Im Sonnenwinkel Staffel 2 – Familienroman - Patricia Vandenberg - E-Book

Im Sonnenwinkel Staffel 2 – Familienroman E-Book

Patricia Vandenberg

5,0
21,99 €

Beschreibung

Im Sonnenwinkel ist eine Familienroman-Serie, bestehend aus 75 in sich abgeschlossenen Romanen. Schauplätze sind der am Sternsee gelegene Sonnenwinkel und die Felsenburg, eine beachtliche Ruine von geschichtlicher Bedeutung. E-Book 11: Du sollst nicht einsam sein, Jacqueline E-Book 12: Wir beide schaffen es, Mami E-Book 13: Ein Elternhaus für Tom und Toni E-Book 14: Vati, komm doch zurück E-Book 15: Geheimnis um ein Waisenkind E-Book 16: Ein Glück, das schnell zerbrach E-Book 17: Bambi stiftet ein Familienglück E-Book 18: Ein Kind war ihre große Sehnsucht E-Book 19: Nur dir gehört mein Herz E-Book 20: Ein Tag, der so schön begann

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1407




Inhalt

Du sollst nicht einsam sein, Jacqueline

Wir beide schaffen es, Mami

Ein Elternhaus für Tom und Toni

Vati, komm doch zurück

Geheimnis um ein Waisenkind

Ein Glück, das schnell zerbrach

Bambi stiftet ein Familienglück

Ein Kind war ihre große Sehnsucht

Nur dir gehört mein Herz

Ein Tag, der so schön begann

Im Sonnenwinkel –2–

Staffel

Roman von Patricia Vandenberg

Du sollst nicht einsam sein, Jacqueline

Roman von Patricia Vandenberg

»Daddy kommt!«

Mit diesem Ausruf stürmte Freddy Ride in das Herrenhaus Erlenhof.

»Wann?«, fragte seine Großmama Mary-Ann.

»Das telegrafiert er natürlich nicht«, meinte Freddy. »Du weißt doch, dass er große Bahnhöfe hasst. Aber wie ich ihn kenne, werden wir ihn innerhalb der nächsten Tage erwarten können.«

»Mir wäre es lieber, ich wüsste es genau«, murmelte Mary-Ann Ride. »Seine Überraschungseffekte habe ich nicht so gern. Plötzlich steht er vor einem, wenn man gar nicht darauf gefasst ist.«

»Und wenn man vielleicht gerade herbe Kritik an ihm übt«, scherzte Tracy, Mrs Rides reizende Enkelin. »Granny, du musst an dich halten, damit du nichts Unbedachtes über deinen Sohn sagst. Aber Spaß beiseite. Ich freue mich, dass Daddy sich nun doch aufgerafft hat. Endlich wird er sehen, wie schön Erlenried ist. Und er wird auch verstehen, dass wir hierbleiben wollen.«

»Wollt ihr das denn wirklich?«

»Zumindest die Hälfte des Jahres«, erklärte Freddy.

Tracy warf ihm einen verschmitzten Blick zu.

»Er scheint sein Herz für Evi Grossmann entdeckt zu haben«, bemerkte sie anzüglich.

»Du hörst das Gras wachsen«, brummte Freddy ungehalten. »Nur weil ich manchmal mit ihr spreche, brauchst du nicht sofort Vermutungen anzustellen!«

»Werde nur nicht gleich wild«, entgegnete Tracy unbeschwert. »Und lass dich nicht von ihrem Vater erwischen, sonst legt er sie in Ketten.«

»Ich bin der Meinung, dass er das schon lange genug getan hat«, äußerte Freddy gereizt. »Er behandelt Evi wie eine Sklavin. Und damit will ich sagen, was immer wir auch an Daddy bemängeln können, ein großzügiger Vater ist er!«

»Nur von Erlenried und den Riedings will er nichts wissen«, warf Tracy ein.

*

Die, von denen hier die Rede war, wussten nicht, was für Gedanken man sich um sie machte. Weder Eric Ride noch Titus Grossmann hatten davon auch nur die geringste Ahnung. Dabei waren ihre Väter einmal Freunde gewesen!

Der Baron von Rieding und der Großbauer Grossmann hatten manches gemein gehabt, vor allem den Dickschädel. Nur hatte Frederic von Rieding sehr jung geheiratet und Titus Grossmann sehr spät. Er war erst Vater geworden, als Frederic von Rieding schon der Geburt seines ersten Enkels entgegensah.

Titus Grossmann hatte den Schmerz erfahren müssen, seinen Erstgeborenen wieder früh zu verlieren, vier Jahre später war seine Tochter Eva geboren worden, die nun neunzehn Jahre alt war.

Immer hatte er sich um das Glück, einen Sohn und Erben zu besitzen, betrogen gefühlt. Darunter hatte Eva zu leiden. Er verlangte von ihr das, was er von einem Sohn verlangt hätte; denn nach Titus Grossmanns Ansicht musste man sein Teil dazu beitragen, um das zu erhalten, was die Ahnen geschaffen hatten.

Eric Ride, der schon von Geburt an so genannt wurde, weil seinem Vater der Name Rieding lästig geworden, nachdem er nach Amerika ausgewandert war, hatte einen sehr jungen Vater gehabt und war selbst sehr jung Vater geworden. Seine Eltern blieben nicht in Amerika, sondern gingen nach Australien und gehörten dort seit vielen Jahren zu den obersten Hundert des Landes.

Er erzog seine Kinder, beeinflusst von einer sehr großzügigen und modernen Mutter, weltoffen. Der Adel seines Herkommens bedeutete ihm nichts.

Ein immenses Vermögen stand heute hinter ihm, das Frederic mit ungeheurem Fleiß und Ehrgeiz geschaffen hatte, das er vermehrte und sein Sohn noch vergrößern sollte.

Er war nicht sehr erbaut gewesen, als seine Mutter erklärte, mit ihren Enkelkindern dorthin zu reisen, wo sie vor vielen Jahren hergekommen waren.

Die begeisterten Briefe von Freddy und Tracy bewogen ihn schließlich doch dazu, wenigstens einen kurzen Besuch in Erlenried zu machen.

Nun war sein Flug gebucht. Morgen würde die große Reise in das ihm unbekannte Europa beginnen. Er kannte die halbe Welt. Europa hatte er gemieden.

Ein wenig mürrisch stand er vor den Koffern, die sein Butler Gerson gepackt hatte.

»Wenn ich in einer Woche nicht zurück bin, haben sie mich mit ihren romantischen Neigungen überzeugt«, brummte er.

Gerson machte ein betrübtes Gesicht.

»Wenn mir eine Bemerkung gestattet ist, Sir, so möchte ich sagen, dass Sie sich ruhig einmal einen längeren Urlaub leisten sollten.«

»Willst du mich los sein?«, knurrte Eric Ride.

»Ich werde Sie bestimmt sehr vermissen, Sir, aber wo es Lady Ride und den jungen Herrschaften gefällt, wird es auch Ihnen gefallen.«

»Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, aber wenn es mir gefallen sollte, kommen Sie nach, Gerson. Jetzt habe ich noch zu tun.«

Bis auf die letzte Minute war er beschäftigt. Doch am nächsten Morgen war er pünktlich auf dem Flugplatz.

Eine ganz verflixte Sehnsucht hatte er nach seinen Kindern und nach Granny. Aber noch ahnte er nicht, welche Abenteuer ihm bevorstanden.

*

»Wer war der Bursche, mit dem du gestern gesprochen hast?«, fragte Titus Grossmann seine Tochter Eva barsch.

»Freddy Ride«, erwiderte sie ruhig.

»Ein Ausländer?«, fragte er erregt.

»Ein Nachkomme von Frederic von Rieding. War der nicht einmal dein Freund, Vater?«

Titus Grossmann war Ende sechzig, aber noch sehr rüstig. Eva hätte man allerdings eher für seine Enkelin gehalten.

»Frederics Sohn?«, fragte er elektrisiert.

»Sein Enkel«, entgegnete Eva. »Er hat früh geheiratet. Seine Frau und seine Enkelkinder sind im Erlenhof zu Besuch.«

»Und das erfahre ich erst jetzt?«, brauste er auf.

»Du kümmerst dich ja nicht darum, was hier geschieht«, stellte sie fest.

Sie war ein herbes Mädchen, fast jungenhaft. Aber so war sie ja auch aufgezogen worden. Titus Grossmann hatte etwas gegen Mädchen, gegen ihre kleinen Eitelkeiten. Er hatte seine Tochter hart erzogen.

Spät hatte er eine Frau gefunden, die nach seinem Geschmack war, wenngleich viel jünger.

Marta Grossmann war eine tüchtige Frau gewesen. Dass ihr Sohn Diethard im Alter von zwei Jahren an einer Gehirnhautentzündung gestorben war, hatte sie jedoch nicht verwunden. Auch die Geburt von Eva hatte sie darüber nicht hinweggetröstet. Sie war früh gestorben, und Eva war mit ihrem strengen Vater allein geblieben.

Evas Gesicht war schmal, ihr Profil jedoch von gemmenhafter Klarheit. Ihr Haar hatte die Farbe dunklen Bernsteins, und wenn es nicht so kurz geschnitten wäre, hätte es seine Pracht voll entwickeln können.

Eng saßen die Reithosen, die sie trug, auf knabenhaft schmalen Hüften. Ihre langen schlanken Beine steckten in Reitstiefeln.

»Was hast du mit dem jungen Rieding geredet?«, fragte Titus Grossmann barsch.

»Sie nennen sich jetzt Ride«, betonte sie. »Sie sind schon seit vielen Jahren in Australien ansässig.«

»Dann hat er es wahr gemacht, der Frederic«, brummte ihr Vater. »Er wollte immer hinaus in die weite Welt. Und weil auch Albrecht es auf die Annemarie abgesehen hatte, sind sie ausgezogen.«

»Mary-Ann heißt die Großmutter von Freddy«, stellte Eva fest.

Seine dichten Augenbrauen schoben sich zusammen.

»Freddy nennst du ihn?«, fragte er erzürnt.

»Er heißt Frederic, wie sein Großvater«, erklärte Eva gelassen.

»Früher hieß sie Annemarie und war ein verdammt hübsches Mädchen«, knurrte er. »Alle waren hinter ihr her.«

»Du auch, Vater?«, fragte Eva unverblümt.

Er starrte sie an. »Werde nicht frech!«, fauchte er. »Was ist das überhaupt für ein Ton!«

»Du behandelst mich wie ein Kind, aber ich bin erwachsen, und ich werde mir doch wohl meine Gedanken machen dürfen«, entgegnete sie selbstbewusst.

Zu ihrer Überraschung wurde er nicht ausfallend.

»Wie lange sind die Riedings schon hier?«, fragte er.

»Vier Wochen.«

»Und wie lange kennst du den jungen Frederic bereits?«

Freddy war ihm doch etwas zu fremd. Albern fand er es, genauso wie wenn man seine Tochter Evi statt Eva nannte.

»Zehn Tage, Vater«, erwiderte sie ruhig.

»Und du hast mir noch nicht davon erzählt?«

»Du hast mich nicht gefragt. Ich habe gelernt, nur zu antworten, wenn ich gefragt werde.«

»Ich verbitte mir diesen Ton!«, knurrte er.

»Ich kann ja gehen«, erklärte sie stolz.

»Hat dieser Freddy dir diese Aggressivität beigebracht?«, fauchte er.

Sie überlegte einige Sekunden.

»Er hat mir bewusst gemacht, dass ich ein Mensch bin und keine Marionette, die du nach Belieben herumschieben kannst«, stellte sie fest.

»Ich will diesen Burschen kennenlernen!«, platzte er heraus.

»Dazu wird er jetzt keine Zeit haben. Sein Vater kommt in den nächsten Tagen«, erwiderte sie beherrscht.

Er runzelte die Stirn. »Geh an die Arbeit. Das Vieh muss versorgt werden.«

»Diese Absicht hatte ich«, sagte sie gelassen.

»Eva!«, rief er, als sie schon an der Tür war.

»Ja, Vater, was ist?«, fragte sie über die Schulter.

»Wie weit hat es der Frederic gebracht?«

»Sehr weit. Sie sind steinreich.«

»Wir sind auch nicht gerade arm«, entfuhr es ihm.

»Mit dem, was wir besitzen, werden wir ihnen kaum imponieren können«, konterte sie.

*

Eric Ride hatte sich auf seinem reservierten Fensterplatz niedergelassen.

Die Maschine war ausgebucht, was ihn sehr verwunderte. Wie viel Menschen doch zwischen den Erdteilen hin und her flogen. Er konnte nur den Kopf schütteln.

Der Platz neben ihm war frei, was ihm recht angenehm war. Doch er hatte sich zu früh gefreut.

Eine hübsche blonde Stewardess brachte jetzt ein kleines Mädchen mit dunklem Pagenkopf. Es trug ein graues Faltenröckchen und eine dunkelblaue Clubjacke. Im Arm hielt es einen braunen Plüschaffen.

»Hier ist dein Platz, Jacqueline«, sagte die Stewardess. Und zu Eric Ride gewandt, fuhr sie fort: »Dieser Platz wurde durch Rückbuchung frei, deswegen konnten wir diese kleine Dame mitnehmen.«

Es klang entschuldigend, wohl weil sie meinte, dass er es als Zumutung empfinden könnte, ein Kind neben sich zu haben.

Jacqueline machte einen Knicks vor ihm, bevor sie sich niederließ. Die Stewardess wollte sie anschnallen.

»Danke, das kann ich allein«, bemerkte die Kleine.

Eric Ride war zuerst einmal fassungslos. Er war immer ein guter und besorgter Vater gewesen und begriff es nicht, dass man ein Kind allein fliegen lassen konnte.

»Fliegt das Kind ganz ohne Begleitung?«, fragte er mit deutlichem Vorwurf in der Stimme.

Die Stewardess nickte. Das kleine Mädchen sagte mit einem süßen Stimmchen: »Das macht mir nichts aus. Mir ist es lieber, wenn diese Nurse nicht mitkommt. Ich werde Sie nicht belästigen, Sir.«

»Ich fühle mich nicht belästigt«, brummte er. »Möchtest du vielleicht lieber den Fensterplatz haben?«

»Sie sind sehr freundlich, aber ich gucke nicht gern in den Himmel.«

Ein Unterton war in der Stimme des Kindes, der ihn stutzig machte, doch er sagte nichts.

Die Maschine war startklar. Die Ansage zum Anschnallen erfolgte. Die Düsenmotoren heulten auf.

»Jetzt geht es los, Bimbo«, bemerkte das Kind zu seinem Äffchen. Dann lächelte es bezwingend zu Eric Ride hinüber. »Er heißt Bimbo, und es ist seine erste große Reise. Vielleicht hat er Angst.«

Wollte es damit das eigene Herzklopfen wegreden? Eric Ride legte seine schmale Hand über die kleinen Finger, die die Armlehne umschlossen. Jacqueline sah ihn wieder an und ließ es sich gefallen.

Unter ihnen war schon das Meer. Sie blickte nun doch zum Fenster hinaus.

»Es sind keine Wolken da. Mama kann nicht angeflogen kommen, Bimbo«, flüsterte sie.

Eric Ride verstand es. Ein Frösteln kroch über seinen Rücken.

Nun konnten sie sich wieder abschnallen. Jacqueline tat es sehr geschickt. Dann brachten die Stewardessen auch schon das Frühstück.

»Ich habe eigentlich gar keinen Hunger«, bemerkte die Kleine, »nur großen Durst.«

»Versuch auch ein wenig zu essen«, meinte die blonde Stewardess, und auch in ihren Augen konnte man Mitgefühl lesen. »Wir haben noch einen sehr weiten Flug vor uns, Jacqueline.«

»Meinetwegen kann er noch länger sein«, murmelte das Kind.

»Soll ich dir Pickis zurechtmachen?«, fragte Eric Ride.

»Was sind Pickis?«, fragte sie verwundert.

»So nannten meine Kinder die kleinen Häppchen. Ich habe sie ihnen immer zurechtgemacht, als sie klein waren.«

»Und jetzt sind sie groß?«, fragte Jacqueline.

»Ja, jetzt sind sie erwachsen«, erwiderte er.

»Ich möchte auch sehr gern erwachsen sein, dann brauchte ich nicht zu der fremden Großmutter«, erklärte sie.

»Großmütter sind sehr nett. Wir haben auch eine liebe Granny.«

Die mächtig staunen würde, dass ich mich mit einem fremden Kind unterhalte, fuhr er in Gedanken fort.

»Ihre Kinder haben einen lieben Daddy und eine liebe Granny. Sie haben es gut«, seufzte Jacqueline tiefsinnig. »Ich weiß nicht, ob meine Großmutter lieb ist. Ich habe sie noch nie gesehen.«

»Willst du sie besuchen?«

»Ich soll bei ihr bleiben, weil Li tot ist«, äußerte sie beiläufig. Ohne Ausdruck sagte sie es. »Ich hätte gern ein Picki.«

Er machte es liebevoll zurecht und schob es ihr in den Mund.

Ihre Augen lächelten ihn schelmisch an. Es schien ihr sehr zu gefallen, denn auf solche Weise aß sie zwei Toasts.

»Li war meine Mama«, erklärte sie dann ungefragt. »Ich habe aber Li zu ihr gesagt. Sie wollte es so.«

Das musste schon eine eigenartige Mutter gewesen sein, die nun tot war und die ihre kleine Tochter nicht zu vermissen schien.

»Und dein Daddy?«, fragte Eric Ride beklommen.

»Welcher? Charles, Ben oder Clark? Das waren auch keine richtigen Daddys. Keiner wie du«, entgegnete sie.

Die Pickis hatten sie anscheinend schon ganz nahegebracht. Sie ging zum Du über.

»Vielleicht hatte ich auch mal einen richtigen Daddy«, bemerkte sie sinnend, »aber den kannte ich nicht. Li hat immer gesagt, dass ich den Mund halten soll, wenn ich nach ihm gefragt habe. Du kannst mich Jacky nennen, das ist einfacher«, fuhr sie übergangslos fort.

»Und nun bist du ganz allein«, sagte er gedankenvoll.

»Ich habe Bimbo«, erwiderte sie.

»Und die Granny«, stellte er fest.

»Die Großmutter«, berichtigte sie. »In Deutschland sagt man Großmutter, hat mich die Nurse gelehrt. Und sie ist eine Freiin. Aber was eine Freiin eigentlich ist, hat mir die Nurse auch nicht erklären können. Kannst du es?«

»Doch …, ja«, antwortete er stockend. »Das ist ein Adelstitel.«

»Was ist Adel? Das kenne ich nicht.«

Er erinnerte sich ungern, dass auch sein Vater als Baron zur Welt gekommen war. Er lebte in einer modernen Welt und fand das lächerlich.

Für ihn zählte nicht die Herkunft, sondern das, was ein Mensch leistete.

Umständlich begann er es ihr zu erklären.

»Aber eigentlich brauchen wir uns damit nicht zu befassen, Jacky«, meinte er. »Es spielt keine Rolle.«

»Aber die Freiin legt großen Wert darauf, hat die Nurse gesagt. In Deutschland küsst man auch die Hand. Willst du auch nach Deutschland?«

»Ja«, nickte er. »Nach Frankfurt.«

Ihre Augen strahlten noch heller.

»Ich auch. Wie heißt du?«

»Eric Ride.«

Sie legte den Kopf schief und sah ihn an. Ein sehnsüchtiger Blick war in ihren schönen topasfarbenen Augen.

»Darf ich dich Daddy nennen bis Frankfurt?«, fragte sie leise. »Ich möchte so gern einmal einen Daddy haben, den ich lieb haben könnte.«

Seine Augen begannen zu brennen. Verflixt, dachte er, diese süße kleine Person rührt mich zu Tränen. Sanft strich er ihr über das glänzende Haar.

»Nenn mich ruhig Daddy, kleine Jacky«, sagte er zärtlich.

Wenn Freddy jetzt hier wäre … Nein, er glaubte nicht, dass er spotten würde. Er war ja auch von der deutschen Romantik angesteckt worden. Es musste wohl doch im Blut liegen.

Jacky schmiegte ihr Köpfchen an seine Schulter.

»Wir müssten immer weiterfliegen. Es dürfte nicht zu Ende sein«, murmelte sie. »Ich habe solche Angst vor der Großmutter, Daddy.«

Na, die werde ich mir einmal ordentlich vornehmen, dachte Eric Ride.

»Du brauchst keine Angst zu haben Jacky. Wenn die Großmutter nicht lieb ist, nehme ich dich einfach mit.«

Himmel, was hatte er da gesagt? War das zu glauben? Aber es waren keine leeren Worte. Er war entschlossen, die Worte auch in die Tat umzusetzen.

»Hoffentlich ist sie gar nicht lieb«, war Jackys Kommentar.

*

Freddy Ride wusste, wo er Evi Grossmann finden konnte.

Um diese Zeit war sie auf der Koppel.

Er hatte ziemlich lange gebraucht, um herauszukriegen, zu welchen Zeiten er sie dort finden konnte, und er war anfangs ganz heimlich dort herumgestrichen, weil er nicht gewagt hatte, sie anzusprechen, bis sie ihn dann mal fragte, ob er sich für Pferde interessierte.

Heute sah sie ihm nicht mit leuchtenden Augen entgegen.

»Halt dich nicht auf, Freddy«, murmelte sie. »Ich fürchte, mein Vater wird bald hier aufkreuzen. Wir hatten gestern eine Debatte.«

»Meinetwegen?«

Sie errötete, und das stand ihr sehr gut. Sie nickte.

»Es wird Zeit, dass man mal vernünftig mit ihm redet«, meinte Freddy, sich auf das Gatter setzend. »Er kann dich doch nicht einsperren. Du sollst mal auf den Erlenhof kommen. Granny will dich auch kennenlernen.«

Er stellte sich das so einfach vor. Er nahm es offenbar nicht ernst, dass schon Jahrzehnte eine Fehde zwischen den Riedings und den Grossmanns bestand. Warum eigentlich, wusste Evi auch nicht.

»Vater ist eine ganz andere Generation«, murmelte sie. »Er könnte ja mein Großvater sein. Ich würde meinen Kindern das nicht antun.«

»Willst du Kinder haben, Evi?«, fragte er.

»Freilich«, erwiderte sie.

»Dazu brauchst du aber einen Mann«, lachte er.

»Was du nicht sagst! Für blöd brauchst du mich auch nicht zu halten.«

»Das tue ich ja nicht.«

»Vater wird mir schon einen präsentieren«, fuhr sie fort.

»Gesetzten Alters, so um die fünfzig?«, fragte er spöttisch. »Und du wirst parieren?«

Ihre violetten Augen verdunkelten sich.

»In zwei Jahren bin ich mündig«, stieß sie hervor. »Dann tue ich, was ich will, und gehe, wohin ich will!«

»Vielleicht nach Australien?«, bemerkte er hintergründig. »Es ist ein großes weites Land und hat viel Platz für Menschen, die ihr Glück versuchen wollen.«

»Ich jage dem Glück nicht nach«, sagte sie leise. »Ich will eine Aufgabe haben, die ich selbst verantworten muss.«

Er tippte ihr mit dem Zeigefinger auf ihre schmale Nase, die ihr nahezu klassisches Profil bestimmte.

»Eine Frau wie du sollte ihre schönste Aufgabe darin sehen, einen Mann glücklich zu machen und ihm ein halbes Dutzend Kinder zu schenken.«

»Nur ein halbes Dutzend?«, fragte sie ironisch.

»Meinetwegen auch ein Dutzend. Und ich wüsste auch einen Mann für dich.«

»So? Wen denn?«, fragte sie mit belegter Stimme. »Einen um die fünfzig vielleicht?«

»Dreiundzwanzig, nicht übel aussehend, in etwa in der Lage, auch eine große Familie zu ernähren, einen, der dich sehr lieb hätte, Evi. Er heißt Frederic Ride und steht vor dir.«

»Sitzt«, bemerkte sie errötend. »Freddy, mach keinen Unsinn! Mit solchen Dingen scherzt man nicht!«

»Mir ist es ernst«, flüsterte er.

»Eva!«, dröhnte da eine herrische Stimme an ihre Ohren. Wuchtig kam Titus Grossmann über die Wiese. Seine Miene war unerbittlich. »Verbringst du die Zeit mit Schwatzen?«, herrschte er seine Tochter an. Freddy erntete einen vernichtenden Blick.

Eva warf den Kopf in den Nacken.

»Das ist Freddy Ride, Vater«, sagte sie klirrend. »Er braucht nicht den Eindruck zu gewinnen, dass ich eine Magd bin.«

»Das wäre mir sogar noch lieber«, erklärte Freddy zornig. »Dann würde ich dir eine Stellung zu bedeutend besseren Bedingungen bieten, Evi.«

»Du lässt dich von diesem Fremden duzen?«, fuhr Titus Grossmann seine Tochter an. »Das muss ich mir verbittten!«

»Ich denke, Sie und mein Großvater waren Freunde?«, fragte er.

»Es ist lange her«, sagte Titus Grossmann heiser. »Er hat seine Heimat verraten.«

»Wenn Sie es so auffassen? Mein Großvater mag gute Gründe gehabt haben, sich eine neue Heimat zu suchen. Jedenfalls hat er dort mehr erreicht, als er hier hätte erreichen können.«

Er wich den durchdringenden Blicken des Älteren nicht aus.

»Vielleicht ist es nicht der richtige Ort und auch nicht der richtige Zeitpunkt, Herr Grossmann, aber ich bitte Sie in aller Form um die Hand Ihrer Tochter.«

Evi wurde weiß.

Ihre Hand krampfte sich um das Gatter. Ihr Vater packte sie am Arm.

»Nach Hause!«, zischte er. »Und Sie, Mr Ride, kommen uns nicht wieder unter die Augen!«

»Das werden wir ja sehen!«, rief Freddy erzürnt. »Sie können Evi nicht einsperren! Sie hat ein Recht auf ein eigenes Leben!«

»Bitte, sag nichts mehr, Freddy«, flüsterte Eva. »Es ist vergeblich.«

»Darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen!«, stieß er wild hervor.

Sie wandte sich zu ihm um.

»Ich danke dir jedenfalls, dass du mich …«

»Halt deinen Mund!«, brüllte Titus Grossmann.

*

»Na, Freddy, was für eine Laus ist denn dir über die Leber gelaufen?«, empfing Tracy ihren Bruder.

»Ich drehe dem Alten den Hals um!«, stieß er hervor.

Tracy sah ihn erschrocken an.

»So etwas sagt man auch nicht im Zorn«, murmelte sie. »Freddy, ich nehme an, du sprichst von Grossmann. Hat er euch ertappt?«

»Was heißt ertappt? Geredet haben wir miteinander. Und dann kam er daher und behandelte Evi wie Dreck. Sei froh, dass du nicht einen solchen Vater hast, Tracy.«

»Er wäre auch dein Vater«, erinnerte sie ihn.

»Ich wäre längst auf und davon!«

»Sie ist neunzehn. Sie kann nicht einfach weglaufen, Freddy.«

Mary-Ann Ride kam näher.

»Worum geht es bei dem Streit?«, fragte sie.

»Wir streiten nicht«, erwiderte Tracy. »Freddy hat anscheinend mit Grossmann gestritten.«

»Warum?«, fragte Mary-Ann Ride.

»Ich habe um Evis Hand angehalten«, stellte Freddy düster fest.

»Du liebe Güte!«, sagte die Granny. »Damit hättest du dir noch Zeit lassen sollen.«

»Wenn Daddy kommt und verlangt, dass ich wieder nach Australien zurückgehe? Ich hätte mir ja auch noch ein paar Tage Zeit gelassen und erst mit dir gesprochen, Granny, aber er hat mich wirklich auf die Palme gebracht.«

»Dann steig wieder herunter«, bemerkte sie lächelnd. »Man hält nicht um die Hand eines Mädchens an, weil der Vater ausfallend wird.«

»Deswegen doch nicht«, brummte Freddy. »Ich mag Evi sehr. Ich will keine andere.«

Staunend betrachtete die alte Dame ihren Enkel.

»Du warst schon oft verliebt, Freddy!«, sagte sie mahnend.

»Diesmal ist es anders«, beharrte er »Evi ist kein Mädchen, mit dem man flirtet. Ich liebe sie.«

»Ui je!«, seufzte Tracy.

»Wir werden uns darüber in Ruhe unterhalten«, meinte Mary-Ann Ride.

»Wie kann ich mich in Ruhe unterhalten, während er sie wahrscheinlich drangsaliert!«, empörte sich Freddy. »Wir müssen sie herausholen, Granny!«

»Immer langsam mit den jungen Pferden«, entgegnete die alte Dame diplomatisch.

*

Titus Grossmann sagte gar nichts. Er hüllte sich in grimmiges Schweigen.

Eva wusste nicht, was sie davon halten sollte. Sie hatte mit einer Flut von Beschimpfungen gerechnet.

»Geh in die Küche«, sagte er endlich.

Sie folgte ohne Widerspruch. Die alte Käti bereitete das Essen.

»Was hat er denn heute wieder, Kindchen?«, fragte sie.

Kätis wegen erduldete Eva manches. Wie viel hatte die alte Frau ihretwegen geweint.

Es würde ihr das Herz brechen, wenn sie heimlich auf und davon ging.

Doch mit diesem Gedanken hatte Eva auch so manches Mal gespielt, wenn es unerträglich mit ihrem Vater wurde.

Viele Jahre war Käti der einzige Mensch gewesen, der ihr Liebe entgegenbrachte, der es sogar wagte, gegen Titus Grossmann aufzubegehren.

Und jetzt war da plötzlich noch ein anderer Mensch. Wie der Prinz aus einem Kindermärchen war Eva Freddy Ride erschienen. Jung, strahlend, unbekümmert, anfangs nur ganz kameradschaftlich.

Er hatte gleich du zu ihr gesagt, und ihr wäre es komisch vorgekommen, »Herr« zu ihm zu sagen.

Es hatte nicht vieler Worte bedurft, dass sie sich verstanden.

Freddy war gar nicht anzüglich, er war so offen und herzlich, und er sagte alles, was er dachte.

Das hatte er allerdings auch heute getan und in einem Ton, den sie ihm nicht zugetraut hätte.

Ihrem Vater musste es wohl doch die Sprache verschlagen haben. Oder hing das damit zusammen, dass er ein Rieding war?

Was hatte ihr Vater eigentlich gegen die Riedings? Sie fragte es sich immer wieder.

Nie war der Name in diesem Haus gefallen, und als damals Marianne von Rieding und ihre Tochter Sandra hierhergekommen waren, hatte Eva es erst viel, viel später erfahren.

Als Sandra von Rieding Felix Münster heiratete und wenig später ihre Mutter den Architekten Carlo Heimberg, hatte Titus Grossmann sich zum ersten Mal geäußert.

»Gottlob, nun gibt es keinen Rieding mehr«, hatte er gesagt und triumphierend dazu gelächelt.

Und nun gab es doch einen oder sogar mehrere, denn Eric Ride hatte als Erster Anspruch auf den Titel.

»Was denkst du denn, Kindchen?«, fragte Käti nochmals.

Eva krauste die Stirn.

»Was hat Vater eigentlich gegen die Riedings, Käti?«

Es schien fast so, als zucke Käti zusammen.

»Wie kommst du darauf?«, sagte sie rau.

Eva wurde verlegen, weil sie selbst Käti noch nichts von Freddy Ride erzählt hatte. Nun musste sie es nachholen. Käti war plötzlich ganz aufmerksam.

»Wann ist das Essen fertig?«, brüllte Titus Grossmann aus dem Esszimmer.

»Wir reden nachher weiter, Käti«, murmelte Eva. »Bringen wir ihn nicht noch mehr in Rage.«

Das Haus war sehr geräumig und mit kostbaren alten Möbeln ausgestattet.

Alles in allem wirkte es etwas düster, aber das kam daher, dass Titus Grossmann keine hellen Wände leiden konnte.

Nun, er passte hier hinein in seiner Gewichtigkeit, mit dem kantigen Bauernschädel.

Eva hätte gewünscht, dass Käti mit ihnen am Tisch essen würde, aber ihr Vater hatte es nicht gewollt, und Käti war eigentlich ganz froh, dass es ihr erspart blieb.

Seine Suppe löffelte der Hausherr aus, dann aber beendete er das Schweigen.

»Du wirst diesen Lümmel nicht mehr treffen«, knurrte er. »Ich verbiete es dir!«

Eva hob den Kopf und sah ihren Vater offen an.

»Freddy ist kein Lümmel«, erklärte sie, »und wenn er noch Wert darauf legt, werde ich ihn auch treffen.«

»Du wagst, mir zu widersprechen? Ein Abkomme von diesem Halunken, diesem Blutsauger, wird die Schwelle meines Hauses nicht betreten!«

Eva nahm ihren Mut zusammen.

»Willst du mir nicht erklären, worum es geht, Vater?«, fragte sie ruhig.

»Das ist meine Sache. Es geht dich nichts an.«

»Bedenke doch bitte, dass Freddys Großvater bereits vor vielen Jahren von hier fortging, dass sein Vater in Amerika geboren wurde und den Namen Rieding ablegte. Was stört dich eigentlich noch?«

»Ich rede nicht von ihm, sondern von Albrecht. Und ich wiederhole, es geht dich nichts an. Aber sie sind alle ein Fleisch und ein Blut. Und um allem Weiteren vorzubeugen, sage ich dir, dass du Leopold heiraten wirst!«

»Leopold?«, stammelte Eva. »Meinen Cousin? Weißt du, was du da redest?«

»Das weiß ich genau! Dann bleibt das Geld in der Familie, dir vergehen deine Extravaganzen, und ihm werde ich seine Spinnereien mit dem Fohlenhof schon austreiben. Hast du verstanden?«

»Du schreist ja laut genug!«, erwiderte sie aggressiv. »Aber das lasse ich nicht mit mir machen!«

»Da sieht man den Umgang. So habe ich es mir gedacht. Dieser arrogante Lümmel setzt dir Flausen in den Kopf, damit er sein Vergnügen hat, und dann geht es wieder ab nach Australien und du bleibst sitzen, womöglich noch mit einem Bastard!«

Sie sprang auf. »Das verbitte ich mir, Vater!«, stieß sie zornerfüllt hervor. »Freddy hat um meine Hand angehalten. Und er ist kein Lümmel, das sage ich auch noch einmal! Du hast kein Recht …«

»Was für Rechte ich habe, werde ich dir schon beweisen!«, fiel er ihr ins Wort.

Aber dann tat Eva etwas, was sie früher nie gewagt hätte. Sie verließ wortlos das Zimmer.

Er starrte ihr nach. Schwer stützte er seinen Kopf in die Hand.

»Nein«, sagte er vor sich hin, »tausendmal nein!« Und dann hieb er auf den Tisch, dass Teller und Schüsseln tanzten.

*

Sechs Stunden war die Maschine nun schon in der Luft. Jacky war in Eric Rides Arm eingeschlafen. Ein paarmal hatte die Stewardess ihm schon verwunderte Blicke zugeworfen, die er jedoch ignorierte.

Nun blieb sie an der Seite stehen.

»Sie sind sehr reizend zu dem Kind, Mr Ride«, sagte sie und schenkte ihm einen bewundernden Blick, der jedoch mehr ausdrückte als nur Dankbarkeit.

Immerhin war Eric Ride noch ein sehr gut aussehender Mann, dass man seinem jugendlichen Gesicht nach zehn Jahre seines Lebens abstreichen konnte.

Es war durchaus nicht so, dass Eric Ride unempfänglich für weibliche Vorzüge gewesen wäre, aber jetzt galt seine Aufmerksamkeit ausschließlich dem Kind.

Er bedeutete der Stewardess mit einer Handbewegung, dass das Kind nicht geweckt werden sollte.

Immer wieder blickte er auf das süße Gesichtchen hinab, das jetzt ganz glücklich und gelöst aussah, und auch er wünschte, dass dieser Flug nie ein Ende nehmen möge.

Gut, dass er seine Ankunftszeit nicht telegrafiert hatte. So konnte er sich um das Wohl und Wehe seiner kleinen Freundin noch etwas länger kümmern. Und er war auch fest entschlossen, es zu tun, um sie keinesfalls einer herrischen Großmutter auszuliefern. Menschenkenntnis besaß er, aber zog nicht in Betracht, dass er jetzt schon Vorurteile hegte.

Was er von Jacky erfahren hatte, beschäftigte ihn sehr.

Sie hieß mit vollem Namen Jacqueline Dane, und ihre Mutter Li hatte anscheinend einen Rekord im Heiraten und Scheidenlassen aufgestellt, wenn man ausschloss, dass sie von Zeit zu Zeit mit verschiedenen Männern zusammengelebt hatte.

Welchen Namen die Großmutter trug, hatte er noch nicht in Erfahrung gebracht.

Aber der Flug war noch lang, und Jacky würde nicht die ganze Zeit schlafen.

Da war sie auch schon wieder munter. Sie rieb sich die Augen. Dann blinzelte sie zu ihm empor.

»Schön!«, seufzte sie zufrieden. »Ich dachte schon, dass ich bloß geträumt habe, aber du bist wirklich da, Daddy.«

Und nun schien sie es schon als Gewissheit zu nehmen, dass er auch bei ihr bleiben würde.

»Bekomme ich wieder Pickis?«, fragte sie. »Mir hat es noch nie so gut geschmeckt.«

Er winkte der Stewardess. Innerhalb kürzester Zeit brachte sie diesmal ein Tablett mit köstlichen Kleinigkeiten.

»Ich möchte aber sehr gern Pickis«, wisperte Jacky.

»Du sollst mal sehen, wie gut die schmecken, die ich dir jetzt mache«, sagte er.

»Du musst aber auch mitessen, Daddy«, verlangte sie. »Dann schmeckt es noch viel besser.«

Sie hatte die Umwelt vegessen. Eric Ride und Jacky Dane schienen allein zu sein unter dem blauen Himmel, und die Erde war unerreichbar fern.

»Da würde die Mama schön gucken, wie lieb ich zu unserem Daddy bin, nicht wahr, Bimbo?«, bemerkte Jacky, »wenn sie jetzt auf einer Wolke vorbeikäme? Aber kommt man eigentlich in den Himmel, wenn man sich das Genick bricht, Daddy?«

Er schwieg ein bisschen erschrocken, weil sie es gar so unbekümmert sagte.

»Sie hat sich nämlich das Genick gebrochen, als sie vom Pferd gestürzt ist«, erzählte Jacky eifrig weiter. »Clark hat gesagt, das musste ja mal passieren. Und die Nurse hat gemeint, dass ihr recht geschieht. Aber das darf man nicht sagen. Clark hat dann gesagt, dass man den Toten ihre Ruhe lassen soll, und dann hat er mit der Nurse einen ganz großen Whisky getrunken.«

Wenn sie in einer solchen Welt aufgewachsen war, war es kein Wunder, dass sie keinen tiefen Schmerz kannte.

»Du warst wohl viel allein, Jacky?«, fragte er.

»Na ja, die Nurse war schon da, und Amanda, unsere Köchin. Mama war meistens fort.«

»Und Charles, Ben und Clark?«, fragte er. Wie gut er die Namen behalten hatte!

»Die waren auch dauernd fort. Sie mussten Geld verdienen, damit Mama immer etwas hatte. Sie konnte sehr viel ausgeben. Clark hat manchmal Krach gemacht.«

Und während sie munter plapperte, hatte sie auch immer noch Zeit, die Pickis zu essen, die er sorgfältig zurechtmachte.

»Wie heißt denn deine Großmutter?«, fragte Eric Ride behutsam.

Jacky zuckte die Schultern.

»So ein komischer Name. Die Nurse hat alles aufgeschrieben. Ich zeige es dir gleich. Noch ein Picki, bitte.« Sie aß es mit Genuss. »Du bist der liebste Daddy von der ganzen Welt!«, versicherte sie ihm dann glücklich.

Und da beugte sich Eric Ride hinab und gab ihr einen Kuss.

Er war seit sechs Stunden ein anderer Mensch. Ein Kind hatte ihn verwandelt und ließ ihn alles vergessen, auch dass man in Erlenried auf ihn wartete.

Dann nestelte Jacky an ihrem Blüschen herum und holte schließlich einen kleinen Lederbeutel hervor, der um ihren Hals hing.

»Da ist alles drin, was man wissen muss, hat die Nurse gesagt«, erklärte sie. »Schau mal ’rein.«

Er zögerte. Das kam ihm doch ein bisschen indiskret vor. Aber Jacky lachte ihn an

»Du bist doch jetzt mein Daddy«, stellte sie strahlend fest. »Mach mal auf.«

Das Beutelchen enthielt einen engbeschriebenen Zettel, ein paar Geldscheine und einen sehr kostbaren Rubinring. Er verstand sich auf Schmuck, dieser Ring besaß mindestens einen Wert von zwanzigtausend Euro, und so etwas steckte man einem sechsjährigen Kind in den Brustbeutel. Wenn er nun ein Ganove wäre? Auch Ganoven verstanden es manchmal, das Vertrauen eines Kindes zu erringen.

»Den sollte ich anstecken, wenn ich in Frankfurt bin«, erklärte Jacky treuherzig.

»Damit die Großmutter ihn sieht und weiß, dass ich es bin. Wenn wir ihn nun wegschmeißen, Daddy, und ich komme einfach mit dir mit, dann weiß sie doch gar nicht, dass ich es bin?«

»Das geht nicht, mein Kleines«, entgegnete er. »Die Stewardess wird dich ja begleiten, und sie weiß sehr gut, wer du bist.«

»Aber wenn die Stewardess nicht wäre, würdest du es schon tun, nicht wahr?«

Ja, ich würde es tun, dachte er. Zwar würde ich den Ring nicht wegwerfen, aber ich würde sie ganz einfach mitnehmen, und wenn alle gegen mich wären.

»Nun lies mir mal vor, was auf dem Zettel steht«, fuhr Jacky fort.

»Ich möchte es auch gern wissen.«

In Druckschrift stand da geschrieben:

Dieses Kind heißt Jacqueline Dane, ist sechs Jahre und Waise. Die Großmutter heißt Charlotte Freiin von Czibulski und lebt auf Gut Bitterstein in Baden.

Recht kärglich, dachte er. Ich muss doch nachher mal die Stewardess interviewen.

»Klingt alles nicht schön«, meinte Jacky nachdenklich. »Na, sie hat mich ja auch nicht leiden können.«

»Warum denn nicht, Jacky?«, fragte er.

»Weil ich gesehen habe, wie sie klaut« erklärte die Kleine.

»Was hat sie denn geklaut?«

»Glitzerschmuck von Mama. Ich kann so was nicht leiden, aber klauen darf man nicht. Das hat Clark auch gesagt. Er war eigentlich gar nicht übel, aber ein Daddy war er eben nicht.«

Sie rückte wieder näher zu ihm, und er legte seinen Arm um sie.

Draußen war es nun dunkel, und die wenigen Sterne, die man sehen konnte, waren ganz nahe.

»Ist es schön dort, wo du hinwillst?«, fragte Jacky leise.

»Meine Kinder haben mir geschrieben, dass es sehr schön ist«, erwiderte er mit belegter Stimme.

Ihr Gesichtchen überschattete sich.

»Ich habe ganz vergessen, dass du schon Kinder hast. Dann brauchst du mich ja gar nicht.«

Ein paar Tränen rannen über ihre Wangen. Er tupfte sie behutsam ab.

»Doch, ich brauche dich, Jacky«, sagte er zärtlich. »Ich habe dich sehr lieb, mein Kind.«

Für Jacky war die Welt wieder in Ordnung.

»Ich bin ja so froh, dass du bei mir bist«, murmelte sie.

*

Für Eva Grossmann dagegen war die Welt aus den Fugen geraten.

Ihr Vater hatte doch tatsächlich keine Stunde verstreichen lassen, um seinen schnell gefassten Plan zu verwirklichen.

Gegen vier Uhr nachmittags erschien Leopold Grossmann. Er sah nicht gerade glücklich aus. Sein sonst so frisches Gesicht war blass.

Er war groß und gut gebaut. Auch sein Gesicht war durchaus sympathisch, und eigentlich hatte Eva sich immer recht gut mit ihm verstanden. Doch nun war sie mit Abwehr gewappnet.

»Kannst gleich wieder gehen«, sagte sie barsch. »Ich lasse mich auf den Kuhhandel nicht ein.«

»Ich will ja auch nicht, Evi, aber er setzt mir die Pistole auf die Brust.«

»Und du kuscht!«, platzte sie heraus.

»Du weißt doch, was ich vorhabe. Ich werde den Fohlenhof nicht einrichten können, wenn er sich dazwischensteckt. Er beschwatzt doch alle, wenn es darauf ankommt, und dann kann er auch den Geldbeutel klingeln lassen. Wollen wir nicht vernünftig miteinander reden! Wir müssen doch einen Ausweg finden.«

»Weißt du auch, warum er uns jetzt verkuppeln will?«, brauste sie auf.

So sanft und nachgiebig, wie überall angenommen wurde, war Eva nämlich gar nicht.

Leopold Grassmann schüttelte den Kopf.

»Weil Freddy Ride mich heiraten will, und wenn ich ihn nicht kriege, heirate ich überhaupt nicht, damit du es weißt! Das Land gehört dir, und du kannst damit machen, was du willst. Herrgott, sollen wir uns denn alle von ihm tyrannisieren lassen? Hat denn keiner den Mut, gegen ihn aufzutrumpfen?«

»Ich habe dich ja wirklich gern, Eva«, sagte er stockend.

Sie kniff die Augen zusammen.

»Aber meine Mitgift wäre auch nicht zu verachten.«

»Er hat mich doch auf die Landwirtschaftsschule geschickt«, meinte er schwerfällig.

»Du bist ein Trottel! Er hat doch dein Erbe verwaltet. Von deinem Geld, das dir zusteht, ist alles bezahlt worden. Glaubst du, dass der Geizkragen einen Cent von sich aus rausgerückt hätte? Ich muss mir ja mein Brot auch verdienen. Könnte ich mich als Magd bei einem andern verdingen, bekäme ich wenigstens Taschengeld. Aber ich kann mir ja nicht mal ein Kleid kaufen, das mir gefällt. Es ist genug«, fuhr sie resigniert fort.

»Was soll ich aufbegehren. Ich habe mir ja auch alles gefallen lassen. Aber macht, was ihr wollt. Ich heirate dich nicht, Leopold, und wenn du willst, dass ich dich gernhab, dann hörst du davon auf.«

»Der Ride hat dir dein Rückgrat mächtig gestärkt«, stellte Leopold Grossmann bewundernd fest. »Aber der Stadtfrack missfällt deinem Vater halt, Eva.«

»Ihm missfällt was anderes«, brummte Eva. »Er mag den Namen Rieding nicht, und ich werde dahinterkommen, warum es so ist.«

Das wollte außer Titus Grossmann nur Käti, und eine leise Ahnung hatte Mary-Ann Ride. Sie dachte unentwegt darüber nach, weil Freddy mit einer Leichenbittermiene herumlief, und sie wollte dem Jungen helfen. Aber das alles musste wohlüberlegt sein.

*

Titus Grossmann blieb heute seinem Haus fern. Insgeheim atmeten Eva und Käti auf. Sie machten es sich in der großen Küche auf der Eckbank gemütlich und nahmen hier das Abendessen ein.

»Dem Poldi hast du aber ganz schön zugesetzt«, meinte Käti.

»Er hat’s gebraucht. Wenn ich solch ein Mannsbild wär, tät ich dem Vater schon Bescheid sagen.«

»Wenn du ein Mannsbild wärst, würde er dich wie ein rohes Ei behandeln. Es war halt ein Unglück, dass der Matthias hat sterben müssen.«

»Er hätte ja früher heiraten und mehr Söhne haben können. Warum hat er eigentlich so spät geheiratet, und warum hasst er die Riedings, Käti?«

»Ich sollte schweigen«, brummte sie.

»Hat er dir den Eid abgenommen?«

»Er weiß gar nicht, dass ich es weiß.«

»Sag es mir! Ich muss es wissen, Käti! Ich mag Freddy sehr. Ich habe ihn lieb.«

Nun schluchzte sie auf, und dem fühlte Käti sich nicht gewachsen.

»Nicht weinen, Kindchen!«, murmelte sie. »Wir werden schon einen Ausweg finden.«

Doch da klopfte es zaghaft ans Fenster. Erschrocken fuhren sie zusammen. Eva zog die Gardine zurück. Draußen stand Freddy. Sie öffnete das Fenster.

»Dein Vater ist weg, Evi«, flüsterte er. »Ich hab ihn in Hohenborn gesehen. Er ist bei Dr. Rückert. Kann ich dich sprechen?«

Eva wandte sich zu Käti. Die alte Frau nickte.

»Geh nur, Kindchen, aber geh weit weg, damit er dich nicht erwischt! Ich werde ihm etwas vorflunkern, wenn er zurückkommt. Ich lass die Hintertür offen.«

Eva vergaß alle Bedenken. Wie der Wind war sie aus dem Haus.

Freddys Wagen stand an der Straße. Er schob sie hinein und fuhr schnell davon, Erlenhof entgegen.

Kurz vor dem Sonnenwinkel hielt er an und legte den Arm um sie.

»Ich nehme dich jetzt mit zu Granny, Evi«, sagte er leise, »aber zuerst möchte ich einen Kuss von dir haben. Es geht doch nicht an, dass man seine zukünftige Frau ins Haus bringt und noch nicht einen einzigen Kuss bekommen hat.«

Und da lagen seine Lippen auch schon auf ihrem Mund. Eva war es, als würde sie auf Wolken dahinschweben, die so weich und federleicht waren, dass sie von aller Erdenschwere befreit war.

Es war der erste Kuss in ihrem Leben, und sie bekam ihn von dem ersten Mann, dem ihr junges, unberührtes Herz zugeflogen war. Von dem einzigen, zu dem es sie hinzog.

»Mein Liebes«, sagte er zärtlich, »und wenn die Welt zusammenstürzt, ich lasse dich nicht mehr!«

*

»Granny!«, rief Freddy.

Mary-Ann Ride, die von den Münsters herüberkam, blieb stehen und drehte sich um.

Ihre Augen weiteten sich, als sie das junge Mädchen in Reithosen neben Freddy gewahrte.

»Das ist Evi, meine zukünftige Frau«, erklärte Freddy ohne Umschweife.

Eva war schrecklich verlegen.

»Entschuldigen Sie bitte, gnädige Frau«, sagte sie gepresst und blickte an sich hinab. »Ich habe kein Kleid.«

Mary-Ann war sofort zutiefst gerührt.

»Nun, ich denke, das wird bald anders werden«, bemerkte sie leichthin. »Wenn Freddy sich mal etwas in den Kopf gesetzt hat, führt er es auch durch. Aber jetzt kommt herein. Wir sind allein. Tracy ist noch bei Sandra.«

»Ich habe Evi einfach entführt«, lachte Freddy. »Allerdings war ihr Vater nicht daheim.«

Mary-Ann Ride war mit Recht skeptisch. Titus Grossmann würde es bestimmt verhindert haben, dass seine Tochter mit Freddy ging, und was danach kommen würde, wenn er Wind davon bekam, wagte sie sich nicht auszudenken.

Sie betraten den großen Wohnraum. Sinnend betrachtete Mary-Ann das junge Mädchen, das in seiner Verwirrung sehr reizvoll wirkte.

»Du bist Milena sehr ähnlich, mein Kind«, sagte sie gedankenverloren.

Eva sah sie befremdet an.

»Wer ist Milena?«, fragte sie.

Mary-Ann Ride fuhr sich mit der Hand über die Augen.

»Die Schwester deines Vaters. Weißt du das nicht?«

Evas Augen bekamen einen ängstlichen Ausdruck.

»Ich wusste gar nicht, dass Vater eine Schwester hat«, flüsterte sie befangen.

»Hatte«, berichtigte Mary-Ann. »Sie starb sehr früh.« Ihr Gesicht überschattete sich. »Aber wir wollen die Vergangenheit besser nicht aufrühren. Wir wollen lieber über die Zukunft sprechen und einen Weg suchen für euch beide.«

»Vielleicht könnte ich Vater aber besser verstehen, wenn ich von der Vergangenheit mehr wüsste«, wandte Eva zögernd ein.

»Darüber sprechen wir ein anderes Mal. Ich muss selbst erst Ordnung in meine Gedanken bringen. Es kam alles so plötzlich. Warum hat man dich nie hier gesehen, Eva? Wir sind doch nun schon Wochen hier.«

»Ich darf ja nicht ’raus.« Es klang sehr kleinlaut.

»Aber Freddy hat dich gefunden«, stellte Mary-Ann Ride fest.

»Auf der Pferdekoppel«, murmelte Eva.

»Sie haben sehr schöne Pferde. So edel wie Eva«, warf Freddy ein.

»Das kann ich mir denken. Titus war immer ein Pferdenarr«, meinte Mary-Ann Ride leise.

»Sie kannten meinen Vater früher auch?«, fragte Eva gepresst.

»Ach Gott, es ist sehr, sehr lange her, und alles kommt mir ein wenig unwirklich vor. Aber sag jetzt Granny zu mir, wie dieser ungestüme Junge. Komm, Kind, ich möchte, dass du lachen lernst.«

Man sah es dem herben jungen Gesicht an, dass es selten gelacht hatte. Es tat Mary-Ann weh.

Er hat sie in Hosen gesteckt und einen Jungen aus ihr machen wollen, dachte sie zornig. Er hätte ihr nie Gelegenheit gegeben, ihre Schönheit zu entfalten, wenn Freddy nicht gekommen wäre, der genau den gleichen Blick für die verborgenen Reize einer Frau hat wie sein Vater.

»Du bist doch so klug, Granny«, meinte Freddy. »Du musst Evi herausholen.«

»Das werde ich tun!«, versicherte sie energisch.

»Aber Käti ist doch da. Ich kann sie nicht verlassen«, flüsterte Eva.

»Käti? Sie ist noch immer bei euch? Mein Gott, Käti.«

Plötzlich rannen Tränen über Grannys Gesicht. Eva war ganz erschrocken. Freddy aber auch. Er legte seinen Arm um die schmalen Schultern seiner Granny und drückte sie herzlich an sich.

»Nun sind wir wohl mittendrin in der Vergangenheit, Granny«, murmelte er.

*

Auch Eric Ride dachte zurück, während er dieses zarte kleine Mädchen im Arm hielt.

Er dachte an seine Frau Mabel, die er geliebt und die es doch nicht so recht verstanden hatte, auf ihn einzugehen, die immer so zart und anfällig gewesen war seit Freddys Geburt und mit ihrem vitalen Mann nicht hatte Schritt halten können, die dann doch tapfer ein zweites Kind zur Welt gebracht hatte, weil sie gewusst, wie sehr er sich ein Haus voller Kinder gewünscht hatte. Und die dann gestorben war, weil es ihre letzte Kraft gekostet hatte.

Granny hatte ihr Dasein bestimmt, diese wundervolle Frau, die durch Freude und Leid gegangen war, ohne sich anmerken zu lassen, dass das Schicksal ihr immer wieder Nackenschläge versetzte.

Sie hatte für die Kinder gesorgt, dass sie ihre Mutter nicht vermissten. Warum also sollte es bei Jacky nicht auch so sein?

Er durfte sich nicht zu sehr in die Vorstellung hineinsteigern, sie für immer behalten zu können. Es war schon fast zu einer fixen Idee geworden.

So etwas kam doch nicht von ungefähr. Ein fremdes kleines Kind, das man neben ihn setzte und das ihm jetzt schon so viel bedeutete wie seine eigenen Kinder.

Freddy und Tracy waren erwachsen. Sie brauchten ihn nicht mehr. Sie gingen schon jetzt eigene Wege.

Nicht, dass er nicht immer einen guten Kontakt zu seinen Kindern gehabt hätte, aber er wollte in ihnen auch selbstständige Wesen sehen.

Doch nun wurde ihm plötzlich bewusst, dass er noch zu jung war, um ganz auf die Freuden zu verzichten, die ein so kleines Kind mit sich brachte.

Er fühlte sich noch um vieles jünger, wenn Jacky lächelnd und schwärmerisch zu ihm aufschaute.

Er überlegte unentwegt, wie er das Beisammensein mit ihr verlängern konnte.

Aber würde dadurch nicht alles noch viel schwerer werden?

Nun schlief sie wieder. Ganz vorsichtig erhob er sich und hielt nach der Stewardess Ausschau. Sie hatte ihn schon bemerkt.

»Kann ich ein paar Worte mit Ihnen sprechen, Miss …?«

»Dorrit«, erwiderte sie mit einem flüchtigen Lächeln. »Dorrit Maxwell.«

Sie war sehr charmant, aber er nahm keine Notiz davon.

»Ich würde gern über Jacky mit ihnen sprechen«, erklärte er heiser.

»Sie haben sich sehr schnell angefreundet«, stellte sie fest. »Ich werde erst den Chef unterrichten. Privatgespräche sind nämlich nicht erlaubt.«

»Ich wollte auch keine führen«, entgegnete er geistesabwesend.

Leider, dachte sie und ging. Nach ein paar Minuten kam sie zurück.

»Es sei gestattet«, bemerkte sie ironisch. »Man ist sehr streng mit uns.«

Er überhörte auch das.

»Man hat Ihnen Jacky anvertraut?«, fragte er.

»Der Crew. Wir sind von einem Anwalt informiert worden, und Miss Byrd hat sie gebracht.«

»Die Nurse?«, fragte er, denn Jacky hatte immer nur von der Nurse gesprochen.

Sie nickte. »Uns sind die Papiere übergeben worden. Sie soll in Frankfurt von ihrer Großmutter abgeholt werden.«

Sein Gesicht verdüsterte sich.

»Ich finde es schrecklich, dass man ein so kleines Kind einem fremden Menschen überantwortet.«

»Es ist ihre Großmutter«, äußerte die hübsche Dorrit verwundert.

»Die sie nicht kennt!«, stieß er grimmig hervor.

»Ich verstehe Sie nicht ganz, Mr Ride«, sagte sie irritiert.

Natürlich, wie sollte ihn jemand verstehen.

»Ich will, dass Jacky nicht herumgestoßen wird«, erklärte er. »Wenn Sie das Kind seiner Großmutter übergeben, welch ein schreckliches Wort, dann will ich dabei sein.«

»Wie Sie wünschen, Mr Ride«, stotterte sie.

Kopfschüttelnd blickte sie ihm nach, als er sich wieder an seinen Platz begab.

Andere Männer in seinem Alter flirteten mit den Stewardessen, und er kümmerte sich um ein Kind. Das war ihr denn doch unbegreiflich, denn mit ihm hätte auch sie gern geflirtet.

*

Zu dieser Zeit, als sie Europa immer näher kamen, was für Eric Ride ein quälender Gedanke war, brachte Freddy Evi heim.

»Granny muss allerlei über deinen Vater wissen«, bemerkte er.

»Wenn sie es doch sagen würde«, seufzte Eva.

»Sie wird es geschickt ausnutzen, wenn es etwas ist, womit sie ihn kleinkriegen kann«, stellte er fest. »Verlassen wir uns auf sie. Sie wird mit den stärksten Männern fertig.«

»Findest du es nicht eigenartig, dass ich nie etwas von Vaters Schwester erfahren habe?«

»Weiß der Himmel, was du alles nicht weißt und doch wissen solltest. Aber jetzt denken wir an uns, Evi. Mein Liebling, es ist ein scheußlicher Gedanke, dich in die Höhle des Löwen gehen lassen zu müssen.«

»Ich muss jetzt aussteigen, Freddy«, flüsterte sie. »Sonst kann er mich schon vom Haus aus sehen.«

»Wo ist dein Zimmer?«, fragte er. »Du musst Blinkzeichen geben, damit ich weiß, dass du gut angekommen bist, Liebling.«

»Oben, die Mansarde. Du kannst es sehen, wenn du an der Koppel hältst.«

»Es ist doch nahezu absurd, dass ich dich nicht heimbegleiten kann«, murmelte er bedrückt. »Es müsste doch jedem Vater lieber sein, als die Sorge, dass seine Tochter allein durch die Nacht geht.«

»Erstens weiß Vater nicht, dass ich nicht im Haus bin, und zweitens ist mein Vater eben anders als andere Väter.«

»Leider! Aber drittens wird er sich damit abfinden müssen, dass ein Rieding sich nicht aus dem Feld schlagen lässt.«

»Willst du jetzt ein Rieding sein?«, fragte sie bang.

»Mir ist das gleich. Ich will dein Mann sein«, erwiderte er. »Und das möglichst bald!«

Sie schlang ihre Arme um seinen Hals.

»Und ich möchte deine Frau sein, Freddy«, flüsterte sie zärtlich. »Gute Nacht, Liebster!«

Schnell huschte sie von ihm fort, ein schmaler Schatten, den zu verfolgen ihm schwerfiel. Aber er stand da und schaute, bis sie hinter den Bäumen verschwunden war. Dann fuhr er rasch zur Koppel.

Er sah die Silhouette des Gutshauses, das sich düster gegen den Nachthimmel abhob. Er starrte auf den Giebel und wartete auf das Blinkzeichen. Sein Herz klopfte wie ein Hammer, bis es endlich kam.

Sie ist gut angekommen, dachte er erleichtert. Liebste Evi, mein armes kleines Mädchen, ich werde dich auf Händen tragen und für alles entschädigen, was du erdulden musstest.

Freddy Ride war über Nacht zu einem Mann geworden, der wusste, was er wollte und nur noch ein Ziel kannte: Eva zu seiner Frau zu machen.

*

Käti seufzte hörbar auf, als Eva zu ihr ins Zimmer geschlichen kam.

»Ich habe dich gehört«, sagte sie. »Was hast du noch gemacht?«

»Freddy Blinkzeichen gegeben, damit er weiß, dass ich gut angekommen bin.«

Sie lachte leise. Käti vernahm es staunend.

»Vater ist immer noch nicht da«, stellte Eva fest.

»Er wird sich betrinken«, brummte die alte Frau. »Er wird im Dorfkrug alle gegen die Riedings aufhetzen.«

Eva presste die Hände vor ihr Gesicht.

»Warum nur, warum, Käti? Warum habe ich nie etwas von Milena erfahren?«

Die alte Frau sank in ihrem Sessel zurück. Ihr Gesicht war ganz fahl geworden. Wie Pergament wirkte die Haut auf dem knochigen Antlitz.

»Wer hat dir von ihr erzählt?«, fragte sie tonlos.

»Granny«, erwiderte Eva, »Freddys Granny. Mary-Ann Ride. Käti, bitte, erreg dich nicht! Sie hat geweint, als sie von dir sprach.«

»Mary-Ann«, wiederholte die alte Frau. »Annemarie von Rieding, Frederics Frau. Ich habe nicht daran gedacht, dass sie es sein könnte. Oh, mein Gott!«

Nun weinte auch sie. Es war ein bitteres, gequältes Schluchzen.

Eva kniete bei ihr nieder und barg ihren Kopf in deren Schoß, wie sie es als Kind oft getan hatte, wenn sie voller Kummer gewesen war.

»Liebe Käti, bitte, sage mir, was du weißt! Vielleicht kann es uns helfen.«

»Es kann niemandem helfen, mein kleines Mädchen. Es kann nur schaden.«

»Granny wird uns helfen. Sie ist so lieb. Sie hat keine Angst vor Vater.«

»Nein, sie nicht. Sie hatte vor niemandem Angst, auch vor Albrecht nicht. Milena …, sie war so ganz anders.«

»Granny sagt, dass ich ihr sehr ähnlich bin.«

»Nur äußerlich, Ev, nur äußerlich. Ach Gott, was soll es. Sie wollte eine Baronin von Rieding werden und fand den Tod. Nein, frage mich nichts mehr, mein Kind. Das ist eine Sache, die Annemarie von Rieding mit deinem Vater ausmachen muss. Wenn sie dir nur zu deinem Glück verhilft und wenn ich ihr dafür die Hände küssen kann.«

Und da rumorte es unten an der Tür, die gleich darauf krachend ins Schloss fiel.

Eva drückte Käti einen Kuss auf die Wange und flüchtete in ihr bescheidenes Zimmer. Aber ihren Vater bekam sie in dieser Nacht nicht mehr zu sehen.

*

»Nun sind wir wohl bald da, Daddy?«, fragte Jacky, als sie bemerkte, dass Eric Ride immer wieder auf die Uhr schaute.

Das Herz lag ihm wie ein Stein in der Brust. Er wollte nicht an den Abschied denken, doch dieser schien unaufhaltsam.

Das Kind klammerte sich an ihn. Er zog es auf sein Knie und drückte es an sich.

»Ich möchte so gern bei dir bleiben«, flüsterte es. »Vielleicht mag die Großmutter mich gar nicht. Nimmst du mich dann mit?«

»Ja, mein Kleines«, erwiderte er heiser. »Dann nehme ich dich mit.«

In drei Sprachen klang kurz danach die Ansage durch den Lautsprecher: »In zehn Minuten landen wir in Frankfurt am Main. Bitte anschnallen und das Rauchen einstellen.«

Jacky drückte ihren Kopf an seinen Hals.

»Du musst jetzt auf deinen Platz und dich anschnallen, Jacky«, murmelte er.

Sie folgte. Er legte seine Arme um sie. Warum nur waren Minuten manchmal so endlos lang, und diesmal vergingen sie so rasch.

Das Flugzeug setzte auf, das Ende der Reise war gekommen. Eric Ride konnte das Kind nicht ansehen. Dieser todtraurige Ausdruck, der über dem kleinen Gesicht lag, schnitt ihm ins Herz.

Dorrit Maxwell stand plötzlich neben ihnen. Sie bemühte sich, ihrer Stimme einen ruhigen Klang zu geben.

»Wir warten noch, Jacqueline«, sagte sie leise. »Wir fahren mit einem andern Bus.«

Eric Ride rührte sich nicht von der Stelle. »Ich auch«, erklärte er.

»Ich soll das Kind zur Information bringen. Dort wird es von Frau von Czibulski erwartet«, raunte Dorrit Maxwell ihm zu.

Es ist unabänderlich, sagten ihre Augen, aber er wollte es nicht wahrhaben, und Jacky erst recht nicht.

Wie in Trance stieg er, das Kind fest an der Hand haltend, in den Bus. Sie waren zu dritt. Kein Wort wurde gewechselt.

Als sie aussteigen, flüsterte Jacky: »Mir ist gar nicht gut, Daddy.«

Mir auch nicht, dachte er. Sei ein Mann, Eric Ride, ermahnte er sich.

Sie mussten durch den Zoll. Seinetwegen hätte die Abfertigung noch Stunden dauern können. Den Betrieb um sich her nahm er gar nicht zur Kenntnis.

Und alles, was dann geschah, erschien ihm wie in einem Märchen, in dem plötzlich eine unsichtbare gute Fee auftrat, um geheimste Wünsche zu erfüllen.

»Frau Czibulski hat sich noch nicht gemeldet«, hörte er Dorrit Maxwell sagen.

Jacky presste sich an ihn, umschlang ihn mit ihren kleinen Armen und murmelte etwas vor sich hin, was so klang wie: »Lieber Gott, lass sie doch nicht kommen.«

»Ich werde mit dem Chef besprechen, was wir machen sollen«, fuhr Dorrit fort. Sie entfernte sich.

Währenddessen tönte es immer wieder aus dem Lautsprecher: »Frau von Czibulski, bitte zur Information.«

Neben Eric Ride stand der Wagen mit den Koffern. Auch der von Jacky war dabei.

»Komm, Daddy, wir gehen einfach fort«, flüsterte das Kind. »Sie will mich sicher nicht haben.«

Mechanisch setzte er sich in Bewegung. Niemand schien das zur Kenntnis zu nehmen, niemand folgte ihnen, auch Dorrit Maxwell nicht.

Eric Rides Denken war ausgeschaltet. Er handelte nur nach seinem Gefühl.

Draußen standen Taxis. Ein Chauffeur sprang eilfertig heraus.

Im Handumdrehen waren die Koffer verstaut. Eric Ride und Jacky saßen auf dem Rücksitz.

»Wohin, die Herrschaften?«, fragte der Chauffeur.

»Nach Erlenried«, erwiderte Eric Ride heiser.

»Kenne ich nicht. Bei welcher Stadt liegt es?«

»Hohenborn. Fahren Sie erst aus der Stadt heraus, dann können wir fragen«, stieß Eric hervor.

»Ich habe eine Karte, wir können nachsehen. Ist wohl eine ziemlich weite Fahrt?«, fragte der Mann skeptisch.

»Es wird sich für Sie lohnen«, brummte Eric Ride. »Hier, das als Anzahlung.«

Er drückte ihm einen Geldschein in die Hand. Dem Mann traten die Augen fast aus den Höhlen, und los ging die Fahrt.

*

Dorrit Maxwell stand inzwischen schwere Minuten aus.

»Hier haben sie gewartet«, sagte sie zu ihrem Chef, »Mr Ride und das Kind. Hier bei der Information.«

»Aber jetzt sind sie nirgends zu sehen«, knurrte er. »Sie wissen, was das für Folgen für Sie hat?«

»Warum ist die Großmutter auch nicht erschienen?«, stammelte sie. »Es ist doch unverantwortlich, und Mr Ride hat sich der Kleinen rührend angenommen.«

»So rührend, dass er sie entführt hat. Er wird sicher gewusst haben, wie viel Geld da zu holen ist.«

Sie starrte ihn entgeistert an.

»Aber Mr Ride ist einer der reichsten und bekanntesten Industriellen Australiens«, stotterte sie. »Sie werden ihn doch nicht der Kindesentführung bezichtigen wollen.«

»Wie nennen Sie es denn, wenn ein Kind spurlos verschwindet?«, herrschte er sie an.

Dorrit rang nach Fassung. Aber plötzlich fühlte sie sich veranlasst, diesen Mann zu verteidigen.

»Mr Ride sprach davon, dass er das Kind persönlich bei Frau von Czibulski abgeben wolle. Er ist wohl mit der Familie bekannt«, griff sie zu einer Notlüge. »Bitte, unternehmen Sie noch nichts.«

»Das müssen Sie schon mir überlassen«, brummte er. »Na, die Papiere haben Sie ja wenigstens. Dann werde ich mich erst einmal mit Frau von Czibulski in Verbindung setzen. Es ist ja wirklich unverständlich, dass niemand erscheint, um das Kind abzuholen, wenn man es schon von Australien allein fliegen lässt.«

»Sie war nicht allein. Mr Ride war ja von Anfang an bei ihr«, murmelte Dorrit. »Ich war nur so durcheinander, dass ich wahrscheinlich dummes Zeug geredet habe.«

Er warf ihr einen misstrauischen Blick zu.

»Tragen Sie das Ihre dazu bei, diesen väterlichen Mr Ride aufzutreiben. Aber alle Schwierigkeiten, die er uns bereitet, haben Sie zu verantworten! Halten Sie sich zur Verfügung.«

Nun stand Dorrit Maxwell da, und sie wusste nicht, was sie tun sollte.

Er war mit dem Kind verschwunden, das stand fest. Und sie war sicher, dass Jacky freiwillig und sehr gern mit ihm gegangen war.

Es mochte eine Kurzschlusshandlung gewesen sein, aber sie war überzeugt, dass er dabei nur das Wohl des Kindes im Auge hatte.

Das rührende Bild, das die beiden geboten hatten, ging ihr nicht aus dem Sinn, und sie überlegte krampfartig, was sie von den Gesprächen, die die beiden führten, aufgefangen hatte.

Von einer Granny hatte er gesprochen, von seinen erwachsenen Kindern, von Erlenried und Erlenhof … War es so, oder hatte es anders geheißen? In ihrem Kopf überstürzten sich die Gedanken. Doch, so hatte es geheißen.

Ich muss etwas unternehmen, dachte sie. Er darf keine Schwierigkeiten bekommen.

*

Jacky sagte nichts und fragte nichts. In ihr Gesichtchen war die Farbe zurückgekehrt.

Sie machte sich keine Gedanken über die Schwierigkeiten, die durch Daddys plötzlichen Entschluss heraufbeschworen werden konnten. Sie war bei ihm, und das genügte ihr.

Eine Stunde waren sie schon gefahren, als der Chauffeur brummig sagte, dass er nun wohl doch mal die Karte zurate ziehen müsse.

Das taten sie dann auch gemeinsam. Hohenborn war schneller gefunden, als Eric Ride angenommen hatte. Erlenried war auf der Karte nicht zu finden.

»Es ist eine neue Siedlung«, erklärte Eric Ride.

Er war in fatalistischer Stimmung. Auf seine alten Tage wurde er nun noch zum Kidnapper.

Ach was, dachte er, niemand kann mich in solchen Verdacht bringen. Wenn diese Großmutter kein Verantwortungsgefühl besitzt, kann man das Kind dafür nicht bestrafen.

Was hätten sie denn schon mit Jacky gemacht? In so ein Heim gesteckt, wo sie unter vielen unterschiedlichen Kindern einsam gewesen wäre.

»Was wird Granny sagen?«, fragte sie leise.

Ja, darauf war er auch gespannt. Und Freddy und Tracy dazu! Man würde ihn vielleicht für verrückt halten, und irgendwie war es ja wohl auch verrückt, was er tat, aber er war bereit, es zu verantworten.

»Nun, das werden wir bald sehen, Jacky«, brummte er. »Mach dir nur keine Gedanken.«

Über ihre Großmutter verlor sie jedoch kein Wort. Ihren Bimbo im Arm, hielt sie mit aller Anstrengung die Augen offen, aber dann fielen sie ihr doch zu.

*

»Heute müsste Daddy aber kommen«, stellte Tracy beim Frühstück fest. »Typisch für ihn, dass er uns den Ankunftstermin nicht mitteilt. Wie kommt er überhaupt nach Erlenried?«

»Es soll Taxis geben«, meinte Mary-Ann Ride unbekümmert. »Eric reist schließlich nicht zum ersten Mal, mein Kind, und ein Hinterwäldler ist er auch nicht. Vielleicht hat er unterwegs eine hübsche junge Dame aufgegabelt, von der er sich so rasch nicht trennen will.«

»Wie du von deinem Sohn sprichst, Granny!«, äußerte Tracy missbilligend.

»Ich mache mir keine Illusionen, und ein bisschen Vergnügen ist ihm doch wohl zu gönnen. Schließlich ist er kein Tattergreis. Titus Grossmann war älter als er, als Evi zur Welt kam. Ach richtig, fast hätte ich es vergessen. Ich habe etwas zu erledigen.«

»Was denn?«, fragte Tracy neugierig.

»Das erfährst du, wenn ich Erfolg hatte«, erwiderte Mary-Ann Ride in ihrem bestimmten Ton, der weitere Fragen von vornherein ausschloss.

»Und wenn Daddy inzwischen kommt?«, bemerkte Tracy.

»Dann wird er eben mal ein paar Minuten auf seine Mutter warten«, kam die rasche Antwort. »Ich werde Sandra fragen, ob sie mir ihren Wagen leiht.«

Mary-Ann Ride schreckte vor nichts zurück. Sie getraute sich auch, einen fremden Wagen zu chauffieren. Und zehn Minuten später war sie schon unterwegs.

Sie scheute sich auch nicht, bis vor das Haus von Titus Grossmann zu fahren. Eva wurde schreckensbleich, als sie ausstieg.

Mary-Ann Ride bedeutete ihr, wieder ins Haus zu gehen und besser nicht in Erscheinung zu treten.

»Käti!«, rief Mary-Ann laut.

Die alte Frau kam angewankt. Ihre Augen waren blind von Tränen. Herzlich wurde sie von Mary-Ann Ride in die Arme genommen.

»Gute Käti!«, murmelte sie.

»Fünfzig Jahre mussten vergehen, dass wir uns wiedersehen.«

»Ich kann es nicht fassen, ich kann’s nicht fassen!«, stammelte Käti.

»Was soll das?«, dröhnte Titus Grossmanns Stimme durch die Diele.

Über Kätis Schulter hinweg fasste Mary-Ann ihn ins Auge.

»Wir feiern Wiedersehen. Das wird doch wohl gestattet sein. Aber wir werden noch Zeit dafür haben. Nun zu dir, Titus Grossmann!«

Er war nicht so leicht aus der Fassung zu bringen, doch diesmal war er sprachlos.

Aus zusammengekniffenen Augen starrte er die hübsche alte Dame an.

»Annemarie von Rieding«, sagte er mit schwerer Stimme.

Sie hob den feinen Kopf.

»Ich habe mit dir zu sprechen, Titus!«, erklärte sie entschlossen.