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Joshua Van De Bogart und Gabriel García konnten sich schon in der Schule nicht ausstehen – und daran hat sich auch im Arbeitsleben nichts geändert. Als sie gemeinsam das Büro für die Weihnachtsfeier schmücken sollen, wird ein kleiner Unfall mit einer Lichterkette zum großen Problem: Sie wachen im Körper des jeweils anderen auf. Plötzlich muss Gabriel das Leben eines privilegierten Erben führen, während Josh sich im Trubel einer liebenswerten Farmerfamilie wiederfindet. Und obwohl beide von der Situation alles andere als begeistert sind, entdecken sie bald: Hinter dem Rivalen steckt mehr, als sie dachten. Zwischen vertauschten Identitäten, Weihnachtsplätzchen und jeder Menge Chaos geraten bald nicht nur ihre Leben, sondern auch ihre Herzen gehörig durcheinander …
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Seitenzahl: 321
Veröffentlichungsjahr: 2025
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BRIAR PRESCOTT
IMMER ÄRGER UNTERM BAUM
Aus dem Englischen von Christopher Bischoff
Über das Buch
Joshua Van De Bogart und Gabriel García konnten sich schon in der Schule nicht ausstehen – und daran hat sich auch im Arbeitsleben nichts geändert.
Als sie gemeinsam das Büro für die Weihnachtsfeier schmücken sollen, passiert das Undenkbare – ein kleiner Zwischenfall mit Lichterketten wird zum großen Problem: Sie wachen im Körper des jeweils anderen auf.
Plötzlich muss Gabriel das Leben eines privilegierten Erben führen, während Josh sich im Familienchaos einer liebenswerten Farmerfamilie wiederfindet. Und obwohl beide alles andere als begeistert sind, entdecken sie bald: Hinter dem Rivalen steckt mehr, als sie dachten.
Zwischen vertauschten Identitäten, Weihnachtsplätzchen und unerwarteten Gefühlen stellt sich bald eine Frage: Was, wenn die Person, die man am meisten gehasst hat, genau die ist, die man am meisten braucht?
Über die Autorin
Briar Prescott ist noch ein bisschen ein Work in Progress. Sie flucht häufiger, als sie sollte, isst viel zu selten Salat und verfällt regelmäßig exzessiven Serien-Marathons. Aber sie nimmt’s gelassen – irgendwann wird sie das mit dem Erwachsensein schon noch meistern.
Ganz bestimmt.
Vielleicht.
Hoffentlich.
Die englische Ausgabe erschien 2024 unter dem Titel »The Christmas Switch«.
Deutsche Erstausgabe September 2025
© der Originalausgabe 2024: Briar Prescott
© für die deutschsprachige Ausgabe 2025:
Second Chances Verlag, Inh. Jeannette Bauroth,
Hammergasse 7–9, 98587 Steinbach-Hallenberg
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Alle Rechte, einschließlich des Rechts zur vollständigen oder
auszugsweisen Wiedergabe in jeglicher Form, sind vorbehalten.
Alle handelnden Personen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten
mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
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im Sinne von § 44b UrhG ist ausdrücklich verboten.
Umschlaggestaltung: Libra Summers
Lektorat: Alexandra Fölker
Satz & Layout: Second Chances Verlag
ISBN Taschenbuch: 978-3-98906-112-5
ISBN E-Book: 978-3-98906-111-8
www.second-chances-verlag.de
Titel
Über die Autorin
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Epilog
JOSH
Wenn du die Chance hättest, das exakte Datum deines Todes zu erfahren, würdest du es wissen wollen?
Das ist eine rhetorische Frage, die ich nicht beantworten muss, da ich bereits weiß, wann es so weit ist.
Nämlich heute.
Jap, das sollte ich mir im Kalender notieren. Am 19. Dezember dieses Jahres werde ich, Joshua William Van De Bogart (ein ziemlicher Brocken, ich weiß. Daumen drücken, dass sie das auf den Grabstein bekommen), diesem Planeten Adios sagen.
Sayonara, Mutter Erde. War schön, dich kennengelernt zu haben.
Ich lehne mich vor und stemme die Handflächen gegen das Plexiglas, das mich vom Fahrer trennt. »Könnten Sie vielleicht ein kleines bisschen schneller fahren?«
Der Taxifahrer namens Lou wirft mir einen kurzen Blick über die Schulter zu, bevor er durch die Windschutzscheibe deutet. »Wir stehen im Stau, Bro. Mir klebt ein Kofferraum im Gesicht und eine Motorhaube am Arsch. Was soll ich machen? Fliegen?«
Er lacht schallend über seinen eigenen Witz.
Erst nach einer Weile kann ich das lebhafte Bild verdrängen, das seine Worte in meiner überdrehten Fantasie hervorgerufen haben. »Könnten Sie nicht versuchen, sich zwischen den Autos durchzuquetschen?«
»Das ist kein Motorrad, Kumpel.«
Ich lasse mich in meinen Sitz zurückfallen und seufze niedergeschlagen. Tja. Die Sache mit dem Tod, die ich vorhin erwähnt habe? Das wird mit ziemlicher Sicherheit so kommen.
Der Blick aus dem Fenster ist wenig vielversprechend. Es ist dunkel. Es regnet. Vor mir sehe ich nichts als ein endloses Meer roter Bremslichter, während ich mich noch etwa zwanzig Blocks von meinem Ziel entfernt befinde. Und ich bin bereits zehn Minuten zu spät.
Gabrielwirddichumbringen.Er wirddichumbringen,bisdu toter bist als tot,unddabeiwirdertotalgroßspurigundselbstgerecht und unausstehlich sein.
Ich beiße die Zähne zusammen. Es ist Gabriels selbstgefälliges Gesicht vor meinem geistigen Auge, das den Kampfgeist in mir weckt.
Ich werfe Lou einen Zwanziger zu. »Stimmt so!«, rufe ich, bevor ich die Tür zuschlage und mit dem riesigen Koffer im Schlepptau durch den Regen stürme. Es ist verdammt kalt, und es dauert nur etwa zehn Sekunden, bis ich völlig durchnässt bin. Trotzdem renne ich weiter, links und rechts an Menschen vorbei. Das Wasser tropft mir in die Augen. Doch ich bin zu sehr in Eile, um es wegzuwischen, und es würde auch nichts bringen, so wie es gerade schüttet.
Das Wetter macht es wirklich schwer, in Weihnachtsstimmung zu kommen.
In etwas unter fünfzehn Minuten schaffe ich es schließlich ins Büro. Juhu! Geschafft. Eine halbe Stunde zu spät, doch immerhin. Zwar wird Gabriel der Große mir sicher ewig vorhalten, dass ich ihn habe warten lassen, aber wenigstens habe ich ihn nicht versetzt, also … ein kleines Licht in der Dunkelheit? Ich bezweifle, dass Gabriel es so sehen wird.
Es dauert ewig, bis der Aufzug kommt, und als ich mich dann im Spiegel betrachte, stöhne ich laut auf. Oh ja, ich wirke wie ein echter Siegertyp. Ein Siegertyp mit feuerrotem Kopf, der aussieht wie ein nasser Hund mit halb abgefrorenen Eiern. Als ich durch den Flur gehe, schmatzen meine Socken, und mir tropft Wasser von den Schläfen in die Augen. Meine Jacke, mein T-Shirt und meine Jeans kleben mir förmlich am Körper, und ich spüre, wie mir das Wasser aus den Haaren in den Hemdkragen rinnt und meinen Rücken hinabläuft.
Außer in unserem Büro ist überall das Licht aus. Und mit unserem meine ich das von Gabriel und mir. Denn natürlich müssen wir uns eins teilen. Egal, wie sehr ich es auch versuche, ich entkomme ihm einfach nicht. Es ist echt unheimlich. Seit der Mittelstufe ist er ein fester Bestandteil meines Lebens, und zwar kein besonders angenehmer.
Kontakt zueinander haben wir nur, wenn wir dazu gezwungen sind, vor allem, weil wir uns nicht leiden können. Jedenfalls nicht so richtig. Es ist nicht so, dass wir uns prügeln oder anschreien würden, so weit geht es nicht. Bloß haben wir beide den gleichen grundlegenden Makel – wir sind zu ehrgeizig. Was dazu führt, dass wir aneinandergeraten. Und zwar ziemlich oft. Seit mehr als einem Jahrzehnt herrscht nun die stille Übereinkunft, dass es nur einen ersten Platz geben kann und das Treppchen nicht groß genug ist, um es sich zu teilen. Kein Sieg ist zu unbedeutend, wie die Tatsache beweist, dass Gabriel mir einmal erklärte, er wäre schneller, weil er eine Stunde früher geboren wurde als ich, denn klar, durch eine Laune des Schicksals teilen wir auch unseren Geburtstag. Den 24. Juli.
Unsere Kindheit haben wir nicht miteinander verbracht. Ich habe keine Ahnung, wie Gabriel im Kindergarten oder in der Grundschule war, doch ich stelle mir gern vor, dass er schon damals einen winzigen Anzug trug und mit missbilligenden Blicken um sich warf. Wie eine Miniaturausgabe seines heutigen Ichs.
In der achten Klasse wechselte er an die Middleton, eine piekfeine Privatschule in Manhattan, auf die auch ich ging, weil das bei den Van De Bogarts schon immer so Brauch war. Da steht sogar eine verdammte Büste meines Urgroßvaters im Innenhof. Genau. Wir sind eine von diesen Familien.
Ich würde gern behaupten, dass mir Gabriel auf den ersten Blick unsympathisch war. Dass er etwas an sich hatte, das mich grundlegend gestört hat, und fertig aus.
Aber nein.
Es war viel schlimmer.
Ich war wie gebannt von ihm.
Er war der ernsthafteste Dreizehnjährige, den ich je gesehen hatte, und ich musste einfach herausfinden, was mit ihm los war, da er allen in der Schule aus dem Weg ging und die Nase ständig in seine Schulbücher vergrub.
Eigentlich ist es eine klassische Geschichte. Junge trifft Junge. Junge geht in der Mittagspause auf Jungen zu. Junge verschlägt es die Sprache, weil anderer Junge nicht zurückgrüßt und nicht einmal lächelt. Junge rutscht etwas Unüberlegtes heraus: »Wie sind denn die Stipendien für diese Schule heutzutage so?«
Es war nicht als Beleidigung gemeint, sondern als sehr unbeholfener Gesprächseinstieg, weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte. Der Schulleiter hatte eine große Sache daraus gemacht, dass Gabriel dieses Stipendium erhalten hatte, und darauf hingewiesen, was für eine unglaubliche Leistung das wäre, also dachte ich, er wäre stolz darauf.
Fehlanzeige!
Gabriel verstand es als metaphorische Ohrfeige. Von diesem Tag an machte er es zu seiner neuen Lebensaufgabe, mich zu übertrumpfen. Bessere Prüfungsergebnisse und schnellere Runden im Sportunterricht wurden begleitet von einem süffisanten Lächeln und einem gemurmelten: »Nicht schlecht für jemanden mit Stipendium, oder?«
Allerdings muss man einen Jungen nur oft genug herablassend behandeln, bis er sich irgendwann zu wehren beginnt. Und im gleichen Maße überheblich wird. Und Gefallen daran findet, es Gabriel unter die Nase zu reiben, dass ich in etwas besser war als er. Am Ende der Highschool hatte sich die Rivalität zu einem regelrechten Krieg ausgeweitet.
Ich hatte geglaubt, nach unserem Schulabschluss wäre ich ihn los, aber an meinem ersten Tag am College, bei der Erstsemester-Orientierung, tauchte er wieder auf. Unsere Blicke trafen sich quer durch den Raum, eine wortlose Kampfansage wurde durch eine leicht arrogant hochgezogene Augenbraue formuliert, und der Krieg ging weiter.
Man sollte denken, dass wir seitdem erwachsen geworden wären, doch weit gefehlt. Alles, was ich tue, dient nur einem Zweck: besser zu sein als Gabriel García. Und um meine Großeltern zufriedenzustellen und mich des Namens Van De Bogart würdig zu erweisen, aber das ist eine völlig andere Geschichte.
Auf jeden Fall läuft es darauf hinaus, dass mich seine Art reizt und ihn meine. Meistens pendeln wir zwischen quälender Höflichkeit und fiesen Sticheleien hin und her.
Genau so ist es auch heute, als ich das Büro betrete. Er hebt den Kopf und schenkt mir seinen typischen, versteinerten Blick. »Wie schön, dass du endlich auftauchst.«
Tief durchatmen, Joshua. Tief durchatmen.
Abwehrend hebe ich die Hände. »Ich weiß. Zu meiner Verteidigung …«
»Du bist vierundzwanzig Minuten zu spät.«
Keine Ahnung, warum er das so betont. Machen die vier Minuten es irgendwie schlimmer? Wäre eine zwanzigminütige Verspätung vertretbar, aber diese zusätzlichen vier Minuten sind der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt?
»Ja«, sage ich, denn diesmal hat er tatsächlich einen Grund, sauer auf mich zu sein, und im Gegensatz zu manch anderen kann ich zu meinen Fehlern stehen. »Ich bin im Berufsverkehr stecken geblieben. Rush Hour.«
»Wir sind in New York. Hier ist immer Rush Hour. Soll ich dir einen kleinen Trick verraten, wie du pünktlich kommst?«
»Nein.«
»Fahr früher los.«
»Ich weiß deine weisen Worte zu schätzen.« Meine Geduldsreserven schmelzen rapide dahin. Diese Wirkung hat Gabriel grundsätzlich auf mich. Seine Ich-mache-nie-etwas-falsch-Attitüde kommt mir im Moment allerdings äußerst ungelegen. Zwar kommt sie mir auch sonst immer ungelegen, aber jetzt, wo ich klatschnass bin und friere, ist sie mir besonders zuwider.
Er mustert mich von oben bis unten und rümpft dabei die Nase. »Du bist nass.«
Er sagt es in einem verächtlichen Ton, der deutlich macht, dass durchnässt zu sein eine Sünde ist, die völlig verschwitzten Klamotten oder einer rotzverschmierten Nase gleichkommt.
Ich verdrehe die Augen. »Danke für den Hinweis. Ist mir gar nicht aufgefallen.« Demonstrativ wische ich mir das Regenwasser aus dem Gesicht. »Zu deiner Information: Ich bin nass, weil ich hierherrennen musste. Und das habe ich nur für dich getan.«
Er nickt in die Richtung meiner Füße. »Jetzt tropfst du den ganzen Boden voll.«
»Tja, da kann ich wohl nicht viel dagegen ausrichten, oder? Es sei denn, du möchtest, dass ich mich die nächsten drei Stunden in der Toilette unter den Händetrockner stelle.«
»Hast du nichts zum Wechseln da?«
Entnervt starre ich ihn an. »Warum sollte ich was zum Wechseln hier haben?«
Er seufzt nur, geht zu seinem Schreibtisch und holt eine Tasche heraus. Im Handumdrehen hält er mir ein frisches weißes Hemd entgegen, das wie durch Zauberei nicht einmal verknittert ist.
Wir sind beide Praktikanten bei Rasmussen & Cromwell, einer der besten Anwaltskanzleien an der Ostküste. Die Kanzlei ist renommiert, und die Praktika sind hart umkämpft – hier einen Platz zu ergattern, gilt als absoluter Jackpot. Als die heiß begehrte Stelle ausgeschrieben wurde, hatten natürlich sowohl Gabriel als auch ich die Idee, uns zu bewerben. Und natürlich konnten sie sich ebenfalls nicht zwischen uns entscheiden und haben uns beiden ein Praktikum angeboten.
Sobald wir im Frühjahr unseren Abschluss haben, besteht die Aussicht auf eine Festanstellung. Allerdings nur für einen von uns, daher versuchen wir beide wie besessen, uns zu beweisen, was wiederum bedeutet, dass jegliches Privatleben, das ich überhaupt noch hatte, in den letzten zwei Monaten zu einer fernen Erinnerung verblasst ist, weil das College und dieses Büro meine komplette Zeit beanspruchen.
Wie gerne würde ich von ganzem Herzen sagen, dass es das alles wert ist, aber in Wahrheit …
»Nimmst du es jetzt, oder soll ich weiter so tun, als wäre ich dein persönlicher Kleiderständer?«
Kurzerhand schnappe ich mir das Hemd und streife mir mein nasses T-Shirt über den Kopf. Mit einem feuchten Klatschen landet es zu meinen Füßen. Ich knöpfe das trockene Hemd zu. Als ich hochschaue, betrachtet Gabriel stirnrunzelnd meinen Oberkörper.
»Was nun?«, frage ich seufzend. Ich schwöre bei Gott, wenn er jetzt etwas Selbstgefälliges über seine definierteren Bauchmuskeln sagt, bringe ich ihn um.
Ruckartig hebt er den Kopf. »Was meinst du?«
»Du starrst mich an.«
»Ich denke nach«, sagt er. »Oh, tut mir leid. Ist dir dieses Konzept nicht geläufig? So nennt man das, wenn das Gehirn arbeitet oder etwas abwägt, bevor man handelt.«
»Aha. Schon klar, ich mache dein Hemd nass. Aber willst du mir ernsthaft erzählen, das hast du nicht kommen sehen?«
»Ein einfaches Dankeschön würde genügen.«
»Bleib mal locker«, murmele ich, während ich den Kragen richte. Meine Jogginghose ist immer noch unangenehm klamm, doch wenigstens ist eine Hälfte von mir warm. Würde ich es vorziehen, wenn es die Hälfte mit meinen Eiern wäre? Mit Sicherheit. Aber man kann nicht alles im Leben haben.
»Danke«, sage ich, sobald ich angezogen bin.
Er nickt kurz und wendet sich dann wieder seinem Schreibtisch zu.
»Na gut. Da du rücksichtsvollerweise nicht zur ausgemachten Zeit aufgekreuzt bist, habe ich mich bereits um die Deko gekümmert, also können wir los. Gern geschehen, und du schuldest mir was.«
Ich runzele die Stirn. Zwar bin ich spät dran, aber hat er das wirklich alles in vierundzwanzig Minuten erledigt? Das bezweifle ich stark.
»Okay, na ja, also ich habe hier noch ein paar Sachen. Lass uns doch mal schauen, ob wir die irgendwo unterbringen. Immerhin habe ich das alles von zu Hause hierher geschleppt.«
Er schließt für einen Moment die Augen und atmet tief durch. Diese Angewohnheit kenne ich nur zu gut. Vor allem, weil er mich oft dazu bringt, dasselbe zu tun.
»Aber sicher doch.« Er weist auf die Tür.
Ich schnappe mir meinen Koffer und ziehe ihn aus dem Büro. Ein Stockwerk höher gibt es einen Raum, der für Partys, Konferenzen und Ähnliches gebucht werden kann. Dort wird die Weihnachtsfeier der Kanzlei stattfinden.
»Hast du Lichterketten mitgebracht?«, frage ich über die Schulter. »Ohne die wird es wohl wenig weihnachtlich.«
»Wir sind zwar für die Dekoration zuständig, aber es ist nur eine Betriebsfeier!«, ruft er hinter mir. »Wir müssen es nicht übertreiben. Du weißt genauso gut wie ich, warum wir uns beide für diesen Scheiß gemeldet haben. Im Grunde neutralisieren wir uns damit gegenseitig. Keiner von uns bekommt Extrapunkte. Und es ist nur eine verdammte Betriebsweihnachtsfeier. Den Leuten wird das völlig egal sein.«
Ich ignoriere sein Gegrummel. Es ist Weihnachten, und ich liebe diese Zeit ohne Wenn und Aber. Die Lichter, die Deko, die Musik – einfach alles. Doch am meisten liebe ich die Menschen. Während der Feiertage sind alle so glücklich, dass ich mich weniger einsam fühle.
Ich erreiche den Konferenzraum und stoße die Tür auf. Keine Ahnung, was ich erwartet hatte, als Gabriel meinte, er hätte bereits alles dekoriert. Irgendwie hatte ich mir irgendwas halbwegs Anständiges vorgestellt. Etwas, das die meisten Leute für einigermaßen okay halten würden. Und streng genommen finde ich genau das vor. Es ist nicht per se schlecht, doch es ist … ziemlich enttäuschend. Da hängen ein paar Lichterketten, die ein oder andere Zuckerstange und rote und grüne Bänder. Ich meine, es ist passabel. Nett. Aber das war’s auch schon.
Ich drehe mich um. »Das ist alles?«
Er presst die Zähne zusammen und verschränkt die Arme vor der Brust. »Ja. Das ist ein Büro. Wir müssen niemanden beeindrucken.«
Ich lege den Kopf schief. »Moment mal. Ein Büro, sagst du? Und ich war fest davon überzeugt, ich wäre bei IKEA. Du meinst also, diese Stühle stehen nicht zum Verkauf?«
»Sehr witzig.«
»Tragisch trifft es wohl eher.« Ich drehe mich wieder um. »Und bei IKEA ist es definitiv geschmackvoller dekoriert.«
Mit genervter Miene und weiterhin verschränkten Armen schaut er zu, wie ich den Koffer öffne. »Ich habe die Sachen benutzt, die Robert mir gegeben hat. So macht man das hier eben. Man muss es ja nicht übertreiben, schließlich verbringen wir nicht wirklich Weihnachten hier. Die ganze Angelegenheit ist die reinste Zeitverschwendung.«
»Kannst du mal aufhören, dich andauernd zu wiederholen? Ich hab’s verstanden. Büro. Weihnachten. Total schlicht. Bla, bla, bla.« Ich deute auf die einsame Kerze in der Mitte eines Tisches. »Das ist übrigens nicht schlicht. Das ist erbärmlich.«
»Ich würde mich nicht dauernd wiederholen, wenn du mir einmal im Leben zuhören würdest. Und das ist nicht erbärmlich. Sondern minimalistisch.«
»Was zufällig ein Wort ist, das nicht zu Weihnachten passt.«
»Mag sein, aber noch mal: Wir sind ja nicht über die Feiertage hier. Sondern wir fahren dafür alle in unsere eigenen vier Wände, wo wir so üppig dekorieren können, wie wir wollen.«
»Würde es dich umbringen, einen Hauch Kompromissbereitschaft zu zeigen?«
»Es ist eine Betriebsweihnachtsfeier«, leiert er zum hundertsten Mal herunter. »Niemandem machen solche Veranstaltungen Spaß.«
»Mit dieser Einstellung ganz bestimmt nicht.« Ich packe die Lichterketten aus und lege sie auf den Tisch. Gabriel schaut schweigend zu, was eine angenehme Abwechslung ist.
»Mit den ganzen Lichtern könntest du den Times Square schmücken«, grummelt er schließlich doch.
»Gut. Umso beeindruckender wird es.«
Gabriel starrt zur Decke und murmelt etwas Unverständliches.
Ich gehe hinüber zur Tür und lasse den Blick durch den Raum schweifen, um ein Gefühl für ihn und all die Möglichkeiten zu bekommen, die diese Wände bieten.
Und dann mache ich mich an die Arbeit.
»Wir sollten etwas Lustiges für die Party vorbereiten«, sage ich, während ich einen Tisch in die Mitte des Raums ziehe und daraufklettere, um die erste Lichterkette anzubringen. Ich werde sie zickzackförmig unter die Decke spannen, damit es magisch aussieht.
»Was Lustiges?«, wiederholt Gabriel langsam, als hätte er dieses Wort noch nie zuvor gehört. Könnte hinkommen.
»Ja. Sonst betrinken sich alle nur und haben Langeweile. Wir sollten einen Programmpunkt einbauen. Zum Beispiel … ein Escape Room im Weihnachtsstil.«
»Nein.«
»Komm schon. Das wäre gut für die Stimmung und den Teamgeist.«
»Es kommen fünfzig Leute zu dieser Veranstaltung, die meisten mit Begleitung. Das müsste schon ein verdammt guter Escape Room sein, um alle bei Laune zu halten.«
»Na gut, okay.« Nach kurzem Überlegen gebe ich nach. »Wie wäre es mit einem Kochkurs?«
»In der Teeküche unten gibt es einen Kühlschrank und eine Mikrowelle. Was für Gerichte willst du da bitte kochen? Popcorn? Das Rezept können wir uns wohl gerade noch allein zusammenreimen.«
»Dann eben eine Kostümparty.«
»Macht es dir etwa Spaß, dich selbst zu quälen? Und das sogar freiwillig?«, fragt er in seinem besten genervten Tonfall.
»Ein Lip-Sync-Contest?«
»Ich geh mich mal erschießen.«
Ich presse die Lippen zusammen und zähle lautlos bis zehn. Nichtdaraufeingehen. Bloß nichtdaraufeingehen.
Er seufzt. »Ich habe Robert gefragt, was sie sonst auf ihren Büropartys machen. Trinken. Tanzen. Fragwürdige Entscheidungen treffen. Irgendwer schläft mit jemandem, mit dem er nicht schlafen sollte. Robert wettet auf Shane und Kayla. Und das war’s. Für mich klingt das gut. Können wir vielleicht, nur ganz vielleicht, nicht gegen das System rebellieren?«
»Manchmal ist es gut, wenn jemand ein bisschen für Abwechslung sorgt.«
»Hey, ich hab eine Idee: Du könntest all diese Lip-Sync-Koch-Krimi-Eskapaden wie ein normaler Mensch an Heiligabend mit Freunden und Familie abziehen und nicht alle anderen damit belästigen.«
Ich beiße die Zähne zusammen und ignoriere den Stich in der Brust. Ist schon okay. Vollkommen okay.
»Weißt du, so reizend ich deine Gesellschaft auch finde, du darfst jederzeit gehen. Meinetwegen musst du nicht extra hierbleiben«, gebe ich über die Schulter zurück.
Beinahe unmerklich zieht er die linke Augenbraue hoch. Gerade genug, um zu bestätigen, was wir beide bereits wissen. Gehen bedeutet aufzugeben. Gehen bedeutet, dass ich gewinne. Er wird also nirgendwo hingehen.
Schade.
Schweigend arbeiten wir weiter. Er reicht mir Lichterketten, ich hänge sie auf. Selbst für meinen Geschmack übertreibe ich es ein wenig, nur um ihn zu ärgern. Ehrlich gesagt grenzt es an Kitsch, aber Gabriels Miene ist es wert. Als ich endlich vom Tisch steige, sieht Gabriel sich langsam um. Ich habe die Lichter zu einem Netz geflochten, das sich über die gesamte Decke erstreckt, und dazu auch die Fensterwand zu unserer Linken mit Lichtern und Weihnachtsschmuck verziert.
»Das sieht aus, als hätten Dyker Heights und das Rockefeller Center ein Kind bekommen, das einmal den ganzen Raum vollgekotzt hat«, kommentiert Gabriel mit finsterer Miene.
Ich schenke ihm ein zuckersüßes Lächeln. »Toll. Genau das war der Plan.«
Er murmelt etwas vor sich hin. Ich ignoriere ihn. Er kann nörgeln, so viel er will, es ist mir egal.
»Probelauf!«, rufe ich aufgeregt, bevor ich zur Steckdose an der Wand gehe.
Ich halte einen Moment inne, um die Spannung zu steigern.
Dann schiebe ich den Stecker in die Dose.
Ich erwarte Magie.
Nichts geschieht.
»Wow. Wie festlich«, frotzelt Gabriel trocken.
Ich ignoriere ihn und schaue zu den Lichterreihen über meinem Kopf. »Das muss an einer der Steckverbindungen liegen«, murmele ich vor mich hin.
»Und es hängt sicher nicht damit zusammen, dass du sie in einem klatschnassen Koffer hierher geschleppt hast?«
»Die Außenseite war nass. Von innen war alles in Ordnung. Tust du mir einen Gefallen? Bleib da stehen und rühr dich nicht. Bitte. Ich kann es echt nicht gebrauchen, dass du hier irgendwas versaust.«
Er hebt abwehrend die Hände. »Natürlich nicht. Ich will den Meister ja nicht stören. Nur zu, zeig mir, wie man das richtig macht.«
Ich überprüfe die Verteiler und die Anschlüsse, doch nirgendwo scheint etwas defekt zu sein. Gabriel steht grinsend in der Ecke.
Arschloch.
»Brauchst du Hilfe?«, fragt er nach etwa zwanzig Minuten.
»Von dir? Wenn ich die Augen schließe, sehe ich immer noch den zuckenden Mr Baton vor mir, als du ihn unter Strom gesetzt hast. Nichts für ungut, aber ich hänge an meinem Leben.«
»Ich habe ihn nicht unter Strom gesetzt. Er hat eine blanke Leitung angefasst, verdammt noch mal. Und ich war vierzehn!«
»Klaaar«, erwidere ich gedehnt. »Eine blanke Leitung. Das wirst du wohl auch der Polizei erzählen, nachdem du mich gegrillt hast.«
Er seufzt genervt. »Macht es dir Spaß, unnötig stur zu sein? Lass mich einfach mal gucken, dann kann ich den Fehler beheben und wir können nach Hause.«
»Es ist gerade mal zwanzig Uhr. Wie viel Schönheitsschlaf brauchst du denn?«
»Ob du’s glaubst oder nicht, Richie Rich, manche von uns haben Verpflichtungen und können die Energie gut gebrauchen.«
Ich werfe ihm einen ungeduldigen Blick zu. »Mir ist klar, wie sehr du den Klang deiner eigenen Stimme genießt, aber könntest du vielleicht mal kurz die Klappe halten, damit ich mich konzentrieren kann?«
»Meine Stimme ist hier sicher nicht das Problem.«
»Hab glatt vergessen, mit wem ich rede. Natürlich bist du nie das Problem. Es sind immer die anderen.«
Seufzend erhebt er sich. »Lass mich einfach helfen.«
Er steht direkt neben mir, als ich die Glühbirne und den daneben hervorragenden Draht entdecke.
»Ich hab’s!«, rufen wir gleichzeitig. Sofort setzen wir uns beide in Bewegung, bis wir uns an den entgegengesetzten Seiten des Tisches gegenüberstehen.
Ich funkele ihn mit zusammengekniffenen Augen an. »Geh weg und lass mich das machen. Ich hab keine Lust, dass du mir dabei im Nacken klebst.«
»Du hast jetzt schon genug meiner Lebenszeit verschwendet. Lass mich das regeln.«
»Ich hab dich nicht gezwungen hierzubleiben.«
Er lächelt gekünstelt. »Natürlich nicht. Ich wollte damit eigentlich ausdrücken, dass du schon den größten Teil der Deko übernommen hast. Lass mich wenigstens hierbei helfen.«
Mit Sicherheit nicht. Lassmichwenigstens hierbei helfen. Klar. Damit er sich später damit brüsten kann, dass er das Ganze zum Laufen gebracht hat. Nicht mit mir.
Wir tauschen einen kurzen Blick, und dann beeilen wir uns beide, als Erste auf den Tisch zu klettern.
»Bin dran«, sage ich, aber er steht mir schon im Weg, die Arme erhoben und bereit loszulegen.
»Wer klebt jetzt wem im Nacken?«, murrt Gabriel, als ich ihn in meinem Eifer, zuerst an die kaputte Glühbirne zu gelangen, fast zu Boden werfe.
»Oh? Gefällt dir das nicht?« Ich drehe den Kopf zur Seite und puste ihm heißen Atem ins Ohr. Er zuckt zurück, und ich kichere hämisch.
Der Tisch ist breit, sodass er sogar noch genug Platz hat, nachdem ich mich neben ihn gedrängt habe. Schade. Wäre schön gewesen, ihn runterfallen zu sehen. Am liebsten auf sein nerviges, selbstgefälliges Gesicht.
»Kannst du mal deine Griffel aus meinem Gesicht nehmen? Ich sehe nichts mehr«, zischt er.
»Nimm du deine Griffel aus meinem Gesicht.«
»Du bist echt unmöglich!«
»Was für ein Riesenlob vom nervtötendsten Menschen auf diesem Planeten!«
»Ich kann es kaum erwarten, dass dieses Praktikum endlich vorbei ist, damit ich mich nicht mehr mit dir rumschlagen muss!«, entgegnet er.
»Oh nein! Wer wird mir bloß die Lust am Leben nehmen, wenn du nicht mehr da bist?«, schieße ich zurück.
Er rempelt mich mit der Hüfte an. Ich strauchle, finde jedoch sofort mein Gleichgewicht wieder und stoße ihn weg.
»Hör auf, mich zu schubsen«, faucht er.
»Du hast doch angefangen!«
Gleichzeitig reißen wir beide die Hände nach oben und greifen zu.
Die Welt stürzt in Dunkelheit.
JOSH
Vorsichtig öffne ich die Augen und blinzle die Decke an.
Wow, das sind ja ’ne Menge Weihnachtslichter!, ist mein erster Gedanke. Und irgendwie kommen sie mir bekannt vor.
Weiles deine sind,du Genie.
Oh.Richtig.
Ich runzle die Stirn. Allmählich erinnere ich mich wieder. Ich bin im Büro. Ich habe die Deko aufgehängt. Gabriel war hier. Er war so nervig wie immer. Die Lichterketten haben nicht funktioniert, und ich habe sie repariert …
Warum liege ich eigentlich auf dem Tisch?
Mir ist total schwindelig. Was zum Teufel ist passiert? Bin ich ohnmächtig geworden? Dabei bin ich in meinem ganzen Leben noch nie ohnmächtig geworden, fühlt sich das immer so komisch an? Und wo zum Teufel steckt Gabriel? Bin ich gerade bewusstlos gewesen und er hat das ernsthaft zum Anlass genommen, um sich aus dem Staub zu machen? Allerdings klingt das nicht nach ihm. So unausstehlich er auch sein mag, ein solcher Riesenarsch war er nie. Dafür besitzt er zu viel Moral.
»Gabriel?«, krächze ich.
Irgendwo unter mir ertönt ein Gemisch aus Stöhnen und Keuchen. Ich stemme mich auf einen Ellbogen, um über die Tischkante zu spähen.
Und traue meinen Augen kaum.
Mein Mund wird trocken und mein Herz rast so heftig, dass ich Angst habe, es jeden Moment hervorwürgen zu müssen. Auch dass mein Magen sich mordsmäßig zu drehen scheint, macht es nicht besser. Diese Übelkeit überkommt mich immer, wenn ich an einem sehr hohen Ort bin und über den Rand hinunterschaue, nur dass das jetzt gerade überhaupt keinen Sinn ergibt, weil ich auf einem beschissenen Tisch liege und nicht auf dem Gipfel des Mount Everest.
Trotzdem habe ich das Gefühl, mich jeden Moment übergeben zu müssen.
Weil ich mich selbst anstarre.
Und es dafür nur eine Erklärung gibt.
Wenn ich hier oben bin und mich gleichzeitig dort unten sehe, dann kann das nur bedeuten …
Ich bin tot. Scheiße!
Scheiße! Scheiße! Scheiße!
Oh, fuck!
Ich bin tot.
Tot!
Mir wird so schwindelig, dass ich mich nicht länger abstützen kann, also lasse ich mich wieder auf den Rücken plumpsen und stiere die Decke an, kämpfe gegen die Übelkeit und beginne zu hyperventilieren.
Ich versuche erst, die Luft anzuhalten und bis zehn zu zählen. Dann in die Panik hineinzuatmen, doch nichts davon funktioniert, also gebe ich nach ein paar Sekunden auf. Ich meine, was soll schon passieren, wenn ich eine ausgewachsene Panikattacke bekomme?
Nichts.
Absolut gar nichts. Denn ich bin tot.
Fuck! Fuck! Fuck!
Ich bin fünfundzwanzig und tot. Abgemurkst von der verfluchten Lichterkette. Hätte ich nicht bis Ostern warten können? Da sollen Auferstehungen ja ziemlich beliebt sein.
Das kommt mit Sicherheit in den Nachrichten. Meine Großeltern werden außer sich sein. Nicht wegen meines Ablebens. Na ja, ich würde mir wünschen, sie wären zumindest ein bisschen traurig. Vielleicht nehmen sie sich sogar ein paar Tage frei und kommen zur Beerdigung. Man darf ja noch hoffen. Natürlich erst, nachdem sie mit Ausflippen fertig sind, denn mit einem derartigen Abgang werde ich sie garantiert in Verlegenheit bringen. Akzeptabel wäre es, für einen ehrbaren Zweck zu krepieren, zum Beispiel bei der Rettung der Opfer eines Erdbebens oder im Kampf gegen einen Grizzlybären, um einer Wandergruppe zur Flucht zu verhelfen. Wenn man beim Dekorieren des Büros durch einen Stromschlag umkommt, gibt das keine gute Geschichte für die nächste Spendengala. Oh,ja.Joshua.UnserEnkel.Erverstarbauf dramatische Weise im Kampf gegen eine kaputteGlühbirne.Wahrlich eine Tragödie.
Ich denke kurz darüber nach.
Tja, was soll’s. Ich bin bereits tot, also kann ich wohl kaum noch einmal auf würdevollere Art sterben.
Ich atme tief durch. Jetzt bin ich ruhiger. Ein winziges bisschen.
Was soll ich nun tun? Wie läuft so etwas ab? Muss ich jemanden anrufen? Bescheid geben, dass da eine Leiche auf dem Boden liegt?
Das sollte ich wohl. Andererseits bin ich tot. Zwar passiert mir das zum ersten Mal, aber rein logisch betrachtet, kann ich meinen eigenen Tod nicht telefonisch melden. Ich kann überhaupt kein Telefon mehr benutzen. Nie wieder.
Das heißt, ich muss einfach abwarten, bis man mich findet. Morgen ist ein Werktag, also wird immerhin jemand da sein, was gut ist, denn dann sehe ich noch wie ein Mensch aus und nicht wie eine aufgedunsene, ekelerregende, halb verweste Leiche. Sich über solche Eitelkeiten Gedanken zu machen, ist zwar etwas seltsam, aber hey, ich bin tot. Da darf ich doch ein bisschen selbstsüchtig sein. Als hübsche Leiche zu enden, ist in dieser Situation mein einziger Lichtblick.
In der Regel ist Sadie die Erste im Büro, also wird sie vermutlich diejenige sein, die es meldet. Ich seufze und fühle mich schlecht. Sie ist ziemlich ruhig und schüchtern, das wird die Hölle für sie. Verflucht. Was, wenn sie Albträume oder Angstzustände oder gar eine verdammte PTBS bekommt, nachdem sie meine Leiche gesehen hat? Ich will sie nicht so in die Scheiße reiten.
Gleichzeitig kann ich nicht abstreiten, dass ich froh bin, an einem Ort gestorben zu sein, an dem mich die Leute früher oder später finden. Wäre ich zu Hause gestorben, hätte es eine Weile dauern können, bis jemandem mein Verschwinden aufgefallen wäre. Meine Freunde – die wenigen echten, die ich habe – verbringen die Feiertage bei ihren Familien, sodass einige Zeit verstrichen wäre, bevor sie sich Sorgen gemacht hätten …
Wobei Beth wahrscheinlich immer wieder anrufen und irgendwann Alarm schlagen würde. Klar, sie ist gerade in Neuseeland, um die Familie ihres Freundes kennenzulernen, aber wir sind schon echt lange befreundet. Und ich bin mir sicher, wenn genug ihrer Nachrichten unbeantwortet bleiben, wird sie merken, dass etwas nicht stimmt. Könnte allerdings ein wenig dauern. Allein wegen der Zeitverschiebung. Und sie ist mit Tim auf der anderen Seite der Erde, also könnte ich es ihr nicht verübeln, wenn es ihr nicht sofort auffällt.
Ich starre weiter an die Decke. Oh. Anscheinend kann man sich selbst als Toter einsam fühlen. Echt ätzend. Sollte ich nicht im Himmel schwelgen, wo all meine Sorgen wie weggefegt sind? Das nenne ich mal eine Mogelpackung.
Es sei denn … Wenn ich tot bin, warum bin ich dann immer noch hier? Sollte ich nicht mit all meinen Liebsten vereint sein? Mein Herz macht einen Satz. Das wäre zumindest ein kleiner Trost dafür, irgendwie tot zu sein. Vorsichtshalber schaue ich mich um, ob noch jemand hier ist.
Nein. Immer noch allein. Mal abgesehen von dem Körper auf dem Boden.
Bin ich dann ein Geist? Geht es hier um irgendwelche unerledigten Aufgaben? Die Weihnachtsbeleuchtung ist nach wie vor aus. Ich schwöre bei Gott, wenn sich herausstellt, dass diese verfluchten Killerlichter meine unerledigte Aufgabe sind, werde ich dieses ganze Büro so was von übel heimsuchen!
Oder muss ich vielleicht ins Licht gehen? Nur … wo ist dieses Licht in dem Fall? Muss ich es zuerst finden? Ich dachte, es wäre genau hier. Einfach … direkt vor mir. Ich schaue nach links und rechts. Über mir. Nichts. Wo ist das Scheißlicht? Es sollte doch eigentlich da sein … also was? Bin ich einfach echt schlecht im Sterben? Hab ich es irgendwie verbockt? Die ganze Sache mit dem Sterben ist viel komplizierter, als ich je gedacht hätte.
Und viel niederschmetternder, wenn es einen voll erwischt.
Ich schlucke schwer.
Dafür bin ich noch nicht bereit.
Ich konnte mein Leben nicht mal richtig beginnen. Ich bin fünfundzwanzig. Fünfundzwanzig! Ich wollte mindestens achtzig werden und dann friedlich in meinem Bett sterben, umgeben von … Kindern. Oder Freunden. Oder, keine Ahnung, jungen Menschen, die ich im Laufe meines Lebens betreut habe und die mich als ihr Vorbild betrachten. Irgendwas in der Art.
Na gut, das habe ich mir jetzt spontan ausgedacht, aber zu meiner Verteidigung: Welcher Fünfundzwanzigjährige schmiedet schon solche Pläne? Bestimmt gibt es da ein paar, doch ich gehöre nicht dazu. Ich habe noch nichts erreicht. Mein Leben hat doch gerade erst begonnen. Ich habe weder einen Abschluss noch meinen Traumjob. Verdammt, ich habe noch nicht einmal eine Ahnung, was mein Traumjob überhaupt ist. Ich war nie verliebt. Bin nie an einen coolen Ort gereist. Ich habe rein gar nichts geschafft.
Und jetzt werde ich es auch nie mehr.
Mir schnürt sich die Kehle zu, und das Atmen fällt mir immer schwerer. Das ist einfach unfair. Warum musste ich sterben? Ich hatte nicht mal ein Mitspracherecht! Sonst hätte ich mich so heftig dagegen gewehrt, als hinge mein Leben davon ab. Wortspiel beabsichtigt.
Warum ich? Warum nicht jemand anderes? Ich kneife die Augen zusammen. Ich Vollpfosten. Liege ich wirklich hier herum und denke munter über Todesurteile nach? Als ob es jemanden gäbe, den ich an meiner Stelle vorschlagen würde.
Von daher … schätze ich, das war’s dann.
Ich bin tot.
Etwas Feuchtes rinnt mir die Schläfe hinunter. Ich runzele die Stirn und wische es ab, ehe ich prüfend die Finger vors Gesicht halte. Sie sind feucht. Von Tränen. Meinen Tränen.
Oh.
Das kommt mir nicht sehr geisterhaft vor. Oder überirdisch. Ich bin mir immer noch nicht sicher, was ich bin, aber wenn ich tot bin … sollte ich vermutlich nicht weinen können.
Okay,tiefdurchatmen,Josh. Was sind die möglichen Alternativen? Was, wenn ich mir den Kopf gestoßen habe und das Ganze eine Halluzination ist? Vielleicht bin ich gar nicht tot? Vielleicht habe ich mir nur eingebildet, meinen toten Körper zu sehen? Das ist durchaus möglich. Die Leute sehen allen möglichen verdrehten Scheiß. Vielleicht habe ich nur eine Gehirnerschütterung. Oder liege im Koma? Nicht, dass das eine hervorragende Alternative wäre, aber immerhin besser, als tot zu sein.
Je länger ich darüber nachdenke, desto überzeugter bin ich, dass es eine dieser Möglichkeiten sein muss. Alles ist gut. Ich atme ruhig und tief ein. Ich lebe. Ich habe mir das alles nur eingebildet. Nach einem weiteren tiefen, beruhigenden Atemzug wage ich einen erneuten Blick über die Tischkante.
Heilige Scheiße, mein Körper liegt da immer noch.
Also doch tot.
Fantastisch.
Beinahe mache ich mir in die Hose, als mein Ich auf dem Boden plötzlich die Augen aufschlägt und nach Luft schnappt.
Seine Augen sind weit aufgerissen und werden immer größer, während es mich anstarrt. Während ich mich anstarre.
Halt, Augenblick mal. Wenn ich tatsächlich tot bin, dürfte mein Körper nicht wach sein. Er dürfte mich auch nicht sehen können …
Mit rudernden Armen und Beinen rappelt mein Ich auf dem Boden sich in eine sitzende Position und huscht wie eine Krabbe rückwärts, bis es mit dem Rücken gegen die Wand stößt.
»Was zum Teufel?«, blafft er. Mit weiterhin aufgerissenen Lidern schaut er sich panisch um, während er den Mund auf- und zuklappt, ohne dass weitere Laute herauskommen.
Wahrscheinlich sollte ich ebenfalls panisch reagieren, doch ich beobachte die ganze Situation distanziert. Boden-Josh schnappt sich ein Verlängerungskabel aus dem offenen Koffer neben sich und hält es wie einen Mini-Baseballschläger vor sich. Zwar war ich noch nie richtig auf Zack, wenn es ums Improvisieren ging, aber das ist einfach nur peinlich. Was hat er damit vor? Will er mir eins überziehen? Mich mit dem Kabel erwürgen? Okay, gut, Möglichkeiten hätte er wohl. Seine Feindseligkeit überrascht mich allerdings ein wenig. Ich habe mich immer für einen netten Kerl gehalten. Einen friedvollen Menschen. Einen »Make Love, Not War«-Typen.
Ich räuspere mich. Offenbar muss ich mich erst mal beruhigen, um mich davon abzuhalten … mich umzubringen. Oder wenigstens davon, mich mit einem Verlängerungskabel zu verprügeln.
Allmählich glaube ich, das hier könnte ein Fiebertraum sein. Vorsichtshalber kneife ich mich, so fest ich kann. Autsch, verdammt! Nichts geschieht. Ich bin immer noch hier, auf dem Tisch. Und ebenfalls auf dem Boden.
Mir entfährt ein unkontrolliertes Prusten. Na super. Um es mal zusammenzufassen: Ich bin nicht tot (toll!). Ich bin nur von allen guten Geistern verlassen (weniger toll!).
Tja. Ich schätze, ich habe nichts zu verlieren. Da kann ich mich dem absurden Treiben genauso gut ergeben.
»Hi«, sage ich. Meine Stimme klingt eigenartig. Tiefer als gewohnt. Hat es mir die Stimmbänder weggebrutzelt?
»Oh Scheiße«, krächzt Boden-Josh kraftlos. »Scheiße! Scheiße! Scheiße!«
Ich setze mich auf und schwinge die Beine über die Tischkante, dann neige ich den Kopf zur Seite und schaue an mir herunter. Hatte ich nicht eine Jogginghose an? Jetzt jedenfalls nicht mehr. Boden-Josh schon, aber ich – ich schaue noch einmal an mir runter, nur um sicherzugehen – trage eine Anzughose und ein babyblaues Hemd.
»Komm bloß nicht näher«, warnt Josh und lenkt mich von meinen Klamotten ab.
»Okay, immer mit der Ruhe«, antworte ich. »Wir sitzen beide im selben Boot. Für mich ist das genauso seltsam.«
»Seltsam?«, fragt er. »Seltsam?!« Langsam hört er sich an wie die schrille Stimme vorhin in meinem Kopf. »Seltsam nennt er das«, murmelt Josh. »Ich spreche mit mir selbst. Mit meinem leibhaftigen, physischen Ich, aber klar, nennen wir es ruhig seltsam, warum nicht? Genau. Seltsam. Das ist auf gar keinen Fall eine Untertreibung.«
»Du bist nicht tot«, erkläre ich.
Er starrt mich an, und ich kann nicht beschreiben, wie absurd es sich anfühlt, mich selbst dabei zu beobachten, wie ich mich anschaue, als wäre ich nicht Herr meiner Sinne.
»Was?«, fragt er und fixiert mich weiterhin, als wäre ich der schräge Vogel.
