Verlag: Dryas Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Im Schatten der Sümpfe - Natalie Winter

Kaja Lenoire war schon immer eine Einzelgängerin und hat nicht die Absicht, daran etwas zu ändern. Als ihre Chefin sie gemeinsam mit dem "Neuen" nach Louisiana schickt, um dort den Mord an einem älteren Ehepaar zu untersuchen, ist die Pantherwandlerin nicht gerade begeistert. Seth Ives ahnt, dass sein erster Fall als Shifter Cop nicht leicht sein wird, muss er doch zeigen, dass in ihm mehr steckt als ein gewöhnlicher Gestaltwandler. Nicht nur die Aufklärung des brutalen Doppelmords ist eine Herausforderung, sondern auch die Teamarbeit mit seiner neuen Partnerin.

Meinungen über das E-Book Im Schatten der Sümpfe - Natalie Winter

E-Book-Leseprobe Im Schatten der Sümpfe - Natalie Winter

Im Schatten der Sümpfe

Shifter Cops, ein kurzes Abenteuer

von Natalie Winter

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Epilog

Impressum

Weiterlesen

1. Kapitel

Saint-Domingue, 14. August 1791, im Bois Caïman

Der offizielle Teil der Zeremonie war beendet. Es war lange nach Mitternacht, und immer noch brannten die Feuer und erfüllten die Luft mit dem herben Geruch des schwelenden Holzes. Es war riskant gewesen, die Feuer brennen und die Trommeln ertönen zu lassen, aber Boukman hatte ihren Einwand mit einem Lachen abgetan. »Sollen sie doch sehen, dass wir ihren Gesetzen nicht mehr gehorchen«, hatte er gesagt. »Erst brennen die Feuer im Krokodilwald. Und schon bald werden auch ihre Plantagen brennen. Lass sie das Feuer riechen und sich in ihren herrschaftlichen Häusern vor Angst zitternd verstecken. Wir werden sie und ihren blassen Gott aus unserem Land vertreiben.« Er sprach oft in diesem düster-aggressiven Tonfall. Sogar dann, wenn sie allein miteinander waren, ohne seine Anhänger, die jedes Wort von seinen Lippen tranken wie Wein. Selbst ihr, die ihn besser kannte als jeder andere, fiel es oft schwer, sich seinem charismatischen Wesen zu entziehen. Er glaubte nicht nur an seine Worte, sondern war auch bereit, sein Leben zu opfern für die Freiheit der Sklaven.

Die vollmundigen Versprechungen der Französischen Revolution hatten begonnen, sich auf der Insel auszubreiten. Boukman hatte ihr und den anderen oft genug von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erzählt, aber bislang nahmen allein die weißen Herren diese Rechte in Anspruch. Sie spielten mit dem Gedanken, sich vom französischen Mutterland loszusagen und ihre Version von Freiheit zu leben. Dass diese Unabhängigkeit sich vor allem um den Handel mit anderen Ländern als La France drehte, störte Boukman nicht. Oft fragte sie sich, woher er dieses Wissen nahm, aber trotz ihrer wachsenden Vertrautheit war es ihr nicht gelungen, ihm dieses Geheimnis zu entlocken. Es spielte auch keine Rolle. Sobald er den Mund öffnete, um zu ihnen zu sprechen, vergaß sie alles andere. Was Boukman unweigerlich in Rage versetzte, war die Tatsache, dass die Parolen der Umstürzler allein für die Weißen galten. Freiheit und Gleichheit für Sklaven? »Wir wollen es mal nicht übertreiben«, hatte sie im Vorbeigehen einen der verhassten Plantagenbesitzer sagen hören.

Der süßlich-klebrige Geruch des Blutes legte sich wie Flaum auf ihre Zunge. Nach Boukmans aufpeitschender Rede hatten sie das Voodoo-Ritual durchgeführt. Sie selbst hatte als Mambo dem schwarzen Schwein mit dem Messer die Kehle durchgeschnitten. Boukman hatte einen kleinen Teil des herausspritzenden Blutes in einer Schüssel aufgefangen. Den Augenblick, in dem er die Opferschale an den Mund führte und trank, würde sie nie vergessen. Sie und alle anderen Sklaven, die sich heimlich auf der Lichtung im Bois Caïman, dem Krokodilwald, versammelt hatten, wussten jetzt, dass sie es schaffen würden. Ihre Revolution würde erfolgreich sein. Die Plantagen würden dem Erdboden gleichgemacht, und die weißen Ausbeuter würden verängstigt in ihre Heimat fliehen – wenn sie Glück hatten. Wenn nicht … Cécile dachte an Maman Brigitte und an das, was sie und Boukman ohne das Wissen der anderen nun in Angriff nahmen.

Ohne den Beistand ihrer persönlichen Schutzherrin, dessen war sie sicher, hätte sie schon längst die Flucht ergriffen. Sie war Voodoopriesterin mit Leib und Seele, aber nicht alle Geistwesen ihrer Religion waren den Menschen so wohlgesonnen wie Maman Brigitte. Heute war es der unberechenbare Congo Savanne, mit dem sie und ihr Gefährte einen Handel schließen wollten.

Als endlich der letzte Mann und die letzte Frau im Gehölz verschwunden waren, gab es nur noch sie und Boukman. Und den Mann, der etwa fünfhundert Meter hinter ihnen gefesselt und geknebelt wartete. Bei dem Gedanken an das, was ihr Gefährte von ihr verlangte, zog sich ihr Magen schmerzhaft zusammen.

Insgeheim hoffte sie immer noch, die Loa würden Boukmans Ansinnen ablehnen, aber wenn Congo Savanne im Spiel war, dann wurde die Anrufung zu einer riskanten Angelegenheit. Congo Savanne war eines der wildesten Geistwesen im Voodoo, und Cécile hatte bisher immer darauf verzichtet, ihn um etwas zu bitten. Heute jedoch musste sie das Risiko auf sich nehmen.

Boukman nahm ihre Hand, als sie sich gemeinsam einen Weg durch das Gestrüpp bahnten. Wie immer spürte er, was in ihr vorging, und presste kurz ihre Finger in seiner kräftigen Hand zusammen. Das Humpeln nahm ihm nichts von seiner Beweglichkeit, und auch nicht von seiner Würde, eher das Gegenteil war der Fall. Der hochgewachsene Mann mit der tiefschwarzen Haut, die im Vollmond einen violetten Schimmer annahm, war der schönste Mensch, den sie je gesehen hatte. Sein von Narben zerfurchtes Gesicht strahlte von innerer Stärke, und wenn die Wut auf die weißen Plantagenbesitzer von ihm Besitz ergriff, wagte es niemand, sich ihm in den Weg zu stellen. Er war der Krieger und der Prophet, auf den sie, die Sklaven der Insel, schon so lange gewartet hatten. Sein ehrgeiziger Plan war, den ersten Staat zu gründen, der von ehemaligen Sklaven regiert wurde. Um sein Ziel zu erreichen, würde er alles tun, sogar einen Pakt mit dem einzigen Geistwesen schließen, das Geschmack an menschlichem Fleisch fand.

Die noblen Ziele machten sein Vorhaben nicht einfacher. Heute Nacht würden er und sie das Undenkbare tun. »Was wiegt sein Leben gegen das von Hunderttausenden?«, fragte er in ihre Gedanken hinein. Und wie stets gab sie ihm recht. Es war kein Mord, sagte sie sich, sondern ein notwendiges Opfer. Maman Brigitte, steh mir bei!, betete sie trotzdem stumm. Die rothaarige Maman Brigitte war die Hüterin der Friedhöfe und der Toten. Wenn sie der Opferung des Mannes durch ihre Anwesenheit ihren Segen gab, würde vielleicht doch noch alles gut gehen.

Jetzt konnte Cécile bereits das leise Wimmern des Mannes hören. Innerlich wappnete sie sich gegen den Moment, in dem sie den Loa in ihn hineinlockte. Boukman und sie hatten das Gefäß sorgfältig unter vielen Kandidaten ausgewählt, bevor sie sich für ihn entschieden hatten. Er konnte es durchaus mit Boukmans beeindruckender Größe aufnehmen, und ihm eilte der Ruf voraus, besonders brutal und rücksichtslos zu sein. Cécile tröstete sich mit dem Gedanken, dass Boukman und sie keinen Unschuldigen ausgesucht hatten, um die Befreiung der Sklaven voranzubringen.

Das Wimmern verstummte, als Cécile und ihr Begleiter vor dem hilflosen Schwarzen standen. Boukman zerrte ihn mit einer Leichtigkeit auf die Füße, die das ganze Ausmaß seiner Kraft verriet. Er schubste den Mann zu Cécile, die ihn auffing und einen Augenblick lang seinen Geruch nach feuchter Erde einatmete. Dieser vertraute Duft, mit dem Maman Brigitte ihre Gegenwart ankündigte, überzeugte sie mehr als alles andere, dass Boukmans Plan aufgehen würde. Céciles rasender Herzschlag beruhigte sich ein wenig.

Cécile genoss die Wärme, die vom Körper ihres Opfers ausging. Er hatte jeden Widerstand aufgegeben, als er Boukman erkannte, und hielt sich nur mit Mühe aufrecht. Trommeln und Feuer würde es für ihn nicht geben. Niemand außer ihnen und den Loa sollte wissen, was sie erschufen, deshalb war es zu riskant, ein Feuer zu entzünden.

Neben ihr murmelte Boukman die traditionelle Beschwörungsformel, um Congo Savanne herbeizurufen. Sein Singsang, der zuerst kaum mehr als ein Flüstern war, steigerte sich, bis die Silben der einzelnen Worte kaum noch auseinanderzuhalten waren. Ihr Geist und ihr Herz schrien, dass sie weglaufen, sich in Sicherheit bringen sollte, aber als Voodoopriesterin hatte Cécile Fatiman gelernt, wie man Körper und Geist beruhigte. Sie atmete in tiefen, regelmäßigen Zügen und zwang sich, an Ort und Stelle zu bleiben. Selbst als Boukmans Körper wie von epileptischen Anfällen geschüttelt wurde und sich seine Haut geisterhaft weiß verfärbte, verbannte sie die panische Angst in den hintersten Teil ihres Gehirns. Sie spürte, wie der Loa sich ihnen näherte, aber noch zögerte. »Komm zu uns, Congo Savanne«, sagte sie so gelassen, wie es ihr möglich war, und schnitt die Fesseln ihres Gefangenen durch. Seine dunklen Pupillen rollten im Weiß seiner Augen hektisch hin und her, als er sich von ihr losriss. Sie tat so, als wolle sie ihm folgen, und beobachtete zufrieden, wie er auf unsicheren Beinen durch das Gebüsch stolperte. Als er endlich außer Sichtweite war, atmete sie auf.

Und dann war der Loa, den sie gerufen hatten, plötzlich da.

Ihre Knie zitterten, ihre Kehle war wie ausgedörrt. Nur mit Mühe gelang es ihr, ihren Blick zu heben. Die Gestalt des Loa verschwamm vor ihren Augen, als er sich anschickte, hinter dem Flüchtenden herzulaufen.

Sie hatte Congo Savanne auf die Spur des Mannes gesetzt, er hatte den Köder geschluckt und würde dem menschlichen Fleisch nicht widerstehen können. Der grausame Loa war nicht nur ein Menschenfresser, sondern sehnte sich auch danach, einen Körper zu besitzen. Er würde für einen Moment in den Körper hineinschlüpfen, und dies war der Moment, in dem Boukman seinen Part als Voodoopriester übernahm und den Loa in den menschlichen Leib bannte.

Sie und ihr Gefährte würden den einen unverzeihlichen Frevel begehen, den ihr selbst Maman Brigitte nicht verzeihen konnte.

Boukman war bereits hinter dem Mann und dem Loa hergelaufen, und nun setzte sich auch Cécile in Bewegung. Sie kam gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie der Loa vom Körper seines Opfers Besitz ergriff.

Statt des ehemaligen Sklaven blickten die intelligenten Augen von Congo Savanne sie aus dem dunklen Gesicht an. Ein hungriges Zähnefletschen spaltete sein Gesicht. Waren das Fleischreste zwischen seinen spitz zulaufenden Zähnen? Cécile schauderte und senkte den Blick. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie der Loa prüfend die neuen Gliedmaßen hin und her bewegte. Es war ein grausiger Anblick, wie er mit den Armen schlenkerte, sie dehnte und bis an die Grenzen der Belastbarkeit Muskeln und Sehnen ausprobierte.

Sie hatten ein Monster gerufen, und es hatte ihre Bitten erhört. Nur die Zeit konnte zeigen, ob es das Leben eines Mannes wert gewesen war.

2. Kapitel

New York, Gegenwart

»Auf gar keinen Fall!« Kaja Lenoire schoss förmlich aus dem wuchtigen Ledersessel hoch. Sie ballte die Fäuste und baute sich vor dem Schreibtisch ihrer Chefin auf, die ein süffisantes Grinsen zur Schau trug. »Du weißt, dass ich am liebsten allein arbeite. Ein Partner ist das Letzte, was ich brauche!«

»Das ist nicht verhandlungsfähig«, erwiderte Catherine Belcott in endgültigem Ton. Ihre Pupillen weiteten sich, ein erstes Anzeichen dafür, dass Ärger drohte. Kaja kannte sich gut aus mit allen Warnsignalen, die verrieten, dass ihre Vorgesetzte die Geduld verlor.

»Mit wem habe ich die Ehre?« Den sarkastischen Tonfall konnte Kaja nicht unterdrücken. »Darf ich mir wenigstens aussuchen, mit wem ich ans Ende der Welt reisen werde?« Sie hatte eigentlich »Arsch der Welt« sagen wollen, beschloss dann aber, den Bogen nicht zu überspannen. Als Tochter eines Predigers legte Catherine sehr viel Wert auf Höflichkeit. Wenigstens so lange, bis das Erbe ihrer Mutter, einer amerikanischen Werwölfin, die strenge Erziehung zur Seite schubste. »Wie sieht es denn mit Madoc aus? Ich habe gehört, er hat seinen letzten Auftrag gerade erledigt. Irgendetwas mit diesen Hexen in New England, stimmt´s?« Ein kleiner Ablenkungsversuch vom leidigen Thema eines Partners konnte nicht schaden.

»Kaja«, sagte Catherine mit ruhiger Stimme, »wenn du dich beruhigen könntest, dann würde ich dir sowohl deinen Partner vorstellen als auch den Fall mit euch besprechen. Setz dich.« Widerstrebend nahm Kaja Platz. Ihr zierlicher Körper vibrierte förmlich vor angestauter Energie. Sie war heute so früh ins Hauptquartier der Shifter Cops zitiert worden, dass ihre morgendliche Joggingrunde durch den Central Park ausfallen musste. Ihre Chefin langte hinüber zum Telefon und drückte eine Taste. »Sondra, schickst du mir bitte den neuen Mann herein? Ja«, sie rollte mit den Augen, »ich habe es ihr gesagt. Und ich lebe noch, danke der Nachfrage.« Catherine zwinkerte Kaja zu. »Dein Ruf eilt dir voraus, meine Liebe. Ich könnte mir vorstellen, dass deine Kollegen bereits Wetten darauf abschließen, wie lange unser neuer Mann es mit dir aushält.«

Kaja bemühte sich vergeblich um ein Pokerface, bevor sie in lautes Lachen ausbrach. »Dann ist meine Strategie ja aufgegangen«, stellte sie fest. »Mein letzter Partner …«

»… hat kapituliert und schiebt jetzt eine ruhige Kugel im Innendienst. Erinnere mich bloß nicht daran«, fiel ihr die Chefin ins Wort. »Du mit deiner Vorliebe für riskante und unüberlegte Aktionen hast mich schon einige Nerven gekostet. Vom Papierkram ganz zu schweigen.« Sie legte den Kopf schief und lauschte. »Ah, da kommt er.« Es klopfte leise, und auf Catherines »Herein« öffnete sich die Tür. Noch bevor Kaja sich umdrehen oder höflich aufstehen und auf den neuen Kollegen zugehen konnte, erfüllte sein Geruch den Raum.

Unwillkürlich schloss sie die Augen. Diesen Duft hatte sie schon lange nicht mehr wahrgenommen, und die Erinnerungen, die mit ihm kamen, ließen sie die Fäuste ballen. Warmes, von langen Sonnenstunden aufgeheiztes Holz. Milch und Honig. Ein frisch bezogenes Bett, sauber und leicht nach Stärke duftend. Und darunter, kaum wahrnehmbar, der schwül-feuchte und leicht muffige Geruch des allgegenwärtigen Sumpfes. Der nächste Schock kam, als sie aufstand und sich ihm zuwandte. Er überragte sie um zwei Köpfe, und das war selbst für Kajas Verhältnisse viel. Sie war es gewohnt, die Kleinste zu sein, aber dieser Mann füllte den Raum auf mysteriöse Weise mit weit mehr als seiner Größe. Er war gut gebaut, mit breiten Schultern und einer muskulösen Brust. Dabei wirkten seine Muskeln nicht wie im Studio antrainiert, sondern so, als wüsste er sie auch einzusetzen. Kurzes, dunkles Haar umrahmte ein kantiges Gesicht, in dem die bernsteinfarbenen Augen leuchteten. Sein Blick, so kam es Kaja wenigstens vor, erfasste ihre Person in Bruchteilen von Sekunden. Seine Nasenflügel blähten sich, sogen ihren Geruch ein, und für einen Moment weiteten sich seine Augen. Dann trat er einen Schritt auf sie zu und streckte ihr seine Hand entgegen. »Seth Ives.« Sein Händedruck war angenehm fest, aber er schien trotz seines dominanten Geruchs kein Macho zu sein. Seine zweifellos vorhandene Kraft benutzte er jedenfalls nicht, um ihr die Hand zu zerquetschen und zu demonstrieren, wer von ihnen beiden die Oberhand hatte. Das war schon mal ein Fortschritt zu ihrem letzten Partner.

Sie wandte sich Catherine Belcott zu, die das Aufeinandertreffen der beiden von ihrer Position hinter dem Schreibtisch beobachtet hatte, und machte sich nicht einmal die Mühe, das zufriedene Grinsen von ihrem Gesicht zu verbannen.

»Setzt euch doch«, schlug Catherine vor und griff nach einer dünnen Akte, die auf dem penibel aufgeräumten Schreibtisch lag. »Ihr wisst ja bereits, dass euer Auftrag euch nach Louisiana führt. In die Nähe von Mandeville, um genau zu sein. Die Kleinstadt hat etwa zwölftausend Einwohner und liegt am Nordufer des Lake Pontchartrain, genau gegenüber von New Orleans.« Das war ihre Art, an einen Fall heranzugehen. Systematisch machte Catherine sie mit der Geografie ihres Einsatzgebietes vertraut, bevor sie zu den wirklich wichtigen Dingen kam. Kaja warf Seth, der seinen Ledersessel neben ihr vollkommen ausfüllte, einen Blick zu. Völlig entspannt saß er da, die Hände locker im Schoß gefaltet. Sein Geruch hing immer noch in der Luft, aber wenigstens hatte er diese beunruhigenden Augen geschlossen.

»Es gab bislang zwei Todesfälle mit Hinweisen auf übernatürliche Phänomene«, fuhr Catherine fort, ohne einen Blick in die Akte zu werfen. »Beide fanden innerhalb einer Familie statt. George und Maryanne Buckley. Er war zweiundsiebzig, sie achtundfünfzig Jahre alt zum Zeitpunkt ihres Todes. Sie starben am vierzehnten Juni.«

»Sie gehen davon aus, dass es noch weitere Todesfälle geben wird«, stellte Seth fest. Er hatte die Augen wieder geöffnet, schaute Catherine aber zu ihrer heimlichen Erleichterung nicht an. Vielleicht, überlegte Kaja, half ihm das Aussprechen des Offensichtlichen beim Nachdenken? Andererseits konnte sich hinter diesem riesigen Körper auch ein schwerfälliger Geist verbergen. Sie seufzte innerlich.

»Warum hat man uns nicht früher benachrichtigt?«, fragte sie und bezwang das dringende Bedürfnis, im Büro auf und ab zu laufen. Wenn Seth laut denken musste, okay. Sie jedenfalls brauchte Bewegung, musste rennen und schwitzen, um einen klaren Kopf zu bekommen.

»Genau das ist der heikle Punkt. Der Modus Operandi ähnelt dem eines gesuchten Serienkillers, also hat sich das FBI den Fall geschnappt und erst einmal alle relevanten Informationen unter Verschluss gehalten. Unser Kontakt im St. Tammany Parish, zu dem Mandeville gehört, hatte Schwierigkeiten mit der Polizei. Wir haben weder Fotos vom Tatort noch den Bericht des Gerichtsmediziners.«

Seth runzelte die Stirn. »Das heißt also, uns erwarten nicht nur bürokratische Hindernisse, sondern wir dürften gar nicht dort sein. Es läuft auf einen Undercovereinsatz hinaus.« Okay, er war also doch kein langsamer Denker. Fragend sah Kaja die Chefin an.

»So ist es. Ihr könnt euch bei Stacy unten in der Waffenkammer alles abholen, was ihr braucht, inklusive eurer falschen Papiere.« Das belustigte Funkeln in Catherines Augen verhieß nichts Gutes, und der nächste Satz bestätigte Kajas Verdacht. »Ihr seid Kaja und Seth Elvington, die gerade eine Hochzeitsreise durch die Südstaaten der USA machen.«

»Etwas noch Absurderes ist dir wohl nicht eingefallen?« Kaja war entsetzt, beinahe schon schockiert. Catherine wusste doch, dass sie eine Einzelgängerin war! Jetzt hatte sie ihr nicht nur einen Partner aufs Auge gedrückt, sondern auch noch einen Ehemann. Selbst wenn es nur ein fiktiver Ehemann war, so mussten sie sich ein Zimmer teilen, in der Öffentlichkeit turteln und Händchen halten.

»Ist es etwas Persönliches oder bist du nicht professionell genug, um den Job vernünftig auszuführen?« Die gelassene Stimme ihres neuen Anhängsels klang weder vorwurfsvoll noch beleidigend. Er schien einfach neugierig zu sein. Seine bernsteinfarbenen Augen musterten sie neutral.

Kaja hielt es nicht mehr auf ihrem Stuhl. Selbst im Stehen war sie kaum größer als der Hüne, der sich ganz entspannt im Stuhl räkelte. »Ich arbeite am liebsten allein«, erklärte sie mit ruhiger Stimme. »Es hat nichts mit dir zu tun«, fügte sie noch hinzu. »Ich bin mir sicher, du bist ein guter Cop, aber Teamwork ist nichts für mich. Ich brauche Platz und Ruhe zum Denken.«

»Wenigstens hast du nicht gesagt, dass ich ein netter Kerl bin«, sagte er und erhob sich ebenfalls. »Aber es geht hier nicht nur um dich. Da draußen sterben Menschen.« Das Lachen erstickte in ihrer Kehle. So wie Seth es sagte, klang es weniger melodramatisch, sondern nach einer klaren Feststellung. »Ich schlage vor, wir versuchen es wenigstens. Wenn wir zwei gar nicht miteinander zurechtkommen oder ich dich am Denken hindere«, er rollte die Augen, »dann kannst du deinen nächsten Fall wieder ohne mich lösen.«

3. Kapitel

Von New York nach New Orleans