. Sie formte Kelche, Blumen und Fabelwesen, malte mit den Handflächen Geschichten und Bilder, und die Luft und der Regen ließen sich bereitwillig bewegen.

Rebecca, die zwei Jahre älter war, ahmte die fließenden Bewegungen Nengahs nach und fühlte sich dabei wie ein roher Klotz, der sich anstrengte eine Feder zu sein. Erschöpft und bis auf die Haut durchnässt, bummelte sie danach an der Seite Nengahs zurück zum Haus. Eine kräftige Suppe wartete dort auf ihre ausgedörrten Kehlen.

Ihre Mutter nahm Nengah zur Begrüßung in den Arm, schleuderte sie umher, erfasste dann auch Rebecca und rief aus, sie seien ab heute Luftmalerinnen, dabei vergaß sie ihren Unmut über das fremde Mädchen, das sie merkwürdig unverhohlen anstrahlte, während ihr das Wasser in feinen Linien aus den Locken tropfte. Ibu Luh schöpfte heiße Suppe in ihre Schalen, in trockene Tücher gehüllt, rückten Nengah und Rebecca näher aneinander, fühlten ihre Körper, Seite an Seite, wärmten sich aneinander.

Nengah stand für die Zweitgeborene, diejenige, die in der Mitte geboren wurde. Sie war erst fünf, bewunderte den Älteren und beneidete die Jüngere, die noch getragen wurde. An manchen Tagen wollte auch sie getragen werden. Doch heute war sie froh, schon groß zu sein und zu erforschen, was der Tag zu bieten hatte. Dass es regnete, war für diese Jahreszeit nichts Besonderes, aber dass der Regen nicht mehr aufhörte, war ungewöhnlich, bot für Nengah und Rebecca jedoch neue Abenteuer.

Ihr Bruder, der einige Jahre älter war, durfte schon die neu gegründete Schule am anderen Ende der Insel besuchen. Es war zwar beschwerlich, aber Wayan war gut zu Fuß, und nach ein paar Wochen hatte ihm der Vater ein Fahrrad besorgt, mit dem er die 20 Kilometer hin- und zurückfahren konnte. Das war ein ungeheurer Luxus, obwohl ihrem Bruder das Hinterteil schmerzte und er sich immer wieder neue Polsterungen überlegte. Einmal hatte er einer Straßenkatze einfach das Fell abgezogen, getrocknet und auf den harten Sattel gelegt. Ein Schuss, der nach hinten losgegangen war, denn nach zwei Tagen hatte Wayan einen eitrigen Ausschlag am Allerwertesten und konnte nicht einmal mehr auf einem Stuhl sitzen. Das bescherte ihm einige Tage zu Hause. Tragisch für seine Situation war, dass er stehen konnte, so musste er auf dem Feld und im Haus mitarbeiten, was ihm gar nicht gefiel, denn er hatte große Schmerzen. Ibu Luh meinte, wer Katzen das Fell abziehen könne, müsse auch Schmerzen ertragen, dass sei nur ein gerechter Ausgleich. Er verfluchte die Katze und behauptete, dass sie mit den Dämonen im Bunde gestanden hätte. Ibu Luh duldete solche Gespräche nicht und wies ihn streng zurecht, dass es wohl der Dämon der Bequemlichkeit gewesen sei, den er selbst verkörpere. Und er solle nicht fremde Mächte anklagen, von denen er offenbar nichts verstehe. Danach machte sie eine lange Pause, schaute zum Horizont über das Meer und murmelte einige unverständliche Sätze vor sich hin, deren Rhythmus an Gebetszeilen erinnerte und bereitete eine Opfergabe.

Nengah beschaute sich das Familientreiben in aller Ruhe, während sie mit dem Euter der Ziegen spielte und später Insekten in einem Glas fing. Sie liebte es, wenn sie in unterschiedlichen Tönen surrten und taumelig wieder und wieder gegen das Glas dotzten, bis sie zu Boden fielen und einschliefen. Sie sang ihnen dann ein Einschlaflied vor und wiegte das Glas in ihren Armen. Dass sie tot waren, wollte sie nicht wahrhaben und beharrte unter dem Schimpfen ihrer Mutter, dass die Seelen der kleinen Tiere bestimmt noch lebten, denn sie würde hören, was sie sagten.

Ihre phantasiebegabte Tochter brachte Ibu Luh manchmal zur Verzweiflung. Da sie die Zweitgeborene war, bekam sie zurzeit weniger Aufmerksamkeit als ihre Geschwister. Luh musste mit ihren Kräften haushalten. Nengah konnte daher unbeobachtet spielen und sich mit den Kindern des Dorfes treffen, am Strand herumlaufen und Sonne und Mond einfangen.

Im Moment lag Ibu Luhs Augenmerk auf Wayan, der dabei war, dem Kindesalter zu entwachsen. In ihren Augen war es die wichtigste Zeit, in der ein Kind Führung und Begleitung benötigte. Danach, wenn er innen und außen gestärkt wäre, würde er ganz von selbst seinen Weg gehen, ohne Mühe, ohne Klagen und Scheu.

Ihr Haus stand auf einem Hügel. Wie die meisten Inselbewohner der Ostküste wohnte Nengah mit ihrer Familie in einiger Entfernung zum Wasser aus Achtung vor dem Meer, seiner Unberechenbarkeit und in sicherem Abstand zur Laune der Götter. Die Eltern bauten verschiedene Gemüse, Bananen und Papaya in ihrem Garten an, hielten sich einige Hühner, und, was der Stolz der Mutter war, sie hatten eine kleine Ziegenherde. Sie waren einst der Reichtum ihrer Familie gewesen, den sie der einzigen Tochter mit in die Ehe gegeben hatten. Nengah hatte ihnen Namen geben wollen. Aber ihre Mutter wollte das nicht, sie solle sich nicht an Lebewesen binden, die sie später einmal essen würde.

Die Männer in ihrem Dorf lebten vom Meer, der Ozean war ihr Reichtum, an anderen Tagen ihr Verhängnis. Die meisten waren Fischer und hatten kleine Hütten am Strand, wo sie ihre Fischbeute säuberten, weiterverkauften und einen Teil für sich und ihre Familien behielten. In den frühen Morgenstunden zogen sie gewöhnlich mit ihren Holzbooten hinaus aufs Meer zum Fischen. Luh konnte sie vom Hügel aus erkennen, das Boot ihres Mannes, das in den Farben ihres Brautschmuckes gehalten war, ein leuchtendes Blau, Gelb und Rot. Heute sah sie keine Boote. Sie sah nur die Männer, die ihre Köpfe zusammensteckten, sich beratschlagten und wie ihre nassen Füße sich unter dem Palmendach abdrückten. Unter hundert Füßen würde sie seine erkennen. Sie zog ihren dünnen Schal über ihre Schultern und schlug ihn zweimal um den Hals. Sie rührte schweigsam in der dampfenden Suppe, die sie am Morgen aufgesetzt hatte. Auf dem Rücken trug sie ihr Jüngstes. Sie machte sich Sorgen wegen des Regens. Auch die Tiere wurden unruhig, sie drängten sich in der zum Sonnenschutz gebauten Bambushütte, die ihnen nun etwas Schutz vor der Nässe bot. Luh legte einige Decken über ihre Rücken. Wie lang der Regen wohl anhalten würde? Luh steckte ihre Hände unter die Achseln, um sich selbst Halt zu geben, stand dort einige Zeit und sah von innen in die Weite der Natur, nahm Verbindung auf. Als Nengah hereingesprungen kam, erschrak sie und deutete auf die Wolkenformationen.

»Ist es ein Zeichen?«, fragte Nengah.

»Es ist womöglich ein Zeichen der Götter.« Während ihre Mutter sprach, wurde sie ruhig. Dann verstummte Luh, sank erneut in ein Sehen hinter der Welt, spürte, dass sie nicht alles in der Hand hatten, dass die Natur und die Götter im Zusammenspiel agierten, in einem weiteren Horizont, als sie sich vorstellen konnte. In diesem Augenblick, der alles zu umfassen schien, und dem gleichzeitigen Zweifel angesichts dessen, was an diesem Morgen geschehen war, ihrer Angst, nicht überleben zu können, ihre Kinder nicht durchbringen zu können, womöglich alles zu verlieren - das alles löste sich auf, als sie diesen Satz zu ihrer Tochter gesagt hatte, der Raum und Zeit durchdrang. Vertraue, vertraue, hörte sie eine Stimme, schaute ihre Tochter mit Zuversicht und Ergebenheit an. Und auch Nengah verstand.

Rebecca machte sich auf den Weg in das angemietete Haus ihrer Eltern am anderen Ende des Dorfes, sie wollte wie gewohnt einen Abstecher durch die Reisfelder machen, musste sich aber neue Wege suchen, da sie bereits großflächig überschwemmt waren. Sie watete knöcheltief durch die Schlammmassen, die auf die Straßen strömten. Trotzdem genoss sie die ungewohnte Freiheit, in die sie auf Reisen eintauchte, obwohl sie sich beeilen musste, denn es war schon spät, die Dunkelheit kam immer plötzlich, fiel ihr vor die Füße und tauchte sie in ein langes tiefes Schwarz. Am Ende dieses Tages wartete eine Badewanne mit heißem Wasser auf sie, die ihre Kinderfrau vorbereitet hatte.

Lange nach Einbruch der Dunkelheit kamen ihre Mutter und ihr Vater von einem ihrer Besuche bei einer Familie eines wichtigen Regierungsbeamten zurück. Rebecca hörte den vorfahrenden Wagen, ihre Stimmen, die sich schrill an den grün getünchten Wänden brachen, konnte es in ihren Gesichtern lesen, dass es nicht so gelaufen war, wie gewünscht.

Henrik hatte schlechte Laune, kommandierte nicht nur die Dienstboten herum, sondern auch seine Tochter.

Ihre Mutter verfiel in das Aussehen eines Warans, der den ganzen Tag auf einem Fleck ausharren konnte, als sei er versteinert, und im geeigneten Moment losschießt, um seine Beute zu erlegen. Bevor sie sich in dieser reptilienartigen Erstarrung verfangen hatte, stieß sie noch hervor, dass er mal wieder noch etwas Zeit brauche, um die Verhandlungen für einen neuen Vertrag abzuschließen. Dabei sprach sie nur zu Rebecca, als gäbe es Henrik gar nicht und ihr Tonfall besagte, dass er unfähig war, ein Versager auf der ganzen Linie.

Ihr Vater schwieg dazu.

Rebecca tat es ihm gleich, während sie mit den Augen einen Gecko verfolgte, der leichtfüßig über die gegenüberliegende Wand dahinglitt. Die Verzögerung kam ihr gelegen. Sie wollte am liebsten hierbleiben und die Schwester Nengahs werden. Aber dafür war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Der Streit ihrer Eltern hing wie eine Wolke unter der Decke und verhinderte Gespräche, die ihre Zukunft in eine ganz andere Richtung lenken würden. Die Dienstboten servierten endlich das Abendessen und Rebecca vertilgte fettige Tofuspeisen, Reis an gebratenem Hühnchen mit diversen Gemüsesorten, deren Namen sie sich nicht merken konnte. Das Haus war nur notdürftig auf den Starkregen eingestellt, einige Häuser im Dorf hatte es bereits weggerissen. Die heiß zubereiteten Speisen taten an diesem Abend doppelt gut. Als Henrik und Evelyn wortlos den Raum verließen, entspannte sich die Luft und Rebecca versuchte den Gecko mit einem Stock aus seinem Versteck zu jagen. Die Dienstboten halfen ihr und sprachen Worte zu dem Tier, die sie nicht verstand, zwischendrin kicherten sie, als ob sie die Antwort aus dem Nirgendwo der Wände verstünden.

Später lag Rebecca unter ihrem Moskitonetz, zählte die Mücken, die draußen auf sie lauerten wie eine Armee, die auf den Befehl wartete, endlich losschlagen zu können, sobald sie die Augen schließen würde. Sie stellte sich vor, sie könne ihre Eltern davon überzeugen, auf der Insel zu bleiben. Sie hatte es sich in den Kopf gesetzt und wollte Tänzerin werden, so wie ihre Freundin. Als sie ihre Augen nicht mehr aufhalten konnte, gab sie widerwillig der aufkeimenden Müdigkeit nach, ließ den Gedanken an die Moskitoarmee los, hörte von Ferne die blechernen rhythmischen Töne der Musiker, die in der Nähe irgendwo musizierten. Die fremden Klänge des Gamelans sickerten angenehm in ihre Ohren, vermischten sich mit den trommelnden Regentropfen, führten sie zurück zu Nengah, ihrer Familie, dem Dorf, ein Teppich, der sich in einem unaufdringlichen Gong-gong-gunggang-ging unter ihren Träumen ausbreitete und sie in den Schlaf lotste.

Lange nach Sonnenuntergang kam Nengahs Bruder völlig durchnässt aus der Dorfschule nach Hause, er war aufgeregt, er wisse, wie Schnee entstehe. Der Lehrer habe es an die Tafel gemalt, es sei wirklich einfach.

Luh unterbrach ihn, er solle sich beruhigen und erst einmal waschen, im Dorf treffe man sich heute Abend zu einem gemeinsamen Gebet und der Vater wolle, dass die ganze Familie mitgehe. »Als eine der ältesten Familien im Dorf dürfen wir nicht fehlen und kein Wort von der Schule und dem Lehrer, hier geht es um etwas anderes.«

Nengah nickte dazu, legte ein unschuldiges Gesicht auf und gab ihm mit den Augen einen Wink, er solle nach draußen kommen. Sie brannte darauf, zu erfahren, was ihr Bruder an Neuigkeiten aus der Schule mitgebracht hatte. Dass es Menschen gab, die alles auf der Welt erklären konnten, war ihr fremd.

Ihre Mutter bekräftigte sie darin, »man kann nicht alles erklären und man muss nicht alles verstehen.« Ibu Luh sagte diese Sätze mit so viel Ruhe und Klarheit, dass es Nengah durchaus einleuchtete, aber mehr auf einer Gefühlsebene. Manchmal hatte sie den Eindruck, ihre Mutter, die nur wenige Jahre zur Schule gegangen war, wisse mehr als ihr Bruder.

Sie trafen sich in ihrem Versteck hinter den Ziegen, dort gab es in einiger Entfernung ein altes Pendopo, unter dem sie zusammenkamen, wann immer es etwas zu besprechen gab, das nicht für alle Ohren und Augen der Familie bestimmt war. Aus Baumresten hatten sie sich kleine Sitze gebaut, es war ihr geheimes Zimmer in der Natur. Nengah knipste die Taschenlampe an, legte ein dünnes Tuch über die Lampe, um den Lichtkegel etwas zu streuen, setzte sich auf einen quer liegenden Baumstamm, ließ ihn unter sich hin- und herrollen, stützte die Ellbogen auf die Knie und wartete geduldig, bis Wayan sich in Position gebracht hatte.

Ein unbestimmter Teil seines Körpers eiferte dem Lehrer nach, der jeden Tag vor der Tafel ihrer etwas heruntergekommenen Schule stand und versuchte, der Klasse Sprache, Mathematik und Geographie zu erklären. Gleichzeitig spürte er, dass er es war, der vor Nengah trat, der sich wohlfühlte darin, sein frisch erworbenes Wissen an seine Schwester weiterzugeben, die er, in dem Moment, als sie sich niederließ, für den Bruchteil eines Augenblicks nur als den Umriss ihres kleinen Körpers wahrnahm, der sich erweiterte in eine unbekannte Ferne.

Wayan nahm den dünnen langen Stock, den er sich für seine Vorträge geschnitzt hatte. Er wies damit in den Himmel und deutete auf eine Wolke, die Nengah im Dunkel der Nacht kaum erkennen konnte. »Das ist das Zuhause der Schneeflocken«, sagte er. Er malte eine Wolke in die Erde. »Weißt du, wie kalt es in einer Wolke ist?»

Nengah rollte mit den Augen. »Nein, du wirst es mir aber bestimmt gleich sagen.«

»Richtig«, Wayan schmunzelte über ihre Ungeduld, die er von sich selbst kannte. »Die Temperatur in den Wolken ist natürlich je nach Wetterlage unterschiedlich. Bei Temperaturen um minus 10 °C entstehen Eiskristalle, wenn gleichzeitig die Luft feucht ist, also mit Wasser angereichert ist.« Er erklärte ihr zunächst, was Minusgrade sind, denn davon hatte sie noch nie gehört.

Nengah rieb sich die Stirn, als würde sie nachdenken und vertrieb mit der anderen Hand ein Rieseninsekt, das sich dazu-gesellt hatte und um ihren Kopf schwirrte.

Wayan war sich nicht sicher, ob sie nur so tat oder wirklich nachdachte, daher fuhr er einfach fort, davon zu berichten, wie es ihm sein Lehrer erklärt hatte, und baute spontan neue Varianten ein, um es Nengah leichter zu machen, worüber er selbst überrascht war.

»Du hast doch schon mal gesehen, wie Mutter eine Suppe kocht?«

»Klar, heute Morgen«, Nengah setzte sich aufrecht hin.

»Siehst du, das, was da dampfend aufsteigt, ist Wasserdampf.« Dabei bewegte er den Stock wie ein Zauberer in der Luft.

»Riecht aber nach Suppe«, triumphierte Nengah.

»Stimmt, gut beobachtet, stell dir vor, es ist nur Wasser, das Mutter kocht, dann hast du puren Wasserdampf. Jetzt steigt der Wasserdampf in eine kalte Wolke, und es entstehen Eiskristalle. Klar?«

»Klar, obwohl, dann gibt es da oben ganz viele Kochtöpfe, die uns auf die Köpfe fallen können.«

»Das war nur ein Beispiel, damit du es besser verstehst.« Wayan tippte sich bedeutungsvoll an den Kopf und malte eine mehreckige Form in die Erde. »Eiskristalle haben immer sechs Ecken, siehst du.«

Nengah zeichnete die Form nach, legte einige Blätter herum, bis sie wie eine riesige Blüte aussah.

»Ja, so ähnlich, das ist schon sehr gut. Diese Eiskristalle gehen nun zusammen mit anderen Eiskristallen«, er deutete auf die im Staub liegenden Blätter, »sie werden Freunde und tun sich zusammen zu großen Schneeflocken, die die Wolke verlassen und auf die Erde fallen.«

Ibu Luh stand plötzlich vor dem Busch, zerteilte die Äste und steckte ihren Kopf hindurch, er solle es nicht übertreiben mit seinem Lerneifer und ob er sich damit wichtigtun wolle. Es sei Zeit, sich umzuziehen. Morgen müsse er sowieso zu Hause bleiben, wegen der Totenzeremonie eines Verwandten. Nengah sah, dass Wayan etwas erwidern wollte, dass er sich nicht verstanden fühlte, aber bevor er sich über sie erheben würde, schwieg er, schluckte seine Wut herunter.

Nengah lebte auf diese Weise in zwei Welten, sie konnte sowohl die eine gewährende als auch die nach Wissen hungrige aufnehmen und in sich wirken lassen.

Wayan hatte sich bereits in jungen Jahren entschieden, er wollte die Welt erforschen. Er hatte keine Lust, alles den Göttern zu überlassen und misstraute den Beschwörungen und Gebeten der Alten. Seine Lehrer erkannten seine Talente und seinen starken Willen. Sie unterstützten ihn in seinem Lerneifer, wo immer es nur ging.

Nengah sah den Klassenlehrer wiederholt bei ihrem Vater vorsprechen, er gab dann vor, zufällig in der Gegend gewesen zu sein, alles andere hätte Pak Adi überfordert, er lebte mit Ibu Luh in einer Wolke der Bescheidenheit. Dass Wayan später auf eine Universität gehen sollte, darüber schüttelte er immer wieder den Kopf, es schien alles andere als möglich zu jener Zeit, so viel Geld besaß die Familie nicht.

Pak Adi erlebte aber, dass Wayan mit der Zeit nicht nur die Familie, sondern das ganze Dorf unterrichtete. Dieser Wandel war anfangs wie ein schwerer Kuchenteig, der jeden Tag mehr aufging und fortan seinen Geschmack immer weiter verfeinerte. Aus Bescheidenheit wurde Stolz.

Die Männer rauchten, die Frauen servierten kleine, selbstgemachte Süßigkeiten und reichten Tee dazu. Ob die Dorfbewohner wegen des Lernstoffs kamen oder viele doch nur wegen der köstlichen Reisrollen, ausgebacken in Palmensirup, die Ibu Luh stets beisteuerte, und der gemeinschaftlichen Runde, die sich anbot, um die neuesten Gerüchte und Geschichten auszutauschen, blieb höflich im Dunkel persönlicher Neigungen. Tatsache ist, es wurde ein neuer Brauch im Dorf. Wenn Wayan mit seinem Zeigestock gegen die Dorfglocke schlug, strömten alle aus ihren Häusern.

Nengah wuchs heran und verstand immer mehr von dem, was bei diesen Zusammenkünften besprochen wurde. Damals blieb die anwesende Frage über den Köpfen hängen, was der Mensch ausrichten könne, gegen das, was die Natur hervorbrachte, und ob Wayan nicht doch anmaßend sei, sich so strikt auf die Seite der Wissenschaft zu stellen, wenn es darum ging, die immer wieder auftretenden Tsunamis an den Küsten Indonesiens zu erklären, die nicht nur Sorge und Anteilnahme auslösten, sondern für hitzige Debatten sorgten. Die Meinungen waren geteilt, in der Regel ging es Fünfzig zu Fünfzig aus. Die einen gaben ihm recht, ja, es gebe globale Einflüsse der Industrieländer und die ungebremste Emission von Treibhausgasen erwärme das Klima immer weiter. Es sei durchaus vorstellbar, dass durch die fortschreitende globale Erwärmung die festen Schichten der Erde in Aufruhr geraten könnten und damit Erdbeben, Vulkanausbrüche und eben diese fürchterlichen Tsunamis ausgelöst würden.

An dieser Stelle atmete die Gemeinde auf, denn das Wissen, das Wayan ihnen zur Verfügung stellte und in das Feld der dörflichen Debatten führte, machte sie weit, ließ sie strahlen, ebenso wie Wayan. Selbst sein Vater lernte mit der Zeit, sich Namen von Professoren und Forschern zu merken und sich geschickt hervorzutun, in dem er überraschende Zitate anbrachte, wenn es nötig war.

Aber dennoch sei die Verschiebung der tektonischen Platten die Hauptursache gewesen für die Riesenwellen. Und warum diese sich verschoben und seltene Verwerfungen unterseeisch hervorriefen, das blieb für die andere Hälfte im Dorf mysteriös. Insofern müsse man alle Einflüsse in Betracht ziehen und könne in dem einen wie dem anderen Fall so etwas wie Schicksal und Fügung nicht außer Acht lassen.

Wayan gab denen recht, die plausible Argumente vorbrachten. Diejenigen, die nur abwiegelten und ihn als Ungläubigen hinstellen wollten, weil er die Macht der Götter anzweifelte, redete er in Grund und Boden.

Nengah war stets mittendrin und verfolgte das Geschehen auf dem kleinen Dorfplatz, oft war sie hin- und hergerissen, war mal für die eine, mal für die andere Seite. Sie sah Wayan zu, wie er älter und klüger wurde und war sich sicher, dass er später studieren und ein Professor von hohem Rang werden würde. Sie hatte den Lehrer davon reden hören, er würde ihn dann besuchen in großen Städten, und sie stellte sich vor, dass auch sie über die Grenzen ihrer Insel hinauskäme.

Sein Vater schwieg dazu, er sah seine Fortschritte und wollte seinen Sohn nicht bremsen. Er war stolz auf seine Klugheit, die er seiner Meinung nach von ihm geerbt hatte, und musste sich gleichwohl vor den Priestern des Dorfes rechtfertigen, wo denn sein Sohn blieb, wenn religiöse Feste und traditionelle Zeremonien abgehalten wurden.

Ibu Luh blieb misstrauisch über so viel Enthusiasmus, der nur aus Büchern stammte und hielt ihn an, bescheiden zu bleiben, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind und nicht übereifrig sich in etwas hineinzusteigern, was womöglich nicht zu erklären war.

Eines Tages tauchten einige deutsche Wissenschaftler auf, Wayan war nicht mehr zu halten. Er bot sich für Hilfsdienste jeder Art an, war der Einzige im Dorf, der mehr als ein paar Brocken Englisch konnte, führte die Leute im Dorf herum und war immer zur Stelle, wenn es irgendetwas zu besorgen gab. Nengah sah ihm an, wie er vor Neugier fast zerplatzte. Er war so begeistert, dass er die Leute einfach mit nach Hause brachte und die gesamte Familie in Bedrängnis brachte. Nun hatte Ibu Luh fünf wildfremde Menschen zu verköstigen, was ihre schmalen Küchenvorräte kaum hergaben. Sie ließ sich nichts anmerken, schickte Nengah zu den Nachbarn, um Reis, Gemüse und Obst auszuleihen und zauberte eine Speise, die sie auf Bananenblättern servierte und die unter der Beigabe von Kokos herrlich dufteten.

Die Gruppe stammte aus Potsdam und war damit beauftragt, im indischen Ozean neue Messgeräte innerhalb des Frühwarnsystems für Tsunamis zu installieren.

Dass es die Regierung geschafft hatte, eine deutsche Forschergruppe hierher zu lotsen, um ein kompliziertes technisches System auf die Beine zu stellen, war man von den einheimischen Behörden nicht gerade gewöhnt. Sie begannen ihre Arbeit und erneuerten im Indischen Ozean ein Netzwerk aus Seismometern und Messgeräten, die den Meeresspiegel eruierten, dazu Bojen, die über Satelliten miteinander verbunden waren. Starke Seebeben sollten auf diese Weise nun auf dem aktuellsten Stand der Technik von Indonesien bis Sri Lanka lokalisiert und geprüft werden, ob in der Folge mit einem Tsunami zu rechnen sei. Ob diese Informationen auch die Menschen auf den betroffenen Inseln rechtzeitig erreichen würden, blieb eine vage Hoffnung. Die Inselbewohner waren in diesem Punkt skeptisch, hatten doch in der Vergangenheit die regionalen Warndienste in den Provinzen meist versagt, wenn es sie überhaupt gegeben hatte.

4

Jakob

Zu jener Zeit lebtest du in Deutschland, in Unterfranken, in einem Dorf, wo die Leute Landwirtschaft betrieben. Deine Mutter war recht freizügig in ihrer Jugend – sie hatte viele Männer, sie hatte Spaß an der weiblichen Lust, die sich hingab und mit dem Mann verschmolz, in ihrer Hingabe lag ihre Unschuld und Kraft. Sie kannte deinen Vater angeblich nicht, so erzähltest du es mir. Sie zog vom Land in die Stadt, weil sie sich dort sicher vor dem Gerede des Dorfes fühlte, tauchte in die Anonymität der Stadt ein, die ihr auf andere Art Geborgenheit gab, unentdeckt im weitläufigen namenlosen Terrain. Was es mit dir gemacht hat, darüber hast du nie geredet, waren wir zu jung und fanden später keine Zeit? Weil andere Dinge in den Vordergrund traten und du womöglich nie gelernt hattest, darüber zu reden, Sätze zu formulieren, die dein verwundetes Kinderherz hätte aussprechen wollen. Und wäre ich diejenige gewesen, die dich erhört hätte? Hätte ich dir Linderung verschaffen können? Aus heutiger Sicht, waren wir wie zwei Planeten, deren Umlaufbahnen sich nur für kurze Zeit berührten, eins wurden, einen gemeinsamen Weg erahnen ließen, während andere Kräfte an uns zogen und uns zurückkatapultierten in verschiedene Richtungen, du hier, ich da lang, auseinandergerissen, atemlos, kraftlos. Zurückgelassene, die sich mühsam wieder aufrappelten, zu Kräften kommen und ihre Widerstandskraft nähren mussten. So wie der Planet mit seiner Erneuerung rang, Jahr um Jahr, Katastrophe um Katastrophe. Resiliente Strukturen, die hier wie da weniger Auftrieb erhielten. Die Aussichtslosigkeit, wieder aufzubauen, schwächte unsere Körper, unsere Seelen und auch der Körper der Erde knickte ein, die Seele der Erde wurde schwach.

Es ist September 2008. Emma Kellermann liegt auf dem Rücken, ihr Unterleib ist aufgebläht und fühlt sich an, als ginge etwas in ihr vor, was sie nicht mehr in der Hand hat. Es gibt keinen Ausweg, das ist jetzt sicher, sie klammert sich an diesen kleinen absurden Gedanken und folgt nur noch dem Schmerz, der sie in Intervallen heimsucht, quer durch ihren Körper jagt, immer weiter reitet, zu jeder einzelnen Zelle vordringt und sie gleichzeitig am Leben hält, sie vergisst zu atmen. Sie bewegt sich weiter fort, ihr Körper ufert aus, irgendjemand schreit sie an, sie solle endlich atmen, sie vernimmt Welten entfernt und im selben Moment unerträglich nah wie Fleisch das eigene Fleisch zerreißt, ein dumpfer, vernehmbarer Ruck macht sie weit. Jakob rast in die Welt, der zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht Jakob heißen kann, weil seine Mutter noch kaum eine Ahnung hat, ihn als ihr Kind anzunehmen, ihn mehr oder weniger als Bauchgrummeln wahrgenommen hatte, bis sie bemerkte, dass das Grummeln nicht aufhörte, dass ihr Bauch wuchs, täglich, und trotz Essensverweigerung er immer noch wuchs, am Ende kurz vor dem Platzen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt muss sie der Tatsache ins Auge blicken, dass durch das, was gerade mit ihr geschieht, etwas unwiderruflich in ihr Leben treten wird, etwas Lebendiges, zunächst Klebriges, dann Schreiendes und etwas, das Nächte durchbrüllen wird. Blitzartig, so scheint es ihr, sind diese enorm langen neun Monate vorbei, und etwas fällt aus ihr heraus, was alle »süß, goldig, ach, was für große Augen, ganz die Mama«, nennen. Wohingegen Emma mit diesem Bündel, das gurrende Laute von sich gibt, wild strampelt und wirr durch die Gegend glotzt, nichts anfangen kann. Der Name Mutter brennt ihr auf der Zunge, sitzt auf ihrem Arm und zwirbelt sich bei jedem Dokument, das sie auszufüllen hat – die Mutter? Sind Sie? – wie ein bohrender Schmerz mitten in ihre Eingeweide, womöglich bis dorthin, in die Eierstöcke, wo das vor sich hindösende Ei sich vollkommen unbesonnen auf den Weg gemacht hatte, nachdem sich das Sperma von einem Mann, den sie kaum kannte, aus einer kosmischen Laune heraus losgelöst hatte. Eine seltsame Übereinkunft wie Emma findet, hirnlos, auf einer rein zellulären Ebene, die nichts mit ihr, ihrem Leben und ihrer Zukunft zu tun hat.

Emma bohrt ihren Schrei durch die Wände des Kreißsaals hindurch, als das Bündel aus ihr hinausflutscht.

Jakob. Das ist eigentlich nicht sein richtiger Name, sondern ein Unfall, der geschieht, als die Krankenschwester das Geschlecht festgestellt hat, und aus Beiläufigkeit und geheucheltem Interesse fragt, wie soll er denn heißen, und ohne höflich abzuwarten, wie es wohl zu erwarten gewesen wäre nach einer so schnellen Geburt, gleich hinterherträllert, er sehe aus wie Jakob, und noch dazu stolz ihre Brust durchdrückt, als habe sie hellseherische Fähigkeiten oder zumindest den sechsten Sinn. Emma will etwas einwenden, aber sie ist zu schwach und zischelt etwas zurück, was die Krankenschwester als Ja deutet. Ab da heißt das Bündel Jakob. Emma Kellermann gibt sich geschlagen. Und Jakob bleibt, sowohl der Name als auch das Bündel. Er geht in die Geschichte des Krankenhauses ein als der doppelte Jakob, weil er so viel wiegt wie zwei Babys und man eigentlich mit Zwillingen gerechnet hat. Hinzu kommt, dass Zwillinge es nicht so leicht im Leben haben, weil sie sich beständig an sich selbst erinnert fühlen, wenn sie ihr Geschwisterchen anblicken. Dass Jakob alleine gekommen ist, macht die Sache nicht einfacher für ihn. Eine Selbstverwirrung ist von Anfang an vorprogrammiert. Für Emma ist es ein kleiner Trost. Zwei Bündel hätte sie mit ihren 18 Jahren kaum ertragen. Ein seltsames Manko haftet an ihm, als fehle ihm etwas, das zu ihm gehört und ihn ganz gemacht hätte, was aber nicht zu orten ist. Es bleibt ein Gefühl, die Vermutung einer Mutter, die ihr Bündel, das sie irgendwann in einem nicht mehr zu unterdrückenden Anfall von Liebe Odo nennt.

So wurde er lange Zeit nicht Jakob genannt, außer auf den Dokumenten, die ihn offiziell durchs Leben trieben, von der Geburt über den Schulabschluss bis zur Universität, und wenn er in der Schule scheinbar vor sich hinträumte, sich herausgenommen hatte, um für sich zu sein: »Jakob«, rief sein Lehrer, »Jakob«, wiederholte er nun lauter, er schreckte hoch. Er konnte sich nur widerwillig von dem Blick ins Leere lösen, festgesogen in einer unbekannten Ferne, die ihm Halt zu geben schien. So wie sein Name flüchtig blieb, der von der Krankenschwester, so blieb die Leere und manifestierte sich als eine dünne, unsichtbare Schicht, die ihn von der Welt trennte.

Der Anfang verhieß nichts Gutes. Vielleicht hätte sogar eine ausgemachte Kindheitsneurose auf ihn gewartet, eine, die ihn zwangsläufig zu einem Psychologen geführt hätte, einer, der ihm Heilung versprochen hätte, ihm vor Augen geführt hätte, woran er litt, ihn frühzeitig aufgeklärt hätte über die Aussichtslosigkeit ein normales Leben führen zu können, bei solch ungünstigen Bedingungen, das Licht der Welt zu erblicken. Aber Odo erwies sich zäh und robust. Er entwickelte sich, anders als zu erwarten war, normal. Zumindest hatte es für einige Zeit den Anschein. Er fiel nicht auf, galt allgemein als eigenwillig, aber harmlos. Er hatte von seinem ersten Atemzug an gelernt, allein zu sein. Er blieb halb. Seltsamerweise führte seine trotz allem freudige Natur als Kind dazu, dass Emma zufriedener wurde, ihre Schmach, von einem, der sich verleugnete, geschwängert worden zu sein, vergaß und Odo behandelte, als jemanden, der ihr vorlebte, dass das Leben aufregend ist und jeden Tag neue Überraschungen zu bieten hat. Gegen die kindliche Natur konnte auch Odo nichts ausrichten. Er erholte sich wider Willen. Als er bemerkte, dass es seiner Mutter guttat, dass sie sogar manchmal anfing zu lachen, ließ er diese leichte Seite immer öfter zu, und das Lächeln seiner Mutter zeichnete sich allmählich auch auf seinem kleinen runden Gesichtchen ab. So ist Odos Leben in eigenartigen Bögen verlaufen, er konnte einstecken, sich verstecken, und er hatte ob der Hoch-und Talfahrten gelernt sich zu schützen. In diesen sonnigen Zeiten, wo oberflächlich betrachtet, alles glatt lief, erholte er sich, tankte auf, als hätte er von Geburt an, mit Aufnahme der Muttermilch gelernt, alles, was ihn nährte, doppelt und dreifach in sich aufzusaugen. So ging er aus jeder guten Phase seines Lebens gestärkt hervor und hatte sich ein ganz eigenes, vollkommen unbewusstes Rettungskonzept angeeignet, eines, das wie ein Parasit, sich andockte an jene Zustände, die ihm ahnungslos und ohne wirkliche Kenntnis seiner Lage, Linderung verschafften.

Emma hatte stets darüber hinweggesehen, wenn Odo seine Ausbrüche hatte. Sie hatte einen ihr eigenen Gleichmut entwickelt, das zu tolerieren, was bei Odo zum Vorschein kam. Sie lernte, dass man Unheil nicht verhindern kann. Man müsse doch froh sein, dass es nicht schlimmer gekommen ist und es sei außerdem ein Gottesglück, dass er äußerlich unbeschadet zur Welt gekommen ist. So hatte sie es dem Arzt gesagt, wenn es Wunden zu heilen gab, solche, die er, Odo, anderen zugefügt hatte.

5

Rebecca und Jakob

Als ich dich das erste Mal sah, spieltest du bei uns im Sandkasten, in deiner altmodischen Lederhose warst du aus der Zeit gefallen und in diesem Sandkasten gelandet, ein Zeitloch, eine unerklärliche Raumverschiebung. Ich erinnere mich, mein Körper zitterte. Ich klammerte mich so fest ich konnte, während ich dich nicht eine Sekunde aus den Augen ließ, an die Hand meiner Kinderfrau. Ich hatte dich noch nie in unserer Gegend gesehen. Aso war misstrauisch, ich hörte es an dem Tonfall ihrer Stimme, die dich ermahnend ansprach, wie du denn heißen würdest, wo du herkämst, und was du hier im Sandkasten zu suchen hättest, du seist doch schon viel zu groß.

Du lachtest breit, stemmtest deine Hände in die Hüften, taxiertest uns eine gefühlte Ewigkeit und liefst dann weg.

Ich hatte das erste Mal in meinem Leben Angst. Aso versuchte mich zu beruhigen, doch ich war außer mir und weinte. Mutter stellte Aso am Abend zur Rede, was denn passiert sei, warum sie nicht aufgepasst habe. Was sollte sie sagen, es war nichts passiert. Später wusste ich, es waren deine Augen, die mich mit einer nie zuvor empfundenen Intensität angesehen hatten. Ich sprach mit niemandem darüber, tief in mir empfand ich eine fremde, bebende Stille.

Am nächsten Tag, es war ein Freitag, erwog Rebecca ihre Optionen, das Haus ungesehen zu verlassen. Sie wollte diesen Jungen unbedingt wiedersehen. Dass sich Aso für einen Arzttermin frei genommen hatte, spielte ihr in die Karten, sich an den Securityleuten vorbei aus dem Haus zu stehlen. Ihre Mutter war mit wichtigen Telefonaten beschäftigt – und für mindestens zwei Stunden nicht ansprechbar. Ihr Vater war wie immer in Sachen Königshaus unterwegs und kümmerte sich um die Sicherheit des Palastes. Seitdem immer mehr Klima-Flüchtlinge ins Land kamen, hatte er mehr als sonst zu tun und arbeitete abends noch zusätzlich für Unternehmen und Privatleute, die das Bedürfnis hatten, sich aus eigener Initiative zu schützen.

Sie trug Jeans und T-Shirt und hatte sich ihr rotes Halstuch um den Kopf gebunden. Ihre Hände hingen lässig in den Hosentaschen. Als sie Richtung Spielplatz ging, eroberte sie sich Schritt für Schritt eine andere Welt, die nach ihr zu rufen schien. Er war einige Jahre älter als Rebecca. Dass er noch mal gekommen war, deutete sie als ein Zeichen.

»Wie ist dein Name?«, fragte sie ihn und wandte sich ihm nun zu. »Du hast gestern nicht geantwortet, als Aso dich fragte, du bist weggelaufen, machst du das immer so?«

Der Junge schaute sie fragend an: »Das waren jetzt zwei Fragen, welche Antwort möchtest du zuerst hören?«

»Nummer eins«, antwortete Rebecca.

»Ich heiße Odo«, sagte der Junge, der heute viel normaler aussah als gestern, er hatte eine Jeans an und trug ein kariertes Hemd.

»Odo, was ist das für ein Name, woher kommst du, dass du einen solchen Namen trägst?« In ihrem Inneren drehte und wendete sie diesen Namen, den sie zum ersten Mal hörte, der in ihr einen Klang wachrief, unendlich und weit.

»War die Idee meiner Mutter. In meinem Pass steht ein anderer, Jakob, gefällt er dir besser?«

Das, was sie empfand, konnte sie nicht in Worte fassen, es war noch nicht einmal ein wirklicher Gedanke, es war nur der Hauch einer Ahnung, ein Kribbeln an den Fingerspitzen.

»Schwer zu sagen, Jakob klingt gewöhnlich und Odo erinnert mich an ein Frettchen,« sie lachte laut, »ja, du bist ein Frettchen mit einem bösen Blick.«

Odo erschrak. »Was meinst du damit?«

»Hast du auch einen Nachnamen, oder stolzierst du als Odo auf vier Pfoten durch die Gegend«, neckte sie ihn.

»Odo reicht wohl«, erwiderte er ernst.

»Ich bin Rebecca Lund und in meinen Adern fließt blaues Blut« – sie machte eine gekünstelte Pause – »falls dir das etwas sagt.«

»Keine Ahnung, was du meinst.«

»Mein Blut ist rot«, dabei ritzte er sich blitzschnell mit einem Messer, dass er offenbar irgendwo am Unterschenkel ebenso schnell herausgezogen hatte, in den Unterarm, und das Blut rann auf seine Hose. Dann tippte er in Zeitlupentempo mit dem Finger in das Blut auf seinem Arm und schrieb seinen Namen auf ihren Unterarm.

Rebecca war so überrascht, dass sie mit offenem Mund die Szene verfolgte und geschehen ließ, was er mit ihr tat.

»Damit du mich nicht vergisst«, sagte er.

»Klar«, brachte Rebecca nur heraus. Sie war immer noch ohne Reaktion, was für sie ganz und gar untypisch war. Sie starrte auf die Buchstaben auf ihrem Unterarm – und fühlte sich gebrandmarkt wie ein Tier.

»O-d-o«, sagte sie, als müsste sie die Buchstaben einzeln zusammensetzen und im Sprechen wieder Boden unter den Füßen gewinnen.

Odo beobachtete ihre Reaktion, sah, dass etwas in ihr vorging. »Ich muss jetzt gehen. Meine Mutter wartet auf mich.«

»Und dein Vater?«

Er druckste herum, »den gibt es nicht.«

»Mach keinen Quatsch, jeder hat doch einen Vater, sonst wärst du ja nicht auf der Welt«, sagte Rebecca, die sich mit jedem Wort aus ihrer inneren Starre löste.

»Das schon, aber ich kenne ihn nicht.« Odo schaute zu Boden, es war ihm peinlich, er wollte ein ganz normaler Junge sein. Dass er keinen Vater vorweisen konnte, ärgerte ihn jetzt. Hätte er doch nur irgendeine Geschichte erfunden.

»Auf Wiedersehen« – er machte eine Pause, als suche er nach einem bestimmten Wort – »kleine Rebecca« kam heraus, er lächelte sie etwas schief an.

Rebecca bemerkte, wie er sich veränderte, sein böser Blick, wie Aso gesagt hätte, war verschwunden und sie sah einen Jungen, den sie gerne umarmt hätte. Sie tat es nicht. »Mach’s gut, vielleicht sehen wir uns mal wieder.«

»Gut möglich – morgen um die gleiche Zeit?«, platzte es aus ihm heraus.

»Hm?« Rebecca überlegte, ob ihre Eltern etwas vorhatten, und wenn schon. »Okay«, erwiderte sie.

Auf dem Heimweg kamen ihr die Securityleute entgegen und sammelten sie ein. Drückten sie harsch und sichtlich schlecht gelaunt auf den Rücksitz der Limousine.

»Haben wir wieder Räuber und Gendarm gespielt«, bemerkte der eine zynisch, der sich Bill nannte und vor Muskeln kaum laufen konnte.

»Aus diesem Alter bin ich raus«, antworte Rebecca, rückte ihren Kopf nach oben und sah demonstrativ aus dem Fenster. Sie zog ihr T-Shirt bis zu den Handgelenken hinunter und legte ihre linke Hand auf den rechten Unterarm, dort, wo sein Name stand. Der Name eines Unbekannten, von dem sie noch nicht einmal wusste, wo er wohnte und wie er mit Nachnamen hieß.

Zu Hause angekommen hätte sie etwas dafür gegeben, ihrer Mutter nicht zu begegnen. Sie stand bereits in der Tür, als die schwarze Limousine über die Kieselsteine rollte und zum Stehen kam. Rebecca wartete, bis ihr Bill die Tür öffnete, und stieg mit gesenktem Kopf aus. Ihre Mutter wollte sich vor den Angestellten keine Blöße geben und wartete, bis sie im Haus war, bevor sie Rebecca zur Rede stellte, ihr befahl, sich sofort umzuziehen und ihr zwei Wochen Hausarrest verordnete. Das heutige Abendessen konnte Rebecca auch vergessen, was dumm war, denn sie hatte nach solchen Ausflügen immer großen Hunger. Über Odo sagte Rebecca keinen Ton.

Am nächsten Morgen überlegte sie, wie sie sich waschen konnte, ohne ihren rechten Unterarm zu berühren. Sie wickelte ihn in eine Plastiktüte, steckte den Duschkopf auf die Halterung, stellte das Wasser nur schwach an und seifte sich mit der linken Hand ein. Den rechten Arm hielt sie waagerecht geradeaus, sodass er aus dem Duschvorhang herauslugte. Plötzlich spürte sie eine Hand am Armgelenk, die zufasste und ihr den Arm herumdrehte. Rebecca jaulte auf. Es war ihre Mutter, die jeden einzelnen Buchstaben laut vorlas, weil sie das Wort nicht verstand. O-D-O: Was soll das Rebecca? Wasch dir diesen Unsinn sofort ab, sonst verlängere ich den Hausarrest um weitere zwei Wochen. Rebecca zog ihren inzwischen kalten Arm in die Dusche, das getrocknete Blut vermischte sich mit dem Wasser und die Buchstaben wurden wie Wachs auf ihrem Arm, bevor sie hinunterliefen, eine rote Spur in dem Duschbecken zogen und strudelförmig im Ausguss verschwanden.