Im Sonnenwinkel Classic 38 – Familienroman - Patricia Vandenberg - E-Book

Im Sonnenwinkel Classic 38 – Familienroman E-Book

Patricia Vandenberg

5,0

Beschreibung

Im Sonnenwinkel ist eine Familienroman-Serie, bestehend aus 75 in sich abgeschlossenen Romanen. Schauplätze sind der am Sternsee gelegene Sonnenwinkel und die Felsenburg, eine beachtliche Ruine von geschichtlicher Bedeutung. Mit verschränkten Armen stand Tim vor seiner Tante Helga. Trotzig sah er sie an. "Warum musstest du eigentlich heiraten?", fragte er aggressiv. "Ich musste nicht. Wir wollten heiraten. Schließlich waren wir bereits vier Jahre verlobt. Helmut wollte nicht mehr warten." Sie sagte es betont forsch. "Ist verheiratet sein etwa besser als verlobt sein?", fragte er entrüstet. "Papi war auch mal verheiratet. Und was ist jetzt? Ob es Helmut gefällt, wenn er auch mal mit einem Kind sitzenbleibt?" "Ich gedenke nicht, ihn sitzenzulassen", erklärte Helga. Ihre Stimme bebte ein wenig, denn immer, wenn Tim solche Bemerkungen machte, hatte sie tiefes Mitgefühl mit dem Jungen. Sie hatte geahnt, dass die Ehe ihres Bruders kein gutes Ende nehmen würde, denn Stella war eine extravagante Frau gewesen. Auch die Geburt des Kindes hatte nichts daran geändert, und nach drei Jahren war sie mit einem vermögenden Großkaufmann durchgebrannt. Das lag nun fünf Jahre zurück, und man hatte Tim nicht verschweigen können, dass die Ehe seiner Eltern geschieden war.

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Im Sonnenwinkel Classic – 38 –

Tim und Sascha schmieden Pläne

Patricia Vandenberg

Mit verschränkten Armen stand Tim vor seiner Tante Helga. Trotzig sah er sie an. »Warum musstest du eigentlich heiraten?«, fragte er aggressiv.

»Ich musste nicht. Wir wollten heiraten. Schließlich waren wir bereits vier Jahre verlobt. Helmut wollte nicht mehr warten.« Sie sagte es betont forsch.

»Ist verheiratet sein etwa besser als verlobt sein?«, fragte er entrüstet. »Papi war auch mal verheiratet. Und was ist jetzt? Ob es Helmut gefällt, wenn er auch mal mit einem Kind sitzenbleibt?«

»Ich gedenke nicht, ihn sitzenzulassen«, erklärte Helga. Ihre Stimme bebte ein wenig, denn immer, wenn Tim solche Bemerkungen machte, hatte sie tiefes Mitgefühl mit dem Jungen.

Sie hatte geahnt, dass die Ehe ihres Bruders kein gutes Ende nehmen würde, denn Stella war eine extravagante Frau gewesen. Auch die Geburt des Kindes hatte nichts daran geändert, und nach drei Jahren war sie mit einem vermögenden Großkaufmann durchgebrannt.

Das lag nun fünf Jahre zurück, und man hatte Tim nicht verschweigen können, dass die Ehe seiner Eltern geschieden war.

Tim hatte Helga nach dieser Bemerkung eine Weile stumm betrachtet.

»Papi und mich lässt du aber sitzen«, sagte er mit bitterem Vorwurf. »Wir könnten alle in einem Haus wohnen. Oder mache ich dir zu viel Arbeit, Helli?«

Es klang traurig, und weil er sie mit ihrem Kosenamen anredete, kamen Helga fast die Tränen.

»Nein, Timmy«, erwiderte sie leise, »aber Helmut hat doch die gute Stellung in Bremen bekommen, und Papi geht nach Hohenborn. Wir können nicht zusammenbleiben.«

Sie wusste nur zu gut, dass ihr Bruder Constantin die Stellung allein deshalb gewechselt hatte, um ihrem Glück nicht mehr im Weg zu stehen.

Aber wenn sie in Tims Gesicht blickte, das nun ganz verschlossen war, wurde sie wieder wankend in ihrem Entschluss.

Es war gut, dass Constantin eintrat und eine weitere Diskussion verhinderte.

»Wir müssen jetzt fahren, Tim«, sagte er mit gekünstelter Ruhe.

Tim starrte zu Boden.

»Na, dann tschüss, Helli!«, stieß er rau hervor.

Sie hätte ihn gern in die Arme genommen, aber dann wären ihr bestimmt die Tränen gekommen, und sie wollte ihnen beiden den Abschied nicht zu schwer machen.

»Tschüss, Tim. Es wird dir bestimmt gefallen in dem Ferienheim. Ich schreibe dir auch.«

»Brauchst du nicht!«, entgegnete er aggressiv. »Fahr du nur in die Flitterwochen.«

Dann lief er hinaus zum Wagen. Constantin sah seine Schwester an und zuckte die Schultern. Sein Gesicht war sehr ernst.

»Tut mir leid, Helli!«, bemerkte er leise.

»Ich verstehe ihn ja so gut«, flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme. »Ich hoffe nur, dass du mit ihm zurechtkommst.«

»Unter Kindern wird er auf andere Gedanken kommen«, sagte Constantin. »Besuch uns mal.«

Auch er beeilte sich mit dem Abschied, denn er konnte sich ebenfalls nicht recht vorstellen, wie sein Leben mit Tim ohne Helga weitergehen sollte.

Sie hatte nun lange genug für sie gesorgt und Mutterstelle an Tim vertreten. Er war jetzt acht Jahre und wurde selbstständig. Um die Trennung zu überbrücken, sollte er erst mal sechs Wochen in einem Ferienheim im Schwarzwald verbringen.

Tim hatte sich auf den Rücksitz gehockt. Er sah seinen Vater nicht an, als dieser sich ans Steuer setzte.

»Willst du nicht neben mir sitzen?«, fragte Constantin.

»Nein, Kinder gehören nicht nach vorn«, erklärte Tim abweisend.

Es braucht alles seine Zeit, dachte Constantin Hammerstein. Wir werden uns beide daran gewöhnen, dass Helga nicht mehr bei uns ist.

*

Zur gleichen Zeit brachte die Modefotografin Alexa Eyken ihren Sohn Sascha zu dem Ferienheim »Glücksburg« im Bregenzer Wald.

»Es ist wirklich zu blöd, dass wir nicht gemeinsam Ferien machen können, Sascha«, äußerte sie bekümmert. »Aber ich kann auf die drei Aufträge nicht verzichten.«

»Sehe ich ja ein, Mami«, erklärte Sascha vernünftig. »Und Mila muss auch mal ausspannen. Es wird schon ganz nett werden in dem Ferienheim.«

»Du bist lieb, Sascha«, sagte Alexa weich. »Nächstes Jahr fahren wir ans Meer. Das verspreche ich dir.«

»Braucht doch nicht zu sein, Mami. Es tut mir bloß leid, dass du bei der Hitze arbeiten musst.«

»Ich werde es überstehen, aber wenn du in dem schönen See badest, kannst du ab und zu mal an mich denken.«

»Ich denke immer an dich, Mami«, versicherte er. »Ich schreibe dir auch jeden Tag. Hoffentlich isst du auch richtig, wenn Mila nicht da ist.«

Mila war schon Haushälterin bei Alexas Eltern gewesen, und als diese starben, war sie geblieben, obgleich Alexa sich dies finanziell eigentlich nicht leisten konnte, denn ihr Vater hatte beträchtliche Schulden hinterlassen, die auf das Konto seines zukünftigen Schwiegersohnes gingen.

Rolf Dörner hatte geglaubt, sich in ein gemachtes Bett legen zu können, und als die junge Alexa ihn endlich durchschaute, hatte sie sich noch vor der Hochzeit von ihm getrennt, obgleich sie das Kind erwartete.

Der treuen Mila, die so anspruchslos und voller Güte war, hatte sie viel zu verdanken, und sie war glücklich, dass sie nun so viel verdiente, dass auch Mila mal eine Kur machen konnte. Dazu hatte es allerdings großer Überredungskunst bedurft.

Alexa liebte ihren Sohn über alles, obgleich sie seinen Vater aus ihrem Gedächtnis gestrichen hatte.

Als sie nun vor dem Ferienheim »Glücksburg« hielten, riss Sascha staunend die Augen auf.

»Das ist ja ein richtiges Schloss, Mami!«, sagte er begeistert. Doch dann überschattete sich sein Gesicht. »Ist das auch nicht zu teuer?«, erkundigte er sich.

Billig war es nicht gerade, aber Alexa wollte ihren Jungen wenigstens gut untergebracht wissen, wenn sie sich schon sechs Wochen von ihm trennen musste.

»Mach dir darüber keine Gedanken, Sascha. Ich hoffe, dass du eine schöne Zeit und nette Gesellschaft haben wirst.«

So ganz geheuer war es Sascha doch nicht, als er dann von seiner geliebten Mami Abschied nehmen musste. Aber er unterdrückte tapfer die aufsteigenden Tränen.

Fräulein Dick brachte ihn auf sein Zimmer. Sascha fand es lustig, dass sie Dick hieß, denn sie war dünn wie eine Bohnenstange. Aber sie war sehr nett.

»Dein Zimmernachbar wird auch heute noch kommen«, erklärte sie, als Sascha das zweite Bett voller Skepsis betrachtete. »Er heißt Tim und ist acht Jahre wie du. Ich denke, dass ihr euch gut verstehen werdet.«

Da war Sascha nicht so sicher. Er hatte in der Schule recht trübe Erfahrungen gemacht, denn die Buben rauften gern, und dafür war er gar nicht zu haben. Er war ein sensibles, besinnliches Kind und gewohnt, sich allein zu beschäftigen, wenn seine Mami unterwegs war.

Milas Gesellschaft genügte ihm vollkommen, aber in einem Ferienheim musste man wohl manches in Kauf nehmen, und er war fest entschlossen gewesen, seine Mami nicht zu betrüben, indem er ihr seine Gedanken verriet.

So hoffte Sascha jetzt, dass dieser Tim kein solcher Raufbold war, denn dann war ihm das schöne Ferienheim vergällt.

*

Obgleich das Ziel nahe war, kehrte Constantin Hammerstein mit Tim noch in einer Raststätte ein.

Er hoffte, mit ihm doch noch einmal ins Gespräch zu kommen, bevor sie sich trennen mussten. Während der ganzen Fahrt hatte Tim geschwiegen.

»Ich habe keinen Hunger«, erklärte er jetzt.

»Sei doch nicht so bockig, Tim«, sagte Constantin. »Findest du nicht, dass es sehr ungerecht gewesen wäre, wenn wir von Helli verlangt hätten, immer bei uns zu bleiben?«

»Wir hätten alle zusammenbleiben können«, meinte Tim unwillig, »aber du musstest ja die Stellung in Hohenborn annehmen. Ich bin schon sehr gespannt, wie es dir da gefällt. Verstehe überhaupt nichts mehr«, fügte er brummig hinzu.

»Helga ist achtundzwanzig Jahre alt und doch wohl zu schade, eine alte Jungfer zu werden«, bemerkte Constantin ruhig. »Und Helmut hast du doch auch gern.«

»Bloß so lange, wie er mit Helli verlobt war, jetzt nicht mehr«, erwiderte Tim störrisch. »Und weil wir sie jetzt nicht mehr haben, kommst du vielleicht auf den Gedanken, noch mal eine neue Frau zu heiraten.«

»Nie, Tim«, erklärte Constantin sehr bestimmt. »Ich verspreche es dir.«

»Großes Ehrenwort?«, fragte der Junge.

»Großes Ehrenwort.«

Darauf bekam Tim nun doch Appetit. Hunger hatte er eigentlich schon ziemlich lange, aber er hatte ihn mannhaft unterdrückt. Nun bekam er ein Riesenschnitzel und aß munter drauflos.

Am Nebentisch hatte eine sehr reizvolle junge Dame Platz genommen. Als Tim zu ihr hinüberschielte, sah er, dass sie ihn verschmitzt lächelnd betrachtete.

Er wurde rot und aß langsamer. Dabei warf er ab und zu auch einen schrägen Blick zu seinem Vater, der von der Anwesenheit dieses attraktiven Wesens ebenfalls Kenntnis genommen hatte, wie zu bemerken war.

Constantin Hammerstein verspürte ein seltsames Kribbeln auf seiner Haut, als die wunderschönen dunkelbraunen Augen auch ihn kurz anblickten.

Er fühlte jedoch gleich ein Schuldbewusstsein, da er sich augenblicklich seines Ehrenwortes erinnerte, das er seinem Sohn eben erst gegeben hatte.

Nun, die Ablehnung einer neuen Ehe war nicht gleichbedeutend damit, dass er eine reizvolle Frau nicht zur Kenntnis nehmen durfte.

Er musste sich eingestehen, dass er es tief bedauerte, sie so bald wieder entschwinden zu sehen, nachdem sie nur eine Tasse Kaffee getrunken hatte.

Er war nicht der einzige Mann, der dieser schlanken Frau im engen Hosenanzug nachblickte. Sie hatte eine unglaublich gute Figur und faszinierende Bewegungen.

»Die gefällt dir wohl, Papi?«, erkundigte sich Tim.

Constantin schrak zusammen.

»Wieso?«, fragte er verlegen.

»Weil du sie so angestarrt hast«, stellte Tim trocken fest. »Sie ist sehr hübsch, nicht wahr?«

Zauberhaft ist sie, dachte Constantin, und am liebsten wäre er ihr nachgelaufen. Aber Tim hinderte ihn daran. Unmöglich konnte er seinen Sohn jetzt mit einer solchen Absicht erschrecken.

Ein tiefes Bedauern erfasste ihn, als er sah, dass sie in einen grünen Wagen stieg und davonfuhr. Schade!

»Sie hat nett gelacht«, meinte Tim gedankenvoll, »richtig nett. Das war keine aufgetakelte Ziege.«

Vielleicht hätte er sogar Verständnis dafür gehabt, wenn ich sie angesprochen hätte, ging es Constantin durch den Sinn. Aber die Chance war verpasst, und jetzt war es sinnlos, noch einen Gedanken an sie zu verschwenden.

*

Tim machte sich keine Gedanken darüber, was der Aufenthalt auf der »Glücksburg« kosten würde. Sie hatten nie sparen müssen, wie Saschas Mutter. Außer einer hochdotierten Stellung besaß Constantin Hammerstein auch ein ansehnliches Vermögen. Jedenfalls war auch er sehr angetan von dem Ferienheim, das weitaus imposanter wirkte als auf dem Prospekt.

Auch Tim wurde von Fräulein Dick in Empfang genommen, und auch er amüsierte sich im Stillen über den unpassenden Namen. Und dann lernte er Sascha kennen!

Sie musterten sich abschätzend.

»Raufst du gern?«, fragte Sascha zögernd.

Tim runzelte die Stirn.

»Bist du so einer?«, fragte er.

»Nö, ich nicht«, erwiderte Sascha.

»Raufen ist blöd, aber wenn mich einer angreift, haue ich zurück«, erklärte Tim. Dann streckte er Sascha die Hand entgegen. »Wir zwei werden uns schon vertragen. Sechs Wochen ist ja nicht lange.«

Noch wussten beide nicht, wie schwer ihnen die Trennung nach diesen sechs Wochen werden würde.

*

Auf der Heimfahrt musste Constantin wieder an der Raststätte vorbei, und jäh wurde ihm bewusst, dass jene zauberhafte Fremde unentwegt in seinem Kopf herumspukte.

Er schalt sich solcher Gedanken und beschleunigte das Tempo. Doch hoffte er immer noch, sie unterwegs noch einmal zu treffen.

Jeden grünen Wagen musterte er intensiv, aber als dann Hohenborn vor ihm auftauchte, musste er einsehen, dass diese kurze Begegnung nur ein flüchtiger Traum gewesen war.

Er wollte sich mit dem Gedanken trösten, dass dies gut sei, aber dennoch war er enttäuscht.

Ausgerechnet an diesem Tag musste ihm solches widerfahren. Ob Tim gemerkt hatte, dass er mit seinen Gedanken woanders war, als er sich so schnell von ihm verabschiedet hatte?

Er musste endlich wieder an Tim denken. Er liebte den Jungen und wollte hier mit ihm ein neues Leben beginnen, fern von dem Haus, in dem er mit Stella gelebt hatte, fern auch von Helli, die nun endlich mit ihrem Helmut glücklich sein konnte.

Eine einflussreiche Stellung und ein hübsches Haus in Erlenried warteten auf ihn. Tim konnte fern vom Getriebe der Großstadt aufwachsen, und das hatte seine Entscheidung beeinflusst, denn in der Großstadt war sein mutterloser Sohn doch zu großen Gefahren ausgesetzt.

Es würde sich doch in Gottes Namen eine tüchtige Person finden lassen, die ihm den Haushalt führte. Schließlich hatte er in seiner Ehe genügend bittere Erfahrungen gesammelt, um sich noch einmal blindlings zu verlieben und ebenso enttäuscht zu werden.

All diesen Gedanken zum Trotz verspürte er doch einen feinen ziehenden Schmerz, wenn er an die bezaubernde Fremde dachte.

*

Alexa Eyken hatte München am Abend erreicht. Als sie ihr Hotelzimmer betrat, dachte sie an Sascha.

Ob er sich mit seinem Zimmerkameraden verstehen wird, überlegte sie. Hoffentlich ist es ein netter, frischer Junge, der ihn ein bisschen aufmuntert.

Sie hatte Sehnsucht nach ihrem kleinen Sohn, der heute ohne Gutenachtkuss zu Bett gehen musste. Sie vermisste ihn schmerzlich, und das Herz wäre ihr noch schwerer gewesen, wenn sie ihn jetzt gesehen hätte.

Sascha hatte die Decke über den Kopf gezogen. Komische kleine Laute kamen darunter hervor.

Tim stand am Fenster und blickte hinaus, obgleich es schon dunkel geworden war und der Himmel wolkenverhangen. Ihm war es ganz komisch, als er die seltsamen Laute vernahm.

Ganz langsam näherte er sich Saschas Bett. Dann tastete er mit der Hand vorsichtig über die Bettdecke, bis er die zuckende Schulter des Jungen erreicht hatte.

»Warum weinst du denn?«, fragte er leise. »Ich will dich ja nicht stören und auch nicht neugierig sein, aber wenn du nicht mit mir in einem Zimmer sein willst, dann frage ich Fräulein Dick, ob ich woanders schlafen kann.«

»Nein«, schluchzte Sascha, »es ist doch bloß, weil ich solche Sehnsucht nach meiner Mami habe.«

Solche Sehnsucht kannte Tim nicht, aber sein Papi und Helli fehlten ihm auch sehr. Und am liebsten hätte er auch geweint.

»Sei doch nicht so traurig, Sascha. Wir werden die paar Wochen schon überstehen«, murmelte er. »Hast du deine Mami denn so lieb?«

Saschas brauner Haarschopf kam unter der Bettdecke hervor, unter der er kaum noch Luft bekam. Er nickte heftig.

»Hast du deine Mami nicht lieb?«, fragte er nach einem tiefen Atemzug stockend.

»Ich hab’ doch keine. Ich weiß gar nicht, wie das ist. Und meine Tante Helli ist auch fortgegangen von uns.«

Sascha richtete sich auf. Vielleicht war es ein Trost für ihn, dass auch Tim Kummer hatte, denn das war aus seiner Stimme herauszuhören.

»Aber du hast einen Papi, und den hab’ ich nicht«, sagte er.

Was ist nun besser?, überlegte Tim. Eine Mami und keinen Papi zu haben, oder einen Papi und keine Mami? Doch sein Groll gegen alle Frauen erwachte wieder.

Ein Papi musste arbeiten, und da war es noch verständlich, dass man in ein Kinderheim musste, noch dazu wenn die einzige Tante jetzt nur noch ihren Mann im Kopf hatte. Aber eine Mutter brauchte seiner Ansicht nach ihr Kind wirklich nicht in ein Heim zu geben.

»Warum hat deine Mami dich denn hergebracht?«, erkundigte er sich.

»Weil sie arbeiten muss und keine Ferien machen kann«, erwiderte Sascha.

»Arbeiten? Deine Mami muss arbeiten?«, fragte Tim staunend.

»Sie muss doch Geld verdienen«, sagte Sascha. »Es geht nicht anders, und jetzt musste Mila sich auch mal erholen. Sie hatte Grippe und ist auch schon ziemlich alt.«

»Wer ist Mila?«, wollte Tim wissen.

»Mila ist eben Mila«, erklärte Sascha. »Sie macht alles, wenn Mami arbeitet. Sie ist schon immer bei uns.«

»Ist sie auch eine Tante?«, fragte Tim.

»So etwas Ähnliches. Sie ist eben unsere Mila.«

»Wir haben keine Mila«, meinte Tim. »Ich bin gespannt, wer bei uns die Arbeit macht, wo Tante Helli jetzt verheiratet ist.«

»Wo ist denn deine Mami?«, fragte Sascha zögernd.

»Fort, ich mag nicht darüber reden. Tot ist sie nicht. Sie hat jetzt einen anderen Mann.«

Es war ein großer Vertrauensbeweis, dass er Sascha dies erzählte. Saschas Tränen waren versiegt. Er war sehr bestürzt über diese harte Tatsache, dass Tims Mami einen anderen Mann hatte.

Aber nun fragte Tim, wo denn sein Vater sei, und das war Sascha peinlich.

»Ich weiß nicht«, erwiderte er ausweichend. »Ich kenne ihn nicht, und Mami sagt, wir wollen später mal darüber reden. Sie hat aber keinen anderen Mann und will auch keinen.«

»Mein Papi will auch keine andere Frau mehr. Er hat mir sein großes Ehrenwort gegeben. Aber wer jetzt für uns kocht, weiß ich wirklich nicht.«

»Essen kann man ja gehen«, meinte er, »aber saubermachen muss man auch.«

»Da ist immer Frau Meier gekommen«, berichtete Tim, »dreimal in der Woche, aber gekocht hat sie nicht. Helli konnte prima kochen. Bestimmt hat Helmut sie bloß deswegen geheiratet.«

»Kochen kann meine Mami nicht so gut«, räumte Sascha ein. »Da würde es immer bloß Salate geben, wenn wir Mila nicht hätten.«

»Na, hoffentlich ist hier das Essen immer so gut wie heute Abend«, äußerte Tim seufzend. »Ich esse nämlich gern.«

Die Tür ging auf, und Fräulein Dick erschien.

»Wollt ihr nicht schlafen?«, bemerkte sie nachsichtig.

»Müssen wir?«, fragte Tim.

»Es ist schon spät, aber wenn ihr noch erzählen wollt, machen wir heute mal eine Ausnahme. Nur laut dürft ihr nicht sein. Die anderen schlafen alle schon.«

»Die haben sicher keine Sehnsucht«, sagte Sascha, als Fräulein Dick wieder gegangen war. »Findest du es auch ulkig, Tim, dass sie Dick heißt?«

»Mächtig ulkig, aber für den Namen kann sie nichts, und sie ist nicht streng.«

Das war eine Beruhigung, und so langsam waren sie auch müde geworden. Bald kehrte auch in diesem Zimmer Ruhe ein.

Sie hatten ja noch viel Zeit, über ihre Probleme zu reden.

Sechs Wochen schienen nun auch Tim unendlich lang.

*

Helmut und Helga Johannes hatten ihre Hochzeitsreise angetreten, die sie nach Griechenland führen sollte.