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Captain Wallet ermittelt im zwielichtigen Berlin der Nachkriegsjahre
Berlin im Jahr 1948: Captain Matthew Wallet wird in die amerikanische Besatzungszone strafversetzt. Gemeinsam mit seiner Einheit soll er die Bandenkriminalität in der durch den Krieg völlig zerstörten Stadt unter Kontrolle bekommen. Wallets schlimmste Erwartungen werden noch übertroffen. Er sieht sich mit den »Brandenburgern« konfrontiert, Angehörigen einer ehemaligen Wehrmachtseinheit, die ihr Unwesen in allen vier Sektoren treiben. Ihre letzte Tat: In einem Schwarzmarktlager haben sie eine gegnerische Bande ausgeschaltet und ein wahres Blutbad angerichtet. Wallet ahnt, dass er schnell handeln muss. Er engagiert einen Spitzel, den zwölfjährigen Heiner, der in der Unterwelt bestens vernetzt ist. Kurze Zeit darauf verschwindet er jedoch und Wallet und Heiners Mutter Klara geraten bei der Suche nach ihm in einen gefährlichen Hinterhalt ...
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Das Buch
Wallet öffnete langsam die Augen. Irgendetwas hatte ihn geweckt. Bis auf einen schmalen Streifen Mondlicht lag sein Zimmer in vollständiger Dunkelheit. Ein kühler Luftzug bauschte den Vorhang durch das geöffnete Fenster auf. Kein menschliches Geräusch drang von draußen herein. Plötzlich nahm er neben der Tür eine Bewegung wahr. Lautlos schoben sich zwei Gestalten durch den Lichtschein vor sein Bett. Langsam bewegte Wallet seinen Arm unter der Bettdecke hervor. Die beiden Militärpolizisten zuckten erschrocken zusammen, als er die Taschenlampe anknipste.
»Entschuldigen Sie die Störung, Sir.« Der erste Soldat blinzelte in die Helligkeit. »Wir sitzen draußen im Flur und bewachen Ihr Zimmer. Wir sollen alle zwei Stunden persönlich nach Ihnen sehen, Sir. Direkter Befehl von Major Gort. Wir wollten Sie nicht wecken, darum haben wir kein Licht gemacht.«
»Das ist sehr fürsorglich. Vielen Dank.« Wallet feuerte durch die Daunendecke. Die Kugel riss den vorderen Militärpolizisten von den Beinen. Der hintere griff nach seiner Waffe, als Wallet zum zweiten Mal abdrückte. An der Schulter getroffen wirbelte er um seine eigene Achse, als ihn die dritte Kugel in die Hüfte traf. Wallet schleuderte die Decke zur Seite und schwang die Beine aus dem Bett. Mit ausgestreckter Pistole tappte er vorwärts. »Wer hat euch geschickt?«
Der Autor
Peter Klisa, 1970 in Frankfurt am Main geboren, lebt im äußersten Südwesten Deutschlands, im Dreiländereck zu Frankreich und der Schweiz. Er ist Chemiker und produziert raffinierte Einsatzstoffe für die Bau- und die Automobilindustrie. Nach seinem gründlich recherchierten Debüt »In den letzten Stunden der Dunkelheit« legt er mit »Im Schatten der Ruinen« nun seinen zweiten historischen Roman vor, der im zerstörten Berlin der Nachkriegsjahre spielt.
Lieferbare Titel
978 – 3-453 – 44151 – 4 – In den letzten Stunden der Dunkelheit
Peter Klisa
Im Schatten der Ruinen
Thriller
Wilhelm Heyne Verlag
München
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Originalausgabe 02/2026
Copyright © 2026 by Peter Klisa
Copyright © 2026 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Thomas Brill
Umschlaggestaltung: punchdesign, nach einer Vorlage und Motiven von: Arcangel (Abigail Miles), AdobeStock.com (somemeans, vik173), Shutterstock (Hintau Aliaksei)
Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering
ISBN 978-3-641-30447-8V001
www.heyne.de
Prolog
Burlington, Vermont, USA, 11.November 1918, 11:25 Uhr
»Du bist dümmer, als ich dachte, Matti. Wenn du mit dieser Klapperkiste den Orchard Hill runterfährst, brichst du dir den Hals.« Gregory Swenson, vierzehn Jahre und unangefochtener Champion, was todesmutige Abfahrten anging, verpasste Matthew Wallets Seifenkiste einen Tritt. »Das Ding bricht zusammen, bevor du unten bist. Wer hält die Wette?« Gregory drehte sich zu seiner Entourage aus halbwüchsigen Jungen um, die pflichtbewusst lachten.
»Pass auf, dass du dir nicht den Fuß verstauchst, Greg«, erwiderte Matthew. »Geh aus dem Weg. Ich will starten.«
Es gab zwei grundsätzliche Risiken, wenn man den Orchard Hill in einer Holzkiste runterfuhr: die Landstraße von Burlington nach Waterbury, die man am Fuß des Hangs mit hoher Geschwindigkeit überqueren musste, damit die Mutprobe zählte. Und – viel schlimmer – Sheriff Joseph Kassinsky, der jeden Streich und jeden Unsinn mit einer Tracht Prügel bestrafte. Da die meisten Väter im Krieg waren, legte Kassi, wie die Kinder ihn nannten, selbst Hand an und führte den Erziehungsauftrag persönlich aus. Die gelben und blauen Flecken auf Matthews Rücken konnten ein Lied davon singen.
»Gib mir den Helm, Luke«, sagte er zu seinem zwei Jahre jüngeren Bruder. Luke reichte ihm den Stahlhelm, den Onkel Hank aus Frankreich mitgebracht hatte. Der Helm war für einen Elfjährigen zu groß, aber Onkel Hank hatte ihm ein Handtuch mitgegeben, das er zusammengerollt unter den Helm schob. Matthew zog den Kinnriemen fest und wackelte mit dem Kopf. »Passt.« Er schielte zu Lizzy Trenton hinüber, die ihm aus dem Pulk der anderen Kinder zuwinkte. In der Schule saß er zwei Reihen hinter ihr und betrachtete den ganzen Vormittag ihre kastanienbraunen Zöpfe. Wie sie den Kopf neigte, wenn sie etwas aufschrieb, oder das Grübchen auf ihrer Wange, wenn sie mit ihrer Freundin flüsterte.
»Danach will ich auch mal fahren.« Lizzy zeigte auf seine Seifenkiste.
Kaum hatten Matthew und Luke am Morgen die Holzkiste aus Onkel Hanks Werkstatt geschoben, hatte sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen, dass Matti Wallet den Orchard Hill runterfahren wollte. Als sie eine halbe Stunde später oben auf dem Hügel angekommen waren, hatten sich bereits die meisten Kinder der Stadt am Startpunkt versammelt.
»Überleg’s dir noch mal«, flüsterte Luke, während Matthew in die Kiste stieg. Der Holzkasten, den die Brüder dem Gemischtwarenhändler abgeschwatzt hatten, war gerade groß genug, dass Matthew mit angezogenen Beinen darin sitzen konnte. Er sah seinen Bruder an und schüttelte den Kopf. Es gab nichts zu überlegen. Jetzt nicht mehr. In wochenlanger Arbeit hatten sie mit Onkel Hank zwei Achsen und die Räder an die Kiste gebastelt, die Seitenwände verstärkt und ein Lenkrad montiert. Natürlich ohne dass ihre Mutter etwas mitbekam. Die Entscheidung war in dem Moment gefallen, als sie das Tor zu Onkel Hanks Garage geöffnet hatten.
»Bitte sei vorsichtig, Matti. Denk an Connor.«
Matthew strich Luke eine feuchte Haarsträhne aus dem Gesicht. Am Morgen hatte es nur genieselt, inzwischen trommelten dicke Tropfen auf Matthews Helm. Luke war ängstlicher und klüger als sein großer Bruder.
Connor McFarlan hatte im Juli die Abfahrt gewagt. Auf der abschüssigen Strecke war seine Vorderachse in einer Bodenwelle gebrochen und Connor kopfüber in einen Gartenzaun eingeschlagen.
Matthew kontrollierte mit einem letzten Blick die Räder. Dann holte er tief Luft. »Anschieben!«
»Dann geh wenigstens Kassi aus dem Weg.« Luke hielt die Seifenkiste fest, klammerte sich an den Holzrahmen. »Wenn er dich erwischt, schlägt er dich windelweich. Und er wird dich verpetzen, wenn Vater zurück ist. Dann kriegst du eine zweite Tracht Prügel.«
Matthew sah, dass sein jüngerer Bruder zitterte. Er nahm den Schal ab, den er sich gegen den Fahrtwind über das Kinn ziehen wollte, und legte ihn Luke um den Hals.
»Vater würde uns niemals schlagen, Luke. Das weißt du doch, oder? Wenn er zurück ist, zeigen wir ihm die Seifenkiste. Vielleicht will er auch mal fahren, was meinst du?« Matthew grinste seinen Bruder an und boxte ihm gegen die Schulter.
»Glaubst du wirklich?«
»Aber natürlich. Mach dir keine Sorgen. Wenn ich Kassi sehe, gehe ich stiften. Er kriegt mich nicht. Versprochen.«
»Du kennst die Regeln, Matti«, rief Gregory. »Du musst die Landstraße überqueren, sonst zählt es nicht.«
Gregory war der Einzige in ganz Chittenden County, der in den letzten sieben Jahren mutig und dumm genug gewesen war, sich den Abhang des Orchard Hill in einer Seifenkiste hinunterzustürzen – und es unbeschadet überstanden hatte.
»Wir sehen uns unten, Greg«, erwiderte Matthew. »Anschieben«, rief er ein zweites Mal. Lizzy und zwei Jungs stemmten sich von hinten gegen den Holzkasten. Die Reifen holperten über die unebene Wiese. Matthew drehte testweise das Lenkrad, das Onkel Hank aus einer Holzscheibe gezimmert hatte. Er rumpelte immer schneller den Hang hinunter. Die Schritte der Anschieber blieben zurück.
»Godspeed, skipper«, rief Lizzy.
Die Speichen verschmolzen zu flirrenden Scheiben. Regentropfen klatschten ihm ins Gesicht, durchweichten Hose und Jacke.
»Huuzaah.« Matthew streckte eine Faust in die Luft und stieß einen langen Schrei aus. Er schaute zurück und winkte Luke zu, der klein und verloren zwischen den anderen Kindern stand.
Als ein Rad in ein Loch schlug, packte Matthew das Lenkrad mit beiden Händen und konzentrierte sich auf die Strecke. Der Orchard Hill bestand aus Wiesen und Weiden, die mit Apfelbäumen durchsetzt waren. Während der Hügel in der oberen Hälfte flach war, wurde das Gefälle im unteren Teil immer stärker. Dort war an Lenken nicht mehr zu denken. Connor hatte es trotzdem versucht und war im Krankenhaus aufgewacht.
Als die steilere Hälfte begann, steuerte Matthew nach rechts. Häuserreihen säumten den Fuß des Orchard Hill, umgeben von hellbraun oder weiß gestrichenen Lattenzäunen, von denen einer Connor zum Verhängnis geworden war. Um diesem Schicksal zu entgehen, musste Matthew einen der Fußwege treffen, die in unregelmäßigen Abständen zwischen den Gebäuden zur Straße führten. Er lehnte sich zur Seite und drehte weiter am Lenkrad. Langsam änderte die Seifenkiste die Richtung, bis sie auf den Weg zwischen den Häusern der Witwe Jefferson und der Familie Murphy zuhielt.
Matthew schnappte nach Luft, als die Kiste das steilste Stück hinunterstürzte. Das Lenkrad wackelte und vibrierte. Er versuchte, den Kurs zu halten. Beim kleinsten Schlenker konnten die Räder abbrechen. Der Fahrtwind trieb ihm die Tränen in die Augen. Die Seifenkiste wurde noch schneller, und Matthew hatte das Gefühl zu fliegen.
Plötzlich waren die Häuser und Lattenzäune sehr nahe. In der Lücke dazwischen sah Matthew einige Autos auf der Straße vorbeifahren. Die Seifenkiste raste die letzten Meter den Abhang hinunter, machte einen Satz und schoss in den Fußweg. Regenwasser spritzte in alle Richtungen, als er durch eine Pfütze rauschte. Äste hingen über einen Zaun, schlugen ihm ins Gesicht.
Matthew biss die Zähne zusammen und steuerte in die Mitte des Weges. Er war unten, aber viel zu schnell. Bis auf einen kleinen Ausschnitt verdeckten die Häuser die Sicht, sodass er die Landstraße erst in allerletzter Sekunde einsehen konnte. Er zog an der Bremse. Onkel Hank hatte an den Hinterrädern Bremsbacken befestigt, die Matthew mit einem Hebel unter dem Lenkrad betätigen konnte. Die Bremswirkung war schwach und half nicht, wenn die Seifenkiste den Hügel runterraste. Sie sollte ihn aber vor der Straße abbremsen, damit er einen Zusammenstoß mit einem Auto vermeiden konnte. Er war sich nicht sicher, ob Bremsen bei der Mutprobe erlaubt waren, doch der Einbau war Onkel Hanks Bedingung gewesen, um ihm überhaupt zu helfen.
Matthew zog den Hebel stärker. Er hörte ein schleifendes Geräusch an den Hinterrädern, wurde aber nicht langsamer. Ein Ford schoss an der Stelle vorbei, wo der Fußweg auf die Straße traf. Trotz der Novemberkälte schwitzte Matthew in seiner Jacke. Er packte den Bremshebel mit der rechten Hand, holte tief Luft und zog mit aller Kraft. Das Schaben wurde lauter – und der Hebel brach ab.
Matthew schrie auf. Ihm blieb nicht einmal genügend Zeit, um abzuspringen. Er raste am letzten Haus vorbei, fuhr auf die Landstraße zu und sah Dawsons Brauereilaster auf sich zurollen. Ein massiver dunkelgrüner Packard-Truck mit gelber Aufschrift, in dem Tim Dawson hinter dem Steuer saß und Bierfässer auslieferte. Der Laster hupte und bremste zugleich. Dawson starrte Matthew hinter der Windschutzscheibe mit offenem Mund an. Der Truck schlingerte und wurde langsamer, rauschte aber immer noch viel zu schnell heran.
Mit einem eleganten Schwung schoss die Seifenkiste nur wenige Meter vor der Stoßstange auf die Fahrbahn. Matthews Blick klebte auf dem Kühlergrill, auf dem mit Matsch gesprenkelten Nummernschild. Der Laster ragte riesengroß über der fragilen Holzkiste auf. Die Hupe plärrte wie ein Nebelhorn. Matthew spannte alle Muskeln an, zog den Kopf zwischen die Schultern und wartete auf den Zusammenstoß.
Und dann war er auf der anderen Straßenseite. Die quietschenden Bremsen sausten hinter ihm vorbei wie ein Güterzug der Pacific Union. Der Luftstoß drückte die Holzkiste herum. Matthew steuerte dagegen, als beide Vorderräder abknickten. Die Seifenkiste knallte mit der Schnauze auf den Asphalt und rutschte von der Straße.
Matthew zitterte vor Kälte. Sie lief in seine Schuhe, sickerte in die Hose und kroch den Rücken hoch.
»Holt eine Decke und bringt den Verbandskasten mit.« Kassis Stimme vertrieb die Benommenheit mit einem Schlag. Matthew riss die Augen auf. Er lag zwischen den Trümmern seiner Seifenkiste ein paar Meter hinter der Landstraße. In einer Pfütze. Kassi kniete neben ihm im nassen Gras. Dahinter knetete Tim Dawson seine Schirmmütze, als wollte er sie mit beiden Händen erwürgen. Matthew tastete über sein Gesicht und zuckte zusammen, als er die geschwollene Wange und den Riss unter dem rechten Auge berührte.
»Langsam, Junge«, sagte Kassi. »Du hast dir ganz ordentlich den Kopf gestoßen.«
Matthew setzte sich auf, sackte jedoch sofort wieder nach hinten. Der Sheriff und die Wiese drehten sich im Gleichklang. Blut lief über sein Kinn, tropfte auf die Jacke und den Boden. Er versuchte, das Blut von der Jacke zu wischen – und verschmierte es zu einem hellroten Fleck. Seine Mutter würde durchdrehen.
»Hören Sie, Sheriff, es ist nicht das, wonach es aussieht.« Matthew hatte Mühe zu sprechen. Die Worte quollen als undeutlicher Brei aus seinem Mund.
»Junge, was redest du für einen Unsinn?« Kassi schüttelte den Kopf. »Nimm mal den Blecheimer ab.«
Der Sheriff fummelte am Kinnriemen, löste den Helm und warf ihn ins Gras. Er packte Matthew am Kinn und drehte dessen Kopf nach rechts und links, bis dieser vor Schmerz aufschrie.
»Du Satansbraten«, schimpfte Kassi. »Dafür gehört dir der Hintern versohlt. Ist was gebrochen? Beweg dich mal.«
Matthew wedelte gehorsam mit den Armen. Der Riss unter dem Auge pulsierte. »Sheriff, ich wollte nur …«
»Erzähl keine Geschichten, Matti.« Kassi zog ihn hoch. »Wollt ihr euch auf der Straße umbringen, du und deine Freunde? Ich würde dich am liebsten grün und blau prügeln. Aber das kann dein Vater gerne selbst übernehmen.«
Matthews Schläfen pochten, und er wartete darauf, dass sein Kopf platzte. »Ich verstehe nicht, was Sie meinen, Sheriff.«
Kassi grinste. »Unsere Soldaten kommen nach Hause. Heute Morgen kam ein Telegramm. Der Vermont Tribune druckt eine Sonderausgabe. Die Hunnen haben kapituliert. Der Krieg ist aus.«
Matthew verstand nicht, was der Sheriff sagte. Auf der anderen Straßenseite standen Luke, Lizzy, Greg und die anderen, trauten sich aber nicht näher. Matthew blickte wieder den Sheriff an und spürte, wie seine Knie nachgaben.
»Sie meinen, der Krieg ist wirklich zu Ende?«
Kassi nickte und strahlte über das ganze Gesicht. Er sieht komisch aus, dachte Matthew. Er hatte den Sheriff noch nie lachen gesehen.
»Mutter.« Matthew stürzte durch die Haustür, noch bevor sie richtig offen war. »Mutter, Vater kommt nach Hause.« Er preschte durch den Flur, vorbei an dem Schränkchen, in das normalerweise die gut abgebürsteten Schuhe gehörten. Außer Atem stürmte er mit Luke auf den Fersen in die Küche. Sie waren den ganzen Weg gerannt. Matthews rechte Wange schmerzte, als hätte jemand ein Brandeisen darauf gedrückt. Aber er wollte keine Sekunde verlieren.
Seine Mutter saß am Küchentisch und knüllte ein graues Stofftaschentuch in den Händen. Reverend Armitage rutschte auf dem Stuhl neben ihr hin und her und nippte an einer Tasse Tee. Onkel Hank saß beiden gegenüber und hielt einen Brief mit dem Wappen der U.S. Army in der linken Hand. Matthews Vater und Onkel Hank hatten sich vor mehr als einem Jahr freiwillig gemeldet und waren in derselben Kompanie in den Krieg gezogen. Doch schon am zweiten Tag an der Front beendete eine deutsche Granate Onkel Hanks militärische Laufbahn. Der Ausflug nach Europa hatte ihn den rechten Arm gekostet, aber immerhin nicht das Leben.
Matthews Blick haftete auf dem weißen Briefpapier. Seine Knie wurden zum zweiten Mal an diesem Tag weich. Er wusste, was dieser Brief bedeutete, aber das konnte nicht sein.
»Der Krieg ist aus«, sagte er mit fester Stimme. »Vater kommt zu uns zurück.«
Seine Mutter blickte auf. Ihre geröteten Augen weiteten sich, als sie das Blut auf seiner Jacke und das geschwollene Gesicht sah. »Was ist denn mit dir passiert?«, rief sie voller Sorge. Noch bevor Matthew antworten konnte, stand sie vor ihm und nahm die Brüder in die Arme.
»Kassi hat … ich meine, Sheriff Kassinsky hat gesagt, dass der Krieg vorbei ist und Vater mich verprügeln wird.« Seine Mutter presste ihn fest an sich. Er spürte ihre Wärme und wie sie zitterte.
»Matti, Luke, euer Vater …«, setzte Onkel Hank an. Er machte eine Pause und schluckte. »Euer Vater ist vor drei Wochen in Frankreich gefallen.«
»Aber das geht nicht«, protestierte Matthew, »der Krieg ist vorbei.« Der Körper seiner Mutter bebte, und Luke fing an zu schluchzen.
»An einem Ort namens Bois de Bantheville. Euer Vater wird nicht nach Hause kommen.«
Matthew schossen Tränen in die Augen. Er drückte das Gesicht in das Kleid seiner Mutter, das nach Seife roch.
Der Reverend räusperte sich. »Der Wille des Herrn ist unergründlich, wenn er die Seinen zu sich ruft.«
»Halten Sie die Klappe, Reverend.« Onkel Hank faltete den Brief zusammen und strich ihn glatt.
Erster Teil
1
Berlin-Tiergarten, britischer Sektor, 11.Dezember 1947, 14:37 Uhr
Berlin roch nach verbranntem Torf. Nach Kohleofen. Nach Holzfeuer. Der Geruch strömte aus den Schornsteinen, die wie Spargel in den Ruinenfeldern standen. Er hing in der Luft, setzte sich in der Kleidung, in den Haaren fest. Manchmal war dieser Geruch angenehm und erinnerte Matthew Wallet an die Lagerfeuer seiner Kindheit. Meistens aber stank es, wenn ein lackiertes Möbelstück oder nasses Holz im Feuer endete. Die Berliner verbrannten alles, was Wärme hergab. Alte Kisten, Stoffreste, Zeitungen, Holz aus den Ruinen. Und natürlich Äste. Jede Menge Äste. Von dürren Zweigen bis oberschenkeldicken Stämmen wanderte alles in Öfen und Kamine. Im Tiergarten säumten Baumstümpfe die verwahrlosten Kieswege. Direkt nach Kriegsende hatte der Magistrat viele Grünanlagen für den Anbau von Kartoffeln und Gemüse freigegeben. Allerdings mit mäßigem Erfolg, denn der Aufwand, die Felder gegen Diebe zu bewachen, stand in keinem Verhältnis zur überschaubaren Ernte. Seitdem verfielen die Parks, und die Äste waren in diesem oder einem der vergangenen Winter verfeuert worden. Wobei der Tiergarten sowieso kein Ort des Müßiggangs mehr war, sondern einer der unzähligen Tauschplätze im Zentrum Berlins. Und das in einem Umfang, mit dem Wallet nicht gerechnet hatte.
»Jetzt könnte es langsam losgehen.« Lieutenant Frank Hurst sah auf seine Armbanduhr. »Ist jedes Mal ein Schauspiel, aber heute wird es fulminant. Wie beim Football. Interessieren Sie sich für Football, Captain?«
Wallet schüttelte den Kopf. Vereinzelte Schneeflocken trieben durch die Luft, drifteten zu Boden. Er streckte die Finger aus, fing eine Flocke und betrachtete, wie die feine Struktur auf seinem Handballen schmolz.
»Haben Sie noch nie Schnee gesehen, Captain?« Hurst lachte. »Ich dachte, Sie sind aus Vermont.«
»Mir ist gerade klar geworden, dass das der erste Schnee seit vier Jahren ist. Seit ich die Staaten verlassen habe.«
Wallet rieb sich die Hände und ging neben dem Jeep auf und ab. Obwohl er einen Wintermantel trug und die Sonne immer wieder durch den Dezemberhimmel schien, war ihm kalt. Keine Überraschung nach vier Jahren Nordafrika und Sizilien, dachte er. Hurst hatte den Jeep am Kemperplatz auf einen Schutthaufen manövriert, sodass die beiden Militärpolizisten einen guten Blick in alle Richtungen hatten. Der Schwarzmarkt begann am Brandenburger Tor und reichte weit in den Tiergarten. Fünfhundert Meter entfernt ragte der zerstörte Reichstag als Sinnbild des alten und des neuen Berlin empor. Hinter ihnen erstreckten sich kilometerweit Ruinenfelder bis nach Schönefeld und Wilmersdorf. Mehrstöckige Backsteingerippe mit eingestürzten oder ausgebrannten Dächern, Wände mit Fensterhöhlen, von Schuttbergen flankierte Straßen.
Der Schwarzmarkt spülte eine endlose Brandung an Wortfetzen zu ihrem Aussichtspunkt. Hunderte Stimmen, die feilschten, handelten und stritten. Männer in Anzug und Krawatte beugten sich über aufgeklappte Koffer, betrachteten Rasiermesser oder hielten Schuhe in die Höhe. Frauen in Sonntagskleidern tauschten Unterwäsche gegen Karotten, Silberbesteck gegen Tomaten. Konservendosen, Anzüge und Werkzeug wechselten den Besitzer. Ein russischer Soldat drehte eine Geige in den Händen und diskutierte mit einem weißhaarigen Mann, während ein französischer Offizier eine Goldkette mit einer Lupe prüfte.
»Was wird hier gehandelt?«, fragte Wallet.
»Alles.« Hurst sah zwei jungen Frauen nach, die zehn Meter entfernt vorbeischlenderten und den Amerikanern Blicke zuwarfen. »Sie können hier alles bekommen, Captain. Uhren, Abflussrohre, Bilder von Adolf, Schmuck für Ihren Schatz oder ein deutsches Mädchen. Gibt es jemand, der zu Hause auf Sie wartet?«
Wallet antwortete nicht. Er nahm nicht an, dass Lizzy nach zwei gescheiterten Beziehungsversuchen noch an ihn dachte, geschweige denn auf ihn wartete.
»Brauchen Sie etwas?«, fragte Hurst. »Ein Paar Handschuhe könnten nicht schaden.«
»Nein danke. Ich dachte, Schwarzhandel ist verboten.«
»Stimmt. Komplett illegal.« Hurst winkte den beiden Frauen zu, die langsam eine Schleife gingen und etwas näher kamen.
»Wieso passiert das dann in aller Öffentlichkeit?«, fragte Wallet. »Wieso löst niemand den Schwarzmarkt auf?«
»Das ist Aufgabe der deutschen Polizei. Wir sind nur Beobachter, vor allem da wir in der britischen Zone sind. Offizielle Richtlinie des Alliierten Kontrollrats. Um Konflikte zwischen Bevölkerung und alliierter Militärpolizei zu vermeiden.«
Wallet sagte nichts. Er schob die Hände in die Manteltaschen und ging neben dem Jeep wieder auf und ab, bis seine Fußspuren einen Pfad in der dünnen Schneedecke bildeten. Immer mehr Menschen strömten mit Koffern, Taschen und Rucksäcken in den Tiergarten. Eine grauhaarige Frau zog einen Handkarren, auf dem sie einen Spiegel und einen Kleiderständer festgebunden hatte.
»Und wer ist das dort hinten?« Wallet zeigte auf einen jungen Mann, der abseits an einem Mauerstumpf lehnte. Er trug einen schwarzen Anzug und eine gleichfarbige Krawatte. Der Kragen seines weißen Hemdes ragte über die Anzugjacke, auf den mit Pomade nach hinten gekämmten Haaren saß ein dunkler Hut mit weißer Banderole.
»Das ist ein Verteiler, der seine Läufer bedient.« Hurst kramte eine Packung Chesterfield aus der Uniformjacke und zündete sich eine Zigarette an.
»Was für Läufer?«, fragte Wallet, obwohl er es sich denken konnte. Das organisierte Verbrechen funktionierte überall gleich.
»Der Verteiler hat irgendwo in der Nähe einen Vorrat an Zigaretten, Seife oder Schuhcreme versteckt. Womit er eben gerade handelt. Er hat eine Handvoll Läufer, die seine Ware in kleinen Portionen auf dem Schwarzmarkt verkaufen oder tauschen. Immer gerade so viel, dass sie bei einer Festnahme keine Schwierigkeiten kriegen. Sehen Sie, da kommt einer und holt sich Nachschub.«
Ein vielleicht sieben- oder achtjähriger Knirps mit einer blauen Schirmmütze lief aus der Menschenmenge auf den Mann im schwarzen Anzug zu. Der Junge hielt eine Armbanduhr in die Höhe, und der Verteiler winkte ihn heran. Sie standen eng zusammen, beugten sich über die Uhr und diskutierten mit ausschweifenden Gesten, als würden sie über den Preis verhandeln. Und tauschten dabei – kaum sichtbar – kleine Pakete aus, die der Junge in eine Umhängetasche aus dunkelbraunem Leder schob. Schließlich schüttelte der Verteiler demonstrativ den Kopf. Er schob dem Jungen eine Zigarette hinters Ohr und schickte ihn mit einem Klaps auf den Hinterkopf fort.
»Der Verteiler ist ein lässiger Bursche«, stellte Wallet fest.
»Ja«, erwiderte Hurst. »Ein richtiger Gangster. Könnte aus Chicago kommen.«
Der Knirps grinste, ließ die Zigarette verschwinden und rannte zurück in die Menschenmenge. Der Verteiler zog mit den Lippen eine zweite Zigarette aus der Packung und zündete sie mit einem amerikanischen Sturmfeuerzeug an. Als er den Rauch langsam in einer Wolke ausatmete, blieb sein Blick an den Amerikanern hängen. Wallet und der Verteiler sahen sich an. Der Deutsche hielt den Blick einige Sekunden, zu lange für Wallets Geschmack. Dann wandte er sich ab, lehnte am Mauerrest und zog an seiner Zigarette.
Wallet verschränkte die Arme. »Angst hat der keine.«
»Warum auch?«, erwiderte Hurst. »Er hat nichts zu befürchten. Selbst wenn wir den Verteiler in dem Moment festnehmen, in dem er sich aus seinem Vorrat bedient, wird er behaupten, dass er die Ware gefunden hat. Wir können ihm nichts nachweisen. Verteiler sind die unterste Führungsebene im kriminellen Netzwerk. Sie kaufen die Ware von wechselnden Kontaktpersonen, die sie nicht kennen. Die Organisation schützt sich selbst. An den Kern der Bande kommen wir nicht ran.«
»Ich gehe trotzdem mal rüber und rede mit ihm«, sagte Wallet. »Er soll sich nicht so verdammt sicher fühlen.«
»Sie sind neu, Captain, das verstehe ich. Aber den Weg können Sie sich sparen. Der Verteiler ist weg, bevor Sie zehn Meter gegangen sind.«
»Dann schlagen Sie etwas Besseres vor, Lieutenant«, erwiderte Wallet. »Ich dachte, wir bekämpfen den organisierten Schwarzhandel. Ich bin nicht nach Berlin gekommen, um …«
Plötzlich heulten am anderen Ende des Tiergartens Motoren auf. Deutsche Polizeifahrzeuge rückten in einer Linie vor.
»Achtung, es geht los.« Hurst klatschte in die Hände. »Das wird die größte Razzia aller Zeiten!«
Die Menschenmenge kam in Bewegung, driftete Richtung Brandenburger Tor. Der Verteiler war von seinem Mauerrest verschwunden.
»Verdammt noch mal, warum ist denn auf unserer Seite niemand?«, schimpfte Hurst. »Dass die Deutschen ihren Zugriff nicht besser koordinieren können.«
In diesem Moment raste eine LKW-Kolonne vom Potsdamer Platz in den Tiergarten. Die Laster schwärmten aus und stoppten im Halbkreis um den Schwarzmarkt. Seitenwände klappten herunter, worauf Dutzende Polizisten in dunkelgrünen Uniformen von den Ladeflächen sprangen. Befehle und Trillerpfeifen hallten durch den Park. Ein Raunen ging durch die Menge. Die Polizisten bildeten eine Kette und riegelten den Schwarzmarkt ab. Doch bevor der Ring geschlossen war, stürmte ein Pulk an den Polizisten vorbei. Die Beamten versuchten, die Flüchtenden zurückzuhalten, aber im Handgemenge entkamen etliche Männer und Frauen. Dann war die letzte Lücke geschlossen und der komplette Schwarzmarkt von Polizisten eingekesselt. Die Menschenmasse wogte noch kurz hin und her, brandete gegen die Polizisten, aber die Kette hielt.
»Was passiert jetzt?«, fragte Wallet, als die Ordnungshüter anfingen, die Menschen auf die Laster zu verladen.
»Alle werden zur Polizeiinspektion in Mitte oder Schöneberg gebracht, wo ihre Personalien aufgenommen werden. Danach können sie wieder gehen. Die meisten sind kleine Fische. Normale Berliner, die tauschen, um etwas Essbares zu beschaffen. Wer sich nicht zu oft erwischen lässt, hat nichts zu befürchten.«
»Was für ein unnützer Blödsinn.« Wallet verschränkte die Arme.
»Ich würde es eingespielte Routine nennen.« Hurst zuckte mit den Schultern. »Die Polizei unternimmt offiziell etwas gegen den Schwarzmarkt, ist aber machtlos. Was sollen die Menschen auch sonst tun, wenn es auf legalem Weg nichts zu kaufen gibt? Wer Hunger hat, lässt sich nicht von einer Razzia abschrecken.«
Wallet beobachtete, wie die ersten LKW den Tiergarten verließen. »Na ja, wenigstens haben die Krauts Übung darin, ihre Landsleute in Lastern oder Eisenbahnwaggons abzutransportieren. Gelernt ist gelernt.«
»Sie haben ja ein sonniges Gemüt, Captain«, sagte Hurst. »Wenn Sie … Moment, was ist das?«
Innerhalb des Kessels entstand ein Tumult. Die Schupos rückten enger zusammen, als plötzlich sieben oder acht Kinder zwischen ihren Beinen hindurchschossen. Ein Polizeileutnant fing einen Jungen ab, während die anderen in alle Richtungen stoben. Die Polizisten fluchten, hielten die Kette aber zusammen. Niemand nahm die Verfolgung auf.
Ohne nachzudenken rannte Wallet den Schutthügel hinunter. Hurst rief etwas, aber Wallet ignorierte ihn. Obwohl er erst zwei Tage in Berlin war, hatte er es satt, den Zaungast zu spielen. Zwei Jungs kamen ihm entgegen, brachen jedoch sofort nach rechts und links aus, als sie ihn sahen. Wallet ließ sie entwischen, denn er hatte ein anderes Ziel. Er lief einen Bogen und folgte einem Knirps mit blauer Schirmmütze, dem beim Rennen eine lederne Umhängetasche gegen den Oberschenkel schlug. Wallet holte Luft und rannte schneller. Er war jetzt vierzig Meter hinter dem Jungen, der ihn noch nicht gesehen hatte. Der Abstand schrumpfte. Wahrscheinlich rechnet er nicht mit einem Verfolger, dachte Wallet. Dreh dich bloß nicht um.
Der Knirps erreichte das Ruinenviertel. Wallet holte weiter auf, aber sein Atem ging schon stoßweise. Das Desaster nahm seinen Lauf, als der Bursche dicht an drei amerikanischen Soldaten vorbeilief, die neben ordentlich aufgestapelten Backsteinhaufen mit deutschen Mädchen flirteten. Einer der Soldaten guckte dem Jungen hinterher, drehte sich um und sah Wallet auf sich zukommen.
»Hey, Captain, wohin so eilig? Hat Ihnen der Bengel was geklaut?« Die Amerikaner feuerten Wallet unter lautem Gelächter an. Passanten sahen herüber.
Der Kopf des Jungen flog herum. Er riss die Augen auf und stolperte zwei, drei Schritte. Dann lehnte er sich vor, seine Arme begannen wie ein Uhrwerk zu pumpen, die Beine berührten kaum den Boden. Er beschleunigte und zog davon. Wallet fluchte. Er zwang sich, noch schneller zu rennen, doch seine Lunge brannte, und sein rechtes Knie schmerzte bei jedem Schritt. Der Bengel drehte sich um, streckte Wallet die Zunge heraus – und blieb mit dem Schuh an einem Backstein hängen. In vollem Lauf schlug er hin, sein Kinn knallte auf den Asphalt.
Keuchend rannte Wallet die letzten Meter, stürmte auf den Burschen zu – und griff ins Leere. Der Knirps rollte zur Seite, war blitzartig auf den Beinen und verschwand zwischen den Ruinen.
»Das gibt’s doch nicht.« Wallet blieb schwer atmend stehen. Schweiß lief ihm den Rücken hinunter. Er streifte den Mantel ab und warf ihn über einen Holzstumpf am Straßenrand. Mit der Hand prüfte er, ob seine Colt Automatik im Pistolenhalfter steckte. Dann folgte er dem Bengel in die Ruinen.
Der Trampelpfad wand sich zwischen mehrstöckigen Gebäuden tief in die Überreste eines Apartmentblocks. Wallets Stiefel knirschten, als er über die festgetretene Schicht aus Betonstücken, Dachziegeln und Mörtel lief. Die unteren Stockwerke waren bewohnt. Das Licht einer Öllampe schimmerte durch die Ritzen eines mit Pappe verkleideten Fensters, hinter einer Tür schimpfte eine Frauenstimme in dieser harten deutschen Sprache. Von den oberen Stockwerken standen nur noch die Außenmauern, die den Rest des Sonnenlichtes dämmten. Eine Wäscheleine mit grau-weißen Hemden und einem Kleid in verwaschenem Blau trotzte zwischen kahlen Backsteinwänden dem immer stärkeren Schneefall. Der Gestank von defekter Kanalisation klebte zwischen den Ruinen.
Der Pfad endete als Sackgasse in einem Hinterhof. Bis auf eine Tür, die sich kaum vom Grau der nackten Wände abhob, gab es keinen Ausweg. Wallet hämmerte mit der Faust an die Tür, neben der ein zerkratztes Messingschild mit dem Namen »Schulze« hing.
»Open up, Military Police.«
Niemand reagierte. Wallet überlegte, ob er die Tür aufbrechen sollte, doch sie war fest verschlossen und wirkte massiv. Er drehte sich im Kreis. Nischen und Mauervorsprünge boten im Halbschatten unzählige Verstecke. Der Junge konnte überall sein. Nach einer Minute ging er geräuschvoll zur engsten Stelle des Pfades zurück. Er schob sich in einen Türrahmen, presste den Rücken ans Holz und wartete. Auf der anderen Seite keifte immer noch die Frau. Grob, abgehackt, böse. So wie alle Deutschen klangen. Er atmete flach. Das letzte Licht verschwand, graue Schatten gingen in Schwarz über. Er fröstelte und vermisste seinen Mantel. Die Frau verstummte, als ein Kind zu heulen begann. Plötzlich hörte Wallet ein Kratzen zwischen den Ruinen. Zögerliche Schritte näherten sich, die immer wieder vom Schreien des Kindes ausgeblendet wurden. Wallet hielt den Atem an. Als ein kleiner schwarzer Schatten mit einer Schirmmütze vor ihm auftauchte, packte er zu.
»Got you, little fucker.« Wallet bekam eine Jacke zu fassen, erwischte den Riemen einer Umhängetasche – der mit einem Knall riss. Der Knirps entglitt ihm nach unten und befreite sich aus seinem Griff.
»Maybe next time, Mister.« Die helle Jungenstimme entfernte sich rasch.
Wallet folgte dem Trampelpfad in der Dunkelheit, so schnell er konnte. Er stolperte, rappelte sich auf, erreichte die Straße. Als er in beide Richtungen sah, fehlte von dem Bengel jede Spur. Genau wie von seinem Mantel, den er hier zurückgelassen hatte.
2
Berlin-Dahlem, US-Hauptquartier, 12.Dezember 1947, 09:32 Uhr
»1152 Festnahmen.« Major Timothy Gort schrieb die Zahl mit Kreide auf die schwarze Schiefertafel, die fast die ganze Stirnseite des Besprechungsraums einnahm.
Wallet unterdrückte ein Gähnen. Er saß in der zweiten Reihe, die Arme vor der Brust verschränkt, und zwickte sich alle paar Minuten in den Oberarm, um die Augen offen zu halten.
Gort, Kommandeur des 71st Military Police Battalion, malträtierte seine Offiziere mit Details der gestrigen Razzia. Er drehte sich um und pochte mit den Knöcheln auf den Holztisch, der vor der Tafel stand.
»Lieutenant Hurst, haben Sie eine Frage? Oder wie soll ich die Unterhaltung mit Ihrem Sitznachbar verstehen?«
Der Besprechungsraum im Hauptquartier der Berlin Brigade erinnerte an ein Klassenzimmer. Das galt vor allem für die Stühle, die in Sechserreihen bis zur Rückwand aufgestellt waren. Wallets Knie schlugen an das Holzbrett, das als Schreibunterlage vor den Bauch geklappt werden konnte. Er spannte die Waden an und ließ die Füße kreisen, damit seine Beine nicht einschliefen.
»Nein, Sir, selbstverständlich nicht«, erwiderte Hurst, der in der letzten Reihe unüberhörbar mit einem anderen Offizier über Lotti Kling, Berlins populärste Sängerin, getuschelt hatte.
»Darf ich dann fortfahren?« Der Major fixierte Hurst mit einem Blick, der auch gut zu Wallets altem Klassenlehrer in der Burlington Elementary School gepasst hätte.
Fehlt nur noch, dass Gort den Rohrstock herausholt, dachte Wallet.
»Selbstverständlich, Sir.« Hurst faltete die Hände auf der Schreibunterlage und setzte einen interessierten Blick auf.
»Dann halten Sie gefälligst den Mund.«
Wallet schaute aus dem Fenster. Die Ruinen hatten über Nacht einen weißen Überzug bekommen, der der vollständigen Zerstörung ganzer Stadtviertel eine friedliche Note verlieh. Windstöße rüttelten an den Glasscheiben, wirbelten immer mehr Schneeflocken aus der grauen Wolkenmasse, die bis zum Horizont reichte. Er spürte einen kühlen Zug auf der Wange. Irgendjemand hatte Zeitungspapier in die zentimeterbreiten Spalten zwischen Fensterrahmen und Mauerwerk gestopft, aber die Kälte kroch trotzdem durch die Scheiben und die dünne Wand.
Gort malte eine weitere Zahl an die Tafel. »1144 Personen durften nach Aufnahme ihrer Personalien die Polizeistationen wieder verlassen. Gegen sieben«, der Major hielt erst fünf und dann zwei Finger in die Luft, »wurde eine Geldstrafe von hundert Reichsmark verhängt. Ein kriminelles Subjekt wurde wegen Verstoßes gegen das Wirtschaftsgesetz in Haft genommen. Der Schieber trug drei Kilo Salzheringe bei sich. In Dosen.«
Die Offiziere lachten, verstummten aber sofort, als Gort eine Hand hob.
»Meine Herren, aufgepasst. Eigene Verluste hatten wir auch. Einige Schneidezähne, ein gebrochenes Handgelenk und ein ausgerenkter Kiefer bei deutschen Polizisten als Folge der Gegenwehr bei Verhaftungen. Das Fahrzeug des Einsatzleiters ist nach dem Zusammenstoß mit einem Polizei-LKW schrottreif. Außerdem …«, Gort sah Wallet an, »… vermissen wir einen Wintermantel der US-Streitkräfte.«
Wallet lächelte, sagte jedoch nichts, als ihm von hinten auf die Schulter geklopft wurde. Er war seit drei Tagen in Berlin und hatte noch kein Wort mit seinem neuen Vorgesetzten gesprochen. Trotz aller Anfragen hatte Gort keine fünf Minuten Zeit für ihn gehabt. Im Unterschied zu anderen Offizieren, die ebenfalls in dieser Woche neu zur Einheit gestoßen waren.
»Klingt witzig, ist es aber nicht«, sagte Gort. »Was bedeutet das?«
»Ein Berliner weniger, der bei dieser Saukälte friert«, rief ein Witzbold von hinten. »Dank der U.S. Army.« Wieder brach Gelächter aus.
»Der ganze Aufwand bringt nichts«, antwortete Wallet, nachdem sich die Offiziere wieder beruhigt hatten.
»Richtig, Captain. Wir verschwenden unsere Zeit. So werden wir den Schwarzmarkt nicht austrocknen. Aus diesem Grund«, Gort machte eine Pause und wartete, bis alle Blicke auf ihn gerichtet waren, »werden wir ab sofort nicht mehr an Alibi-Razzien teilnehmen, sondern sie der deutschen Polizei überlassen. Sollen sich die Krauts damit rumärgern. Wir konzentrieren uns auf das organisierte Verbrechen. Nicht auf Berliner Hausfrauen, die einen Sack Kartoffeln tauschen. Sondern auf die Schieber, die zehntausend gestohlene Glühbirnen zum zwanzigfachen Preis verkaufen. Auf Schmuggler, die mit eingespielter Logistik im großen Stil Cognac aus Frankreich oder Zigaretten aus Großbritannien nach Berlin schleusen. Auf die Banden im Hintergrund, die atemberaubende Profite machen. Ab jetzt, Gentlemen, ist Polizeiarbeit gefordert.«
»Wird auch Zeit«, rief jemand hinter Wallet.
»Aber was ist mit unseren anderen Aufgaben?«, fragte ein rothaariger Lieutenant ganz vorne. »Wie sollen wir das bewältigen? Wir sind viel zu dünn besetzt.«
Gort runzelte die Stirn. »Wenn es Ihnen zu anstrengend wird, Lieutenant Lewis, können Sie sich zur Fahrbereitschaft versetzen lassen. Die Befehle kommen von ganz oben, von General Clay persönlich. Ich beschaffe Ihnen gerne einen Termin, wann Sie Ihre Sorgen mit dem Oberbefehlshaber diskutieren wollen. Der illegale Handel erzeugt einen astronomischen wirtschaftlichen Schaden. Wir müssen das Übel an der Wurzel packen und die Bandenkriminalität eliminieren. Abgesehen davon hängen achtzig Prozent der Morde in Berlin mit dem Schwarzmarkt zusammen. Das Gleiche gilt für Raubüberfälle, schwere Diebstähle und Betrügereien. Wenn wir die Bandenkriminalität eindämmen, bekämpfen wir das Verbrechen insgesamt. Damit wir den Schiebern richtig einheizen«, fuhr Gort fort, »und damit Lieutenant Lewis sich nicht unnötig den Kopf zerbricht, hat das Oberkommando eine Aufstockung unserer Einheit genehmigt. Es gibt bereits einige neue Gesichter unter uns, und es werden noch mehr. Dadurch ergeben sich verschiedene organisatorische Änderungen.«
In der nächsten halben Stunde referierte Gort über Dienstpläne und Kommandoketten.
»Sir, eine Frage.« Wallet hob die Hand, als Gort seinen Redefluss unterbrach.
»Was gibt’s, Captain?« Der Major stützte sich mit gespreizten Fingern auf den Tisch.
»Was unternehmen wir nun gegen die Banden? Wie ist die Struktur des organisierten Verbrechens? Wo …«
»Gedulden Sie sich, Wallet. Das besprechen wir, wenn die Einheit vollständig ist. Es fehlen noch drei Neuzugänge. Ich will nicht alles fünfmal erklären.«
Wallet nickte und konzentrierte sich weitere zwanzig Minuten darauf, nicht einzuschlafen.
»Captain, eine Sekunde.« Major Gort winkte Wallet zu sich, während die anderen Offiziere den Raum verließen. Wallet hatte es nicht mehr für möglich gehalten, doch die Besprechung war beendet.
»Sir?«
Gort verschränkte die Arme vor der Brust. »Um eines klarzustellen: Ich will Sie nicht in meiner Einheit. Eigentlich brauche ich jeden Mann, aber ich habe alles versucht, um Sie loszuwerden.«
Ich mag dich auch nicht, du aufgeblasener Bürokrat, dachte Wallet.
»Sie sind ein disziplinloser Rowdy, Captain.« Gort wedelte mit der Hand vor Wallets Gesicht herum. »Leider sind General Clay Erfolge wichtiger als moralische Integrität. Er besteht darauf, dass Sie in der Einheit bleiben, weil Sie vor dem Krieg Detective im Boston Police Department waren. Aber freuen Sie sich nicht zu früh. Ich werde Sie beim ersten Fehlverhalten in den nächsten Dampfer nach New York setzen. Haben Sie das verstanden?«
Wallet betrachtete die kahle Stelle über der Stirn, die der Major mit sorgfältig zur Seite drapierten Haaren zu kaschieren versuchte.
Gort lehnte sich vor und tippte Wallet mit dem Zeigefinger gegen die Brust. »Haben Sie mich verstanden, Captain?«
Wallet konnte Gorts Rasierwasser riechen. Etwas Süßliches, das von Zigarettengeruch überdeckt wurde, sobald der Major den Mund aufmachte.
»Ich habe mich nicht darum gerissen, auf diesen Schutthaufen versetzt zu werden, Sir. Allerdings hatte ich keine andere Wahl.«
»Daran sind Sie ja wohl selbst schuld«, erwiderte Gort. »Wenn ich Sie schon ertragen muss, will ich Resultate sehen. Und Sie befolgen meine Anweisungen Wort für Wort, oder ich stelle Sie wegen Befehlsverweigerung vor ein Militärgericht. Damit haben Sie ja Erfahrung.«
»Ist das alles, Sir?«
Gort presste die Lippen zu einem verschrumpelten Strich zusammen. »Sie können wegtreten, Captain.«
Wallet drehte sich um und verließ den Besprechungsraum.
»Einen Moment, Captain«, rief ihm Gort hinterher. »Mir ist doch noch etwas eingefallen.«
Wallet hielt im Flur inne. Rechts und links gingen Büros des Signal Corps ab. Ein Stabsoffizier diktierte einer Stenotypistin bei offener Tür einen Brief. Einen Raum weiter rasten die Finger eines Adjutanten über die Tastatur einer Schreibmaschine. Ein Kurier lief mit einer Meldetasche den Korridor entlang, ein Private sortierte Briefe aus einem Handwagen in eine lange Reihe von Postfächern. Gort stand in der Tür und lächelte.
»Ich hätte Sie rausgeschmissen, Wallet«, rief er. Dem Private fiel ein Brief aus der Hand.
»Und ich verstehe überhaupt nicht, warum Sie noch in der Army sind«, fuhr Gort fort. »Spätestens als Sie diesen Major verprügelt haben, hätte ich Sie davongejagt. Bei mir wären Sie mit einer Strafversetzung nicht davongekommen. Bei mir nicht.«
Wallet rührte sich nicht. Der Kurier warf ihm im Vorbeigehen einen Blick zu – und sah schnell wieder weg. »Es war ein Colonel.«
Gort runzelte die Stirn. »Was?«
»Es war kein Major, sondern ein Colonel.« Wallet ließ Gort stehen und marschierte den Flur entlang. Als er an den Postfächern vorbeiging, wollte der Private den Brief aufheben und ließ den ganzen Stapel fallen.
Das Klappern der Schreibmaschine setzte erst wieder ein, als die Tür zum Treppenhaus hinter Wallet ins Schloss fiel.
3
Berlin-Wilmersdorf, britischer Sektor, 12.Dezember 1947, 13:11 Uhr
»Hier bitte nach rechts.« Der Dolmetscher saß auf dem Rücksitz und lotste den Jeep durch die Stadt.
Wallet setzte den Blinker und bog in die Querstraße ein. Er drehte den Oberkörper und rutschte auf dem Sitz hin und her. Der neue Mantel war noch ziemlich steif und roch nach Mottenpulver. Die Heizung lief auf vollen Touren, aber gegen die Kälte, die durch die Ritzen des Verdecks kam, hatte sie keine Chance. Seit einer halben Stunde kurvten sie durch Berlin. Vom amerikanischen Hauptquartier in der Kronprinzenallee in Dahlem nach Wilmersdorf. Frank Hurst hatte den Wagen und den Übersetzer besorgt, musste sich aber mit dem Beifahrersitz begnügen. Wallet fuhr selbst. Er wollte ein Gefühl für die Stadt bekommen. Und das funktionierte nur, wenn er sich nicht wie ein General durch die Gegend kutschieren ließ. Die Straßen sahen in diesem Viertel alle gleich aus. Schotter- und Asphaltpisten in einer ordentlich aufgeräumten Ruinenlandschaft. Kinder tobten durch abrissreife Häuser. Frauen kehrten mit Kartoffelsäcken bepackt von Hamsterfahrten heim.
Der Dolmetscher zeigte nach vorne. »Weiter geradeaus, bitte.« Wallet hatte seinen Namen schon wieder vergessen, aber er war Oberstudienrat an einem Gymnasium gewesen, bevor die Nazis ihn im letzten Kriegsjahr ins Konzentrationslager gesteckt hatten. Seit seiner Befreiung arbeitete er für die Amerikaner. Wallet gefiel der Gedanke nicht, sich von einem Kraut Anweisungen geben zu lassen. Doch er kannte den Weg nicht, und einem KZ-Überlebenden konnte man wohl kaum misstrauen. Obwohl er Deutscher war. Und ein besonders höflicher dazu.
»Wo fahren wir überhaupt hin?«, fragte Hurst.
»In die Pariser Straße«, erwiderte Wallet.
»Und haben Sie schon gesagt, was wir dort suchen?«
»Nein.«
»Dann wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, oder?«, sagte Hurst, als Wallet keine Anstalten machte, weiterzureden.
»Wir folgen der Anweisung von Major Gort.« Wallet hupte, als ihm ein französischer Stabswagen die Vorfahrt nahm. »Wir erledigen Polizeiarbeit.«
»Dann weiß der Major, dass wir hier sind?«
»Nein.«
»Sagte er nicht, dass Sie seine Befehle befolgen sollen, sonst …«
»Sonst schickt er mich mit dem nächsten Dampfer zurück nach New York«, erwiderte Wallet. »Das hat sich ja schnell herumgesprochen.«
»Der Major und Sie haben ja direkt ein inniges Verhältnis entwickelt.« Hurst lachte. »Hat man Sie wirklich nach Berlin strafversetzt, weil Sie einen Colonel verprügelt haben?«
Wallet antwortete nicht.
»Da müssen Sie ordentlich Mist gebaut haben. Worum ging es? Glücksspiel? Alkohol? Jetzt sagen Sie schon, Captain.«
»Eine Frau«, erwiderte Wallet nach einer Weile.
»Eine Frau?« Hurst riss die Augen auf »Das hätte ich nicht erwartet.«
»Eine Sizilianerin, um genau zu sein.«
»Wow.« Hurst grinste. »Erzählen Sie alles, Captain, lassen Sie kein schlüpfriges Detail aus.«
»Lieutenant, klappen Sie den Mund zu. Sie sehen wie ein Trottel aus. Ich bin in Berlin, um endlich wieder Verbrecher zur Strecke zu bringen. Die Großen und die ganz Bösen. Ich war lange genug Soldat. Ich will an den Verteiler vom Schwarzmarkt ran. Ich will wissen, wo er seine Ware herbekommt. Und dazu fahren wir in die Pariser Straße.«
Hurst holte Luft. »Um noch mal auf die Dame aus Sizilien zurückzukommen …«
»Vergessen Sie es, Lieutenant«, unterbrach ihn Wallet. »Wie alt sind Sie?«
»Dreiundzwanzig.«
»Gut, dann passen Sie auf, Sie können hier was lernen. Schauen Sie unter Ihren Sitz.«
Hurst warf Wallet einen fragenden Blick zu. Als der Captain ihm zunickte, griff er unter seinen Sitz und zog eine Umhängetasche mit zerrissenem Trageriemen hervor. »Wo kommt die denn her?«
»Die habe ich gestern dem Bengel abgenommen«, sagte Wallet. »Machen Sie sie auf.«
»Sie meinen den Burschen, der Ihren Mantel gestohlen hat?«
»Genau der. Was ist drin?«
Hurst öffnete die Schnallen auf der Vorderseite und klappte die Tasche auf.
»Und?«, fragte Wallet.
»Ein Schal.« Hurst zog einen verfilzten Wollschal heraus, der an beiden Enden ausgefranst war.
»Was noch?«
»Darunter sind vier Bündel aus Stoff. Irgendetwas ist darin eingewickelt.« Hurst tastete eines der Pakete ab und schüttelte es. »Könnte eine Flasche sein.«
»Hier links, bitte«, sagte der Dolmetscher. »Das ist die Pariser Straße.«
Wallet nickte, bremste aber vor der Gabelung, um eine Frau mit Kinderwagen über die Fahrbahn zu lassen. Er sah nach rechts und links. »Wo steht der Straßenname? Gibt’s hier keine Straßenschilder?«
»Doch, aber immer nur für kurze Zeit«, erwiderte der Dolmetscher. »Holzschilder werden im Winter zum Heizen gestohlen. Metallschilder werden abgeschraubt und als Altmetall verkauft. Diesen Winter probiert der Magistrat es mit Pappe, auch wenn die Schilder bei diesem Wetter nur ein paar Wochen halten.«
Wallet hörte ihm nicht mehr zu. Er betrachtete die Frau, die mit einer Hand den Wagen schob, ein altes Ding aus zerschlissenem Stoff mit krummem Gestell. An der anderen Hand zerrte sie einen Jungen von vielleicht vier Jahren hinter sich her, der trotz der kalten Temperaturen nur eine kurze Hose trug. Als sie vor Wallet den Jeep passierte, blickte sie ihm in die Augen. Das verhärmte Gesicht und die gebeugte Haltung ließen sie älter erscheinen, als sie wahrscheinlich war.
»Sie können weiterfahren, Captain.« Hurst wickelte eines der Stoffpakete aus.
Wallet sah der Frau nach und spürte, wie sein Magen verkrampfte. Er packte das Lenkrad so fest, dass die Adern auf den Handrücken hervortraten.
»Captain«, wiederholte Hurst. Hinter ihnen hupte ein Lieferwagen.
Auch wenn er und sein Bruder damals älter gewesen waren, erinnerte ihn die Frau an seine Mutter. An die entbehrungsreiche Zeit nach dem Tod des Vaters. Allerdings hatte sie ihr Schicksal im Gegensatz zu dieser Frau unverschuldet ertragen müssen. Wegen der Kriegslust der Deutschen. Der Gedanke daran ließ Wallet schlucken, doch Mitleid mit der Frau auf der Straße hatte er nicht. Amerika hat schließlich keine zwei Kriege angefangen, dachte er.
Wallet presste den Fuß auf das Gaspedal. Der Jeep schoss vorwärts, die Vorderräder drehten durch.
Hurst sagte etwas. Wallet atmete langsam aus. Er schaltete in den zweiten Gang und nahm den Fuß vom Gas. »Was haben Sie gesagt, Lieutenant?«
»Bushmills Irish Whisky.« Hurst drehte eine Halbliterflasche mit hellbrauner Flüssigkeit in der Hand und betrachtete das Etikett. Er zuckte mit den Schultern und schraubte die Flasche auf.
»Das würde ich mir verkneifen«, sagte Wallet, als Hurst die Flasche an den Mund setzte. »Ich habe schon eine aufgemacht. Ein übel gepanschtes Zeug.«
Hurst roch an der Öffnung und verzog das Gesicht. »Schade.«
»Aber die Flaschen meine ich nicht. Suchen Sie weiter.«
Der Lieutenant holte die drei restlichen Stoffbündel aus der Umhängetasche und legte sie zur ersten Flasche zwischen seine Füße. Er drehte die Tasche um und schüttelte sie. »Nichts mehr drin, Captain.«
»Kommen Sie, Lieutenant. Strengen Sie sich an. Sie sind Polizist.«
»Na ja, eigentlich bin ich Fallschirmjäger.« Hurst musterte jeden Winkel der Tasche. »Nach Kriegsende bin ich zur Militärpolizei, um noch ein paar Jahre dranzuhängen. In den Staaten wartet nur die Farm meiner Eltern auf mich.«
»Gut«, sagte Wallet. »Suchen Sie weiter.«
Hurst fuhr mit der Hand Zentimeter für Zentimeter durch die Tasche. »Hier ist etwas.« Mit den Fingern zog er eine Stofflasche glatt, die an der Innenseite an einem Saum eingenäht war. Die blaue Tinte war verblasst, sodass sich die Kinderschrift kaum vom hellen Gewebe abhob.
»Eine Adresse«, rief Hurst. »Heiner Feldmann, Pariser Straße 18, Berlin-Wilmersdorf.«
Die Treppe knarrte, als würde jeder Schritt einer geschundenen Seele den letzten Seufzer entreißen. Behutsam setzte Wallet die Füße auf die dunkelbraunen Dielen, die vor Jahrzehnten bestimmt einmal exakt ausgerichtet und sorgsam lackiert gewesen waren. Inzwischen war das Holz verzogen, die Stufen in der Mitte abgewetzt und das Geländer von Rissen durchzogen. Schrauben erinnerten an längst verloren gegangene Messingstangen, die einmal einen Treppenläufer gehalten hatten.
Von Frank Hurst und dem Dolmetscher gefolgt, stieg Wallet Stockwerk für Stockwerk nach oben und prüfte die Namen an den Wohnungstüren.
»Feldmann«, las er auf einem Messingschild in der dritten Etage. »Hier ist es.«
»Gott sei Dank.« Hurst zog sich am Geländer die letzten Stufen hoch. »Das nächste Mal verhören wir jemand im Erdgeschoss.«
Wallet wartete, bis der Dolmetscher schwer atmend den Treppenabsatz erreicht hatte, und drückte den Klingelknopf. Eine Glocke schrillte durch die Feldmannsche Wohnung, doch zu seiner Überraschung flog die Tür auf der gegenüberliegenden Seite auf. Wallet zuckte zusammen. Ein abgehackter Redeschwall, aggressiv und laut, überspülte ihn. Eine hagere Frau in grauer Kittelschürze mit einem Küchentuch um den Kopf stand im Türrahmen, gestikulierte und redete auf die Männer ein, ohne dass Wallet ein Wort verstand. Als sie die amerikanischen Uniformen erkannte, erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie sagte etwas, lachte und breitete die Arme aus.
»Das ist Ursula Patonke.« Der Dolmetscher rang nach Luft, wobei Wallet nicht sagen konnte, ob auch ihn Frau Patonkes Keifen überrollt hatte oder ob er immer noch mit den Folgen des Aufstiegs kämpfte. »Sie ist die Hausverwalterin und fragt, warum wir nicht unten geklingelt haben. Dann wäre sie runtergekommen.«
Hurst lachte und verdrehte die Augen.
»Sagen Sie ihr, dass die Haustür unverschlossen war und wir Heiner Feldmann suchen.« Wallet betrachtete die Frau, während der Dolmetscher übersetzte. Obwohl ihre Stimme jetzt freundlicher klang, sie ihn anlächelte und mit den Augen zwinkerte, strahlte sie die Wärme eines Schuldeneintreibers aus.
»Sie sagt, dass sie ganz allein für das Haus verantwortlich ist. Der hintere Teil wurde im Krieg durch eine Fliegerbombe zerstört, aber niemand hilft ihr und organisiert die Reparatur.«
»Das tut mir leid«, erwiderte Wallet. »Aber ich möchte wissen, ob Heiner Feldmann hier wohnt.«
Frau Patonke antwortete ausführlich, zeigte zum Himmel, nach Osten und auf die Amerikaner. Als sie ihre Rede beendet hatte, stemmte sie die Arme in die Hüften und sah Wallet an.
Der Dolmetscher blickte zwischen Wallet und Frau Patonke hin und her. »Ihr Mann wurde von den Russen verhaftet«, fing er schließlich an. »Er sitzt seit zwei Jahren in Karlshorst unschuldig im Gefängnis, weil er unter den Nazis angeblich in der SA und Blockwart gewesen sein soll. Das ist aber eine Verleumdung. Patonkes haben nie mit den Nazis sympathisiert oder von ihnen profitiert. Sie waren immer Sozialdemokraten, aber das mussten sie natürlich verbergen, um nicht ins KZ zu kommen.«
Wallet schnaufte. »Haben Sie nicht verstanden, was ich gesagt habe?«, fuhr er den Übersetzer an. »Ich will wissen, wo Heiner Feldmann ist. Die Geschichte vom Nazi-Ehemann interessiert mich nicht.«
»Ich habe exakt übersetzt, was Sie gefragt haben. Genau wie die Antwort.« Der Dolmetscher kniff die Lippen zusammen.
»Warum erzählt die Frau dann so ein Zeug? Wiederholen Sie die Frage.«
Frau Patonke lächelte und nahm sich für die Antwort Zeit. Als sie fertig war, sah der Übersetzer sie mehrere Sekunden schweigend an.
»Was sie sagt, wird Ihnen nicht gefallen, Captain Wallet.«
»Legen Sie los. Ich lasse es drauf ankommen.«
»Frau Patonke hilft uns sehr gerne, so wie sie alle Behörden unterstützt. Sie versucht, im Haus für Anstand und Ordnung zu sorgen, aber ohne ihren Mann ist das sehr schwer. Der Hausbesitzer ist keine Hilfe, und der Magistrat bedrängt die rechtschaffenen Bürger dauernd mit neuen Verordnungen. Dabei haben Frau Patonke und ihr Mann nur versucht, unter den Nazis das Richtige zu tun und über die Runden zu kommen. Frau Patonke wusste sogar von einer jüdischen Familie, die ein halbes Jahr im Nachbarviertel versteckt worden war, aber sie hat nichts verraten.«
Wallet sah der Frau in die Augen. Sie hielt seinem Blick stand, während ein Lächeln ihren Mund umspielte.
»Where’s your neighbor, Heiner Feldmann?« Wallet trat auf Frau Patonke zu und sprach sie direkt an. »Do you understand?«
Der Übersetzer wiederholte die Frage. Gleichzeitig fischte Wallet ein Päckchen Lucky Strike aus der Hosentasche, zog eine einzelne Zigarette heraus und reichte sie Frau Patonke.
Ohne zu zögern schnappte die Hausmeisterin die Zigarette und ließ sie in ihrer Schürze verschwinden. Dann streckte sie Wallet die leere Hand entgegen. Und grinste.
Wallet gab ihr zwei weitere Zigaretten und steckte demonstrativ die Schachtel ein.
Frau Patonke redete so schnell, dass der Dolmetscher Mühe hatte, mitzukommen.
»Heiner Feldmann wohnt hier, aber er ist nicht zu Hause. Das ist er nie. Er ist ein Streuner, ein kleiner Dieb, der sich den ganzen Tag in der Stadt rumtreibt und anständigen Menschen die Taschen ausräumt. Dem Jungen fehlt die harte Hand des Vaters. Frau Patonke versucht, ihm ein bisschen Erziehung beizubringen, aber …«
»Was ist mit dem Vater?«, fragte Wallet. »Und wo ist Heiners Mutter?«
»Der Vater ist in Russland geblieben. Der arme Mann, mit dieser Frau war er wirklich gestraft. Er hätte etwas Besseres verdient gehabt.«
»Wann kommt Frau Feldmann nach Hause?«
»Das kann Frau Patonke nicht sagen. Klara Feldmann kommt und geht, wie es ihr gefällt. Sie hat keine geregelte Beschäftigung, keine Arbeitserlaubnis und macht nur Hilfstätigkeiten. Bestimmt auch illegale, was Frau Patonke aber nicht beweisen kann. Frau Feldmann hätte sich halt nicht mit den Nazis einlassen und schon gar nicht in die Partei eintreten dürfen. Dafür muss sie jetzt den Preis bezahlen.«
4
Berlin-Wilmersdorf, britischer Sektor, 12.Dezember 1947, zur gleichen Zeit
»Was soll ich mit Gries? Mit Gries kann ich nicht backen. Ich brauche Mehl.« Klara Feldmann pochte mit dem Zeigefinger auf ihre Lebensmittelkarte, die auf der Theke von Schneiders Lebensmittelladen lag.
Frau Schneider betrachtete Klara von der anderen Seite des Tresens, der wie eine Barriere zwischen den Frauen stand. »Frau Feldmann, Sie wissen doch, wie es ist. Wenn das Produkt auf der Karte nicht verfügbar ist, gibt’s Ersatz. Fisch für Fleisch, Suppenknochen für Wurst, Schmalz für Butter. Ich weiß erst, was kommt, wenn es angeliefert wird.« Sie zeigte auf die Schlange hinter Klara, die bis auf die Straße reichte. »Wollen Sie nun den Gries oder nicht? Es gibt noch mehr Kunden.«
»Jeht’s heute noch mal weeter«, rief jemand von der Tür wie zur Bestätigung. »Meene Jüte.«
»Nein«, antwortete Klara. »Mein Sohn hat übermorgen Geburtstag. Ich brauche Mehl für einen Kuchen.«
»Gut, dann nicht.«
»Haben Sie wenigstens Eier?«, fragte Klara.
»Eipulver«, erwiderte Frau Schneider.
Klara schüttelte den Kopf.
»Nu mach ma hinne da vorne«, rief dieselbe Stimme. »Det Eipulver nehm icke, wenn sich gnä’ Frau zu fein sind.«
»Wenn Sie nichts kaufen, Frau Feldmann, machen Sie doch bitte Platz für den nächsten Kunden.« Frau Schneider warf Klara einen letzten Blick zu und begrüßte den älteren Herrn, der hinter Klara wartete.
Klara steckte ihre Lebensmittelkarte ein und machte zwei Schritte zur Seite, bevor sie schließlich den Laden verließ. Auf dem Trottoir betrachtete sie die Tafeln, die im Schaufenster und neben der Tür über das Angebot informierten. »Heute Zwiebeln, Radieschen, Trockengemüse«, stand da in weißer Kreideschrift. »Marmelade eingetroffen. Gefäße mitbringen.« Es geht nur um einen Kuchen, sagte sie in Gedanken. Du hast Schlimmeres durchgestanden.
Sie konnte versuchen, auf dem Schwarzmarkt Mehl und Eier zu bekommen, aber die Preise waren unerschwinglich. Und nach dem letzten Winter hatte sie nichts mehr zum Tauschen. Sie wanderte den Bürgersteig entlang. An den Menschen vorbei, die von Schneiders neuer Lieferung gehört hatten und nun in der Schlange warteten. Was kann ich noch eintauschen?, fragte sich Klara. Ich habe alles von Wert und alle Erinnerungsstücke verkauft, um etwas Essbares auf den Tisch zu bekommen. Sie knöpfte ihren Mantel zu und machte sich auf den Heimweg. Sie besaß noch einen letzten, einen allerletzten Wertgegenstand, der ihr geblieben war, doch den würde sie nicht hergeben. Um keinen Preis der Welt. Dann dachte sie an Heiner und spürte, wie ihre Überzeugung ins Wanken geriet.
»Klara, warte mal.«
Sie drehte sich um. Eine Frau in ihrem Alter schob sich durch die Ladentür, drängelte an den wartenden Kunden vorbei und lief hinter ihr her.
»Christine«, rief Klara überrascht. Christine war die Tochter von Frau Schneider und mit Klara zur Schule gegangen. Als sie geheiratet hatte und nach Mannheim gezogen war, war der Kontakt abgerissen.
»Ich war hinten im Lager und habe alles mitangehört. Es tut mir leid, Mutter ist so ein Drache. Wie geht’s dir?«
Klara zuckte mit den Schultern. »Wie allen. Ich versuche, über die Runden zu kommen. Seit wann bist du wieder in Berlin?«
»Seit ein paar Wochen«, erwiderte Christine. »In Mannheim sieht’s genauso aus. Alles kaputt. Da haben uns die Nazis was Schönes eingebrockt.«
»Wie meinst du das?«
»Na, wer hat denn den Krieg angefangen? Das waren doch nicht wir beide. Und jetzt können wir gucken, wo wir bleiben.«
»Wir haben aber mitgemacht«, erwiderte Klara. »Wir haben sie auf den Parteitagen gefeiert und bejubelt.«
»Jetzt übertreib mal nicht.« Christine lachte. »Das ist doch was anderes, als Russland anzugreifen oder die Juden ins Gas zu schicken. Damals konnte doch keiner wissen, wie das ausgeht.«
»Nein, aber ich habe für sie gearbeitet, ich war in der Partei.«
»Das waren wir doch alle. Und du warst nur ein klitzekleines Rädchen im Außenministerium. Oder hast du London bombardiert? Ich nicht.«
Christine fasste Klara an der Schulter und drückte sie an sich. »Jetzt mach dir nicht so viele Gedanken. Komm mit, ich kann dir helfen. Vater hat mal wieder eine seiner Touren gemacht.«
Hannelore Schneider führte das Lebensmittelgeschäft gemeinsam mit ihrem Mann in dritter Generation. Während sie mit zwei Angestellten im Laden arbeitete und die offiziell über das Kundenregister vom Magistrat zugeteilten Lebensmittel verkaufte, übernahm Christines Vater alle Auslieferungen. Auf seinen Fahrten, die sich über ganz Berlin erstreckten, beschaffte er zusätzliche Ware, sodass Schneiders Fleisch- & Gemüsehandel inoffiziell ein stark erweitertes Sortiment anbieten konnte.
Christine lotste Klara zur Rückseite des Ladens, wo sie über einen Hintereingang eine Waschküche betraten.
»Warte hier. Wir müssen leise sein, damit uns niemand hört.«
Christine verschwand in einem Lagerraum, während Klara zwischen einem Waschzuber, einer Spüle mit gusseisernem Wasserhahn und mehreren Regalen wartete. Sie hörte eine Kiste über den Boden rutschen, Papier raschelte, und die Kiste wurde wieder zurückgeschoben. Als Christine zurückkam, erkannte Klara schon am Duft, was ihre ehemalige Klassenkameradin mitbrachte.
»Französische Seife«, rief sie. »Kaum zu glauben, dass es so etwas noch gibt.«
Christine lächelte und reichte ihr den in violettes Papier eingewickelten Schatz. »Savon de Provence, Lavande«, stand auf der cremefarbenen Banderole. »Was für ein Duft«, flüsterte sie. »Mach die Augen zu, und du bist am Montmartre.«
Klara nahm die Seife in beide Hände, schloss die Augen und atmete tief ein. Obwohl sie verpackt war, verbreitete die Seife ein Aroma von Lavendel, ätherischen Ölen und einem Hauch Parfüm. Klara genoss den Duft und vergaß für ein paar Sekunden, wo sie war. Aber dann riss sie sich los und öffnete die Augen. Ein Stück Seife reichte nicht, um die bittere Realität zu überdecken.
»Was auch immer du dafür willst, ich habe es nicht.« Klara legte die Seife auf ein Regalbrett und schob sie Christine hin. »Und Kuchen backen kann ich damit auch nicht. Aber danke, dass ich daran riechen durfte. Sie duftet wunderbar.«
»Ach Quatsch«, erwiderte Christine. »Gib mir zwanzig Reichsmark, dann gehört sie dir.« Sie schob die Seife zurück. »Am Bahnhof Friedrichstraße oder am Alex kriegst du dafür alles, was du brauchst.«
»Das kann ich nicht annehmen. Die Seife ist viel mehr wert.«
»Doch, kannst du. Vater verkauft zweihundertfünfzig Stück an russische Offiziere, die sie ihren Mätressen schenken. Er wird es überleben, wenn eine fehlt. Ein bisschen Schwund ist immer.«...Ende der Leseprobe
