Im Zwiespalt des Rechts - Jonah Baker - E-Book

Im Zwiespalt des Rechts E-Book

Jonah Baker

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Beschreibung

Der junge Richter Sebastian Klein stößt in einem seiner Fälle auf das Schicksal der Angeklagten Béatrice Martin. Diese ist bereits wegen Totschlags vorbestraft, beteuert aber bis zum heutigen Tag ihre Unschuld. Obwohl es zunächst nach einem gewöhnlichen Fall aussieht, ist doch schon bald klar, dass er diesen Fall so schnell nicht vergessen wird. Ein Fall, der das Leben des jungen Richters aus den Fugen bringt. Ein Roman, der Gerichtswesen mit Alltag verbindet und an der Fassade einer perfekten Justiz kratzt. Ein Roman über Recht, Vergeltung und einem scheinbar perfekten Leben.

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Seitenzahl: 343

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Ähnliche


Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Epilog

Nachwort

Vorwort

Ich hatte einen Traum. Schon als Kind wollte ich es unbedingt werden: Richter. Mit elf Jahren fing ich schließlich an, Gerichtsverhandlungen zu besuchen. Mich faszinierte die Gerichtswelt! Die langen, schwarzen Roben der Richter und Staatsanwälte beeindruckten mich und interessiert verfolgte ich das Prozessgeschehen in kleinen und großen Strafverfahren.

Und irgendwann hatte ich eine Idee. Aus dieser Idee wurden erste Texte, erste Dialoge. Und nach und nach entwickelte sich eine richtige Geschichte. Als ich gerade 15 geworden war, die ersten Fetzen der Geschichte in meinem Kopf schwirrten und ich schließlich im Café einen der ersten Texte in meinen Laptop tippte, hätte ich mir wohl nicht ausmalen können, wie viel Kraft ich in dieses Projekt stecken würde, aber dass am Ende tatsächlich ein richtiges Buch stehen würde.

Das Projekt hat mich meine gesamte Jugend über begleitet und es hat mir viel Spaß gemacht daran zu arbeiten! Und jetzt kann ich es selbst kaum glauben, dass es nun fertig ist und ich es wirklich geschafft habe: Mein eigenes Buch!

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen!

Ihr

Prolog

Sie saß gerade mit ihrer Familie am Frühstückstisch, als die Polizisten hereinkamen und Béatrice baten mitzukommen. Es war ein Sonntagmorgen. Die Polizisten sagten, Béatrice sei dringend verdächtig, am vorigen Abend auf einem Klassentreffen eine ehemalige Klassenkameradin umgebracht zu haben. Sie soll sie von der Dachterrasse gestoßen haben.

Und obwohl Béatrice immer wieder beteuerte, nicht einmal auf dem Klassentreffen gewesen zu sein, nahmen sie sie schließlich mit…

Kapitel 1

Ich starre auf die graue, hässliche Wand vor mir. Kein einziges Bild füllt die Wand. Gähnende Leere, die mich das vergangene Jahrzehnt umgeben hat. Eine Leere, die nichts füllte und es auch heute nicht tut. Nicht das Geringste hat sich verändert. Selbst die Angestellten sind meist noch dieselben wie vor zehn Jahren. Es ist alles genau wie am ersten Tag – an dem Tag, als ich diese klinkenlose Tür zum ersten Mal von innen sah.

Es war eine schreckliche Zeit, an die ich mich nicht mehr erinnern will, auch, wenn mein trauriges Schicksal noch Realität ist. Aber das hat bald ein Ende! Noch genau 3 Tage und dann beginnt mein neues Leben: Mein Leben in Freiheit! Ja, dann wird Cleo für all das büßen müssen, was sie mir angetan hat!

Es ist eine andere Welt, als die, die man als normal ansieht, eine Art Parallelgesellschaft. Hier gelten andere Regeln, andere Hierarchien, an die man sich halten muss, wenn man hier überleben und so heil wie möglich wieder rauskommen will.

Der Knast – das Zuhause der dunklen Seite der Menschheit, so dachte ich immer. Vor genau solchen Leuten hatte ich meine Tochter immer gewarnt – und jetzt bin ich selbst eine von ihnen. Menschen, die teils jahrelang auf ihr Leben in Freiheit warten. Menschen, die es in der normalen Welt nicht gibt. Und all das, obwohl ich nichts getan habe…

Ich bin Béatrice und das ist mein Leben.

Kapitel 2

Ich bin Richter. Strafrichter am Landgericht Düsseldorf. Ich heiße Sebastian Klein, lebe und arbeite in Düsseldorf und bin 34 Jahre alt, also verhältnismäßig jung für einen Richter. Bei den anderen gelte ich immer noch als Sprössling, obwohl ich längst die 30er Grenze geknackt habe.

Nach meinem Jurastudium und allem was so dazu gehört war ich zunächst Strafrichter am Amtsgericht. Dort verhandelt man die verhältnismäßig „kleineren Fälle“, von Körperverletzung über Diebstahl bis hin zu Betrug. Vor einem Jahr wollte ich gerne zum Landgericht wechseln, weil ich was Neues kennenlernen und mich an anderen Dingen „ausprobieren“ wollte. Das Landgericht ist eine Instanz über dem Amtsgericht und bearbeitet die „größeren Sachen“ mit den meist deutlich längeren Prozessen. Dauert beim Amtsgericht eine Verhandlung in Strafsachen häufig nur dreißig Minuten oder eine Stunde, so ist es hier beim Landgericht üblich, dass ein Prozess mehrere Wochen oder sogar Monate dauert, manchmal sogar Jahre.

Glücklicherweise hatte ich dann auch vor etwa einem Jahr die Möglichkeit vom Amts- zum Landgericht zu wechseln und wurde erstaunlicherweise kurz nach meinem Wechsel mit einer Fortbildung befördert, zum Vorsitzenden ernannt und damit gleich Leiter der Abteilung, die wohl mit einer der schwerwiegendsten Entscheidungen trifft: Dem Schwurgericht1.

Ohne Kaffee geht bei mir gar nichts. Ohne meinen morgendlichen Koffeinschub bin ich nicht zu gebrauchen und auch nicht sonderlich genießbar. Ich umklammere den warmen Kaffeebecher, der mir trotz des kalten Wetters ein angenehmes Gefühl am Morgen gibt.

07.42 Uhr. Die kalte Uhr am Arm treibt mich etwas an. Nachdem ich den Bus verlassen habe und mir einen Weg durch die Menschenmengen am Düsseldorfer Hauptbahnhof gebahnt habe, erreiche ich die U-Bahn-Station im Bahnhofsgebäude. Es ist wie immer recht voll und um mich herum hetzen alle möglichen Leute zur Bahn. Jeder will pünktlich sein, aber deswegen auch nicht eher aufstehen, so scheint es mir. Überall schaue ich in müde Gesichter, die sich jetzt wahrscheinlich am liebsten unter der Decke verkriechen würden.

Die U-Bahn rollt in den Gleis ein und glücklicherweise finde ich in der Bahn einen Platz in einem Vierer. Viele können es nicht verstehen, wie man mit Mitte 30 immer noch mit Bus und Bahn durch die Weltgeschichte geistern kann – aber ja, so ist es eben. Und mir macht das nichts aus. Im Gegenteil: Ich liebe es, Zug zu fahren! Zwar sind die vielen Menschen manchmal etwas nervig, doch für mich ist das die bestmögliche Lösung. Für mich gibt es nichts, das nerviger ist, als ohnmächtig im Berufsverkehr nutzlos hinterm Lenkrad zu sitzen und nichts dabei tun zu können. Der Zug hingegen bietet die Möglichkeit zu arbeiten, zu lesen oder sogar noch etwas zu schlafen – was am Steuer bekanntlich nicht so gut funktioniert.

Ich persönlich genieße es, morgens früh stressfrei im Zug meinen Kaffee zu trinken und noch etwas vor mich hin zu träumen, bevor der Tag richtig losgeht. Dazu tue ich nebenbei was Gutes für die Umwelt und spare dabei erheblich Geld, was ich für andere Sachen sparen kann, die mir wichtiger sind. Und in einer so großen Stadt wie Düsseldorf ist man mit Bus, Zug und U-Bahn wirklich schnell – da kann ich mich echt nicht beklagen.

Um mich etwas abzulenken, sehe ich auf WhatsApp nach, was es Neues gibt. Und da ich noch etwas Zeit habe, rufe ich ein paar Freunde an und versüße ihnen den Morgen. Naja, falls man das Versüßen nennen kann, wenn Sebastian am Montagmorgen um kurz vor acht Telefonterror betreibt.

Oberbilker Markt. Ich bin da. Eilig verlasse ich die U-Bahn-Station und überquere die von vielen Autos befahrene Straße. Ich passiere den Eingang und die daran anschließende Sicherheitsschleuse. Wie immer lächle ich den beiden Kollegen zu und stehe dann in der großen Eingangshalle des Gerichtsgebäudes. Kurz sehe ich zu den Treppen, die im Zentrum stehen und zu den Sälen in den höheren Etagen führen. Das Gebäude ist modern eingerichtet, was mir sehr gefällt. Wirklich sehenswert.

Plötzlich sehe ich Steffi, die einige Meter entfernt in ihrer Handtasche kramt. Nachdem ich mich von hinten angeschlichen und ihr einen gehörigen Schreck versetzt habe, bin ich froh, dass sie mir statt einer Backpfeife nur ein „Du Depp!“ verpasst.

„War klar, dass nur du das sein kannst.“

„Kennst mich ja schon richtig gut, Steffi. Und findest du in den Tiefen deiner Tasche mal wieder nichts?“

„Ja… Komm, du bist nicht besser, Basti!“, erwidert sie lachend.

„Hast du heute Mittag schon was vor? Können zusammen essen, wenn du Lust hast. So ganz schick in der Gerichtskantine“, schlage ich amüsiert vor.

„Können wir machen. Du holst mich dann ab, ja? Wüsste ich nicht, dass du überzeugter Single bist, wäre das echt ‘ne billige Anmache“, fügt sie lachend hinzu.

Steffi ist eine befreundete Richterin. Sie sitzt einige Zimmer weiter als ich und leitet eine „Drogenkammer“, also eine Strafkammer, die hauptsächlich Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz ahndet. Scheußlich. Bevor ich zur Drogenabteilung gegangen wäre, hätte ich meinen Job an den Nagel gehängt. Oder mich. Da haben wir beim Schwurgericht deutlich mehr Abwechslung. Steffi und ich gehen häufiger zusammen Essen. Es sei denn wir haben größere Verhandlungen, da verschiebt sich die Planung oftmals.

Ich nehme den Aufzug. Mein Büro liegt in der 5. Etage: Zimmer 5.147. Der lange Flur führt an zahlreichen Büros vorbei, bis er dann auch meins erreicht. Wie ich sehe, hat meine Sekretärin, Madame Bijou, mein Büro bereits aufgeschlossen und mir einen weiteren Kaffee gemacht.

„Mit Milch und zwei Würfelzucker, wie immer“, begrüßt sie mich.

„Guten Morgen erstmal“, antworte ich. „Danke für den Kaffee, den werde ich heute brauchen.“

Lächelnd betrete ich mein Büro und setze mich an den vollen Schreibtisch. Madame Bijou ist echt ein Schatz, die „treue Seele“ hier. Unter den Kollegen ist sie auch als die „Mutti“ bekannt, die sich um alles und jeden rührend kümmert. Sie ist Mitte 50, sieht aber erheblich jünger aus. Sie kommt ursprünglich aus Frankreich, ist verheiratet und hat selbst zwei Kinder, ich glaube so Anfang 20, also nur ein paar Jahre jünger als ich, und weiß, „wie das Leben so spielt“. Vom Alter her könnte ich sogar ihr Sohn sein! Madame Bijou trägt immer schicke Klamotten und macht sich stets zurecht. Darauf legt sie viel Wert. Ihre Kinder müssen sich jedenfalls nicht für ihre Mutter schämen!

Sie ist für jeden da, hat immer ein hörendes Ohr und einen passenden Rat zur richtigen Zeit. Und natürlich auch immer einen guten Spruch auf den Lippen; da macht das Arbeiten gleich viel mehr Spaß! Ein durch und durch liebenswerter Mensch, jemand, den man einfach gerne haben muss! Ihr Büro ist direkt neben meinem. So kann man schnell mal Sachen abklären oder Akten austauschen: Sie gibt mir die Neuen, ich geb ihr die fertig Bearbeiteten.

Obwohl sie selbst noch gar nicht soo alt ist – ich lass jetzt mal außen vor, ob man mit 50 alt ist –, scheint es, als wäre sie schon immer hier gewesen. Da sie deutlich mehr Erfahrung als die meisten anderen hier hat und organisatorisch alles immer im Griff hat, steht sie bei Fragen immer zur Verfügung und übernimmt auch mal die eine oder andere Aufgabe von anderen Kollegen. Manchmal schäme ich mich sogar dafür, dass ich um einiges mehr als sie an Geld verdiene. Schließlich weiß, wie viel sie leistet. Natürlich hat sie nicht studiert und trägt bei weitem nicht so viel Verantwortung wie wir Richter, trotzdem denke ich manchmal, dass ihr Gehalt nicht dem gerecht wird, was sie in Wirklichkeit leistet.

Dennoch ist das Gehalt von uns Richtern nicht übermäßig hoch. Man verdient zwar nicht schlecht und mit der Zeit steigert sich auch das Gehalt, doch viele Anwälte, besonders in großen und internationalen Kanzleien, verdienen deutlich mehr als wir Richter.

Seit etwa zehn Monaten bin ich nun Vorsitzender der Schwurgerichtskammer, also noch relativ frisch auf diesem Gebiet. Dass ich Vorsitzender Richter bin bedeutet, dass ich neben den üblichen Aufgaben wie dem Durcharbeiten von Akten und Vorbereiten von Sitzungen auch die Prozesse und alle weiteren Besprechungen leite, die Befragung der Zeugen durchführe und die gefällten Urteile verkünde. Ich übernehme eben den Vorsitz. Also viel Arbeit, besonders, weil ich noch nicht so viel Erfahrung habe wie meine Kollegen. Und wenn man dann noch den Perfektionismus seines Vaters geerbt hat, ist Stress vorprogrammiert. Natürlich brauchte ich anfangs auch mehr Zeit für meine Aufgaben als diejenigen, die schon lange im „Geschäft“ sind und sich nicht erst in die Materie einarbeiten müssen.

Doch glücklicherweise hatte sich Horst, einen engen Kollegen von mir. Er hat sich sehr um mich gekümmert, als ich neu am Landgericht war. Er hatte mich eingearbeitet und mir vieles leichter gemacht. Ich höre ihn noch in meinem Kopf, wie er mir immer wieder predigte, dass ich die Arbeit strikt von meinem Privatleben trennen muss. Besonders hier, wo es schließlich tagtäglich um Mord und Totschlag geht. Einmal sagte er mir, dass er auch schon kaltblütigen Doppelmord und Folterei verhandeln musste. Wenn man alles mit nach Hause nehme, würde man irgendwann krank.

„Natürlich hat mich das am Anfang auch mitgenommen. Aber irgendwann habe ich begriffen, dass das nicht so weitergehen kann! Das hier ist unser Job“, sagte er mir. Er habe lernen müssen, den Beruf als Strafrichter nicht mit nach Hause zu nehmen und „die Arbeit im Gericht lassen“, wie er immer zu sagen pflegte. Auch, wenn mir das ehrlich gesagt manchmal schwerfällt… So kommt es vor, dass selbst nach Büroschluss Zuhause weitergearbeitet wird.

Ich liebe meinen Job und Richter zu werden war immer mein großer Traum! Aber manchmal fällt es mir tatsächlich schwer, mir einzugestehen, dass ich auch nur ein Mensch und keine Maschine bin. Und dann eben auch zu wissen, wann Schluss ist und die Akten zuzuschlagen. Wenn man das nicht kann, macht der Perfektionismus einen krank, man verliert das wirklich Wichtige aus den Augen und arbeitet sich schließlich zu Tode – so wie mein Vater.

1 Das Schwurgericht ist eine besondere Kammer (Abteilung) des Landgerichts, die „Schwurgerichtskammer“. Eine Schwurgerichtskammer ist ein Gericht, das sich ausschließlich mit Tötungsdelikten und gleichgearteten Straftaten beschäftigt.

Kapitel 3

Auf meinem Tisch haben sich wie immer einige Akten gestapelt. Eine dicker als die andere, nichts Neues in meinem Job. Daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Ich sehe sie kurz durch und verstaue die viele Arbeit, verteilt in mehreren Stapeln, in meinem Aktenschrank neben meinem Schreibtisch. Doch ich habe Mühe, alle Akten wirklich in den Schrank zu bekommen. Zeit mal wieder auszumisten. Oder für einen neuen, größeren Schrank. Am besten für beides. Bevor ich mich daran mache die neuen Akten zu bearbeiten, haben wir heute zunächst ein Urteil in einem Strafprozess zu verkünden.

Nachdem der letzte Termin verschoben werden musste, haben wir heute das Urteil in der Sache zu verkünden. Es kann immer mal wieder vorkommen, dass etwas schiefläuft und ein Gerichtstermin verschoben werden muss. Tatsächlich ist es sogar schon passiert, dass die zuständige Justizvollzugsanstalt oder unser Hausgefängnis einen Fehler gemacht hat und der Angeklagte zum entsprechenden Termin überhaupt nicht „geliefert“ wurde.

Ich bin etwas nervös. Ein Urteil zu verkünden ist schließlich etwas, das man nicht unterschätzen sollte, egal, wie gerechtfertigt es auch sein mag. Schließlich geht es hier um hohe Haftstrafen. Ich beeile mich etwas, der Richter soll ja schließlich pünktlich sein. Gerade zur Urteilsverkündung. Als ich einen Blick in den Saal werfe, sehe ich, dass dieser recht voll ist. Kein Wunder, ist ja auch die Urteilsverkündung – das Entscheidende im gesamten Prozess.

Kurz darauf betrete ich das Hinterzimmer des Saals. Es ist Saal E.122. Er ist groß, der Richtertresen ist riesig und so hat man viel Platz für die Berge an Akten und für sich selbst. Fünf Minuten später treffen auch die anderen beiden Richter, Sabine und Horst, und die beiden Schöffen2 im Hinterzimmer ein. Wir fünf bilden für dieses Verfahren gemeinsam das Schwurgericht.

Die Schöffen ändern sich zu jedem neuen Verfahren, wir drei Berufsrichter sind dahingegen sozusagen der bleibende Kern dieser Strafkammer. Trotzdem haben die Schöffen bei der Urteilsfindung gleiches Stimmrecht wie wir „normalen Richter“, also eine enorme Macht. Und dabei kennen sie nicht die Akten – was häufig kritisiert wird. Während wir Berufsrichter den Inhalt der Akten kennen, sollen sich die Schöffen unvoreingenommen ein Bild machen und somit das Vertrauen der Bürger in die Justiz stärken. Für das Schöffenamt kann man sich bewerben. Wenn man die Voraussetzungen erfüllt und tatsächlich ernannt wird, arbeitet man dann für eine gewisse Anzahl an Jahren als ehrenamtlicher Laienrichter und wird für die Prozesstage, für die man eingeteilt wird, von seiner normalen Arbeit freigestellt.

Es gibt verschiedene Kammern, also verschiedene Abteilungen innerhalb des Gerichts – auch im Zivilrecht. Neben uns als Schwurgerichtskammer gibt es Strafkammern, die sich beispielsweise mit Wirtschaftsstrafsachen, Drogendelikten oder mit Taten beschäftigen, die von oder an Jugendlichen begangen wurden. In unseren Prozessen sind wir also insgesamt fünf Richter. Die Besetzung am Richtertisch sieht dann folgendermaßen aus:

09.58 Uhr. Wir Richter ziehen unsere Roben an. An Verhandlungstagen bin ich fast immer im Anzug. Natürlich ist das nicht immer ganz so bequem – besonders im Sommer mit dicker schwarzer Robe noch obendrauf –, aber das gehört nun einmal mit zu meinem Job. Und ehrlich gesagt könnte ich auch nicht mit gutem Gewissen in Pulli und Hose dasitzen und über Mordsachen entscheiden.

Außerdem merke ich, wie sehr der Respekt vor uns auch an den Roben liegt. Zum einen werden wir als Autorität wahrgenommen – als Richter, nicht als Privatperson. Zum anderen glaube ich, dass es auch gut für uns Richter ist, da wir so völlig die Rolle einnehmen und wie ich finde auch leichter neutral sein können, da unsere Rolle schon optisch klar wird.

Da Sabine sich den Arm gebrochen hat und noch immer den Gips trägt, hat sie Probleme, die Robe vollständig anzubekommen. Letztlich helfen wir ihr alle, weil sie es nicht hinbekommt. 10.00 Uhr und die Robe sitzt immer noch nicht richtig. Sabine scheint es sichtlich unangenehm zu sein, dass ihr selbst die Schöffen helfen müssen.

Sabine kenne ich noch aus der Zeit, als ich hier ein Praktikum und später auch mein Referendariat gemacht habe. Neben uns beiden ist da noch Horst, der „alte Hase“ des Gerichts. Er ist 62 Jahre alt und schon fast in Pension. Mit seinen 30 Jahren Berufserfahrung ist er ein guter Ansprechpartner. Obwohl ich nun schon fast ein Jahr hier bin, merke ich immer wieder, wie viel ich noch nicht weiß. Zum Glück habe ich Kollegen, die mir immer wieder gerne bei Fragen zur Verfügung stehen. Horst weiß sehr viel und besitzt außergewöhnlich viel Menschenkenntnis. Spätestens jetzt, wo ich mit ihm durch unsere Kammer besonders viel zu tun habe, weiß ich ihn wirklich zu schätzen. Er ist ein Richter, mit dem jeder gerne zusammenarbeitet.

Nachdem die Robe nun endlich sitzt, eröffnen wir mit rund fünf Minuten Verspätung die Sitzung. Alle Anwesenden erheben sich, als wir den Saal betreten. Der Saal hat einen angenehmen Geruch und ist dezent, aber geschmackvoll eingerichtet. Ich sehe kurz auf meinen Platz und stelle fest, dass unsere Protokollführerin die zwei dicken Aktenbündel auf den edlen, aus Holz hergestellten langen Tisch, gelegt hat. Ich lasse meinen Blick für einen Moment durch den ganzen Saal schweifen, von der Staatsanwaltschaft über die Zuschauer hinweg bis zur Verteidigung und dem Angeklagten. Alle Anwesenden blicken gespannt zu uns Richtern. Nach einem kurzen Blick zu Horst verlese ich laut das Urteil:

„Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Der Angeklagte Thomas Weber ist schuldig des Totschlags, strafbar gemäß § 212, Abs. 1 Strafgesetzbuch (StGB). Er wird daher zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren und sechs Monaten sowie zu den Kosten des Verfahrens verurteilt.“

Ich bitte die Anwesenden, wieder Platz zu nehmen. Der Angeklagte ist zwar sichtlich aufgebracht, kann sich jedoch schnell wieder beruhigen. Stellvertretend für uns als Gericht verlese und erkläre ich die Gründe des Urteils. Hiermit ist die Sache für uns fast abgeschlossen. Ich belehre den Angeklagten noch über die Rechtsmittel, die er gegen das Urteil einlegen kann. Hiernach schließe ich die Verhandlung. Später muss noch das Urteil geschrieben werden, in dem nochmals die Gründe für die Verurteilung und das Strafmaß thematisiert werden. Wir verlassen den Saal durch das Hinterzimmer, der Angeklagte wird während dessen abgeführt.

Das ist unser Alltag. Ein Alltag, in dem man viel schaffen muss. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass sich unsere Arbeit zu einer Bearbeitung am laufenden Band entwickelt hat. Wegen erheblicher Einsparungen müssen wir oft Arbeit erledigen, die über das machbare Pensum einer Arbeitskraft hinausgeht. Besonders stark habe ich diesen Druck verspürt, als ich noch Richter am Amtsgericht war, wo die Strafsachen wirklich gefühlt im Minutentakt über die Bühne gehen. Wir hier am Landgericht haben zwar weniger Verfahren, dafür jedoch in deutlich anderem Umfang.

Nachdem wir unsere schwarzen Roben ausgezogen haben, verabschieden wir uns von den beiden Schöffen, bedanken uns für die Zusammenarbeit und verlassen gemeinsam das Hinterzimmer. Während die Schöffen Richtung Ausgang laufen, fahren wir Berufsrichter mit dem Aufzug in unsere Büroetage, um uns wieder hinter riesigen Aktenbergen zu verkriechen.

2 Unter einem „Schöffen“ versteht man einen ehrenamtlichen Richter, der keine juristische Ausbildung hatte, also einen „ganz normalen Bürger“. Schöffen werden meist im Strafrecht, also bei Strafprozessen, eingesetzt. So verfolgen sie bei etwas schwerwiegenderen Tatvorwürfen gleichermaßen den Prozess und entscheiden gemeinsam mit den Berufsrichtern, also uns, über Schuld und Strafe des Angeklagten.

Kapitel 4

Das Ganze fing vor ungefähr zehn Jahren an. Es war ein Sonntagmorgen. Den Tag werde ich nie vergessen. Ich saß mit meinem Mann Nathan und meiner damals fünf Jahre alten Tochter Lisa am Frühstückstisch, als es plötzlich klingelte. Mein Mann öffnete die Tür. Drei Polizisten kamen ins Haus und einer von ihnen sagte mir, dass gegen mich ein Haftbefehl vorliege. Ich sei verdächtig, eine ehemalige Klassenkameradin von mir, Simone Peters, umgebracht zu haben. Von der Dachterrasse gestoßen!

Ich kannte Simone und sie war tatsächlich in meiner Klasse. Doch auf diesem berüchtigten Klassentreffen, wo das passiert sein soll, war ich nie gewesen! Aber das interessierte die Beamten herzlich wenig. Ich wurde sofort mitgenommen und dem Haftrichter vorgeführt, der mich in U-Haft schickte. Für mich brach eine Welt zusammen. Der Richter trug vor, mich hätten angeblich mehrere Personen am Tatort zur Tatzeit gesehen. Zudem habe ich mich mit der Toten lautstark gestritten. Doch das stimmte nicht. Ich hatte weder mit ihr gestritten noch sie umgebracht. Bis heute kann ich mir das nicht erklären! Bin ich tatsächlich Opfer einer Verschwörung?! Wie kann es sein, dass so viele Leute etwas Falsches behaupten?

Ich konnte es einfach nicht fassen – ich, unschuldig im Gefängnis, auf meinen Prozess wegen Totschlags oder sogar Mordes wartend. Und dabei hatte ich einen Mann und eine kleine Tochter zu Hause! Was sollte mein Mann ihr erzählen? Dass ihre Mutter allem Anschein nach einen Menschen umgebracht hatte und jetzt lange Zeit im Gefängnis sei?!

Während der Zeit der Untersuchungshaft durfte ich nur sehr wenig Kontakt zu meinem Mann haben. Das war echt hart. Anstatt bei meiner Familie Zuhause zu sein, musste ich mich mit einer kleinen, unpersönlichen Zelle arrangieren – bis auf diesen Tag. Nach vier langen Monaten stand nun mein Prozess vor der Tür. Der Staatsanwalt klagte mich wegen Mordes an. Mord! Das bedeutete bei einer Verurteilung lebenslang Haft! Wirklich rosige Aussichten. Ein Leben unschuldig hinter Gittern, vor mich hinvegetierend – so stellte ich mir meine Zukunft vor. Und so sollte es auch kommen. Genauso, wenn nicht sogar noch viel schlimmer…

Der Tag meines Prozesses war gekommen. Und trotz meiner Hoffnungen war das bevorstehende Unheil nicht aufzuhalten: 9 Jahre und 6 Monate Haft! Totschlag, weil sie mir Mord wohl nicht nachweisen konnten, aber immerhin… Fast zehn Jahre Haft für ein Verbrechen, das ich nie begangen hatte. Wie viel Pech kann ein Mensch nur haben?! Womit hatte ich es verdient, unschuldig wegen eines Tötungsdelikts fast zehn Jahre hinter Gittern zu sitzen?! Lange Zeit hat mich dieser Gedanke gelähmt. Als ich begriff, in welcher ausweglosen Situation ich da stecke, war es bereits zu spät…

Doch was hatte ich für eine Option? Manche, die ich im Gefängnis kennengelernt habe, konnten irgendwann nicht mehr den Gedanken ertragen, noch länger oder sogar lebenslang im Gefängnis bleiben zu müssen und haben schließlich ihrem Leben ein Ende gesetzt. Doch das kam für mich nicht in Frage! Ich wollte immer zurück zu meiner Familie, zurück in mein altes Leben. Der Gedanke, bald Lisa und Nathan wieder in den Armen halten zu können, gab mir all die Jahre die nötige Kraft, um durchzuhalten und nicht aufzugeben. Da musste ich jetzt durch…

Und es war die richtige Entscheidung! Ja, jeden Morgen, wenn ich meine Augen öffne, bin ich froh und dankbar am Leben zu sein und mir nicht das Leben genommen zu haben. Jeden Morgen sehe ich mit wachsender Vorfreude auf den großen Kalender an der Wand und zähle die Tage, bis ich dieses triste Loch für immer los bin. Unzählige Male habe ich mir vorgestellt, wie es sein muss in Freiheit zu stehen und die klare, „ungesiebte“ Luft einzuatmen, den frischen Duft von Blumen, von Gras in mich aufzusaugen, mich in den Schnee zu werfen, frei zu sein!

Was ich in meiner Zeit hinter Gittern aber auch feststellen musste: Es sind nicht nur Menschen inhaftiert, die einfach kriminell sind. Es sind nicht immer Menschen, die sich bewusst dazu entschlossen haben, Verbrechen zu begehen. Es gibt sie, keine Frage. Viele sind jedoch durch Rück- und Schicksalsschläge auf die schiefe Bahn geraten, sind Opfer einer tragischen Vergangenheit und kommen nun aus diesem Sumpf nicht mehr raus, besonders, wenn Drogen im Spiel sind. Egal was andere sagen: Ich glaube an das Gute im Menschen.

Ich behaupte nicht, Straftaten müssten nicht bestraft werden. Jedoch bin ich davon überzeugt, dass das Gefängnis nicht die richtige Methode dafür ist. Ich war dort und sage: Das, was ich dort erlebt habe, hat nicht annähernd etwas mit Gerechtigkeit zu tun!

Doch darüber will ich nicht weiter nachdenken. Bald ist dieses Kapitel Vergangenheit. Vielmehr mache ich mir Gedanken darüber, ob meine Familie mich wiederaufnehmen oder mich zumindest akzeptieren wird. Schließlich hatte selbst mein eigener Mann mir nicht geglaubt… Das war ein schreckliches, schmerzhaftes Gefühl. Und dabei dachte ich, wir würden uns schon so gut kennen und uns vertrauen. Uns glauben – egal, was passiert. Er hatte irgendwelchen Leuten mehr geglaubt als mir, seiner eigenen Frau. Er brach den Kontakt völlig ab und sorgte dafür, dass ich Lisa bis zum heutigen Tage nicht einmal mehr zu Gesicht bekommen habe und ihm das alleinige Sorgerecht zugesprochen wurde. Unfassbar. Ich liebe Lisa doch so sehr! Ich denke jeden Tag an sie. Wirklich jeden. Selbst meinen Mann vermisse ich… Er fehlt mir, auch wenn er nichts mehr von mir wissen wollte und ich allen Grund dazu hätte wütend auf ihn zu sein, weil er mir nicht geglaubt und mich im Stich gelassen hat. Und trotz allem liebe ich ihn…

Ich kann es bis auf den heutigen Tag nicht fassen. Die Wahrheit kennt schließlich keiner, nur ich. Und die wollte mir ja keiner glauben… Jeder Tag in dieser kleinen grauen Zelle war und ist völlig ungerecht. Da sitz ich nun – von niemandem geliebt, nicht vermisst, abgeschoben und ersetzt.

Meine Revision gegen das Urteil sowie sämtliche Anträge auf frühzeitige Haftentlassung wurden rigoros abgelehnt. Meine Zukunft wurde mir genommen, ja, mein ganzes Leben. Und meine Würde… Ohnmächtig musste ich dabei zusehen, wie mein Leben, ja alles, was ich hatte, zerstört und zu einem einzigen Scherbenhaufen wurde, wie all das zu Bruch ging, was ich mir jahrelang mühevoll aufgebaut hatte.

Und alles nur wegen Cleo. Doch dafür soll sie büßen. Dafür wird sie büßen! Sie hat mir alles genommen, was mir je in meinem Leben wichtig war und mir etwas bedeutet hat – einfach alles! Ich habe jahrelang gelitten, jeden einzelnen beschissenen Tag in dieser kleinen grauen Zelle. Ich werde mich an ihr rächen, dafür, dass sie alles so perfekt initiiert hat, sodass selbst ein Gericht ihr glaubte. Ich kann nicht einfach nichts tun. Ich kann das nicht auf mir beruhen lassen. Schließlich lebt sie immer noch in Frieden – so, als wäre nie etwas gewesen. Ich will sie leiden sehen, ja, dieses Miststück wird schon noch bereuen, was sie uns angetan hat.

In drei Tagen ist alles vorbei! In drei Tagen werde ich wieder die Freiheit haben, die ich mir seit fast zehn Jahren jeden einzelnen Tag ersehne, von der ich fast jede Nacht träume. Und dann ist sie dran!

Kapitel 5

Zurück im Büro mache ich mich an den Berg neuer Akten. Ich blättere sie durch, überfliege sie – und bleibe an einem der Fälle hängen: Marie. Sie ist erst 21 Jahre alt. Umso mehr wundert es mich, dass sie wegen Mordes angeklagt ist. Mord!

Trotz ihrer jungen 21 Jahren hat sie schon einiges auf dem Kerbholz: Mit 14 Jahren war sie bereits wegen diverser Drogendelikte aufgefallen, einige Zeit später kamen weitere kleinere Straftaten hinzu. Aus Kleinen wurden Große und so war sie in ihrer Verbrecherkarriere auf dem besten Weg in den Knast. So kam es auch: Mit 15 der erste Arrest, mit 16 drei Monate Jugendknast. Der Gang zum Gericht wurde Normalität und das Vorstrafenregister länger und länger. Von Diebstahl und Körperverletzung über Drogen bis hin zu schwerem Raub – alles dabei. Nun soll sie aber so weit gegangen sein und einen Drogendealer kaltblütig ermordet haben:

Die Angeklagte Marie König soll den Getöteten um Drogen gebeten haben. Da er dies jedoch mangels fehlenden Geldes der Angeklagten verweigerte, soll diese ihn wegen ihrer Drogenabhängigkeit ermordet haben, um so noch an die Drogen zu gelangen, die er bei sich führte.

Falls sich dieser Tatbestand so bestätigen sollte, blüht der Angeklagten eine lebenslange Freiheitsstrafe, zumindest ein langer Aufenthalt in einer Entziehungsklinik.

Ungläubig und doch zutiefst bestürzt lese ich weiter in der Akte, die mich gedanklich fesselt. Ich lese immer schneller, kann es nicht so recht fassen. Wirklich schlimm, was die Drogen mit ihr gemacht haben… Tragisch und zugleich erschreckend zu sehen, was passieren kann, wenn ein Jugendlicher auf die schiefe Bahn gerät. Und eines Tages steht dann genau so ein junger Mensch wegen einer Straftat vor Gericht, wegen der er nicht mehr so leicht mit Sozialstunden oder Ähnlichem davonkommt, sondern für lange Zeit in den Bau geht.

Als ich noch beim Amtsgericht arbeitete, war ich eine Zeit lang in der Jugendabteilung, also für jugendliche Straftäter zuständig. Es war zwar eine sehr spannende und interessante, aber auch mich nachdenklich stimmende Zeit.

Ein Jugendrichter soll zwar dazu beitragen, dem Jugendlichen wieder auf den „richtigen Weg“ zu verhelfen, doch das gelingt nicht immer. Trotzdem war es die richtige Entscheidung, ins Jugendstrafrecht zu gehen. Ich hatte viele Fragen. Ich wollte wissen, wie man über solche jungen Menschen richtet, sodass einerseits die Tat gerecht bestraft und nicht kleingeredet wird, zum anderen die Zukunft dieser noch so jungen Menschen nicht gefährdet wird und man ihnen noch eine Chance gibt – trotz einer womöglich schweren Straftat.

Doch auch nach dieser zwei Jahre im Jugendstrafrecht habe ich bei weitem nicht auf alle Fragen eine Antwort gefunden. Manche Fragen wird man wohl nie beantworten können… Selbst nachdem ich bereits eine Zeit lang als Richter arbeite, glaube ich, dass es ein Akt der Unmöglichkeit ist zu 100% Opfer und Täter gerecht zu werden. In meiner jetzigen Abteilung beispielsweise richten wir über Mord. Welche Strafe kann schon ein Menschenleben aufwiegen, eine Tat sühnen, bei der ein Mensch zu Tode gekommen ist? Oder wie viele Jahre Gefängnis können dem physischen und psychischen Schmerz eines Missbrauchsopfers gerecht werden? Oder was ist die gerechte Strafe für einen Menschen, der versehentlich einen anderen Menschen mit dem Auto angefahren und ihn so zu Tode gebracht hat? Der allein durch die Tat für sein Leben gebrandmarkt ist und an seiner Schuld zu leiden hat – und trotzdem ein Menschenleben ausgelöscht hat?

Jeder hat eine eigene Vorstellung von Gerechtigkeit und ich denke, ein paar Monate mehr oder weniger machen jetzt auch nicht die ganz große Gerechtigkeit aus. Vielmehr ist es der Versuch, mit Blick auf die Tat sowohl dem Täter als auch dem Opfer gerecht zu werden und im Gesamtbild zu einem vertretbaren Urteil zu kommen. Oft stoßen die Urteile bei Hinterbliebenen und Opfern auf Unverständnis, erscheinen zu milde. Ich muss sagen: Teilweise werden wirklich zu lasche Urteile gesprochen. Manchmal wird in der Tat zu sehr auf die Seite der Täter geschaut und weniger auf die der Opfer. Doch man muss auch bedenken, dass ein Urteil nicht die Aufgabe hat, lediglich dem Opfer ein gutes Gefühl zu geben und seinen Vorstellungen gerecht zu werden.

Richten kann eine schwere Last sein. Manchmal mag man es sich so leicht vorstellen, da oben auf der Richterbank zu sitzen. Doch so ist es nicht. Es gab auch schon Fälle, die ich am liebsten nicht entschieden hätte.

Nachdem ich den gesamten Inhalt der Akte überflogen habe, setze ich den ersten Termin in der Sache für morgen früh fest. Dort muss entschieden werden, ob die Angeklagte bis zum Prozessbeginn in Untersuchungshaft bleibt oder in eine Entziehungsklinik eingewiesen wird.

Es ist nicht das erste Mal, dass sie vor Gericht steht. Doch wenn es so kommt, wie ich befürchte, wird es erst einmal das letzte Mal gewesen sein…

12.27 Uhr. Nachdem ich mir den groben Inhalt der Akte zu Gemüte geführt und das Chaos auf meinem Schreibtisch etwas geordnet habe, bin ich bereit für das Mittagessen.

„Da ist ja meine Lieblingsrichterin! Naa, bereit für unser Date?“

„Du bist sogar pünktlich! Sachen gibt’s…“

„Wie immer“, entgegne ich schmunzelnd.

„Naja, eher nicht… Wo ist die rote Rose? Ich dachte, wir haben ein Date?!“, kichert sie.

„Draußen steht der Rosenhändler. Sorry, Steffi“, erwidere ich mit einem sarkastischen Lächeln.

„Richtiger Charmeur heute wieder, Basti!“, lacht sie und haut mir leicht auf die Schulter.

Erstaunlicherweise vergeht der Rest des Tages wie im Flug und meine Laptopuhr zeigt 16.12 Uhr. Ich beeile mich etwas, um es pünktlich zu meiner Verabredung mit meiner Mutter und meiner Schwester zu schaffen. Noch etwas verwundert darüber, dass die Zeit so verflog, packe ich meine Sachen in meinem schwarzen „kleinen Riesen-Trolley“.

Er ist voll. Nichts Neues. Mein kleiner Trolley ist in Wirklichkeit recht groß und von innen schlimmer als eine Frauenhandtasche, in der ich tagtäglich gefühlt mein halbes Leben mit mir „herumziehe“. Aber ich mag das. Es gibt mir ein Gefühl der Vollständigkeit, da ich tatsächlich jederzeit fast alles dabeihabe: Von irgendwelchen Akten und anderem Papier- und Schreibkram über Kleinigkeiten zum Essen und Kaugummis bis hin zur kleinen Erste-Hilfe-Notfallausrüstung für den Fall der Fälle. Ich liebe und brauche einfach diesen Krimskrams! Und das beruhigt mich. Ich weiß: Egal was passiert, ich bin für jeden Fall gerüstet. Außerdem habe ich immer ein paar Fotos und Erinnerungen von meinen Liebsten dabei, die mich glücklich machen und mich motivieren, selbst, wenn ich absolut keine Lust mehr habe und nur noch nach Hause will. Fotos mit meiner Mutter, meiner Schwester, meinen engsten Freunden Monique, Tom und Marc und mit David. Auch, wenn es mir immer wieder das Herz zerreißt, die Bilder mit David anzusehen…

Ich ziehe meinen Mantel an und schließe mein Büro ab. Madame Bijou ist schon gegangen.

„Bis Morgen“, ruft eine Kollegin von nebenan.

„Ciao Barbara. Mach aber nicht mehr so lange.“

„Ne du, ich mach gleich auch Schluss. Schönen Abend dir noch.“

„Danke, dir auch.“

Barbara ist auch Vorsitzende und leitet eine Kammer, die sich mit Wirtschaftsstrafsachen beschäftigt. Und nein, sie heißt nicht Salesch mit Nachnamen. Dafür sind ihre Haare dann doch zu dunkel. Feuerrot wäre vermutlich das Letzte, was sie sich färben würde.

Sie ist eine liebe und herzliche Kollegin, aber manchmal habe ich ein bisschen Angst um sie, weil sie so viel arbeitet. Mittlerweile geht es, aber eine Zeit lang war es sehr schlimm, sodass ich befürchtete, sie könnte an Burn-out erkranken. Ich muss ja selbst auf mich aufpassen, dass ich nicht zu viel arbeite, aber oft fallen mir solche Dinge bei anderen eher auf als bei mir.

Freizeit – für viele Berufstätige mittlerweile ein Fremdwort. Und dabei braucht man doch gerade diese Zeit, um wieder aufzutanken, seinen Akku zu laden. Zeit, die man für sich allein hat, für Dinge, die einen glücklich machen oder mit den Menschen verbringt, die man liebt und die einen glücklich machen. Arbeit kann einen erfüllen, aber wenn man tatsächlich lebt, um zu arbeiten, macht man meiner Meinung nach was falsch. Und ich merke, dass ich in meinem Leben diesbezüglich auch noch etwas ändern muss…

Bevor ich die Verabredung mit meiner Schwester und meiner Mutter wahrnehme, fahre ich noch kurz nach Hause. Ich hatte in der Eile heute früh noch etwas für sie Zuhause liegen lassen. Nach etwa einer halben Stunde komme ich bei mir Zuhause an. Trotz meines Gehalts lebe ich in recht einfachen Verhältnissen: In der gleichen Wohnung wie in meiner Studienzeit. Sie ist etwas außerhalb von Düsseldorf am Stadtrand, in der Nähe eines Waldstücks, in dem ich gerne spaziere und manchmal auch jogge – wenn ich mich denn mal wieder dazu durchringe.

Meine Wohnung ist nicht sehr groß und nobel eingerichtet, wie man es vielleicht bei einem Richter erwarten würde. Außerdem lebe ich allein, weswegen ich nicht übermäßig viel Platz brauche und mit meinen 50 Quadratmetern sehr gut zurechtkomme. Dort habe ich es mir nett eingerichtet, sodass ich mich wohlfühle und gerne nach Hause komme.

Dieser Ort ist mir sehr ans Herz gewachsen und bedeutet mir viel. Die Wohnung hat mich in vielen Situationen begleitet. Ich weiß noch, wie verzweifelt ich an meinem Schreibtisch saß und für mein Examen gelernt habe, wie oft ich nur auf dieser Couch kauerte und wirklich nicht wusste, wie ich diese Prüfung schaffen sollte. Und es ist, als wäre es erst gestern gewesen, dass ich vor der ersten Prüfung hier am Küchentisch saß, gedankenlos aus dem Fenster starrte und kurz davor war alles hinzuschmeißen. Aber auch coole Feten, Küchenpartys und unvergessliche Wochenenden mit Freunden verbinden mich mit diesem Ort.

Auch die Lage der Wohnung ist toll! Einige Meter von meiner Wohnung entfernt führt ein schmaler Weg direkt in den Wald. Es ist der Fichtenweg. Hier ist es etwas abgelegener und trotzdem nur fünf Minuten bis zur nächsten Haltestelle. Es ist ruhiger als in der vollen und stressigen Stadt und dennoch nicht allzu weit von ihr entfernt.

Wenn ich wollte, könnte ich sogar viel Zuhause arbeiten. Als Richter habe ich die Freiheit selbst zu entscheiden, wann und teils auch wo ich arbeite. Bis auf die Sitzungen im Gerichtssaal bin ich in der Gestaltung meines Jobs recht frei. Das gefällt mir sehr an meinem Beruf. Doch durch diese freie Arbeitsgestaltung besteht auch die Gefahr, deutlich mehr zu arbeiten. Im Gegensatz zu den anderen Angestellten gibt es eben nicht den klassischen Feierabend. So kann es passieren, dass man die Arbeit eben nicht am Freitagmittag im Büro lässt, die Tür hinter sich zumacht und erst wieder am Montagmorgen mit Arbeiten anfängt, sondern die Akten mit ins Wochenende nimmt. Das sieht oft keiner. Bei Lehrern ist es ähnlich: Nach außen hin sieht die Arbeit vielleicht gar nicht so umfangreich aus. Doch nur, weil die ganze Arbeit nicht im Büro, sondern Zuhause wartet und man die Freiheit hat, auch mal später zu kommen oder früher zu gehen, heißt es nicht, dass weniger Arbeit zu tun ist.

Trotzdem fahre ich meistens ins Büro. Dort hat man weniger Ablenkung und um sich herum überall fleißige Kollegen. Zumindest in der Theorie. Aber manchmal, wenn ich überhaupt keine Lust habe ins Büro zu fahren und keine Verhandlungen oder andere wichtige Termine anstehen, gönne ich mir den Luxus, entspannt von Zuhause aus was zu tun.

Einige Zeit später erreiche ich das Haus meiner Mutter. Und dabei hatte ich gehofft, dieses Haus endlich aus meiner Erinnerung verbannen zu können…

Kapitel 6

Ich war eine gewöhnliche Frau. Ganz normal. Vielleicht ein kleines bisschen spießig, aber alles im Rahmen. Ich hatte einen großartigen Mann, eine bezaubernde Tochter, ein großes Haus, Geld und einen guten Job. Eigentlich eine perfekte Familie – ein Leben wie aus dem Bilderbuch.

Seit 19 Jahren bin ich nun mit Nathan verheiratet. Die Scheidung hat er trotz Ankündigung nie eingereicht. Wahrscheinlich war ihm das ganze Prozedere dann doch zu viel Aufwand gewesen. Bis heute bin ich mit dem Mann verheiratet, der nichts mehr von mir wissen will.

Unseren 10. Hochzeitstag haben wir nie gefeiert. Dabei war es mir immer so wichtig gewesen, diesen besonderen Tag mit Nathan zu erleben. Es ist nicht selbstverständlich einen solch besonderen Menschen gefunden und selbst nach so langer Zeit noch an seiner Seite haben zu dürfen. Umso härter traf es mich, dass es nie zu diesem Tag kam und der Traum vom perfekten Leben in einer Seifenblase zerplatze.

Als ich Nathan kennenlernte, lebte er in Hamburg und arbeitete für ein großes Wirtschaftsunternehmen. Er war charmant, humorvoll, erfolgreich – der Traum einer jeden Frau. Zeit hatte er jedoch leider nie viel für uns als Familie. Auch nach unserem Start in ein gemeinsames Leben hier in Düsseldorf arbeitete er weiterhin sehr viel. Ich hingegen kümmerte mich um Lisa und den Haushalt. Klingt nach einer stink langweiligen Familie, ich weiß. Aber so war es nicht. Im Gegenteil.

Nachdem ich mit Lisa schwanger war, gab ich meinen gut bezahlten Job als Personalleiterin auf und machte mich zur selbstständigen Personalberaterin. Ich habe meine Arbeit geliebt. Doch ich wusste, dass man als Personalchef kaum noch ein Privatleben hat. Und das wollte ich nicht mehr. Anstatt mich nur nebenbei um Lisa zu kümmern und das Leben meiner Tochter zu verpassen, während ich Überstunden im Büro mache, wollte ich voll und ganz für Lisa da sein. Diese Zeit wollte ich mir nicht nehmen lassen. Als selbstständige Personalberaterin war es mir möglich, nebenher einige Stunde von Zuhause zu arbeiten und gleichzeitig genug Zeit für Lisa haben.