Im Schatten der Rose - Ulrich Wenzel - E-Book

Im Schatten der Rose E-Book

Ulrich Wenzel

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Beschreibung

Berlin im Sommer 1961. Der kalte Krieg tobt in der Stadt. Immer mehr Menschen nutzen das letzte Schlupfloch und verlassen die DDR über die noch offene Sektorengrenze. Die Staatssicherheit der DDR und Westberliner Organisationen führen einen erbitterten Kampf gegeneinander, während das DDR-Regime in Zusammenarbeit mit der sowjetischen Besatzungsmacht Maßnahmen einleitet, um den Flüchtlingsstrom zu beenden. Der bei der Westberliner Tageszeitung TELEGRAF und beim Radiosender RIAS arbeitende Journalist und Hobbysegler Curd Barlow kann sich in diesen turbulenten Tagen über Arbeit nicht beklagen. Es ist sein Thema, denn auch er hatte die DDR in einer aufwühlenden Zeit verlassen – am 17. Juni 1953. Bei einem Feierabendbier mit Kollegen in einer Schöneberger Kneipe lernt Barlow die Sekretärin Esther kennen und verliebt sich in die attraktive Frau. Nach ein paar gemeinsamen Wochenenden glaubt er fest an eine neue Beziehung, nachdem seine alte Partnerschaft ein halbes Jahr zuvor in die Brüche gegangen war. Barlows Privatleben scheint sich positiv zu entwickeln. Er kann den Kontakt zu seiner in Ostberlin lebenden Mutter, den er spontan aufgrund ihrer politischen Ansichten sowie ihrer Verbindung zu einem DDR-Parteifunktionär acht Jahre zuvor abgebrochen hatte und zunehmend bereute, wieder herstellen, seine Beziehung zu Esther gestaltet sich immer harmonischer und im Segelclub lernt er einen sympathischen Segelpartner für gemeinsame Törns kennen. Doch von einer Sekunde zur anderen wendet sich alles. Die sich immer mehr zuspitzende Situation in der Stadt wirkt sich auch auf sein persönliches Schicksal aus.

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Seitenzahl: 478

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Im Schatten der Rose

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Im Schatten der Rose

Prolog

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Epilog

Impressum neobooks

Im Schatten der Rose

Ulrich P. Wenzel

Im Schatten der Rose

Roman

Prolog

Moskau, Sowjetunion, Juni 1938

Richard Bertram schloss die Wohnungstür hinter sich und stellte seine braune Aktentasche auf die kleine Kommode im Flur. So wie er es immer tat, seit sie vor wenigen Wochen die neue Wohnung in der Sokolnitschenskaja-Straße bezogen hatten. Erschöpft von der zu dieser Jahreszeit ungewöhnlich drückenden Hitze des Tages, die selbst am Abend kaum zu ertragen war, ging er in die Küche und schenkte sich ein Glas Wasser ein. Es war spät geworden, wieder einmal. Die wöchentliche Versammlung nach dem Unterricht hatte sich wie schon in den Wochen zuvor quälend dahingezogen. Nicht enden wollende Diskussionsbeiträge im aufgeheizten Lehrerzimmer …und keine Lösungen. Erschöpft und missgestimmt hatten alle den Heimweg angetreten. Warum auch hätte es diesmal anders verlaufen sollen, als in den Versammlungen zuvor?

Bertram trank ein weiteres Glas und stellte es ab. Dann befreite er sich von seinem Krawattenknoten, knöpfte den oberen Hemdknopf auf und ging ins Wohnzimmer.

»Hallo Papa«, rief Walter und kam seinem Vater sofort entgegen. »Wir haben dich gar nicht kommen gehört.«

Bertram nahm seinen elfjährigen Sohn in den Arm. »Guten Abend, mein Großer. Wie war dein Tag in der Schule?«

»Gut. Wir haben heute wieder über die Oktoberrevolution und die großartigen Taten des Genossen Lenin gesprochen. Darüber werden wir auch bald eine Klassenarbeit schreiben.«

Worüber auch sonst, dachte Bertram. »Na dann müssen wir vorher noch einmal darüber sprechen, hörst du. Du willst ja eine gute Note nach Hause bringen, oder?« Mit einem gütigen Lächeln legte er Walter die Hand auf die Schulter, dann wandte er sich seiner Frau zu. »Guten Abend, Liebling. Ist heute wieder etwas spät geworden. Tut mir leid.« Er nahm sie in den Arm und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

»Ja, Richard, ist ja in letzter Zeit sehr oft der Fall. Kannst ja nichts dafür. Du siehst müde aus. Ich mache dir dein Essen fertig.«

»Lass mal Hilde, ich habe keinen Hunger.«

Seine Frau sah ihn fragend an. Auch sie hatte registriert, dass ihr Mann immer später nach Hause kam, selbst wenn er keine Versammlungen hatte. Wortlos setzte sich Bertram in den Sessel und schloss die Augen. Ihm hatte der Unterricht für deutsche Emigranten an der Internationalen Lenin-Schule immer Spaß gemacht. Er war engagiert und bei den Schülern und seinen deutschsprachigen Kollegen beliebt. Man half sich gegenseitig, die Probleme im Exil zu meistern, trank auch gerne Mal ein Bier zusammen, und es gab auch Freundschaften untereinander. In den letzten Wochen jedoch hatte sich die Atmosphäre an der Schule kontinuierlich verschlechtert und allen war Grund bewusst. Seit Stalin vor über einem Jahr damit begonnen hatte, die Partei von ihren tatsächlichen oder vermeintlichen Feinden zu säubern, verschwanden erst wöchentlich, dann täglich Kollegen und wurden nie wieder gesehen. Schon bald bemerkten Bertram und seine Kollegen, dass es auch und besonders deutsche Emigranten betraf. KPDler der ersten Stunde, aufrechte Kommunisten, die vor dem Hitler-Regime nach Moskau geflüchtet waren und seit einiger Zeit von Stalin als Spione betrachtet wurden. Niemand konnte sich erklären, warum der NKWD, die sowjetische Geheimpolizei, plötzlich Jagd auf die deutschen Kommunisten machte.

Dabei waren sie so gut aufgenommen worden, als sie kurz nach Weihnachten des vorletzten Jahres mit dem Zug in Moskau einge-troffen waren. Im Hotel Lux hatte man sie zusammen mit anderen Emigranten einquartiert. Das Hotel war eine Begegnungsstätte für viele Komintern-Kader wie Pieck, Ulbricht oder Dimitroff. Und als es dann in dem geräumigen Zimmer mit eigenem Bad doch etwas eng wurde, hatte man für sie eine geräumige Zweieinhalbzimmer-Wohnung mit Wannenbad und eigener Küche besorgt. Ihre Freude kannte keine Grenzen, alles schien gut zu laufen, zumal auch Walter sich immer besser eingewöhnt und ein paar Freunde gefunden hatte.

»Du machst einen bedrückten Eindruck, Richard. Ist etwas?«, Mathilde Bertram war neben ihren Mann getreten und hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt. Bertram nickte.

»Kommst du mal kurz in die Küche, Hilde«, sagte Bertram emotionslos und zu seinem Sohn gewandt: »Wir kommen gleich wieder, Walter. Lies‘ derweil noch ein wenig in deinem Buch.«

»Mir ist da etwas passiert, Hilde«, begann Bertram, nachdem er die Küchentür zugezogen hatte. Seine Frau sah ihn erschrocken an. Diesen Gesichtsausdruck kannte sie von ihm nicht.

»Ich habe mich heute im Unterricht bei einem Stalin-Zitat versprochen.«

»Na und, das kann doch jedem passieren.«

»Nein, nicht in der heutigen Zeit«, erwiderte Bertram, ging zum Wasserhahn und schenkte sich ein weiteres Glas Wasser ein. »Es hat sich einiges geändert.« Er trank das Wasser in einem Zug aus.

»Aber was hast du denn gesagt? Ich meine…«

»Ich habe ein Zitat falsch wiedergegeben. Als sich einige Schüler daraufhin ein Schmunzeln nicht verkneifen konnten und andere wie gelähmt dasaßen, wusste ich, dass etwas nicht stimmte.« Bertram machte eine Pause und sah zum Fenster hinaus. Nach fünf langen Sekunden des Schweigens wandte er sich wieder seiner Frau zu. »Das wird mit Sicherheit Konsequenzen haben.«

»Was meinst du damit, Richard?« Mathilde setzte sich auf den Küchenstuhl, vor dem sie regungslos stand und ihn anstarrte. Bertram überging die Frage. »Ich habe das Zitat in der Klasse natürlich umgehend richtiggestellt. Trotzdem musste ich den Vorfall melden. Wahrscheinlich wissen sie schon davon.«

»Aber was meinst du mit Konsequenzen? Kann das denn irgendwelche Folgen für dich nach sich ziehen? « Mathilde sah ihren Mann mit angsterfüllten Augen an.

»Ich hatte dir doch von Hans Sterzel erzählt, dem netten Österreicher aus Graz. Erinnerst du dich?«

»Ja, wir wollten uns mal treffen…«

»Der wurde verhaftet.«

Mathilde fuhr zusammen. »Wie bitte?« Ihr Gesicht wurde aschfahl. »Aber warum denn?«

»Er hatte ein Buch von Georg Born besprechen wollen und bedauerlicherweise nicht bedacht, dass Born vor Kurzem bei Stalin in Ungnade gefallen war.« Bertram atmete tief durch. »Sterzel wird sich jetzt wohl in einem sibirischen Arbeitslager befinden.«

»Das kann ich nicht glauben, Richard.« Mathilde schüttelte den Kopf. Sie erhob sich, trat an ihren Mann heran. Er spürte, wie ihre Hände zitterten, als sie seine Oberarme umfasste.

»Es ist aber so. Der Wind hat sich gedreht. Stalin betrachtet die Emigranten aus Deutschland und Österreich immer mehr als Spione.« Er schaute mit trüben Augen an seiner Frau vorbei.

»Aber wir stehen doch für den neuen Weg. Viele von uns haben doch schon beim Rotfrontkämpfer-Bund gegen die SA-Schergen gekämpft und bei den Nazis im Gefängnis gesessen.«

»Ja Hilde, das scheint alles nicht mehr zu zählen. Ich hatte mir das auch etwas anders vorgestellt.«

»Und was sollen wir tun? Nach Deutschland zurück? Zu den Nazis?«

»Nein, da kämen wir vom Regen in die Traufe. Ich habe mir schon den ganz Tag lang Gedanken darüber gemacht, was wir machen können…ich weiß es ehrlicherweise nicht.«

Mathilde zog ihren Mann zu sich heran und legte den Kopf an seine Schulter. Fast eine Minute lang verharrten sie in der Position, dann löste sich Bertram von ihr und verließ wortlos die Küche.

Walter wurde von dem Klopfen an der Wohnungstür aus dem Tiefschlaf geholt. Benommen knipste er das Licht seiner Nachttischlampe an und blinzelte auf die Uhr. Eine halbe Stunde nach Mitternacht. War das im Traum? Dann klopfte es ein weiteres Mal. Umständlich quälte er sich aus dem Bett und öffnete die Tür seines kleinen Zimmers einen Spalt weit. Auf dem schwach beleuchteten Flur sah er seinen Vater im Bademantel zur Wohnungstür gehen. Als er sie öffnete, starrte Richard Bertram drei Männern in Ledermänteln und Hüten ins Gesicht. Einer von Ihnen hielt ihm einen Ausweis entgegen. »NKWD! Richard Bertram?«

»Ja?«

»Sie sind verhaftet. Ziehen Sie sich an und packen Sie ein paar Sachen ein.«

Walter erschrak. Er konnte die russische Sprache mittlerweile gut verstehen. Sie sind gekommen, um seinen Vater zu verhaften! Vorsichtig drückte er die Tür seines Zimmers wieder zu und verharrte hinter ihr.

»Was ist denn los?«, hörte er die besorgte Stimme seiner Mutter, die ebenfalls auf den Flur getreten war.

»Mach' dir keine Sorgen, Hilde, es wird alles gut werden.« Es klang, als wenn er nicht wirklich davon überzeugt war, was er gerade gesagt hatte. Walter schluckte. Was hatte das zu bedeuten? Warum holten sie seinen Vater ab? Er trat in den Flur. Die beiden im Flur stehenden der NKWD-Beamte beachteten ihn nicht. Der dritte war seinen Eltern ins Schlafzimmer gefolgt, wo sie Wäsche seines Vaters in eine Tasche packten. Als sein Vater angezogen wieder in den Flur zurückkehrte, trat Walter auf ihn zu. »Was ist denn los, Papa?«

»Ich bin bald wieder da, mein Sohn. Mach dir keine Sorgen.« Bertram drückte Walter fest an sich und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. »Und schreib eine gute Note in der Klassenarbeit.« Er wandte sich seiner Frau zu, die in Tränen ausgebrochen war und umarmte sie intensiv. Dann nahm er wortlos seine Tasche und verließ, gefolgt von den NKWD-Beamten, die Wohnung. Benommen blieb Walter stehen. Die Stiefelschritte im Treppenhaus dröhnten in seinem Kopf. Kurz darauf sprang hörte er auf der Straße einen Motor anspringen und ein Auto, das sich entfernte. Erst jetzt registriert er, dass seine Mutter zu ihm gekommen war, und ihn fest an sich gedrückt hatte.

»Was hat das zu bedeuten, Mama?«

»Das verstehst du nicht, Walter. Wir erklären es dir, wenn Papa wieder zurück ist.« Sie drückte ihren Sohn fest an ihren Körper und verharrte so eine Weile. »Komm mit ins Bett, heute schläfst du bei mir.«

Er konnte nicht schlafen und hörte, wie seine Mutter neben ihm leise schluchzte.

Ostberlin, Oktober 1948

»Mein Sohn Walter«, flötete Mathilde Benjamin und machte eine ausladende Handbewegung. Walter nickte lächelnd.

»Guten Tag Walter.« Der neue Mann an der Seite seiner Mutter streckte Walter die Hand entgegen. Zaghaft ging er auf den Handschlag ein.

»Ja, und das ist Fritz«, fügte Seine Mutter hinzu. Sie konnte ihre Aufregung kaum verbergen »Aber ihr kennt euch ja, auch wenn es schon ein bisschen her ist.«

Ja, er erinnerte sich gut an ihre erste Begegnung. Als sie nach ihrer Rückkehr vor knapp zwei Jahren aus Moskau auf dem Bahnhof Lichtenberg ankamen, wurden sie von Fritz und einem Kollegen mit einem großen Strauß roter Nelken in Empfang genommen. Fritz war mit der Aufgabe betraut worden, sich und sich um ihre Eingliederung zu kümmern. Es war sein Verdienst gewesen, so hatte seine Mutter es ihm immer wieder erzählt, dass sie nach der entbehrlichen Zeit in der Sowjetunion so schnell wieder ins Leben zurückfinden konnten. Anfangs war ihm alles wie ein Traum vorgekommen. Nur wenige Tage nach ihrer Ankunft hatten sie die kleine Wohnung in der Dorotheastraße in Karlshorst bekommen. Mit eigenem Bad. Fritz' Beziehungen, wie seine Mutter ihm damals vielsagend zugeflüstert hatte. Das Leben hatte sich tatsächlich schlagartig verbessert. Es gab wieder Brötchen und Käse und andere Lebensmittel, auf die sie in Moskau verzichten mussten. Auch seine Lehrstelle zum Schriftsetzer bei der neugegründeten Berliner Zeitung war anscheinend Fritz zu verdanken gewesen. Obwohl sie es nie verlauten ließ, ahnte Walter nach einiger Zeit, dass Fritz sich nicht nur um ihre Eingliederung kümmerte, sondern insbesondere um seine Mutter. Sie sprach in höchsten Tönen von ihm, von seinem Charme, seinem Organisationstalent von seinen Beziehungen und seiner Position im Machtapparat des neuen Staates. Gerade mit dem letzten Punkt haderte er. Trotz aller materieller Annehmlichkeiten gefiel ihm die nach ihrer Rückkehr aus Moskau eingesetzte Entwicklung in der sowjetischen Besatzungszone gar nicht. Stalin stand auch hier auf dem Sockel, sein Name war überall präsent. Stalinallee, Stalinstadt, Stalindenkmal. Als seine Mutter ihm stolz verkündet hatte, in die neugegründete SED eingetreten zu sein, hinterließ sie bei ihm ein Kopfschütteln. Schon da ahnte er bereits, was sie ihm erst viel später eingestanden hatte: dass Fritz, ihr neuer Partner, Parteisekretär und gleichzeitig ihr Chef war. Es war der Moment, an dem die Entfremdung zu seiner Mutter begann.

Die Zeit im Arbeitslager Norilsk in Sibirien, in dem er mit ihr zusammen die letzten Jahre bis zum Kriegsende zugebracht hatte, war ihm bis zum heutigen Tag gegenwärtig. Die Kälte, die schlechte Versorgung und die ebenso schlechte Behandlung durch das Aufsichtspersonal. Sie hatte noch mehr darunter gelitten als er, doch sie schien alles verdrängt zu haben. Als wenn es diese schlimme Zeit nie gegeben hätte, als wenn sein Vater sie verlassen hätte und nicht vom NKWD verhaftet und erschossen worden wäre. Der Mann, der für die Morde an unzähligen Menschen verantwortlich war, die unmenschlichen Bedingungen in den Arbeitslagern Sibiriens, Josef Wissarionowitsch Stalin, ist der Mann, für den sich seine Mutter und ihr neuer Partner engagieren. Stalin war plötzlich der gütige Vater, der große Staatslenker, dem sie in der DDR zu Füßen lagen. Hatte seine Mutter das alles vergessen?

»So Walter, wie wäre es noch mit einem Schluck von diesem herzhaften Bulgaren hier«, sagte Fritz und griff zur Rotweinflasche, die er mitgebracht hatte. »Habe ich extra für dich besorgt. Der ist nicht so leicht zu bekommen.«

»Gut, ein halbes Glas, mehr nicht.«

Fritz war anders, als er erwartet hatte. Charmant und einvernehmend. Nicht diese spröde Art, die er von Parteikadern wie ihn erwartet hatte. Vier Jahre älter als seine Mutter, schlank und groß mit dunklen, zurückgekämmten Haaren und braune, funkelnde Augen unter kräftigen Brauen, die voller Tatendrang strotzten. Immer wieder bedachte seine Mutter ihn mit einem anerkennenden, verliebten Blick.

»Wir werden uns übrigens demnächst verloben«, zwitscherte sie und legte die Hand auf Fritz' Arm. Der lächelte gütig und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

»Tja, so kann es gehen,« sagte er, »wir haben festgestellt, dass wir zusammengehören. Ich hoffe doch, dass ich dein Einverständnis habe.« Er hob schmunzelnd sein Glas. »Also jetzt trinken wir aber erst einmal auf die Zukunft Deutschlands. Wir sind auf einem guten Weg, haben allerdings noch viel Arbeit vor uns.«

Walter registrierte sofort, den zweifelnden Blick seiner Mutter. Ihr schien es unangenehm zu sein, dass Fritz im Beisein ihres Sohnes das Gespräch auf die Politik lenken wollte. Sie kannte Walters Einstellung. »Ach, können wir nicht über etwas anderes reden?«

»Nein, nein«, wehrte Walter ab, »ich würde schon mal gerne wissen, wie die Zukunft Deutschlands aussehen soll«, erwiderte Walter. Fritz sah ihn erstaunt an. »Das sehe ich genauso. Das ist ein großes Thema. Zunächst einmal strebt die sowjetische Militäradministration natürlich eine Wiedervereinigung an«, begann er zu dozieren. »Aber natürlich zu unseren Bedingungen. Und das könnte ein langer und zäher Weg werden.«

»Unsere Bedingungen? Was soll das heißen?«

»Es ist doch klar, Walter, dass wir uns von den Altnazis, Großgrundbesitzern und Kriegstreibern, die Deutschland bis Kriegsende beherrscht haben, sofort trennen müssen. Und wir haben hier schon die ersten Weichen gestellt. Aber da wird noch mehr kommen. Wir müssen hier ordentlich aufräumen. In Westdeutschland sehen sie das noch etwas anders.«

"Wir wollen einfach einen Staat, der für das Wohl seiner Bürger da ist, verstehst du«, ergänzte seine Mutter, während sie Fritz ein weiteres Mal die Hand auf den Unterarm legte. »Wir arbeiten in der Partei Tag für Tag daran, dass die Kriegsschäden beseitigt und die Menschen mit Lebensmitteln und Wohnungen versorgt werden. Und unsere sowjetischen Freunde unterstützen uns dabei großartig.«

»Unsere sowjetischen Freunde?« Walters spöttische Tonlage war nicht zu überhören. »Du meinst doch wohl nicht die sowjetischen Freunde, die Vater verhaftet und…«

»Walter, nun hör mir mal gut zu«, mischte sich Fritz ein. »Das waren schreckliche Zeiten. Die Sowjetunion war von Spionen und Verrätern durchsetzt, die die Errungenschaften der Oktoberrevolution rückgängig machen wollten. Genosse Stalin musste hart durchgreifen und, wie soll ich sagen, wo gehobelt wird, fallen auch Späne. Und ja, leider traf es auch viele Unschuldige, die sich aber zugutehalten können, für die Idee des Kommunismus gestorben zu sein.«

Walter spürte, wie es in ihm zu brodeln begann. »Sie sind also für eine große Idee gefoltert und gestorben, ja?« Was für ein zynischer, menschenverachtender Gedanke. Mit diesem Mann werde ich nie klarkommen! Verteidigt den Stalinismus! Einen Schurken auf dem Niveau von Hitler. Er wandte sich seiner Mutter zu. »Siehst du es auch so, Mama?«

Seine Mutter hustete flach. »Sieh mal Walter, wir müssen die Vergangenheit ruhen lassen und in die Zukunft schauen«, versuchte sie die die aufkommenden Wogen zu glätten. »Alles andere ist kontraproduktiv. Die Menschen hier gehen da auch voll mit. Und wenn Deutschland wieder vereint ist, wird es unter der Führung der Arbeiterklasse aufwärts gehen.«

»Meinst du mit Führung der Arbeiterklasse etwa die SED, die Zwangsvereinigung von KPD und Ost-SPD?«

»Aber sicher«, mischte sich Fritz ein und verschärfte die Tonlage. »Hinter der Arbeiterklasse muss eine starke Partei stehen. Dass, was du Zwangsvereinigung nennst, war eine Notwendigkeit. Der Aufbau eines sozialistischen Staates benötigt eine solide politische Basis, und die wird durch die Sozialistische Einheitspartei verkörpert. Komm, wir wollen uns doch nicht am ersten Abend streiten, trink noch einen Schluck.«

»Nein danke, ich habe genug.« Womöglich noch auf den Sozialismus. Wütend lehnte Walter sich zurück, schloss für einen kurzen Moment die Augen und beugte sich dann wieder vor. »Soll ich euch mal etwas sagen? Grotewohl hat sich bei diesem Theater im Admiralspalast ordentlich über den Tisch ziehen lassen. Der wird nicht viel zu melden haben. Hinter dieser sogenannten Einheitspartei mit ihren Stalin-Jüngern Pieck und Ulbricht an der Spitze, steht nicht einmal die Hälfte der Arbeiterschaft in der SBZ und nur ein ganz geringer Teil der SPD-Wähler. Und so etwas will die Führungsrolle übernehmen?«

»Da muss ich widersprechen, Grotewohl wird die SPD hinlänglich vertreten. Die schlechten Landtagswahlen vom vergangenen Sonntag, die du ansprichst, sind doch nur eine erste Momentaufnahme. Wir müssen jetzt mit der Überzeugungsarbeit in den Betrieben und bei den Bauern beginnen, damit die nächsten Wahlen besser ausfallen, stimmts, mein Schatz?«

»Ja Fritz, ich sehe es genauso«, stimmte ihm Walters Mutter zu. »Und mein Sohn wird es irgendwann auch einsehen.«

Walter bedachte seine Mutter mit einem gequälten Lächeln. »Nein Mama, da täuscht du dich gewaltig. Mich werdet weder ihr noch diese Regierungsbonzen überzeugen. Genauso wenig wie die unzähligen Bürger, die diese Republik in Richtung Westen verlassen haben und dies weiterhin tun werden, weil sich drüben ganz andere Perspektiven für sie ergeben.«

Fritz konnte sich kaum zurückhalten. Seine Mundwinkel zuckten.

»So, ich habe noch eine Überraschung«, kam Mathilde seiner Antwort zuvor. Sie ging zum Schrank und kam mit einer Schachtel Weinbrandbohnen zurück. »Genug jetzt von der Politik.«

Ostberlin, 16. Juni 1953

Die unerträgliche Schwüle des Nachmittags hatte ihren Beitrag dazu geleistet, dass es ein anstrengender Arbeitstag war. Als Walter am frühen Abend seine Wohnung betrat, erschöpft und ausgelaugt, ging er direkt in die Küche durch und nahm ein Bier aus dem Kühlschrank. Nachdem er die Flasche mit einem Zug zur Hälfte geleert hatte, ging er in sein kleines Wohnzimmer und ließ er sich auf den Sessel am Fenster fallen. Dann schaltete er das Radiogerät ein. Der RIAS beendete gerade sein beliebtes Programm Die Stimme Amerikas, in der auf Hörerfragen geantwortet wurde. Nach ein paar Programmhinweisen folgten Nachrichten. Nach der Begrüßung verlas der Nachrichtensprecher: »In Ost-Berlin kam es heute auf drei Baustellen des volkseigenen Betriebes Industrie-Bau zu Proteststreiks gegen die von der Regierung angeordnete Normerhöhung um zehn Prozent.«

Walter fuhr aus seinem Sessel hoch. Was berichteten sie da gerade, Streik? Hier in Ostberlin? Er setzt die Bierflasche, die er gerade leeren wollte, ab und drehte am Laustärkeregler.

»Auf der Baustelle des Krankenhauses Friedrichshain wurde um neun Uhr die Arbeit niedergelegt, während die Arbeiter auf den Baustellen Stalin-Allee Block 40 und Volkspolizei-Inspektion Friedrichshain von 14 bis 15 Uhr in den Ausstand traten. In Protestresolutionen an die Zonenregierung wurde die Zurückziehung der Anordnung über die Erhöhung der Normen gefordert…«

Irritiert starrte er auf das Radiogerät. Was geht da vor sich? Sie legen die Arbeit nieder? Im Verlagshaus war alles ruhig gewesen, dort hatte niemand etwas von diesen Aktionen mitbekommen. Auch auf den S-Bahnhöfen nicht, wo man sonst immer alles erfahren konnte. Er erhob sich und nahm einen weiteren Schluck Bier. Eigentlich wollte er nach dem Abendessen noch ein wenig lesen und dann früh schlafen gehen. Da seine Freundin Gabriele, die er erst vor drei Wochen kennengelernt hatte, seit ein paar Tagen im Urlaub war, musste er die Abende allein verbringen oder in die Kneipe gehen. Er setzte sich wieder in den bequemen Sessel um ein wenig zu entspannen. Es gelang ihm nicht, seine Gedanken waren in der Stalinallee. Nach dem, was er soeben gehört hatte, würde er heute überhaupt nicht einschlafen können. Immer wieder lauschte er dem Radio und hoffe auf weitere Neuigkeiten, doch es kamen immer wieder dieselben Meldungen. Er stellte den Berliner Rundfunk ein. Wann hatte er den Ostsender zuletzt gehört? Hier sagten sie gar nichts über irgendwelche Streikmaßnahmen, ebenso nicht im Deutschlandsender. Natürlich nicht, in unseren Staatsmedien verschweigt man Vorfälle, die den Staat in einem schlechten Licht erscheinen lassen. Und Arbeiterstreiks im Arbeiter- und Bauernstaat zeugen davon, dass man etwas falsch gemacht hat. Irgendwann in den nächsten Tagen allerdings, da war er sich sicher, werden die staatstragenden Erklärungen folgen, die Sichtweisen der Partei. Phrasen von Konterrevolution und Hetze. Er stellte den wieder auf den RIAS zurück.

Der 17. Juni 1953

Übermüdet rollte sich Walter aus dem Bett, als der Wecker wie an jedem Arbeitstag um halb sechs schrillte. Nachdem er Kaffeewasser aufgesetzt hatte, verschwand er im Bad. Anschließend ging er mit einer Tasse Kaffee in der Hand ins Wohnzimmer und schaltete das Radiogerät ein. Schon in diesen frühen Morgenstunden berichtete der RIAS von den Streikaktionen. Zu 7.00 Uhr waren demnach Ostberliner Arbeiter zu Arbeitertreffen am Straußberger Platz und an anderen Plätzen aufgerufen worden. Der Aufstand weitet sich aus! Ist heute der Tag, der für die Bevölkerung der DDR die Wende bringt? Den Rücktritt dieser zutiefst arbeiterfeindlichen Regierung? Freie Wahlen und eine Vereinigung mit Westdeutschland?

Walter spürte die Aufregung, die seinen ganzen Körper erfasst hatte. Gedanken schossen ihm durch den Kopf, während er sich eine Stulle schmiert. Ihm fiel seine Mutter ein. Was würde sie zu diesen Ereignissen wohl sagen? Vor allem Fritz, der Parteikader. Zu gerne hätte er jetzt vor ihnen gestanden und ihnen in ihre Gesichter geschaut. Ihr großer Traum einer sozialistischen Gesellschaft schien gerade zu platzen. Seit etwas mehr als einem Jahr hatte er keinen Kontakt mehr zu den beiden. Dass seine Mutter für den Demokratischen Frauenbund,bei dem Fritz ihr eine Stelle besorgt hatte, in die Volkskammer einziehen wollte, war die letzte Nachricht, die er von ihr bekommen hatte. Sie hatte es einmal nebenbei erwähnte und ihn fassungslos gemacht. Ihren Umzug in eine neue Wohnung in der Nähe des Treptower Parks, auch die hatte ihr Verlobter besorgt, nahm er als Anlass, die Trennung zu den beiden zu vollziehen. Mit einem Parteifunktionär unter einem Dach zu wohnen und sich beim Frühstück und Abendbrot politischen Diskussionen und Belehrungen hinzugeben, war das Letzte, was er sich hatte vorstellen können. Da kam die kleine Einraumwohnung am Boxhagener Platz, die er von einem Arbeitskollegen aufgrund dessen Heirat bekommen konnte, gerade recht. Endlich fühlte er sich freier, konnte die Radiosender hören, die er wollte und nicht immer die Ostsender, auf die seine Mutter bestand. Nachdem er anfangs noch dann und wann einen Besuch bei seiner Mutter und ihrem Partner abgestattet hatte, wurden es in der Folgezeit immer weniger Besuche. Am Ende hatten sie sich kaum noch etwas zu sagen und der Kontakt schlief ein.

Als Walter um kurz vor sieben das Verlagsgebäude der Berliner Zeitung in der Lindenstraße erreichte, stand ein großer Teil der Belegschaft vor dem Eingang. Sofort registrierte er die emotionsgeladene Atmosphäre. Nach den letzten zwei Tagen überraschte es ihn nicht. Die Kollegen diskutierten aufgeregt und die Forderungen, sich den Streiks anzuschließen, wurden immer lauter. Im Gegensatz zu gestern war jetzt der überwiegende Teil dafür. Es scheinen einige auch hier aufgewacht zu sein, frohlockte Walter. Instinktiv ahnte er, dass der Zeitpunkt für Veränderungen gekommen war. Jetzt oder nie!

Eine halbe Stunde später setzte sich ein Demonstrationszug von fünfzig Mitarbeitern der Berliner Zeitung in Bewegung. Sie kamen aus allen Abteilungen und Walter registrierte, dass auch Leute dabei waren, die nicht im Verlagshaus arbeiteten. Der Zug folgte der Ritterstraße, überquerte die Markgrafenstraße und bog in die Charlottenstraße ein, die direkt zur Leipziger Straße führte. An jeder Straßenecke stießen weitere Demonstranten dazu. Man rief die bekannten Forderungen und animierte die Menschen, die die Demonstration aus den Fenstern verfolgten, sich ebenfalls anzu-schliessen. Am Ende der Charlottenstraße traf der Zug auf eine Gruppe Volkspolizisten, die dem Treiben nur tatenlos zuschaute.

In der Leipziger Straße gab es kaum noch ein Weiterkommen. Tausende von Menschen füllten die breite Magistrale. Eine junge Frau auf den Schultern eines Arbeiters hielt ein Plakat am Holzstiel hoch: Nieder mit der Regierung! Ein anderes Transparent forderte Der Spitzbart muss weg!Freie Wahlen! Zurücknahme der Arbeitsnormen, Sofort!

Fasziniert von der gewaltigen Menschenmenge, fragte sich Walter immer wieder, ob das, was er gerade erlebt, wirklich wahr sein konnte. Er hätte es nie für möglich gehalten. Die Arbeiterschaft vereint gegen die Bonzen der Regierung. Ein Ventil hat sich geöffnet und jetzt entweicht der Dampf dem Kessel. Es geschieht dieser Regierung recht, dachte er grimmig, diesem Haufen Apparatschiks, deren einzige Legitimation es ist, gegen die Nazis gekämpft, im Gefängnis gesessen zu haben und die bolschewistischen Parolen, die sie in Moskau auswendig gelernt hatten, herunterbeten zu können. Eine solche Regierung verabscheuten die Menschen, die in dieser Republik eine Chance, einen Neuanfang sahen. Sie fühlten sich zunehmend verraten. So hatten sie sich ein neues Deutschland nicht vorgestellt.

Dumpfes Dröhnen schwerer Dieselmotoren war plötzlich zu hören. Was ist das? Walter und die umstehenden Arbeiter sahen sich irritiert an. Die riesige Welle von Menschen setzte sich rückwärts in Bewegung. Der Motorenlärm wurde lauter. Alte und jüngere Arbeiter in ihren schwarzen oder dunkelblauen Arbeitsanzügen stoben in alle Richtungen auseinander. Im selben Moment erkannte Walter, mit dem Rücken an einer Hauswand stehend, den Grund dieser panischen Fluchten: Mehre sowjetische T-34-Panzer näherten sich in einer Kette aufgereiht und schwarze Abgaswolken aus-stoßend. Der Lärm wurde unerträglich. Einige dieser Ungeheuer lösten sich plötzlich aus der Kette, fuhren seitlich weg und drehten die Geschütztürme, so dass die Kanonenrohre auf die Menge der Demonstranten gerichtet waren. Es war ein unheimliches, furchteinflößendes Panorama, ein Bild des Krieges. Wieder sowjetische Panzer. Panik breitete sich angesichts dieser Machtdemonstration aus. Ich muss hier weg, entschied Walter und rannte los, den anderen nach. Die euphorische Stimmung, die er noch vor einer halben Stunde hatte, war in Angst umgeschlagen.

Chaos hatte sich ausgebreitet. Überall Brandherde. Auch ein Kiosk stand in Flammen. An einer Hauswand verfolgte eine Hundertschaft der Volkspolizei, mit Knüppeln und Pistolen in den Händen, flüchtende Demonstranten. Ein Stück weiter wurde ein Mann von Demonstranten fürchterlich verprügelt. Walter glaubte, dass es ein Stasi-Spitzel war. Er sah einige Arbeiter mit Hacken, die Pflastersteine aus der Straße lösten und den Panzern entgegenschleuderten. Was für ein hilfloses Unterfangen. Und plötzlich zuckte er zusammen. Schüsse! Das waren keine Panzer, sondern die Salven aus Maschinengewehren. Jetzt ist es soweit, der Staat schlägt zurück, schoss es ihm durch den Kopf. Er ignoriert die legitimen Interessen und, schlimmer noch, das Leben der Bürger. Er bekämpft sie mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mittel und mit Hilfe seiner sowjetischen Waffenbrüder. Er rannte eine Seitenstraße entlang, einhundert, zweihundert Meter, bis er glaubte, in Sicherheit zu sein. In einem dunklen Hauseingang setzte er sich auf den Boden und senkte den Kopf zwischen den um seine Knie umklammernden Armen. Was ist aus diesem Tag geworden, der so verheißungsvoll begonnen hatte? Aus friedlich angelegten Demonstrationen ist ein Krieg entstanden. Nur langsam realisierte er, dass alles umsonst war, dass sich absehbar nichts ändern würde. Dass er zum zweiten Mal in seinem Leben an einem Wendepunkt stand. Seine Frustra-tion war grenzenlos. Er spürte die Tränen, die seine Wange hinunterliefen. Die Reaktion dieses Machtapparates war zu deutlich und die Abrechnung mit all denjenigen, die man als Feinde des Staates ausmachen würde, wird folgen. Sehr bald und unerbittlich. Auch er und die demonstrierenden Kollegen aus dem Verlagshaus werden die Rache des Staates zu spüren bekommen. Trotzig hob er den Kopf. Nein, entschied er und erhob sich, hier will ich nicht leben. Meine Zukunft liegt nur ein paar hundert Meter weiter westlich. Ich brauche noch nicht einmal die Stadt zu verlassen und bin in einer ganz anderen, einer lebenswerten Welt.

1

Donnerstag, 15. Juni 1961

Hauses der Ministerien, Bezirk Mitte, Ostberlin

Als Curd Barlow das Eingangsportal des ehemaligen Reichsluftfahrtministerium betrat, spürte er zum ersten Mal seine Anspannung. Es war ein besonderer Tag für einen jungen Westberliner Journalisten, wie ihn. Die Staatsführung der DDR hatte in dem rustikalen, furchteinflößenden Bauwerk, in dem knapp elf Jahre zuvor die DDR gegründet worden war, ein Internationales Pressezentrum eingerichtet und Journalisten aus aller Herren Länder eingeladen. Der Vorsitzende des Staatsrats der DDR, Walter Ulbricht, hatte die Absicht, in einer Pressekonferenz die Sicht der DDR-Regierung auf den Status Westberlins zu erläutern und auch Fragen zu beantworten. Barlow hatte für den Berliner Telegraf, einer SPD-nahen Westberliner Tageszeitung,schon einige Pressekonferenzen besucht, aber diese war ungewöhnlich. Nicht nur, dass sie relativ kurzfristig angekündigt worden war, sondern auch, weil sich dort jemand den Fragen der Journalisten stellen wollte, der bisher der internationalen Presse aus dem Weg gegangen war.

Fasziniert betrachtete Barlow die stattliche Menge der versammelten Kollegen von renommierten und weniger bekannten Zeitungen. Sie standen in Kleingruppen oder zu zweit und tauschten sich beim Small-Talk aus. Einige kannte er, hatte sie schon auf anderen Veranstaltungen getroffen, die meisten allerdings waren ihm fremd. Insbesondere, weil viele Journalisten aus dem ganzen Bundesgebiet und den sozialistischen Ländern angereist waren. Die Übertragungswagen von Rundfunk und Fernsehen der DDR im Vorhof hatten schon einen Hinweis darauf geliefert, welche Bedeutung dieser Pressekonferenz von Seiten der DDR-Regierung zugemessen wurde.

Seit drei Jahren war Curd Barlow, den viele seiner Kollegen Cuba nannten, weil er seine Reportagen und Berichte mit diesem Namenskürzel zu unterzeichnen pflegte, als Redakteur und Reporter im Bereich Politik beim Telegraf beschäftigt. Ein anspruchsvoller Job, der ihn forderte. Gerade in diesen Zeiten, in denen der Kalte Krieg einem Höhepunkt entgegenstrebte.

»Na hier ist ja was los«, hörte er plötzlich eine sonore Stimme hinter sich. Barlow fuhr herum und blickte in das Gesicht von Herrmann Albers von Tagesspiegel. »Der Telegraf ist also auch vertreten. Guten Morgen, Cuba.«

»Guten Morgen, Herrmann. Natürlich, diese PK darf sich doch kein Blatt entgehen lassen, wenn es seine Auflage nicht in den Keller befördern will.«

»So sieht es aus,« lachte Albers und klopfte Barlow freundschaftlich auf die Schulter. Albers war ein Riese. Mit einer Körpergröße von fast zwei Metern einen ganzen Kopf größer als Barlow. Seine dunkle Hornbrille, hinter der zwei blaugraue Augen förmlich verschwanden, dominierte das blasse Gesicht unter dem scharf gescheitelten, kräftigen blonden Haar. Albers war ein angesehener Kollege mit unzähligen Kontakten in die Berliner Medienlandschaft.

»Aber sag mal, Herrmann, die Einladung zu dieser PK hat mich doch etwas überrascht. Hat der Spitzbart irgendetwas Besonderes zu berichten?«

»Das habe ich mich spontan auch gefragt, aber es muss ja wohl so sein, sonst hätte er nicht diesen Rummel veranstaltet.« Albers nickte ein paar Kollegen zu, die ein paar Meter weit entfernt standen. »Ich bin jedenfalls gespannt. Hab‘ mir ein paar Fragen notiert. Zu seinem Flüchtlingsproblem zum Beispiel. Bin bei diesem Andrang allerdings skeptisch, auch nur eine loszuwerden. Komm, lass uns mal in den großen Saal gehen, da findet es doch statt, oder?«

»Ja, im großen Festsaal.«

Die Journalisten saßen an langen, quer zu einem Podium aufgestellten, Tischreihen. Weiß gedeckt, mit zusammengestellten Getränkeflaschen und Aschenbechern in der Mitte. Viele sprachen miteinander. Mindestens jeder zweite von ihnen rauchte, so dass die Luft schon vor dem Beginn der PK zum Schneiden war. Die Hölle für Nichtraucher. Links und rechts des Saales hatten sich Kameraleute mit ihrem Equipment in Stellung gebracht und nahmen die letzten Einstellungen vor.

»Getränke haben sie schon mal bereitgestellt«, konstatierte Albers schmunzelnd. »Vielleicht gibt es ja auch irgendwo Schnittchen.« Mit einer Hand strich er über seinen voluminösen Bierbauch.

»Erst mal müssen wir einen Platz finden«, erwiderte Barlow, während er sich im Saal umschaute. Die meisten Plätze waren schon besetzt. Dann entdeckte er zwei freie und die beiden Journalisten steuerten darauf zu.

»Hätte wirklich nicht gedacht, dass der Kerl so viele Kollegen zusammenbekommen würde«, staunte Barlow, während er sein Uher Universal, ein kleines Tonband- und Diktiergerät, aus der Tasche zog und die Batterien überprüfte.

»Mich überrascht das auch, aber wenn Ulbricht etwas mitteilen will, könnte das in dieser Zeit ganz spannend sein.« Albers griff zu einer Mineralwasserflasche, öffnete sie und schenkte sich ein Glas ein. Der Saal hatte sich bis auf den letzten Platz gefüllt. Auf dem mit rotem Tuch abgehängten Podium, das von Scheinwerfern ausgeleuchtet wurde und mit Tischmikrofonen bestückt war, tat sich in diesem Moment etwas. Zwei zusätzliche Scheinwerfer links und rechts flammten auf. Von rechts kommend marschierten sechs Herren auf das Podium, angeführt von einem untersetzten Mann im grauen Anzug mit welligen, dunklen Haaren, den Barlow als Herrmann Axen, Chefredakteur des SED-Organs Neues Deutschland, identifizierte. An dritter Stelle erschien die Hauptperson dieser Ver-anstaltung. Walter Ulbricht, im dunklen Anzug und silbergrauer Krawatte, das spärliche Haupthaar säuberlich frisiert. Die Herren nahmen Platz, richteten ihre Papiere und warteten mit wichtigem Gesichtsausdruck auf Ruhe. Barlow schaltete sein Tonbandgerät ein.

»Herzlich willkommen meine Damen und Herren zur internationalen Pressekonferenz über Friedensvertrag, Neutralität und Westberlin, hier im Pressezentrum des Demokratischen Sektors von Berlin«, begann der optisch jüngste der Herren, der neben Ulbricht saß. Sein Presseattachè, vermutete Barlow.

»Ich übergebe damit sofort and den Genossen Walter Ulbricht, Vorsitzender des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik und erster Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands.«

»So viel Zeit muss sein«, raunte Albers und musste grinsen.

Ulbricht erhob sich von seinem Platz, das Manuskript in der Hand. »Meine Damen und Herren«, begann er mit seiner markanten, sächselnden Fistelstimme, die von einer früheren Kehlkopfoperation herrührte, »bevor ich die vielen Fragen zum Wiener Gipfeltreffen und zur Ver-lautbarung der Regierung der DDR zu diesem Tag beantworte, die Journalisten aus beiden Teilen Deutschlands sowie dem sozialistischen und dem kapitalistischen Ausland eingereicht hatten, möchte ich zunächst mit einer Erklärung beginnen.«

Ulbricht räusperte sich und begann mit monotoner Stimmlage von seinem Blatt abzulesen. In langatmigen Sätzen stellte er die Bedeutung des Abschlusses eines Friedensvertrages und die Lösung des Westberlin-Problems heraus und endete mit der Schlussfolgerung: »Ein solcher Friedensvertag wird die Unantastbarkeit der bestehenden Grenzen bekräftigen.«

»Klar, diesen Plan verfolgt er schon seit er und seine Entourage aus Moskau kommend hier eingeflogen wurden«, knurrte Albers. »Westberlin soll von der Bundesrepublik losgelöst werden. Das ist sein Ziel.« Barlow nickte zustimmend.

Ulbricht schob ein paar Floskeln hinterher und kam zum Hauptpunkt der Veranstaltung: Er stellte sich den Fragen der Journalisten. Diese bezogen sich vornehmlich auf den anschwellenden Flüchtlingsstrom und die Sperrung der Fluchtrouten durch die DDR-Regierung.

»Karlheinz Vater, Spiegel«, stellte sich ein Journalist vor, nachdem er von Ulbrichts Presseattachè aufgefordert wurde, seine Frage zu stellen. »Herr Staatsratsvorsitzender, erlaubt die DDR-Regierung einer neutralen Freien Stadt Westberlin weiterhin finanzielle und wirtschaftliche Unterstützung aus Westdeutschland, und kann diese Stadt weiterhin Flüchtlinge aus der DDR aufnehmen und sie in die Bundesrepublik weitereisen lassen?«

Ulbricht räusperte sich. »Eine freie Stadt Westberlin kann nach eigenem Belieben mit jedem Verträge abschließen. Wir haben nicht die Absicht, uns in die inneren Angelegenheiten der Freien Stadt Westberlin einzumischen.« Er nahm einen Schluck aus seinem Wasserglas. »Was den zweiten Teil Ihrer Frage angeht, möchte ich Ihnen folgendes sagen: Mit Menschenhandel beschäftigen sich viele Spionageagenturen, westdeutsche, amerikanische, englische, französische, die ihren Sitz in Westberlin haben. Wir halten es für selbstverständlich, dass die sogenannten Flüchtlingslager in Westberlin geschlossen werden und die Personen, die sich mit dem Menschenhandel beschäftigen, Westberlin verlassen.«

Barlow beugte sich zu Albers hinüber. »Hat er nicht soeben noch gesagt, sich nicht in die inneren Angelegenheiten einzumischen?«

»Ja, hat er.«

»Die Ein- und Ausreise von Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik ist«, fuhr der DDR-Staatsratsvorsitzende fort, »so wie auch in anderen Staaten, durch Gesetz geregelt…wer also von den Organen der Deutschen Demokratischen Republik, vom Innenministerium, die Erlaubnis erhält, der kann die DDR verlassen. Wer sie nicht erhält, kann sie nicht verlassen.«

Im Saal erhob sich erregtes Murmeln. Albers lachte kurz auf. »Da würde ich doch gerne nachfragen, unter welchen Umständen man diese Ausreiseerlaubnis erhält. Der hat sie doch nicht mehr alle.« Albers hob seinen Arm, doch Ulbrichts Presseattachè hatte schon eine andere Wortmeldung zugelassen. Eine Kollegin mit silbergrauen Haaren erhob sich von ihrem Stuhl. »Ich möchte eine Zusatzfrage stellen. Doherr, Frankfurter Rundschau. Herr Vorsitzender, bedeutet die Bildung einer Freien Stadt Ihrer Meinung nach, dass die Staatsgrenze am Brandenburger Tor errichtet wird? Und sind Sie entschlossen, dieser Tatsache mit allen Konsequenzen Rechnung zu tragen?«

Ulbricht hatte sein Wasserglas, von dem er einen weiteren Schluck getrunken hatte, abgestellt und blickte in den Saal. »Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja?« Ulbricht sah seinen schmunzelnden Presseattachè an. »Äh…mir ist nicht bekannt, dass solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft voll eingesetzt wird. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu richten.« Ulbricht mache eine kurze Pause. Nach einem Seitenblick auf seine begleitenden Herren rechts von ihm, fuhr er fort: »Ich habe vorhin schon gesagt, wir sind für vertragliche Regelungen der Beziehungen zwischen Westberlin und der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik, das ist der einfachste und normalste Weg zur Regelung dieser Frage.«

Ein weiteres Raunen ging durch den Saal. Einige Journalisten schauten sich verwundert an.

»Na, dann bin ich ja mal gespannt, wie der seine Flüchtlingsströme stoppen will«, murmelte ein Kollege links neben Barlow.

»Ich auch«, stimmte Barlow ihm zu.

Ulbricht beantworte weitere Fragen, die sich ausschließlich um die Flüchtlinge drehten.

»Ich glaube dem kein Wort«, bemerkte Albers. »Meine Fragen haben sich damit übrigens auch erledigt. Sag mal Cuba, nachher noch ein kleines Bier irgendwo? Ich werde das nach dieser bizarren Veranstaltung brauchen.«

»Ja, geht mir genauso. Ich bin dabei.«

Die Gaststätte am Anhalter Bahnhof war für die Tageszeit gut gefüllt. Ein Geruchsmix von Bier, Zigarettenrauch und Bouletten hatte sich im dem übersichtlichen Schankraum ausgebreitet.

»Sag mal, wie stellt der sich das eigentlich vor? Einen Friedensvertrag und Westberlin als eine freie Stadt, die er nach Belieben kontrollieren kann?«, echauffierte sich Albers. »Was bildet der sich eigentlich ein?«

»Na ja, damit wäre er sein Flüchtlingsproblem los. Wer Westberlin nicht unkontrolliert verlassen kann, kann auch in der DDR bleiben. Im Westteil der Stadt können sie jedenfalls nicht bleiben, Westberlin würde aus allen Nähten platzen. Chruschtschow sieht das ja genauso...«

»Das hatte Kennedy aber schon deutlich abgelehnt. Ein separater Friedensvertrag würde zum Krieg führen. Ich glaube nicht, dass die Amerikaner es darauf ankommen lassen wollen.«

»Tja, das wird spannend. Mal eine andere Frage, Herrmann, warum schwadroniert er über eine Mauer, die niemand bauen will und von seinen Bauarbeitern, die dafür sowieso keine Zeit hätten?«

»Genau darüber habe ich mir auch Gedanken gemacht, Cuba. Und ich sage dir, dass ist dem rausgerutscht. Eine Mauer spukt bei dem im Kopf rum. Sein Notfallplan, wenn dieser beschissene Friedensvertrag nicht zustande kommt.«

»Meinst du wirklich?«

»Ja, die Kollegin von der Frankfurter Rundschau hat ganz allgemein vom Errichten einer Staatsgrenze gesprochen. Das hat der Herr Staatsratsvorsitzende in seinem Oberstübchen nicht richtig verarbeitet und ihm fiel sofort eine Mauer ein. Komisch, was? War der nicht mal selbst Bauarbeiter?«

»Ich glaube Tischler.«

»Auch egal.« Albers schaute Barlow an und deutete auf sein leeres Bierglas. »Was ist, Cuba, noch eins?«

»Nee, Herrmann, lass mal gut sein. Ich muss den Mist vom Tonbandgerät noch zu Papier bringen. Ein andermal vielleicht. Die Biere gehen auf mich.«

Barlow leerte sein Glas, legte das Geld auf den Tresen und verabschiedete sich von seinem Kollegen. Dann machte er sich auf den Weg zur S-Bahn-Station Anhalter Bahnhof, um in die Redaktion zu fahren, wo er einen Bericht über die PK schreiben musste.

2

Dienstag, 20. Juni 1961

RIAS-Funkhaus,

Bezirk Schöneberg, Westberlin

»So liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen in der DDR, das war's wieder einmal für heute. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend und bleiben Sie gesund und zuversichtlich. Ich freue mich weiterhin auf Ihre Informationen und Stimmungsberichte aus allen Betrieben und allen Teilen der Republik. Bis in einer Woche. Ihr Cuba.«

Moderator Curd Barlow schob den Regler herunter und gab seinem Musikredakteur Hubert Wahl mit der Hand ein Zeichen, die Musik abzuspielen. Dann schaltete er das Mikrofon aus und nahm die Kopfhörer ab. Er atmete ein paar Mal tief durch und ordnete die vor ihm liegenden Papiere zusammen. Schwerfällig erhob er sich von seinem Platz und streckte den Oberkörper in alle Richtungen, um die verspannten Muskeln wieder geschmeidig zu machen. Wenn das verdammt lange Sitzen nicht wäre, dachte er und versuchte sich mit wenig Erfolg die Lendenwirbel zu massieren. Er nahm die Papiere und folgte er seinem Aufnahmeleiter Rudi Behrens aus dem Studio. Kurz darauf erschien Wahl.

»So Leute, noch auf ein Bier in die Kneipe? Ich gebe einen aus«, sagte Wahl.

»Ich wollte heute eigentlich mal etwas früher Heim«, versuchte Behrens abzuwehren.

»Nach Hause? Kannst du hinterher«, lachte Wahl. »Ich habe einen Durst wie eine griechische Bergziege. Dich brauch ich ja nicht zu fragen, nicht Cuba.«

»Natürlich nicht, wenn du einen ausgibst, bin ich immer dabei.«

Seit einem halben Jahr arbeitete er im Nebenjob beim RIAS. Er hatte schon am Ende seines Studiums an der Freien Universität die ersten Kontakte zu dem Sender hergestellt, den er seit Jahren hörte. Irgendwann kam das Angebot für diese Sendung, und er hatte nicht lange überlegt. Seitdem arbeitete er Behrens im Funkhaus zusammen. Sein Aufnahmeleiter war sieben Jahre älter als er und mit seinen fast 41 Jahren schon fast eine Institution. Er hatte noch den DIAS kennengelernt, den Drahtfunk, der vor fast fünfzehn Jahren zum RIAS, dem Rundfunk Im Amerikanischen Sektor wurde.

Wahl, sein Musikredakteur, war ebenso alt wie Barlow und erst seit ein paar Monaten beim Sender, wo er für unterschiedliche Formate die Musik zusammenstellte. In Barlows Sendung hatte er wenig zu tun, es waren lediglich Eingang und Abspann zu gestalten, von daher arbeiteten sie nicht häufig zusammen. Als gebürtiger Ostberliner war Wahl noch bis Anfang des Jahres im Funkhaus in der Nalepastraße in Oberschöneweide angestellt gewesen, vornehmlich für das erste Programm von Radio DDR, aber auch für die Berliner Welle. Er hatte viele Geschichten und Anekdoten aus seinem Alltag beim DDR-Rundfunk erzählt. Eine ganz andere Welt für einen Journalisten.

Die Bären-Schänke in der Durlacher Straße, nur wenige Wegminuten vom Funkhaus entfernt, war ein beliebter Treffpunkt von RIAS-Mitarbeitern.

»Die Berichte von drüben werden immer mehr und umfangreicher«, sagte Barlow und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, nachdem er sich einen großen Schluck Bier genehmigt hatte. »Wir bekommen nur noch einen Bruchteil in der Sendung unter.«

»Dann müssen wir den Takt erhöhen und drei Mal die Woche auf Sendung gehen«, entgegnete Wahl schmunzelnd, »und jeweils einen halben Tag lang.«

»Du wirst es nicht glauben, aber wenn es nach den Hörerbriefen geht, würden wir auch diese Tage vollbekommen.«

»Na ja«, mischte sich Behrens ein. »Der RIAS hat ja wohl noch ein paar andere Themen, als Hörerwunschsendungen aus und in die DDR. Viele dort drüben hören auch andere Sendungen wie das Tanzorchester oder die Hörspiele…«

»Entschuldige mal, Rudi, das war ein Scherz.« Wahl stieß seinen Kollegen an und begann zu lachen. Behrens nahm immer alles viel zu ernst. »Ach übrigens, habt ihr vorgestern das Programm von Neumann gehört?«

»Ich habe es gehört«, sagte Wahl und grinste. »Diese Insulaner sind einfach eine Wucht.«

»Das kann man getrost behaupten«, stimmte Barlow zu. »Und Jenosse Funzionär ist die schärfste Nummer. Wie Walter Gross die SED auf den Arm nimmt und von Joe als Professor Quatschnie unterstützt wird, ist einfach zum Schreien. Na ja, für den Spitzbart und seine Genossen wahrscheinlich eher nicht.«

»Nee, für den und seine Bande garantiert nicht«, bemerkte Wahl, während er vom Hocker rutschte und in seiner Hosentasche kramte. »Ich mach mal ein bisschen Musik«, sagte er und brachte ein paar Münzen zum Vorschein. Zielstrebig drängte er sich an den Gästen vorbei zur Musikbox. Barlow ließ seinen Blick durch die Kneipe wandern. Für einen Donnerstag, mitten in der Woche, ganz schön was los, stelle er fest. War ja schließlich die Stammkneipe des Funkhauses.

»Sag mal, wie soll das eigentlich mit den Flüchtlingen weitergehen? So viele können wir doch gar nicht verkraften«, sinnierte Behrens, während er den Kopf auf seinem linken Unterarm stützte und Barlow ansah.

»Ich weiß es auch nicht, Rudi. Allein in diesem Jahr sind schon wieder über 150000 über die Grenze gekommen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass Ulbricht und seine Strategen das noch länger mitmachen. Hat doch schon eine Lösung angedeutet, auf dieser ominösen Pressekonferenz, als ihm die Mauer aus dem Mund gerollt ist.«

»Richtig, du warst ja dort gewesen.«

»Ja, vollkommen bizarr war das. Aber ich sage dir, irgendetwas hat der vor.«

Aus den Lautsprecherboxen erklang das Lied Ramona von den Blue Diamonds. Lächelnd kam Wahl zurückgetänzelt. »Endlich mal etwas Atmosphäre. Ich liebe dieses Stück. Überhaupt, ich kann das Leben ohne Musik kaum ertragen.« Noch im Stehen leerte er sein Glas mit einem Zug. »Machst du noch mal drei von diesen Dingern hier, Ernst«, rief er dem Wirt zu und stellte das leere Glas auf den Tresen. Ernst nickte nur und nahm drei neue Gläser aus dem Regal hinter sich.

»Ja, ich denke auch, dass an der Grenze etwas passieren wird«, nahm Behrens seinen Faden wieder auf. »Wenn es so weitergeht, ist der Arbeiter- und Bauernstaat bald leer wie eine Milchkanne am Abend. Schau dir nur die Briefe an, die jeden Tag hier eintrudeln. Hier fehlt etwas, da läuft was falsch und das Murren wird immer größer. Da hauen sie doch lieber ab. Aber du hast recht, das lassen die nicht mehr lange so durchgehen.«

Ernst stellte die drei frischgezapften Biere vor ihnen ab. »Zum Wohl, die Herren.«

»Ach Ernst«, schob Wahl nach, »mach mir doch bitte zwei Bouletten mit 'nem Brötchen, ja? Wie ist es mit euch?«

»Ich nicht", wehrte Barlow ab.

»Mir kannste auch eine bringen«, entschied Behrens. »Mit ordentlich viel Senf.«

Wahls nächstes Wunschlied war Marina, ein Ohrwurm. Über beide Ohren grinsend schwankte er mit dem Kopf.

»Von wem ist dieses Stück noch mal?«, fragte Barlow.

»Von Rocco Granata.« Über Musik wusste er alles, vor allem wusste er, was die Leute hören wollten. Barlow erinnerte sich an Wahls riesige Schallplattensammlung, die er einmal auf einer privaten Feier stolz präsentiert hatte.

Behrens hob sein Glas nahm und nickte den anderen zu. »Und den RIAS haben sie jetzt auch wieder auf dem Kieker«, sagte er, nachdem er sein Glas wieder abgesetzt hatte. »Wir gehören ja zu den Spionagezentralen, wie man drüben sagt.«

»Wieder? Das wird niemals enden.«

»Könnt ihr euch noch an den Schauprozess vor genau sechs Jahren in Ostberlin erinnern?«, fragte Behrens in die Runde. »Mit 'nem Todesurteil und ein paar Mal Lebenslang? Nur weil die armen Schweine, völlig unbescholtene Bürger, dem RIAS Informationen aus Betrieben zugespielt hatten. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass noch weitere Personen drüben hochgegangen sind, von denen keiner etwas weiß. Die Stasi arbeitet doch seit Jahren schon auf Hochtouren.«

Barlow wusste sofort, worauf sein Kollege anspielte. »Wir weisen aber immer wieder und in jeder Sendung genau darauf hin. Dass sie überaus vorsichtig sein müssen. Vor allem wird niemand gezwungen. Alle machen das freiwillig, Rudi, du weißt das genau. Oder glaubst du, irgendjemand möchten noch einmal so ein erbärmliches Justizschauspiel erleben?«

»Ist ja richtig«, stimmte Wahl zu, »alle sind von dem, was sie tun, felsenfest überzeugt. Und sie sind auch froh, eine Plattform wie den RIAS zu haben. Nur so besitzen sie die Möglichkeit, ihre Informationen, die ja deutliche Missstände in allen Teilen der Republik aufzeigen, der breiten DDR-Bevölkerung zugänglich zu machen…zumindest dort, wo wir empfangen werden können. Die hören nun mal aus gutem Grund den RIAS und nicht den Deutschlandsender oder Radio DDR.«

»Und beim Fernsehen ist es genauso«, ergänzte Behrens und fing an zu grinsen. »Ich habe mir am Montag doch tatsächlich mal Sudel-Ede auf seinem Schwarzen Kanal angeschaut. Meine Fresse, das war nicht auszuhalten. Nach fünf Minuten war ich wieder raus.«

»So grauenhaft war es? Ich habe den noch nie gesehen.«

»Ja! Ein Hetzer der schlimmsten Art, sage ich euch. Jetzt leuchtet mir auch ein, warum den selbst drüben kaum einer sehen will.«

»Dabei war der damals, als er noch im Westen beim NWDR in Hamburg gearbeitet hatte, ein großes journalistisches Talent gewesen.«

»Apropos Westen«, warf Barlow ein und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Wisst ihr überhaupt, dass sie den Knilch hier in Westberlin auf Einkaufstour enttarnt haben?«

»Ja, ich hab' davon gehört. Kam im SFB, nicht wahr?«

»Tja, so sind sie eben, die Vorzeige-Kommunisten«, stelle Behrens fest. »Gegen den Klassenfeind im Westen wortgewaltig zu Felde ziehen, ihm den sozialistischen Weg ins Paradies erklären und es sich heimlich bei ihm gutgehen lassen, weil zu Hause die Fressnäpfe nichts hergeben.«

Der Wirt stellte die Bouletten vor ihnen auf dem Tresen ab. »Lasst es euch schmecken, meine Herren.«

»Oh, die sehen ja gut aus«, freute sich Wahl, während er seine Nase über den Fleischklopsen kreisen ließ und den Duft inhalierte. »Und riechen tun die…«

»Na dann guten Appetit, euch beiden«, wünschte Barlow. »Sag mal Hubert, wie heißt dieses Stück von Elvis gerade? Ist doch auch eins von dir, oder?«

»It's Now Or Never. Habe ich auch zu Hause.« Wahl schnitt sich ein Stück Boulette ab und schob es in den Mund.

»Gibt es auch was, was du nicht zu Hause hast?«, scherzte Behrens.

»Gefällt mir jedenfalls, der Bursche«, sagte Barlow. »Ich verschwinde mal kurz.«Er rutschte von seinem Hocker, um sich in der mittlerweile gut gefüllten Kneipe einen Weg zur Toilette zu bahnen. Sein Blick streifte eine blonde Frau in einem weinroten Kleid, die direkt neben Wahl saß und im Gespräch mit einem Mann vertieft war. Eine attraktive Erscheinung, muss erst vor Kurzem gekommen sein, sonst hätte er sie schon registriert. Barlow spürte sofort sein Verlan-gen nach einer neuen Beziehung. Flüchtige Bekanntschaften, die er zwischenzeitlich zur Genüge hatte, waren zwar gut für sein Ego, hatten jedoch zu nichts Handfestem geführt. Fast sieben Monate nach der Trennung von Rita würde er gern mal wieder mit einer Frau zusammen eine längere Zeit verbringen. Gemeinsame Pläne schmieden, Glück und Leid teilen. Eine gemeinsame Wohnung, Reisen, vielleicht auch Kinder. Eine feste Partnerschaft, so wie mit Rita, das hatte er bald gespürt, war nicht zu ersetzen. Trotzdem war er zuversichtlich, dass es irgendwann wieder klappen würde.

Als Barlow zurück war, hob die Frau für einen kurzen Moment den Kopf und lächelte ihm zu. Eine Geste, die urplötzlich seinen Pulsschlag erhöhte. Er konnte gerade noch mit einem freundlichen Nicken reagieren, dann verschwand sie hinter Wahls Körper.

»Sag mal Cuba, bist du eigentlich diesen Sommer wieder auf dem Boot«, fragte Behrens, nachdem Barlow sich wieder gesetzt hatte.

»Der Sommer hat ja erst angefangen. Aber ich denke schon, dass wir den einen oder anderen Törn machen werden.« Zu gern hätte er Blickkontakt zu der blonden Frau gehabt. Hubert Wahl war quasi im Weg.

»Bist du immer noch in deinem Club am Wannsee?«

»Ja, Am Großen Wannsee, direkt neben der Liebermann-Villa.«

Das Segeln war Barlows Hobby geworden. Rita, die er während des Studiums an der Freien Universität kennengelernt hatte, war schuld daran gewesen. Noch genau konnte er sich an den Tag erinnern, an dem sie ihn auf ihre Jolle eingeladen und ihm die ersten Handgriffe und Knoten gezeigt hatte. Ein unfassbarer Tag, der in einer kleinen Bucht an der Havelchaussee geendet hatte. Am nächsten Morgen war er nicht nur von Rita, sondern auch vom Segeln angetan. Das Segeln sollte von diesem Moment an seine große Leidenschaft werden und Rita seine große Liebe. Nur wenige Tage später meldete er sich für einen Segelkurs in einer Segelschule an, den er mit Ritas Hilfe problemlos bestand.

Rita entstammte einer Seglerfamilie und nahm ihn oft mit auf das Boot ihrer Eltern, eine 13-Fuß-Yacht mit sechs Schlafplätzen. Ein solches Boot hatte er noch nie von innen gesehen. Der reinste Traum. Besitzer einer solchen Yacht zu werden, war fortan sein Ziel.

»Aber ist das auf Dauer nicht langweilig, immer nur auf Wannsee und Havel?«, fragte Wahl.

»Na ja, das ist leider der Preis der Teilung. Ich wäre auch gerne mal auf den Potsdamer Seen unterwegs gewesen oder auf dem Müggelsee und im Südosten.« Barlow trank von seinem Bier. »Aber etwas reizt mich eigentlich noch viel mehr…die Ostsee und Dänemarks Südsee.«

»Hast du denn dafür einen Schein?«

»Noch nicht. Bin aber schon lange am Überlegen, den zu machen. Vielleicht im Herbst. Und dann in Lübeck oder Kiel ein Boot chartern und 'rübersegeln.« Barlows Augen begannen zu glänzen.

Die Trennung von Rita war schmerzvoll gewesen. Lange hatte er darunter gelitten, dass sie ihn für einen anderen aufgegeben hatte. Sie brauchte eine neue Umgebung, wie sie sagte. Dann war sie ausgezogen aus der kleinen Wohnung in Schöneberg. Trotzdem war er Mitglied im Segelclub geblieben und vor sechs Wochen hatte er Rita das erste Mal wieder getroffen. Mit ihrem neuen Freund, den sie ihm vorgestellt hatte. Für den hatte sie ihn also stehengelassen.

»So«, entschied Wahl und schaute auf seine Uhr. »Ein Runde noch, dann ist für mich Schluss. Sonst bekomme ich zu Hause Ärger. Ich habe Marion nämlich nichts davon erzählt, dass ich mit euch noch auf ein paar Biere in der Kneipe gehen würde. Die ist bestimmt sauer.«

»Tja, dass ist der Nachteil einer Frau«, bemerkte Behrens lachend und bestellte die letzten drei Biere. »Ich werde dann aber auch gehen.«

Barlow schielte ein weiteres Mal an Wahl vorbei zu der Frau im weinroten Kleid hinüber. Und wieder fing sie seinen Blick auf und lächelte verlegen. In einer Übersprungshandlung griff er zu seinem Bierglas und wendete den Blick ab. Hatte er tatsächlich ihr Interesse geweckt? Ihr Lächeln war doch kein Zufall. Aus den Augenwinkeln registrierte er, dass der Mann an ihrer Seite verschwunden war. Das Kribbeln in seinem Bauch, dass er schon beim ersten Blickkontakt spürte, war kaum noch auszuhalten. Aus der Musikbox trällerte das Lied Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen.

»Ist das nicht genau deine Musik, Cuba?«, fragte Behrens lachend und schlug ihm die Hand auf die Schulter. »Wir hatten doch gerade das Thema.«

»Nee, bestimmt nicht. Hast du diesen Scheiß auch zu Hause, Hubert?« Ein dermaßen bescheuertes Stück.

Wahl schüttelte grinsend den Kopf und zeigte auf Behrens. »Das war sein Wunsch.«

Behrens konnte sich ein Schmunzeln ebenfalls nichtverkneifen. »Ich habe übrigens Karten für die Stachelschweine in der Rankestraße«, sagte er nicht ohne Stolz. »Für morgen Abend.«

»Mit dem Gruner?«

»Genau. Der Bursche ist echt zum Wegschmeißen. Ach übrigens, wart ihr mal drüben in der Distel? Die sind auch richtig gut. Nehmen ihre Regierung ordentlich auf die Schippe.«

»Ich bin nie drüben«, bemerkte Barlow. »Was soll ich da auch? Da gibt es nichts, was ich nicht auch hier finden würde. Gut, vielleicht die Distel oder das Berliner Ensemble.«

»Ach Cuba, wegen deiner Sendung gehst du nie rüber«, stellte Wahl fest. »Hast du immer noch Angst, dass sie dich dort wegfischen?«

»Das ist Quatsch. Die kennen mich doch gar nicht. Ich bin doch nicht im Fernsehen. Nein, aus Prinzip nicht.«

»Na ja«, mischte sich Behrens ein. »Die haben da schon so ihre Möglichkeiten.«

Wahl hatte recht, ohne zu wissen warum. Weder er oder Behrens noch irgendein anderer Kollege im Sender oder in der Redaktion wussten, dass er für den amerikanischen Geheimdienst arbeitete. Auch in seinem privaten Umfeld hatte niemand Kenntnis davon. Ken Mullen, sein Kontaktmann beim CIA im Gebäude 6A des US-Hauptquartiers in der Clayallee in Dahlem, hatte ihn zur strengsten Geheimhaltung verpflichtet. Dazu gehörte auch, Westberlin möglichst nicht zu verlassen. Wenn es denn eine Reise in die Bundesrepublik oder das westliche Ausland sein musste, sollte er unbedingt das Flugzeug nehmen. Der CIA hatte ihm sogar einen gefälschten Pass der Bundesrepublik Deutschland ausgestellt, den er bisher allerdings nicht nutzte. Es war ihm nicht leichtgefallen, das Engagement mit den Amerikanern einzugehen. Obwohl Ken Mullen sehr überzeugend argumentierte, als er ihn nach einer Sitzung im RIAS angesprochen hatte, hatte er lange mit sich gerungen, weil es ihm im Brennpunkt des Kalten Krieges, in Westberlin, gefährlich erschien, für einen Geheimdienst zu arbeiten. Aber war es der Job beim RIAS, und gerade seine Sendung, nicht auch? Sein Berufsalltag hatte sich da-nach verändert. Über den CIA bekam er Kontakt zum UfJ, dem Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen, und zum Ostbüro der SPD. Beide Organisationen wurden von den DDR-Behörden ebenso wie der RIAS als Spionageorganisationen gebrandmarkt und von der Stasi bekämpft.

»Ich muss los, Cuba, wir sehen uns«, erklärte Wahl.

»Ich schließe mich gleich an, Hubert, ich bin müde«, entschied Behrens. Mitleidig sah er Barlow an. »Nichts für Ungut, Cuba, du musst jetzt alleine die Stellung halten.«

»Wenn es weiter nichts ist. Machts gut. Wir sehen uns nächste Woche.«

Schon seit Minuten hatte er diesen Augenblick sehnlichst erwartet. Wahls Verschwinden gab endlich den Blick auf die Frau im weinroten Kleid frei. Zwischen ihnen befand sich nur noch ein leerer Barhocker. Sie musterte gerade nachdenklich ihr Weinglas, in der linken Hand eine Zigarette. Als sie ihm ihr Gesicht zuwandte, gelang ihm nur ein unbeholfenes Lächeln. Dass sie angesprochen werden wollt, war nicht zu übersehen. Mit einem Zug leerte er sein Bierglas. »Darf ich mich zu Ihnen setzen?«.

Sie lachte. »Aber ja, sehr gerne.« Sie deutete einladen auf den leeren Barhocker. Mit einem Nicken rutschte er zu ihr heran. Er konnte seine Aufregung kaum unterdrücken. Sie führte sich die Zigarette, die sie noch nicht angezündet hatte, zu ihren Lippen. Barlow griff zu dem vor ihr auf dem Tresen liegenden Feuerzeug und gab ihr Feuer.