Verlag: Heyne Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2011

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E-Book-Beschreibung Im tiefen Wald - Adam Nevill

Eigentlich wollen Luke und seine Freunde bei einem Trekkingausflug durch die schwedische Wildnis nur den Problemen des Alltags entfliehen und an alte Zeiten anknüpfen. Doch als sie sich in den Wäldern verirren, entwickelt sich der harmlose Männerausflug zum Horrortrip: Ausgeweidete Tierkadaver und eine mysteriöse Ruine mitten im Wald jagen den vier Wanderern bereits erste Schauer über den Rücken, und schon bald bringt die nervliche Anspannung die dunkelsten Seiten in den Freunden hervor. Dabei hat der eigentliche Alptraum noch gar nicht begonnen ...

Meinungen über das E-Book Im tiefen Wald - Adam Nevill

E-Book-Leseprobe Im tiefen Wald - Adam Nevill

Inhaltsverzeichnis

WidmungInschriftERSTER TEIL - UNTER DEN GEBEINEN
PROLOG1 - Vier Stunden früher2 - Vier Stunden, zwanzig Minuten späterKapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38Kapitel 39Kapitel 40Kapitel 41Kapitel 42Kapitel 43Kapitel 44Kapitel 45
ZWEITER TEIL - SÜDLICH DES HIMMELS
Kapitel 46Kapitel 47Kapitel 48Kapitel 49Kapitel 50Kapitel 51Kapitel 52Kapitel 53Kapitel 54Kapitel 55Kapitel 56Kapitel 57Kapitel 58Kapitel 59Kapitel 60Kapitel 61Kapitel 62Kapitel 63Kapitel 64Kapitel 65Kapitel 66Kapitel 67Kapitel 68Kapitel 69
DANKSAGUNGCopyright

Titel der englischen Originalausgabe THE RITUAL

Für Anne und unseren Bengel – weil es ihnen gelungen ist, mich und mein Leben erträglicher zu machen.

»Wenn es irgendwo auf Erden Götter gibt, dann hier.«

Algernon Blackwood: Die Weiden

ERSTER TEIL

UNTER DEN GEBEINEN

PROLOG

Am zweiten Tag wurde es auch nicht besser. Ein heftiger kalter Regen ging nieder, und die bleiche Sonne verbarg sich hinter den niedrigen grauen Wolken, außerdem hatten sie sich verirrt. Vor allem aber machte ihnen dieses tote Ding zu schaffen, das in einem Baum gehangen hatte und nun ihre Wanderung in eine völlig falsche Richtung lenkte. Sie hatten es alle vier im gleichen Moment entdeckt.

Kurz nachdem sie über einen der zahllosen umgefallenen Bäume geklettert und in dieses kratzige Gestrüpp geraten waren, stießen sie darauf. Sie waren völlig außer Atem, schweißüberströmt und vom Regen durchnässt, die Müdigkeit hatte ihnen längst die Sprache verschlagen, als sie anhielten. Das Gewicht ihrer Rucksäcke, des Bettzeugs und der nassen Zelte drückte sie nieder. Sie schauten nach oben.

Das tote Ding hing direkt über ihnen, so hoch, dass ein Mensch im Stehen nicht heranreichen konnte. Es baumelte zwischen den Ästen einer Fichte, war aber so zerfleddert, dass man nicht erkennen konnte, was es einmal gewesen war.

Gedärme hingen aus einem breiten Brustkorb herab, glänzten bläulich und feucht inmitten des lichten Blätterdachs. Das löchrige Fell war straff über die Zweige gespannt worden. Ein rissiger Saum in der zerknitterten Mitte deutete darauf hin, dass die Haut vom Rücken her mit einer ruckartigen Bewegung abgezogen worden war. Ein Kopf war in diesem Durcheinander aus Blut und Fleisch zunächst nicht zu erkennen. Bis sie inmitten der violett-roten und gelblichen Masse das kalte Grinsen eines Kiefernknochens bemerkten. Direkt darüber war, glasig und trübe, ein Auge zu sehen, groß wie eine Billardkugel. Drum herum konnte man das Profil eines länglichen Schädels ausmachen.

Hutch wandte sich seinen Begleitern zu. Er ging immer an der Spitze der Gruppe, wenn sie sich den Weg durch den Wald bahnten, und suchte nach einem Pfad. Es war seine Idee gewesen, hier entlangzugehen. Er war bleich geworden und brachte kein Wort heraus. Der Schock, den er bei diesem Anblick bekommen hatte, ließ ihn seltsamerweise jünger aussehen. Und verletzlich, denn dieses verstümmelte Etwas, das dort über ihren Köpfen hing, war auf ihrem Campingausflug bislang das Einzige, für das er nicht gleich eine Erklärung hatte. Er hatte nicht den blassesten Schimmer.

Phil konnte ein leichtes Zittern in seiner Stimme nicht verhindern, als er fragte: »Was ist das?«

Keiner antwortete.

»Was soll das?«, fragte Dom. »Warum hängt jemand so etwas da oben hin?«

Der Klang seiner Stimme brach den Bann, und alle begannen durcheinander zu reden. Fragen wurden beantwortet, neue Ideen wurden geäußert. Nur Luke sagte nichts. Während sie sprachen, entfernten sich die anderen von dem im Baum hängenden Ding und zwar schneller, als sie hergekommen waren. Bald schon schwiegen sie wieder, aber ihre Füße machten viel lautere Geräusche als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt ihrer zweitägigen Wanderung. Das lag daran, dass von dem Kadaver kein Geruch ausgegangen war. Das Ding war erst vor kurzem getötet worden.

1

Vier Stunden früher

Gegen Mittag hielt Hutch an, drehte sich um und schaute zurück zu den anderen. Drei farbenfrohe, verloren wirkende Gestalten tauchten in der nebligen Weite der felsigen Landschaft auf. In gewissem Abstand zueinander bewegten sie sich über die flache Steinwüste, die vor einigen Millionen Jahren von den zurückweichenden Eismassen platt gewalzt worden war. Sie gingen leicht gebückt mit gesenkten Köpfen, schauten zu Boden und setzten monoton einen Fuß vor den anderen.

Im Nachhinein betrachtet waren eigentlich nur Hutch und Luke fit genug für diese dreitägige Wanderung. Phil und Dom hatten viel zu schweres Gepäck zu tragen, und die Blasen an Phils Füßen waren aufgeplatzt und entzündet. Bedenklicher war noch, dass Dom sich schon am ersten Tag auf einem Geröllfeld das Knie verdreht hatte. Nun, nach anderthalb Tagen, humpelte er immer mehr und stöhnte bei jedem Schritt laut auf.

Wegen ihrer Blessuren versäumten Dom und Phil alle interessanten Aspekte des Marsches: die plötzlich auftauchenden langgestreckten Moorflächen, die abenteuerlichen Umrisse der Felsformationen, die wunderschönen Seen, die sich hier seit dem Ende der Eiszeit über das Maskoskarsa-Tal verteilten, den Steinadler, der über ihnen kreiste, und den Anblick einer maj estätischen Landschaft, die man so in Europa nicht vermutet hätte. Sogar im Regen und im dämmrigen Licht war diese Gegend atemberaubend. Aber seit dem Nachmittag des ersten Tages hielten Dom und Phil die Köpfe gesenkt und die Augen halb geschlossen.

»Nehmt das Gepäck runter, Jungs«, rief Hutch den drei anderen zu. Luke schaute auf, und Hutch gab ihm mit dem Kopf ein Zeichen, dass er zu ihnen aufschließen sollte.

Hutch nahm seinen Rucksack ab, setzte sich hin und zog eine Landkarte aus der Seitentasche. Lukes Rücken schmerzte, weil er wegen Dom und Phil gezwungen war, viel zu langsam zu laufen. Er merkte wie sein Ärger wuchs und in Wut umzukippen drohte, er spürte es an dem engen Gefühl in seinem Brustkorb. Seine Kaumuskeln zuckten, als müsste er die ganze Zeit hitzige Flüche unterdrücken, die er nur allzu gern ausspucken würde, um sie auf die beiden Männer herabregnen zu lassen, die diese Wanderung durch ihre Unfähigkeit in eine Art Todesmarsch verwandelt hatten.

»Was ist denn?«, fragte Luke nervös mit den Augen zwinkernd. Auf seiner Stirn glänzte ein dünner Schweißfilm. Regentropfen und Schweiß vermischten sich und wirkten wie Schaum auf seinen Bartstoppeln und den blonden Augenbrauen.

»Wir müssen unsere Pläne umschmeißen.«

Luke hockte sich neben Hutch und bot ihm eine Zigarette an. Dann zündete er sich selbst eine an. Seine Hände waren dunkelrot.

»Danke, Kumpel.« Hutch breitete die Karte auf seinen Oberschenkeln aus. Er seufzte laut und innig und zog intensiv an der Zigarette, die er mit den Zähnen festhielt. »Das wird so nicht funktionieren.«

»Was für eine Überraschung«, sagte Luke und blickte ausdruckslos drein. Dann wandte er sich ab und spuckte aus. »Fünfzehn beschissene Kilometer pro Tag. Mehr haben wir von ihnen nicht verlangt. Ich weiß, dass das hier ziemlich raues Gelände ist, aber die waren ja schon am ersten Tag total fertig.«

»Ist mir auch klar. Deshalb sollten wir die Route ändern. Wir müssen diese Abkürzung hier nehmen, sonst können wir sie bald huckepack nehmen. Jeder einen.«

»Das fehlt mir gerade noch.«

Hutch schaute nach oben und signalisierte seine Zustimmung. Dann merkte er, dass er dadurch womöglich nur eine weitere Hasstirade provozierte. Dazu hatte Luke sich schon vor fünf Tagen bei der Zusammenkunft in seiner Wohnung hinreißen lassen. Er passte einfach nicht zu Dom und Phil, und die Anstrengungen und das schreckliche Wetter hatten die Spannungen und versteckten Bosheiten nur verschärft. Hutch hatte versucht die Stimmung zu glätten, indem er sich enthusiastisch und optimistisch gab und ab und zu von einem bevorstehenden Wetterumschwung sprach. Auf keinen Fall durfte er Partei ergreifen und zulassen, dass die Gruppe zerfiel. Es ging jetzt nicht mehr nur um die Rettung ihres Wiedersehensurlaubs, sondern darum, dass sie sich nicht unnötig in Gefahr brachten.

Lukes Mundpartie spannte sich an, und er kniff die Augen zusammen. »Neue Schuhe, falsche Socken. Phil trägt heute sogar Jeans. Was hast du ihm bloß erzählt? Mein Gott!«

»Sch-sch. Ich weiß, ich weiß. Aber wenn wir sie zusammenstauchen, dann wird es nur noch schlimmer. Viel schlimmer. Wir müssen auf Nummer sicher gehen. Das betrifft auch mich. Okay?«

»Kapiert.«

»Wie auch immer. Jedenfalls habe ich jetzt einen Weg gefunden. «

Luke zog den Khakihut vom Kopf und blickte auf die Landkarte. »Dann zeig mal.«

Hutch deutete auf eine Stelle auf der Karte, an der er sie ungefähr vermutete. Sie waren eindeutig hinter ihrem Tagessoll zurück. »Noch so ein Nachmittag und ein weiterer ganzer Tag im Regen werden uns alles komplett ruinieren. Vergessen wir also Porjus. Bis dorthin schaffen wir es nie. Aber wenn wir jetzt in südöstlicher Richtung weitergehen. Hier. Durch diesen Wald, den man da hinten schon sehen kann. Siehst du?« Luke schaute in die Richtung, die Hutch meinte, und nickte. Dort war ein dunkler, gezackter Streifen Wald zu erkennen, halb verborgen hinter den dahinziehenden Regenschwaden. »Wenn wir den Wald an der Stelle durchqueren, wo er am schmalsten ist, kommen wir am frühen Abend in der Nähe des Stora-Luleälven-Flusses heraus, vielleicht sogar schon eher. Dort können wir einem Pfad Richtung Osten folgen. Weiter flussabwärts gibt es einige Touristenhütten in Skaite. Mit etwas Glück schaffen wir es bis zum Anbruch der Dunkelheit zum Fluss. Wenn wir diesen neuen Weg einschlagen. Am Abend können wir dann Richtung Skaite gehen. Im schlimmsten Fall müssen wir am Flussufer campieren und kommen erst morgen früh zu den Hütten. In Skaite können wir uns einen Tag lang ausruhen und Doms Jack-Daniels-Flasche am Lagerfeuer leermachen. Und ein paar Zigaretten rauchen. Und dann besorge ich uns eine Rückfahrmöglichkeit nach Gällivare. Wenn wir heute Nachmittag durch den Wald gehen, sind wir auch besser vor dem Regen geschützt, der ja ganz offensichtlich nicht aufhören will.« Hutch blickte in den Himmel und dann zu Dom und Phil, den beiden geduckten Gestalten in Gore-Tex-Jacken, die sich jetzt schweigend ein Stück entfernt hingesetzt hatten. »Die beiden kommen jedenfalls nicht mehr weit. Ich fürchte, unsere Expedition ist heute schon mehr oder weniger beendet.«

Luke biss die Zähne zusammen. Sein Gesicht war total angespannt. Er senkte den Kopf, als er merkte, wie Hutch ihn prüfend anschaute.

Hutch war erschrocken über den ungeheuren Zorn, der sich seit einiger Zeit in Luke angesammelt hatte. Die regelmäßigen Telefonate, die meistens von Luke ausgingen, hatten zuletzt immer in Wutausbrüchen geendet. Er schien Schwierigkeiten zu haben, seine Aggressionen zu kanalisieren, und verlor ständig die Beherrschung. »He, reg dich ab!« Luke erstarrte. Hutch zwinkerte ihm zu. »Darf ich dich mal um einen großen Gefallen bitten?«

Luke nickte, blickte dabei aber misstrauisch drein.

»Wie gesagt, entspann dich einfach ein bisschen.«

»Geht klar.«

»Ich weiß, dass denen die richtige Einstellung fehlt. Vor allem Dom. Aber die spüren jetzt beide, wie anstrengend es ist. Und nicht nur das. Sie haben auch mit anderen Dingen zu kämpfen.«

»Womit denn? Mir gegenüber haben sie nie etwas erwähnt.«

Hutch zuckte mit den Schultern. Er spürte, wie enttäuscht Luke war, dass niemand ihn über die familiären Probleme von Dom und Phil aufgeklärt hatte. »Na ja … die Kinder und all das. Weißt du, Doms Jüngster hat ziemliche Probleme. Und Phils Frau macht sich ständig Sorgen um ihren Mann. Die haben beide eine Menge Ärger zu Hause, wenn du mich fragst. Also bleib lieber locker, das ist besser.«

»Schon gut, mach dich nicht verrückt.«

»Lass uns das einfach positiv sehen«, sagte Hutch, um das Thema zu wechseln. »Wenn wir diese Abkürzung nehmen, dann haben wir einen Tag länger für Stockholm, bevor wir zurückfahren. Die Stadt wird dir garantiert gefallen.«

»Denke ich auch«, sagte Luke.

»Aber?«

Luke zuckte mit den Schultern und blies den Rauch durch die Nase. »Im Augenblick folgen wir einem Weg, den wir auf der Karte sehen können. Im Wald ist das was anderes. Da sind wir jenseits der ausgewiesenen Pfade, und es gibt keine Wegmarkierungen. «

»Das wird ganz locker, glaub mir. Wart nur ab, bis wir erstmal drin sind. Das ist ein Nationalpark. Völlig unberührt. Ein jungfräulicher Wald.«

Luke tippte mit dem Zeigefinger auf die Karte. »Mag sein … aber du weißt nicht, wie der Boden dort ist. Diese Felsen hier sind wenigstens flach und fest. Aber da sind auch Moore. Sieh mal. Hier. Und hier.«

»Wir werden gar nicht in ihre Nähe kommen. Wir schlängeln uns einfach hier an der schmalsten Stelle zwischen den Bäumen hindurch. Das dauert ein paar Stunden und voilà … schon kommen wir auf der anderen Seite wieder raus.«

Luke sah ihn fragend an. »Bist du sicher? Niemand weiß, dass wir diesen Weg genommen haben.«

»Das spielt doch keine Rolle. Das Umweltamt war ja auch geschlossen, als wir losgegangen sind, und ich habe nicht in ihrem Büro in Porjus angerufen. Aber das ist doch kein Problem. Solche Vorsichtsmaßnahmen gelten vor allem für den Winter. Jetzt haben wir gerade mal Herbstanfang. Schnee oder Eis gibt es nirgendwo. Vielleicht sehen wir sogar ein paar interessante wilde Tiere da drin. Außerdem können die beiden Dicken da keine zwei Tage mehr laufen. Nicht mal auf weichem Boden halten die das durch, geschweige denn auf Felsgrund. Mit dieser Abkürzung halbieren wir die Strecke. Uns steht in jedem Fall ein anstrengender Fußmarsch am Nachmittag bevor. Und morgen bräuchten wir noch einen ganzen Tag und einen Abend, um bis Porjus zu kommen. Schau dir die zwei an. Die sind fertig, Kumpel.«

Luke nickte und blies zwei Rauchwolken durch die Nasenlöcher. »Du bist der Boss.«

2

Vier Stunden, zwanzig Minuten später

Abgestorbene Zweige knackten unter ihren Sohlen, Holzstücke wurden aus dem Weg gekickt. Äste, die zur Seite geschoben wurden, schnellten zurück, den Nachfolgenden ins Gesicht. Phil stolperte und fiel in die Brennnesseln, stand aber klaglos wieder auf und eilte weiter, um die anderen einzuholen, die mittlerweile ein ganz schönes Tempo vorlegten. Sie hielten die Köpfe gesenkt, die Schultern gebeugt. Dünne Zweige peitschten in ihre Gesichter, ihre Schnürsenkel gingen auf, aber sie liefen einfach weiter. Immer weiter, bis Hutch auf einer kleinen Lichtung anhielt, aufseufzte und die Hände auf die Knie stützte. Um sie herum war alles bräunlich verfärbt, das tote Gehölz und die Haufen abgestorbener Blätter reichten weniger hoch, und hier gab es keine stacheligen Büsche, die sich an ihren Socken festkrallten, ihre Haut zerkratzten oder sogar ihren Weg unter die Hemden und Hosen fanden.

Luke sprach zum ersten Mal, seit sie auf den seltsamen Kadaver gestoßen waren. Er rang nach Atem, versuchte aber dennoch, zuerst eine Zigarette anzuzünden. Leider gelang ihm das nicht sofort. Er musste sein Zippo viermal aufschnippen, bis er endlich den Rauch durch die Nase blasen konnte. »Vermutlich ein Jäger.«

»Hier kann man nicht jagen«, widersprach Hutch.

»Dann eben ein Bauer.«

»Aber warum sollte es jemand da oben hinhängen?«, fragte Dom.

Hutch setzte seinen Rucksack ab. »Wer weiß. In diesem ganzen Naturpark wird nichts kultiviert. Das ist absolute Wildnis. Darum geht es ja gerade. Ich könnte jetzt auch mal eine Zigarette gebrauchen.«

Luke strich sich mit der Hand über die Augen. Tränen rannen ihm über die Wangen. Kleine Stücke von zerbröselter Baumrinde waren unter seine Augenlider geraten. »Ein Wolf hat das Ding getötet. Es war ein Elch oder ein Hirsch. Und … irgendwas hat den Kadaver in den Baum gehängt.« Er warf Hutch ein Päckchen Camels zu.

Hutch hob die Zigarettenpackung vom Boden auf.

Phil verzog das Gesicht und starrte seine Füße an. »In einem Wald gibt es immer einen Wildhüter oder einen Förster. Könnte der vielleicht …«

Hutch zuckte mit den Schultern und zündete sich eine Zigarette an. »Würde mich nicht wundern, wenn wir die ersten Menschen wären, die diesen Wald hier durchqueren. Ehrlich. Überlegt doch mal, wie groß diese Provinz ist. Siebenundzwanzigtausend Quadratkilometer. Größtenteils unberührte Natur. Wir sind mindestens fünf Kilometer von dem Pfad entfernt, den wir genommen hatten. Und der sah auch kaum benutzt aus.«

Luke stieß den Rauch aus und überlegte weiter. »Ein Bär. Vielleicht hat ein Bär das Ding da oben reingehängt. Damit es ihm niemand wegfrisst, unten auf dem Erdboden.«

Hutch sah das Ende seiner Zigarette an und runzelte die Stirn. »Vielleicht. Aber gibt es hier in Schweden so große Bären?«

Dom und Phil setzten sich hin. Phil krempelte sich die Ärmel bis zum Ellbogen auf und entblößte seine dicklichen weißen Unterarme. »Ich bin total zerkratzt.«

Dom war völlig bleich im Gesicht. Sogar seine Lippen waren weiß. »Hutch! Ich schieb dir diese verdammte Karte in deinen Yorkshire-Arsch.« Er sprach oft in dieser Art mit Hutch. Luke wunderte sich immer wieder über seine verbalen Ausbrüche und die brutale Ausdrucksweise. Aber trotzdem schwang bei diesen Gesprächen niemals echter Hass mit, es schien eher Ausdruck ihrer Vertrautheit zu sein. Es bedeutete, dass Dom und Hutch sich inzwischen näherstanden als er und Hutch. Dabei hatte er Hutch immer für seinen besten Freund gehalten. Dass Dom und Hutch sich so nahe waren, machte ihn eifersüchtig. Sie alle kannten sich bereits seit fünfzehn Jahren, aber Dom und Hutch waren immer noch so vertraut miteinander wie damals auf der Universität. Sie teilten sich sogar das Zelt. Luke und Phil fühlten sich bei diesem Arrangement übergangen. Luke wusste, dass Phil das genauso empfand, auch wenn es unmöglich war, dies zuzugeben, ohne dass es unangenehm und beleidigend geworden wäre.

Dom zog einen seiner Stiefel aus. »Erholungsurlaub, du Wichser. Wir haben uns verlaufen. Du hast nicht die geringste Ahnung, wo wir sind, stimmt’s, du Matschbirne?«

»Dom, mach mal halblang. Nur ein Stückchen weiter nach da« – Hutch deutete in die Richtung, in die sie sich die ganze Zeit vorgekämpft hatten – »und wir erreichen das Flussufer. Dort bekommst du eine fette Portion Bohnen mit Wurst, und alles wird gut. Vier stramme Schwedinnen bauen da gerade ihr Zelt auf und fachen schon mal das Lagerfeuer an. Entspann dich, Kumpel.«

Phil lachte auf. Luke grinste vor sich hin. Dom fühlte sich verpflichtet mitzumachen, aber schon nach wenigen Sekunden war auch sein Lachen echt und herzlich. Schließlich grölten sie alle, über sich, ihre Angst und das Ding im Baum. Jetzt, wo sie es hinter sich gelassen hatten, konnten sie darüber lachen. Das schien ein echtes Bedürfnis zu sein.

3

Den Fluss erreichten sie nie, und die Träume von den schwedischen Mädchen und Bohnen mit Wurst, die ihnen das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen, verblassten wie das Licht dieses Septembertages. Gleichzeitig verschwanden alle Hoffnungen, noch an diesem Tag aus dem Wald herauszufinden.

Während die anderen drei schweigend dahockten – Luke saß ein Stückchen entfernt von Dom und Phil, die ihre Energieriegel mampften –, studierte Hutch ein weiteres Mal die Karte. Es musste inzwischen das fünfte Mal innerhalb der letzten Stunde sein. Mit seinem schmutzigen Zeigefinger fuhr er die angedachte Abkürzung zwischen der Sörstubba-Route, die sie gegen Mittag verlassen hatten, und dem Weg am Fluss entlang. Er schluckte erneut, um die latente Panik runterzuwürgen, die er verspürte, seit ihm klar geworden war, dass es allmählich dunkel wurde.

Am Morgen hatte er ganz genau gewusst, an welcher Stelle auf der Karte sie sich gerade befanden, wann sie sich im Gällivare-Bezirk befunden und zu welchem Zeitpunkt sie den Norrbottom-Distrikt erreicht hatten. Am späten Nachmittag, als die kleinen Flecken Himmel, die sie zwischen den Baumwipfeln ausmachen konnten, von einem hellen zu einem dunkleren Grau wechselten, war er sich nicht mehr sicher, wo genau sie sich in dem Waldstück befanden, das die beiden ausgewiesenen Wege voneinander trennte. Als er die neue Route festgelegt hatte, hätte er niemals gedacht, dass es hier so viel totes Holz und undurchdringliches Gestrüpp gab.

Es war alles völlig sinnlos. Sie gingen ja nicht einmal mehr ungefähr in die Richtung, die sie sich vorgenommen hatten. Schon vor zwei Stunden hatte er jede Orientierung verloren. Jetzt war es der Wald, der ihnen den Weg vorschrieb. Sie mussten unbedingt nach Südwesten, aber als sie ungefähr vier Kilometer in den Wald vorgedrungen waren, schien es, als würden sie immer mehr nach Westen und irgendwann sogar nach Norden gezwungen. Sie kamen nur dort voran, wo das Unterholz nicht zu dicht war oder wo sich zwischen den uralten Bäumen natürliche Durchgänge auftaten. So war es kein Wunder, dass es ihnen nicht gelang, über längere Zeit eine Richtung zu halten. Das hätte er bedenken müssen. Scheiße!

Er schaute über seine Schulter zurück zu den anderen. Vielleicht sollten sie die Angelegenheit noch mal neu durchdenken oder den ganzen Weg wieder zurückgehen. Aber selbst wenn er die vom Zufall bestimmte Route durch den Wald noch zurückfinden sollte, wäre es stockdunkel, wenn sie die Stelle erreichten, wo sie am Mittag losgegangen waren. Außerdem bedeutete es, dass sie wieder an diesem Baum mit dem aufgehängten Tierkadaver vorbei mussten. Das würden Dom und Phil sicherlich nicht besonders gut finden. Luke würde wahrscheinlich zustimmen. Aber auch ihm setzte die Wildnis ganz schön zu, das merkte man. Seine Lippen bewegten sich die ganze Zeit, als würde er vor sich hin murmeln. Das war ein eindeutiges Zeichen. Und seit sie richtig tief in diesem Wald drinsteckten, rauchte er ununterbrochen. Das war ein anderes ungutes Zeichen.

Immerhin bewirkte die Anstrengung, dass die Spekulationen darüber, wie wohl dieses Ding in den Baum gekommen war, zu einem Ende kamen. Hutch hatte noch nie so etwas gesehen, davon gehört oder darüber gelesen. In den zwanzig Jahren, in denen er immer wieder Ausflüge in die Wildnis unternommen hatte, war ihm ein derartiges Phänomen noch nicht begegnet. Auch Luke war ziemlich irritiert. Hutch merkte ganz deutlich, dass sein Freund sich pausenlos mit diesem rätselhaften Ding beschäftigte. Und dass er genau das Gleiche dachte wie er: Was zum Teufel kann so etwas mit einem derart großen Tier machen? In Gedanken ging Hutch alle möglichen Arten von Bären, Luchsen, Bärenmardern und Wölfen durch. Das passte nicht ganz, aber so was in der Art musste es gewesen sein. Ganz bestimmt. Vielleicht ja sogar ein Mensch. Was angesichts dieser Schlächterei allerdings noch beunruhigender war. Was auch immer diesen Kadaver so verunstaltet hatte, es konnte nicht weit weg sein.

»Auf, auf, es geht weiter, Männer.«

Luke bewegte seinen Hintern und stand auf.

»Leck mich«, sagte Dom.

»Na, na«, beschwichtigte Phil.

Dom sah zu Hutch auf. Tiefe Furchen gruben sich in sein Gesicht, das war sogar trotz des struppigen Barts deutlich zu erkennen. In seinen Augen konnte man sehen, wie er litt. »Ich warte hier, bis ihr mich mit einer Trage holt, Hutch. Ich kann mein Bein kaum noch bewegen. Das ist kein Scherz. Es ist total steif geworden.«

»Wir haben es jetzt nicht mehr weit«, sagte Hutch. »Der Fluss muss bald kommen.«

4

Vier Kilometer östlich des Dings im Baum stießen sie auf ein Haus.

Sie hatten sich weitere vier Kilometer einen Weg durch Efeugestrüpp und Nesseln gebahnt, waren über geborstene Baumstämme und durch ein ganzes Meer von feuchtem Blattwerk sowie nahezu undurchdringliches stacheliges Dickicht gestiegen. Wie überall sonst, waren auch hier die Jahreszeiten durcheinandergeraten. Der Herbst hatte erst sehr spät begonnen, nach dem feuchtesten Sommer seit Anfang der Wetteraufzeichnungen in Schweden, und der mächtige Wald fing gerade erst an, die ersten abgestorbenen Blätter fallen zu lassen. Alle Männer waren sich einig, dass es »höllisch düster« war. Das Blätterdach der dicht stehenden Bäume ließ nur wenig Tageslicht auf den unwegsamen Waldboden fallen. Hutch kam es mehr und mehr so vor, als würden sie unter dem grünen Gewölbe immer tiefer in etwas hineingeraten, das sich um sie herum zusammenzog. Obwohl sie nach lichten Stellen mit Ausblick auf den Himmel suchten, gerieten sie mit jedem Schritt in noch lichtärmere und unwegsamere Regionen.

Vom Spätnachmittag bis zum frühen Abend wurde alles immer schlimmer. Inzwischen waren sie viel zu müde, um etwas anderes zu tun, als weiter voranzustolpern und Flüche auszustoßen, wenn Astspitzen ihnen ins Gesicht stachen oder Dornen die Haut ritzten. Schließlich kamen sie überhaupt nicht mehr weiter. Also kehrten sie um, um es von einer anderen Stelle aus zu probieren. Sie umgingen größere Hindernisse, darunter gigantische, prähistorisch anmutende Baumstämme, die vor vielen Jahren umgefallen waren und von glitschigen Flechten überwuchert wurden. Verzweifelt irrten sie orientierungslos umher und versuchten, den wuchernden Astbarrieren und dem undurchdringlichen Gewirr der Zweige und der Dornenbüsche, die sämtliche Lücken zwischen den Baumstämmen versperrten, auszuweichen. Die Äste über ihnen senkten sich, beschwert vom unaufhörlich herabprasselnden Regen, immer weiter herab und bombardierten sie mit eiskalten Tropfen, groß wie Murmeln, was ihr Elend nur verstärkte.

Kurz vor sieben Uhr stolperten sie plötzlich über etwas, mit dem sie überhaupt nicht mehr gerechnet hatten. Einen Pfad. Schmal, aber immerhin breit genug, dass sie hintereinander gehen konnten, ohne sich bücken zu müssen oder nach hinten gerissen zu werden, weil sich mal wieder ein herabhängender Ast im Rucksack verfing.

Zu diesem Zeitpunkt war Hutch ziemlich klar, dass keiner von ihnen sich dafür interessierte, wohin dieser Weg führte. Sie wären sogar nach Norden gelaufen, so froh waren sie, endlich wieder aufrecht und in einer Reihe gehen zu können. Selbst wenn der Weg sie nun weiter östlich oder sogar in westliche Richtung lenkte statt nach Süden, wohin sie eigentlich wollten, gab der Wald ihnen endlich eine Möglichkeit voranzukommen. Wo genau sie sich befanden, darüber würde er später nachdenken – dann konnten sie sich nach Osten wenden, um die erzwungene Abweichung nach Nordwesten zu kompensieren. Irgendjemand war vor ihnen schon hier gewesen, und so wie der Pfad aussah, führte er an ein Ziel. Raus aus diesem dunklen und erdrückenden Niemandsland.

Tatsächlich brachte er sie zu einem Haus.

Ihre Rucksäcke waren durchnässt. Kleine Bäche von Regenwasser liefen an ihren Jacken hinab und durchdrangen die Hosen an den Oberschenkeln. Phils Jeans war schwarz vor Feuchtigkeit – genau jene Jeans, vor der Hutch ihn in Kiruna gewarnt hatte, er solle sie keinesfalls bei Regenwetter tragen. Das Wasser troff von den Jackenärmeln auf ihre zerkratzten roten Hände. Und es war unmöglich zu sagen, ob es der Regen war, der ihre Fleece-Pullover und die Unterwäsche unter ihren Gore-Tex-Jacken durchtränkte, oder der Schweiß. Sie waren dreckig, völlig durchgeweicht und erschöpft. Und keiner hatte Lust, Hutch zu fragen, ob sie nicht bald mal ein Zelt hier mitten im Wald aufbauen sollten. Aber sie dachten alle darüber nach, und das wusste er auch. Auf beiden Seiten des Pfads war das Gestrüpp hüfthoch. Genau in diesem Augenblick, als sich Hutchs Magen meldete und er in Panik geriet, weil die Situation ihn an seine Kindheit erinnerte und ihm klar wurde, dass er durch seine Fehlentscheidung das Leben seiner drei Freunde in Gefahr gebracht hatte, stießen sie auf das Haus.

Es war ein düsteres verfallenes Gebäude, an das auf der Rückseite eine Wiese grenzte. Der Boden war kniehoch bedeckt mit Brennnesseln und klatschnassem Gebüsch. Das Gelände wurde an allen Seiten von der undurchdringlichen Wand des Waldes eingerahmt, in dem sie sich verlaufen hatten.

»Es ist leer. Lasst uns reingehen«, sagte Phil mit keuchender Stimme.

5

»Wir können doch nicht einfach einbrechen«, sagte Luke.

Phil gab ihm einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter, als er an ihm vorbeiging. »Du kannst gern das Zelt nehmen, Kumpel. Ich für meinen Teil werde die Nacht da drinnen verbringen.«

Aber Phil trat nicht weiter als ein paar Schritte auf den Platz vor dem Haus. Welcher Instinkt es auch war, die anderen drei folgten ihm nur zögernd, und Phil blieb schließlich seufzend stehen.

Als sie von Mora Richtung Norden nach Gällivare gefahren waren, hatten sie vom Zug aus Hunderte von diesen stugor gesehen, und später wieder in der Gegend von Jokkmokk. Außerhalb der Städte und Dörfer im nördlichen Schweden gab es Zigtausende solcher einfachen Holzhäuser. Darin hatte ursprünglich die Landbevölkerung gelebt, bevor die Menschen im letzten Jahrhundert in die Städte gezogen waren. Luke wusste, dass sie den schwedischen Familien heute als Feriensitze dienten, im Sommer, wenn sie auszogen, um ihre Verbundenheit mit dem Land aufzufrischen. Es waren Zweitwohnungen. Das fritidshus, eine nationale Tradition. Doch dieses war anders.

Ihm fehlten die strahlenden Farben, die roten, gelben, weißen oder pastellfarbenen Wände der idyllischen Märchenhäuser, die man überall sah. Hier gab es keinen weißen Zaun und keinen kurzgemähten Rasen. Nichts Nettes oder Malerisches oder Gemütliches war vorhanden. Keine scharfen rechten Winkel oder hübsch gestrichenen Fenster waren an der zweistöckigen Fassade zu sehen. Da, wo einmal Symmetrie gewesen war, war das Haus eingesackt. Dachziegel hatten sich gelöst und waren abgerutscht. Die ausgebeulten Wände waren geschwärzt, als ob es einmal ein Feuer gegeben und sich seither niemand mehr um das Gebäude gekümmert hätte. Holzlatten lösten sich knapp über dem Fundament. Die Fenster waren verriegelt wie zur Winterzeit, und das wohl schon seit Jahren. Nichts konnte das durch die Lichtung einfallende Licht reflektieren, und Luke schien es, als müsste es im Inneren genauso feucht und kalt sein wie in dem düsteren Wald.

»Was nun, Hutch?« Dom sah ihn unter seiner glänzend feuchten, orangefarbenen Kapuze angespannt und irritiert an, seine Augen blinzelten nervös. »Fällt dir noch was Schlaues ein?«

Hutch kniff die Augen zusammen. Sie waren blassgrün, und seine langen dunklen Wimpern waren für einen Mann beinahe zu perfekt. Er atmete tief ein, schaute Dom aber nicht an. Dann sprach er, als hätte er die Bemerkung seines Freundes überhört: »Es hat einen Kamin und sieht ziemlich solide aus. Wir können ein Feuer anmachen. Wird nicht lange dauern, und wir haben es warm und gemütlich.« Hutch trat an die kleine Veranda, die gerade mal den Platz vor der Tür einnahm, einer Tür, die so schwarz war, dass man ihre Konturen innerhalb der Vorderfront des Hauses kaum erkennen konnte.

»Hutch, ich weiß nicht. Lassen wir das lieber«, meldete sich Luke zu Wort. Das war alles nicht richtig. Weder das Haus noch das Einbrechen. »Lass uns weitergehen. Vor acht Uhr wird es nicht dunkel. Wir haben noch eine Stunde Zeit, und dann sind wir vielleicht schon aus dem Wald raus.«

Luke spürte, wie die Spannung um ihn herum wuchs. Dom und Phil wirkten so unbeweglich, dass auch er das Gefühl hatte, festgenagelt zu sein. Phil drehte seinen massigen Körper herum, und der Gore-Tex-Stoff raschelte laut. Sein teigiges Gesicht war dunkelrot. »Was ist denn los mit dir, Luke? Willst du wieder dahin zurück? Sei doch nicht so ein dummes Arschloch.«

Dom schloss sich ihm an. Als er redete, spritzte ein Speicheltropfen aus seinem Mund auf Lukes Wange. »Ich kann keinen Schritt mehr weiter. Dir ist das vielleicht egal, dein Knie ist ja nicht so dick geschwollen wie ein Rugbyball. Du bist genauso schlimm wie dieser Yorkshire-Scheißer, der uns hier reingeritten hat.«

Luke war jetzt schwummrig und heiß zumute. Sie waren gezwungen, eine Nacht hier zu verbringen, weil Phil so fett war, dass er sich durch das bisschen Wandern die Füße kaputt gemacht hatte. Gleich am Morgen des ersten Tages hatte er sie sich ruiniert. Und sofort fing er an, sie alle deswegen anzumachen. Sogar in London fuhr er überall mit dem Auto hin. Er lebte dort jetzt seit fünfzehn Jahren und war noch nie mit der U-Bahn gefahren. Wie konnte das bloß sein? Dom war auch nicht besser. Er sah aus, als wäre er schon fünfzig und nicht erst vierunddreißig. Und jedes Mal, wenn er fluchte, musste Luke die Zähne zusammenbeißen. Dom war Marketingleiter bei einer großen Bank und redete wie ein Hooligan. Was war da schiefgelaufen? Er war ein großartiger Kricket-Werfer gewesen, der es bis in die Regionalliga geschafft hatte, er hatte Südafrika bereist und war einer von den Kumpels gewesen, mit denen man Joints rauchen und die Nächte durchmachen konnte. Und jetzt war er einer dieser verheirateten Männer mit Kindern und einer fetten Wampe, der sich von Kopf bis Fuß mit Freizeitklamotten von Officers Club einkleidete. Ein Spießer, der den Kopf schüttelte und kicherte und ihm nicht glauben wollte, wenn er von einer neuen Freundin oder einer angesagten Bar erzählte, in der er in London gewesen war.

Er erinnerte sich an den Schock, den er bekommen hatte, als er bei ihrem Wiedersehen in London, einen Tag vor dem Abflug, verzweifelt versucht hatte, ein Gespräch mit Dom oder Phil aufrechtzuerhalten. Sie hatten sich in seiner Wohnung in Finsbury Park getroffen, und die beiden hatten bald schon so vertraut mit Hutch herumgealbert, als hätten sie sich in den letzten fünfzehn Jahren jede Woche zu dritt getroffen. Vielleicht hatten sie das ja sogar. Von Anfang an hatte er sich ausgeschlossen gefühlt. Er spürte einen dicken Kloß im Hals.

Hutch schien seinen Gesichtsausdruck bemerkt zu haben. »He, Häuptling«, sagte er und zwinkerte Luke verschwörerisch zu wie ein Erwachsener, der auf den Spielplatz kommt, um einem kleinen Jungen zu helfen, der gerade von anderen gepiesackt wird. Lukes Gesicht wurde noch röter, aber seine Wut wandte sich nun gegen sich selbst und seine vergifteten Gedanken.

Hutch lächelte ihn warmherzig an. »Ich glaube, wir haben keine andere Wahl, Kumpel. Wir müssen unsere Sachen trocknen. Im Zelt wird da nichts draus. Wir sind den ganzen Tag lang durch dieses Pisswetter gestiefelt.«

»Hallo, mach die Tür auf«, rief Phil laut und trat zu Hutch vor den Eingang mit wesentlich mehr Elan, als er den ganzen Tag über gezeigt hatte, als er stolpernd und stöhnend durch das Unterholz gestapft war. Mit einem Mal konnte Luke sich nicht mehr zusammenreißen. Wütend starrte er Phils rundliche Schultern an, sein oberschlaues, von der blauen Kapuze eingerahmtes Gesicht. Er hasste diesen Anblick, und das war der Auslöser für eine grundsätzliche Entscheidung, die er jetzt traf: Wenn er wieder zurück in London war, würde er nicht einmal mehr an ihren jährlich stattfindenden Saufabenden teilnehmen.

»Du kannst ja draußen bleiben, zusammen mit dem Wolf, der den Elch so hübsch ausgeweidet hat«, sagte Dom mit einem unterdrückten Grinsen.

Luke vermied es, ihm in die Augen zu sehen, fand aber seine Stimme wieder. Er schlug einen angestrengt klingenden, aggressiv sarkastischen Ton an, der ihn sogar selbst ein wenig erschrak, als er ihn hörte. Aber es war ihm egal, was er jetzt sagte, er wollte den anderen einfach nur seine Empfindungen mitteilen. »Oder wir könnten dich und dein dämliches Knie an ihn verfüttern. Und während er sich über dich hermacht, gehen wir weiter Richtung Skaite.«

Dom, der Hutch und Phil folgen wollte, hielt inne. Überraschung und Enttäuschung waren in seinem Gesicht zu erkennen, aber dann verhärtete es sich vor lauter Zorn: »Typisches dummes Geschwätz eines geistig Zurückgebliebenen. Bleib doch draußen, du blödes Arschloch, und frier dich zu Tode. Wer wird dich schon vermissen, höchstens irgendeine dumme Nutte. Das hier ist die harte Wirklichkeit, falls du das noch nicht bemerkt hast. Ich würde gerne heil wieder nach Hause kommen. Ich bin nämlich für eine Menge Leute verantwortlich.«

Hutch wandte sich erneut von der Tür ab, als er merkte, dass die Verärgerung bei den anderen in offene Aggression umgeschlagen war. »Ruhe bitte, meine Herren. Wenn ihr euch jetzt nicht zusammenreißt, hol ich mir einen langen Ast und versohle euch den Hintern.«

Phil brach in sein dreckiges Lachen aus, das vor diesem Haus unangebracht wirkte, aber er wandte sich nicht um. Er schlug gegen die Tür und versuchte, sie aufzuschieben.

Luke war viel zu wütend, um sich zu bewegen oder durchatmen zu können, er starrte vor sich hin und vermied, die anderen anzuschauen. Als hätte die Auseinandersetzung ihn nicht weiter berührt, wandte Dom sich jetzt, genau wie Hutch, wieder dem Haus zu. Er lachte sogar vor sich hin. »Das würde dir wohl gefallen, einem strammen Jungen im Wald den Hintern zu bearbeiten. «

»Genau. Und ich würde so weit ausholen, dass ich dich mit der Rückhand gleich mit erwische.«

»Es ist kein Schloss dran, aber die Tür klemmt«, sagte Phil.

Hutch setzte seinen Rucksack ab. »Nicht mehr lange. Geh mal zur Seite.«

Luke nahm eine Zigarette aus dem Päckchen, das er in die Seitentasche seiner durchnässten Regenhose gesteckt hatte. Seine Hände zitterten. Dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um die Situation genauer zu analysieren, aber er konnte einfach nicht anders. Er konnte nicht aufhören, über sich und seine Freunde nachzudenken. Das lag vor allem daran, dass diese Reise ein völliger Fehlschlag war. Nicht nur wegen des Wetters. Er wäre auch hierher gekommen, wenn er gewusst hätte, dass es jeden Tag regnet. Er war sofort begeistert gewesen, als es hieß, sie würden zusammen eine Wanderung unternehmen, und hatte sich die ganzen sechs Monate, seit sie auf Hutchs Hochzeitsfeier den Plan ausgeheckt hatten, darauf gefreut. Leider war die Reise ab dem Moment schiefgelaufen, als er gemerkt hatte, dass die anderen gar nicht so waren, wie er erwartet hatte. Er fragte sich ernsthaft, ob er sie jemals wirklich gekannt hatte. Fünfzehn Jahre waren eine lange Zeit, aber ein Teil von ihm klammerte sich immer noch an den Gedanken, dass dies doch seine besten Freunde waren.

In Wahrheit war er ganz allein hier draußen. Mit den anderen hatte er überhaupt nichts mehr gemeinsam.

6

Als die Tür endlich auf war, durchsuchten Dom, Phil und Hutch ihre Rucksäcke nach Taschenlampen. Durch das Loch, das Hutch in das Holz getreten hatte, indem er mit den dicken Sohlen seiner Stiefel rund um den eisernen Türgriff hämmerte, war nichts zu sehen.

Bei jedem Tritt gegen das splitternde Holz war Luke zusammengezuckt. Der Gedanke, diese Hütte aufzubrechen, machte ihn nervös. Sein Unwillen, sich zu den anderen vor der Tür zu gesellen, wurde noch verstärkt durch seine schlechte Laune nach der Auseinandersetzung mit Dom, was ihm nun wiederum lächerlich erschien. Aber er schämte sich auch für den Akt des Vandalismus. Er blieb auf der Wiese vor dem Haus im Regen stehen, während die anderen sich vor der Tür versammelten und sich gegenseitig anfeuerten.

Genau wie die anderen drei war er vollkommen erschöpft. Außerdem komplett durchnässt, schrecklich hungrig und in elender Stimmung. Er wollte einfach, dass das alles aufhörte – das quälende Herumlaufen, der Regen, der unangenehme düstere Wald –, aber er wollte dennoch nicht, dass es auf die Zerstörung fremden Eigentums hinauslief. An einem Ort, der irgendwie unheimlich wirkte. Hatten sie denn gut darüber nachgedacht? Diese Hütte war nur wenige Kilometer von dem Kadaver im Baum entfernt. Von diesem Ding, auf das sie sich keinen Reim machen konnten, vor dem sie aber vor Einbruch der Nacht so weit wie möglich entfernt sein sollten.

Die Urteilskraft jedes Einzelnen war längst gestört. Nichts, was gesagt wurde, war noch vertrauenswürdig. Dennoch würde nichts vergessen oder vergeben werden.

Ganz langsam bewegte Luke sich auf das uralte Haus zu. Dabei hörte er ihre Stimmen. Sie waren jetzt im Inneren und redeten alle durcheinander. Einer lachte. Phil. Luke warf seine Zigarette ins Gestrüpp und überlegte, ob er zu ihnen gehen sollte; es war sicher besser, sich wieder der Gemeinschaft anzuschließen.

Ein lautes Krachen ertönte hinter ihm. Ein ungeheures Splittern von Holz. Inmitten der Bäume.

Er wirbelte herum und starrte die Wand aus dunklem Holz an, aus der sie gerade gekommen waren. Abgesehen von den silbrigen Regentropfen, die aus den Bäumen auf das chaotisch wuchernde Unterholz zwischen den dicken Stämmen tropften, bewegte sich nichts. Aber das laute, gewaltsame Zersplittern von frischem Holz hallte noch in seinen Ohren wider. Die Spur eines Echos, ein hohles Dröhnen wie von einem Stein, der gegen die Stämme pochte, schien sich in der Weite des Waldes zu verlieren.

Was konnte das gewesen sein, das einen ganzen Baum zum Zersplittern brachte? Irgendwo dort im Dickicht, nicht weit entfernt, glaubte er, die blassen zerschlissenen Fasern sehen zu können, die aus der Borke eines dicken umgeknickten Stammes ragten. Abgerissen von einem tiefschwarzen mächtigen Baum wie ein Arm vom Torso eines Riesen.

Luke schluckte und fühlte sich mit einem Mal schwächer und unbedeutender als je zuvor. Er war unfähig sich zu bewegen. Sein Herzschlag dröhnte ihm in den Ohren, stocksteif stand er da, vor Angst völlig orientierungslos, als wartete er darauf, dass etwas aus dem Unterholz brach und sich auf ihn stürzte. Er hatte das Gefühl, irgendwo dort könnte eine brutale Macht lauern, eine Kraft, die nur Zerstörung wollte. Er stellte es sich vor, bis er fast daran glaubte.

Ein Donnerschlag dröhnte durch den Himmel über den Baumwipfeln und das nasse düstere Blätterdach über der Hütte. Der Klang des herabtropfenden Regens verwandelte sich in ein lautes Prasseln.

»He, Kumpel!« Das war Hutch. »Komm rein hier. Das musst du dir ansehen.«

Luke löste sich aus seiner Trance. Wunderte sich über sich selbst. Das ist nur die Erschöpfung, die dir dieses verrückte Zeug in den Kopf setzt! Die dunklen Bäume, zwischen denen sie den ganzen Nachmittag hindurchgelaufen waren, hatten ihre Düsterheit auf ihn übertragen. Sie hatte sich wie ein schmutziger Film auf seine Gefühle und Gedanken gelegt und ihn auf Abwege geführt.

Er musste in Bewegung bleiben. Sich auf etwas konzentrieren. Er ging auf die Tür zu. Jenseits des Rahmens konnte er das blasse Gesicht von Hutch sehen, der hinausspähte. Er hatte seine Mütze abgenommen.

»Hast du das eben gehört?«

Hutch schaute zum Himmel. »Ich weiß. Donner und Wolkenbruch. Gut, dass wir diese Hütte gefunden haben. Ein Gewitter hätte unseren beiden Dickwänsten den Garaus gemacht. Dann hätten wir sie zurücklassen müssen.«

»He, leck mich, du Yorkshire-Drecksack!«, rief Dom aus dem Inneren der dunklen Höhle.

Trotz seiner Verunsicherung konnte Luke nicht anders, als in nervöses Kichern auszubrechen, das irgendwie aus seiner Kehle nach oben drängte. Er grinste vor sich hin wie ein Idiot. Hutch drehte sich um und ging zurück ins Haus, wo die Lichtkegel der Taschenlampen über die nur undeutlich erkennbaren Wände glitten.

»Nein. Das meine ich nicht. Die Bäume. Das Geräusch in den Bäumen. Hast du das nicht gehört?«

Aber Hutch hörte nicht zu. Er war jetzt wieder drinnen bei den anderen beiden. »Was hast du denn da, Dom, alter Junge?«

Luke hörte Doms Stimme: »Noch mehr von diesem üblen christlichen Schrott.« Dann warf er einen letzten Blick auf den Wald und trat durch den Eingang hinein zu den anderen.

7

Es war unmöglich zu sagen, wie lange dieser Ort schon nicht mehr bewohnt wurde. Oder was für Menschen hier gelebt hatten.

Das Erste, was Luke in der engen vollgepackten Hütte im gelblichen Schein der Taschenlampen ausmachen konnte, waren die Schädel. Und dann die Kruzifixe.

Fleckige Schädel kleiner Vögel bis hin zu denen von Eichhörnchen oder Wieseln waren an die roh gezimmerten Holzwände des großen Raums im Erdgeschoss genagelt worden. Die größeren Schädel, von Bärenmardern oder Rehen und Elchen, waren größtenteils von den Wänden gefallen und auf dem Holzboden zersprungen. Einer oder zwei davon baumelten trotz ihrer morschen Substanz noch grinsend dicht unter der niedrigen Decke.

Zwischen den Schädeln hing mindestens ein Dutzend Kreuze. So wie sie aussahen – allerdings mochte keiner länger hinsehen – , waren sie aus dünnen Zweigen zusammengebunden worden und inzwischen ziemlich schief, manche hingen sogar verkehrt herum. Von den niedrigen Deckenbalken, die sie gelegentlich mit den Köpfen streiften, baumelten zwei leere verrostete Öllampen, deren Henkel unangenehm quietschten, wenn man sie berührte.

Unter dem Fußboden huschten Mäuse herum. An diesem Ort wirkte ihr Rascheln irgendwie verärgert, als wären sie gestört worden, aber ängstlich klang es eigentlich nicht.

Hutch kam aus einem Anbau zurück, der an den Hauptraum grenzte. »Werkzeug und anderer Kram. Eine ziemlich fies aussehende Sense ist da auch noch. Ich schätze, diese Hütte ist gut hundert Jahre alt.« Er ging zu dem kleinen eisernen Ofen bei der Feuerstelle und klopfte ihn mit seinen schmutzigen Händen ab. »Der ist ganz schön verrostet, fühlt sich aber ziemlich trocken an.«

Phil prüfte die Tischplatte, die auf zwei Holzböcken lag. Sie knarrte, als er mit beiden Händen darauf drückte. Dom hatte auf der einzigen Sitzgelegenheit Platz genommen – ein roh gezimmerter Holzstuhl, der am Kopf des Tisches stand – und krümmte sich vor Schmerzen, als er versuchte, seine Stiefel auszuziehen. »Hutch, kannst du mir mal helfen? Ich krieg die Schleifen nicht auf. Und mir ist jetzt schon schlecht, wenn ich mir vorstelle, wie meine Füße aussehen. Mein Knie fühlt sich an wie ein Wassersack voller Nägel. Gib mir bitte dieses Wunderspray, das du heute Morgen hattest. Dann kannst du dich meinetwegen ums Feuermachen kümmern.«

Hutch, der neben dem Ofen hockte, grinste Dom über die Schulter hinweg an. »Ich frage mich ernsthaft, ob ich dich morgen früh nicht besser hier zurücklasse.«

Um sie herum bewegten sich die Wände der morschen Hütte und knirschten wie die Planken eines Schiffes, das im Packeis steckt. »Sind wir hier drin überhaupt sicher?«, fragte Phil.

Hutch fluchte über den Ofen. Und ohne sich ihm zuzuwenden, sagte er zu Phil: »Ich würde es jedenfalls nicht darauf ankommen lassen.«

Luke ließ das Licht seiner Taschenlampe erneut über Wände und Decke gleiten. Er war der Größte der vier, und während er versuchte, den schmerzhaften Kontakt mit den niedrigen Deckenbalken zu vermeiden, stieß er gegen eine der Eisenlampen.

Phil, Dom und Hutch lachten. »Alles in Ordnung, Kumpel?«, fragte Hutch hinterhältig. »Das klang ja ziemlich übel.«

»Bestens.« Luke leuchtete zu der schmalen Treppe, die in das obere Stockwerk führte. »Ist schon jemand da oben gewesen?«

»Mit diesem Knie hier«, sagte Dom, »werde ich mich bestimmt nicht weiterbewegen, bis Hutch Hilfe geholt hat und die schwedische Luftwaffe mit einem Helikopter draußen auf der Wiese landet. Hab ich Recht, du armseliger Yorkshire-Arsch? Und deine Landkarte kannst du ins Feuer schmeißen, so nützlich wie sie uns gewesen ist.«

Nach dieser Bemerkung fingen sie alle an zu lachen. Sogar Luke konnte nicht anders und merkte nun, dass er, ob er wollte oder nicht, wieder etwas mehr Sympathie für Dom empfand. Er war einfach zu empfindlich. Das lag an diesem grässlichen Wald und dem Gewaltmarsch, der hinter ihnen lag. Seine Beine wollten sich noch immer voranbewegen, über Steinblöcke und halb verrottete Baumstämme steigen. Sie waren einfach nur erschöpft. Das war alles. »Ich möchte ja nicht wie ein Trottel klingen … «

»Das wäre mal eine echte Herausforderung«, murmelte Dom, während er sich den zweiten Stiefel auszog. »Wo ist das Spray, Hutch?«

Luke warf Dom einen Blick zu. »Leck mich doch.« Dann wandte er sich an Hutch. »Aber ich habe ganz bestimmt was da draußen gehört. Zwischen den Bäumen.«

Dom verzog das Gesicht. »Jetzt fang bloß nicht mit so einem Scheiß an. Es ist schon schlimm genug, da brauchst du mir nicht noch Angst zu machen.«

»Ich sag das nicht einfach aus Quatsch. Da war etwas wie …« Er konnte es nicht beschreiben. »Ein lautes Krachen.«

Niemand hörte ihm zu.

»Ich will neue Füße haben.« Phil stand in seinen Socken auf. »Ich glaube, ich geh mal und schau mir die Schlafzimmer an.«

»Ich nehme dann gern die Suite mit eigenem Bad«, sagte Hutch. Er stocherte mit dem Schweizer Messer, das er sich in einem Outdoor-Laden in Stockholm gekauft hatte, in der Ofentür herum. Wie alles in diesem Land, war es nicht gerade billig gewesen. Luke hatte auch eines gekauft, weil ihm der Gedanke, in der Wildnis ein Messer bei sich zu tragen, gefallen hatte. Dom hatte darauf verzichtet, weil es ihm zu teuer war, und erklärt, er würde das von Hutch benutzen, wenn er eines bräuchte. Phil hatte sein Messer gleich am ersten Tag verloren. Es lag jetzt irgendwo da, wo sie ihr erstes Lager aufgeschlagen hatten.

Draußen ertönte ein Donnerschlag, als würden Eisenplatten auf Granit geschmettert. Ein greller Blitz flammte auf, und das auch noch ziemlich dicht vor der Hütte. Der staubige Fußboden wurde vom Lichtschein, der durch die Tür fiel, jäh erhellt.

Phil blieb auf der ersten Treppenstufe stehen und fasste nach einem Kruzifix. Und wie zu sich selbst sagte er leise: »Man sollte meinen, dass sie einem Sicherheit geben. Aber das Gegenteil ist der Fall.«

8

Phil kam so hastig die Treppe herunter, dass es klang, als würde er fallen. Falls den anderen sein lautes Gepolter nicht auffiel, dann auf jeden Fall, dass er heftig nach Luft schnappte.

Drei Augenpaare hefteten sich neugierig auf ihn. Die Lichtkegel von drei Taschenlampen beleuchteten den Fuß der Treppe.

Phil rutschte die Stufen hinab und fiel auf die Knie. Dann kroch er eilig von der Treppe weg.

In Hutchs Gedanken tauchte wieder der hässliche Kadaver auf, der unter dem Baum im Wald gehangen hatte.

Dom nahm seine Füße vom Tisch. »Was zum Teufel ist denn los?«

Luke, der dicht neben der Tür gesessen hatte, sprang auf. Er hatte die ganze Zeit in den Regen gestarrt, als könnte er noch immer nicht akzeptieren, dass sie die Nacht hier verbringen mussten. Er hielt die Schultern nach vorn gebeugt, als würde er jeden Moment einen Knall erwarten. Er machte den Mund auf, als wollte er etwas sagen, brachte aber nichts heraus.

Hutch kam sich blöde dabei vor, aber er musste vor Angst laut gähnen.

Phil versuchte, etwas zu rufen, stieß aber nur jämmerliche Bruchstücke hervor. »Da … ist was …« Er schluckte. »Da oben!«

Hutch schaute zur Decke. Er senkte die Stimme und sagte flüsternd. »Das soll doch ein Scherz sein, oder?«

»Lasst uns abhauen«, sagte Dom.

Hutch hob die Hand. »Pst.«

Dom und Phil, die in der Nähe des Tischs waren, griffen hastig nach ihren Stiefeln. Als ihre Köpfe sich einander näherten, flüsterte Dom Phil etwas zu. Phil drehte sich zu ihm um und sagte: »Ich weiß nicht! Ich hab’s gesehen. Im Bett.« Das war eine ziemlich groteske Aussage, aber niemand lachte, alle hatten einen Kloß im Hals. Der Gedanke, dass es an diesem Ort ein richtiges Bett gab, hätte die Spannung vielleicht auflösen können, aber aus irgendeinem Grund machte das alles nur noch schlimmer.

Hutch hob abwehrend die Hände. Sie waren total schmutzig. »Leise! Bleibt ruhig. Ganz ruhig. Da oben kann überhaupt niemand sein. Schaut doch, wie staubig es hier ist. Es gab keine Fußspuren, als wir reingekommen sind. Es ist einfach unmöglich.«

Mit bleichem, fahlem Gesicht und immer noch zitternd versuchte Phil zu sprechen. »Es ist … da drin. Dort … oben.«

»Was denn?«, fragte Dom.

»Ein Tier?«, wollte Luke wissen.

Hutch sah Luke an. »Hol dein Ding raus.«

Luke blickte ihn verwirrt an.

»Das Messer«, sagte Hutch und hielt sein eigenes hoch.

Dom hatte einen Stiefel an und schob seine nackten Zehen in den anderen nassen Schuh, der über den Fußboden rutschte. »Das ist doch total bescheuert. Absoluter Blödsinn.«

Hutch reckte den Hals. »Ein Tier kann es nicht sein. Hört mal.«

Dom zog sich den zweiten Stiefel über den Fuß und zuckte vor Schmerz zusammen. »Verdammt noch mal, mir reicht’s jetzt aber.«

»Dom, sei still! Hör doch.« Hutch ging ganz langsam zum Fuß der Treppe.

Luke trat von der Tür weg, um Phil und Dom nach draußen zu lassen. »Vorsicht, Hutch. Es könnte auch ein Bär sein.«

Hutch schüttelte den Kopf. »Der wäre doch längst hier unten bei uns.« Er schaute Phil und Dom an, die nebeneinander auf der Veranda standen und hereinstarrten. Ein Windstoß fegte feuchte Luft in die Hütte, und der Geruch des modrigen Waldes breitete sich im Zimmer aus, als wollte er sie verdrängen. »Phil. Hast du da oben ein Loch oder so was gesehen?«

»Hä?«

»Ein Loch, im Dach. Ein kaputtes Fenster? War es ein Tier?«

Phil musste schlucken. »Es saß einfach da und hat mich angeglotzt. «

»Was?«, fragte Dom.

»Ich weiß es nicht. Ich hab nur diese Augen im Schein der Taschenlampe gesehen. Und irgendwas Schwarzes. Ziemlich groß. Aber es hat sich nicht bewegt. Es saß einfach nur da und hat mich angeglotzt.«

Dom warf den Kopf zurück. »Mein Gott. Ich kann’s einfach nicht glauben.«

Hutch sah ihn finster an. »Dom, jetzt beruhige dich mal. Etwas Lebendiges hätten wir doch schon längst bemerkt. Man kann die Mäuse unter dem Fußboden hören, und die sind bloß so groß wie dein Daumen.«

Hutch warf Luke einen um Zustimmung heischenden Blick zu. Aber Lukes Gesichtsausdruck sprach Bände. Auch er war nicht dazu in der Lage, die anderen davon zu überzeugen, dass es im Obergeschoss bestimmt nichts Lebendiges gab. Um sie herum vernahmen sie das Geräusch des Regens, der gegen die Wände prasselte. Es klang, als würde es hageln, und war so laut, dass es beinahe ihre Schritte übertönte.

Hutch sah zur Decke. »Wir können nicht einfach wieder weggehen. In einer Stunde wird es da draußen richtig kalt. Und wir sind schon völlig durchnässt. Wir würden erbärmlich frieren.« Einige Sekunden lang sagte niemand ein Wort, sie tauschten nur Blicke aus.

Schließlich grinste Luke Hutch an und sagte: »Du gehst zuerst. «

9

Es war unmöglich, die Treppenstufen lautlos hinaufzusteigen, so wie sie es gern getan hätten. Die Holzbretter wackelten unter ihren Füßen. Sie knackten und knarrten, egal, wie zögernd und vorsichtig sie die Füße darauf setzten. Hutch ging voran, in der einen Hand die Taschenlampe, in der anderen das Messer. Luke blieb dicht hinter ihm, aber nur so nah, dass er noch genug Platz zum Umdrehen und Hinunterrennen hatte, falls Hutch eine falsche Bewegung machte. Der Griff des Messers schmerzte in seiner Hand. Er fasste es etwas lockerer.

»Siehst du was?«, flüsterte Luke, während er nach oben in den dunklen Schacht spähte, durch den sie sich schwerfällig quetschten. Es war ein enger Durchgang, und es roch dort wie in dieser alten Kate, die er als Kind auf einem verwilderten Grundstück erkundet hatte: nach Katzenpisse und Müll.

»Nee«, sagte Hutch angespannt, es klang, als hielte er den Atem an.

Lukes Herz schlug so heftig, dass es seine Brust zu sprengen drohte. Der Lichtkegel der Taschenlampe beleuchtete die seltsamen Dinge, die sich dort oben befanden. Die uralten dunklen Wände waren bedeckt mit bärtigen Gesichtern, die aber tatsächlich nichts weiter waren als Muster im ausgebleichten Holz. Alles hier schien so alt zu sein, dass es in ein Museum gepasst hätte. Mit einem Mal spürte er einen gewissen Respekt für Phil, der hier ganz allein hinaufgegangen war.

Der Gedanke an die Menschen, die ohne elektrisches Licht und ohne Strom in diesem modrigen Wald gelebt hatten, erfüllte Luke mit so viel Traurigkeit, dass er das Gefühl hatte, das ganze Elend müsse ihn zu Boden drücken. Es waren einfache Leute gewesen, ein altes Paar, dessen einziger Trost das Kreuz gewesen war. Irgendwann war der eine gestorben, und der andere musste in dieser trostlosen und unerträglichen Einsamkeit weiterleben.

Er versuchte, diese schrecklichen Gedanken abzuschütteln. Sie konkurrierten mit der Angst, die sich in ihm ausgebreitet hatte. Dies hier war kein Ort für einen normalen Menschen, ganz bestimmt nicht. Das spürte er instinktiv. Hier musste man ja durchdrehen, hier wurde man Opfer dieser Verrücktheit, die einen dazu brachte, Schädel an die Wände zu nageln. Sogar die düstere kalte Luft schien über sie hinwegzuziehen, als verfolgte sie ihre eigenen Ziele. So etwas zu denken, war dumm und irrational, aber in seiner Vorstellung wurde das Haus von irgendetwas bewohnt, das sie noch nicht zu Gesicht bekommen hatten. Sie selbst wirkten klein und zerbrechlich in dieser Umgebung. Sie waren wehrlos. Sie waren nicht willkommen.

Hutch spähte um den Treppenabsatz. Luke sah sein Profil im Licht der Taschenlampe. Diesen Gesichtsausdruck hatte er bei Hutch bislang noch nicht bemerkt. Er sah bleich und abgehärmt aus, als hätte er sehr schlechte Nachrichten erhalten. Seine weit aufgerissenen, feucht glänzenden Augen wirkten unendlich traurig. »Okay«, flüsterte Hutch. »Nur ein paar Schritte und dann kommt ein Zimmer. Sieht wie eine Dachkammer aus. Ich kann die Ziegel sehen. Es ist ziemlich feucht hier oben.«

»Ganz ruhig, Hutch, mach langsam«, flüsterte Luke ihm zu. Unter ihm knarrte die Treppe erbärmlich, und er fragte sich, ob er genug Mut hatte, die letzten Stufen hinaufzusteigen. Er hielt den Atem an und zwang sich, seinem Freund zu folgen.

Hutch war jetzt drei Schritte voraus und blieb stehen. Mit herabhängenden Schultern und vorgestrecktem Kopf starrte er etwas an, das sich vor ihm in der Dachkammer befand, das Luke aber von der zweitobersten Stufe, wo er stand, nicht sehen konnte. Hutch schluckte lautstark. Er hatte es also auch entdeckt. Er sah jetzt genau das, was Phil völlig verrückt gemacht hatte.

»Was?«, flüsterte Luke. »Hutch, was ist es?«

Hutch schüttelte den Kopf. Er krümmte sich. Er sah aus, als wollte er in Tränen ausbrechen. Er schüttelte erneut den Kopf und stöhnte.

Luke wollte das Ding eigentlich gar nicht sehen, aber er spürte, wie seine Füße ihn nach oben zwangen. »Ist alles okay? Ist alles okay? Ist alles okay?«, flüsterte er und merkte dann, dass er es dreimal hintereinander ausgestoßen hatte. Den Anblick von noch mehr Blut würde er heute nicht ertragen.

»Das ist nicht gut«, sagte Hutch mit der Stimme eines kleinen Jungen. Luke schaute ihn von der Seite her an. Er stieg die letzte Stufe nach oben und blieb neben seinem Freund stehen, dann wandte er sich mit großer Anstrengung um und sah in das Zimmer. Auf das, was ihre beiden Taschenlampen jetzt anstrahlten.

10

Es schälte sich aus dem Schatten und wurde wieder eins mit dem Schatten.

In der hintersten Ecke der Dachkammer saß eine Silhouette aufrecht und vollkommen ruhig zwischen den beiden schrägen Seiten des Daches. Die Stelle, die dieses Ding einnahm, war ein einziges Durcheinander und völlig dunkel oberhalb und unterhalb der Lichtkegel der Taschenlampen, deren Licht schwächlich wirkte, als wollte es dort, wo es endete, zu Pulver zerfallen. Dennoch war der Schein stark genug, den ganzen Staub und die Spinnweben auf dem uralten schwärzlichen Fell hervortreten zu lassen, und wurde von den feucht glänzenden Tropfen, die vom undichten Dach auf die Haarbüschel herabfielen, reflektiert.

Ein Lichtstrahl senkte sich auf den Bereich, aus dem diese seltsame Figur aufragte. Es war ein Holzkasten von der Größe einer Wiege, dessen Umrisse sich in dem gelblich-wässrigen Licht abzeichneten, als würde er irgendwo auf dem Meeresgrund liegen. Vielleicht war es ein kleiner Sarg, aus Holz gezimmert und im Laufe der Zeit dunkel angelaufen oder auch schwarz angemalt worden.

Das Licht der anderen Taschenlampe, der von Luke, beleuchtete die Hörner, die über zwei leeren Augenhöhlen in die Höhe ragten. Braune Knochen, lang und dick.

Zwei dünne Hinterbeine, die in Hufen endeten, staken aus dem Körper, und waren an den knochigen Knien eigenartig gekrümmt. Die Hufe sahen aus, als hingen sie neben dem Kasten in der Luft, bereit, das ganze gehörnte Ding hochzuheben und aus der Wiege zu stemmen.

Zwischen hochgezogenen, schwarzen Lippen bleckten sich längliche gelbe Zähne zu einer hässlichen Grimasse unter Nüstern, die noch immer eigenartig feucht erschienen. Über den fellbedeckten Brustkorb waren kleine rosafarbene Warzen verteilt. Das war das Unangenehmste an dem ganzen Ding, schlimmer noch als das knöcherne Maul, das für Luke aussah, als könnte es sich jeden Moment öffnen und dann mit lautem Klacken wieder zuschnappen.

Die dünnen Vorderbeine oder Arme waren bis auf Schulterhöhe angehoben und an den Ellbogen gebeugt. Geschwärzte Hände wiesen mit den Handflächen nach oben zur Decke hin, als wollten sie dem Dach gebieten sich zu erheben, aber vielleicht hatte diese groteske Gestalt auch einfach nur inzwischen längst verschwundene Gegenstände festgehalten.

Luke brachte kein Wort heraus. Er wusste nicht, wie er reagieren oder was er denken sollte. Er stand einfach nur als willenloser Körper vor dieser schrecklichen Erscheinung, die den vollgepackten Raum unterhalb des Daches dominierte.

Hutch sagte erst etwas, nachdem er das Licht seiner Lampe auf die Objekte gerichtet hatte, mit denen der Fußboden übersät war. »Knochen.«

Luke blickte nach unten und sah die zahllosen toten Dinger, die um den Holzkasten verteilt herumlagen. Sie sahen aus, als wären sie weggeworfen worden, nachdem jemand oder etwas das Fleisch abgenagt hatte. Knochen von Kaninchen vielleicht oder von größeren Vögeln mit gebrochenen Flügeln und dünnwandigen Schädeln. Einige davon waren noch mit Überresten grauer haarloser Haut bedeckt.

»Da drüben.« Hutch deutete mit seiner Taschenlampe auf die Kratzspuren am Holzdach. In die Holzbalken waren wie von Kinderhand ungelenke Symbole und Kreise eingeritzt. Sie sahen aus wie jene in Stein gemeißelten Runen, die sie in Gammelstad gesehen hatten. Die Inschriften schienen planlos angeordnet, in verschiedener Höhe an den Balken angebracht, in langen Schlangenlinien, und wirkten wie chinesische Schriftzeichen.

»Was …« Luke konnte den Satz nicht zu Ende sprechen. Irgendwelche Fragen zu stellen, schien völlig abwegig zu sein. Woher sollte denn einer von ihnen wissen, was dies hier bedeutete und warum es da war?

Hutch ging weiter. Luke zuckte bei jedem Schritt zusammen, den sein Freund machte, als fürchtete er, sie könnten etwas Schlimmes provozieren, einfach nur, weil er es wagte weiterzugehen. Unter seinen Füßen knirschte es. Hutch hob seine Taschenlampe und richtete den Lichtkegel auf den Torso und das Gesicht des aufrecht hockenden Dings in der Kiste. »Falls sich das jetzt bewegt, krieg ich einen Herzschlag.«

»Eine Ziege?«

»Sieht so aus.«

» Jesus.«

»Eher das Gegenteil.«

»Versteh ich nicht.«

»Wer versteht das schon. Das war so eine Art Tempel. Das sind heidnische Symbole, hier wurden Opfer dargebracht. Ich schätze, das hier soll die Ziege von Mendes darstellen.«

»Hä?«

»Das Ding ist ausgestopft. Hier an seinem Rücken« – Hutch beugte sich darüber, und Luke hielt den Atem an – »haben sich die Mäuse eingenistet.«

Luke schüttelte angewidert den Kopf. »Was machen wir denn jetzt?«

»Das ist völlig verrückt«, sagte Hutch zu sich selbst. »Stell dir nur mal vor, was das für durchgeknallte Typen waren.«

Luke verstand nicht genau, was Hutch meinte.