Im Sonnenwinkel Classic 40 – Familienroman - Patricia Vandenberg - E-Book

Im Sonnenwinkel Classic 40 – Familienroman E-Book

Patricia Vandenberg

5,0

Beschreibung

Im Sonnenwinkel ist eine Familienroman-Serie, bestehend aus 75 in sich abgeschlossenen Romanen. Schauplätze sind der am Sternsee gelegene Sonnenwinkel und die Felsenburg, eine beachtliche Ruine von geschichtlicher Bedeutung. Wann wird sein Daddy ihn endlich holen? "Wo ist meine liebe Granny, Tante Margret?", fragte der kleine Eddy Landell mit heiserem Stimmchen. "Warum kommt sie mich gar nicht besuchen?" Margret Pahl war auf diese Frage gefasst. Einmal musste sie ja kommen, denn Eddy war jetzt schon eine Woche im Margaretenheim, das eigentlich ein Töchterheim war. Doch Margret hatte ihrer guten alten Freundin Emy Landell gern den Gefallen getan, den Sechsjährigen in ihre Obhut zu nehmen. Was sonst hätte mit Eddy geschehen sollen? "Komm, setz dich zu mir, Eddy", sagte sie sanft. Der Junge, rötlich-blond, mit großen braunen Augen und zierlich wie ein Mädchen, kam zögernd näher. "Du willst mir nichts Schönes sagen", meinte er, Margret forschend anblickend. Er war sehr sensibel und sah es wohl ihrer ernsten Miene an, dass ihn nichts Gutes erwartete. Es fiel Margret unsagbar schwer, diesem kleinen Jungen mitzuteilen, dass seine Granny gestorben war, der einzige Mensch, der ganz zu ihm gehört hatte. Eddy schloss die Augen. Margret hatte den Jungen an sich gezogen und streichelte sein Köpfchen. "Sie war krank, sehr krank, Eddy", flüsterte sie. "Und immer sehr müde"

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Im Sonnenwinkel Classic – 40 –

Von der Mutter verleugnet

Wann wird sein Daddy ihn endlich holen?

Patricia Vandenberg

»Wo ist meine liebe Granny, Tante Margret?«, fragte der kleine Eddy Landell mit heiserem Stimmchen. »Warum kommt sie mich gar nicht besuchen?«

Margret Pahl war auf diese Frage gefasst. Einmal musste sie ja kommen, denn Eddy war jetzt schon eine Woche im Margaretenheim, das eigentlich ein Töchterheim war. Doch Margret hatte ihrer guten alten Freundin Emy Landell gern den Gefallen getan, den Sechsjährigen in ihre Obhut zu nehmen. Was sonst hätte mit Eddy geschehen sollen?

»Komm, setz dich zu mir, Eddy«, sagte sie sanft.

Der Junge, rötlich-blond, mit großen braunen Augen und zierlich wie ein Mädchen, kam zögernd näher.

»Du willst mir nichts Schönes sagen«, meinte er, Margret forschend anblickend.

Er war sehr sensibel und sah es wohl ihrer ernsten Miene an, dass ihn nichts Gutes erwartete.

Es fiel Margret unsagbar schwer, diesem kleinen Jungen mitzuteilen, dass seine Granny gestorben war, der einzige Mensch, der ganz zu ihm gehört hatte.

Eddy schloss die Augen. Margret hatte den Jungen an sich gezogen und streichelte sein Köpfchen.

»Sie war krank, sehr krank, Eddy«, flüsterte sie.

»Und immer sehr müde«, wisperte Eddy mit erstickter Stimme. »Meine allerliebste Granny!« Er schluchzte auf und barg sein Köpfchen an Margrets Brust. »Ist sie nun im Himmel, Tante Margret?«

»Ja, Eddy, und sie kann auf dich herabschauen. Sie will nicht, dass du traurig bist. Du sollst ein fröhliches Kind sein.«

»Kann sie im Himmel auch richtig schlafen?«, fragte Eddy nach einer gedankenvollen Pause.

Emy Landell ruhte unter einem Hügel, auf dem das erste Grün zu sprießen begann. Sie war hinübergeschlummert in eine andere Welt, zerbrochen an quälendem Kummer. Nur Margret Pahl wusste, was sie in ihren letzten Lebensjahren gelitten hatte.

»Kann ich nun wenigstens bei dir bleiben?«, fragte Eddy.

»Ja, mein Kleiner«, erwiderte Margret zärtlich.

»Warum habe ich keine Eltern wie andere Kinder?«, fragte er nachdenklich. »Warum habe ich niemanden?«

»Jetzt hast du mich, Eddy, und die Mädchen hier haben dich auch lieb. Es gibt viele Kinder, die keine Eltern haben.«

Aber wohl selten gab es eine Mutter wie Florence Landell, die sich nie um das Kind gekümmert hatte, das sie vor sechs Jahren zur Welt brachte. Ohne zu zögern, hätte sie es fremden Menschen überlassen, wenn ihre Mutter nicht energisch eingeschritten wäre.

Margret küsste Eddy auf die Stirn. Sie war selbst zweifache Großmutter, und sie begriff nicht, dass man ein so entzückendes Kind wie Eddy verleugnen konnte. Aber Florence, die jetzt mit dem Fabrikanten Frank Boyd verheiratet war, hatte Eddy nie gesehen. Ob sie sich jetzt doch noch zu ihm bekennen würde?

Margret packten Zweifel, als sie in das stille Gesicht des Jungen blickte.

Er brauchte Liebe, viel Liebe, und Florence war nicht geneigt gewesen, ihm Liebe entgegenzubringen. Wahrscheinlich war sie auch jetzt nicht dazu bereit.

Margret Pahl wollte sich heute mit dem Rechtsanwalt Dr. Rückert beraten, was man nun tun könnte, um Eddys Zukunft zu sichern.

Viel hatte Emy Landell nicht hinterlassen, und Margret fand, dass er ein Anrecht auf ein Elternhaus hatte.

Sie nahm den dicken Umschlag, in dem Emy ihr den schriftlichen Nachlass übergeben hatte, und steckte ihn in ihre Tasche.

»Wir fahren heute nach Hohenborn, Eddy«, sagte sie. »Da wirst du ein nettes kleines Mädchen kennenlernen, das mit dir spielen wird.«

»Ich möchte aber nicht spielen, ich möchte bei dir bleiben, Tante Margret.«

»Du bleibst ja bei mir, aber Spielkameraden brauchst du auch.«

Margret hatte mit Inge Auerbach verabredet, dass sie mit Bambi, ihrer Jüngsten, auch zu Dr. Rückert kommen sollte, mit denen die Auerbachs verschwägert waren.

Sie hätte Eddy auch gleich im Sonnenwinkel lassen können, aber sie fürchtete mit Recht, dass Eddy noch zu scheu war, um allein bei Fremden zu bleiben. Er klammerte sich jetzt an sie mit der Verzweiflung eines verlassenen Kindes, das allein auf der Welt stand, ahnungslos, dass seine Mutter in Glanz und Reichtum lebte.

*

»Warum kommt Eddy nicht zu uns, Mami?«, fragte Bambi Auerbach. »Hier könnten wir doch viel besser spielen als in Hohenborn bei Tante Rosmarie.«

»Eddy kennt uns noch nicht, Bambi«, sagte Inge Auerbach. »Tante Margret meint, dass er zu schüchtern ist, um allein bei uns zu bleiben.«

»Na ja, aber wir könnten uns doch ganz rasch kennenlernen. Was für Spielzeug soll ich denn alles mitnehmen?«

»Tante Rosemarie hat doch von Stella noch genügend da«, entgegnete Inge Auerbach.

»Ist es ein lieber Junge?«, fragte Bambi.

»Tante Margret sagt, dass er sehr lieb ist. Seine Granny ist erst kürzlich gestorben. Das ist sehr schlimm für ihn.«

Bambi war sogleich voll des tiefsten Mitgefühls.

»Der arme kleine Junge.«

Inge konnte versichert sein, dass Bambi sich alle Mühe geben würde, sich mit Eddy schnell anzufreunden.

Sie waren vor Margret und Eddy bei den Rückerts. Rosmarie Rückert hatte schon das ehemalige Kinderzimmer ihrer Tochter Stella, die mit dem ältesten Sohn der Auerbachs, Jörg, verheiratet war und mit ihm in Kanada lebte, hergerichtet, damit die beiden Kinder ungestört sein konnten. Auch Stellas Spielsachen hatte sie aus dem Schrank genommen, und Bambi war damit beschäftigt, sich alles genau anzusehen.

»Margret scheint sich da ein Päckchen aufgeladen zu haben«, meinte Rosmarie Rückert zu Inge Auerbach. »Sie gehört auch zu denen, die nie nein sagen können.«

»Hättest du denn nein gesagt?«, fragte Inge lächelnd.

»Nein, natürlich nicht, aber Margret hat doch mit diesen Mädchen schon genügend um die Ohren. Gerade jetzt hat sie doch ein paar ganz schwierige.«

»Sie wird damit fertig. Schau, sie will es doch gar nicht anders. Ich finde es nur gut, wenn man sich auch im Alter Ablenkung verschafft.«

»Du hast dich über zu wenig Abwechslung ja nicht zu beklagen«, bemerkte Rosmarie. Und da läutete es schon.

*

Bambi und Eddy musterten sich eingehend, aber diese Musterung schien auf beiden Seiten zur Zufriedenheit auszufallen, denn Eddy erhob keinen Widerspruch, als Bambi seine Hand ergriff und ihn in das Kinderzimmer zog.

Margret Pahl konnte ungestört mit Dr. Heinz Rückert sprechen, der ihr längst wohlbekannt war und mit dem sie auch dieses komplizierte Thema ohne Scheu erörtern konnte.

»Wie Emy mir erzählte, hat Florence ihr schon als junges Mädchen große Sorgen bereitet«, begann sie. »Sie hat immer ihren Kopf durchgesetzt und war auch ihrer Mutter gegenüber nicht gerade pingelig. Deswegen ist es mir doppelt lieb, wenn wir Emys schriftlichen Nachlass gemeinsam sichten, damit es später nicht heißt, ich hätte mich in Privatangelegenheiten gemischt, die mich nichts angingen.«

»Sie haben die Fürsorge für den Jungen übernommen, und es wäre schon sehr unkorrekt, wenn Sie dafür auch noch Vorschriften gemacht bekämen, Frau Pahl«, entgegnete Dr. Rückert. »Aber es wird ja wohl einiges zu klären sein. Frau Landell stand mit ihrer Tochter nicht mehr in Verbindung?«

»Sie hat ihr ein paarmal geschrieben, aber nie Antwort bekommen.«

»Schlimm für eine Mutter«, meinte Dr. Rückert.

»Das kann man wohl sagen. Sie hat sehr darunter gelitten. Dabei hat sie rührend für den kleinen Eddy gesorgt.«

»Er ist ein uneheliches Kind?«

»Ja. Wer sein Vater ist, weiß ich allerdings nicht. Vielleicht finden wir es heraus, wenn wir die Papiere gesichtet haben. War das für Emy schon ein harter Schlag, so traf sie es doch noch umso mehr, als Florence das Kind zur Adoption freigeben wollte. Emy war zu schwach, um mir alles zu erzählen, als ich Eddy holte. Sie wollte, dass das Kind aus dem Haus kam, bevor sie starb. Er hat mit abgöttischer Liebe an seiner Granny gehangen und ist ein ungewöhnlich liebes Kind.«

Dr. Rückert schaltete das Tonband ein und sprach einleitende Worte, die darüber aussagten, dass Frau Margret Pahl bei ihm erschienen sei, um mit ihm gemeinsam den schriftlichen Nachlass der verstorbenen Emily Landell zu sichten. Darauf öffnete er den versiegelten Umschlag.

Mit einer feinen, gestochen wirkenden Handschrift hatte Emy einige Bogen beschrieben, und nun erfuhr auch Margret Pahl die Geschichte der Geburt des kleinen Eddy.

Florence war mit dem Rennfahrer Daniel Batton befreundet gewesen, den sie auch heiraten wollte. Doch kurz vor dem Hochzeitstermin verunglückte er bei einem Rennen schwer, und es wurde vermutet, dass er gelähmt bleiben würde.

Das war nichts für Florence. Mit einem kranken Mann und vielleicht unter misslichen finanziellen Verhältnissen zu leben brachte sie nicht fertig. Da ergriff sie lieber die Flucht. Doch sie erwartete ein Kind und hatte nicht das Geld, es sich nehmen zu lassen. Ihre Mutter gab es ihr nicht, weil sie von vornherein dagegen war.

Es musste zu schlimmen Auseinandersetzungen gekommen sein, die Emy aber nur andeutete.

Florence brachte den Jungen zur Welt und wollte ihn sofort zur Adoption freigeben. Aber da schaltete sich ihre Mutter ein und nahm das Baby zu sich.

Florence verschwand wieder. Nach einem Jahr erst bekam ihre Mutter Nachricht von ihr. Der Brief, den Florence ihr geschrieben hatte, konnte Margret nun lesen.

Es war ein böser Brief. Florence hatte Frank Boyd kennengelernt, ihm aber nicht gesagt, dass sie ein Kind hätte. Er wollte sie heiraten.

Du wolltest das Kind behalten, Mutter, schrieb Florence, nun muss ich Dich dringend ersuchen, keine Verbindung mehr zu mir aufzunehmen. Du würdest alles zunichte machen, wenn Frank durch Dich erfahren würde, dass ich das Kind zur Welt gebracht habe.

Er hatte es nicht erfahren. Emy hatte geschwiegen. Was es sie an Herzleid gekostet hatte, konnte man nur ahnen. Sie schrieb nichts darüber.

Sie hatte wohl auch gedacht, so lange zu leben, bis Eddy auf eigenen Füßen würde stehen können. Das Schicksal hatte es anders gewollt. Eddy hatte eine Mutter und hatte doch keine. Aber irgendwo musste doch sein Vater leben, und wenn er auch nicht gesund war, vielleicht dachte er doch anders als Florence.

Aus Emys Schreiben ging jedoch hervor, dass er nichts von der Geburt des Kindes erfahren hatte.

Es muss ihn hart getroffen haben, dass Florence ihn verließ, schrieb Emy, so sollte er nicht auch noch erfahren, wie hartherzig sie auch als Mutter war.

Das war die Geschichte des kleinen Eddy, der nun sechs Jahre geworden war und auch noch seine Granny verloren hatte. In dem Umschlag befanden sich seine Geburtsurkunde und ein paar Bilder, die ihn als Baby und Kleinkind zeigten. Auch einige Bilder von Florence waren dabei. Ein bildhübsches Mädchen mit lachendem Gesicht, dem man nicht ansah, dass es so grausam sein konnte. Sonst noch Familienfotos und Familienpapiere und die Heiratsanzeige von Florence Landell und Frank Boyd aus Michigan.

Von Daniel Batton fand sich eine Karte, deren Umschlag den Poststempel von London aufwies.

Warum schreibst Du nicht wenigstens, wie es Dir geht, Florie? Es wäre eine Beruhigung für mich, wenn es wenigstens Dir gut ginge.

Diese Karte war vor mehr als sechs Jahren geschrieben worden, noch vor Eddys Geburt.

*

»Es wird wohl sinnlos sein, an die Muttergefühle dieser seltsamen Frau zu appelieren«, erklärte Dr. Rückert. »Sie hat sechs Jahre geschwiegen, dann wird sie jetzt nicht den Jungen aufnehmen. Aber sein Vater müsste doch zu finden sein.«

»Wenn er noch lebt«, erwiderte Margret. »Aber versuchen können wir es ja. Wo aber sollen wir ansetzen?«

»In London. Ich werde mich darum bemühen, Frau Pahl.«

Eddy wusste nicht, welch ernstes Gespräch über ihn geführt wurde. Er hatte mit Bambi gespielt und war richtig lebhaft geworden.

Bambi verstand es meisterhaft, das Herz des Jungen zu gewinnen. Sie war hinreißend. Man konnte sich nicht vorstellen, dass sich ein anderes Kind nicht mit ihr verstand.

Die Zeit war schnell vergangen, und er war richtig enttäuscht, dass er sich von Bambi trennen sollte.

»Wir wohnen doch im Sonnenwinkel«, sagte Bambi. »Du kannst oft zu uns kommen, Eddy.«

Da trat Margret Pahl ein. Eddy sah sie bittend an.

»Darf ich, Tante Margret?«, fragte er.

»Freilich darfst du.«

Eddys Augen leuchteten auf.

»Tante Margret ist sehr lieb, nicht wahr, Bambi?«

»Genauso lieb wie meine Omi«, versicherte Bambi, um ihm das Gefühl zu geben, dass er nicht einsam ist.

*

Für Eddy begann nun eine schöne Zeit. Er durfte mit Bambi zur Schule gehen und auch mit ihr spielen.

Er lernte die anderen Kinder kennen und freundete sich mit ihnen an, aber er blieb ihnen gegenüber doch zurückhaltend, was bei Bambi nicht der Fall war. Mit ihr saß er manchmal lange am See, und er führte ernsthafte Gespräche mit ihr. Mit Bambi konnte man das. So übermütig sie sein konnte, so besinnlich war sie andererseits.

»Warum haben die meisten Kinder einen Papi und eine Mami, und ich habe gar keinen?«, fragte Eddy einmal wehmütig.

Solchen Fragen fühlte sich auch Bambi nicht gewachsen.

»Das ist öfter so«, erwiderte sie ausweichend. »Manche Kinder kriegen erst später Eltern, aber das ist auch schön.«

»Ich kriege aber wohl keine«, sagte Eddy bekümmert. »Ich bin gern bei Tante Margret, aber sie muss ja auch noch für die großen Mädchen dasein.«

Sein Kummer war verständlich, und Bambi war sehr traurig, weil sie auch nicht wusste, wie man ihm helfen könnte.

Manchmal hatte sie ja sehr gute

Ideen, aber in Bezug auf Eddy fiel ihr gar nichts ein, denn von ihm wusste sie ganz wenig. Über seine Herkunft sprach auch Inge Auerbach nicht, nachdem Margret Pahl sie eingeweiht hatte. Das alles war ein wenig zu problematisch.

Eine Woche war ins Land gegangen, als Margret Pahl von Dr. Rückert angerufen wurde.

Er hatte den Aufenthaltsort von Daniel Batton ziemlich schnell herausgefunden. Zur allgemeinen Überraschung lebte er in Deutschland.

Dr. Rückert fragte Margret, ob sie ihm schreiben wolle oder ob er dies für sie tun solle.

Sie entschied sich für das letztere. Sie wusste einfach nicht, was sie diesem Mann schreiben sollte, und sie fürchtete auch eine negative Antwort. Ja, sie hatte Angst davor, dass Daniel Batton nicht anders reagieren würde als Florence. Er war ahnungslos, dass er der Vater eines Sohnes war, dessen Mutter ihn in einer schlimmen Zeit verlassen hatte.

Schlecht könne es ihm jetzt nicht mehr gehen, hatte Dr. Rückert gesagt. Er wäre als Chefkonstrukteur in einer großen Autofabrik tätig. Viel mehr wusste er allerdings nicht, und so brachen für Margret unruhevolle Tage an, bis eine Antwort von Daniel Batton kam.

*

Daniel Batton bewohnte ein Zweizimmerappartement in einer modernen Wohnsiedlung. Seit drei Jahren lebte er in der westdeutschen Großstadt, für sich allein und nur für seinen Beruf, der ihn restlos ausfüllte.

Es hatte viel gegeben, womit er fertig werden musste. Seine schwere Verletzung nach dem Unfall hatte ihn Monate ans Bett gefesselt.

Mit äußerster Energie, die ihn immer ausgezeichnet hatte, und einem zähen Lebenswillen hatte er die Folgen nach mehreren Operationen überstanden. Nur ein paar Narben in seinem schmalen Gesicht, an den Armen, am Körper und an den Beinen erinnerten noch daran.

Er war ziemlich groß, schlank, hatte mittelblondes Haar, das schon von vielen silbergrauen Fäden durchzogen war, ein sehr herbes, kühnes Gesicht mit tiefliegenden dunklen Augen, einer schmalen, leicht gebogenen Nase und einem gut geschnittenen Mund.

An diesem Morgen war er länger daheim, weil er eine Geschäftsreise antreten musste. Deshalb traf ihn der Postbote an, der ihm einen Einschreibebrief brachte.

»Dr. Heinz Rückert, Rechtsanwalt und Notar, Hohenborn«, lautete der Absender. Er hatte diesen Namen nie gehört und konnte sich auch keine Vorstellung machen, wo dieses Hohenborn lag.

Geschäftlich gab es bei ihm niemals Schwierigkeiten, dazu war er viel zu korrekt, und ein Privatleben hatte er schon lange nicht mehr.

Langsam öffnete er den Umschlag. Sein Gesicht wurde blass, als er diesen Brief las. Seine schmalen Hände zitterten leicht. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen, weil er nicht begreifen konnte, was da stand.

Er hatte einen Sohn! Florence hatte ihn zur Welt gebracht, und mit vorsichtigen Worten teilte ihm dieser Dr. Rückert mit, dass sie das Kind seit der Geburt nicht mehr gesehen hätte. Emy Landell hatte es aufgezogen.

Er konnte sich gut an Emy Landell erinnern, obgleich er sie nur zweimal flüchtig gesehen hatte. Florence war bezüglich ihrer Familie immer eigenartig gewesen, deren Lebensstil sie spießig und überholt fand. Aber Florence war damals für ihn über jede Kritik erhaben gewesen. Er hatte sie geliebt und mit allen Fehlern und Schwächen, blind und taub gegen jede Mahnung seiner Freunde. Jetzt hatte er weder Freunde noch eine gute Erinnerung an Florence, aber vergessen hatte er sie nie.

»Ich habe einen sechsjährigen Sohn und wusste nichts von ihm«, sagte er laut vor sich hin, als müsse er es sich erst einprägen. Dann schlug die Biedermeieruhr, die ein liebes Erinnerungsstück an seine Mutter war.

Guter Gott, er musste ja Patricia Rendek abholen, seine Sekretärin, die ihn auf der Geschäftsreise begleiten sollte. Er hatte gesagt, dass er um zehn Uhr bei ihr sein wollte, und jetzt war es schon zehn Uhr.

Das Telefon läutete. Es war Patricia. Ihre weiche dunkle Stimme tönte an sein Ohr. Sie fragte besorgt, ob etwas dazwischengekommen sei.

Ja, es war etwas dazwischengekommen, was ihn Zeit und Pflichten vergessen ließ, aber den Grund konnte er ihr nicht sagen.

Er nahm zu der lahmen Ausrede Zuflucht, dass seine Uhr stehen geblieben sei. Er würde jetzt sofort kommen.