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Otto arbeitet als Inspizient an einem der unzähligen Theater Berlins. Zwei Wochen vor dem Jahreswechsel beginnen die Endproben zu Shakespeares "Ein Sommernachtstraum". Auf rätselhafte Weise verschlägt es Otto über Nacht in eine unbekannte Welt. In diesem fremdartigen Reich begibt er sich auf die Suche nach Antworten und begegnet einem seltsam exotischen Volk. Nachdem er überraschend zurückkehrt, muss er von der Polizei erfahren, dass seine Verlobte ermordet worden ist. Hängt das in irgendeiner Weise mit seiner Entdeckung der anderen Welt zusammen? Er beginnt auf eigene Faust zu ermitteln und hilft dem Kommissar bei der Aufklärung des Mordes, verbringt aber mehr und mehr Zeit in der Fremde. Zunehmend verknüpft sich das Hier mit dem Dort, bis Otto am Ende dem Mörder gegenübersteht, doch wo wird das sein?
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Seitenzahl: 458
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Ute Neas
Im Spiegel des Zwillings
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog - Der Aufbruch
Die Nachricht
Unwetter ziehen auf
Auferstehung
Der erste Kontakt
Abschied
Träume und Geschichten
Stille Tage
Der Grüne Turm
Verfolger der Einsamen
Der Stille Tag
Das weiße Zimmer
Unheimliche Begegnung
Der Ring
Epilog
Impressum neobooks
Noch vor einem Moment befand er sich in einer fremden Welt. In letzter Zeit verschlägt es ihn immer häufiger dorthin. Dieses Mal ist etwas großartiges passiert, er hat endlich ein paar Worte der unbekannten Sprache verstanden. Nun können ihm jene Wesen endlich sagen, wer sie sind und was sie von ihm wollen.
Er versucht sich noch einmal an seine erste Begegnung mit ihnen zu erinnern. Schon jetzt verblassen die Erinnerungen. Eines hat sich aber tief in sein Gedächtnis eingebrannt, die Angst, die sich damals seiner bemächtigte. Ohne eine Vorwarnung, ganz plötzlich war es geschehen. Dieses erste Aufeinandertreffen hatte aber die Anderen noch viel mehr erschreckt als ihn, so sehr, dass sie in ihrer Panik ein furchtbares Unwetter heraufbeschworen. Erst viel später wird er herausfinden, was sie so erschreckt hat, denn nicht die Tatsache, dass ein Mensch in ihre Welt eindrang, war der Grund dafür.
Aber begonnen hat alles viel früher.
An einem Morgen, der genauso anfing, wie viele andere zuvor, brachte ihn irgendetwas, völlig unerwartet und von ihm unbemerkt, in eine andere Welt. In dem einen Moment war er, vor seinem Badezimmerspiegel, mit der alltäglichen Prozedur des Rasierens beschäftigt und im nächsten nur noch mit der Frage: Wo bin ich? Von einer Sekunde auf die andere fand er sich auf der Wiese einer unbekannten Waldlichtung wieder. Im wilden Grün zelebrierte das im Wind tanzende Gras seine Vollkommenheit. Am Blauen, wolkenlosen Himmel stand die Sonne genau im Zenit. Wenn es einen Schatten von ihm gegeben hatte, so war der vollständig unter seine Füße gekrochen. Eine kleine braune Feder segelte neben seinen Füßen zu Boden und kurz darauf ertönte über ihm ein hohes Kreischen. Mit zurückgeworfenem Kopf suchten seine scharf gestellten Augen die Lüfte nach dem unbändigen Schreihals ab und erspähten hoch oben am Firmament einen Bussard, der dort seine Kreise zog. Irgendetwas in seinem Schnabel glitzerte und funkelte bis weit in die Ferne.
Bevor sein Nacken steif werden konnte, erreichte die Hitze des Tages seinen Körper. Er hörte auf zu zittern, löste sich aus seinem starren Entsetzen und schaute sich um, indem er sich einmal langsam um sich selbst drehte. Auf der einen Seite, in einiger Entfernung, hinter dem Wald, der ihn umgab, glaubte er, so etwas wie eine Stadt, erkennen zu können. Große, weiße Gebilde blitzten durch das Laub hindurch und ragten über es hinaus.
Er wusste nicht, wie lange er auf dieser Lichtung unbeweglich gestanden hatte, bevor seine Füße sich endlich in Bewegung setzten, um ihn in die Richtung der unbekannten Stadt zu tragen. Das weiche, saftige Gras kitzelte seine Fußsohlen. Er sah verwundert an sich hinab und blickte auf die nackten Füße am Ende seiner Gliedmaßen, kein Schuhwerk, keine Socken boten ihnen Schutz. Früher, als kleiner Junge, war er oft und gerne barfüßig durch den Wald gelaufen, doch das lag nun schon lange zurück. Würden seine zartbesaiteten Füße das jetzt noch aushalten? Es blieb ihm nichts anderes übrig, als dies herauszufinden und so lief er unverändert, sich damit abfindend, jeden Kieselstein und jeden Dorn zu spüren, weiter.
Noch immer kreiste der Bussard über ihm, und schien ihn mit seinen hohen, kreischenden Rufen vertreiben zu wollen. Möglicherweise sah der sich bei seiner Jagd gestört. Vielleicht saß in einer der Baumkronen dessen Junges und drohte schon zu verhungern, weil es bereits viel zu lange nichts zu fressen bekommen hatte. Um den Jäger der Lüfte zu beruhigen, verließ er die helle Lichtung und begab sich in den dämmrigen Wald. Es dauerte eine Weile, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten und wieder etwas erkennen konnten. Von dem, was er für eine Stadt gehalten hatte, war nun nichts mehr zu sehen, aber er wusste noch, in welcher Richtung sie lag. Die Angst, die ihn durch den unbekannten, finsteren Wald begleitete, wich bald von ihm, denn es schien fast so, als würde der Wald ihm wohlgesonnen sein. Seine nackten Füße konnten sich fast den ganzen Weg lang über samtweiches Moos bewegen. Auch unbekannte, gefährliche Tiere begegneten ihm nicht, vielleicht gab es überhaupt keine. Während seines gesamten Marsches fiel genügend Licht durch das dicke, grüne Laub, so lief er niemals Gefahr, den Weg aus Versehen zu verlassen, den ihm der Wald so komfortabel wies und von dem er hoffte, dass der ihn sicher ans Ziel brächte. Nachdem er eine Weile den ihm gewiesenen Pfad gefolgt war, sah er endlich wieder etwas Weißes zwischen den Baumstämmen hindurchschimmern. Er war davon überzeugt, dass es sich dabei um die Häuser einer Stadt handelte, obwohl das, was er sah, so weiß war, wie die nassen Laken in den engen Gassen Kairos, die dort voller Stolz aufgehängt werden, nachdem sie von den nubischen Frauen mit einem fingerhutvoll Azurblau gewaschen wurden, Stolz auf das strahlende Weiß ihrer Wäsche. Auch wenn das Weiß hinter den Bäumen ebenso gut hätte Schnee sein können, wären die Temperaturen andere gewesen, er glaubte fest daran, dass er dort auf eine Art von Zivilisation treffen würde, die anders wäre, als die im Norden Afrikas oder jene am Fuße des Kilimandscharo, anders als alles, was er bisher gesehen hatte. Und genau deshalb lief er zielstrebig weiter, geradewegs darauf zu. Nach einiger Zeit wurde es um ihn herum wieder heller, der Wald begann sich langsam zu lichten, schon bald ließ das Blätterdach wieder das Licht der Sonne zu ihm vor. Dann endlich, er schlüpfte noch durch ein paar gewaltige, uralte Eichen hindurch, da sah er sich augenblicklich einer so ausgefallenen Konstruktion gegenüber, die erst durch ihre Einfachheit und Geradlinigkeit auf ihn eine starke Faszination ausübte. Vor ihm erhob sich ein gigantischer, makellos geformter, schneeweißer Zylinder, geradezu pompös in seiner Perfektion. Und dahinter standen noch mehr, viele mehr, jeder glich dem anderen bis ins kleinste Molekül, eine Komposition in Harmonie. Kein Theater dieser Welt könnte das auf die Bühne zaubern, was er hier sah. Entweder tat sich vor ihm eine Stadt besonderer Art auf, oder er war in die Garderobe eines, von Hüten besessenen, altmodisch gekleideten Riesen gestolpert.
Zaghaft setzte er einen Fuß vor den anderen und begann das nächstgelegene Objekt zu umkreisen.
Ein Teil davon, sehr weit oben, war rundherum durchsichtig, so dass man dort vermutlich bis weit über das Land blicken konnte. Gegen Ende seiner Runde, entdeckte er etwas, das wie eine Tür aussah. Es konnte sich also tatsächlich um ein Wohnhaus handeln. Aber sie war verschlossen, bot keine Klinke, Schalter oder ähnliches, das er hätte bedienen können, um sie zu öffnen. Weit und breit war niemand zu sehen. Auf sein Pochen und Hämmern gegen die Tür, rührte sich im Innern nichts, ebenso wenig auf sein lautes Rufen, das er mangels Klingel auch noch einsetzte. Die ganze Gegend wirkte wie ausgestorben, oder war sie verlassen worden? Auf einmal kam er sich ganz verloren vor, wie er in dieser unbekannten Welt stand und die Leere anschrie. Hier musste es einfach irgendwo Leben geben. Vielleicht sollte er weiter vordringen in den Ort. Seine suchenden Augen entdeckten einen Weg der abwärts führte, dorthin, wo die schneeweißen Zylinder noch dichter beieinander standen, und er folgte ihm. Nach ein paar Schritten hinab machte der Weg eine Biegung nach rechts. Diese hinter sich lassend, konnte er jetzt bis ganz nach unten sehen, und dort, am tiefsten Punkt dieses merkwürdigen Ortes, da entdeckte er sie, auf einem freien Platz.
Obwohl er nichts über die Fremden wusste, oder gerade deswegen, denn auch die Neugier trieb ihn an, überwand er seine Angst und setzte sich, ein wenig zornig, in Bewegung. Ihm blieb gar keine Wahl, wenn er herausfinden wollte, warum er hier war, musste er zu ihnen.
Auf seinem Weg nach unten, zeigte sich, dass dieser Ort viel größer war, als er geglaubt hatte. Der Weg, den er hinablief, schien im gleichen Maße, wie er voranschritt, zu wachsen, dehnte sich scheinbar aus und wurde immer länger. Irgendwann war es aber doch so weit, er tauchte ein in das Getümmel auf dem Platz.
Anfänglich wusste er überhaupt nicht, was er da sah. Das Bild eines ziemlich verwahrlosten Mannes ließ ihn zusammenzucken. Bei genauer Betrachtung konnte er irgendwo zwischen den zerzausten Haaren, den Bartstoppeln und dem Dreck, den der Wald auf dem Gesicht hinterlassen hatte, sich selber erkennen. Tatsächlich hatte ein verdunkeltes Fenster ihm sein Spiegelbild zurückgeworfen. Aber nichts konnte ihn jetzt mehr aufhalten. Er suchte nach Antworten, und dafür musste er weiter. Bevor er jedoch jemanden ansprechen konnte, da sah er plötzlich wieder sich, im Badezimmerspiegel seiner Wohnung. Die Hand, die noch immer den Rasierapparat hielt, hing schlaff an seiner Seite herunter.
Hatte er das alles geträumt?
Das Telefon draußen im Flur klingelte. Mit jedem zügellosen Läuten kehrte Otto Schritt für Schritt zurück in die uns bekannte Welt. Als er endlich das Telefon erreichte, da verstummte es. Der ungeduldige Anrufer hatte aufgegeben. Ihn fror, unerwartete eisige Kälte stieg von seinen Füßen empor. Bei klirrender Kälte stand er barfüßig vor dem Telefon im unbeheizten Flur seiner Wohnung. Über Nacht hatte plötzlich der Winter Einzug gehalten.
Ein Blick auf die Uhr mahnte ihn zur Eile. In einer halben Stunde war Probenbeginn, und als Inspizient sollte er die Bühne vor den Darstellern betreten. Er wollte nur noch rasch nachsehen, ob SIE zuhause war, doch, wie so oft in letzter Zeit, schlug ihm die Leere ihres Zimmers mit schmerzhafter Wucht entgegen. Eine unerklärliche Angst saß ihm im Nacken, als er hinaus ins Freie trat. Es gibt Tage, da spürt man das Unheil nahen. Dies war ein solcher.
Pünktlich wie immer, traf er im Theater ein und begann die Probe zur festgesetzten Zeit. Als sie gerade eine halbe Stunde lang geprobt hatten, unterbrach die Regisseurin plötzlich die Arbeit, schickte das Ensemble in eine Pause und beorderte Otto hinunter zur Pforte, wo ihn dringend ein paar Leute zu sprechen wünschten. Was konnte so wichtig sein, dass deswegen, mitten in den Endproben zum "Sommernachtstraum", das halbe Theater lahmgelegt wurde? Ihm fiel nichts dazu ein, außer einem Vorfall, der sich vor langer Zeit zugetragen hatte.
Er war damals dreizehn Jahre alt und saß mit ein paar Freunden erwartungsvoll im Kino. Sechshundert Menschen hatten es ihnen gleichgetan. Sie alle waren gekommen, um den mit Ungeduld erwarteten Film „Es war einmal in Amerika“, zu sehen. Nun starrten sechshundert Augenpaare gebannt auf die Bilder, die die Leinwand füllten. Robert de Niro verließ gerade nach langer Haft das Gefängnis, wurde von seiner alten Jugendgang, die inzwischen erwachsen geworden war, euphorisch empfangen, und in ein Auto zu einer Nutte verfrachtet, als sich plötzlich der Ton des Films veränderte und eine Zeit lang viel zu leise und unverständlich blieb. Die größtenteils jugendlichen Zuschauer wurden schon ärgerlich und begannen sich lautstark über diesen unakzeptablen Zustand zu beschweren, da kam eine Frau in den Saal, trat vor die Leinwand und erkundigte sich laut, ob ein Otto so und so anwesend sei. Etwas konsterniert gab er sich zu erkennen, woraufhin die Frau ihn, wegen einer wichtigen Angelegenheit, nach draußen bat. Seine Freunde, er und wahrscheinlich auch die meisten anderen Zuschauer, sie alle nahmen an, dass etwas ganz Furchtbares passiert sein musste. So einfach ging man auch damals nicht in ein Kino, ließ den Film unterbrechen und Jemanden herausholen.
Nachdem Otto den Saal verlassen hatte, teilte man ihm mit, dass er Besuch hätte und führte ihn ins Foyer. Dort erwartete ihn, zu seiner großen Überraschung, ein Freund vom vergangenen Sommer, den sie gemeinsam in einem Ferienlager verbracht hatten. Drei Wochen lang waren sie zusammen durch Dick und Dünn gegangen. Otto hatte das alles fast schon vergessen, schließlich wohnten sie weit voneinander entfernt, ein Telefon besaß damals kaum jemand und im zarten Alter von dreizehn Jahren fährt man noch nicht alleine quer durchs Land, um einen flüchtigen Freund zu besuchen. Dieser hier war auch nur auf der Durchreise und hatte in Ottos Heimatstadt ein paar Stunden Aufenthalt, die er unbedingt mit seinem Freund verbringen wollte.
Sie hatten sich viel zu erzählen, lachten über Vergangenes und trauerten um den Abschied, der allzu schnell kam. Die Zeit war wie im Fluge vergangen, und sein Freund musste wieder zum Zug.
Seither haben sie sich nicht wiedergesehen, aber diese zwei Stunden werden für Otto noch lange in Erinnerung bleiben. Leider hat sein Freund ihm nie verraten, wie er es fertiggebracht hatte, das Kinopersonal zu überzeugen, ihn dort rauszuholen, und das nur, um einen kurzen Plausch mit seinem Freund zu halten. Doch jene amüsante Geschichte lag nun schon lange zurück, und an diesem heutigen Tag, drei Jahrzehnte danach, würde es mit Sicherheit nicht so glimpflich enden.
Mit schlotternden Knien stieg er die Treppe hinab. Er musste aufpassen, dass er nicht hinstürzte. Diese Angst, die sich am frühen Morgen bei ihm eingenistet hatte, gebar sich jetzt als ausgemachtes Schreckgespenst.
Beim Pförtner standen zwei Männer die er nicht kannte. Eine einzige, kaum wahrnehmbare Kopfbewegung des Pförtners, deutete ihm an, dass dies die Herren waren, die auf ihn warteten.
Der Jüngere von beiden, mittelgroß und ungesund dünn, mit altmodischem Oberlippenbart, einer glänzenden Nickelbrille, die vielleicht vor dreißig Jahren modern gewesen war, und schütterem, dunklem Haar, stellte den anderen Herrn als Kriminalhauptkommissar Adam vor, sich selbst aber nicht. Dann fragte er Otto nach einem Dokument, mit dem er sich ausweisen könne. Dabei dehnte er jedes Wort derart in die Länge, als spräche er in einer ihm fremden Sprache. Otto fiel auf, wie sehr der Mann darum bemüht war, gelassen zu wirken. Da man ihm jedoch die Anstrengung ansah, die es ihn kostete, wirkte er noch unsicherer, als er ohnehin schon war, ein wenig so, wie ein kleiner Junge bei seiner ersten Verabredung mit einem Mädchen. Zudem fiel sein Körper langsam in sich zusammen und schien sich mehr und mehr zu krümmen. Obwohl Otto beinahe Mitleid mit dem schmächtigen Mann hatte, huschte ihm die Andeutung eines Schmunzelns über das Gesicht. Dieses kleine Zwischenspiel entging dem aufmerksamen Kommissar nicht. „Mensch reißen sie sich zusammen Kriminalmeister Grell. Entschuldigen sie bitte, das ist sein erster Tag mit mir im Außendienst.“, wandte dieser sich nun an Otto. „Hätten sie vielleicht einen Ausweis dabei den sie uns zeigen könnten?“ Ottos Hände zitterten heftig, als er in die Gesäßtasche seiner Hose griff. Er konnte ihnen nicht mehr trauen und war froh, als der Kommissar für ihn den Ausweis aus der Brieftasche fingerte. Er wäre dazu außerstande gewesen. Das ist das Schlimmste, dass einem die einfachsten Dinge nicht mehr gelingen wollen, wenn der Körper von Angst regiert wird. Nachdem der Kommissar, der das komplette Gegenteil seines Kollegen war, geradezu einschüchternd souverän, nachdem er festgestellt hatte, dass Otto die Person war, die er vorgab zu sein, riet er ihm Platz zu nehmen, und Otto ließ den Körper, der nicht mehr der seine war und sich dankbar für die Erleichterung zeigte, in einen der beiden ledernen Sessel vor der Pförtnerloge fallen.
Kaum war er in den Sessel gesunken, begann sein schlimmster Albtraum Gestalt anzunehmen. „Sie leben mit Katharina Valla zusammen, ist das korrekt?“ „Ja, wir sind verlobt, wieso?“, kam es kläglich aus Otto heraus, denn jedes einzelne Wort musste zuerst eine Schlacht gewinnen, bevor es einen Weg hinaus ins Freie fand. „Ach so, sie wollten heiraten, das wussten wir nicht, dann tut mir umso mehr leid, was ich ihnen jetzt mitteilen muss: Katharina Valla ist heute, in den frühen Morgenstunden, im Monbijoupark, nahe dem Brunnen, ermordet aufgefunden worden.“ „Was für ein Brunnen? Im Monbijoupark gibt es keinen Brunnen.“ Otto wusste überhaupt nicht was er da sagte, redete irgendetwas daher, sein Gehirn hatte schlagartig ausgesetzt. „Beruhigen sie sich, bitte. Ich konnte sie nicht schonender informieren, aber ich glaube, der Brunnen ist relativ neu, er wurde wohl erst vor kurzem dort aufgebaut, Oranienburger Straße Ecke Monbijoustraße, am Parkeingang.“ An das, was dann alles folgte, kann Otto sich nur bruchstückhaft erinnern: „Wir wissen noch nichts Genaues… keine konkrete Zeit, irgendwann gestern Nacht… mehrere Stichwunden… der linke Ringfinger fehlt…“
Das Letzte bekam er mit und blickte unwillkürlich auf den Verlobungsring an seiner linken Hand. Ein funkelnder Stern schien, wie durch Magie, über den schwarzen Stein hinwegzugleiten, er hatte etwas Sonnenlicht eingefangen und gab es auf diese Weise wieder frei. Katharina hatte ebenfalls einen an der linken Hand getragen, und in nicht einmal zwölf Wochen sollten beide Ringe auf die rechte Hand hinüberwechseln und ein ewiges Bündnis besiegeln. Wollte sie sich jetzt doch davor drücken? Wieder zeigte der Kommissar seine gute Beobachtungsgabe, fragte Otto nach der Bedeutung des Ringes und, ob Katharina auch einen getragen hatte. Offenbar war ihrer verschwunden, mit dem Finger, der ihn trug. „Das sind unsere Verlobungsringe, und sie wäre mit Sicherheit nicht ohne ihren aus dem Haus gegangen.“ Otto stand kurz davor, ihnen den Hintersinn dieses Steines zu erklären, als ihm klar wurde, dass das hierfür wahrscheinlich überhaupt nicht hilfreich wäre. „Ach so, wir werden danach Ausschau halten. Vielen Dank. Das wäre vorerst alles, außer einer Sache: Könnten sie, wenn es nicht zu viel verlangt ist, so schnell wie möglich ins Rechtsmedizinische Institut in der Turmstraße kommen, um ihre Leiche zu identifizieren! Anschließend hätten wir da noch ein paar Dinge zu klären.“ Irgendwo in der Ferne hörte Otto die Glocken einer Kirche läuten. „Das bedeutet, es besteht immer noch die Möglichkeit, dass sie es gar nicht ist?“ „Diese Hoffnung sollten sie sich lieber aus dem Kopf schlagen. Es ist nur zwingend erforderlich, dass sie jemand so rasch wie möglich identifiziert. Erst danach dürfen wir die genauen Umstände ihres Todes untersuchen, und wenn sie das tun würden, könnten wir ihrer Familie diesen schmerzvollen Gang ersparen.“
Otto versprach zu kommen, und jenes sonderbar, ungleiche Paar wandte sich teilnahmslos dem Ausgang zu. Sie hatten bekommen, was sie wollten und ließen Otto, dessen Welt sie mit wenigen Worten in Trümmer gelegt hatten, in diesem Trümmerhaufen zurück. Unerklärlicherweise hatte das Zittern seines Körpers aufgehört, der war jetzt ganz ruhig. Aus den Tiefen seines Seins bohrte sich ganz langsam eine schreckliche Emotion an die Oberfläche, kein Schmerz, ein Gefühl der Leere und des Nacktseins. Gläsern schien er zu werden, seine Haut durchsichtig, für jedermann einsehbar, wie auf den Bildern dieser Körperscanner, die man inzwischen auf so manchem Flughafen vorfindet. So verletzlich, wie er sich jetzt fühlte, blieb er rührungslos, zusammengekauert dort sitzen, wo er war und träumte sich auf eine saftige, grüne Wiese. Es roch so herrlich nach frisch gemähtem Gras.
„Otto, ist alles in Ordnung? Was ist denn passiert?“ Die Regisseurin hockte vor ihm. Wo war die plötzlich hergekommen? „Ach nichts. Machen wir jetzt weiter? Soll ich alle ein-rufen?“ „Nur, wenn du dich dazu in der Lage siehst.“ „Na klar, warum auch nicht?“
Als er wieder zur Bühne kam und die Probe fortsetzte, fragte ihn niemand, was los gewesen sei. Das fand Otto sehr merkwürdig, denn schließlich hatten sie alle mitbekommen, dass nur seinetwegen die Probe zu so früher Stunde unterbrochen worden war, und normalerweise hätten sie wissen wollen, warum. Irgendjemand musste geplaudert haben. „Der Pförtner!“, schoss es ihm durch den Kopf, der hatte als einziger alles mit angehört. Am liebsten wäre er sofort zu ihm gegangen und hätte ihn zur Rede gestellt. Er schwor sich, das nach der Probe auf jeden Fall nachzuholen, aber bis dahin sollte sich sein Verdacht als Irrtum herausstellen.
Kurz nachdem Otto wieder alle Leute auf, vor und hinter der Bühne auf ihren korrekten Positionen wusste, und eben im Begriff war, die Probe fortzusetzen, da erschien ganz unverhofft der Intendant des Hauses am Inspizienten Pult, und bot ihm an, sich frei zu nehmen. "Nein, wieso denn?" "Ich weiß, warum die Polizei da war. Bevor ich dich aus der Probe holen ließ, haben sie mir erklärt, worum es geht. Ich kann mir also vorstellen, wie es dir geht, und hätte Verständnis, wenn du jetzt nicht weiterarbeiten kannst. Das regle ich schon irgendwie." "Nicht nötig, ich mache weiter." Otto setzte sogleich alle erforderlichen Lichtzeichen und rief zur Bühne, es könne jetzt weitergehen, damit der Intendant sehen konnte, dass es ihm ernst war. Nun war Otto klar, was vor sich gegangen war. Der Intendant hatte es von der Polizei erfahren, die Regisseurin vom Intendanten und das Ensemble von der Regisseurin. Otto fragte sich, ob auch schon die Kollegen von der Klimatechnik Bescheid wussten, die ihr Domizil ganz tief unten im Keller hatten. Es empörte ihn, dass der Klatsch, den das Theater über alles liebte, nun ihn zum Thema hatte, während sein bisheriges Leben, da unten an der Pförtnerloge, ein jähes Ende fand. Er hatte keine Zeit mehr länger darüber oder über andere Dinge nachzugrübeln, die Probe verlangte nach seiner ganzen Aufmerksamkeit.
Otto blieb also. Wie ein gut programmierter Roboter versah er seinen Dienst bis zum bitteren Ende. Nach der Vormittagsprobe wurde geleuchtet, bis an die Abendprobe heran. Ohne eine Pause dazwischen, rief er danach gleich wieder alle zum Stückbeginn ein. Nach einem halbwegs gelungenen Durchlauf, bat er über seinen Ein-Ruf alle Darsteller zur Kritik ins Konversationszimmer, schloss sein Inspizienten Pult ab und entschied sich, dieses Mal an der Probeneinschätzung nicht teizunehmen. Wenn es Kritik an seiner Arbeit gab, konnte ihm die Regisseurin oder ihr Assistent diese am nächsten Morgen mitteilen. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen.
Endlich neigte sich dieser qualvolle Tag seinem Ende zu und Otto betrat, auf einen Whisky erpicht, die Theaterkantine. Hatte dort soeben noch ein reges Treiben geherrscht, stellte sich abrupt betretenes Schweigen ein. Irritiert schaute er sich um und sah die vielen fragende Augen auf sich ruhen. Bevor irgendjemand ihn ansprechen konnte, verließ er den Raum auf der anderen Seite wieder und trat hinaus auf die Straße.
Er ging in die nächstgelegene Kneipe, in der ihn mit Sicherheit niemand kannte und bekam endlich seinen lang ersehnten Whisky. Dies war der Beginn einer Nacht der endlosen Exzesse. Er zog von Kneipe zu Kneipe und schüttete in sich hinein, was hineinging. Ob er dabei irgendwen getroffen hat, dass wusste er später nicht mehr. Als der Morgen graute standen immer noch ein Bier und ein Whisky vor seiner Nase auf dem Tresen eines Lokals, dass er noch nie zuvor gesehen hatte, und von dem er nicht einmal wusste, wo es sich überhaupt befand. Statt irgendwo in Berlin hätte er sich ebenso gut auf dem Saturn befinden können. Nachdem die meisten Menschen ihren Weg zur Arbeit zurückgelegt hatten, und der Kneipier seinen Laden schließen wollte, war es auch für Otto Zeit aufzubrechen. Ein neuer, langer Probentag lag vor ihm. Als er sich vom Barhocker hievte, wurde ihm klar, dass er viel zu betrunken war, um arbeiten zu gehen. In dem Zustand hätte er kaum den Weg zum Theater gefunden. Er riss sich zusammen, versuchte sich zu konzentrieren und rief dort an. Im Betriebsbüro fragte man nicht einmal nach dem Grund, als er ihnen mitteilte, dass er sich außerstande sähe, jetzt zur Probe zu kommen. Da am Morgen nur kleine Einzelproben angesetzt waren, sollte seine Abwesenheit kein größeres Problem darstellen und bis zur Abendprobe wollte er wieder fit sein.
Seine neu gewonnene Freiheit nutzte Otto dafür, in die nächste offene Kneipe einzukehren, wo er sich wieder Bier und Whisky bereitstellen ließ. Während er ein um das andere Glas trank, wartete er darauf, dass er endlich etwas Anderes spürte, als diesen dauernden Druck, der auf ihm lastete, doch lange Zeit veränderte sich nichts. Eine nie gekannte Ruhe hatte sich seiner bemächtigt, als wäre er zu einer leeren Hülle verkommen, einzig dazu da, dieses Vakuum zu umschließen. Schweigend saß er da, an seinem Tisch und trank sein Bier und seinen Whisky, ohne einen Gedanken. Das Einzige, das ihm ab und zu passierte, waren Bilder, die ihm erschienen, vor seinem geistigen Auge. Da war dieser dürre, schnauzbärtige Polizist, dessen Gesicht jedoch Katharinas Züge trug. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte er das wahrscheinlich sehr komisch gefunden, aber jetzt stieß ihn das einfach nur ab. Die Stunden gingen ins Land, dann endlich wich der Druck von ihm, er landete sanft auf einer Wolke und begann sich aufzulösen, wurde körperlos. Mit dem frisch aufgekommenen Wind zerstreute er sich und glitt hinüber in ein unbekanntes, düsteres Land.
Als er wieder zu sich kam, umgab ihn Dunkelheit, die Nacht war über die Stadt hereingebrochen. Der Tag war ihm irgendwie abhanden gekommen, als hätte er niemals existiert. Orientierungslos irrte er durch Gestrüpp, verfing sich darin, stolperte, stand wieder auf und wähnte sich in einem Wald. Wo war er? Er hatte doch die Stadt nicht verlassen? Übelkeit überkam ihn und zwang ihn dazu, stehen zu bleiben. Von irgendwoher drang Licht durch das Laub der Bäume, ein unbeweglicher heller Schein, der nicht vom fernen Mond stammen konnte. Die abnehmende Sichel hing, Wolken verhangen, direkt über ihm. Er hörte eine S-Bahn vorbeirasen, sie musste sich in der Nähe befinden. Also war er noch immer in der Stadt und bei der Lichtquelle handelte es sich vermutlich um eine Straßenlaterne, die hinter den Bäumen einen Weg beleuchtete. Wahrscheinlich befand er sich in einem Park. Schon im nächsten Augenblick erkannte er ihn. Aber er verstand nicht, was ihn in den Monbijoupark verschlagen hatte. Bilder tauchten schemenhaft auf, die viel zu rasch wechselten. Er sah kurz einen Brunnen aufblitzen, der zu schweben schien, auf dessen Rand ein alter, zerzauster Bussard saß, der den Finger eines Menschen im Schnabel hatte. Schon einen Moment später erschien ihm sein Intendant mit einem merkwürdigen Schnurrbart und einer altmodischen Nickelbrille, beides Dinge, die Otto noch niemals an ihm gesehen hatte. In dieser Aufmachung stand er auf der Bühne und zeigte mit einem fremden Finger, den er in der Hand hielt, auf die Drehbühne, die sich immerfort drehte und rief dabei: Schneller, schneller!“ Aus der Unterbühne traten Unmengen an Blut. Darin tanzten Elfen ganz ausgelassen herum, dass das Blut in alle Richtungen nur so spritzte, wie Regenwasser, in dessen Pfützen fröhlich hüpfende Kinder sich austoben. Ein heller Stern funkelte in der Ferne und eine Frau schrie wie am Spieß. Otto spürte wie der Boden unter seinen Füßen nachgab. Die Welt um ihn herum begann sich in einem rasenden Tempo zu drehen. Er ließ sich auf das fast schon gefrorene Erdreich nieder. Die Kälte, die seinen Körper sofort erfasste, war ihm egal, er wollte nur noch eines, dass diese Bilder aufhörten. Doch selbst als er die Augen schloss, drangen sie weiter auf ihn ein. Erst nach einer gefühlten, grauenvollen Ewigkeit, als er seinen Körper kaum noch spürte, hörten die Bilder endlich auf. Dunkelheit und Leere breiteten sich wieder in ihm aus.
Bei seinem Wiedererwachen hatte sich der Mond verzogen, er war von der Sonne verdrängt worden, welche nun die Welt mit einem hellen, gleißenden Licht überflutete. Seine kaum noch spürbaren Glieder waren steif gefroren und der Rest seines Körpers hatte dieses feuchte, kalte Bett vermutlich auch nicht unbeschadet überstanden. Was für ein Traum, dachte er und versuchte die Erinnerung daran schnell abzuschütteln, als ihm auf einmal bewusst wurde, dass dies der erste Albtraum nach einer sehr langen Zeit gewesen ist. Früher allerdings, da hatten ihn häufig schlechte Träume gequält, Träume, in denen er so manchen Kampf ausgefochten hatte, bis sie eines Tages plötzlich verstummten. Viel zu oft hatten sie ihn schreiend aus dem Schlaf gerissen.
Ein Blick auf sein linkes Handgelenk verhieß nichts Gutes, man hatte ihn beraubt. Die Uhr von seinem Großvater war weg. Die leere Innentasche seiner Jacke offenbarte ihm erst das ganze Ausmaß dieser räuberischen Nacht, auch die Brieftasche war fort, aber am schlimmsten war der Anblick seines linken Ringfingers, dessen Nacktheit Otto fast Tränen in die Augen trieb. Was wird Katharina sagen, wenn sie sieht, dass mein Verlobungsring weg ist, dachte er, und es schien fast so, als hätte es die beiden letzten Tage überhaupt nicht gegeben. Er hatte sie einfach ausgelöscht und der Leere gestattet diesen Raum einzunehmen. Alles woran er sich erinnerte, waren die Bilder eines Traumes, eines langen, bösen Albtraumes, mehr nicht. Er grübelte nur noch darüber nach, wie er den verloren gegangenen Ring Katharina erklären sollte. Er beschloss, sich das später zu überlegen, denn im Moment verlangte sein Körper nach Wärme und Essen. Er musste schleunigst einen trockenen und warmen Ort aufsuchen. Aus Mangel an Kenntnis der genauen Uhrzeit, entschied er sich dazu, das Theater aufzusuchen. Schließlich befand er sich mitten in den Endproben, außerdem konnte er sich dort unter einer Dusche aufwärmen und in der Kantine ein Frühstück einnehmen.
Die Uhr neben der Pförtnerloge zeigte ihm an, dass er sich sputen musste, wollte er das volle Programm noch vor der Vormittagsprobe durchziehen. Als er, nach einer ordentlichen Mahlzeit die Bühne betrat, sah er an seinem Pult einen anderen Inspizienten sitzen, der gerade die Sprechtasten gedrückt hatte und eben dabei war, irgendwelche Ein-Rufe zu tätigen. „Was tust du denn hier? Gibt es eine Spielplanänderung, von der ich nichts weiß?“, fragte Otto etwas konsterniert seinen Kollegen, nachdem dieser seine Ein-Rufe beendet hatte. „Nein, nein, keine Sorge, ich bin nur für dich eingesprungen. Das KBB hat mich gestern Abend angerufen, als du nicht zur Probe erschienen bist, und keiner dich erreichen konnte. Nach der Probe haben sie mir dann erzählt, was passiert ist und gefragt, ob ich das Stück nicht übernehmen würde. Mein Beileid übrigens. Die Polizei war vorhin auch schon hier, sie suchen dich." Als Otto das gehört hatte, war auf einmal alles wieder da, die beiden Polizisten, die Nachricht, Katharina, der Mord, und ihm dämmerte, dass all das kein Traum war, sondern die traurige Wirklichkeit. Als er sah, wie sein Kollege zum Telefon griff, um wer weiß wen anzurufen, verließ Otto die Bühne, lief hinaus aus dem Theater, und irrte wieder einmal ziellos durch die Straßen Berlins. Ein Zufall ließ seinen Weg den Hauptbahnhof kreuzen. Da beschloss er kurzer Hand, diese Stadt des Grauens zu verlassen. Doch zuvor nahmen dringende Angelegenheiten ihn in Anspruch. Die gestohlene Brieftasche, Herberge einer illustren Sammlung exklusiver Kreditkarten, könnte sonst zu Komplikationen führen. Ein glücklicher Umstand wollte es, dass Otto noch im Besitz seines Personalausweises war, den hatte er nämlich, nach dem Überfall der beiden Polizisten im Theater nicht wieder mühsam in die Brieftasche zurückgesteckt, sondern einfach in die Brusttasche seines Hemdes gleiten lassen. In seiner Bank ließ er all jene Kreditkarten sperren, an die er sich noch entsann, und hob genügend Bargeld ab, um ein paar Tage über die Runden zu kommen.
Zum Bahnhof zurückgekehrt, begann er intensiv den Fahrplan zu studieren. Durch die gewaltige, lichtdurchflutete Halle strömten die Menschenmassen in alle Richtungen vorwärts, auf ihrem Weg in die Zukunft, eine Zukunft, die es für Otto nicht geben würde, jetzt nicht mehr, nicht ohne Katharina. Mitten in diesem Treiben stand er und blickte stumm und ganz ruhig auf die Anzeigetafel mit den Abfahrtzeiten und Fahrzielen der unzähligen Züge die hier verkehrten. Noch sah er nicht, was er suchte, da stand kein Ziel, das ihn persönlich ansprach und er erwartete, dass es ihn überfallen, ihn anschreien, ihm irgendein Zeichen geben würde. Er starrte so lange auf die Anzeigen, bis irgendwann die leuchtenden Buchstaben begannen herauszufallen, sie hüpften und tanzten um die Tafel herum. Otto hatte Mühe ihnen zu folgen. Sein Kopf schmerzte, drum schloss er für einen kurzen Moment die Augen, um sie gleich wieder zu öffnen. Und unvermittelt erkannte er sein Ziel, in leuchtenden Buchstaben stand da ein Name geschrieben, direkt vor seiner Nase, und er verstand überhaupt nicht, warum er das nicht gleich gesehen hatte. Als hätten die tanzenden Buchstaben nur auf den Augenblick seiner Erkenntnis gewartet, huschten sie sogleich wieder zurück in die Anzeigetafel, als wäre nichts gewesen und Otto fand dort seinen Zug wieder. Die ganze Zeit über hatte dieser in der Liste gestanden. Der Beschluss stand, er würde nach Münster fahren. Vier Stunden Fahrt, kein Umsteigen, eine typisch westdeutsche Kleinstadt nahe der holländischen Grenze, die man auch noch überqueren könnte. Der wichtigste und entscheidende Punkt aber war, dass er dort niemanden kannte. Es gab für ihn im Augenblick nur eine denkbare Vorstellung von Leben, und die basierte auf Einsamkeit. Seine Welt war jetzt eine andere, und nur alleine, so schien es, konnte er Katharina nahe sein.
Als er sich in einem leeren separaten Abteil niedergelassen hatte, und der Zug sich in Bewegung setzte, begann er über Zeit und Raum nachzudenken. Wieviel Zeit würde man wohl benötigen, um die Strecke von Berlin nach Münster zu Fuß zurückzulegen? Allein der Umstand, dass er sich nicht einmal annähernd eine Vorstellung davon machen konnte, faszinierte ihn schon, doch einstweilen nahm ihn ein anderer, ähnlicher Gedanke gefangen: Was mag erst in den Köpfen der Menschen Nordamerikas vor sich gegangen sein, die als erste mit dem Zug gereist sind. Das ist schwer nachvollziehbar aus heutiger Sicht, aber bestimmt sind sie fast wahnsinnig geworden. Die Landschaften, mögen sie auch noch so rau und lebensfeindlich gewesen sein, flogen einfach so an ihnen vorbei, ein blühender Kaktus, der einem ein wenig seines Saftes geschenkt hätte, zart duftendes Gras, durch das man mit der Hand gefahren wäre und der heulende Kojote, der einen mal aufschrecken ließ in der Nacht, dieses oft verfluchte Land, durch das sie so oft geritten waren, nachdem sie es Stück für Stück erkundet hatten, blieb nun unberührt neben den Bahngleisen liegen. Und dann kamen sie abrupt, wie durch einen unheimlichen Zauber, an einem weit entfernten Ort an. Das war sicherlich nur schwer zu verstehen, wenn überhaupt. Wer weiß, ob das menschliche Gehirn grundsätzlich dazu in der Lage ist, sich so rasant umzustellen. Wie sollte es sich erklären, übergangslos eine solche Strecke zurückgelegt zu haben, ohne sich dafür bewegen zu müssen. Da ist es tatsächlich vorstellbar, dass so manch einer verrückt geworden ist. Vom Bahnfahren zum Fliegen war es danach nur noch ein kleiner Schritt, aber vom Pferd zur Schiene, das kam sehr wahrscheinlich einem Wunder gleich.
Ein stechender Schmerz brannte eine Schneise durch Ottos Gedankenwelt und riss ihn mit Gewalt aus seinen Betrachtungen. Eine ungeheure Last presste mit aller Kraft seinen Brustkorb zusammen. Da war er nun also, der lang ersehnte Schmerz. Ein flüchtiger Gedanke an SIE hatte ihn verursacht. Wie mochte es ihr dort ergehen, wo sie jetzt war? Wo sollte das sein? Gab es einen solchen Ort? Einerseits konnte er nicht daran glauben, andererseits musste er sich Katharina irgendwohin denken, irgendwo vorstellen können. Es war ihm nicht möglich sie einfach wegzudenken in ein Nichts. Ihm fiel eine Filmrezension wieder ein, die er vor langer Zeit gelesen hatte, in der von der unsterblichen Seele eines Verstorbenen die Rede war, die in eine Krähe hinüber wanderte, um in deren Gestalt auf die Erde zurückzukehren. Er schaute aus dem Fenster, entdeckte aber keine Krähe. „Ich suche dich meine Liebste!“, drangen, leise Worte aus seinem Mund und er schickte sie durch das Glas vor seiner Nase hinaus ins Freie und hoffte, dass sie Katharina irgendwie erreichen mögen. „Mit dir ist so viel von mir gegangen. Ich habe das Gefühl, dass nicht genug zurückgeblieben ist.“ „Was haben sie gesagt?“ Eine schrecklich laute Stimme zwang sich Ottos Ohr auf. „Ich wollte nur wissen, ob bei ihnen noch ein Platz frei ist.“ Otto blickte sich um, und schaute in das verfrorene Gesicht einer unbekannten Frau in den Vierzigern. Es dauerte einen Moment, bis er verstand was diese fremde Person von ihm wollte. „Ach so, ja natürlich“, presste er mühsam heraus.
Otto versuchte sich zu erinnern, wo der Zug zuvor gehalten hatte. Er wusste es nicht mehr, aber auf diesem Streckenabschnitt konnte es nur ein kleiner Ort gewesen sein. Wer lebt in diesen Kleinstädten? Wahrscheinlich jene Frau mit der viel zu lauten Stimme, die jetzt, etwas verunsichert, versuchte, es sich im Sitz gegenüber bequem zu machen. Man merkte ihr an, dass sie sich unwohl fühlte, aber die Vorstellung, wieder aufzustehen und sich einen anderen Platz zu suchen, behagte ihr offenbar noch weniger. Sie wollte unauffällig bleiben. Otto studierte ihr, immer noch junges Gesicht, und hoffte darin eine Geschichte entdecken zu können, denn darin war er gut. Schon immer hatte er in den Gesichtern anderer Menschen gelesen, bereits als pubertierender junger Mann, hatte sich ganze Geschichten zusammengereimt und manchmal sogar aufgeschrieben. Doch erst die Arbeit am Theater, der ständige Umgang mit so vielen unterschiedlichen Menschen und die Umsetzung großer Geschichten auf der Bühne hatten dies perfektioniert. Hier suchte er jedoch vergeblich nach einer Geschichte, ihm wollte absolut nichts einfallen zu dieser Frau. Vielleicht lag es an der Kälte, die sie mitgebracht hatte, aber Otto konnte schon bald spüren, wie sich eine dicke, eisige Mauer zwischen beiden Plätzen auftürmte. Es wurde ihm bald zu eng und zu kalt in dem kleinen Coupé. Er musste schnell da raus. Hektisch, fast hysterisch, sprang er von seinem Sitz auf und verunsicherte die Frau damit noch mehr. Unruhige Augen verfolgten jede einzelne seiner Bewegungen, während er wortlos die Tür aufschob und hinaus auf den Gang trat.
Im Speisewagen war genügend Platz, aber auch so viel Betrieb, dass er sich alleine, ungestört und unbeachtet an einem Ecktisch niederlassen konnte. Leider währte diese Ruhe nicht lange. Eben brachte ihm der Kellner einen dampfenden, schwarzen Kaffee an den Tisch, da setzte sich, ohne ihn anzusprechen oder anzusehen, eine Frau an den Tisch und entfaltete unverzüglich wissbegierig irgendeine Boulevard-Zeitung vor ihrem Gesicht. Als die aufgeschlagene Zeitung die Frau scheinbar verschlungen hatte, als Otto nur noch Zeitung aber keinen Menschen mehr sah, da schlug ihm die plakative Schlagzeile der Titelseite mit eiserner Faust in den Magen: “Grausamer Fund im Monbijoupark. Polizei ratlos.“ Sein Magen rebellierte und verlangte dringend nach Alkohol. Der Kaffee schmeckte sowieso widerlich. Als er einen Whisky bestellte, verließ die Frau mit der riesigen Schlagzeile seinen Tisch, nicht ohne ihm vorher einen missbilligenden Blick zugeworfen zu haben, und setzte sich an einen anderen. So einfach fand man also seine gewünschte Ruhe wieder, und die blieb ihm erhalten für den Rest der Fahrt, die er mit Kaffee und Whisky verbrachte, was den Kaffee etwas erträglicher machte.
In Münster angekommen, begab er sich sogleich auf die Suche nach einer passablen Unterkunft. Das entpuppte sich allerdings als ein nahezu aussichtsloses Unternehmen und hätte fast zu einer Odyssee geführt. Der erste Versuch scheiterte an einem Mangel an Zimmern, das Hotel war wegen irgendeiner Fachtagung, an einer näheren Erläuterung war Otto nicht interessiert, ausgebucht. Das nächste Quartier, das er in Augenschein nahm, wirkte kalt und steril auf ihn. Es war klein und eng im Eingangsbereich, vor allem, weil der Portier den ganzen Raum für sich beanspruchte, mit breiter Brust stellte er sich hinter einem verspiegelten Metalltresen in Positur. Wachen Auges beobachtete er jede noch so kleine Bewegung Ottos.
Ein Blick auf diesen Wächter genügte Otto, und er wusste, dass er sich hier auf keinen Fall häuslich niederlassen wird, als dann auch noch, wie zum Hohn, so lautes Glockengeläut erschall, dass man annehmen musste, der Glockenturm sei an der Rückseite des Hotels errichtet worden, machte er direkt kehrt und verließ kurzer Hand dies Etablissement. Ganz gewiss wollte er nicht allmorgendlich von dem schrillen Weckruf der Kirche aus seinen Träumen gerissen werden. Jedoch in Münster eine Unterkunft zu finden, die sich nicht in der Nähe einer Kirche befindet, ist ein schier unmögliches Unterfangen. Die Stadt war übersät mit Kirchen, von jedem Standpunkt aus, so mutete es an, konnte man eine sehen. Immer verzweifelter gestaltete sich Ottos Suche nach einer Bleibe. In jeder, noch so kleinen Gasse konnte er in kürzester Entfernung irgendein Gotteshaus erspähen, das von einer der unzähligen Gemeinschaften dieser Welt errichtet worden war, die mindestens zu einer Tageszeit mit einem höllischen Lärmpegel zur Verrichtung der gewünschten Religion aufrufen würde. Wenn er versuchte, dem zu entfliehen, zum Beispiel, indem er die nächste Häuserecke passierte, über einen Hinterhof floh oder sich einfach nur um einhundertachtzig Grad drehte, immer erblickte sein Auge in geringer Entfernung eine andere Kirche. Würde er diesem Dilemma jemals entkommen? Er fand einfach keinen friedlichen Ort, der friedlich bleiben würde. Immer hoffnungsloser lief er durch die Straßen dieser Stadt, auf der Suche nach einer ruhigen Unterkunft. Mehr Ansprüche stellte er inzwischen nicht mehr. Was hatte ihn nur dazu bewogen hierher zu fahren?
Zu fortgesetzter Stunde führte ihn sein Weg auf eine Allee, wie aus früherer Zeit, die von prächtigen, alten Bäumen gesäumt war, viele Kilometer lang, soweit das Auge reichte und darüber hinaus. Nur Fußgängern, Fahrradfahrern und Müßiggängern war es gestattet diese Allee zu benutzen. Hatte Otto eben schon fast keine Hoffnung mehr gehabt, schlenderte er nun wieder frohen Mutes zwischen diesen ehrfurchtgebietenden Holzriesen hindurch. Er dachte gar nicht mehr daran, sich ein Zimmer für die Nacht zu suchen. Er ließ sich einfach treiben, bis das Schicksal erneut zuschlug, und ihm unbedingt zeigen musste, dass es andere Pläne mit ihm hatte. Ein wenig vergnügt, weil beglückt ob der Entdeckung einer so wunderbaren Allee, stolzierte er diese entlang und sah in die Gesichter der Menschen, die zielbewusst an ihm vorbeieilten und dabei gar nicht bemerkten wie viel Lebenszeit ihnen entglitt und hinter ihnen im Kiesbett liegen blieb. Die Allee war übersäht mit Leben, das Menschen achtlos in ihrer Hektik hier fallen lassen haben. Sie konnten nichts dafür, sie wussten es nicht besser. Während Otto noch überlegte, was er mit dieser neuen Erkenntnis anfangen könnte, blieb sein Blick abrupt auf einem braun gebrannten Gesicht haften, dass er irgendwoher kannte, rasch fiel ihm auch ein woher. Ein Foto dieses Gesichtes hatte viel zu lange Katharinas Pinwand geziert. Es fuhr eben auf einem Fahrrad an ihm vorbei. So laut Otto konnte, schrie er ihm seinen Namen hinterher: „Boris, Boris!“, solange, bis der endlich zum Stillstand kam. Otto beobachtete, ein wenig vergnügt, wie jener Mann versuchte, in den vielen Gesichtern, die ihn wie ein Bienenschwarm umschwirrten, ein bekanntes zu entdecken. Da suchte er indessen vergebens. Nachdem Otto dieses Schauspiel eine Weile genossen hatte, ging er auf den Mann zu, bevor der sich wieder auf seinem Fahrrad davonmachen konnte, und gab sich zu erkennen. „Hallo, ich bin Otto, der Verlobte von Katharina Valla.“ Die beiden Männer hatten sich niemals kennengelernt. Sie waren einmal Konkurrenten gewesen, Konkurrenten im Kampf um das Herz Katharinas. Otto überlegte, warum er Boris eigentlich angehalten hatte, wollte er ihn vielleicht verprügeln? Boris schien sich dasselbe zu fragen, und wartete, mit wachem Auge und angespanntem Körper darauf, dass irgendetwas geschähe. Die ganze Szenerie wurde mit der Zeit absurd. Was wollte Otto nur von diesem Mann? Um dieser Begegnung irgendeinen Sinn zu verleihen, schmetterte Otto seinem Gegenüber die Nachricht von Katharinas Tod einfach ins Gesicht, einer Ohrfeige gleich. „Was? Wie? Warum?“ Wahre Bestürzung lag in diesen wenigen Worten, und es hatte fast den Anschein, als wäre Otto nur deshalb durch das halbe Land gereist, um diese Reaktion sehen zu können. Vor ihm stand schließlich sein schärfster Konkurrent, im Kampf um die Liebe einer Frau, die seit vielen Jahren Ottos ganzes Leben bestimmt hatte. Was er sah, befriedigte ihn. Boris ganzer Körper verkrampfte sich, das Gefühl eines immensen Verlustes griff nach ihm, schmerzhaft und hoffnungslos, dieses unbändige Gefühl, das auch Otto mit sich herumschleppte. Endlich war er nicht mehr allein. „Aber wie das denn? Was ist nur passiert? Wie kann denn das sein? Hatte sie einen Unfall?“ Otto schwieg, und Boris, der annahm, dass der einfach noch nicht in der Lage war, über das zu reden was passiert ist, bohrte vorerst nicht weiter. Er sprach von Beileid, oder war es Mitleid, Otto wusste es später nicht mehr, er sprach von Bedauern und Verlust, sprach voneinem großartigen Menschen und fragte dann, ob sie bereits beerdigt wurde und, falls nicht, ob es schon einen Termin gäbe. Otto konnte regelrecht sehen, wie sich der Schmerz in Boris Körper ausbreitete und damit begann, sich dort einzunisten. Trotzdem blieb dieser Mann so kontrolliert und ließ sich nicht von seinem Gefühl beherrschen. Otto hatte bisher noch kein einziges Mal an die Beerdigung gedacht, wohingegen Boris diese zuallererst einfiel. Überhaupt hatte er sich sehr in der Gewalt, wirkte viel weniger emotional als Otto, der irgendwann begreifen wird, dass es genau diese Eigenschaft war, die Katharina an ihm so anziehend gefunden hatte. Boris rationale, ruhige, bodenständige Art hatte ihr eine Form von Sicherheit geboten, die sie bei Otto nie gefunden hätte. Unversehens begriff Otto, dass er sich die ganze Zeit über nur von seinen Gefühlen hatte leiten lassen. Nicht ein einziges Mal hatte er darüber nachgedacht, was er zu tun, welche Pflichten er zu erfüllen hätte. Erst Boris Frage nach der Beerdigung hatte ihm klar gemacht, dass es seine Aufgabe war, sich darum zu kümmern, und mutmaßlich wollten noch viele andere Dinge erledigt werden. Aber zuallererst verlangte sein Körper nach sofortiger Aufmerksamkeit. Auch dem hatte Otto seit Tagen keinerlei Interesse geschenkt und ausgerechnet in dem Moment, da er vor seinem größten, wenn auch ehemaligen und längst überholten, Rivalen steht, fällt dem ein zu schwächeln. Otto schwindelte und drohte den Boden unter den Füßen zu verlieren. Er war kurz davor umzufallen. Und was tat Boris, zu seiner Überraschung, der ließ sein Fahrrad in das Kiesbett fallen, ging die zwei Schritte, die beide Männer voneinander trennte, auf Otto zu, öffnete seine Arme und fing ihn darin auf, bevor dieser den Halt verlor. Kaum dass Otto bewusst wurde, was soeben passiert war, wich er verblüfft zurück, drohte jedoch gleich wieder umzukippen und Boris war abermals zur Stelle. Diesmal ließ Otto es zu, sein Körper überließ ihm sowieso nicht mehr die Wahl, dieses eine Mal hatte der die Kontrolle übernommen, um endlich zu bekommen, wonach ihn verlangte. Im nächsten Augenblick begann er zu zittern, zu schluchzen und dann weinte er bitterlich. Auf einem Kiesweg fern der Heimat, mitten in einem unbekannten Strom aus Menschen, in den Armen eines fremden Mannes, schlimmer noch, des Mannes, der einmal versucht hat, ihm seine Katharina wegzunehmen, an dessen Brust vergoss er die ersten Tränen, seit die Polizisten gekommen waren, sein Leben zu zerstören. Was hatte dieser Mann an sich, dass Otto sich derart gehen ließ? Eigentlich hätte er ihn doch hassen müssen, stattdessen ließ er sich einnehmen von dessen beeindruckenden Wesen, und sah in ihm ungewollt das, was Katharina in ihm gesehen hatte. Auf einmal waren sie beide ganz allein, der Rest der Welt existierte mit einem Schlag nicht mehr. Zeitweilig hielten sie diesen Platz auf der Allee besetzt, schufen sich ihr eigenes kleines Reich und ließen nur sie, die nicht mehr war, dort hinein. Zwei Kerle, die mitten auf einer uralten Allee stehen und schweigend, minutenlang schluchzend in den Armen liegen.
Als sie das lange genug getan hatten, versuchte Boris noch einmal ganz vorsichtig zu Otto durchzudringen: „Würdest du mir bitte erzählen was passiert ist? Ich möchte das verstehen.“ Weil dieser aber weiterhin schwieg, ließ Boris dieses Thema vorerst ruhen und schenkte Otto wieder seine ganze Aufmerksamkeit: „Was machst Du überhaupt in Münster, habt ihr nicht mehr in Berlin gelebt oder warum bist du hier und wie lange bleibst du?“ Otto fand seine Sprache wieder, als ihm einfiel, dass er noch immer keine Bleibe hatte und diese eine Nacht mindestens bleiben musste, schon um seinen Körper zu regenerieren. „Ich weiß es nicht, ein, zwei Tage wahrscheinlich. Du könntest mir vielleicht bei der Suche nach einer Unterkunft behilflich sein. Kennst du zufällig ein ruhiges Hotel in der Stadt, das nicht von einer Kirche gesäumt ist, die mich früh um acht durch ihren Glockenschlag aus dem Bett aufspringen lässt?“ Boris dachte einen Moment lang nach und überraschte dann Otto erneut: „Könntest du dir vorstellen, bei mir abzusteigen? Die Wohnung ist groß genug, du hättest ein eigenes Zimmer und könntest dich jederzeit dahin zurückziehen, wenn dir so ist. Für ein, zwei Tage wäre das kein Problem, nur leider ertönt auch vor meinem Haus zu jeder vollen Stunde ein Glockengeläut. Aber ansonsten ist es dort tatsächlich sehr still und idyllisch. Wir könnten ungestört miteinander reden. Du kannst mir erzählen, was du hier tust und wie es euch so ergangen ist. Außerdem wüsste ich wirklich gerne, was passiert ist. Wenn es dir dort nicht gefällt, kannst du immer noch in ein Hotel gehen.“ „O.K. Wieso eigentlich nicht.“
So geschah es, dass sich an jenem zufällig gewählten Ort diese zwei Männer, die einzig die Liebe zu ein und derselben Frau verband, begegneten, um einander Trost zu spenden und ein Stück Wegs gemeinsam zurückzulegen. Da Boris im Moment nichts Besseres zu tun hatte, brachen die beiden alsbald zusammen auf.
Schweigend schritten sie fort auf der Allee. In dieser Stille, die nur vom Rhythmus des knirschenden Kieses unter ihren Füßen begleitet wurde, ging ein jeder seinen Gedanken nach, und die kreisten um Katharina. Otto träumte sie sich herbei, sah, wie sie beseelt zwischen diesen erhabenen Bäumen hindurch schritt: Ein atemberaubend schöner Anblick. Katharina ist ein Mensch gewesen, der stets bemüht war, bewusst durchs Leben zu gehen, und deshalb wird sie damals, als sie den Anderen in seiner Stadt besuchte, mit dieser Landschaft hier verschmolzen sein. In derartigen Situationen erschien sie einem manchmal wie ein Mensch aus einer längst vergangenen Zeit.
Als die beiden Herren nach einiger Zeit die Allee verließen, war von dieser noch immer kein Ende auszumachen. „Wie lang ist diese Allee eigentlich und wo führt sie hin?“, wollte Otto wissen, denn in seiner Vorstellung sah er Katharina weiter dort lustwandeln und es interessierte ihn, wohin es sie in seiner Phantasie trieb. Doch Boris, der das alles noch immer nicht fassen konnte, und krampfhaft versuchte, sich auszumalen, was geschehen sein mochte, hatte nur mit einem halben Ohr hingehört. „Wir sind gleich da.“, murmelte er gedankenverloren. Kaum waren sie in die nächste kleine Straße eingebogen, betraten sie nach ein paar Schritten einen Platz, auf dessen Mitte sich, wie konnte es anders sein, eine Kirche mit einem riesigen Glockenturm breitmachte. Boris wies auf die Giebelfenster eines sehr alten, gut erhaltenen Hauses, von denen nur noch sehr wenige in dieser Stadt standen:
"Wir sind schon da. Siehst du, dort oben wohne ich." Eines der beiden Fenster stand weit offen, was Otto wunderte, schließlich stöhnte und ächzte momentan das ganze Land unter dem hereinbrechenden Winter. Hoffentlich befanden sich keine anderen Menschen in der Wohnung, Ottos Sinn nach Gesellschaft hatte mit der von Boris sein Maximum erreicht.
Nach einem unendlich langen Aufstieg erreichten sie am Ende der Treppe, dort wo kein Weg weiterführt, eine alte holzvertäfelte Tür, hinter der sich, zu Ottos Überraschung, eine äußerst behagliche Wohnung verbarg. Während er anfänglich mit einer Neubauwohnung, nachher zumindest mit einer sterilen Ikea-Einrichtung in vollgestopften Zimmern gerechnet hatte, fand er sich stattdessen in der Dachwohnung eines Hauses aus der Gründerzeit wieder, dessen spartanisches Mobiliar aus ein paar stilvollen alten Möbelstücken und einigen, durchaus interessanten, von eigener Hand hergestellten, bestand. Otto mochte halb leere Räume, wie er sie hier vorfand. Er fühlte sich auf Anhieb wohl.
Boris ließ sich mit ihm in einer kleinen Küche, an einem notdürftig zusammengeschusterten, wackligen Tisch nieder. Drei kleine Schraubzwingen verbanden eine Holzplatte mit zwei Böcken, auf denen sie lag. „Hast du eigentlich mitbekommen, dass nebenan ein Fenster offensteht?“, eröffnete Otto mit einer Belanglosigkeit das Gespräch. Er wollte schnell herausfinden, ob sich noch jemand in der Wohnung verbarg. „Ach ja, stimmt. Das habe ich heute früh total vergessen.“ Boris verließ kurz die Küche, vermutlich um jenes Fenster zu schließen. Zurückgekehrt goss er das Wasser , das gerade begonnen hatte zu kochen, in eine Kanne die auf dem Tisch stand, und sofort duftete es köstlich nach Kräutern. Er zündete sich eine Zigarette an, setzte sich zu Otto an den klapprigen Tisch und stellte gleich klar, dass er nicht gewillt war, noch länger zu warten: „Erzähl schon, was ist passiert? Wie ist sie gestorben?“ „Sie wurde ermordet.“ „Was? Das kann doch nicht sein. Wann?“ Boris saß sichtlich schockiert Otto gegenüber an der lockeren Tischplatte. Otto hatte langsam Sorge, dass das ganze Gestell mit dem heißen, dampfenden Tee darauf, gleich zusammenbrechen könnte. „Aber wer?“ „Keiner weiß es, keiner versteht es, und die Polizei hat schon gar keine Ahnung.“ Boris schien es genauso wenig zu begreifen wie Otto, trotzdem schaffte er es, sich irgendwann zu fangen. „Du musst mir erzählen was da geschehen ist! Ich verstehe das nicht. Wer konnte dieser Frau denn nur etwas antun?“ Otto kannte Boris nicht gut genug, eigentlich kannte er ihn gar nicht, und darum wusste er nicht, was er ihm alles sagen konnte und was nicht. Ihnen beiden wurde schnell klar, dass sie sich erst einmal kennenlernen mussten, bevor sie hier weitermachen konnten.
Boris war Sozialpädagoge und arbeitete in einer Einrichtung für Jugendliche aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Selbst einmal als Jugendlicher ein Sozialfall gewesen, wusste er aus eigener Erfahrung, was diese jungen Menschen brauchten, um wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Er hatte mit 14 Jahren das Elternhaus und die Schule verlassen, war vor Allem geflohen und hatte sich auf eine wilde Abenteuerreise begeben, die nach seinem Aufgriff durch die Polizei in einem Heim für schwer erziehbare Kinder endete. Dort musste er einiges an Bildung nachholen, was zu einem eher schlechten Abschluss der Realschule führte. Erst zu einer späteren Zeit, als er in die Gesellschaft zurückgefunden hatte, ließ er sich über eine Weiterbildung zum Sozialpädagogen ausbilden. Dankbar hatte ihn danach jene Einrichtung eingestellt, in der er noch immer arbeitete, die hauptsächlich damit beschäftigt war, Migrantenkinder von der Straße zu holen, und Boris machte seine Arbeit gerne, das konnte man spüren.
Jetzt kümmerte er sich um Otto, nahm ihn bei sich auf, schenkte ihm Gehör und spendete ihm Trost. Sie saßen in seiner kleinen, gemütlichen Küche, an einem fragilen Küchentisch, der jeden Augenblick drohte, unter der Last, die hier abgeworfen wurde, zusammenzubrechen. Gemeinsam erinnerten sie sich an eine Frau, die maßgeblich ihrer beider Leben beeinflusst hatte. Zaghaft begannen sie einander Geschichten von ihr zu erzählen, wobei Boris nie zu weit ging. So wuchs von Stunde zu Stunde das Vertrauen aufeinander. Hätten diese beiden Männer sich unter anderen Umständen kennen gelernt, wäre vielleicht eine Freundschaft daraus hervorgegangen. Das war aber nicht weiter verwunderlich, denn Katharina besaß ein sehr feines Gespür für Menschen. Vor allem sah sie in der Freundschaft ein ganz besonders wertvolles Gut, deshalb gab sie immer und erwartete volle hundert Prozent, niemals gab sie sich mit weniger zufrieden. Sie wählte ihre Freunde mit Bedacht und Sorgfalt aus, und schloss dann eine Bindung für das ganze Leben. Die wenigen Freunde, die sie hatte, lebten überall im Land verstreut, nicht alle sah sie regelmäßig, aber für jeden einzelnen wäre sie durchs Feuer gegangen. Und soweit Otto das beurteilen konnte, beruhte das auf Gegenseitigkeit. Deshalb hielt sie das Bündnis der Ehe auch für überflüssig, weil ihre freundschaftlichen Verbindungen nicht mehr steigerungsfähig waren, schon gar nicht durch ein Stück Papier oder eine Unterschrift. Nur Otto zuliebe hatte sie sich darauf eingelassen, weil sie wusste, dass er niemals Ruhe gegeben hätte. Sie hatte nur eine Bedingung gestellt, die Verlobungszeit sollte, wie in früheren Zeiten, mindestens ein Jahr andauern, damit sie beide genug Zeit hätten, sich auf den Rest ihres gemeinsamen Lebens vorzubereiten. Auch wenn Otto der Überzeugung war, dass er sich darauf nicht mehr vorzubereiten brauchte, hatte er sich gerne auf diesen Deal eingelassen, war er doch überglücklich, dass sie nach seinen vielen Anträgen endlich „Ja“ gesagt hatte. Seit nunmehr fast einem Jahr wartete Otto ungeduldig auf den Tag, an dem sie sich endgültig an ihn binden wollte. Es sollte der glücklichste in seinem Leben werden.
„Jetzt verstehe ich, warum sie nun doch heiraten wollte. Mir kam das, ehrlich gesagt, schon irgendwie merkwürdig vor, so untypisch für sie, schien sie doch in dieser Hinsicht kompromisslos zu sein. Ich kann mich noch an einen Satz erinnern, den sie gerne zitiert hat, um ihrer Bindungsunfähigkeit Nachdruck zu verleihen: „Ich möchte nicht am Ende meines Lebens feststellen, dass ich am Ende des Lebens eines anderen angelangt bin.“
