Im Sonnenwinkel Classic 30 – Familienroman - Patricia Vandenberg - E-Book

Im Sonnenwinkel Classic 30 – Familienroman E-Book

Patricia Vandenberg

5,0

Beschreibung

Im Sonnenwinkel ist eine Familienroman-Serie, bestehend aus 75 in sich abgeschlossenen Romanen. Schauplätze sind der am Sternsee gelegene Sonnenwinkel und die Felsenburg, eine beachtliche Ruine von geschichtlicher Bedeutung. Bambi hatte noch nie Angst vor dem Zahnarzt gehabt und vor Dr. Lutz Markward schon gar nicht. Jedes halbe Jahr ließ sie ihre Zähne nachschauen. Sie sollten so schön weiß und regelmäßig bleiben. Diesbezüglich war die kleine Bambi sehr eitel. Außerdem unterhielt sie sich mit Dr. Markward gern über dessen Neffen Benedikt, der bei ihrer letzten Untersuchung gerade mit seinen Eltern zu Besuch in Hohenborn gewesen war. Mit dem putzigen kleinen Benedikt, der Dixie genannt wurde, hatte sie schnell Freundschaft geschlossen, und Dixie hatte sich gar nicht mehr von Bambi trennen wollen. "Nun mach mal dein Mündchen ganz weit auf, Bambi", sagte Dr. Markward. "Mache ich gleich. Ich will bloß noch schnell fragen, wie es Dixie geht." "Dem geht es prächtig", erwiderte Dr. Markward. "Ich war am letzten Wochenende bei ihnen zum Skifahren. Er kann schon richtig den Hang hinunterwedeln." "So klein, wie er ist?", staunte Bambi.

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Im Sonnenwinkel Classic – 30 –

Mit Nanni kam das Glück

Der kleine Dixie braucht nicht mehr traurig zu sein

Patricia Vandenberg

Bambi hatte noch nie Angst vor dem Zahnarzt gehabt und vor Dr. Lutz Markward schon gar nicht. Jedes halbe Jahr ließ sie ihre Zähne nachschauen. Sie sollten so schön weiß und regelmäßig bleiben. Diesbezüglich war die kleine Bambi sehr eitel.

Außerdem unterhielt sie sich mit Dr. Markward gern über dessen Neffen Benedikt, der bei ihrer letzten Untersuchung gerade mit seinen Eltern zu Besuch in Hohenborn gewesen war.

Mit dem putzigen kleinen Benedikt, der Dixie genannt wurde, hatte sie schnell Freundschaft geschlossen, und Dixie hatte sich gar nicht mehr von Bambi trennen wollen.

»Nun mach mal dein Mündchen ganz weit auf, Bambi«, sagte Dr. Markward.

»Mache ich gleich. Ich will bloß noch schnell fragen, wie es Dixie geht.«

»Dem geht es prächtig«, erwiderte Dr. Markward. »Ich war am letzten Wochenende bei ihnen zum Skifahren. Er kann schon richtig den Hang hinunterwedeln.«

»So klein, wie er ist?«, staunte Bambi.

»So fix ist er aber auch«, lächelte Dr. Markward. »Im Sommer kommen sie mich wieder besuchen. Da quartiere ich sie auf dem Fohlenhof ein. Dann könnt ihr reiten, Bambi. Du hast es ihm schmackhaft gemacht.«

»Das tun wir dann auch«, freute sich Bambi. »Jetzt mache ich meinen Mund auf, sonst schimpfen die Leute im Wartezimmer.«

Und ihre Mami würde sie sicher auch bald abholen, wenn sie mit ihren Einkäufen fertig war.

Diesmal musste Dr. Markward ihr eine kleine Füllung in einen Backenzahn machen.

Bambi war sehr betrübt darüber, aber er tröstete sie.

»Das ist wirklich nicht schlimm. Wenn alle Kinder so brav kommen würden wie du, hätten sie keinen Ärger.«

»Und du würdest aber keine Patienten haben«, äußerte sie schelmisch.

Er lachte, und diesmal bekam sie als Belohnung einen schönen Kugelschreiber. Dr. Markwards Bruder hatte eine solche Fabrik.

»Da wird Hannes aber staunen«, sagte Bambi. »Nun kommt er sicher auch mal wieder. Er hat Angst.«

»Männer sind halt nicht so mutig wie Damen«, lächelte Lutz Markward, »vor allem nicht beim Zahnarzt. Holt die Mami dich ab, Bambi?«

»Freilich, sie mag es nicht, dass ich allein auf die Straße gehe. Ich setze mich ins Wartezimmer. Wiedersehen, bis zum nächsten Mal. Du kannst uns aber auch mal besuchen. Und vielen Dank für den schönen Schreiber.«

Sie bedachte ihn mit ihrem unwiderstehlichen Lächeln, winkte ihm noch einmal zu und trippelte hinaus.

Inge Auerbach wartete schon.

»Alles okay, Mami«, sagte Bambi. »Nur ein winzig kleines Löchlein hat der Onkel Doktor zugestopft. Ist nicht schlimm.«

Als sie die Praxis verließen, die in einem modernen Neubau lag, kam der Telegrammbote.

Inge Auerbach und ihr Töchterchen Bambi ahnten nicht, dass er eine Nachricht brachte, die das Leben des Zahnarztes Dr. Lutz Markward von Grund auf verändern sollte. Bambi hatte ganz andere Gedanken.

Dr. Markward war gerade dabei, einem älteren Patienten eine Betäubungsspritze zu geben, weil ihm ein Zahn gezogen werden musste, als seine Sprechstundenhilfe das Telegramm brachte.

»Später«, sagte er. »Ich habe jetzt keine Zeit.« Und er dachte, dass es von Ute Ritter sein könnte, die ihm ihre Rückkehr aus Davos ankündigte.

Er konnte den Patienten, von dem er wusste, dass er herzkrank war, nicht aus den Augen lassen, und es wurde eine recht langwierige Prozedur, bis er den Zahn gezogen hatte.

Währenddessen hatte Thilde, seine Sprechstundenhilfe, schon drei neue Behandlungskarten auf das Telegramm gelegt, an das jetzt keiner mehr dachte.

Erst kurz vor sieben Uhr verließ der letzte Patient die Praxis, und nun gewahrte Thilde das Telegramm.

»Sie haben es ja immer noch nicht aufgemacht, Herr Doktor«, bemerkte sie.

Vielleicht war das gut so, denn nachdem Lutz Markward es geöffnet hatte, sank er erschüttert auf seinen Stuhl.

Bernd und Fränzi Opfer eines Lawinenunglücks. Bin verzweifelt allein mit Dixie. Nanni, las er.

Nanni, selbst noch ein halbes Kind, Fränzis Schwester, und der kleine Dixie hatten jetzt nur noch ihn.

Noch konnte Lutz keinen klaren Gedanken fassen, da läutete es.

Niedergeschlagen hatte Thilde geöffnet. Hereinspazierte, blendend aussehend, tief gebräunt von der Frühjahrssonne und sehr vergnügt, Ute Ritter.

»Na, das ist aber ein Empfang«, sagte sie. »Was hast du denn, Lutz?«

Er konnte nicht sprechen. Er hielt ihr das Telegramm hin. Ihr hübsches Gesicht wurde ernst.

»Das ist ja entsetzlich!«, stieß sie hervor.

»Ich muss zu ihnen fahren. Sie sind doch völlig hilflos«, murmelte Lutz. »Ob dein Vater mich ein paar Tage vertreten würde, Ute?«

Dr. Ritter hatte sich zwar schon zur Ruhe gesetzt, weil Rheuma im Arm ihm zu schaffen machte. Lutz hatte ihm die Praxis abgekauft und sich auch in seine Tochter Ute verliebt.

Es war beschlossene Sache, dass sie heiraten würden, aber gar so eilig hatte es Ute nicht, denn sie wusste, dass es auch nicht einfach war, Zahnarztfrau zu sein.

»Das wird Papa schon machen«, erklärte sie leise. »Ich sage ihm gleich Bescheid. Kommst du dann zu uns, Lutz?«

Er nickte geistesabwesend. Seine Gedanken waren bei Dixie und Nanni.

Vorige Woche waren sie noch alle vergnügt beisammen gewesen. Es war unvorstellbar, dass Dixie mit drei Jahren schon Waise geworden war.

Lutz gab telefonisch ein Telegramm auf. Anrufen konnte er so wenig, wie es wohl Nanni, die Neunzehnjährige, eben erst aus dem Internat entlassen, gekonnt hatte.

»Komme sofort, Lutz.« Mehr konnte er nicht über die Lippen bringen.

Dann fuhr er zu den Ritters, die ihn teilnahmsvoll empfingen.

Dr. Ritter erklärte sich bereit, die Vertretung zu übernehmen.

Insgeheim hatte Lutz gehofft, dass Ute mit ihm fahren würde, doch davon fiel kein Wort, und fragen wollte er nicht.

Er packte ein paar Sachen ein, als er wieder in seiner Zweizimmerwohnung war. Dann erst fiel ihm ein, dass er auch angemessene Kleidung für die Beerdigung brauchen würde.

Er blickte auf die Uhr. Jetzt war es neun. Wenn er gut vorankam, konnte er um Mitternacht in Meran sein. Ja, er musste es schaffen, damit Nanni nicht die ganze Nacht mit Dixie allein im Haus war.

*

»Warum weinst du nur immer, Nanni?«, fragte Dixie leise. »Weil Papi und Mami immer noch nicht zurück sind? Sie kommen schon noch. Sie werden sicher eine Panne haben.«

Nanni, zierlich, dunkelhaarig und ein besonders apartes Mädchen, verbarg ihr verschwollenes Gesicht in den Händen.

Sie konnte es Dixie nicht sagen, dass seine Eltern nie mehr zurückkommen würden. Sie brachte es nicht fertig, denn der Schock hatte sie in einen Abgrund geschleudert.

Es war zu furchtbar gewesen, als der Gendarm die Nachricht brachte.

Sie hatte es schon im Radio gehört, dass es wieder Lawinenopfer gegeben hatte. Aber es waren keine Namen genannt worden, und sie hatte ihre Schwester und den Schwager in einem anderen Gebiet vermutet.

Sie hatten sich so gefreut, einmal wieder gemeinsam eine große Skitour unternehmen zu können, da Nanni nun bei ihnen war und Dixie mal ein paar Tage betreuen konnte.

Freitagmittag waren sie frohgemut aufgebrochen, und Fränzi hatte noch gesagt: »Wie schön ist es, Nanni, dass wir unseren Dixie in deiner Obhut wissen und uns keine Sorgen zu machen brauchen.«

Ja, diesbezüglich konnten sie unbesorgt sein, denn Nanni ließ den Kleinen nicht aus den Augen. Sie war eine Kindernärrin, aber Dixie liebte sie ganz besonders.

Und nun sollte sie es sein, die ihm sagte, dass er keine Eltern mehr hatte?

Nein, sie konnte es nicht. Sie nahm ihn in die Arme und küsste ihn.

»Schlaf jetzt, Dixie«, flüsterte sie. »Onkel Lutz wird kommen.«

»Das ist aber fein. Hat das in dem Telegramm gestanden?«

»Ja, mein Liebling«, erwiderte sie mit erstickter Stimme.

»Mami sagt immer, in Telegrammen steht nichts Gutes. Diesmal wird sie sich aber freuen. Onkel Lutz ist lieb, Nanni.«

Sie mochte Lutz, obgleich sie sich darüber noch nicht viel Gedanken gemacht hatte. Aber für Lutz musste ihr Telegramm ein fürchterlicher Schlag gewesen sein. Sie wusste, wie sehr die Brüder aneinander hingen und wie gern auch Fränzi ihren Schwager hatte.

Sie hatte ihn erst ein paarmal gesehen, zur Hochzeit und dann vorige Woche, und er hatte sie noch immer behandelt wie das Kind, das sie vor fünf Jahren gewesen war, als Fränzi und Bernd geheiratet hatten.

Damals hatte ihre Mutter noch gelebt. Sie hatte zwar schon gekränkelt, aber die Hochzeit ihrer Ältesten hatte sie doch noch miterleben können.

Ein Jahr darauf war sie dann an ihrem schweren Leiden gestorben wie der Vater acht Jahre zuvor. Auch das war für Nanni ein großer Schmerz gewesen, aber sie hatte noch Fränzi gehabt und einen liebevollen Schwager, der gut für sie sorgte. Sie war in ein Internat gekommen, in dem sie sich wohlfühlte. Sie hatte nette Freundinnen gehabt, und Fränzi hatte ihr immer wieder geschrieben, dass sie nach der Schulzeit zu ihnen kommen solle.

Nun war sie endlich hier, kaum acht Tage, war glücklich gewesen, weil man sie so liebevoll empfangen hatte, weil Dixie rein närrisch war vor Freude, dass er nun kein Kindermädchen mehr zu haben brauchte, und darauf folgte nun diese Tragödie.

»Brauchst wirklich nicht zu weinen, Nanni«, meinte Dixie wieder. »Mami regt sich auch immer schrecklich auf, wenn Papi unterwegs ist, und dann gleich ist er da. Pass auf, wenn es läutet, dann kommen sie schon.«

Nanni wusste, dass sie nicht kommen würden, nie wieder.

»Und du schläfst jetzt lieb, Dixie«, sagte sie tonlos.

Er nickte brav.

»Dann vergeht die Zeit schneller. Was glaubst du, wie sie sich freuen werden, dass Onkel Lutz kommt. Vielleicht bringt er seine Ute mit.«

Lutz hatte bei seinem letzten Besuch davon gesprochen, dass er heiraten wolle. Er hatte viel von Ute erzählt. Vielleicht brachte er sie nun wirklich mit.

Nanni ging mit schleppenden Schritten durch das stille Haus, das so leer geworden war.

Es war ein hübsches Haus, nicht sehr groß, aber heimelig. Bernd war lieber jeden Tag eine Stunde mit dem Wagen zu seiner kleinen Fabrik unterwegs, weil sie es nicht aufgeben wollten.

Dieses Haus und ein hübsches Barvermögen war den Schwestern Fränzi und Nanni von ihren Eltern hinterlassen worden, doch Nanni dachte jetzt nicht daran.

Was sollte nun werden? Was würde aus der Fabrik? Was mit Dixie und ihr?

Ja, sie könnte sich schon auf ihre eigenen Füße stellen. Das hatte sie ja auch vorgehabt. Sie wollte so gern Porzellanmalerin werden. Dazu hatte sie Talent. Aber jetzt musste sie in erster Linie für Dixie dasein.

Komme sofort, hatte Lutz telegrafiert. Nanni wartete, und die Minuten wurden ihr zur Ewigkeit.

*

Auch Lutz dachte an Dixie. Damals, als dieser getauft und er zu dessen Paten bestimmt worden war, hatte Bernd gesagt, dass er sich der Verantwortung bewusst sein müsse, die jetzt auf seinen Schultern ruhe. Im Scherz hatte er es gesagt, denn für ihn war es mehr eine Formsache gewesen.

Aber Fränzi hatte es ernster aufgefasst.

»Weißt du auch, welche Verantwortung du übernimmst, Lutz?«, hatte sie gefragt. »Wenn uns mal etwas passieren sollte …« Doch da hatte Lutz sie unterbrochen.

»Red nicht davon! Aber wenn es dich beruhigt, verspreche ich dir, dass ich immer für Dixie sorgen werde.«

Ein Auto überholte ihn in rasendem Tempo, schnitt ihn und geriet ins Schleudern. Aber es fing sich wieder und raste weiter.

Lutz nahm die Geschwindigkeit instinktiv zurück und fuhr nun besonders vorsichtig. Das fehlte noch, dass auch er nicht ans Ziel kam und Nanni noch einen Kummer mehr hatte.

Dieses Kind, es musste schrecklich für sie gewesen sein. So ansteckend fröhlich war sie gewesen, als er vorige Woche in Meran war, richtig übermütig und so himmlisch jung. Sie hatten so viel Spaß miteinander und mit Dixie gehabt. Ein trauriges Wiedersehen würde es geben.

Er blickte nur geradeaus. Die schneebedeckten Hänge, die die Straße säumten, wollte er gar nicht sehen.

Spät war der Winter in diesem Jahr gekommen, und erst das Frühjahr hatte den begeisterten Skifahrern den richtigen Pulverschnee gebracht. Und der Schnee, den Bernd und Fränzi so sehr liebten, war nun zu ihrem Grab geworden. Es fröstelte ihn.

*

Es war genau zehn Minuten nach Mitternacht, als Lutz vor dem Haus hielt.

Er läutete nicht, als er Licht hinter zwei Fenstern im Erdgeschoss sah. Er klopfte an die Scheibe. Dann, wenige Sekunden später, stand Nanni vor ihm.

Er sah ihr schmales, verweintes Gesicht und nahm sie wortlos in die Arme. Ihr zarter Körper wurde von unterdrücktem Schluchzen geschüttelt.

»Es ist so schrecklich, Lutz«, weinte sie.

»Ja, es ist schrecklich«, sagte er erschüttert.

»Ich konnte es Dixie noch nicht sagen. Ich war plötzlich so hilflos, so allein.«

»Jetzt bin ich da, und wir werden es gemeinsam durchstehen, Nanni«, erklärte er heiser. »Schläft Dixie?«

Sie nickte. »Er freut sich auf dich, und er glaubt, dass seine Eltern bald zurück sein werden. Was kann ich für dich tun, Lutz?«

»Machen wir uns einen Glühwein, ich friere«, erwiderte er.

Sie gingen in die Küche. Nanni setzte Wasser auf.

»Danke, dass du gleich gekommen bist«, sagte sie verhalten.

Sie sah rührend aus. Sein eigener Schmerz wurde geringer, als er sie anblickte.

Lutz legte seine Hand an ihre Wange. Er fühlte sich hilflos und innerlich wie ausgehöhlt.

*

Er war sehr früh aufgestanden. Er wollte, bevor Dixie erwachte, zum Friedhof gehen, wo Bernd und Fränzi aufgebahrt waren. Aber er hatte nicht mit dem Kleinen gerechnet.

In seinem bunten Schlafanzug stand er schon an der Treppe, als Lutz aus seinem Zimmer kam. Er stieß einen Freudenschrei aus und flog in seine Arme. Lutz drückte das Kind an sich.

»Ist deine Ute auch mitgekommen?«, fragte Dixie.

»Nein«, erwiderte Lutz.

»Aber du bist da, das ist sehr schön! Heute werden Mami und Papi bestimmt kommen. Nanni hat schon so viel geweint, weil sie sich verspätet haben.«

Er ist noch so klein, dachte Lutz. Er wird die ganze Tragweite noch nicht begreifen. Aber warten wird er.

»Komm, setz dich mal zu mir, Dixie«, begann er stockend. »Ich muss dir etwas sagen, was dir sehr weh tun wird.«

»Kannst du nicht bleiben?«, forschte Dixie bekümmert.

»Würde dir das denn weh tun?«, fragte Lutz, eigentlich nur um Zeit zu gewinnen.

»O ja, sehr! Ich habe dich nämlich mächtig lieb, und ich habe auch geweint, als du neulich weggefahren bist.«

»Und du hast sicher auch Sehnsucht gehabt, als Mami und Papi jetzt weg waren.«

»Das war nicht so schlimm. Nanni ist ja da, und Mami und Papi kommen doch bald wieder. Sie haben sich so gefreut, dass sie mal wieder richtig Ski fahren konnten. Da kann ich doch noch nicht mit. Das ist zu anstrengend, hat Mami gesagt. Aber Nanni und ich haben viel Spaß miteinander.«

»Und wenn Mami und Papi nun nicht wiederkommen?«, fragte Lutz.

»Sie kommen aber wieder. Papi muss doch in die Fabrik.«

»Weißt du, was eine Lawine ist, Dixie?«, fragte Lutz nach einer Pause.

Dixie nickte. »Das ist ganz schlimm. Die donnert ins Tal und erdrückt alles. Einmal hat sie sogar ein Auto zerdrückt, das war ganz furchtbar. Da muss man mächtig aufpassen.«

»Aber manchmal kommt sie so schnell, dass man gar nicht mehr aufpassen kann.«

Dixie legte seine kleinen Hände um sein Gesicht und sah ihn aufmerksam an.

»Warum erzählst du das, Onkel Lutz?«

»Weil Mami und Papi von solch einer Lawine begraben worden sind«, sagte Lutz gequält.

»Dann müssen sie aber ganz schnell rausgeholt werden«, flüsterte Dixie. »Da gibt es Hunde, die finden sie. Und mit Stöcken suchen die Männer von der Bergwacht auch. Das weiß ich alles. Darüber hat Papi schon mit mir geredet.«

Lutz drückte Dixies Köpfchen behutsam an seine Brust.

»Dazu war es schon zu spät, mein Kleiner.«

»Zu spät?«, wiederholte Dixie mit weit aufgerissenen Augen. »Du meinst, dass die Hunde Mami und Papi nicht mehr gefunden haben? Bitte, sag das nicht, Onkel Lutz! Meine Mami, mein Papi müssen doch wiederkommen!«

Das Weinen des Kindes schnitt Lutz ins Herz, und an der Tür stand Nanni.

Ganz starr stand sie da, und plötzlich sah sie ganz erwachsen aus und wie eine kleine Madonna in diesem grenzenlosen Schmerz.

Ganz langsam kam sie näher und legte ihre Arme um das Kind und ihren Kopf an die Schulter von Lutz.

»Du bist ja nicht allein, Dixie«, flüsterte sie. »Wir sind bei dir.«

*

Es waren schlimme Stunden und schlimme Tage, die darauf folgten. Aber Dixie, so klein er auch noch war, begriff, dass er etwas, was ihm unsagbar viel bedeutete, unwiderbringlich verloren hatte.

Er wollte mit zur Beerdigung gehen. Er weigerte sich, bei der Nachbarin zu bleiben.