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Die unscheinbare Restauratorin Peggy präpariert ein Tagebuch aus dem 18. Jahrhundert. Während dieser Arbeit dringt sie immer tiefer in die Geschichte von Louis und Sophie vor, die nach der Französischen Revolution Diamanten schmuggelten, mit denen eine Gegenrevolution finanziert werden sollte. Peggy verfällt der Idee, die Steine wiederzufinden und beschließt, sich auf die Suche zu begeben. Bald jedoch muss sie feststellen, dass sie nicht die Einzige ist, die von den Diamanten weiß. Und es wird immer schwerer für sie, zu erkennen, wer Freund ist und wer Feind. Verrat, Intrigen und Liebe, aber auch der Kampf um die Diamanten und ums nackte Überleben führen Peggy durch mehrere Länder und Kontinente. Weder Raum noch Zeit können dem Sog der Diamanten widerstehen ...
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Seitenzahl: 240
Veröffentlichungsjahr: 2018
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PROLOG
Ihre Augen schmerzten, ihr Rücken war verspannt. Ein Blick auf die Uhr verriet Peggy, wie spät es mittlerweile war: einundzwanzig Uhr. Sie hockte bereits seit drei Stunden allein in dem muffigen, staubigen Keller, ohne sich groß zu rühren oder zu bewegen. Sie ließ ihre Schultern kreisen, um die Muskeln zu entspannen. Ihr Blick schweifte umher, alles wirkte trostlos und kalt, kein Mensch würde in solch einer Umgebung gerne Überstunden machen. Doch Peggy hatte schlichtweg die Zeit vergessen und war in eine andere Welt gezogen worden. Im Keller des Saarbrücker Stadtarchivs, wo sie und ihre Abteilung zur Restaurierung alter Dokumente untergebracht waren, roch es feucht und modrig. Der Vorteil war, dass man diesen Geruch nach nunmehr elf Stunden gar nicht mehr wahrnahm, man wurde vielmehr eins mit ihm.
Sie liebte ihre Arbeit, die Bücher, die verblichenen Blätter, die sie wieder zum Leben erweckte. Sie machte ihre Arbeit nicht nur gut, sie war die Beste auf ihrem Gebiet und konnte sich vor Aufträgen kaum retten. Die meisten Menschen haben ein bestimmtes Bild vor Augen, wie eine Restauratorin alter Schriften auszusehen hat. Und während Peggy sich vor dem kleinen Toilettenspiegel Wasser ins Gesicht spritzte, betrachtete sie sich selbst und musste zugeben, dass sie allen Vorurteilen perfekt entsprach: Eine dicke Hornbrille – leider blieb ihr bei ihrer Sehschwäche nur dieses Modell übrig –, dazu graue Haut, die daher rührte, dass sie die meiste Zeit des Tages im Keller verbrachte, ohne an die frische Luft zu gehen. Dies lag aber weniger daran, dass sie ihre Arbeit nicht hätte verlassen dürfen, sondern an ihrem letzten Projekt.
Dieses hatte sie unglaublich in Anspruch genommen und fasziniert. Ihr Blick fiel auf ihre Haare, die sie eilig zu einem Knoten gedreht hatte. Ihre Bluse und den Rock hatte sie ganz unten im Wäscheschrank gefunden. Ihre restlichen Sachen befanden sich in der Waschmaschine, im Trockner und im Wäschekorb. Sie hatte, seit sie mit dem Projekt begonnen hatte, Tag und Nacht nur noch einen Gedanken gehabt: Weiter entschlüsseln. Sie selbst fand sich weder hübsch noch schön, sie war einfach nur da. Sie achtete nicht auf ihre Figur und genoss gerne eine kleine Tafel Schokolade vor dem Schlafengehen.
Einige Menschen hätten sie sicher als langweilig bezeichnet. Sie lebte seit nunmehr 28 Jahren in Mersch, einer kleinen Stadt in Luxemburg. In diesem Ort, den sie so gut kannte, war sie zur Schule gegangen, hatte sich zum ersten Mal verliebt und ihre erste Wohnung gekauft. Gerne nahm sie die lange Fahrt zur Arbeit in Kauf, denn sie liebte ihre Heimat und ihre Gewohnheiten. Neuen Erlebnissen oder gar Überraschungen konnte sie nichts abgewinnen. Sie war ein Gewohnheitstier. Sie hatte nur wenige Freunde, suchte gern die Stille und empfand es als Wohltat, sich mit einem Buch zurückzuziehen. Dabei fühlte sie sich keineswegs allein oder einsam, sondern tauchte beim Lesen in eine andere Welt und erlebte die Abenteuer der Protagonisten mit.
Peggy war sehr gefragt auf ihrem Gebiet und hatte so manches berühmte Werk restauriert, von Friedensabkommen bis hin zu Memoiren berühmter Persönlichkeiten; doch noch nie hatte eine Schrift sie derart in den Bann gezogen wie diese. Im 18. Jahrhundert war mit Tinte geschrieben worden, die Eisengallus enthielt. Dieses zersetzte Papier und fraß sich durch das Blatt, so dass es löchrig wurde. Dem Tagebuch hatte der Schimmelpilz arg zugesetzt und Peggy musste eine Schutzmaske tragen, um ihre Lungen vor den gefährlichen Pilzsporen zu schützen. Diese Begleiterscheinung ihrer Arbeit war das Gefährlichste in Peggys Leben. Sie rauchte nicht, fuhr vorausschauend Auto und trank selten Alkohol. Sie liebte die Sicherheit und war deshalb auch erleichtert, als sie schließlich alle Sporen aus dem Dokument entfernt hatte. Als nächstes hatte Peggy die Blätter gewässert und die Fehlstellen aufgefüllt. Die Risse im Papier hatte sie mit Japanpapier ergänzt und alles auf Mikrofilm kopiert. Die Auftraggeber zahlten eine hohe Summe, damit Peggy ihnen den Text noch einmal aufschrieb, da die alte Schrift sehr schwer zu entziffern war.
Jeden Tag hatte sie sich darauf gefreut, zur Arbeit zu fahren und Neues aus dem Leben von Sophie und Louis zu erfahren. Doch jetzt überfiel sie eine stille Trauer. Ihr Werk war vollendet. Sie hatte die letzten Seiten niedergeschrieben, bald würden die Auftraggeber das Dokument wieder abholen.
Leider war das Tagebuch unvollständig. Es bekümmerte Peggy, dass sie nun nie erfahren würde, wie es der Verfasserin auf den fehlenden Seiten ergangen war. Dabei handelte es sich bei Sophie nicht einmal um eine bekannte Persönlichkeit. Doch um sich nicht ganz von Louis und Sophie verabschieden zu müssen, beschloss sie, nachdem sie sich das Gesicht abgetrocknet hatte, sich auf die Suche nach dem Ausgang der Geschichte zu machen und packte ihre Koffer.
Teil 1
Im Jahre 1794,
kurz nach der Französischen Revolution
1
Keuchend krümmte sich Louis unter den Schlägen seines Meisters. Dieser Tyrann hatte wieder einmal all sein Geld verloren. Er war ständig betrunken, wusch sich so gut wie nie und stank wie ein Schwein. Er hatte einen wild gewachsenen Bart, gelbe und schwarze Zähne und roch bestialisch aus dem Mund. Keine Frau hätte freiwillig mit ihm geschlafen. Deshalb ging er immer wieder ins Bordell.
Diesmal hatte eine Hure ihm seine Geldbörse mitsamt dem wenigen Geld, das er besaß, gestohlen. Er konnte es einfach nicht lassen. Es war nicht das erste Mal, dass eine solche Dame ihn um sein Geld und seine Würde betrogen hatte, und wieder einmal musste Louis als Prügelknabe herhalten.
Manchmal schlug der Meister ihn mit bloßen Händen oder mit seinem Ledergürtel, manchmal mit einem Prügelstock. Der Suff vernebelte seinen Verstand und machte ihn gefährlich. Er würgte Louis so fest, dass dieser schon sein armseliges Leben an sich vorbeiziehen sah. Louis war sich sicher: Wäre die Staffelei mit dem Gemälde nicht umgefallen, der Meister hätte ihn erdrosselt.
Der Meister ließ von ihm ab und hob seine letzte Arbeit vom Boden auf. Er stellte sie auf die Staffelei zurück, krallte sich eine Flasche Wein und verschwand murrend in seinem Zimmer. Louis schnaufte und keuchte, er musste erst einmal wieder richtig Luft bekommen und rieb sich seinen schmerzenden Hals. Er kauerte noch lange in der Ecke und dachte daran, wie er einst zu seinem Meister gekommen war. Langsam verschwand das Schwindelgefühl und er rappelte sich hoch.
Damals war er gerade einmal neun Jahre alt gewesen. Sein Vater hatte ihn hier hergebracht. Auf diese Weise hatte er sich eines weiteren seiner sieben Kinder entledigen können. Für jedes hatte er ein anderes Schicksal auserkoren. Den ältesten Sohn hatte er zu den Soldaten geschickt. Von Gabriel wusste Louis nur, dass er in Afrika war. Dort half er, Sklaven zu „rekrutieren“, das hieß, sie zu fangen und zu verschiffen.
Dann gab es noch Henri, der bei einem Steinmetz in die Lehre gegeben worden war; seine Schwestern Anne und Theresa waren beide Nonnen und sein Bruder Mathias war im Kloster der armen Brüder untergebracht worden. Nur der Jüngste lebte noch zuhause. Louis hatte keine Ahnung, wohin es Emile in ein oder zwei Jahren verschlagen würde.
An jenem verregneten Morgen hatte Louis seiner Mutter und Emile Lebewohl sagen müssen. Er weinte bittere Tränen, auch wenn das für einen Jungen unwürdig war. Er wusste, er würde seine Familie nie wiedersehen, genau wie er keines seiner Geschwister jemals wiedergesehen hatte, nachdem sie das Haus verlassen hatten.
Louis war ein schmaler, schwächlicher Junge, der sehr häufig krank war und immer schwächer und langsamer als seine Geschwister wirkte. Deshalb konnte sein Vater ihm gegenüber keine Gefühle aufbringen. Der Junge bekam oft den Zorn des Vaters zu spüren und flüchtete sich dann in die Arme seiner Mutter. Louis war ein blonder Junge mit blauen Augen, genau wie seine Mutter; er hatte die spitze Nase, die feinen Lippen und das dumpfe Kinn seines Vaters.
An jenem schicksalsträchtigen Tag schrie sein Vater ihn an, er solle sich beherrschen, riss ihn aus den Armen seiner Mutter und schob ihn zur Tür hinaus. Er zog ihn hinter sich her. Nach unzähligen Gassen und Straßen erreichten sie das andere Ende von Paris. Dort blieben sie vor einem kleinen, schäbigen und verwahrlosten Haus stehen und klopften. Der Meister, ein riesiger Mann, sah mit seinen grauen Haaren und dem wild gewachsenen Zottelbart aus wie ein Bär und er trug ein verschwitztes, schmutziges Hemd. Er roch nach Wein und Knoblauch. Louis spürte, dass dies ein böser Mensch war und bekam Angst. Sein Vater schien unbeeindruckt. Er überreichte dem Meister ein paar frische Kleider für Louis. Nach einem letzten Blick auf seinen Sohn blaffte er:
„Putz dir die Nase, du Nichtsnutz!“
Dies waren die letzten Worte, die sein Vater an ihn richtete. Bevor er für immer aus seinem Leben verschwand, raunte er dem Meister noch ins Ohr:
„Verfahren Sie mit dem Jungen, wie Sie es für nötig halten.“
Dann verschwand er, für immer.
Nun waren acht Jahre vergangen, seit sein Vater ihn weggegeben hatte. Er war abgeschoben, einfach aus dem Leben seiner Eltern gestrichen worden, so als hätte er nie existiert. Viel Zeit zum Trauern war ihm nicht geblieben. Sein Meister erteilte ihm unerlässlich Befehle, von früh morgens bis spät in die Nacht hinein. Louis musste das Haus sauber halten, kochen, stinkende Kleidung und Bettlaken waschen. Im Atelier säuberte er anfangs die Pinsel und Messer. Die Lösungsmittel brannten ihm in den Augen, in der Nase und im Rachen; ständig musste er husten, seine Augen waren vereitert und gerötet. Seine Finger nässten und wirkten wie verätzt. Gegen Abend musste er oft gegen Hustenanfälle kämpfen. Während eines solchen Anfalls wurde er meist besonders wüst von seinem Meister angeschrien:
„Du jämmerliches Nichts, nichts machst du richtig ...“
Den Rest der Beleidigungen konnte Louis meist nicht mehr verstehen, dann hagelte es Ohrfeigen, die ein lautes Dröhnen und Rauschen in seinem Kopf nach sich zogen.
Bereits nach kurzer Zeit stellte Louis fest, dass sein Meister kein großer Künstler war. Er lebte hauptsächlich von minderwertigen Kopien für weniger Betuchte oder fertigte Portraits für Neureiche an, die nur über geringe finanzielle Mittel verfügten, aber viele Kunstwerke in ihrem Haus haben wollten. Seine mangelnden Fähigkeiten und den geringen Lohn ertränkte er im Alkohol. Das wenige Geld, das nach einer Sauftour übrig war, reichte kaum zum Überleben zweier Menschen. Da Louis auch die Einkäufe erledigen musste, stellte er schnell fest, dass es nur selten möglich war, Fleisch zu kaufen. Also kochte er hauptsächlich Mehlspeisen, Kohl und Eier. Seine Suppen warf der Meister ihm regelmäßig ins Gesicht. Dann bezichtigte er Louis des Diebstahls. Doch sie wussten beide, dass Fleisch teuer war und Louis nur wenig Geld zum Einkaufen zur Verfügung hatte. Für Louis bestand das Leben aus Arbeit, Wutausbrüchen und noch mehr Arbeit, gepaart mit schlimmen Hustenanfällen. Doch nach einigen Wochen fing seine eigentliche „Lehre“ endlich an.
Der Meister zeigte ihm, wie man Farbpigmente auf die Marmorplatte schüttet. Dann wurde nach und nach Öl hinzugetröpfelt und mit dem Messer so lange zerkleinert, bis eine homogene, glänzende Farbmasse entstand, wenn der Meister einmal nicht zu betrunken dazu war. Immer wieder musste Louis neue Mischungen ausprobieren, die sein Meister ihn dann wegwerfen ließ, nur um ihn zu schikanieren. Louis hatte abends Blasen und Schwielen an den Händen, und doch hatte er das Gefühl, endlich etwas zu lernen.
Schon kurze Zeit später konnte niemand mehr die Arbeit des Meisters von der seines Schülers unterscheiden. Dieser begann ebenfalls, auf den Leinwänden oder auf Holzplatten zu arbeiten und Kopien anzufertigen, wobei er die Gesichter anfangs noch dem Meister selbst überließ. Inzwischen war Louis seinem Vater sogar dankbar, dass er ihn zu diesem schrecklichen Lehrmeister gebracht hatte, denn er fand Gefallen an den Farben und an den Pinselstrichen und wurde mit der Zeit immer sicherer. Bald spürte er eine kreative Energie in sich, den Drang, etwas zu schaffen.
Dieses Gefühl der Befriedigung beim Malen ließ ihn für kurze Zeit die vielen Misshandlungen vergessen. Er versank regelrecht in den Farben, dem stechend-öligen Geruch, der ihn so oft zum Husten brachte. Er verschmolz regelrecht mit seiner Kunst. Heimlich fertigte er Studien zu den verschiedensten Farbschattierungen und Pinselstrichen an, die er danach schnell mit den eigentlichen Arbeiten übermalte, so dass niemand von seinen Übungen erfuhr.
Seinem Meister war das Talent seines Schützlings nicht entgangen. Zwar erleichterte dies ihrer beider Leben, da sie nun mehr Geld verdienten als zuvor. Und doch keimte leise Eifersucht im Meister auf, die sich wie ein Gift in sein Gemüt schlich und ihn rasend vor Wut machte. Dieser Junge hatte in kurzer Zeit so viel gelernt und sich erstaunlich weiterentwickelt. Dafür hatte er, der Kunstmeister, Jahre gebraucht, und war doch an seine Grenzen gestoßen. Der Junge schien aber erst am Anfang zu stehen. Er könnte etwas ganz Großes schaffen. Möglicherweise hatte er sogar die gleichen Fähigkeiten wie David.
David war ein berühmter zeitgenössischer Künstler. Sein Vater war ein anerkannter Artisan gewesen und seine Mutter führte einen Laden, in dem sie die Kreationen ihres Mannes verkaufte. Nachdem sein Vater bei einem Duell ums Leben gekommen war, hatte ein verwandter Architekt und Maler den jungen David unter seine Fittiche genommen. Er war ein politisch engagierter Mann und saß derzeit im Gefängnis, wie in den Straßen von Paris erzählt wurde. Und doch änderte dies nichts daran, dass er ein großer Maler und ein künstlerisches Vorbild für den Meister war.
Dieses hohe, unerreichbare Ziel brachte ihn dazu, immer mehr zu trinken. Er war nur noch selten nüchtern, und wenn er einmal nichts getrunken hatte, war er durch die Entzugserscheinungen derart zittrig, dass er kaum den Pinsel halten konnte. Dann war er noch grantiger als üblich und brauchte keine „Gründe“ mehr, um Louis zu schlagen. Dieser fertigte mittlerweile alle Bilder selbst an und kümmerte sich um deren Verkauf.
Louis entlockte den Farben die schönsten Töne und brachte sie regelrecht zum Leuchten. Er war ein wahrer Zauberer mit dem Pinsel geworden und fühlte sich durch das Kopieren anderer großer Künstler zunehmend eingeengt und beschränkt. Er trug so viel in sich, spürte die Kreativität, die an die Oberfläche dringen wollte wie Lava in einem Vulkan. Solange Louis den Pinsel zwischen den Fingern hielt, lebte er in einer anderen Welt, vergaß alles um sich herum. Er war wie in einem Rausch, seine Hände und Finger verselbstständigten sich. Er dachte an nichts, fühlte nichts und wie von selbst füllten sich die Leinwände. Die abgebildeten Herrschaften erwachten zum Leben. Ihre Augen glänzten und erzählten ganze Geschichten. Dann, viel zu schnell, war der Energiefluss vorbei und Louis fühlte sich leer, müde und erschöpft.
Der Meister bekam immer mehr Aufträge, darunter auch einige Portraits. Diese hatte er anfangs noch selbst angefertigt, doch die Käufer waren jedes Mal vom Ergebnis enttäuscht gewesen. Doch niemand hätte vermutet, dass mittlerweile der schüchterne, hustende Lehrling der wahre Schöpfer der Bilder war.
2
Der Drang, sich selbst zu verwirklichen, zu zeichnen und zu malen, wie es ihm gefiel, wurde immer stärker. Louis musste es versuchen. Er konnte nicht anders. So begann er sich bei Nacht ins Atelier zu schleichen, Leinwände zu präparieren, Farben zu mischen, um zu zeichnen, was er wollte, was ihn inspirierte. In diesen Nächten fertigte er keine Kopien, fälschte keine Originale, sondern er selbst war der Künstler.
Aus Furcht, der Meister könnte ihn entdecken, zündete er immer nur eine Kerze an. Diese erlaubte ihm nur wenige Zentimeter Sicht, jedoch war es die einzige Möglichkeit, überhaupt etwas sehen zu können. Durch das mangelnde Licht hatten seine Bilder etwas Tristes, da er viele dunkle Töne verarbeitete. Seine Motive waren die Vororte von Paris, der Marktplatz, auf dem er einkaufte, oder die Menschen, denen er begegnete und an deren Gesichter er sich gut erinnern konnte.
Durch das mangelnde Licht und seine Allergie wurden seine Augen sehr schnell schlechter, waren nunmehr ständig gerötet und tränten, oft brannten sie wie Feuer. Doch trotz der körperlichen Nebenwirkungen seiner nächtlichen Aktivitäten konnte Louis es nicht lassen und malte heimlich weiter. Zum ersten Mal machte sein Leben einen Sinn und er empfand es als wert, gelebt zu werden. Und er hatte trotz der Schmerzen Spaß. Ein Gefühl, das ihm bisher verwehrt gewesen war. Auch als Kind hatte es in seinem Leben nichts gegeben, das ihm Freude bereitet hätte. Es war von den Launen seines Vaters bestimmt gewesen, von Arbeit, essen und schlafen und vor allem davon, nicht aufzufallen. Er hatte immer versucht, nicht im Weg zu stehen und nicht gesehen zu werden. Nur so hatte er ein einigermaßen ruhiges Dasein führen können. Durch die Malerei stellte er fest, dass es mehr im Leben gab, als nur zu überleben. Er wollte mehr, kostete es, was es wollte.
Die schmerzenden Augen riefen ihm immer wieder ins Bewusstsein, dass er kürzer treten müsste. Sogar sein Meister hatte die schlechten Augen bemerkt und geknurrt:
„Bursche, deine Augen! Du wirst mir doch nicht blind werden!“
Ein Arzt wurde trotzdem nicht konsultiert. Doch diese Aussage gab Louis zu denken. Denn würde er tatsächlich blind werden, könnte er nie wieder malen, der Meister würde ihn vor die Tür setzen und er müsste betteln gehen ...
Louis entschied sich schweren Herzens, aus Sorge um seine Augen etwas weniger zu arbeiten. Also „schonte“ er seine Augen, indem er nur noch jede zweite oder dritte Nacht malte. Die anderen Nächte schlief er und gewährte seinen kranken Augen Ruhe.
Gelegentlich bedauerte er, dass nie jemand seine Bilder zu Gesicht bekam. Nach dem Trocknen grundierte er sie und übermalte sie mit den minderwertigen Kopien.
Eines Abends, als Louis besonders angeschlagen war, musste er sehr stark husten und bekam kaum noch Luft. Jede Bewegung brachte ihn außer Atem, oft röchelte er oder ein leises Pfeifgeräusch ertönte beim Einatmen.
An jenem verheerenden Tag entdeckte der Meister sein letztes Bild, eine von Louis’ letzten nächtlichen Kreationen. Erst als sein Kopf mit aller Wucht auf den Boden prallte, erinnerte er sich daran, dass er vergessen hatte, das Bild zu verstecken. Louis hatte einen metallenen Geschmack im Mund und wusste sofort, dass es sein eigenes Blut war. Leider kannte er diesen Geschmack nur allzu gut.
Unbändige Wut überkam den Meister. Er schrie und schlug hysterisch auf den jungen Mann ein:
„Du elender Dieb! Stiehlst meine Farben, meine Leinwände! Du undankbarer Bastard! Alles hab ich dir beigebracht, und so dankst du es mir. Ohne mich wärst du ein Nichts. Die Hände müsste man dir abhacken, im Dorf vor allen Leuten, du Dieb!“
Zum ersten Mal, seit Louis bei dem Tyrannen arbeitete, wagte er eine Antwort:
„Ich habe die Farbe genommen und gemalt. Es macht mir Freude. Aber ich habe nichts verkauft! Alle habe ich übermalt, alle meine Bilder, alle!“
Der Meister hörte ihm erstaunlicherweise zu, bevor er ihm mit aller Wucht in den Magen schlug, so dass Louis wimmernd zusammensackte und sich vor Schmerzen krümmte. Er war sich sicher, dieses Mal würde der Meister ihn totschlagen. Er sah sein ganzes trostloses Leben an sich vorbeiziehen. Als er schon abgeschlossen hatte und dachte, dass das Ende nahe und dies vielleicht sogar das Beste für ihn wäre, trat ein Kunde ins Atelier. Louis war zu benommen, um aufzusehen, sein Kreislauf spielte verrückt und er hatte solches Ohrensausen, dass er anfangs nichts hören konnte.
Bis sich plötzlich jemand bückte und nach ihm sah. Dann hörte er jemanden sprechen: „Lebt er noch? Ich warne Sie, wenn Sie ihn totgeschlagen haben, werde ich Sie noch heute auf dem Marktplatz hinrichten lassen!“
„Nein, der lebt noch. Der faule Sack tut nur so! Ein gemeiner Dieb ist der, den sollten Sie verhaften, er wollte mich bestehlen! Er ist mein Geselle und mit dem verfahre ich, wie es mir beliebt. Er gehört mir!“
Erst jetzt bemerkte Louis, dass der Besucher kein gewöhnlicher Kunde war, sondern ein Soldat. Seine Uniform war mit Orden übersät.
„Louis, bist du das? Oh, mein Gott, was haben Sie meinem Bruder angetan?“
Bruder? Nun versuchte Louis, den Soldaten mit seinen entzündeten Augen näher zu betrachten. Er hatte die gleiche Nase und die gleichen Lippen wie er, jedoch dunkles Haar und dunkle Augen, die ihn genauso anstarrten wie die seines Vaters. Jetzt erkannte er ihn: Es war tatsächlich Gabriel, sein ältester Bruder. Der Meister erhob sich und klopfte sich den Staub von der Kleidung. Auch er hatte die Abzeichen gesehen.
In jenen Zeiten konnte jede Geste, jedes Wort tödlich sein. Seit die Jakobiner nach der Revolution die Macht übernommen hatten, herrschte nur noch der Schrecken in Paris. Der Konvent hatte per Gesetz den „Sansculottes“ und Robespierre die absolute Macht überlassen. Sie konnten jeden, der unter Verdacht stand, etwas gegen die Revolution zu tun oder zu sagen, sofort hinrichten. Dank dieser Schreckensherrschaft sollten mehr als 35 000 Menschen ums Leben kommen. Und der Meister wollte keiner von ihnen werden. Gehörte dieser Bruder zu Robespierres Anhängern, musste er besonders vorsichtig sein, um der Guillotine zu entkommen.
Also nuschelte er verlegen:
„Oh, Monsieur, Louis ist Ihr werter Bruder, das wusste ich nicht! Er hatte mir Farbe gestohlen und auf eigene Rechnung Bilder gemalt. Sehen Sie, mein Herr.“
Dann zeigte er dem verdutzen Soldaten das Corpus Delicti.
Gabriel betrachtete das Bild lange und fand es wundervoll. Er interessierte sich nicht für Kunst. Doch dieses Bild wirkte so lebendig und voller Leben, dass es sein hartes Herz auf eine Weise berührte, die ihm völlig fremd war.
Louis hatte sich in der Zwischenzeit aufgerichtet und wischte sich das Blut aus dem Gesicht. Er konnte noch nicht aufstehen, da ihm immer noch schwindlig war. Wieder einmal bekam er einen Hustenanfall. Sein Bruder näherte sich ihm und musterte ihn genau:
„Hast du gestohlen?“
„Ja, ich habe die Farbe ohne die Erlaubnis meines Meisters genommen. Ich male so gerne. Das Einzige, was ich mir je erlaubt habe. Ich habe aber kein Bild verkauft, sondern die Bilder nur mit den Aufträgen meines Meisters übermalt. Ich habe noch nie, seit ich hier Geselle bin, einen Lohn für meine Arbeit bekommen!“
So viel hatte Louis schon seit Jahren nicht mehr gesprochen, mit wem auch? Jetzt wurde ihm bewusst, wie einsam er doch war.
Gabriel blickte zum Meister:
„So wie ich das sehe, wurden nicht Sie bestohlen, sondern der Junge wurde um viel Geld gebracht! Nach den neuen Gesetzen steht jedem, der arbeitet, ein Gehalt zu. Die Revolution hatte genau diesen Zweck ...“ Nach einer kurzen Pause setzte er zum vernichtenden Schlag an und fragte: „Oder sind Sie etwa ein Gegner der Revolution?“
Dem Meister brach der Schweiß aus; er wusste, wie gefährlich jedes Wort werden konnte, und entgegnete:
„Die Bilder verkaufen sich schlecht, Herr. Es bleibt gar kein Geld übrig. Ich schäme mich in Grund und Boden, aber ich konnte dem Jungen nichts geben.“
„Nun gut, ich brauche die Dienste meines Bruders! Ich werde gut bezahlen. Er wird ordentlich entlohnt! Sie behandeln ihn anständig. Sie stellen keine Fragen und ich werde das heute hier vergessen!“
Gabriel musterte seinen Bruder besorgt. Dieser war schon als Kind schwächlich gewesen, aber in einer so schlimmen Verfassung hatte er ihn noch nie gesehen. Er beobachtete die Hände, die wie verbrannt wirkten, und diese Augen; ein Wunder, dass er überhaupt noch etwas sehen konnte. Dann wanderte sein Blick zum Meister. Dieser konnte den Alkoholkonsum nicht verbergen: Glasige Augen, eine gerötete Nase und eine Fahne, die bis nach Lyon reichte.
Der Soldat hatte sehr schnell von seinem ursprünglichen Vorhaben, den Meister in seine Dienste zu nehmen, abgesehen, da sein Bruder offensichtlich wunderbar malte und der Meister, wie ihm schien, sehr viel trank. Einen Trinker konnte er bei seinem Unternehmen nicht gebrauchen. Die ganze Sache war so schon gefährlich genug. Das Einzige, was ihn sorgte, war der Gesundheitszustand des Jungen.
„Was haben Sie meinem Bruder bloß angetan? Sie sind ein elender Säufer. Hier ist eine Börse voll Geld. Sie stellen keine Fragen. Ich brauche die malerischen Dienste meines Bruders. Er soll Portraits zeichnen und malen. Er wird bezahlt und Sie werde ich ebenfalls in großzügiger Weise entlohnen, da Louis Ihr Atelier benötigt. Außerdem muss er hier wohnen bleiben. Sie sind aber von jetzt an nett zu ihm, sonst werde ich Sie höchstpersönlich hinrichten ... Haben wir uns verstanden? Und nun lassen Sie mich und meinen Bruder bitte allein, wir haben uns lange nicht gesehen und viel zu erzählen.“
Daraufhin warf er dem Meister ein Säckchen mit Goldstücken hin.
„Wie Sie wünschen, mein Herr“, erwiderte der Meister, holte sein Jackett und seine Mütze und verzog sich mit dem Geld.
Dieses lockte und ängstigte ihn gleichermaßen. Wer so mit Geld um sich warf, musste viel davon haben oder gehörte zu Robespierre. Bei dem Gedanken lief ihm ein Schauer über den Rücken. Er würde den Bastard von Gesellen nie mehr anfassen, zumal der Junge sich vielleicht als Goldesel erwies: Er bekam Geld und musste nichts dafür tun.
Nein, in dem Jungen hatte er sich geirrt. Er musste sich jetzt zusammenreißen. Er liebte das Leben. Viele Male hatte er einer Hinrichtung beigewohnt. Da wurde ohne Bedauern gemordet. Jedes Mal war das ein großes Spektakel. Nie hätte er gedacht, dass auch nur der Hauch der Möglichkeit bestünde, selbst einmal vor dem Henker zu stehen. Wenn er sich so verhalten würde, wie der Soldat gesagt hatte, vielleicht konnte er dann überleben? Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass er diesmal mit dem Leben davongekommen war.
So entschied er sich, seinen Frust einfach zu ertränken und steuerte das nächste Bordell an. Mit dem ganzen Geld konnte er eine Menge anstellen. Vielleicht entkam er doch noch dem Hieb des Beils. Doch jetzt wollte er sich erst einmal amüsieren, er hatte Geld und er würde es auszugeben wissen.
Louis musterte seinen Bruder. Es war so lange her. Er hätte nie gedacht, dass er ihn einmal wiedersehen würde. Er hatte so viele Fragen ...
Inzwischen war Gabriel in die Küche gegangen und hatte zwei Becher geholt, die er mit Bier füllte. Wie er erwartet hatte, konnte man in diesem Haus viel Bier finden und nur wenig Essbares. Erstaunt stellte er fest, dass die Küche schäbig, verrostet, veraltet und dennoch sauber war. Jemand musste hier viel Zeit mit Saubermachen verbringen. Er gab seinem Bruder ein Bier und nickte ihm zu. Bier hatte schon so manchem Soldaten im Feld das Leben gerettet. Es würde auch die Lebensgeister seines Bruders wieder wecken.
Gabriel war immer noch schockiert über den Anblick, den Louis bot. Seine Mutter hätte sicherlich angefangen zu weinen, wenn die ihn so gesehen gesehen hätte. Er konnte nicht von sich behaupten, ein mitfühlender Mensch zu sein. Skrupellos hatte er jedem Afrikaner die Kehle durchgeschnitten, der nicht auf das verdammte Schiff wollte. Wahrscheinlich hatte er den Getöteten viel Leid erspart. Die „Ware“ wurde zusammengepfercht transportiert. Die Hälfte kam während der Schiffsreise um. Die Sklaven lagen aufeinander, machten unter sich und kotzten sich die Seele aus dem Leib. Wenn so ein Schiff in Amerika ankam, stank der Kahn fürchterlich. Die Überlebenden durften als Erstes die Leichen herausschaffen und dann alles säubern, bevor sie zu ihren neuen Eigentümern kamen. Für Gabriel war dies das richtige Geschäft. Er war gut darin und hatte viele Auszeichnungen für seine Skrupellosigkeit bekommen. Sein Bruder Mathias würde ihn deswegen wohl zur Beichte schicken. Aber er dachte nur ans Geld. Und an seine Mission.
Jetzt, wo der König getötet worden war, musste die Monarchie gerettet werden. Dafür brauchte er Louis. Aber wie sollte er ihm das erklären, ohne zu viel zu verraten?
Das Bier tat seine Wirkung und Louis konnte endlich sprechen:
„Wieso bist du aus Afrika zurück? Was machst du hier, außer deinem Bruder das Leben zu retten?“
Schmunzelnd überlegte Gabriel, wie viel er erzählen musste und dürfte. Noch wusste er nicht, auf welcher Seite sein Bruder stand.
„Ich war lange Zeit in Afrika und habe viele Orden bekommen.“ Er wies auf die Orden und ließ sich bestaunen. „Jetzt werde ich hier in Paris gebraucht. Es sind schwere Zeiten hereingebrochen ...“
„Da hast du Recht, es sind gefährliche Zeiten ...“
„Bist du politisch engagiert?“, tastete der Soldat sich vorsichtig vor.
„Nein, ich habe keine Zeit für so etwas. Du hast ja meinen Meister kennengelernt. Er bringt außer Prügeln nichts mehr zustande. Ich bin froh, wenn ich malen kann und meine Ruhe habe.“
