Im Sonnenwinkel Classic 46 – Familienroman - Patricia Vandenberg - E-Book

Im Sonnenwinkel Classic 46 – Familienroman E-Book

Patricia Vandenberg

5,0

Beschreibung

Im Sonnenwinkel ist eine Familienroman-Serie, bestehend aus 75 in sich abgeschlossenen Romanen. Schauplätze sind der am Sternsee gelegene Sonnenwinkel und die Felsenburg, eine beachtliche Ruine von geschichtlicher Bedeutung. Hannes Auerbach saß ächzend und stöhnend über einem Hausaufsatz. Schon vor einer Stunde hatte er sich mit mürrischer Miene in sein Zimmer zurückgezogen und seiner Familie erklärt, dass man ihn nicht stören solle. Jetzt lagen annähernd zehn Blätter zusammengeknüllt im Papierkorb, und er hatte noch nichts zustande gebracht. Aufsätze waren Hannes ein Gräuel. Viel lieber machte er einen Bericht oder eine Bildbeschreibung. An Phantasie mangelte es ihm einfach. Die hatte seine kleine Schwester Bambi dafür umso mehr. So war er gar nicht böse, als sie sich nun doch durch die Tür schob. Fürsorglich auf sein Wohl bedacht, wollte sie ihm wenigstens ein Stück frisch gebackenen Zwetschgenkuchen bringen. "Was stöhnste denn so, Hannes?", fragte sie. "Ich komme nicht weiter", äußerte er brummig und labte sich an dem Kuchen. "Bist wirklich ein Schatz, Bambilein." Sie hatte es sehr gern, wenn er so zärtlich mit ihr redete. Liebevoll tätschelte sie ihm die Wange. "Warum kommst du nicht weiter, Hannes?", fragte sie. "Was musst du denn schreiben?" "Über ein Übel unserer Zeit.

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Seitenzahl: 142

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Im Sonnenwinkel Classic – 46 –

Niemand weiß von meinem Schmerz

Ihre Liebe traf auf Widerstand

Patricia Vandenberg

Hannes Auerbach saß ächzend und stöhnend über einem Hausaufsatz. Schon vor einer Stunde hatte er sich mit mürrischer Miene in sein Zimmer zurückgezogen und seiner Familie erklärt, dass man ihn nicht stören solle.

Jetzt lagen annähernd zehn Blätter zusammengeknüllt im Papierkorb, und er hatte noch nichts zustande gebracht. Aufsätze waren Hannes ein Gräuel. Viel lieber machte er einen Bericht oder eine Bildbeschreibung. An Phantasie mangelte es ihm einfach. Die hatte seine kleine Schwester Bambi dafür umso mehr.

So war er gar nicht böse, als sie sich nun doch durch die Tür schob. Fürsorglich auf sein Wohl bedacht, wollte sie ihm wenigstens ein Stück frisch gebackenen Zwetschgenkuchen bringen.

»Was stöhnste denn so, Hannes?«, fragte sie.

»Ich komme nicht weiter«, äußerte er brummig und labte sich an dem Kuchen. »Bist wirklich ein Schatz, Bambilein.«

Sie hatte es sehr gern, wenn er so zärtlich mit ihr redete. Liebevoll tätschelte sie ihm die Wange.

»Warum kommst du nicht weiter, Hannes?«, fragte sie. »Was musst du denn schreiben?«

»Über ein Übel unserer Zeit. Über Kontaktarmut«, erwiderte er. »Das verstehst du ja noch gar nicht.«

Hannes war gut doppelt so alt wie Bambi und bereits Schüler der zehnten Klasse, während Bambi gerade das erste Jahr zur Schule ging. Aber so ganz selbstverständlich nahm sie es doch nicht hin, dass sie etwas nicht verstehen sollte.

»Wenn du mir erklärst, was Kontaktarmut ist, verstehe ich es auch«, sagte sie. »Was ist es denn?«

»Wenn die Leute aneinander vorbeilaufen, wenn sie nicht miteinander reden können und gleichgültig gegen ihre Umwelt sind.«

»Und warum schreibst du das nicht?«, fragte sie naiv.

»Man muss doch Beispiele anführen. Aufzählen kann ich das nicht bloß, dann wäre ich längst fertig.«

»Dann zählst du auf, und ich überlege«, meinte Bambi. »Bei uns gibt es so was wie Kontaktarmut wohl nicht, uns ist keiner gleichgültig, und aneinander vorbeilaufen tun wir auch nicht. Gibt es das überhaupt?«

»In den großen Städten schon. Ich kann es mir eben auch nicht vorstellen. Deswegen ist es ja so schwer, darüber zu schreiben.«

»Na, dann schreib doch, dass es dir schwerfällt, so was zu glauben.«

»Wir müssen ja auch über die Ursachen schreiben«, erklärte er ihr.

»Und was sind Ursachen?«, fragte Bambi.

»Die Menschen in den Städten wohnen meistens in großen Wohnblöcken. Früh gehen sie aus dem Haus zur Arbeit, und abends kommen sie müde nach Hause. Ihre Nachbarn treffen sie meistens gar nicht, dann sitzen sie vor dem Fernsehapparat, und es ist ihnen wurscht, ob nebenan einer krank ist oder stirbt.«

Bambi riss entsetzt die Augen auf.

»Das ist sehr schlimm«, behauptete sie, »aber du weißt sehr viel, Hannes. Warum schreibst du denn nicht alles so, wie du es mir erzählst. Das kann man sich doch sehr gut vorstellen.«

Hannes war verblüfft. Er schlug sich an die Stirn.

»Es ist schon komisch, Bambi«, bemerkte er staunend. »Mit dir kann ich reden, und da fällt mir auch was ein. Du inspirierst mich.«

Bambi fand es hochinteressant, wenn Hannes solche Fremdwörter gebrauchte. Da konnte sie wieder etwas lernen. Nun musste er ihr erklären, was Inspiration ist.

»Eingebung, Anregung«, sagte er.

Sie fühlte sich sehr geschmeichelt und sehr glücklich. Sie stellte sich neben ihn und lehnte ihren Kopf an seine Schulter.

»Du inspirierst mich auch, Hannes«, flüsterte sie. »Ich weiß jetzt endlich, was ich Mami zum Geburtstag schenken kann.«

»Was denn?«, fragte er.

Sie lächelte geheimnisvoll und sah dabei ganz besonders lieb aus.

»Das verrate ich nicht. Das wird eine große Überraschung.«

*

Wenn Inge Auerbachs Geburtstag nahte, bereitete es jedem Familienmitglied Kopfzerbrechen, was man ihr schenken könnte. Es sollte ja stets etwas Besonderes sein, womit man ihr die Liebe und Anhänglichkeit bewies, die alle für sie empfanden.

Auch ihr Sohn Jörg und ihre Schwiegertocher Stella im fernen London zerbrachen sich seit Tagen den Kopf. Leider konnten sie nicht persönlich gratulieren, was ihnen sehr leid tat.

»Ich würde Mami ja das zauberhafte Teeservice kaufen«, sagte Stella, »aber es ist ein zu großes Risiko, es mit der Post zu schicken.«

»Es müsste schon etwas Unzerbrechliches sein«, meinte Jörg. »Aber was?«, fügte er seufzend hinzu.

»Du, ich habe eine Idee!«, rief Stella nach langem Nachdenken aus. »Angelika fährt doch Anfang der Woche heim. Wenn ich sie darum bitte, würde sie das Service bestimmt mitnehmen. Wir hatten doch schon mal besprochen, dass sie unsere Lieben besucht.«

Stella, Jörgs junge Frau, hatte Angelika von Volkmann auf dem Spracheninstitut kennengelernt, das sie besuchte, um ihre englischen Sprachkenntnisse zu vervollkommnen. Angelika war zu dem gleichen Zweck nach London gekommen, und da sie nach ein paar Tagen festgestellt hatten, dass sie aus der gleichen Gegend stammten, hatten sie sich schnell angefreundet.

»Du, Jörg, dann werden wir gleich mal losfahren und das Service kaufen«, sagte Stella.

»Ohne Angelika zu fragen, ob sie es mitnehmen will?«

»Ach, das mache ich schon. Es ist ja nicht schwer. Mami wird sich darüber bestimmt freuen. Echtes chinesisches Porzellan kriegt man in Hohenborn nicht.«

Sie konnten es sich jetzt leisten, kostbare Geschenke zu machen. Jörg hatte eine blendende Anstellung.

Sie besaßen eine bildschön eingerichtete Vierzimmerwohnung und hatten alles, was sich ein junges Paar wünschen konnte. Und sie waren glücklich, was für Stella die Hauptsache war, denn im Anfang ihrer Ehe hatte es doch manche Schwierigkeiten gegeben, da Jörg sehr eigenwillig gewesen war.

Davon war jetzt nicht mehr die Rede. Er war ein richtiger Mann geworden, verantwortungsbewusst und frei von der Ambition, ab und zu auch mal mit einem hübschen Mädchen zu flirten, was der eifersüchtigen Stella anfangs großen Kummer bereitet hatte.

Aber auch sie war selbstbewusster geworden, eine richtige kleine Lady mit Charme und Schick. Und da sie sich nun auch wieder auf ein Baby freuen konnten, nachdem Stella sehr unter einer Fehlgeburt gelitten hatte, war ihr Glück vollkommen.

»Weißt du, Jörg, wenn wir uns beeilen, könnten wir das Geschenk jetzt noch besorgen und es Angelika direkt heute Abend geben, wenn sie zu uns kommt.«

»Ja, gut«, stimmte Jörg seiner Frau zu. »Dann müssen wir aber sofort losfahren, sonst schließen die Geschäfte.«

*

Währenddessen nahm Angelika von Volkmann Abschied von ihrer Tante, bei der sie während ihres Englandaufenthaltes gewohnt hatte.

Lady Hopkins lächelte verstohlen.

»Das habe ich wohl mehr deiner Freundin Stella zu verdanken. Aber ich will sehr hoffen, dass du mich nicht zu lange auf deinen nächsten Besuch warten lässt, wenn der Herr Papa nicht schon einen Ehemann für dich bereithält.«

Das war nicht nur in die Luft gesagt. Sie wusste, dass Arnold von Volkmann solche Pläne hatte und deswegen Angelika auch vorzeitig heimbeorderte. Aber sie wollte diesem bezaubernden jungen Mädchen die Freude an den letzten Tagen mit ihren Freunden, die Lady Hopkins sehr sympathisch waren, nicht verderben.

»Ich lasse mich nicht verheiraten«, sagte Angelika. »Ich habe Papa wirklich sehr lieb, aber in dieser Beziehung lasse ich mir keine Vorschriften machen.«

Und worauf wird es hinauslaufen, dachte Lady Hopkins, die selbst ähnliches erlebt hatte. Man gibt eines Tages doch nach, und wenn man Glück hat, gestaltet sich die Ehe doch noch harmonisch. So war es bei ihr der Fall gewesen.

Aber Angelika war ein romantisches junges Mädchen, voller Träume und Illusionen, aber auch mit einer ganz beträchtlichen Dickköpfigkeit ausgestattet. Wie ihr Vater, dachte Lady Hopkins.

Vor der Tür des Landsitzes wartete der Rolls Royce mitsamt Chauffeur, der Angelika zu den jungen Auerbachs bringen sollte. Das große Gepäck war schon auf dem Heimweg. Angelika hatte nur noch einen kleinen Koffer.

»Ihr werdet ja sicher fröhlich Abschied feiern«, meinte Lady Hopkins mit einem Augenzwinkern.

Angelika errötete. »Nur in kleinem Kreis.«

»Viel Spaß, Kleines, aber versäum dein Flugzeug nicht. Dein Papa wird dich schon ungeduldig erwarten. Selbstverständlich setzt er voraus, dass ich dich pflichtbewusst und pünktlich in die Maschine setze.«

»Ich werde dir keinen Ärger bereiten, Tante Maryann«, sagte Angelika, »aber wie ein kleines Mädchen brauchte Papa mich auch nicht zu behandeln.«

»Das haben Väter, die nur eine Tochter besitzen, eben nun mal an sich.«

Lady Hopkins küsste Angelika nochmals auf beide Wangen. Dann stieg das junge Mädchen in den Wagen und winkte noch einmal.

Angelika dachte an ihren Vater. Sie musste ihm endlich begreiflich machen, dass sie erwachsen war und nicht ständig bevormundet werden wollte.

Seit sie Stella kennengelernt hatte, fühlte sie sich zum ersten Mal freier. Stella und Jörg waren frei erzogen, unbeschwert von Konventionen aufgewachsen, obgleich sie doch beide aus Familien stammten, in denen gewisse Traditionen aufrechterhalten wurden. Aber diese wurden ihnen nicht zur Last. Harmonie und innige Zuneigung innerhalb der Familien waren ihnen eine nicht wegzudenkende Verpflichtung.

Eine so starke Bindung hatte Angelika nie kennengelernt. Aber sie war ja auch mit ihrem Vater allein aufgewachsen. Ihre Mutter hatte sich schon nach dreijähriger Ehe von Mann und Kind getrennt und wenig später einen anderen Mann geheiratet.

Bis vor ein paar Monaten hatte Angelika voller Erbitterung an diese Frau gedacht, die ihre Mutter war. Aber manchmal fragte sie sich nun doch, ob nicht auch ihr Vater an dieser Scheidung schuld gewesen war, obgleich ihre Mutter die Alleinschuld auf sich genommen hatte, wie ihr Vater immer betonte.

Davon, dass Arnold von Volkmann zuvor schon einmal verheiratet gewesen war und dass auch diese Ehe in die Brüche ging, wusste Angelika nichts. Sie hatte auch nicht die leiseste Ahnung, wie schicksalhaft diese Tatsache ihr Leben noch bestimmen sollte.

Sie war bester Stimmung, als sie die Wohnung der jungen Auerbachs betrat. Mit frohem Lachen umarmten sich die Freundinnen, und auch Jörg bekam einen Kuss auf die Wange, was Stella aber nur schmunzelnd zur Kenntnis nahm.

So gelöst war Angelika noch nie gewesen, und Stella musste auch zugeben, dass sie an diesem Tag ganz besonders reizend aussah.

»Du hast dir das Haar kürzen lassen«, stellte sie nach kurzer kritischer Prüfung fest. »Es steht dir sehr gut, Geli.«

»Da bin ich aber froh. Es war ein schwerer Entschluss. Hoffentlich ist Papa auch einverstanden.«

»Denken wir jetzt lieber nicht an den gestrengen Papa«, meinte Stella. »Heute wollen wir mal richtig vergnügt sein.«

»Das hat mir Tante Maryann auch gewünscht«, sagte Angelika. »Sie war sehr nett. Es fällt mir verflixt schwer, auf unsere Klitsche zurückzukehren.«

»Mir wäre es auch lieber, du würdest bleiben«, bemerkte Stella, »aber da du fahren musst, falle ich dir auch gleich noch mit einer Bitte auf die Nerven. Schwiegermama hat doch am Mittwoch Geburtstag, und ich habe ihr ein chinesisches Teeservice gekauft. Würdest du es mitnehmen, Geli? Wenn du es drüben aufgibst, ist es nicht einem so langen Transport ausgesetzt. Am schönsten wäre es ja, wenn du es ihr persönlich bringen könntest. Dann könntest du unsere ganze liebe Gesellschaft gleich einmal kennenlernen, und auch sie würden sich mächtig freuen, dich kennenzulernen, nachdem ich nun schon so viel von dir geschrieben habe.«

»Ich werde es persönlich hinbringen, Stella«, versprach Angelika. »Die vierzig Kilometer nach Hohenborn sind doch nur ein Katzensprung von uns.«

»Wenn der liebe Papa dich weglässt«, meinte Stella skeptisch.

»Na, eine Gefangene bin ich ja nun doch nicht. Er muss sich daran gewöhnen, dass ich selbstständig geworden bin. Die Zeit hier hat mir gutgetan, besonders die Zeit mit euch. Ich werde euch sehr vermissen, Stella.«

»Denk jetzt noch nicht daran, sonst werde ich auch wehmütig. Sei so lieb, und hilf mir ein bisschen, das kalte Büfett herzurichten.«

*

Die Gäste kamen pünktlich. Peggy und John, Clarissa und Timothy, Magde und Charly, Mandy und Peter waren schon da, als es zum fünften Mal läutete.

»Machst du auf, Geli?«, rief Stella der Freundin zu, da Angelika der Tür am nächsten stand.

Geli machte auf. Vor ihr stand ein hochgewachsener junger Mann mit blau-schwarzem Haar und hellgrauen Augen, die einen so faszinierenden Kontrast zu dem sonnengebräunten Gesicht bildeten, dass man sich gar nicht aus diesem Blick lösen konnte. So erging es jedenfalls Geli, und mit Florian Engelhardt verhielt es sich nicht viel anders. Ihm blieb dazu noch das Wort in der Kehle stecken, als sie »Good Evening!« sagte.

»Bin ich zu spät?«, brachte er endlich über die Lippen.

»Oh, ich glaube nicht, dass hier die Ankunftszeit registriert wird«, erwiderte Geli schelmisch. Dann merkten sie, dass sie beide deutsch sprachen, und lachten.

Florian küsste ihr die Hand. Er war wirklich sehr wohlerzogen, aber das war doch mehr als eine Höflichkeitsbezeugung. Geli spürte es, und ihr Herz begann rasend zu klopfen.

Doch da stand Jörg in der Diele.

»Herein mit dir, Florian«, sagte er munter, »sonst bekommst du nichts mehr zu essen.«

Hunger verspürte Florian nicht, so lecker das kalte Büfett auch aussah. Er war wie verzaubert von Angelikas Anblick, was Stella mit einem verschmitzten Lächeln registrierte und mit einem Blinzeln ihrem Mann verständlich machte.

»Wenn das nur keine Verwicklungen mit Gelis Papa gibt«, meinte Stella nachdenklich. »Das ist mal wieder typisch Liebe auf den ersten Blick.«

»Und die soll man gedeihen lassen, ohne gleich an die Zukunft zu denken, Schätzchen. Ein Baby ist Geli nicht mehr.«

»Sie ist einfach süß, wenn sie so lächelt«, sagte Stella träumerisch.

Das fand auch Florian Engelhardt.

Für ihn existierte nichts anderes an diesem Abend als Geli. Sie sprachen gar nicht viel, aber ihre Blicke verrieten alles, und was konnte die Gedanken der Liebe besser ausdrücken als leuchtende Augen, noch dazu wenn sie so schön waren wie Angelikas.

Florian und Geli fühlten sich ganz allein, obgleich um sie herum fröhlicher Trubel war.

Sie tanzten, zuerst noch ein wenig auf Distanz, dann eng umschlungen und ganz einer traumseligen Stimmung hingegeben. Da brauchte man nicht erst auf du und du zu trinken oder Komplimente zu machen. Die Gefühle stimmten überein. Was konnte es schöneres geben für junge Menschen, die beide erst an diesem Abend ihr Herz zu entdecken begannen, die unbelastet waren von trüben Erfahrungen, die kein Misstrauen kannten und nichts von Konflikten wussten.

»Ich muss dich wiedersehen, Geli«, sagte Florian voller Zärtlichkeit.

»Mein Flugzeug geht am Montag neun Uhr heim nach Deutschland.« Eine leise Traurigkeit war jetzt in ihrer Stimme.

»Und was machst du morgen?«, fragte Florian.

Unwillkürlich blickte sie auf die Uhr.

»In fünf Minuten ist es schon morgen«, flüsterte sie.

»Dann frage ich dich in fünf Minuten, ob du heute noch ein paar Stunden für mich Zeit hast.«

Ein kurzes, leises Gespräch mit Stella folgte, und als Florian nach diesen fünf Minuten die Frage stellte, erwiderte ihm Angelika, dass sie den ganzen Tag Zeit hätte.

*

Arnold von Volkmann hatte solche beglückenden Stunden nie in seinem Leben kennengelernt. Für eine solche Liebe auf den ersten Blick hätte er nur ein herablassendes Lächeln gehabt.

Seine erste Ehe war auf Betreiben beider Eltern zustande gekommen. Da ging es um gemeinsame Interessen. Er war schon fast dreißig Jahre alt gewesen, als sein Vater ihm nachdrücklich klarmachte, dass es für ihn Zeit wäre, zu heiraten. Und eine Frau hatte er auch schon im Auge gehabt. Die Tochter seines Gutsnachbarn, Marlies Kempff.

Marlies war damals erst achtzehn gewesen und gerade aus dem Internat gekommen. Für Arnold Volkmanns Vater war nicht das »von« vor dem Namen maßgeblich, denn er war aus noch sehr jungem Adel entsprossen, sondern nur was man sich mit einer Ehe einhandelte. Für ihn waren es fruchtbare Felder und eine wertvolle Pferdezucht.

Für den Vater von Marlies war das immense Vermögen Arnold von Volkmanns maßgeblich gewesen, denn er hatte sich mit seiner Pferdezucht im wahrsten Sinne des Wortes vergaloppiert. Immerhin war Arnold von Volkmann auch nicht zu verachten. Er war ein sehr markanter junger Mann mit Prinzipien und Verstand, vor allem mit Pferdeverstand.

Marlies beugte sich schließlich dem Willen ihres Vaters und wurde, knapp neunzehn Jahre alt, Arnold von Volkmanns Frau, nach vielen durchweinten Nächten, weil sie ihrer Jugendliebe entsagen musste, die sich dann aber doch als stärker erwies als das Geld, das Arnold mit in den Ehestand brachte.

Die Ehe war ein Fiasko. Sie lebten als zwei völlig fremde Menschen nebeneinander her. Und sie trennten sich nach zwei Jahren, als Marlies die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllte und keinen Erben zur Welt brachte. Mehrere Ärzte hatten erklärt, dass sie überhaupt keine Kinder kriegen könnte.

Das jedoch war eine Fehldiagnose. Marlies, frisch geschieden, heiratete ihren Jugendfreund Peter Engelhardt und brachte ein knappes Jahr später ihren Sohn Florian zur Welt.

Bei Arnold von Volkmann dauerte es länger, bis er sich zu einer neuen Ehe entschloss. Er geriet an die sehr attraktive Halbfranzösin Claire, die ihre große Chance in ihm erblickte und seine Frau wurde.

Die Ehe mit ihr verlief zwar stürmischer als jene mit Marlies, aber auch nicht liebevoller. Immerhin schenkte sie ihm wenigstens eine Tochter, doch weitere Kinder wollte sie nach einer schweren Geburt nicht zur Welt bringen. Da ihr Mann wenig Neigung zeigte, ihre anspruchsvollen Wünsche zu erfüllen, brannte sie eines Tages mit einem reichen Südamerikaner durch.

Arnold blieb mit seiner Tochter Angelika allein zurück, aber was immer das Mädchen im Laufe der Jahre auch von vergangenen Dingen erfuhr, war verbrämt und entsprach in keiner Weise den rauen Tatsachen.

So war Angelika völlig ahnungslos, dass Florian Engelhardt der Sohn der ersten Frau ihres Vaters war.

*

Florian wusste über die Vergangenheit seiner Mutter etwas besser Bescheid, aber auch er war ahnungslos, dass ausgerechnet Angelikas Vater der erste Mann seiner Mutter gewesen war.