Verlag: Luzifer-Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 80000 weitere Bücher
ab EUR 4,99 pro Monat.

Jetzt testen
7 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 521

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung IMMORTAL - DER UNSTERBLICHE - Krishna Udayasankar

Alle Lebenden eint der Tod. Alle, bis auf einen. Professor Bharadvaj ist weit mehr als nur ein Historiker mit einer Schwäche für Whisky und Schusswaffen. Denn hinter der Fassade des zynischen Akademikers steckt ein Mann, der seit Jahrtausenden auf Erden wandelt. Er ist Asvatthama – der Verfluchte. Der Mann, der nicht sterben kann. Eines Tages bittet ihn die so rätselhafte wie schöne Maya Jervois, ihr bei der Suche nach einem ganz besonderen Artefakt behilflich zu sein. Jenes sagenumwobene Objekt, die Vajra, soll über unglaubliche alchemistische Kräfte verfügen. Der Professor glaubt jedoch nicht an dessen Existenz – hat er doch selbst viele Leben unter verschiedenen Identitäten damit zugebracht, dieses Artefakt zu finden und damit das Geheimnis hinter seiner Unsterblichkeit lüften zu können. Aber die Möglichkeit, dass die Vajra doch existieren könnte, ist einfach zu verlockend, um ihr nicht nachzugehen, und so finden sich die beiden schnell in einem Abenteuer wieder, dessen uralte Puzzleteile sie von den labyrinthischen Gängen unter dem Somnath-Tempel bis in die Wüsten Pakistans führen. Wer aber steckt hinter den unerschrockenen Söldnern, die ihnen ständig dicht auf den Fersen sind? Und ist der Professor, der in einem früheren Leben ein legendärer Krieger war, dazu verdammt, auf ewig ein Leben aus Tod und Blutvergießen führen zu müssen?

Meinungen über das E-Book IMMORTAL - DER UNSTERBLICHE - Krishna Udayasankar

E-Book-Leseprobe IMMORTAL - DER UNSTERBLICHE - Krishna Udayasankar

IMMORTAL – DER UNSTERBLICHE

KRISHNA UDAYANSANKAR

Copyright © 2016 by Krishna Udayasankar

Die Originalausgabe erschien 2016 bei Hachette India unter dem Titel IMMORTAL. Dieses Buch wurde vermittelt von der Literaturagentur erzähl:perspektive, München (www.erzaehlperspektive.de), in Zusammenarbeit mit Books@Jacaranda (http://www.jacaranda-press.com.sg).

The original edition was published in 2016 at Hachette India under the title IMMORTAL. This book was arranged by erzähl:perspektive Literary Agency, Munch (www.erzaehlperspektive.de), in cooperation with Books@Jacaranda (http://www.jacaranda-press.com.sg).

Für J., ohne den ich meine lange verschollenen Worte nie wiedergefunden hätte; P., der einmal einen Mann in einem Buchladen gesehen hat; und A., denn niemand sollte verbergen müssen, was du verbergen musstest.

 

Es gab weder Nicht-Existenz noch Existenz,

Kein Reich der Luft, keinen Himmel darüber. Welche

Dimensionen gab es und wo? Zu welchem Zweck?

Gab es Wasser, unermessliche Tiefen?

 

Der Tod war nicht, noch Unsterblichkeit, noch

Erkenntnis von Nacht und Tag. Das Eine war,

Das Atemlose, atmend ohne eigene Luft

Natur, sich selbst erhaltend; Sonst gab es nichts.

 

Dunkelheit gab es, verborgen in seiner Dunkelheit.

Auflösung ohne Ursache, formlose Leere,

Lichtloses Wasser. Das Eine begann zu fühlen, daraus erwuchs

Kontemplation, alle Schöpfung trat hervor.

 

Zuerst erwachte im Einen der Wunsch

Zu sein – Das war der urzeitliche Gedanken-Same. Dass

Dadurch Existenz und Nicht-Existenz verbunden sind,

Das wissen diejenigen, die mit dem Herzen sehen.

 

Leuchten durchdrang alles, was es gab; doch was

War darüber und was darunter? Aus dem Gedanken-Samen

Entstand Potenzial, das Existenz war,

Die Kräfte von Ursache und Wirkung.

 

Wer weiß wirklich und kann es verkünden, wieso

Die Welt geschaffen wurde und was die Schöpfung auslöste?

Die Götter selbst kamen nach dem Anfang,

Wer weiß darum, wieso alles Werden wurde?

 

Das Eine, die ursprüngliche Existenz, ob sie

Alles erhält oder nicht, dieses

Durchdringende, beherrschende Prinzip, das vielleicht

Wahrlich alles weiß oder vielleicht nicht.

 

Rigveda 10, 129

 

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: IMMORTAL Copyright Gesamtausgabe © 2017 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Sebastian Gruner Lektorat: Johannes Laumann

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2017) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-266-7

Du liest gern spannende Bücher? Dann folge dem LUZIFER Verlag aufFacebook | Twitter | Google+ | Pinterest

Sollte es trotz sorgfältiger Erstellung bei diesem E-Book ein technisches Problem auf deinem Lesegerät geben, so freuen wir uns, wenn du uns dies per Mail an info@luzifer-verlag.de meldest und das Problem kurz schilderst. Wir kümmern uns selbstverständlich umgehend um dein Anliegen und senden dir kostenlos einen korrigierten Titel.

Der LUZIFER Verlag verzichtet auf hartes DRM. Wir arbeiten mit einer modernen Wasserzeichen-Markierung in unseren digitalen Produkten, welche dir keine technischen Hürden aufbürdet und ein bestmögliches Leseerlebnis erlaubt. Das illegale Kopieren dieses E-Books ist nicht erlaubt. Zuwiderhandlungen werden mithilfe der digitalen Signatur strafrechtlich verfolgt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Inhaltsverzeichnis

IMMORTAL – DER UNSTERBLICHE
Impressum
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Epilog
Danksagungen
Über die Autorin
Erklärungen

Prolog

Drei Kilometer südlich des Titicacasees, Bolivien

Der Schädel grinste.

Das tat er natürlich nicht wirklich, das war ihm schon klar, er glaubte nämlich nicht an die Legende der Einheimischen, dass es in den Ruinen bei Mondlicht spukte und sich dort alte Götter, wie einige sagten, oder neue Geister herumtrieben. Trotzdem förderte er gern die Legenden, denn sie hielten die Neugier der Einheimischen in Zaum. Was die Touristen anging – neben dem nahe gelegenen Titicacasee und der prähistorischen Stadt Tiwanaku, wo angeblich sogar Menschenopfer dargebracht wurden, interessierte sich niemand für den wenig beeindruckenden Schutthaufen, der einmal eine kleinere Siedlung aus der Prä-Inka-Zeit gewesen war.

Wie bei Tiwanaku lag ein großer Teil der Ruinen unterirdisch, die Tunnel und Höhlen im Untergrund bildeten ein perfektes Versteck, von dem aus der Pandillero – Gangster – seine tödlichen Geschäfte mit Drogen, Waffen und Antiquitäten abwickeln konnte; ein kleiner Teil eines Multi-Milliarden-Dollar-Imperiums. Glücklose Fremde, wie derjenige, dem einst der glänzende Schädel gehört hatte, die hier hereingestolpert kamen, wurden ohne Ausnahme Teil der wenig sehenswerten Sehenswürdigkeiten dieser Gegend.

Der Mann trat den Schädel zur Seite, als er weiterging. Er zerbarst an der altertümlichen Steinmauer und die Knochensplitter vermischten sich mit dem Holz und den Sägespänen alter Transportkisten.

Kein Verlust, wie er fand. Bald würde er ersetzt werden. Ein weiterer unglücklicher Abenteurer war in sein Verderben gewandert. Er drehte sich zu seinem allgegenwärtigen bewaffneten Leibwächter um. »Bist du dir sicher?«

»Auf jeden Fall, Jefe«, sagte sein Leibwächter. »Wir haben ihm die Haut aufgeschlitzt und ihn in den alten Tunnel geworfen, damit ihn die Ratten bei lebendigem Leib fressen, so wie immer. Ich hab da keinen zweiten Gedanken dran verschwendet. Aber …« Er verstummte und zuckte mit den Schultern, weil er nicht wusste, was er sagen sollte. Dann schaltete er die starke Taschenlampe an, die er bei sich trug, und geleitete seinen Arbeitgeber die engen Treppen hinab.

Der Gestank verwesenden Fleisches und der Ausscheidungen von Maden stach den Männern in die Nase, sobald sie die schmale Treppe betraten. Selbst der abgehärtete Bodyguard, der mehrere Male die Woche die steinernen Innereien der Ruinen betrat, verzog die Nase. Der Pandillero hingegen zeigte keinerlei solche Schwäche. Er schritt resolut voran, bis sie vor einer neuen, aber dennoch schon verrottenden Tür standen. Der Leibwächter öffnete die Tür, dahinter wurde etwas sichtbar, das im ersten Moment wie ein Raum aussah. Es war jedoch ein weiterer langer Tunnel, den noch niemand in vollem Umfang erforscht hatte. In direkter Nähe sah man auch die offensichtliche Quelle des erbärmlichen Gestanks: Die Fleischmasse in der ungefähren Form eines Mannes, die sich, obwohl tot, bewegte, weil die Ratten, die sich in den Kadaver gefressen hatten, auf die plötzliche Helligkeit reagierten.

Der Bodyguard griff instinktiv nach seiner Waffe, als eine der Ratten aus dem Mund der Leiche sprang und auf die offene Tür zu rannte, aber sein Chef ersparte ihm den Aufwand und trat reflexartig auf die Kreatur. »Wer ist das?«, wollte er wissen und deutete auf das Rattenbankett vor ihm.

»Der Tombo, den wir erledigen sollten«, antwortete der Leibwächter und fügte mit einem kalten Lachen hinzu: »Keiner vermisst einen ehrlichen Cop. Als wir ihn vor drei Tagen hier abladen wollten, stießen wir auf diesen anderen Kerl … der ist immer noch am Leben. Seine Wunden waren schon verheilt und … und … ich weiß, dass es sich unmöglich anhört, Jefe, aber er hat viele der Ratten getötet und die anderen wollten nicht mehr in seine Nähe. Er saß einfach da, wie ein Angler am See … wir haben ihn wieder rausgezogen und nach oben gebracht, ihm die Scheiße aus dem Leib geprügelt … aber er wollte immer noch nicht reden, wollte uns nicht sagen, wie er es geschafft hat, zu überleben.«

Der Gangster warf einen letzten Blick auf den Horror im Tunnel. Danach schloss der Leibwächter die Tür und ging seinem Boss voran wieder die Treppe hoch.

»Wo ist der Mann jetzt?«

»Er ist hier, Jefe. Wir haben ihn unter Bewachung gestellt. Einige der anderen wollten ihm schon eine Kugel in den Kopf jagen, aber ich fand, wir sollten Ihnen besser Bescheid sagen …«

»Sehr gut, Churro. Wenn es stimmt, was du sagst, ist so jemand lebendig mehr wert als tot. Aber ich denke, du bist ein Narr, wenn du mit so lächerlichen Geschichten zu mir kommst!«

Der gescholtene Bodyguard ließ den Kopf hängen und lief schweigend weiter, aber nur so lange, bis er sein Erstaunen nicht mehr zurückhalten konnte. Er sprudelte los: »Gestern haben wir ihm die Beine gebrochen, die Kniescheiben zerschmettert; er sollte eigentlich nie mehr stehen können, aber …«

Aber …

Der Pandillero blieb wie angewurzelt stehen, der verblüffte Handlanger ebenso, bei dem Anblick, der sie beide erwartete.

Der Gefangene stand nackt an der Wand, seine Arme weit ausgestreckt, jeder Zentimeter seines vom Mondlicht beschienenen Körpers mit Muskeln bedeckt. Eine dicke Eisenkette führte von den engen Handschellen an seinen Handgelenken durch einen Ring, der an der Decke im Felsen angebracht war. Da, wo man ihn mit einem Messer geschnitten hatte, damit sein Blut die Ratten anzog, waren nur noch Narben sichtbar, aber viele neue Schnitte waren zu sehen, ein Beweis für die Folter, die der Mann erst vor Kurzem ertragen musste. Seine nackten Füße waren eine einzige blutige Masse, da man alle Zehennägel bis auf einen herausgezogen hatte. Seine muskulösen Oberschenkel trugen die Spuren schwerer Soldatenstiefel und seine Brust und selbst seine Genitalien zeigten Anzeichen körperlicher Gewalt. Seine Lippen waren dreckverschmiert und Blut aus einer Kopfwunde war auf den kräftigen Brauen getrocknet, die über seinen geschlossenen Augen lagen. Trotz allem stand er aufrecht und hatte die Finger um die Ketten gelegt, die ihn gefangen hielten, so als würde er die Ketten halten und nicht die Ketten ihn.

Zwei kräftige Männer, Soldaten der Privatarmee des Pandillero, standen Wache. Einer der beiden kam mit einem Bündel in der Hand zu seinem Anführer. »Seine Kleidung, Jefe. Nichts Ungewöhnliches. Sein Pass und sein Handy sind auch dabei.«

Der Gangsterboss sah seinen Leibwächter an, der ihm eine kleine, unscheinbare Steinfigur gab, die man dem Gefangenen abgenommen hatte, bevor man ihn den Ratten zum Fraß vorwarf. Dann griff er nach dem Pass des Gefangenen und klappte ihn auf, um sich den Namen des Mannes wieder ins Gedächtnis zu rufen. »Professor Bharadvaj«, hob er an. »Ihr Ruf als Schatzjäger eilt Ihnen voraus. Ich war mir völlig sicher, dass Sie mich zu dem verschollenen Götterbild von Viracocha führen würden, und ich hatte recht. Aber mir war nicht klar, dass noch andere … Talente in Ihnen schlummern.«

Der Gefangene öffnete langsam die Augen. Sie glitzerten; ein goldenes Funkeln hatte sich in das Braun gemischt, möglicherweise nur eine optische Täuschung durch das Mondlicht. Die Soldaten wurden von einer unerklärlichen Unruhe befallen. Dann sprach er mit tiefer und ruhiger Stimme: »Ich bin Historiker, Jefe, kein Schatzsucher. Aber Sie sind bestimmt nicht hierhergekommen, um sich mit mir über den Unterschied zu unterhalten.«

»Sie sind ein interessanter Mann, Professor. Unzerstörbar? Ist das das richtige Wort? Ich habe das Gefühl, dass Sie mit Ihren hervorragenden Eigenschaften eine Menge mehr wert sind als dieses Relikt hier … vielleicht kann ich Sie zu einem Deal überreden? Was meinen Sie?«

»Ich meine«, knurrte der Gefangene, »dass Sie einen großen Fehler gemacht haben.«

»Cojudo! Was meinst du damit, du Arschloch?«

»Der einzige Grund, wieso ich noch nicht hier rausmarschiert bin, ist, dass ich die Statue wiederhaben will. Sehen Sie, im Gegensatz zu Ihnen bin ich ein Ehrenmann, und wenn ich sage, dass ich einen Job übernehme, dann liefere ich auch. Es wäre sehr aufwendig gewesen, halb Kolumbien nach Ihnen abzusuchen, und es war einfacher, Sie dazu zu bringen, die Statue zu mir zu bringen, so wie Sie es gerade getan haben. Sie sollten es besser wissen, als an Geschichten von unzerstörbaren Männern zu glauben … Cojudo.«

Einer der Soldaten lachte und machte einen abfälligen Kommentar auf Spanisch. Auch der Boss lachte auf. »Weißt du, was er gesagt hat? Er sagte, für einen Mann in Ketten redest du zu viel.«

Als Reaktion sah der Gefangene dem Pandillero direkt in die Augen. Dann ließ er die Ketten los, ballte die Linke zur Faust und hämmerte sie gegen die alte Steinmauer hinter sich, einmal, zweimal, dreimal, so lange, bis die Knochen seiner Hand brachen und eine unförmig aussehende Masse entstand. Er zitterte und atmete schwer angesichts der Schmerzen, aber schien sich nicht viel daraus zu machen und wartete nur, bis sie nachließen. Er sah nach unten, betrachtete seine Hand und die Fessel daran. Dann schmetterte er die Hand wieder gegen den Stein, woraufhin er sich krümmte und die Zähne zusammenbiss, als die Knochen in seinem Handgelenk und Unterarm den Stoß abbekamen.

Dann richtete er sich auf, atmete tief ein und zog seine deformierte Hand aus der Handschelle, die um sein Handgelenk geschnallt war, bis sein linker Arm an seiner Seite hing. Nachdem das Gegengewicht fehlte, rasselte die Kette, die ihn an der Wand gehalten hatte, klirrend durch die Ringe aus Stein, bis sein rechter Arm, noch mit der Fessel darum, ebenfalls nach unten hing. Zufrieden mit dem Ergebnis zeigte der Mann kurz ein eiskaltes Lächeln.

Der Gangsterboss und seine Soldaten starrten ihn mit offenem Mund an. »Madre de Dios!«, keuchte einer der Männer. Er schwang seine halbautomatische M90 und lud durch, was die anderen Männer dazu veranlasste, dasselbe zu tun. Aber es war zu spät.

Der Gefangene schnellte nach vorn und wehrte die Waffe desjenigen, der ihm am nächsten stand, mit einem Unterarmblock ab. Noch in der Bewegung schlug er dem Mann seinen Ellbogen gegen den Kehlkopf, was diesen sofort tötete. Er hielt den toten Soldaten wie einen Schild vor sich und bewegte sich auf die anderen zu, während er den leblosen Finger des Toten auf den Abzug drückte. Kugeln durchsiebten den schlaffen Körper, der Gefangene wurde voller Blut gespritzt. Der Lärm des Gewehrfeuers hallte von den Steinen wider und verstummte erst, als der Mann den Leibwächter des Gangsterbosses erschoss und danach sein Magazin in den zweiten Soldaten entleerte. Es war nur noch der Boss übrig und dessen Pistole war leer. Der Gefangene ließ sein menschliches Schutzschild zur Seite fallen und stellte sich seinem Gegner.

Der Boss ließ sich nicht so leicht einschüchtern; er hatte sich seinen Ruf als gefährlicher Mann redlich verdient. Er stürmte auf den Unbewaffneten los und schwang sein leeres Gewehr ins Gesicht des Mannes. Der bekam den Schlag direkt ab und ging rückwärts zu Boden. Nun, da er die Oberhand hatte, kam der Gangsterboss näher und rammte seinem Gegner den Schaft der Waffe in den Bauch, was diesem ein dumpfes Stöhnen entlockte. Der Boss grunzte zufrieden, aber das war ein wenig voreilig.

Als er den nächsten Schlag landen wollte, stoppte der Gefangene die Waffe mit einer Hand und mit brutaler Kraft drückte er sie gegen das Gewicht seines Gegners nach oben, bis der Lauf in den Bauch des anderen Mannes gepresst und dieser zurückgestoßen wurde. Dann sprang er auf die Füße und auf den Pandillero zu und drängte ihn gegen die Wand, an die er eben noch selbst gefesselt gewesen war. Er schnappte sich die Kette, die von der Fessel um sein rechtes Handgelenk baumelte, schlang sie dem Gangsterboss um den Hals und zog sie zu.

Dieser versuchte, sich gegen den Druck zu wehren, und schlug beim verzweifelten Versuch, Luft zu bekommen, wild um sich. Sein Gesicht verzerrte sich, Panik ergriff ihn, er röchelte: »Que … was … bist du?« Dann erschlaffte er.

Der Gefangene hielt den Druck noch einige Minuten aufrecht und wartete, bis der schwache Puls im Hals des Gangsterbosses nicht mehr zu spüren war, bevor er den Mann zu Boden ließ. Er bewegte sich schnell und holte zuerst den Schlüssel für die Handschellen von der Leiche des Bodyguards und dann seine Sachen, die der Boss auf den Boden hatte fallen lassen. Er klemmte seine Kleidung unter den verletzten linken Arm und tippte auf seinem Handy eine Nummer ein, die er auswendig kannte.

»Kommen Sie mich abholen, Manohar.« Dann legte er auf und nahm die SIM-Karte heraus.

Er brach sie mit den Zähnen in zwei Teile und steckte sie zusammen mit dem Handy in seine Hemdtasche, um alles später wegzuwerfen. Dann zog er seine Kleidung und die Stiefel an. Er schnaubte verärgert, weil er seine Schnürsenkel mit einer Hand nicht so ordentlich binden konnte, wie er es gern getan hätte. Nach ein paar Versuchen gab er auf und lachte; das Geräusch hallte durch die Ruinen. Die ganze Zeit starrte ihn dabei der Gangsterboss mit leblosen Augen und einem schiefen Grinsen an.

Der Gefangene ging zur Leiche. Was eigentlich nur eine normale archäologische Expedition hätte sein sollen, hatte sich in ein Blutbad verwandelt. Die Art von Gemetzel, die er jahrelang gekonnt vermieden hatte. In Sekunden hatte sich alles geändert. Er wusste, dass es früher oder später passiert wäre.

Es ist an der Zeit.

Er versuchte, seine Vorahnungen zu vergessen und sich um wichtigere Dinge zu kümmern. Nach der Schießerei hatte er wenig Chancen, leise zu entkommen oder ohne Probleme an die Stelle am See zu gelangen, an der er abgeholt werden sollte. Noch mehr von den Handlangern des Bosses würden gleich hier auftauchen und er würde sich mit ihnen befassen müssen, auf die einzig mögliche Weise. Er würde keinesfalls einen von ihnen am Leben lassen, damit er diese Geschichte – seine Geschichte – weitererzählen konnte. Die Geschichte des Mannes, der nicht starb.

Kapitel 1

Varanasi, Indien

»Quallen.«

»Quallen?« Hariprasad Namdeo, den alle in Kashi nur Baba Shivdas nannten, nahm mit großem Ernst zur Kenntnis, was ich gesagt hatte, griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher hinter mir aus, auf dem irgendeine der üblichen Serien zur Mittagszeit lief. Die Heldin mit den künstlichen Tränen aus Glycerin in einem Chiffonkleid flackerte und verschwand.

»Es gibt Quallen«, fuhr ich fort, »die niemals altern. Biologisch unsterbliche Kreaturen, die ewig leben, außer sie werden von Feinden massakriert oder sterben an einer Krankheit, was durchaus vorkommt.«

Hari zwirbelte eine Strähne seines makellosen weißen Bartes. »Und diese Quallen sind relevant für diese Diskussion, weil …?«

»Weil diese unsterblichen Quallen, wenn sie unter Stress geraten, sich in einen unreifen Zustand zurückverwandeln und dann zu einem neuen, ausgewachsenen Organismus werden – der Zustand der Qualle ändert sich, aber nicht die Essenz ihres Seins.«

»So wie du mehrere Identitäten hast, um deine wahre Identität zu verbergen, und das seit fast viertausend Jahren?«

Die Aussage war aus einem einfachen Grund nicht schockierend: Es war die Wahrheit; meine Wahrheit. »Genau«, sagte ich nüchtern. »Wie die Quallen sterbe ich nicht und genau wie sie muss ich meinen Zustand ändern. Mein gegenwärtiges Alter Ego hat mir mehr als ein halbes Jahrhundert gute Dienste geleistet, aber ein angeblicher Akademiker nützt mir nichts mehr. Der gute Name des Professors taucht ein bisschen zu häufig in den wenig seriösen Kreisen des weltweiten Schwarzmarktes für Antiquitäten auf, als dass er noch nützlich oder diskret genug als Deckname wäre. Erst gestern hat ein möglicher Klient mich angerufen und gesagt, er habe von mir gehört, wegen des Jobs, den ich vor einem Jahr in Chirala erledigt habe.«

Mit seiner typisch entspannten Art ignorierte Hari das Wesentliche und wendete sich wieder dem Unwichtigen zu. Seine Augen funkelten, als ich das kleine Dorf in Andhra Pradesh erwähnte, in dem ich ein komplettes Set von Kupferplatten der Pallava-Dynastie aus dem fünften Jahrhundert gefunden hatte, versteckt in einer Gruft. Er hatte die Erbin verführt, die mich engagiert hatte, um sie zu bergen. Sowohl ihre Affäre als auch mein Projekt wurden geheimgehalten, und die Tatsache, dass jemand unsere Spur von damals verfolgt hatte, war Beleg genug für das, was ich versuchte, ihm klar zu machen.

»Wenn eine Identität nicht mehr gebraucht wird, dann ist es Zeit, Hari«, sagte ich nachdrücklich.

Hari seufzte, ein fast klagender Laut, atmete mühsam aus und redete mit all der Autorität auf mich ein, die nur der Mensch aufbringen konnte, den ich als meinen einzigen Freund betrachtete: »Aah. Und ich dachte, es ginge um ein existenzielles Problem. Wer bist du? Was tust du hier? Was ist der Sinn des Lebens? Aber ich sehe schon, du hast ein anderes Problem. Ein Quallen-Problem.«

Ich musterte ihn, nicht ohne Zuneigung. Jeder, der Hari in diesem Moment das erste Mal gesehen hätte, würde ihn zweifelsohne für einen leitenden Angestellten oder respektierten Geschäftsmann halten, der gerade dabei war, zu seinem morgendlichen Spaziergang aufzubrechen. Seine makellose weiße Kurta passte perfekt zur Farbe seiner gepflegten Haare und seines Bartes, und seine ovalen Fingernägel glänzten aufgrund der wöchentlichen Maniküre. Seine körperliche Erscheinung hingegen schien sein sonst so gepflegtes Aussehen zu verhöhnen. Obwohl er, wie er mir versicherte, strikte Diät hielt, war Haris stattlicher Bauchumfang seit dem Tag, als ich ihn das erste Mal traf, nicht geschrumpft. Zusammen mit seinen ebenso runden Wangen und dem freundlichen Gesicht verlieh ihm das eine onkelhafte Erscheinung, die gut zu dem passte, was er tat: In seiner Rolle als Bettelmönch Baba Shivdas war Hari ein avantgardistischer Lifestyle-Guru für die eher experimentellen Suchenden nach Spiritualität. Diese Beschäftigung hatte sich als lukrativ erwiesen, nichtsdestotrotz war Hari ein unprätentiöser, wenn nicht gar respektloser Mann geblieben, völlig zufrieden damit, seine Nachmittage in seinem fast wie ein Hotelzimmer wirkenden Apartment zu verbringen und ein marihuanagefülltes Chillum zu rauchen, während er die nie enden wollenden Streitigkeiten von Schwiegermüttern und Schwiegertöchtern im Kabelfernsehen verfolgte. Speziell letztere Angewohnheit verlieh ihm tiefe Einsichten in die menschliche Psyche – ein Talent, das er gekonnt nutzte.

Mir gegenüber hingegen war er stets geradeheraus. »Nutzen wird überbewertet, besonders der Nutzen der menschlichen Existenz.«

»Nutzen, mein Freund, ist nichts anderes als Karma – und Karma ist ein bisschen mehr als das Siebzigerjahre-Hippie-Synonym für Schicksal, mit dem deine Jünger so gern um sich werfen als Universalerklärung dafür, wieso alles so ist, wie es ist. Karma bedeutet, zu wissen, dass Vernunft und die Entscheidungen, die wir treffen, unsere Welt erklären, und nicht Schicksal. Wir ehren das Heilige durch unsere Taten, denn alle Taten sind Opfer. Und wenn eine vernünftige Person das einsieht, wenn sie mit den Folgen ihrer Entscheidungen leben muss, wird sie vielleicht ein wenig mehr über ihre Handlungen nachdenken.«

»So wie du es getan hast?«

Die Frage war nicht als Entgegnung oder Erkundigung gemeint. Hari kannte – wie vermutlich unzählige andere Menschen – die Legende über einen unbesiegten, gelehrten König, der aufgrund seiner besonders blutigen Missetaten im Großen Krieg von einem Gott dazu verdammt worden war, die Erde in rastloser Pein zu durchstreifen, bis zum apokalyptischen Ende der Welt. Hari wusste aber auch, was niemand der unzähligen anderen wusste – ein Geheimnis, das ich um jeden Preis verbarg –, nämlich dass nur ein Teil der Geschichte stimmte: Die mystische Erzählung über einen Sterblichen, der in einen Menschen verwandelt wurde, der nicht sterben konnte. Der andere Teil der Geschichte, mein scheinbar endloses Leben sei Folge eines göttlichen Fluches – war ein Märchen.

Mein Zustand war aus etwas viel Schlimmerem geboren, aus etwas, das meinen Lebenszweck, mein Karma, von dem Tag an bestimmt hatte, an dem ich unsterblich geworden war. Jede Person, die ich verkörpert hatte, jede Rolle, in die ich geschlüpft war, hatte darauf abgezielt, diesen Zweck zu erfüllen – eine Tatsache, die Hari nicht ganz zu verstehen schien. Er dachte, ich suche nach einem Ausgleich, um meinen Namen reinzuwaschen und meine Ehre wiederherzustellen. Wie so vieles, was man über mich erzählte, war das nur zum Teil wahr.

Es gibt schwerere, dunklere Lasten zu tragen als nur die Unsterblichkeit.

Das war etwas, wovon weder die auf Mythen versessenen Massen noch Hari die leiseste Ahnung hatten. Und ich wollte dafür sorgen, dass es so blieb.

»Ja«, beantwortete ich endlich die noch immer im Raum stehende Frage. »Wenn Professor Bharadvaj mir nicht helfen kann, das, wonach ich suche, zu finden, ist es an der Zeit, jemand zu werden, der das hinkriegt. Vielleicht hab ich sogar schon zu lange gewartet.«

»Aah, ja. Regel Nummer eins, stimmt's?« Hari blieb flapsig. Das war seine Art, mich dazu zu bringen, mehr zu verraten.

Ich biss nicht an. Stattdessen holte ich ein Päckchen Zigaretten raus, zündete mir eine an und warf dann Hari das Päckchen zu. Er fing es mit einem wissenden Lächeln, zog eine Zigarette raus und zündete sie an. Dann lehnte er sich zurück, nahm einen tiefen Zug und sagte: »Weißt du was? Ich glaube, du bist gern Professor Bharadvaj. Ich glaube, das gibt dir Hoffnung. Eines Tages kauft der Professor vielleicht ein Haus, innen überall seidenmatte Wandfarbe, mit einem tollen Kreditrückzahlplan. Eines Tages verliebt er sich vielleicht, heiratet, hat Kinder … deinen Erzählungen nach scheint dieser Professor für dich einem normalen Leben am nächsten zu kommen, Asva. Du musst ihn doch nicht aufgeben, oder?«

Ich lachte und wischte den Vorschlag vom Tisch. »Hoffnung? Ich habe mich von der Sicherheit des Todes verabschiedet. Wenn du mir hier und jetzt eine Kugel durch den Kopf schießen würdest, was würde dann aus mir werden? Meinen Körper kann man anscheinend durch nichts töten, aber was ist mit meinem Geist? Was, wenn ich nur noch ein Gemüse wäre, eine Stimme, die für alle Ewigkeit in meinem Kopf gefangen ist? Ich musste meinen Frieden machen mit dieser Möglichkeit, Hari. Hoffnung hat für mich wenig Folgen. Für einen Mann wie mich sind Hoffnung, Leben, Normalität … nichts weiter als Illusionen.«

»Und was ist mit all den Klienten da draußen, die den Professor brauchen? Was ist mit der Lady aus Chirala und ihrem Geheimnis?«

»Die werden ohne mich auskommen müssen. Ich bin nicht der einzige Historiker auf dem Planeten. Tatsächlich«, fügte ich mit einem spöttischen Grinsen hinzu, »bin ich gar kein Historiker.« Ich stand auf und streckte den Arm aus, um den Zigarettenstummel in den Aschenbecher neben Hari fallen zu lassen. »Ich weiß nicht mal, warum wir diese Unterhaltung überhaupt führen. Ich habe mich bereits entschieden.« Ich hielt einen weißen Umschlag hoch, den ich auf den an der Wand montierten LED-Fernseher stellte.

»Wenn das so ist, dann war dieses ganze Gespräch reine Zeitverschwendung.« Hari musterte mich schweigend und versuchte, sich mit dem Gedanken an das, was ich vorhatte, anzufreunden. Sein trauriges Lächeln war so etwas wie ein stilles Lebewohl. »Reich mir mein Chillum, wenn du rausgehst, ja? Es liegt auf dem Regal hinter dir.«

Ich tat es, nickte ihm zu, drehte mich um und ging.

Ich verließ den verrauchten Raum und trat in den Korridor, der genauso vernebelt war wie das Zimmer. Aus der nahe gelegenen Halle strömten Menschen in den Gang, anscheinend die Überreste der Party von letzter Nacht. Ein bunter Mix verschiedener Nationalitäten beiderlei Geschlechts, vereint auf der Suche nach Moksha – Erlösung – mithilfe eines Chillums, oder auch zwei, und Wodka mit einem Schuss LSD. So lief das in Kashi – offiziell Varansi genannt. Während seiner langen Geschichte als ältester bewohnter Stadt Indiens, vielleicht sogar der ganzen Welt, hatte es die Neigung, allem einen Anschein des Heiligen zu verleihen, des Profanen, des Verabscheuungswürdigen, selbst des Angsteinflößenden. Der Tod gehörte hier einfach dazu und wurde in all seiner Herrlichkeit zur Schau gestellt, genauso wie die menschliche Suche nach Erlösung, die durch die Geburt des Menschen zwingend notwendig wurde. Hier hatte ich meine Reise als Professor Bharadvaj begonnen, und jetzt, nach fast einem halben Jahrhundert des Daseins (nach moderner Zeitrechnung im Alter von 47 Jahren), sollte diese Reise hier zu Ende gehen.

Ich bahnte mir meinen Weg durch die nie stillstehende Masse an Lebenden und Toten, die die Stadt füllten, und genoss das ziellose Herumwandern. Als ich schließlich meine Schritte auf mein letztliches Ziel lenkte – eine von Kashis zahlreichen, stets von Feuern bedeckten Treppen, die zum heiligen Fluss führten, die sogenannten Ghats – war es später Nachmittag. Bald kam der helle Schein der vielen Feuer in Sicht, in denen Leichen verbrannt wurden, und dahinter das schlammige, blaugrüne Wasser des Ganges. Meine Schritte beschleunigten sich.

Ein hagerer, erschöpft aussehender Priester in zerlumptem Dhoti und einem mottenzerfressenen Handtuch, das als Oberbekleidung diente, trat an mich in der Nähe der drei Meter hohen Holzstapel heran, die den Zugang zur Manikarnika Ghat einrahmten. Er bot mir für eine erbärmliche Summe an, die so wichtigen Riten der letzten Reise für sieben Generationen meiner Vorfahren durchzuführen. Ich lehnte ab und gab ihm 100 Rupien. Er nahm das Geld, ohne zu protestieren, und schlich davon. Ich machte eine geistige Notiz, diesen Priester morgen aufzusuchen, wenn ich als namenloser Landsmann wiederkommen und ihn um die letzten Riten für Professor Bharadvaj bitten würde.

Süßlicher Verwesungsgeruch senkte sich auf mich wie ein Leichentuch nieder. Kadaver warteten in ordentlichen Reihen auf ihre letzten Riten, manche allein, andere umgeben von trauernden Angehörigen, von Hitze, dem beißenden Rauch und dem Geruch nach verbranntem Fleisch. Beim Manikarnika Ghat allein fand ein Drittel der etwa 300 oder mehr Einäscherungen statt, die in Kashi jeden Tag durchgeführt wurden.

Ich ging die stets nassen Stufen bis zum Rand des Flusses hinab. Nachdem ich Hemd und Schuhe ausgezogen hatte, gab ich sie einem Bettler in der Nähe. Er huschte sofort davon, damit ich meine Meinung nicht ändern und die Sachen zurückfordern konnte. Belustigt wendete ich mich dem Fluss zu. Ich fühlte mich erleichtert, als hätte ich nicht nur meine Kleidung, sondern raue, schorfige Haut abgelegt. Eine leichte Brise kam auf. Ein paar Meter entfernt stürzte sich ein Rudel hungriger Hunde am Flussufer auf einen zum Teil verbrannten Leichnam, der in grüne und orangefarbene Bananenblätter und verwelkte Girlanden aus Ringelblumen gehüllt war, während die Familie des Toten entsetzt zusah. Ich spielte mit dem Gedanken, einzugreifen, die potenziellen Leichenfledderer zu verscheuchen, entschied mich jedoch, beide Spezies in Ruhe zu lassen. Es war ihr Karma. Meines war es, weiterzusuchen, bis ich fand, wonach ich verlangte.

Der Ganges, so heißt es, wäscht alle Sünden weg. Ich würde ihm meinen Hotelzimmerschlüssel anvertrauen, meinen Geldbeutel und meine Ausweise, mein Handy und selbst die heilige Kette, die ich trug. Ich würde Professor Bharadvaj ohne jede Spur verschwinden lassen, ihn in den reinen Geist und stinkenden Abfall versinken lassen, aus dem der Fluss bestand, würde nichts zurücklassen, das für irgendjemanden eine Bedeutung hatte. Und dann würde ich von vorn anfangen.

Das Wasser umspülte meine Zehen, lud mich liebevoll ein. Eine einzelne Ringelblume kitzelte spielerisch meine Knöchel. Ich nahm die charakteristische Nickelbrille des Professors ab und warf sie ins Wasser, holte dann tief Luft und brachte Körper und Geist in meditativen Einklang, bis das pulsierende Leben um mich herum zu einem Nichts verschwamm, in dem ich verschwinden konnte – dann wurde mir bewusst, dass ein in der Nähe stehender, mit Asche beschmierter Asket, der im Gebet über einen brennenden Leichnam gebeugt war, mich böse anstarrte. Ich begegnete seinem Zorn mit kaltem Trotz. Er zuckte die Achseln und richtete den Blick zum Himmel. Mir wurde klar, dass er mich auf das laute Klirren aufmerksam machen wollte, das unbestreitbar aus meiner Hosentasche kam. Mein Handy, das stets auf Vibration gestellt war, hämmerte gegen meinen metallenen Hotelzimmerschlüssel.

Ich versuchte, mich von der ironischen Unterbrechung nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, trotzdem fluchte ich lautlos, als ich nach der Störquelle in meiner Hose griff. Sechs verpasste Anrufe seit heute Morgen. Ich ging nur wegen meines schlechten Gewissens ran. »Ja?«

»Boss, hier ist Manohar.«

Manohar. Der Assistent von Professor Bharadvaj. Mein Assistent zugegebenermaßen. Ich hatte ihm nicht Lebewohl gesagt und hatte es auch nicht vor, doch in diesem Moment verspürte ich den Drang, etwas zu sagen, an das er sich später als selbstlose Endgültigkeit, wenn nicht gar Wohlwollen erinnern könnte.

Aber Manohar sprach zuerst. »Ich habe versucht, Sie seit heute Morgen zu erreichen. Wegen des Klienten, der Sie gestern kontaktiert hat. Der Backgroundcheck hat nichts zutage gefördert. Sie ist selbst Historikerin, spezialisiert auf antike Sprachen und vergleichende Linguistik, hat den Abschluss einer ausländischen Universität mit allem, was dazugehört. Ein paar anonyme Investoren unterstützen sie. Das Geld ist größtenteils auf sicheren Offshore-Konten – nichts Neues in unserem Geschäft. Aber …«

»Vergessen Sie es, Manohar.«

»Aber, Boss …«

»Lassen Sie's sein«, sagte ich. Genau, was ich selbst im Übrigen vorhatte.

»Professor, das geht nicht. Sie müssen die Klientin treffen. Ich glaube, dass sie … das heißt … Sie wissen schon, sie …«

Es war weniger die dramatische Wirkung oder die Ironie dessen, was er als Nächstes sagte. Es lag eher daran, dass es ein unglaublicher Zufall war, angesichts dessen, was ich eben vorgehabt hatte. Ich wusste, dass Manohar nicht an Zufälle glaubte; genauso wenig wie ich.

Eine kurze Windstille trat ein, als die abendliche Brise erst schwächer wurde und dann ganz abflaute. Es war absolut still. Dann wellte sich das Wasser und ein kühler Wind kam auf, weniger sanft als die vorhergehende Brise, aber auch weniger unbeständig. Um mich herum begannen die unzähligen Tempelglocken zu läuten, als mein geliebtes Kashi in der Abenddämmerung zum Leben erwachte. Menschenmassen sammelten sich weiter den Flusslauf hinab am Dashashwamedh Ghat. Bald wäre der Fluss von kleinen Kerzen und Öllampen bedeckt und schallende Gesänge würden die Luft erfüllen, die das berühmte Ganga-aarti einläuteten. Manohar wartete ruhig und geduldig am Telefon.

Ich wendete mich vom Wasser ab und versuchte, die sich aufbauende Spannung zu unterdrücken. Ein Teil von mir wünschte, dass ich meine Schuhe und das Hemd nicht weggegeben hätte. »Okay. Verabrede ein Treffen. Ich werde in ein paar Tagen in Delhi sein.«

»Wird erledigt.« Manohars Stimme klang nach meiner Antwort merklich fröhlicher. »Soll ich Sie vom Bahnhof abholen?«

»Nein. Ich komme selbst. Sagen Sie mir einfach, wann das Meeting stattfindet.«

»Gut. Dann Chalo …«

»Hmm.« Ich legte auf und schüttelte den Kopf wegen der kruden Mischung von Sprachen, aus der »Hinglisch« bestand. Wie es bei vielen anderen Dingen der Fall war, an die ich mich angepasst hatte, benutzte ich es gelegentlich, aber es fiel mir nicht leicht. Egal unter welchem Namen und welcher Identität ich bekannt war, anscheinend gab es einen Teil von mir, den ich nie abschütteln konnte. Ich würde immer ein Anachronismus sein, ein Mann aus einer fernen Zeit, der in die heutige Welt geworfen worden war. Vielleicht klammerte ich mich an solch unwichtige Irritationen im Bemühen, so zu wirken, als würde ich an nichts hängen und so die Möglichkeit abzuwehren, dass ich, wie Hari betont hatte, letztlich doch gern Professor Bharadvaj war. Vielleicht gefiel es mir so sehr, dass ich darüber vergessen wollte, wer ich wirklich war. Aber das konnte ich nicht. Viertausend Jahre der ergebnislosen Suche, und dennoch gab ich nicht auf. Karma. Wir ehren das Heilige durch unsere Taten, denn alle Taten sind Opfer.

Ich hielt diesen Gedanken einen Moment fest, sprang in den Fluss, tauchte kurz unter, sprach ein Gebet und behielt dabei meinen Geldbeutel, die Schlüssel und das Handy im Auge, die ich auf einer Stufe in der Nähe abgelegt hatte. Dann lief ich ohne Hemd und Schuhe, die Hosen nass an meinen Beinen klebend, wieder zurück zum Hotel.

Kapitel 2

Erinnerungen stiegen unaufhaltsam in mir hoch, als der Zug in den Bahnhof von Neu-Delhi einfuhr. Aber ich war kein Mann, der sich von der Vergangenheit leiten ließ, besonders nicht von einer Vergangenheit, die unwiderruflich meine Gegenwart festgelegt hatte. Die Legenden hatten überlebt, in Gutenachtgeschichten und Fernsehserien, in religiösem Diskurs und manchmal auch an den Rändern der Geschichtsschreibung. An die Männer und Frauen, die in meiner Zeit geherrscht hatten, erinnerte man sich nicht nur, einige davon wurden gar als göttlich angesehen. Meine eigenen Erinnerungen konnten sich damit nie messen. Es war tatsächlich mühsam, an ihnen festzuhalten, angesichts solch überwältigenden und größtenteils ernsthaften Glaubens.

Hätte ich auf der Seite der Gewinner gestanden, wäre meine Geschichte zweifellos anders weitererzählt worden und viele Eltern hätten, all diese Jahrtausende später, ihre Kinder nach mir benannt. Dieselbe Stadt, in der ich mich aufhielt, war einst Indraprastha genannt worden, Herz eines riesigen und wohlhabenden Reiches. Als das Reich von einem anderen besiegt worden war und der frühere Herrscher ins Exil ging, hatte der Eroberer es nicht gewagt, die Stadt für sich zu beanspruchen. Stattdessen wurde ich als Regent eingesetzt, denn ich allein verfügte über die Fähigkeiten und die Stärke, die Stadt zu verteidigen, hätten der verbannte Herrscher und seine mächtigen Verbündeten jemals versucht, sie mit Gewalt wieder einzunehmen.

Ein solcher Krieger war ich einst gewesen: Asvatthama, der Unbesiegbare.

Und nun?

Mein Lehrer, mein Vater, war immer noch hoch angesehen, man hatte ihm sogar ein Denkmal gesetzt mit einem spuckebefleckten, in den Boden eingelassenen Schild einer U-Bahnstation irgendwo zwischen Delhi und Gurgaon. Ich hingegen war die Spucke auf dem Schild, der Fleck auf dem Ansehen meines edlen Vaters. Ich hatte es nie geschafft, ihn zufriedenzustellen, solange er lebte. Mein Tod hätte sicherstellen können, dass ich den Ruhm, den ich als Gelehrter und Anführer erworben hatte, nicht verlor, aber auch das hätte seine Meinung von mir kaum verbessert. Das Leben, das ich seitdem geführt hatte, hätte höchstens zu meinem schlechten Ruf beigetragen. Damals wie heute war ich ein Mann, der auf gefährliche Weise fehl am Platze war, immer und überall, ein zielloser Wanderer, selbst in der Stadt, die ich mein Zuhause nannte.

Zwei Männer gesellten sich an meine Seite, als ich aus dem Bahnhof trat, und hielten mich irrtümlich für einen Touristen – ein Taxifahrer, der die besten Preise nannte, wenn man in Delhi auf Besichtigungstour gehen wollte, und ein Zuhälter, der mir Frauen, Jungen, Drogen und Schnaps sowie sämtliche Variationen davon anbot. Ich blieb stehen und drehte mich um. Es war nur ein kurzer Blick nötig, um die beiden dazu zu bewegen, schleunigst das Weite zu suchen. Ihre Augen verrieten die Angst, die ihr Geist nicht fassen konnte. Niemand sonst hatte etwas bemerkt und der Strom der Menschen brach sich an mir wie Wasser an einem Felsen und bewegte sich weiter.

Ich tauchte in die beklemmende, lärmende Menge ein und setzte meinen Weg die einfallslos benannte Main Bazaar Road entlang fort, bevor ich in eine der Gassen abbog, die zu einem berüchtigt glamourösen Teil von Paharganj führte – dem Rotlichtviertel. Die Straßen waren hier schmaler und die Gebäude so dicht gedrängt, dass sie nur wenig Tageslicht durchließen, selbst an einem so sonnigen Nachmittag. Unbeleuchtete Glühbirnen hingen vor den Fassaden der meisten Häuser, ihr buntes Spektrum an verschiedensten Farben barg das Versprechen dessen, was einen darin erwarten mochte. Eine ganz andere Welt als diejenige, die nur drei Straßen entfernt lag, aber auch meilenweit von der schwülstigen, boudoir-roten Dekadenz, die von Bollywood verherrlicht wurde. Ein Hauch von Ganja lag in der Luft, der mich an Kashi erinnerte – wäre da nicht das irritierende Wummern des Bhangra-Techno gewesen, der aus einer der vielen Tanz-Bars drang, die Tag und Nacht geöffnet waren. Weitere Zuhälter liefen neben mir her, ratterten leise ihr Angebot herunter und ließen sich dann zurückfallen, als ich kein Interesse zeigte. Eine hübsche angetrunkene Frau rief mir etwas aus einem der baufälligen niedrigen Gebäude zu, die auf beiden Seiten der Gasse standen. Ich winkte ihr zu, aber ging weiter.

Vor mir lag eine Kreuzung, die das Ende des Rotlichtbezirks markierte. Polizisten, Gangster und Zuhälter mischten sich unter die Gäste eines Teeladens, der einen strategisch günstigen Ausblick auf die ganze Kreuzung bot. Jenseits der Kreuzung waren die Straßen belebter und besser beleuchtet. Ein junges Pärchen, Ausländer mit riesigen Rucksäcken, sahen mich fragend an, während sie versuchten, die Traube von Straßenkindern abzuschütteln, die in verschiedenen Sprachen auf sie einredeten und ihnen die besten und billigsten Hotels in Delhi versprachen. Ich ignorierte sie, genau wie den nervösen Yuppie, der fragte, ob er seinen Audi (oder was auch immer) sicher geparkt hatte, während er auf der Suche nach den dunkleren Vergnügungen der weiter innen liegenden Gassen umherstreifte. Früher oder später würden die Schlepper und Zuhälter beide Kategorien an Suchenden zu ihren jeweiligen Zielen führen.

Als der Verkehr an der Ampel zu einem abrupten Stopp kam, überquerte ich die Straße und ging auf eines der größeren Gebäude zu, laut Schild ein »Bürokomplex«. Autos belegten den freien Platz davor, aber das Gebäude selbst war verlassen. Mein Auto – jetzt im Grund das von Manohar, da er derjenige war, der es fuhr – war ebenfalls dort geparkt. Wie immer hatte er den alten Maruti Esteem gewaschen und auf Hochglanz poliert – eine erstaunliche Leistung in den staubigen Sommermonaten Delhis. Ich hätte jederzeit einem Motorrad den Vorzug gegeben. Ich liebte den Wind im Gesicht, das Gefühl, die Welt in verschwommener Bedeutungslosigkeit an mir vorbeiziehen zu lassen. Aber ein Auto hatte gewisse Vorzüge und ich benutzte meinen altmodischen Schlüssel zum Öffnen des Kofferraums und warf meinen Rucksack hinein. Dann betrat ich das Gebäude.

Im Aufzug erhaschte ich einen Blick auf mich selbst in dem glänzenden Stahl, der unter der abblätternden Farbe seiner Wände zum Vorschein kam – ich lächelte. In einen Spiegel zu sehen war vermutlich das Privateste, was ich mir erlaubte. Manchmal beruhigte mich, was ich sah. Braune Augen, die meistens unergründlich wirkten, im Zorn jedoch schnell ein goldenes Blitzen erkennen ließen, die Aura kühler Arroganz, die gut zu meiner gelackten, zurückhaltenden Art passte – das waren Dinge, die sich nicht verändern würden, nicht verändern konnten.

Davon abgesehen sah ich einen Fremden; einen ungewöhnlich großen Mann, mit grau melierten Haaren, kurz geschnitten und ordentlich gekämmt. Die randlose Brille hinterließ keine Abdrücke auf seinem Nasenrücken, was darauf hindeutete, dass der Titanrahmen teuer und der Träger entsprechend wohlhabend war. Das blaue Baumwollhemd war weder teuer noch neu, aber sauber gebügelt und in ein paar makellose maßgeschneiderte Hosen gesteckt, die vorgaben, bei jeder Aktivität knitterfrei zu bleiben, das Luxuslabel war unter einem einfachen Ledergürtel versteckt. Am rechten Arm trug er eine fast schon antike Armbanduhr aus Edelstahl der Marke HMT, das Alter war an den neueren, glänzenderen Gliedern des Armbandes ersichtlich, die in das originale Metallband eingefügt worden waren, um es für sein breites Handgelenk passend zu machen.

Ich blickte von meinem Spiegelbild weg, sah an mir selbst hinab und bemerkte, dass der Geschmack von Professor Bharadvaj sich gar nicht allzu sehr von meinem eigenen unterschied. Sofort verwarf ich diesen Gedanken als sinnlose und wenig hilfreiche Sentimentalität, mein Lächeln war ebenfalls wie weggewischt. Kein großer Verlust; ich war nie jemand gewesen, der viel Emotionen gezeigt hatte.

Im obersten Stockwerk verließ ich den Aufzug und trat in eine mit Teppichböden versehene, klimatisierte Welt, die im offensichtlichen Kontrast zum verfallenen Zustand des übrigen Gebäudes stand. Die Türen in diesem Stockwerk waren nummeriert, aber anderweitig ununterscheidbar. Eine Reihe an Unternehmern, die aus dem einen oder anderen Grund um Diskretion bemüht waren – aus sozialen oder rechtlichen Gründen –, hatten hier ihre Büros. Wer hier keine Geschäfte zu erledigen hatte, wagte sich nicht über das verdreckte Erdgeschoss hinaus – die anderen ertrugen den Uringestank, der rund um den Aufzug waberte, wohl wissend, dass sie eine teure Verschnaufpause an ihrem Ziel erwartete.

Ich ging bis zum Ende des Korridors, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Die Tür zu meinem Büro stand offen und das Licht brannte.

»Guten Morgen, Manohar«, grüßte ich den robust aussehenden Mann, der hinter einem hölzernen Schreibtisch in einer Ecke des Zimmers saß. Er war die einzige Person in dem großen, rechteckigen Raum, der von seiner Einrichtung her als Empfangsbereich und Wartezimmer dienen konnte.

Manohar blickte von seiner Zeitung auf und zeigte ein aufrichtiges, jungenhaftes Grinsen, das ihn jünger wirken ließ als seine 33 Jahre. »Hey, Boss! Wie war es in Kashi?«, fragte er, wobei er die Vokale in einem unbewussten, amerikanischen Akzent langzog, das Überbleibsel einiger Jahre Studiums in den USA. Bestimmt wäre er entsetzt und beschämt, wenn ihn jemand darauf hingewiesen hätte.

»Gut. Verraucht wie immer. Hari lässt Grüße ausrichten.« Ich wartete nicht auf eine Antwort und gab ihm auch keine Chance, das anzusprechen, was mich vom Rande meines glückseligen Verschwindens wieder zurückgebracht hatte. Ich ging in mein kleines weiter innen liegendes Büro und schloss die Tür hinter mir.

Genau wie im Raum davor stand auch in meinem Büro ein Schreibtisch aus dem dunklen Holz des Kautschukbaums und ein bequemer Bürostuhl. Der Laptop auf dem Schreibtisch war an, mehr, um einen bestimmten Eindruck zu erwecken, und weniger, weil ich ihn brauchte. Sowohl Manohar als auch ich verwendeten die Computer im Büro für wenig mehr als Kartenspiele oder um Nachrichten im Internet zu lesen, somit enthielten sie keinerlei Spuren und konnten leicht entsorgt werden. Die wirklich wichtigen Dinge – die Ergebnisse stundenlanger Recherche, Daten von Bankkonten, Reisepläne und Kontaktinformationen der Kunden – waren auf den iPads, die wir auf Manohars Empfehlung hin angeschafft hatten, und die man leicht mitnehmen oder zerstören konnte.

Ich notierte mir die Uhrzeit – es war kurz vor vier Uhr nachmittags –, als der Gebetsruf der nahe gelegenen Moschee ertönte. Ich setzte mich an den Schreibtisch und begann eine Runde Solitär.

Das Klopfen an der äußeren Eingangstür war pünktlich auf die Minute. Ich hörte das undeutliche Anschwellen und Verebben einer höflichen Unterhaltung, als Manohar unsere mögliche Klientin hereinließ, dann die verräterische Stille, während sie vermutlich die Einrichtung musterte – oder deren Fehlen. Was das anging, so fehlte es an jeglichen Utensilien, die man mit einem Akademiker in Verbindung brachte, so exzentrisch er auch sein mochte. Keine Diplome an den Wänden, keine stolz zur Schau gestellten Texte oder Zeitungsartikel, keine unordentlichen Haufen von Seminararbeiten, die darauf warteten, benotet zu werden; nur kahle Leere, die eindeutig darauf hinwies, dass ich nirgends Vorlesungen hielt, nichts publizierte und mich auch mit niemandem traf.

Ein zweites Klopfen, diesmal an meiner Tür, dann öffnete sie sich.

Ich stand auf, während Manohar eine Frau hereinführte, die ich auf etwa 35 schätzte. Dunkelbraunes Haar mit hellen Strähnen, das gut zu ihrer blassen Haut passte, die auf teilweise europäische Vorfahren hindeutete. Sie war nicht sehr groß, aber athletisch gebaut – das Ergebnis harten Trainings, nahm ich an, als ich die definierten Muskeln ihrer Unterschenkel unter dem Saum des förmlich aussehenden Rocks bemerkte. Sie trug einen dazu passenden Blazer über einer einfachen weißen Bluse, der elegante Manschettenknöpfe eine persönliche Note verliehen. Ihr Make-up bestand, soweit ich das beurteilen konnte, aus kaum mehr als einer Spur braunen Lippenstifts, dessen sparsame Verwendung auf Selbstvertrauen und nicht Gleichgültigkeit hinwies, denn er war gleichmäßig aufgetragen und mit gekonntem Schwung umrahmt worden. Sie wirkte attraktiv, für mich noch mehr aufgrund der Abenteuer, die möglicherweise bevorstanden. Manohar warf mir schweigend einen Blick zu, als wollte er verdeutlichen: Hab ich's nicht gesagt?

»Professor Bharadvaj.« Sie kam auf mich zu und schüttelte fest meine Hand. Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: »Da ich gehört habe, dass Sie ein Mann weniger Worte sind, komme ich gleich zum Punkt.«

Ich brachte ein höfliches Zucken der Mundwinkel zustande und zeigte in Richtung eines der Stühle, die dem Schreibtisch zugewandt waren. Sie setzte sich kommentarlos und strich dabei ihren Rock glatt. Manohar nahm seine übliche Position ein und lehnte sich lässig gegen die Wand, so als hätte seine Gegenwart nichts weiter zu bedeuten. Er wollte nicht die kleinste Bewegung verpassen, die unsere Besucherin machte.

»Mein Name ist Maya Jervois«, begann sie. »Ich bin hier im Auftrag einiger Sammler, die lieber ungenannt bleiben wollen. Wir hoffen, Professor, dass Sie uns helfen können, ein bestimmtes historisches Artefakt zu finden, das ich schon früher Mister Manohar gegenüber erwähnt habe …«

Diese klischeebeladene Vorstellung klang verdächtig. Wenn Manohar recht hatte, dann war sie mehr als ein schlecht informierter Zwischenhändler. Ich beschloss, ihr ein wenig auf den Zahn zu fühlen, um es herauszufinden. »Lassen Sie mich eines vorab klarstellen, Miss Jervois. Erstens, ich bin sehr teuer. Zweitens mag ich es nicht, ohne guten Grund im Dreck herumzuwühlen. Ich bin kein Indiana-Jones-Verschnitt, der Gräber plündert und mit der Peitsche schnalzt. Wenn Sie nach jemandem suchen, der in Kakihosen durch den Dreck krabbelt, dann sind Sie im falschen Büro.«

Manohar kommentierte meine herablassende Art mit einem Kichern und das war keine bloße Effekthascherei. Wir hatten es schon mit zu vielen neureichen Sammlern und deren Untergebenen zu tun gehabt, als uns große Sorgen um unsere Fähigkeiten im Kundendienst zu machen. Unberechenbare Finanzmärkte hatten manche über Nacht zu Milliardären gemacht und andere in die Pleite geführt. Ich hatte es so satt, darum gebeten zu werden, mit jahrhundertealten Statuen und Schnitzereien zu handeln, die hinterher zum halben Preis wie gebrauchte Haushaltsartikel auf dem Flohmarkt verkauft wurden.

Maya Jervois behielt mich im Auge, als sie ihre Handtasche öffnete, einen Scheck herausholte und ihn auf den Tisch legte. Wortlos lehnte sie sich im Stuhl zurück.

Ich nahm den Scheck, inspizierte die Vorder- und Rückseite und legte ihn wieder auf den Tisch. »Okay, Ihre Klienten sind also stinkreich. Das beeindruckt mich nicht sehr, Miss Jervois.«

»Maya, bitte nennen Sie mich Maya. Und ich glaube, Sie sollten sich meinen Vorschlag durch den Kopf gehen lassen, Professor. Sie haben sicher von Nagarjuna gehört – dem legendären Alchemisten, der angeblich den Schlüssel zur Transmutation gefunden hat – den er Vajra nannte, auch wenn der gebräuchlichere Ausdruck wohl Stein der Weisen sein dürfte …«

Enttäuschung machte sich in mir breit, die sich sofort in Zorn verwandelte. Ich mühte mich, eine antrainierte Gleichgültigkeit zur Schau zu tragen, was mir aber nur teilweise gelang. Unwillkürlich versteifte ich mich und runzelte die Stirn, was deutlich sichtbar war. Die melodramatische Situation, zusammen mit dem Höhepunkt, der eher ein Tiefpunkt war, war so lachhaft wie ärgerlich. Offenbar hatten Manohars persönliche Gefühle die Oberhand über seinen geschäftlichen Instinkt gewonnen. Wäre ich nicht der gewesen, der ich nun mal war, hätte er Maya Jervois zur Tür hinaus gelacht, sobald sie den Mund aufgemacht hätte, so wie das jeder anständige Historiker der Welt täte. Stattdessen hatte er den Vorschlag gemacht, dass wir uns mit ihr treffen. Und ich war einverstanden gewesen, denn er hatte die einzigen Worte gesagt, die mich von meiner Verabredung mit dem Fluss in Kashi abhalten konnten.

»Sie weiß es.«

Das hatte er wohl aus ihrem lächerlichen Angebot geschlossen, aber so angeekelt, wie ich von der unerwarteten Wendung der Ereignisse war, vermied ich es, ihn zur Bestätigung anzusehen. Ich reduzierte meinen Zorn zu einer gewissen Abfälligkeit und sagte: »Ich bin Historiker, Miss Jervois. Die Harry-Potter-Abteilung ist ein wenig weiter den Flur entlang.«

»Ich bin sicher, dass ich an der richtigen Stelle bin, Professor. Ich muss Ihnen wohl kaum die Wichtigkeit von wiederkehrenden Symbolen und Mythen in verschiedenen Kulturen erklären. Die Suche nach einer einzigen, einmaligen Quelle der Transmutation, nach der Unsterblichkeit, ist in den vedischen Schriften gut belegt.«

Ich widerstand dem Drang, mit den Augen zu rollen. Wenige Neigungen waren so beständig und sinnlos wie die Suche nach dem ewigen Leben, eine Tatsache, die ich aus eigener Erfahrung kannte. Für sich allein betrachtet war das Konzept nicht so abwegig. Alle Dinge veränderten sich. Flüssigkeiten verdampften; Gase wurden eingelagert. Eisen rostete und Zellen verwesten. Samen trieben aus und wurden zu Bäumen, und eine Ansammlung von Fleisch und Blut konnte sich zu einem Fötus entwickeln und als eine lebende Kreatur geboren werden, die aus vielen Zellen bestand. Aber alles hatte seine Grenzen, denn Grenzen bewahrten die natürliche Ordnung. Unsterblichkeit war ein fundamentaler Angriff auf diese Ordnung.

Ich hatte nicht vor, Miss Maya Jervois darüber einen Vortrag zu halten, also sagte ich ohne größere Umschweife: »Unsterblichkeit … da müssen Sie ein Stockwerk tiefer, da gibt es so eine Tür, an der steht ›Vampire, Werwölfe und andere Dinge, die sich verdammt noch mal weigern zu sterben‹.«

»Bei allem gebotenen Respekt, Professor …«

»Bei allem gebotenen Respekt, Miss Jervois, es gibt keine wissenschaftliche Grundlage dafür, dass eine Substanz existieren könnte, die ein einfaches Metall in Gold verwandelt oder andere unterhaltsame Wunder vollbringt. Ergo, wie viele mythische Objekte existiert es nicht. Und was die Geschichten über derlei Elixiere in anderen Kulturen angeht – es ist eine anerkannte Tatsache, dass Nationen miteinander Handel treiben und kulturellen Austausch, und daher auch dieselben Erzählungen und Überlieferungen teilen, umso mehr, wenn Eroberungen und Annexionen zu sozialer Integration führen. Dabei den Glauben und ebenso die Überlieferungen des Aberglaubens aneinander anzupassen, ist ein wichtiger Faktor, um eine stabile Gesellschaft zu bilden, eine Methode, um die erobernde und die unterlegene Kultur miteinander zu verschmelzen. Ich vermute, diese spezielle Vorlesung haben Sie verpasst, wo auch immer Sie …«

»Oxford, Sir«, fiel sie mir ins Wort. »Und so vertraut mir auch all die Theorien über historische Integration sind – wenn der Kern der Überlieferung in verschiedenen Kulturen gleich ist, aber die darum entstandene Legende oder Geschichte recht unterschiedlich, deutet das auf eine gewisse Unabhängigkeit und Zuverlässigkeit …«

Ich zog wenig beeindruckt die Augenbraue hoch. »Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Schreiben Sie das auf und reichen Sie es bei der Historical Review oder dem Asian History Qarterly ein. Ich bin sicher, man wird Sie auf die eine oder andere Weise häufig zitieren.«

Man musste ihr zugutehalten, dass sie nicht beleidigt war. Aber es sah auch nicht aus, als würde sie aufgeben. »Professor …«

Ich stand auf. »Auf Wiedersehen, Miss Jervois.«

»Warten Sie …« Sie rutschte auf dem Stuhl nach vorn.

»Danke für Ihr Interesse an uns.«

»Der Vajra existiert, Professor. Er ist mehr als eine Legende.«

»Dann viel Glück beim Suchen.«

»Ich habe ihn bereits gefunden.«

Ich reagierte auf diese Aussage auf die einzig mögliche Weise. Ich lachte.

Kapitel 3

Das Leben hatte mich in seiner unendlichen Weisheit gelehrt, herzlich, aber nie zu lange zu lachen. Ich setzte mich und Maya Jervois' beleidigtes Schweigen füllte den Raum, während ich meine Gedanken sammelte.

Als Schüler war mir beigebracht worden, nie die Dualität aller Dinge zu ignorieren – denn darin lag oft die Lösung verwirrender Probleme. Weniger abstrakt formuliert bedeutete es, dass alle Dinge eine Grenze hatten; zu jeder Form gab es ein Gegenstück. Der Tod war die Grenze des Lebens; die beiden waren untrennbar verbunden. Die Wissenschaft sah das ebenso.

Alter und Verfall von Lebewesen waren dadurch bestimmt, dass Zellen nur eine bestimmte Zahl von Zellteilungen vollziehen konnten, bevor die Integrität ihrer Chromosomen in Mitleidenschaft gezogen wurde, eine Konstante, die als Hayflick-Grenze bezeichnet wurde. Embryonale Stammzellen – die Art Zellen, die keine festgelegte Funktion hatten, sondern über die Fähigkeit verfügten, sich zu bestimmten Formen von Gewebe zu entwickeln, etwa Muskeln oder Knochen – konnten sich jedoch theoretisch unendlich erneuern. Diese Möglichkeit erklärte die »Unsterblichkeit« mancher Amöben oder sogar die von Quallen, aber sie traf nicht auf irgendetwas zu, das höher auf der evolutionären Leiter stand. Und das mit gutem Grund. Kreaturen, die völlig aus derlei biologisch »unsterblichem« Material bestanden, konnten nicht mehr als Klumpen von Materie oder Tumoren sein, die nur zu einem in der Lage waren: konstantem und endlosen Wachstum. Mehrzellige Lebewesen – Menschen zum Beispiel – waren viel komplexer, und der Preis, den sie dafür bezahlten, war die unabwendbare Sterblichkeit. An dieser Stelle traf die Macht der Genetik auf einen Stolperstein.

Durch alle Zeitalter, in denen Physik, Biologie und Chemie noch keine Lösungen anbieten konnten, hatten sich selbst die größten wissenschaftlichen Geister der Alchemie zugewandt, inklusive eines der größten Denker der Wissenschaft, den wir kennen: Sir Isaac Newton. Als Newton 1727 starb, waren aus seinem Nachlass mehr als 300 Dokumente für »ungeeignet zur Veröffentlichung« erklärt worden. Diese wurden seiner Nichte Catherine überlassen, der Burggräfin von Lymington aus dem Grafenhaus von Portsmouth. Sie wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Die Portsmouth-Sammlung, wie sie dann genannt wurde, erblickte das Licht der Öffentlichkeit erst 1946, 200 Jahre später, und sorgte dafür, dass die Hölle losbrach. Mehr als ein Drittel der Sammlung, so stellte sich heraus, war dem Studium der Alchemie gewidmet und enthielt genauso viele Bezüge auf Drachen, Dreizacke und Löwen wie auf normale chemische Prozesse wie Destillation und Kalzinierung.

Die Portsmouth-Dokumente sorgten für ein Wiedererwachen des wissenschaftlichen Interesses an diesem Thema, und weil Newtons Beteiligung dem Ganzen eine gewisse Glaubwürdigkeit verlieh, wurde etwas offensichtlich, was Historiker lange vermutet hatten – dass die Alchemie eine sehr alte und etablierte Disziplin war, die sich vom mittelalterlichen Europa über das antike Griechenland und Arabien bis nach Indien zurückverfolgen ließ. Dennoch waren alle Versuche, die Ergebnisse anzuwenden, in Newtons Zeit und auch danach vergeblich gewesen.

Zu denselben Schlüssen war auch ich selbst gekommen, da ich mich freiwillig mit den kratzigen Perücken und den furchtbaren Gehröcken, die damals in Mode waren, ausstaffiert und eine Mitgliedschaft in der Royal Society in London erworben hatte. Dort freundete ich mich mit dem gefeierten Gelehrten an, um seine Arbeit aus der Nähe verfolgen zu können. Nachdem dieser Versuch keine Ergebnisse brachte, hatte ich recht skrupellos sein Dahinscheiden genutzt, um Catherine kennenzulernen – eine Frau, die ebenso wegen ihres Intellekts wie aufgrund ihres Aussehens unwiderstehlich war – und hatte damit Zugang zu den Portsmouth-Papieren bekommen. Es war nicht das erste Mal, dass ich meine politischen und sonstigen Fähigkeiten eingesetzt hatte, um nach Antworten zu suchen.

Es war ebenso wenig das letzte Mal gewesen, denn was ich in diesen Papieren fand, hatte mich enttäuscht zurückgelassen. Trotz all seiner Skizzen von Drachen und Pipetten hatte Newton nur wenig mehr getan als alle anderen vor ihm – er hatte darauf bestanden, dass Transmutation möglich sei, aber nichts in seinen Aufzeichnungen hatte irgendeinen Anhaltspunkt geliefert, wie man diese herbeiführen konnte. Was die Alchemie betraf, hatte selbst Isaac Newton die Menschheit kein bisschen weiser gemacht. Durch diese Überlegungen ernüchtert, wandte ich mich Manohar zu und sah ihn an.

Er ergriff die Gelegenheit, um die Stille zu unterbrechen. »Professor, kann ich Sie kurz unter vier Augen sprechen?« Er murmelte unserer Klientin ein paar höfliche Entschuldigungen zu und führte mich aus dem Zimmer in die relative Privatsphäre einer Ecke des äußeren Büros.

Bevor ich ihn für das, was er getan hatte, tadeln konnte, sagte er: »Es gibt hier zwei Möglichkeiten, Professor, und keine von beiden lässt sich leicht von der Hand weisen. Entweder ist sie mit dieser lächerlichen Geschichte zu Ihnen gekommen, weil sie mehr über Sie weiß, als sie wissen sollte, so schätze ich übrigens die Situation ein, oder …«

»Oder?«

»Oder sie sagt die Wahrheit.«

Für diese Aussage und alles, was davor geschehen war, hatte er es nicht anders verdient: »Sie haben wohl völlig den Verstand verloren, Manohar! Wie können Sie sie ernstnehmen? Sie haben Ihre und meine Zeit verschwendet.«

»Aber …«

»So etwas wie einen Stein der Weisen gibt es nicht. Er existiert nicht. Sagen Sie mir nicht, Sie sind dumm genug, das zu glauben …«

»Boss …«

»Und wenn sie so dämlich ist, sich keine überzeugendere Geschichte einfallen zu lassen, um anderweitige Motive zu verbergen, dann kann es mir völlig egal sein, was sie über mich weiß oder vermutet. Darüber muss ich mir wohl kaum Sorgen machen!«

Man musste es Manohar lassen, er stand seinen Mann. »Sind Sie sicher, Boss? Ich meine, über diesen Vajra? Sind Sie absolut sicher? Ich meine … wir wissen, was wir wissen …«

Manohar hatte es nie leiden können, unser Geheimnis laut auszusprechen. Ich hatte das immer für ihn tun müssen. Dieses Mal jedoch war ich verwundert, dass ich es überhaupt tun musste. Ich wurde unruhig, überlegte gar, ob ich nicht einfach abwinken und aus dem Büro stürmen sollte, verwarf die Idee jedoch wieder. Manohar war ein intelligenter Mann und betrachtete mich als seinen Mentor. Trotz meines unausgeführten Planes, zu verschwinden, ohne ihm etwas zu sagen (vielleicht auch gerade deswegen), hatte ich das Gefühl, ihm einige Antworten zu schulden, selbst wenn das bedeutete, ihm mehr zu offenbaren, als ich eigentlich wollte.

Ich sagte: »Denken Sie denn, das ist das erste Mal, dass irgendein Historiker oder Chemiker oder irgendein dahergelaufener Hohlkopf behauptet, er hätte diesen legendären Stein gefunden? Haben nicht Hunderte anderer Menschen über die Jahrhunderte danach gesucht? Habe ich nicht danach gesucht? All die Jahre des Umherirrens, all die verschiedenen Personen, die ich verkörpert habe … haben Sie sich nie gefragt, wieso ich mein Leben so verbracht habe, statt mich einfach in den Himalaja zurückzuziehen? Ich habe jahrhundertelang die Welt bereist, mich in Kriege und Aufstände geworfen, bin dem Aufstieg und Fall ganzer Zivilisationen gefolgt … als Historiker können Sie sich bestimmt denken, wieso?«

Er nickte, etwas kleinlaut, weil er das nicht bedacht hatte.

»Fast jeder Größenwahnsinnige der Geschichte hat eine lange, wenn nicht unendliche Herrschaft angestrebt«, fuhr ich fort. »Diese Suche ist nichts Neues. Aber sie ist vergeblich. Jeder Versuch, den ich unternommen habe, um herauszufinden, was mich biologisch unsterblich gemacht hat; wie ich so geworden bin, war ein Fehlschlag … ich bin eine Anomalie, Manohar, ein statistischer Ausrutscher, wohingegen die alchemistische Unsterblichkeit Methode voraussetzt; sie erfordert Wissenschaft. Eines von beiden muss falsch sein.«

Manohar zwang sich zu einem zustimmenden Nicken, auch wenn er jedes Recht gehabt hätte, mich zu fragen, wieso ich weiter nach etwas gesucht hatte, von dem ich nicht glaubte, es jemals zu finden. Offensichtlich war er beschämt, an die Details erinnert zu werden, in die er eigentlich eingeweiht war.

»Also«, sagte er. »Damit bleibt nur die erste Möglichkeit. Jemand vermutet, dass Sie … nun, wie Sie oft gesagt haben, ein so großer Zufall kann gar kein Zufall sein. Aber … wer?«

Es gab nur einen Weg, das herauszufinden.

Ich drehte mich um, stürmte zurück in das innen gelegene Büro und verkündete hastig: »Dann zeigen Sie mal her, Miss Jervois.«

»Nein, Professor. Ich bin nicht so dumm, ihn mitgebracht zu haben, bevor ich nicht wusste, worauf ich mich einlasse. Ich habe ihn an einem öffentlichen Ort versteckt. Wir gehen da hin, trinken gepflegt etwas wie zivilisierte Menschen, und Sie hören sich die ganze Geschichte an. Und dann zeige ich Ihnen, was ich entdeckt habe.«